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Tausendmal Berührt [Teil I]

von ninarina
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf
14.06.2021
29.01.2022
20
134.433
109
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145 Reviews
Dieses Kapitel
13 Reviews
 
 
29.01.2022 9.982
 
Ihr Lieben. Ich bin nervös und freue mich, dieses Kapitel mit euch teilen zu können. Das Ende stand fest, seit ich angefangen habe, diese FF auszuschreiben. Halligalli-Ende/Nepal war nach Jamaika mein dritter grober Orientierungspunkt bzw. Eckpfeiler. Das eine ist der Abschluss, das andere der Anfang.

Teil I dieser sehr unerwarteten, ausgearteten Geschichte ist jetzt abgeschlossen. Ich bin selbst verblüfft, so weit gekommen zu sein. Über 130.000 Wörter, 20 Kapitel, fast 35.000 Aufrufe, 190 Favoriten, 126+ Reviews, 79 Empfehlungen. Das Ganze ist für mich schwer nachzuvollziehen, ich kann mich nur immer wieder bei allen bedanken, die mir so viel Zuspruch gegeben haben und so geduldig und aufbauend waren. Danke.

Teil II (beginnend mit Nepal) kommt bald, versprochen. Dann als seperate Geschichte, die ich hier nochmal verlinken werde. Lasst euch von diesem Kapitel und der musikalischen Begleitung nicht zu sehr das Herz brechen und sagt mir gerne, was ihr davon haltet.




Part 20: Crack And Break And Part Ways



And coming down

We've had problems that we've grown through

But I bet you dream of what you could do

(An Evening I Will Not Forget by Dermont Kennedy)



Circus Halligalli, Frühjahr 2017


Das letzte Mal passierte es nach dem Ende von Halligalli.

Sie wussten beide, dass es das letzte Mal sein würde; dass es das letzte Mal sein musste.

Sie hatten sich darauf geeinigt, wie sie es so oft taten. Stumm. Wortlos.

Sie hatten einen Tag, an dem es enden würde, und es befreite sie. Auf dem Weg durch ihre letzte Staffel befreiten sie sich von der Angst, nicht genug füreinander zu sein. Oder noch viel schlimmer, einander zu viel zu bedeuten.

Es hatte sie befreit, bis sie voreinander standen und sich der Wahrheit stellen mussten. Bis es wirklich der letzte Tag war und Joko sich an all die Male davor erinnerte. Bis das Gefühl der Trauer, welches er monatelang erfolgreich unterdrückt hatte, ihn einholte und ihn taumeln ließ.

Er dachte an den Abend in Klaas‘ Wohnung. Er erinnerte sich an sein Herz, dass in seiner Brust gestolpert hatte, als er dort an Klaas‘ Esstisch saß und zum ersten Mal laut aussprach, was sie beide schon lange gewusst hatten: Sie mussten Halligalli beenden. Sie waren so emotional gewesen, nicht verzweifelt und geladen, sondern eher melancholisch. Da hatte etwas Schweres auf Jokos Brust gedrückt, die ganze Zeit. Da war ein Schatten in Klaas‘ sonst so klaren Augen gewesen, als er ihn nach dem Gespräch, nach der endgültigen Entscheidung, hatte gehen lassen, nur um kurze Zeit später vor Jokos Tür zu stehen. Sie waren beide so leise gewesen an diesem Abend, hatten sich aneinander festgehalten wie zwei verwundete Tiere. Klaas hatte ihn mit Küssen übersät, hatte sich so viel Zeit gelassen, dass Joko wenige Momente, nachdem sein Schwanz in Klaas‘ Mund verschwunden war, mit nichts außer seinem Namen im Kopf gekommen war.

Die darauffolgenden Monate waren selbst für ihre Verhältnisse sehr intensiv gewesen. Die Trauer und Schwere, die über allem schwebte, laugte sie in den ersten Wochen emotional aus, brachte sie aber gleichzeitig noch näher zusammen und sorgte dafür, dass sich eine endgültige Emotionalität in ihren Sex mischte, den sie – vor allem Klaas – zuvor bewusst versucht hatten zu vermeiden. Sie hatten die Nähe, die Intimität miteinander mehr gebraucht als je zuvor, um den Kopf irgendwie über Wasser halten zu können und hatten schlussendlich die Leichtigkeit auf ihrem Weg durch die letzte Staffel wiedergefunden. Es war wie ein Leben aus einer anderen Welt gewesen. Ein Leben, in dem Joko alles haben konnte, was er sich wünschte, und sei es nur auf Zeit.

Die Leichtigkeit von MTV Home gepaart mit der Sanftheit, die er nun in Klaas‘ Augen fand, wenn dieser ihn anlächelte, hatte Joko mit einem fast surreal starken Gefühl des Glückes überschwemmt, sodass sie sich ein letztes, ein allerletztes Mal, komplett ineinander verloren hatten. Sie hatten miteinander gearbeitet, miteinander gegessen, miteinander gelacht und diskutiert und miteinander geschlafen. Sie hatten jede Sekunde genutzt, um beieinander zu sein, waren befreit gewesen durch ihre Entscheidung, das Konzept der ewigen Rivalen aufzugeben, hatten sich mit Ideen, die eher Hirngespinste waren, für neue, gemeinsame Shows fast überschlagen und gekonnt ignoriert, was nach dem drohenden Tag X, der letzten Aufzeichnung von Halligalli, für Komplikationen auf sie warteten. Sie hatten verdrängt und genossen und verdrängt und noch mehr genossen.

Und nun war Joko hier, mit Klaas, und dachte an all die Male davor, weil ihm die Realität des Momentes zu heftig entgegenschlug.


x


But I still get to see your face, right?

And that's like nothing they can take, right?



Es passierte vor dem Dreh, der alles verändern würde.

Klaas ließ ihn. Er ließ Joko emotional sein, emotional und schwer und melancholisch, als er sich auf der Couch seiner Garderobe an ihn presste und die Augen schloss.

Klaas atmete regelmäßig, vielleicht ein wenig betont rhythmisch. Er war Joko eine unerlässliche Stütze gewesen, immer schon, aber vor allem, seit sie im Dezember die Entscheidung getroffen hatten, dass ihre nächste Halligalli-Staffel die letzte sein sollte. Bei jedem Gespräch war Klaas da gewesen, mit all seiner Direktheit und Beständigkeit, ohne die Joko nicht einen Satz herausgebracht hätte. Nicht, wenn Thomas Schmitt und Martiens ihnen unruhig und ein wenig fassungslos gegenübersaßen, nicht, wenn sie sich vor ihre Mitarbeiter stellen mussten, um zuzugeben, dass sich alles verändern würde.

Joko hatte der ganzen Sache den Startschuss gegeben, einem lauten, plötzlichen Knall nicht unähnlich, aber Klaas, der hatte die Energie dafür, ihn an die Hand zu nehmen und sie bis ins Ziel zu führen.

Klaas brach nicht ein, der zog ihn mit, schleifte ihn unbeirrt weiter, und nur deswegen bekamen sie es irgendwie hin.

Aber in Momenten wie dem heute, da konnte Klaas ihn lassen. Da gab es kein Mittel gegen Jokos Betrübtheit und fast schon paralysierende Angst, die ihm heftig auf den Magen schlug.

Denn heute würden sie damit an die Öffentlichkeit gehen. Und wenn man sich die firmeninterne Überraschung als Maßstab nahm, dann würde nicht nur die Branche von den Neuigkeiten komplett überrollt werden, sondern auch die Zuschauer.

Ihre Entscheidung mit der breiten Masse zu teilen, würde die Konsequenzen, die Joko irgendwo schwammig am Horizont erahnen konnte und die Klaas zweifelsohne schon detailliert im Kopf rumspukten, endgültig real machen. Sobald das Video online ging, war es vorbei mit ihrem kleinen, gehüteten Geheimnis. Joko graute es vor der medialen Aufmerksamkeit, vor den Interviewanfragen, vor den süffisanten Kommentaren, dass sich Joko & Klaas wohl endlich leid hatten.

Er strich Klaas über den Pulli und schluckte. Der sah wachsam auf ihn herab.

„Wir müssen uns langsam mal umziehen, Winti.“

Joko schüttelte den Kopf, presste seinen Kopf noch stärker an Klaas‘ Oberkörper.

„Fuck, ich hab‘ Schiss“, platzte es dann aus ihm heraus.

Klaas schwieg eine Sekunde zu lang. „Es wird alles gut gehen.“

„Was, wenn nicht?“, hielt Joko dagegen. „Was, wenn das ein Riesenfehler ist und wir in zwei Jahren…“

Nervös leckte er sich über die Lippen. Er wusste, was seine größte Angst war. Klaas würde weitermachen, der würde nicht in dasselbe Loch fallen wie Joko. Klaas war durch Disziplin und Talent in seinem Job gelandet, nicht durch Glück. Klaas wollte moderieren, mit oder ohne Joko, das hatte er immer gewollt. Joko wusste nicht, was er wollte. Er wusste nicht, ob er ohne Klaas jemals so präsent im Fernsehen geworden wäre. Er wusste nicht, ob er eine Show allein stemmen konnte, ob er dem Druck gewachsen war, ohne, dass es ihm über den Kopf wuchs.

Joko wusste nicht, ob er seinen Job auch ohne Klaas lieben würde.

Sie würden sich beruflich voneinander abnabeln und Joko hatte eine wahnsinnige Angst davor, dass Klaas ihn irgendwann nicht mehr brauchte.

„Joko“, unterbrach Klaas seine Gedanken, und Joko musste die Augen schließen, weil es ihn überwältigte, wie sehr die Ruhe in Klaas‘ Stimme zu seinem Anker geworden war. „Bleib mal hier jetzt.“

Er nickte, hielt die Augen zusammengepresst, weil er nicht weinen wollte. Er wollte zumindest versuchen, mit seinen Gedanken nicht zu weit davonzurennen. Er wollte hierbleiben, bei Klaas.

Es war nur so verdammt schwer, die ganzen Sorgen nicht Oberhand gewinnen zu lassen. Es war so verdammt schwer geworden, hinter jeder Ecke nicht die nächste Erinnerung daran zu erwarten, dass es bald vorbei war mit ihrer Show. Mit ihrem Wahnsinn. Mit ihnen.

„Sag mir, was ich tun kann.“

Joko hob reflexartig eine Augenbraue und ein ehrliches Lachen brach aus Klaas heraus, kräftig und plötzlich. „Denkst du eigentlich noch an etwas anderes als ans Vögeln?“

„Hast du etwa noch andere Stärken, von denen ich nichts weiß?“, triezte Joko ihn.

In Klaas‘ Augen blitzte der Schalk. „Du kannst froh sein, dass das Alter mich langsam milde stimmt.“

Übertrieben ächzend richtete er sich auf, kniete sich zwischen Jokos Oberschenkel und öffnete ihm ohne Weiteres seine Hose.

„Dafür schuldest du mir ‘nen Gefallen, Winterscheidt. Und glaub‘ ja nicht, dass ich den nicht irgendwann einfordere.“

In Jokos Brust pochte es verdächtig, als sich ein Grinsen auf seinem Gesicht ausbreitete. „Klar.“

Für einen kurzen, intensiven Moment betrachtete er Klaas‘ weiche Züge, die Wärme in seinen Augen, während der ihm über die Seiten strich. Still und unüberlegt. Wie selbstverständlich. Er sah in Klaas‘ Blick, was dieser ihm sagen wollte. Joko konnte seine Blicke immer lesen, wenn der sich ihm öffnete wie jetzt.

Alles wird gut.

Klaas konnte es nicht wissen. Vielleicht glaubte er es selbst nicht. Aber für Joko genügte es.

Es war genug, um zu bleiben. Hier, im Moment. Hier, in der Garderobe. Kurz bevor sie sich umziehen und einen Dreh machen würden, der ihre ganze Welt auf den Kopf stellte. Unwiderruflich.

Zart strich Klaas ihm mit dem Daumen über die Lippe. Da lag noch etwas anderes in seinem Blick, etwas, das seine Augen kurz schimmern ließ, bevor er sein Gesicht näher an Jokos brachte und ihn küsste. Auf die Nase, nicht auf den Mund.

Joko atmete aus und es war okay.

Alles war gut.


x


Pushing our luck, getting wiped out

Days with nothing but laughing loud



Es passierte, als sie sich die Goldene Kamera stahlen.

Der ganze Abend war voll adrenalingetriebener Nervosität gewesen, die sich in einem einzigen Moment entladen hatte. Joko hatte sich stundenlang an Klaas festgehalten, hatte sich förmlich an ihm festgekrallt, bis endlich die erlösende Nachricht kam.

Sie hatten es geschafft.

Der ganze Raum explodierte. Laute Schreie und Jubelrufe, Luftschlangen und fliegende Partyhüte, vergessene Kameras und mittendrin Joko und Klaas, die Schmitti um den Hals fielen. Joko, der kaum fassen konnte, was die letzten Wochen geschehen war, wie zur Hölle sie diesen Streich, der viel mehr geworden war als das, auf die Beine gestellt hatten. Joko, der so dankbar war für diese verrückte Firma und diese wunderbar kreativen Leute, die das Unmögliche möglich machten. All diese Leute, die zu seiner zweiten Familie geworden waren. Und Klaas war der Mittelpunkt von allem.

Klaas und er. Preisträger der Goldenen Kamera. Es war zu absurd.

Einem Impuls folgend, völlig in der Magie des Momentes gefangen, streckte Joko die Arme nach Klaas aus, um ihn an sich zu ziehen. Klaas passte sich der Bewegung automatisch an. Joko wollte ihn umarmen, wollte es wirklich, bis Klaas‘ Gesicht urplötzlich nah vor seinem schwebte und ein ganz anderer Drang ihn durchzuckte.

Fast wäre es passiert.

Ein wenig erschrocken von sich selbst bewegte Joko im letzten Moment den Kopf zur Seite und schloss Klaas in eine Umarmung. Dieser zögerte einen Herzschlag zu lang, bevor er die Umarmung erwiderte und Joko den Arm um den Nacken schlang. Joko wich seinem Blick aus, während sie sich wieder voneinander lösten, und Klaas wandte sich ab, als wäre nichts geschehen. Joko konnte noch so oft in den Halligalli-Teasern mit ihm flirten oder davon sprechen, dass er ihn küssen wollte, in diesem Moment ging ihm doch gehörig die Düse, weil es beinahe einfach so passiert wäre. Vor allen, vor der Kamera. Aus einer ehrlichen, puren Freude heraus. Mit Klaas‘ überraschten Gesichtsausdruck überdeutlich vor seinem inneren Auge.

Er versuchte es wegzuschieben, ließ sich vom Sekt und den anderen ablenken, die ihn mit ihrer Euphorie ansteckten und seine Sorgen vertrieben. Zumindest fast. Ein wenig nagten diese Gedanken dennoch an ihm, auch viel später noch, als er sich mit Klaas im Schlepptau durch die Büroräume begab, um die Lichter zu löschen, während die anderen bereits weiterzogen. Joko wuselte gerade durch ihr Büro, um seinen Autoschlüssel zu suchen – er hatte angeboten, Klaas mitzunehmen – als er ein Räuspern hinter sich vernahm und sich umdrehte.

Er kannte dieses Grinsen. Er kannte diese tiefe Selbstzufriedenheit, die bei Klaas nicht gespielt war, weil sie von innen kam. Klaas konnte Erfolge haben und sie genießen, ohne seinen Einfluss kleinzureden. Dafür hatte Joko ihn immer ein wenig beneidet, aber vermutlich war das einer der vielen Gründe, warum sie so mühelos ineinandergriffen. Klaas war von sich selbst und seinen Fähigkeiten überzeugt, Joko stellte sein Können dauerhaft in Frage.

Manchmal fragte er sich, ob er ohne Klaas‘ Eigenschaften, die ihn so perfekt komplettieren, wirklich ein Ganzes war, und nicht nur die Hälfte eines Konstruktes.

„Du hättest mich fast geküsst“, sagte Klaas wie aus dem Nichts. Jokos Augen schnellten erschrocken zu ihm, suchten nach Unbehagen oder Reservation in den blauen Augen, doch er fand nichts außer Belustigung mit einem Hauch der Provokation dahinter.

„Hätte ich nicht“, widersprach er reflexartig.

„Hättest du doch.“ Klaas schnalzte mit der Zunge.

„Hättest du mich gelassen?“

Die Antwort kam postwendend. „Nein.“

Joko verengte die Augen. Versuchte, die Situation besser einzuschätzen. Zog Klaas ihn nur auf oder legte er es darauf an?

„Nicht vor der halben Firma“, sagte Klaas da, und jetzt war Joko es, der sich ein Grinsen nicht mehr verkneifen konnte.

„Ja, was?“

Joko zuckte mit den Schultern und trat einen großen Schritt auf ihn zu. „Nichts. Hätte nur nicht gedacht, dass das jemals der einzige Grund für dich sein würde.“

Klaas kam ihm entgegen. Wie automatisiert trafen sie sich in der Mitte. „War es auch nicht“, murmelte er, die Augen ohne Scheu auf Jokos Mund fixiert.

„Was dann?“

Klaas‘ Lippen streiften seine hauchzart. Die feinen Haare auf Jokos Nacken stellten sich sofort auf. „Konnte deinen Kopf und Hals irgendwann nicht mehr von diesem hässlichen rosa Pulli unterscheiden“, raunte Klaas ihm mit einem weiteren Grinsen zu und zog an besagtem Oberteil.

Jokos Kopf zuckte empört zurück. „Alter.“

Das Grinsen seines Gegenübers verwandelte sich in ein spöttisches Lachen, als er Jokos Hand auswich.

„Du bist und bleibst ein Arschloch“, fuhr Joko ihn ohne Hitze in der Stimme an.

„Und du bist und bleibst ein naiver Trottel.“

Klaas‘ Lachen hallte in Jokos Ohren wider, während er ihn durch das halbe Büro jagte, welches glücklicherweise leer war. Die meisten ihrer Mitarbeiter hatten gemeinschaftlich entschieden, ihren Erfolg mit sehr lauter Musik und sehr viel Alkohol in ihrem Lieblingsladen zu feiern. So bekam niemand mit, wie Joko Klaas überwältigte und ihn durchkitzelte, bis er nach Luft schnappend unter ihm lag und ihn anflehte, Erbarmen zu zeigen.

Und Schmitti würde niemals erfahren, dass sie sich ausgerechnet in seinem Büro befunden hatten, als Joko Klaas in die Enge getrieben hatte. Joko war sich sicher, er würde sich dem Raum nie wieder nähern, sollte er herausfinden, was sie danach auf seinem Schreibtisch getrieben hatten, wild und lachend und ihrem Alter alles andere als angemessen. Bestimmt war Thomas sein Unwissen darüber lieber, dass Klaas mit blankem Hintern auf einem frischausgedruckten Konzeptentwurf für die Beste Show der Welt gesessen hatte, während Joko ihn schnell und tief genommen hatte.

Die Socke, die Schmitti am nächsten Tag im hinterlassenen Chaos neben seinem Stuhl finden würde, die konnte er vielleicht einfach ignorieren.

Klaas grinste nicht mehr, als Joko mit ihm fertig war. Seine Augen funkelten trotzdem, wann immer ihre Blicke sich kreuzten und er seine Muskeln um Joko anspannte, um die Reibung noch intensiver zu machen.

Klaas küsste ihn nicht. Aber Joko packte ihn am Hals und sah ihn an, als Klaas kam, und die nackte Emotion in dessen Augen reichte ihm.


x


Won't you tap my shoulder, hold my hand

Nights with nothing but dark in there

You can be my armor then



Es passierte wegen Frank Elstners Geburtstag.

Es kam für sie beide eher unerwartet, da sie ausgelaugt und mit schmerzenden Füßen von der Aufzeichnung in ihr Hotelzimmer zurückkehrten.

„Scheiß Anzugschuhe“, fluchte Joko mit Nachdruck, während er sich den Fußballen rieb und Klaas‘ Naserümpfen ignorierte.

„Kannste wenigstens erst duschen, bevor du dir an den Stinkemauken rumfummelst?“

„Wenn du das mit dem Massieren danach übernimmst, gerne.“

Klaas schnaubte. „Für kein Geld der Welt pack‘ ich deine Füße an.“

„Your loss. Dann gehe ich jetzt baden, um ein wenig in meinem eigenen Dreck zu schwimmen.“

„Viel Spaß“ gab Klaas ironisch zurück.

„Werde ich haben.“

Wenig später in der Wanne dachte Joko versonnen darüber nach, wie normal sich das Zusammensein mit Klaas anfühlte. Er dachte an Frank Elstner, der das deutsche Fernsehen jahrzehntelang bereichert hatte und fragte sich unwillkürlich, ob Klaas und er in 40 Jahren an einem ähnlichen Punkt angelangen könnten. Viel zu schnell verfingen sich seine Gedanken, wurden zu einem undurchsichtigen Knäuel aus Verlustängsten, Abhängigkeitsverhältnissen und der existenziellen Frage, wie sehr er durch das immer näher rückende Ende von Halligalli in seinen Grundfesten erschüttert werden würde.

„Is‘ das noch heiß?“, fragte Klaas mit betont genervter Stimme.

Ertappt zuckte Joko zusammen. „Hä?“

„Das Wasser“, sagte Klaas ungeduldig und zog sich mit einem beinahe angewiderten Gesichtsausdruck das T-Shirt vom Leib.

„Ja…?“

„Dann mach mal Platz.“

Ein Strahlen schlich sich auf Jokos Gesicht, bevor er es aufhalten konnte. „Klausi.“

„Das ist ‘ne einmalige Sache, nur damit das klar ist.“

Klaas sah ihn weiterhin an, als wäre er der Grund für alles, was in seinem Leben schieflief. Joko war selten etwas egaler gewesen, denn Klaas stieg tatsächlich zu ihm in die Wanne, umschlang ihn von hinten mit seinen Armen und bettete das Kinn auf Jokos Schulter.

„Und das findest du jetzt geil, oder wie?“

Joko lachte schallend. „Entspannend find‘ ich das, Hase.“

Klaas brummte mürrisch in sein Ohr, presste sich aber dennoch enger an Jokos Rücken. Automatisch lehnte Joko sich noch weiter zurück, Klaas entgegen, und schloss die Augen.

Eine Frage stellte sich ihm dennoch. Allein aufgrund der Absurdität, in der Wanne zu sitzen und Klaas dabei hinter sich zu wissen.

„Warum?“

Klaas antwortete nicht sofort. Das Wasser plätscherte träge um ihre Körper, perlte von ihrer Haut und rann aus Jokos nassen Haaren. Den flüchtigen Kuss, den Klaas auf sein Ohr setzte, spürte Joko kaum und doch flatterte sein Herz augenblicklich.

„Will, dass du hierbleibst“, murmelte Klaas schließlich ganz leise.

Joko durchlief es gleichzeitig heiß und kalt. Er erinnerte sich an den Moment in der Garderobe, als ob es gestern gewesen wäre. Er konnte Klaas‘ bestimmtes „Bleib mal hier jetzt“ förmlich hören. Es war gruselig, wie gut Klaas ihn kannte. Wie zielgenau er wusste, wann Jokos Gedanken ihn gefangen nahmen. Welch müheloses Gespür er dafür hatte, zu wissen, warum Joko ausgerechnet nach Frank Elstners Geburtstagsshow die Angst überfiel, Klaas zu verlieren.

Die Bitte, im Moment zu bleiben – bei Klaas zu bleiben – die half. Das beruhigte ihn. Das zeigte ihm, dass er nicht alleine war.

Er wäre abgedriftet, hätte sich abgeschottet, wenn Klaas das Badezimmer nicht genau im richtigen Moment betreten hätte; wenn Klaas sich nicht für ihn in das erkaltende Wasser gesetzt hätte, nur um ihn zu umarmen und seine Schulter zu küssen. Jokos Innerstes kribbelte nur bei dem Gedanken. Er hatte gelernt, mit Klaas‘ stummen Gesten besser umzugehen und sie mehr wertzuschätzen. Sie waren klein und routiniert und doch so omnipräsent, dass Joko seine Berührungen vermisste wie ein fehlendes Körperteil, wenn er nicht bei ihm war.

„Okay“, flüsterte er schließlich, schob alle finsteren Gedanken weg, die nichts mit der Situation zu tun hatten, in der er sich befand. Denn gerade konnte er sich verdammt glücklich schätzen. Gerade spürte Klaas‘ Hände, die ein wenig ruhelos über seinen Körper strichen, und die Lippen, die immer feuchtere Küsse auf seinem Schulterblatt verteilten.

„Ist dir zu warm?“

Joko öffnete flatternd die Augen und atmete hörbar aus. Natürlich war ihm warm, aber das lag weder an der Raum- noch an der Wassertemperatur, sondern an Klaas.

„Nein.“

„Du schwitzt.“ Eine Feststellung, keine Frage. Klaas strich ihm über die angefeuchtete Stirn.

„Das ist das Wasser.“

„Ist es nicht.“

Joko seufzte geschlagen. „Stell keine dummen Fragen, Klaas.“

Hinter ihm schnaubte der Angesprochene ein leichtes Lachen gegen seinen Nacken. „Mach mal die Beine hoch.“

Zögerlich gehorchte Joko, suchte mit seinen Füßen am rutschigen Boden der Wanne Halt. Mit sanftem Druck schob Klaas seine Beine noch ein bisschen weiter auseinander, bis seine Knie links und rechts auf die Wannenränder trafen.

Joko saß nun fast in Klaas‘ Schoß, wurde durch seine Arme über dem schwappenden Wasser gehalten und zwang sich erneut, seinen Kopf freizumachen.

Klaas‘ Bitte bedeutete auch, sich fallen lassen zu können. Zu vertrauen, wie Klaas ihm vertraute.

Ein Bild von einem sehr viel jüngeren Klaas flackerte kurz vor seinen Augen. Ein Klaas mit roter Nase und noch röterem Kostüm. Eine andere Bitte, die nun schon so lange zurücklag.

Vergiss das lieber ganz schnell.

Joko schüttelte den Kopf. Nein, daran wollte er jetzt nicht denken. Daran oder an Jamaika oder an die Weihnachtsfeier. Er wollte längst Vergangenem nicht nachhängen, wollte Klaas gegenüber nicht unfair sein, wenn dieser alles tat, um Joko ein gutes Gefühl zu geben.

Klaas flüsterte seinen Namen, klang ein wenig unsicher.

Joko atmete tief ein, drehte den Kopf und drückte Klaas einen Kuss auf den Hals. Gab ihm die stumme Einwilligung, weiterzumachen. Verfluchte sie beide ein wenig dafür, dass es ihm mittlerweile so schwerfiel, sich Klaas zu überlassen; dass irgendetwas in ihm zuverlässig wie eine Sirene losging, wann immer Klaas sich weiter vorwagte.

Klaas war ihm ohnehin schon so nah. Was, wenn er irgendwann zu viel von Joko sehen würde?

Warum sollte er so viel von Joko mögen?

Wenn er eins gelernt hatte, dann, dass zu viel von ihm störte. Er kam ja nicht einmal selbst mit zu viel von sich klar. Es gab Teile seiner Seele, die so verkommen war, dass sie niemals jemand finden durfte. Sich Klaas mit vollem Vertrauen übergeben, bedeutete, sich dieser Gefahr auszusetzten. Und das hätte er nicht gekonnt, wenn sie nicht seit Monaten in diesem Niemandsland wären, in diesem Land, in dem es Platz für ihn und Klaas und alles Drumherum gab und die Welt trotz allem nicht einstürzte.

Klaas beschützte ihn. Das tat er seit Wochen. Das tat er eigentlich schon, seit er nachts in Jokos Flur gestanden und ihn gehalten hatte. Das tat er auch jetzt, indem er Joko zeigte, dass es okay war. Joko konnte die gesamte Aufmerksamkeit auf sich wissen und ihm würde nichts passieren. Klaas wollte Joko so sehr, wie es andersrum der Fall war und vielleicht konnte Joko das für dieses eine Mal glauben.

„Willst du…?“, fragte Klaas da, und Joko nickte augenblicklich. Nickte, bevor die hässlichen Stimmen in seinem Kopf diesen Moment für ihn wieder zerstören konnten. Klaas‘ Lippen glitten über seine Schläfe, Klaas‘ Hände streichelten ihn unter der Wasseroberfläche. Joko nahm das Gefühl in sich auf. Ohne schlechtes Gewissen. Ohne den Drang, Klaas etwas zurückgeben zu müssen. Er ließ Klaas‘ Finger vordringen, erlaubte sich dem stummen Wunsch nachzugeben und sich von Klaas auf eine Art berühren zu lassen, die ihn verletzbar machte.

Etwas verband sie unwiderruflich miteinander, als Klaas zart mit der Fingerkuppe in ihn eindrang. In Jokos Ohren rauschte es so laut, dass er die Geräusche des Wassers nicht mehr hörte. Er hörte nichts außer Klaas‘ stockenden Atem direkt an seinem Ohr, als er sich entspannte und losließ und Klaas ihm zum Dank über die Hand strich. Ihre Hände verschränkten sich miteinander, während Klaas sich langsam und vorsichtig in ihm bewegte, geduldig blieb und Joko im richtigen Moment festhielt, bevor der mit einer heftigen Bewegung das halbe Bad fluten würde. Denn dieses Gefühl tief in ihm, welches wie ein glühend heißer Draht durch ihn fuhr, das kannte er nicht. Das war nicht dieselbe Erregung wie sonst, das war intimer und langanhaltender und es sorgte für das Rasen von Jokos Herzen.

Klaas‘ Herz raste auch. Joko konnte spüren, wie heftig es gegen seinen Rücken pochte. Klaas war aufgeregt, aber seine Hände waren ruhig, auch die, die mittlerweile Jokos Erektion massierte. Sein eigenes Glied presste sich steif gegen Jokos unteren Rücken, aber der war so gefangen in Klaas‘ Berührungen, dass er es nur am Rande wahrnahm. Er trieb auf eine Welle zu, die einem Tsunami gleichkam, tosend und unaufhaltsam. Ein Keuchen verließ seinen Mund, weil Klaas nicht von ihm abließ, weil Klaas überall war und ihn rieb, ihn fingerte und ihn küsste, direkt unter seinem Ohr.

Es war ein unvergleichliches Gefühl, so von Klaas umhüllt zu werden.

Jokos Name vibrierte auf Klaas‘ Lippen, wurde von ihm ausgestoßen wie ein Gebet und Joko war so überwältigt von der gesamten Situation, dass er kaum merkte, wie er kam. Er merkte nur irgendwann, wie die Hitze in seinem Bauch nachließ, das Ziehen langsam verschwand und Klaas seinen Finger zurückzog.

Ein wenig war es so wie das Runterkommen nach einem sehr heftigen Trip. Jokos Innerstes schien zu pochen, sich nach Klaas zu lechzen, obwohl ihm gleichzeitig jede Berührung zu intensiv war. Joko lagen zum hundertsten Mal Worte auf der Zunge. Worte, die er Klaas noch nie so gesagt hatte, wie er es hätte tun sollen. Worte, die er mühsam nicht zu Ende dachte, weil Klaas sie nicht hören wollte.

Stattdessen drehte er sich um, sah diese Mischung aus Verlangen und Zärtlichkeit in Klaas‘ Augen und stürzte sich förmlich auf ihn, bis das Wasser über den Badewannenrand schwappte.

Und vielleicht, nur vielleicht, erwischten seine Lippen dabei zwischendurch auch Klaas‘ Mund.


x


The nights that we've been drinking in

We're here to help you kill

All of this hurt that you've been harboring



Es passierte nach der NDR Talkshow.

Im April, nach der ganzen Sache mit Frank Elstner, ploppten in Jokos Kopf zum ersten Mal wirkliche Ideen auf, wie er in Zukunft ohne Klaas im Fernsehen bestehen wollte. Er diskutierte firmenintern über das Konzept von Dabei sein ist teuer aus der Besten Show und ob daraus eine echte Samstagabendshow entwickelt werden könnte.

Es war aufregend, dieses Streben nach etwas Neuem.

Nach Selbstverwirklichung.

Unabhängigkeit.

Joko hatte so eine Scheißangst, dass ihm bald die Knie schlotterten. Aber irgendwo in einer Ecke seines Herzens spürte er auch ein wenig Vorfreude pochen. Eine Vorfreude, sein eigenes Ding zu machen. Mit Klaas als sein Rückhalt, mit Klaas als seinen Partner.

Und gerade als Joko an diesem Punkt angelangt war, wurde Klaas nervös. Als hätte er nur darauf gewartet, dass Joko sich stabilisierte, brach er in den darauffolgenden Wochen fast ein. Nur leider äußerte sich das bei Klaas anders. Der suchte nicht wie Joko Nähe, sondern ging auf Distanz. Der drehte viel für seine neue Serie und färbte sich die Haare blond. Joko weigerte sich prompt, mit ihm zu schlafen, wenn es nicht dunkel war oder er nicht wenigstens eine Mütze trug.

Also tat Klaas das, was er am besten konnte: Er reizte Joko bis aufs Blut.

Joko nahm es gelassen, ließ Klaas sich austoben und stichelte ein wenig zurück, weil er die Angst dahinter nur zu gut verstand. Bis sie bei der NDR Talkshow nach kurzer Trennung wieder aufeinandertrafen und es war, als hätte man alles zwischen ihnen in Brand gesteckt.

Klaas frotzelte viel, berührte ihn aber noch mehr. Sie hielten einen kurzen Plausch mit Barbara Schöneberger, bevor sie auf Sendung gingen, und Joko dachte zu diesem Zeitpunkt schon daran, dass er es kaum erwarten konnte, mit Klaas allein zu sein.

Mit genau dem Klaas, der großen Spaß daran hatte, jeden seiner Sätze in eine Beleidigung gegen ihn zu verwandeln.

„Du bist kein Maßstab”, murrte er gerade. „Du willst mich auch in deinem Garten beerdigen.“

„Aber nur, damit du nah bei mir bleibst“, schoss Joko mühelos zurück.

Barbara lachte laut. „Ich weiß nicht, ob ich das süß oder verstörend finden soll.“

Klaas lachte mit und strich Joko nebenbei über sein Bein. Schon wieder so eine unnötige Berührung. „Das weiß man bei Joko nie.“

Er wusste genau, was er tat. Klaas war vieles, aber dumm war er nicht. Er provozierte Joko durchgehend, nur war es so subtil, dass Joko sich darüber nicht beschweren konnte. Mal ganz abgesehen davon, dass er sich darüber auch nicht beschweren wollte. Er genoss diese Situationen schamlos, wenn Klaas für seine Verhältnisse übertrieben anhänglich wurde, um zu bekommen, was er wollte. Das Problem war nur, dass sie es dafür erst einmal durch die Sendung schaffen mussten, die voller Andeutungen über Mayonnaise und Spargel war und niemand außer ihnen zu verstehen schien, was daran zum Schreien komisch war. Joko, dem Schweiß und Tränen gleichermaßen das Gesicht runterliefen, bemühte sich, Klaas nicht zu oft anzusehen. Aber Klaas hatte ganz andere Pläne, strich ihm über den Rücken, winkte ihn zu sich heran, um ihm mehr unangemessene Sätze über das Mayonnaise machen zuzuflüstern.

Wie Joko diese permanenten Attacken von Klaas überstand, konnte er nicht sagen. Der Kopf schwirrte ihm von dem vielen Wein, den er getrunken hatte, um sich abzulenken. Sie blieben nach Drehschluss noch kurz sitzen, tauschten sich mit den anderen Gästen und Barbara Schöneberger aus, bis Klaas ihm eine Hand auf die Schulter legte und er augenblicklich aufstand.

Er wollte nicht länger warten.

Sie verabschiedeten sich zügig, verließen nebeneinander das Gebäude und rutschten nacheinander in den Wagen, der auf sie gewartet hatte.

„Ich hab‘ da was für dich“, verkündigte Joko und griff nach der deponierten Plastiktüte in der Innentür des Autos.

Klaas fing sie mit einem äußerst skeptischen Blick und verkniff sich in der nächsten Sekunde ein Grinsen, als er eine schwarze Cap aus der Tüte zog. „Und die soll ich jetzt aufziehen, ja?“

„Für den weiteren Verlauf des Abends wäre das sehr hilfreich.“

„So so”, schmunzelte Klaas und setzte sich die Cap verkehrt herum auf die langen blonden Strähnen.

Joko musste laut lachen. „Du siehst aus wie diese Teenies, die einen im Vorbeisausen auf ihren Skateboards anrempeln.“

Klaas funkelte ihn böse an, drehte die Cap aber trotzdem nach vorne, sodass sie richtig saß. „Du kannst mich mal.“

He was a skater boy, she said see you later boy”, sang Joko schief vor sich hin. Mürrisch schlug Klaas mit der Hand nach ihm aus.

„Klappe, Winterscheidt.“

„Wieso?“, fragte Joko mit genau der Note dümmlicher Unschuld, die Klaas auf den Tod nicht ausstehen konnte. Klaas zog jedoch unbeeindruckt eine Augenbraue hoch und beugte sich zu ihm vor.

„Weil du deinen Mund gleich lieber für etwas ganz anderes benutzen kannst, statt mich zu nerven“, raunte er zurück. Drehte sich dann wieder weg, ohne mit der Wimper zu zucken, und starrte aus dem Fenster.

Manchmal fragte Joko sich wirklich, ob er nicht doch seit Januar in einer alternativen Realität lebte. Prüfend glitt seine Hand in Klaas‘ Richtung, strich ihm über das rechte Knie und sah ihn von der Seite an. Klaas‘ Mundwinkel zuckten leicht, als sein Blick auf die Hand fiel und fortan auf ihr kleben blieb. Er stieß sie nicht weg, obwohl Joko sich große Mühe gab, Klaas zu provozieren, wie er provoziert worden war. Langsam wanderte seine Hand höher, streifte den Stoff von Klaas‘ Jeans. Seine Finger kratzten flüchtig über die Naht auf der Innenseite der Hose. Klaas atmete daraufhin geräuschvoll durch die Nase aus, löste seinen Blick aber nicht und beobachtete die Bewegung weiterhin regungslos, während sie durch das nächtliche Hamburg gefahren wurden. Der Wein gab seinem Gesicht ein wenig mehr Farbe. Oder vielleicht war es auch nur diese fürchterliche Haarfarbe, die immer noch unter der Cap hervorlugte, die seine Hautfarbe ein wenig geröteter wirken ließ als gewöhnlich.

Der Wagen hielt abrupt und Jokos Kopf fuhr nach rechts, um aus dem Fenster zu sehen. Sie waren am Hotel angekommen. Sofort bedankten sie sich bei ihrem Fahren und beeilten sich, auf ihr Zimmer zu gelangen. Bereits im Fahrstuhl kribbelten Jokos Finger. Er spürte Klaas‘ Blick auf sich, gab ihm aber nicht die Genugtuung, ihn zu erwidern und genoss stattdessen, wie sich die Spannung zwischen ihnen immer weiter aufbaute. Solange, bis die Luft im Fahrstuhl ihm fast stickig vorkam.

Klaas‘ Hand legte sich bestimmend auf sein Schulterblatt, als sich die Türen öffneten und sie schnellen Schrittes auf ihre Tür zugingen. Klaas schubste ihn förmlich hindurch, aber Joko drehte sich sofort zu ihm um und schubste zurück, schubste ihn gegen die schwere Tür, die krachend hinter ihnen ins Schloss fiel. Ihre Körper pressten sich aneinander wie zwei Magneten, die sich anzogen. Mit einem brennenden Gefühl der Gier im Magen riss Joko ein wenig zu grob an Klaas‘ Jackett, der das jedoch mit einem unwirschen Laut hinnahm und mithalf.

„Pulli aus“, kommandierte er, bevor er sich mit einer Mischung aus Lecken und Beißen Jokos Hals zuwandte.

„Das geht schlecht, wenn dein Kopf im Weg ist“, konterte Joko atemlos. Beherzt griff Klaas nach dem Saum des Stoffes, entledigte ihn gleich auch seines Hemdes und seiner Brille, die klappernd neben ihnen zu Boden fiel.

„Egal“, murmelte Joko, machte sich schon an Klaas‘ Hose zu schaffen und wollte sich von nichts und niemandem davon abhalten lassen.

Klaas‘ Hand schob sich auf seinen Hintern, drückte einmal zu und stockte dann. Verwirrt sah Klaas zu ihm hoch, tauchte seine Finger in Jokos Gesäßtasche und zog das Kondom, welches den ganzen Abend lang dort gewesen war, mit einem fassungslosen Blick hervor.

Joko biss sich auf die Lippe, konnte sein eigenes Lachen aber nicht mehr zurückhalten, als Klaas grinste. „Das ist nicht dein Ernst.“

„Oh doch“, gab Joko ohne eine Spur der Scham zurück.

Klaas hielt den Augenkontakt für einen kurzen Moment, bevor er sich mit einem Kopfschütteln und fahrigen Fingern dem Kopf und Reißverschluss von Jokos Jeans zuwandte.

Die Cap ließ er auf. Joko hätte ihn allein dafür küssen können, aber das würde sich mit der zusätzlichen Barriere als ziemlich schwer erweisen.

Sie waren so ungeduldig, so überhastet, dass Joko ihn keine fünf Minuten später halb ausgezogen gegen die Tür gepresst nahm, notdürftig vorbereitet und mit diesem fast schon abwesenden Blick, den Klaas manchmal bekam, wenn Joko tief genug in ihn eindrang. Joko sah ihm in die Augen und wollte ihn nie mehr gehen lassen, wollte nie mehr auf dieses Gefühl der Selbstverständlichkeit verzichten, dass Klaas in diesen Momenten nur ihm gehörte.

An diesem Abend schlief er dicht an Klaas gedrängt ein, die Lippen an seiner Schläfe, das Gesicht in seinen viel zu blonden Haaren, und verschwendete keinen Gedanken an morgen.


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Confessions should be better planned

Alone, that night, I'm surely damned

Run away. I'll understand



Es passierte mitten im letzten Aushalten.

Langsam wurde die Luft um sie herum knapper. Sie trieben auf das Ende der Staffel zu, unaufhaltsam. Begannen, Dinge zum letzten Mal zu tun, Rubriken zum letzten Mal zu drehen.

Joko hatte gelernt, es beinahe komplett zu verdrängen, während Klaas immer unruhiger wurde. Nicht nur deswegen suchte Joko immer öfter nach Gelegenheiten, um ihn abzulenken. Er wollte so lange wie möglich in ihrer Blase bleiben, bevor sie platzen musste.

Der letzte Aushalten-Dreh war schrecklich und schön zugleich. Ein Hauch von Wehmut lag über dem Tag und der Rubrik, die Joko und Klaas mehr als einmal abgrundtief gehasst und zum Teufel gewünscht hatten. Wie so vieles anderes Dummes, was sie getan hatten, überwog in der Erinnerung der Spaß, den sie dabei miteinander und mit dem ganzen Team gehabt hatten.

Trotzdem war Joko froh, dass Thomas bei Drehs nicht mehr dabei war. Spätestens, als Klaas sich vor der Kamera sein nasses Hemd aufknöpfte und Joko davon mehr als überrascht war. So, wie Klaas vor ihm stand, mit offenem Hemd, Seemannsanzug und passender Mütze, wusste er genau, was als nächstes kommen würde. Seine Augen klebten an Klaas‘ Oberkörper. Er sah gut aus, so natürlich. Nicht übertrieben definiert oder muskulös, sondern normal. Vertraut. Die kurzen Haare standen ihm fantastisch, ließen sein Gesicht noch schmaler wirken und die blauen Augen noch mehr hervorstechen, die ihn jetzt anlächelten. Rasch drehte er sich weg, hievte sich in seinem nassen, umständlichen Krabbenkostüm in Richtung Nebenraum, der als provisorische Garderobe diente.

Eilig schälte Joko sich aus dem heißen Anzug. Er war gerade dabei, sich den roten Kopf abzureißen, ohne seine Brille zu zerstören, als Klaas in den Raum huschte und ihn angrinste.

„Wie siehst du denn aus?“, fragte er und deutete auf Jokos schiefe Brille und die verwuschelten Haare.

„Das Gleiche könnte ich dich fragen.“ Joko schlang seinen Arm um Klaas‘ Hüfte und zog ihn näher, seinen überraschten Protest ignorierend. „Zieh das aus“, raunte er ihm zu, schob ihm eilig das Jackett von den Schultern und küsste sich seinen Weg von Klaas‘ Hals runter bis zu seinem Schlüsselbein.

„Was wird das, bitte?“

„Wirste sehen.“

Mit einem leisen Lachen schob Klaas seine Hand durch Jokos Strähnen, ruinierte damit das letzte bisschen Frisur. Er wollte sich das Hemd ausziehen, aber Joko stoppte ihn sofort.

„Das bleibt an.“

„Du bist unersättlich, Winterscheidt“, rüffelte Klaas ihn, aber seine Augen blitzten schelmisch. „Wir müssten eigentlich jetzt schon wieder zurück im Auto sein.“

Joko nickte es ab, interessierte sich nicht für Klaas‘ Neckereien und legte stattdessen seine Lippen auf die nackte Brust. Seine Hände glitten vorsichtig über die weiche Haut. „Hör einfach auf, dich mitten im Dreh vor mir auszuziehen“, murmelte er abgelenkt.

„Was kann ich denn dafür, wenn du direkt g—Joko!

Spöttisch zog Joko eine Augenbraue in die Höhe, während Klaas mit dem Kopf gegen die Wand sackte und sein Vorwurf zu einem leisen Stöhnen wurde. Erneut fuhr Joko mit der Zunge über die Brust, zog den Nippel sanft zwischen die Zähne und sah zufrieden, wie Klaas‘ Körper zuckte.

„Du bis‘ so ein Penner“, nuschelte Klaas.

Joko ging vor ihm in die Hocke, Klaas‘ Finger immer noch sanft in seinen Haaren. Er zog Klaas die nasse Hose aus, schmiss sie achtlos hinter sich in den Raum. Er wollte sich Zeit lassen, stundenlang mit seinen Lippen und Händen jeden Zentimeter Haut auf Klaas‘ Körper nachfahren, aber sie mussten möglichst schnell zum Dreh zurück.

Joko war wirklich, wirklich froh, dass Schmitti bei Drehs nicht mehr dabei war. Mit Sicherheit wäre er völlig durchgedreht, wenn er mitbekommen hätte, dass Joko Klaas lieber einen Blowjob gab, als diesem zu erlauben, sich rasch umzuziehen.

Aber wen interessierten schon Regeln und Drehpläne, dachte Joko, während er spürte, wie sich Klaas‘ Finger verlangend in seine Haare krallten und seinen Kopf tiefer drückten.

Sie hatten gar keine Zeit, sich zu küssen.


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What's important is this evening I will not forget

Purple, blue, orange, red

These colors of feeling

Give me love, I'll put my heart in it



Es passierte bei Rock am Ring.

Natürlich passierte es bei Rock am Ring.

Es passierte nach einem Drehtag voller Hitze und Adrenalin, nachdem Klaas auf dieser Riesenbühne gestanden und Joko in einem Meer aus Zuschauern beobachtet hatte. Nachdem Jokos Herz geklopft hatte als wäre er wieder siebzehn, weil Klaas ihn nach dem Auftritt umarmt hatte, allem Biergestank und Schweiß und diverser anderer Flüssigkeiten zum Trotz.

Klaas leuchtete von innen, wie immer, wenn sie bei Rock am Ring waren. Seine Laune war fantastisch, obwohl er ab und an in seinen Gedanken abzudriften schien, wenn er Joko ansah. Der Schatten war zurück in seinen Augen, schien nicht mehr vertrieben werden zu können, je näher sie der letzten Halligalli Folge kamen. Joko weigerte sich vehement, sie jetzt schon in das Loch stürzen zu lassen, was bedrohlich hinter diesem Tag auf sie wartete. Klaas hatte ihn lange genug über Wasser gehalten, das Geringste, was er tun konnte, war für die letzten zwei Wochen dasselbe für ihn zu tun.

Er wich kaum von Klaas‘ Seite. Spürte diese Nähe zwischen ihnen, wann immer sich ihre Blicke trafen, dieses Pochen, das sich wie ein Herzschlag anfühlte. Sie trennten sich nur, wenn es für Drehs erforderlich war, schliefen im selben Bett und aßen alle Mahlzeiten zusammen. Joko wusste, dass dadurch nichts einfacher wurde, im Gegenteil. Ihm graute davor, was er mit Halligalli einhergehend alles aufgab. Aber er konnte sich nicht in diesen Ängsten verlieren, wenn Klaas ihn brauchte. Er wollte nicht schon etwas hinterhertrauern, was momentan noch direkt vor ihm war.

Es überraschte ihn nicht, dass Klaas nach dem zweiten Drehtag auf dem Festival urplötzlich auf Abstand ging. Er verstand den Impuls, sich zurückzuziehen, um nach Luft schnappen zu können. Er hätte keinen der letzten fünf Monaten durchgehalten, wenn Klaas ihn nicht so konsequent im Hier und Jetzt gehalten hätte. Aber gehen lassen konnte er ihn auch nicht, nicht, wenn er wusste, wie bitter sie es beide bereuen würden, nicht jede Sekunde auszukosten, die ihnen noch blieb.

Als Klaas also im Verlauf des Abends immer stiller wurde und sich schlussendlich auffällig früh auf ihr Zimmer verzog, folgte Joko ihm keine zehn Minuten später.

„Hättest ruhig noch bei den anderen bleiben können“, kommentierte Klaas forsch, nachdem er aufgrund der sich öffnenden Zimmertür überrascht aufgeblickt hatte.

„Wollt‘ ich aber nicht.“

„Ich bin müde, Joko.“

„Klaas…“

Klaas schüttelte den Kopf. Er warf einen Blick aus dem Fenster. Obwohl die Uhr bereits nach zehn anzeigte, war der Himmel noch nicht von der Dunkelheit der Nacht durchzogen. Klaas liebte den Sommer. Er blieb gerne lange wach, trank das ein oder andere kühle Bier und trug seine beschissene Puna-Badehose, als wäre sie ein Designerstück. Joko hätte gerade alles dafür getan, diesen Klaas vor sich sitzen zu sehen und nicht den unruhigen, um Distanz bemühten, der seinen Blick scheute.

„Ich habe Schmitti gefragt, ob ich heut‘ Nacht bei ihm pennen kann.“

Joko erstarrte. Alles in ihm wurde kalt und klamm. Da war nichts, was er sagen konnte, nichts, was nicht zu einem Streit oder zu ihm aufgelöst im Bad kauernd führen würde, also schluckte er es hinunter, flüsterte ein „Okay“ und flüchte sich in ebenjenes Bad. Ein Teil von ihm hoffte, dass Klaas schon weg sein würde, damit er ihn nicht gehen sah. Seine Hände zitterten, während er sich bettfertig machte und schließlich nur in Shorts und T-Shirt zurück in das Zimmer trat.

Klaas saß immer noch regungslos auf dem Stuhl und starrte in den dunkler werdenden Himmel. Joko wollte ihn nicht bedrängen. Er kannte Klaas besser als die meisten und trotzdem schien er in diesem Moment unerreichbar zu sein. Er ließ sich ihm gegenüber auf der Bettkannte nieder und beobachtete die angespannte Körperhaltung. Nahm alles von ihm auf, von diesem Menschen, der ihm mehr gegeben hatte, als er sich jemals hätte vorstellen können und den er bald loslassen musste.

Aber nicht heute.

Heute war nicht der richtige Zeitpunkt, um ihn gehen zu lassen.

Er griff nach Klaas‘ Hand, bevor der sich aus dem Staub machen konnte. Augenblicklich wurde er zurück an den Ort von vor einem Jahr katapultiert, als er im Bett gelegen und Klaas‘ Hand gehalten hatte. Wie damals löste die einfache Berührung eine Wärme aus, die bis ganz tief in sein Innerstes vordrang und die Kälte vertrieb.

„Ich will nicht streiten.“

Klaas sah ihn lange an. „Ich auch nicht.“

Nervös fuhr Joko sich mit der Zunge über die Lippen. „Die nächste Woche wird hart genug, wir haben nur noch ein paar Tage, bevor…“, er unterbrach sich.

Klaas erhob sich von seinem Stuhl, ging vor ihm in die Hocke und sah ihn weiter eindringlich an, sagte aber nichts.

„Bitte bleib einfach hier.“

Tausend widersprüchliche Emotionen glitten in sekundenschnelle über Klaas‘ Gesicht. Joko konnte sie nicht alle lesen, aber das brauchte er auch nicht, um sich verstanden zu fühlen. So, wie er verstand, warum Klaas im nächsten Moment die Augen schloss und kurz brauchte, um sich zu sammeln.

Jokos Bitte schwebte zwischen ihnen im Raum. Klaas‘ Atem fegte über sein Gesicht. Ihre Stirnen berührten sich leicht. Klaas‘ Hand lag auf seinem Knie.

Minutenlang saßen sie da und rührten sich nicht. Aber was noch viel wichtiger war, Klaas machte keinerlei Anstalten, zu gehen. In der Stille zwischen ihnen lag seine Antwort.

Joko nahm all seine Mut zusammen, vertraute auf sein Bauchgefühl und sah dessen leuchtenden Blick der letzten Tage vor seinem inneren Auge, bevor er seine Lippen auf die von Klaas legte. Der den Kuss erwiderte, seine Hände um Jokos Gesicht legte und leise gegen seinen Mund keuchte, als Joko sich von ihm löste und seinen Blick suchte. Klaas‘ Augen funkelten im spärlichen Licht, emotional und ein wenig überfordert und müde. Aber sein Blick war klar; ohne Schatten.

Also griff Joko nach Klaas. Er zog ihn an sich. Er küsste ihn nochmal, nur für sich. Nur für das Gefühl des Glücks, das ihn dabei überschwemmte. Und er schlief mit Klaas. So, wie er es mochte. So, wie er Klaas Sicherheit geben konnte. Weil Klaas nicht nachdachte, wenn er Joko zugewandt war und sich an ihm festhielt. Weil sich das Zusammensein mit Klaas wie Freiheit anfühlte, wie Bestimmung, wie alles, was er vor ihm nie verstanden hatte. Er konzentrierte sich auf Klaas, auf seine Gefühle, auf seinen Körper, und es war für ihn wie ein Geschenk, welches Klaas mit ihm teilte.

Am nächsten Morgen erwachte er so, wie er eingeschlafen war. Klaas‘ Bein zwischen seinen, Klaas‘ Körper von seinem umschlungen. Nur Klaas‘ Blick, der lag schon auf ihm, durchdringend und erneut von einer Emotion durchzogen, die er dort noch nicht sehen wollte.

Joko hielt ihn fest, hielt sich an ihm fest. Dachte nicht daran, wo er jetzt war und wo er in zehn Tagen sein würde. Setzte ihm stattdessen einen sanften Kuss auf die Stirn und wünschte sich, er könnte diesen Moment einfrieren und nie wieder verlassen.


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I think about it all the time

The lights went out

You were fine

You kinda struggle not to shine



Das letzte Mal passierte es nach dem Ende von Halligalli.

Sie wussten beide, dass es passieren würde. Vor der Sendung schon, währenddessen auch, und danach sowieso.

Joko empfand alles nur dumpf, als wäre er betäubt. Einerseits brachte ihn das bloße Gesicht eines seiner Mitarbeiter schon an den Rand der Tränen, andererseits konnte er nichts von dem, was geschah, auch nur ansatzweise verarbeiten.

Die Vorbereitungen auf die Folge waren seltsam. Sie wurden durch die Probe gejagt, danach für den letzten Teaser in die Garderobe gescheucht und lange dortbehalten. Joko riss sich zusammen, die ganze Zeit. Drückte so viel Emotionen runter, wann immer er Klaas ansah, dass er schon, bevor es los ging, Bauchschmerzen hatte. Matthias nur zu sehen war fast genug, um den erbärmlichen Rest der Kontrolle zu verlieren, den er noch hatte. Glücklicherweise nahm der ihn in den Arm und hielt ihn fest, bis Jokos Sicht nicht mehr vor seinen Augen verschwamm und Klaas sie unterbrach, weil sie in die Maske mussten. Palina küsste er sieben Mal auf die Wange. Wann immer er an ihr vorbeiging, drückte er sie an sich und schluckte verzweifelt gegen den Kloß in seinem Hals.

Viel zu schnell verging die Zeit und bevor Joko wusste, wie ihm geschah, standen er und Klaas das letzte Mal vor dem großen Tor und bemühten sich um eine sachliche Miene, während in ihrem Studio der Einspieler gezeigt wurde.

„Seid ihr bereit, Jungs?“

Joko schloss die Augen, als Schmittis Stimme in seinem Ohr erklang. Beruhigend vertraut und doch deutlich belegter als sonst. Sie nickten stumm und Thomas räusperte sich.

„Ich bin wirklich stolz auf euch.“

Klaas warf Joko einen hektischen Seitenblick zu, als er das Beben sah, welches bei den Worten durch Jokos Körper fuhr.

„Danke, aber heb‘ dir das lieber für nachher auf“, antwortete er für sie beide. Thomas verstand, brummte etwas von undankbar, woraufhin immerhin ein raues Lachen aus Jokos Kehle drang, und zählte von zehn runter.

Gleißendes Licht und ohrenbetäubender Lärm begrüßte sie, als sich das Tor öffnete und sie hindurchschritten. Der Stein kam ins Rollen und ihre Zeit lief unaufhaltsam ab.

Für Joko fühlte es sich an, als wäre das Licht in seinem Herzen gedimmt. Er wollte ihre letzte Show genießen, er wollte darin aufgehen. Er wollte dankbar sein, denn er war es. Wie Klaas, der hell neben ihm strahlte. Es war ein Strahlen, welches Joko schon immer in ihm gesehen hatte. Es war die reine Liebe für seinen Job, für ihre Show, für ihre Welt, die Klaas aus jeder Pore schoss. Er gehört auf diese Bühne, vor dieses Publikum. Auch wenn er nicht mehr an Jokos Seite gehören würde, solange er das hatte, würde er seinen Weg gehen können.

Joko konnte genießen. Er konnte mit Palina und Matthi in Erinnerungen schwelgen. Er konnte neben Klaas sitzen und über James Blunt lachen, der ihnen Hasskommentare vorsang. Er konnte die Nähe zu Klaas wertschätzen, der sich an ihn presste.

Aber er weinte auch. Er hatte sich vorgenommen, es nicht zu tun, aber als alles vorbei war und er nur mit Klaas am Tisch saß, da wurde es ihm zu viel. Mehrmals unterbrachen sie den Dreh. Alle um ihn herum opferten sich auf, blieben geduldig und bedrängten ihn nicht, damit er sagen konnte, was er sagen wollte. Klaas beobachtete ihn ganz genau, rauchte am laufenden Band und bebte, aber er brach nicht ein. Er blieb Jokos Anker, bis zum Schluss. Bis sie sich umarmten und dann aufstanden, weil Joko die Worte für Klaas nicht fand, sie vielleicht auch nicht finden brauchte, denn jedes gesagte Wort war zu wenig. Arm in Arm gingen sie durch das Tor, Zuschauer wie Mitarbeiter in ihrem Rücken und dann war es vorbei.

„Ihr habt es geschafft“, sagte Thomas ihnen aufs Ohr und Joko schüttelte benommen den Kopf.

Klaas zog ihn zurück ins Studio, damit sie den letzten Einspieler zusammen sehen konnten. Jokos Herz verkrampfte sich schmerzhaft, als Klaas ein paar stille Tränen vergoss und seinen Arm noch stärker um Jokos Hüfte schlang.

„Ich muss gleich weg.“

Joko schluckte. Klaas musste seinen Sohn ins Bett bringen und niemand verstand das besser als er. „Ich weiß.“

„Ich komm zurück.“

Joko küsste seine Wange. „Ich weiß. Ich warte auf dich.“

Auch Klaas küsste ihn auf die Wange, bevor er sich von ihm löste.

Sie verabschiedeten sich von ihrem Publikum, Klaas kurz und präzise, Joko lang und tränenerstickt.

Das Chaos um ihn herum half ihm danach, in der Menge unterzugehen. Er umarmte Katha und Jakob, versprach Palina, ihr später am DJ-Pult auszuhelfen und schaffte es ganz gut, sich zusammenzureißen, bis er hinter die Kulissen trat und Thomas Martiens und Thomas Schmitt erblickte, die sich stumm und regungslos in den Armen lagen. Schmittis Gesicht war ihm zugewandt, und obwohl seine Augen geschlossen waren, konnte Joko die Trauer in jedem seiner Züge erkennen.

Irgendetwas riss bei dem Anblick in ihm auf. Qualvoll und schmerzhaft schlug die Realität bei ihm ein. Er eilte durch die Gänge, weg von all den Leuten, die traurig waren und doch feierten, einander und die Show und alles, was mit heute einen gelungenen Abschluss fand. Er wollte ein Teil von ihnen sein und konnte es doch nicht, weil da noch etwas anderes war, was tief in sein Leben einschnitt und was er einfach nicht ignorieren konnte.

Seine Schritte führten ihn in Klaas‘ Garderobe und er hinterfragte es nicht. Er stellte sich einfach vor das Sofa und wartete. Hörte eine kleine Ewigkeit später die vertrauten Schritte, die nur einer Person gehören konnten. Klaas schaffte es kaum durch die Tür, die Augen glasig und die Krawatte ein wenig schief, bevor Joko mit nichts als Sturm im Kopf auf ihn zulief und ihn in seine Arme zog. Joko schloss die Augen, hörte Klaas zitternd ausatmen und mit letzter Kraft die Tür hinter sich verschließen. Dann erwiderte Klaas die Umarmung, hielt ihn so fest an sich gepresst, dass Joko seine Brust schmerzte.

Sie taumelten auf der Stelle, tauschten keine Worte aus und Joko wartete darauf, dass der Druck auf seinem Brustkorb nachließ. Aber nichts passierte. Er trat einen kleinen Schritt zurück, die Hand immer noch auf Klaas‘ Taille ruhend, und das Gefühl riss einfach nicht ab.

Er fragte sich, ob es sich jetzt immer so anfühlen würde, Klaas anzusehen. Er fragte sich, ob das seine neue Wirklichkeit war, ein kleiner Vorgeschmack auf die nächsten Monate.

Er fragte sich…

Irgendwie, durch den dichten Schleier aus Schmerz und Überwältigung, drang Klaas‘ Hand zu ihm durch, die sich vorsichtig an seine Wange legte. Joko starrte auf ihn hinab, sah in das vertraute Gesicht, auf dem er heute jede Emotion lesen konnte, weil Klaas sie nicht versteckte. Er sah den Schmerz und die Zärtlichkeit, mit der Klaas ihn still betrachtete und sein Herz zog sich krampfhaft zusammen. Er brauchte Klaas so sehr, so nah bei sich, dass es ihm die Luft abschnürte. Aber allein die Erinnerung daran, dass er mit dem Gefühl nicht allein war, klärte seinen Blick ein wenig. Die Panik lockerte ihren Griff genug, um den Drang nach Nähe in den Vordergrund zu schieben.

Sanft umschlossen Jokos Finger Klaas‘ Hand, die auf seiner Wange lag, und bewegte sie seinem Mund entgegen. Er küsste die Handinnenfläche, genoss, wie sein Atem über Klaas‘ Haut strich und diesem ein leises Keuchen entwich. Er küsste die Hand erneut, an der Seite, mit seinen Lippen über den Handrücken gleitend. Er küsste jeden einzelnen von Klaas‘ Fingern, erkannte den Blick in Klaas‘ Augen, sah das Blau hell und lebendig glitzern, voller Emotion und voller Widersprüche, von denen Joko jeden Einzelnen nachvollziehen konnte. Sein Griff um Klaas‘ Taille verstärkte sich wieder, als er die Distanz zwischen ihnen schloss und sich zu ihm herabbeugte.

Joko küsste ihn vorsichtig auf den Mund, tastete sich vor, hatte das Gefühl, an der Fragilität des Momentes selbst entzweizubrechen. Klaas ließ die Augen geschlossen, als er sich kurz löste; er atmete tief durch, dann nickte er kaum merklich. Joko nahm die Einladung an, kam wieder näher und legte eine Hand in Klaas‘ warmen Nacken. Dessen Kopf kippte ein wenig zu Seite und noch mehr nach hinten, aber Joko zog ihn an sich, presste sich an ihn und vereinte ihre Lippen miteinander.

Es war ein Kuss, den sie so noch nicht kannten. Er passierte nicht einfach so und es war auch keine Erregung, die durch Joko peitschte, als Klaas den Kuss erwiderte und begann, seine Lippen gegen die Jokos zu bewegen. Es ging viel, viel tiefer. Es war ein Erkunden, ein Hervorstoßen in Bereiche, die eigentlich tabu waren, die sie aber trotzdem schon längst betreten hatten. Es war das Wegfallen einer Grenze, die lange schon nicht viel mehr als Schall und Rauch gewesen war. Es gab kein Versteckspiel mehr, keine Ablenkung, keine Verdrängung.

Nur Joko und Klaas, die sich küssten. Die sich immer wieder küssten, als wollten sie alle Male aufholen, in denen sie es nicht getan hatten. Langsam und vorsichtig, bis es in Jokos Magengegend anfing zu kribbeln. Stürmisch und verzweifelt, während Klaas ihn an der Krawatte zerrte und ihn zum Sofa lotste, bevor er ihm das Sakko von den Schultern strich. Bedacht und intensiv, als sich ihre Zungen trafen und Joko nichts gegen die Geräusche tun konnte, die seinen Mund verließen und an Klaas‘ Lippen zerschellten. Sie überhasteten nichts und trotzdem lag Joko wenig später nackt über Klaas, der ihn mit zerzausten Haaren und großen, wachen Augen anblickte und Jokos Welt wieder einmal ins Kippen brachte.

Joko dachte an die Male, in denen sie in letzter Zeit übereinander hergefallen waren, jederzeit und überall. Als wären sie wieder Ende Zwanzig und könnten in einer Stunde dreimal einen hochbekommen, als hätten sie nichts und vor allem einander nicht zu verlieren. Da waren unzählige Momente in Garderoben und Fahrstühlen und Büroräumen und Hotelzimmern gewesen, weil sie die Finger nicht voneinander lassen konnten und ihnen die Zeit kostbar durch ebenjene Finger rann. Joko fragte sich, ob er etwas falsch gemacht hatte. Ob er noch mehr gebraucht hätte oder es schlichtweg nie genug gewesen wäre.

Er erinnerte sich an die Nächte, die sie miteinander verbracht hatten, arbeitend oder vögelnd, aber vor allem schlafend. Er hörte Klaas‘ tiefen, beruhigenden Atem, der ihn in den Schlaf wog, besser als jede Medizin oder jeder Trick, den er je ausprobiert hatte. Joko zitterte. Plötzlich war da dieser Gedanke seinem Kopf, dass er nie wieder so fühlen würde. Sie würden nicht zusammen einschlafen können, sich Halt geben, jetzt wo sie es so sehr bräuchten.

Sie mussten beide nach Hause.

Und zum ersten Mal in Jokos Leben erwischte er sich dabei, sich zu wünschen, dass er mit Klaas nach Hause gegen konnte. Zusammen. Nur sie beide. Nur heute. Zum ersten Mal verschwamm auch diese letzte Grenze, die er nie hatte überschreiten wollen, einfach, weil es nicht nötig gewesen war. Aber jetzt, da er voller Angst und Ungewissheit der Zukunft entgegenblickte, spürte er diese Sehnsucht nach Klaas in sich aufwallen und ihn komplett vereinnahmen.

„Klaas“, raunte er panisch, suchte seine Lippen und fand sie sofort, weil er es heute durfte. Heute durfte er Klaas küssen, so oft er wollte, weil es das letzte Mal war.

Und Joko verstand, in einem Moment, der unpassender nicht sein konnte, zum ersten Mal wirklich, wie sehr er von Klaas, von seinem persönlichen Glück, abhängig war. Wie sehr er ihn liebte. Er liebte Klaas und er würde alles für ihn aufgeben. Er hatte alles für ihn aufgegeben, sogar Halligalli, weil dadurch die Chance bestand, ihn länger in seinem Leben zu behalten. Er spürte diese Vertrautheit, diese Verbundenheit zu Klaas in einer Tiefe, die absolut einzigartig war.

„Bleib bei mir“, flüsterte Joko in die Stille. So, wie Klaas ihn monatelang gebeten hatte, zu bleiben. Im Hier und Jetzt. Aber irgendwie auch für immer. Ohne sich über morgen den Kopf zu zerbrechen. Hier, in einer Illusion, die nicht existierte und die sich doch so verdammt real anfühlte.

Klaas durchfuhr ein sichtlicher Schauder bei den Worten, aber seine Augen klärten sich. Wie das Blau des Himmels, das hinter grauen, schweren Wolken hervorlugte. Er nickte schnell und fahrig. Verband ihre Lippen miteinander, bewegte sein Becken gegen Jokos, bewegte sich so vertraut mit Jokos Körper, als wären sie ein- und derselbe.

Der Nagel von Klaas‘ Daumen grub sich mit Nachdruck in Jokos Wange. „Bleib du auch bei mir“, raunte er zurück, die Stimme wacklig und ein wenig höher als sonst.

Statt einer Antwort küsste Joko ihn. Blieb an seinem Mund, während seine Finger längst weiter waren, Klaas mit vorsichtigen Stößen weiteten. Joko hielt nichts zurück, zum ersten Mal gab er Klaas wirklich alles von sich und konnte sehen, wie viel davon bei Klaas ankam. Er konnte die Wucht seiner eigenen Emotionen förmlich spüren, wie sich alles zwischen ihnen entlud und in den anderen überging. Blind tastete er nach sich selbst, wollte Klaas so nahe sein, wie es ging. Orientierte sich an Klaas‘ stockendem Atem gegen seine Lippen und drang langsam in ihn ein, die Augen geschlossen, die Stirnen aneinandergepresst.

Sie bewegten sich im Einklang, vertraute Hände auf wohlbekannter Haut, verzweifelte Küsse an zärtlichen Lippen, brennende Sehnsucht in langen Blicken.

Und dazwischen Klaas, älter als früher, anders als früher; genauso wie früher. Klaas, von dem Joko alles zu kennen glaubte und nichts zu wissen schien. Klaas, still und schön und laut und noch schöner. Klaas, der bei ihm war, immer bei ihm, solange schon bei ihm; vielleicht bald nicht mehr bei ihm. Klaas, der ihm das Herz zerfetzte und es danach behutsam wieder zusammennähte, egal wie lange es dauerte. Klaas, der ihn trug und ertrug, bis heute, bis ganz ans Ende.

Ich liebe dich, dachte Joko. Der Gedanke durchströmte ihn, erfüllte ihn mit einer Wärme, die nichts mit dem Ziehen in seinem Unterleib zu tun hatte, das Gefühl jedoch noch einmal intensivierte. Er sah Klaas an, konnte nicht atmen und küsste ihn erneut. Es brannte in seiner Brust, aber er löste sich nicht mehr von ihm, küsste ihn wieder und wieder, weil er nicht wusste, ob er je wieder die Gelegenheit bekommen würde, und es zerriss ihn. Er zersplitterte von innen, hielt sich verzweifelt an Klaas fest und vergrub sich in ihm, solange er noch konnte. Er presste die Lider zu, konnte die Tränen zurückhalten und den Atem abgehakt gegen Klaas‘ Lippen ausstoßen, bevor Klaas ihre Münder sofort wieder zusammenbrachte.

Ich liebe dich, dachte Joko wieder. Immer wieder. Ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dich.

Es war unausweichlich gewesen. Das Gefühl. Das Aufgeben. Das Zerbrechen.

Es ging einher mit dem Aufeinandertreffen ihrer Lippen.

Es tat so weh, dass Jokos Brust jeden Moment zerspringen würde.

Joko bereute es nicht. Er bereute gar nichts.

Sie küssten sich.


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I still love you though,

I still love you though,

I still love you always.

So hold me when I'm home,

Keep the evenings long,

Let’s not crack and break and part ways.
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