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Tausendmal Berührt [Teil I]

von ninarina
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf
14.06.2021
29.01.2022
20
134.433
112
Alle Kapitel
145 Reviews
Dieses Kapitel
9 Reviews
 
29.11.2021 8.465
 
Dieses Kapitel trägt den Untertitel: Der große Auftritt des Jakob Lundt. Reicht das schon als Teaser?

Ja, ich weiß, wieder Jokos Sicht. Wieder ist es ausgeartet (vor allem bei der letzten Szene). Joko braucht den Platz momentan und ich muss ihn da ein wenig lassen, bevor ich mich wieder Klaas widmen kann, sonst geistert er mir zu penetrant im Kopf herum. Hab ich schon erwähnt, dass der macht, was er will?! Es ist zum Verrücktwerden.

Joko und Klaas bei Rock am Ring war schon immer eine ganz persönliche Schwachstelle von mir, die Zusammensetzung von Kapitel plus Lied plus Rock am Ring war demnach schon langfristig geplant und ich sitze auf bestimmten Fragmenten dieses Kapitels schon Monate. Ich hoffe also, es gefällt euch. Lasst mich gerne weiterhin an euren Gedanken teilhaben. Viele von euch sind so drin in der Story und ich spüre den (positiven?) Druck dahinter, wirklich sicherzustellen, dass ich niemanden enttäusche. Ich bekomme momentan relativ viele Asks auf Tumblr, also falls ihr spontane Fragen oder Kommentare habt, könnt ihr euch immer auch dort melden!




Part 16: One More And Then I’ll Say Goodbye




Sometimes all I think about is you

Late nights in the middle of June

Heat waves been fakin' me out

Can't make you happier now

(Heat Waves by Glass Animals)




Rock am Ring, Juni 2016



Es war lange nicht mehr passiert.

Es lag so weit weg in Jokos gefühlter Wahrnehmung, dass es ihm manchmal fast unwirklich vorkam. Es erschien ihm beinahe unvorstellbar, was sie einmal gewesen waren und was sie im Kontrast dazu jetzt waren.

Aber dann sah er Klaas an, wenn er nicht aufpasste, wenn seine Gedanken kurz Freilauf hatten, und alles kam zurück. Das Verlangen und die Sehnsucht nach mehr. Und es ging Joko gehörig auf den Sack, dass er alles an Klaas so verdammt anziehend fand. Dass er jede seiner Bewegungen, jedes Lächeln, jeden Blick als Einladung ansehen konnte, der die Stimmung zwischen ihnen unaufhaltsam auflud. Er musste nur einen Moment lang nicht aufpassen, und schon spielte sein Kopf ihm Bilder zu, schon zuckten ihm Gedanken durch den Kopf, die weniger zurückhaltend waren und mehr in Richtung Den hätte ich gerne nackt vor mir auf dem Bett liegen gingen.

Klaas war nicht dumm. Und entgegen dem, was er der Öffentlichkeit gerne zeigte, war er ein äußerst empathischer Mensch. Er konnte die Stimmung seines Gegenübers sehr gut einschätzen und er durchschaute Joko so mühelos, dass der sich spätestens ab dem zweiten Tag bei Rock am Ring quasi permanent beobachtet fühlte, so als wäre er gläsern und jeder seiner Gedanken würde Klaas in Neonschrift entgegenschießen. Klaas schien darauf zu reagieren, schien nach etwas zu drängen, war für seine Verhältnisse schon fast anhänglich, und die Umgebung, in der sie sich aufhielten, intensivierte das Gefühl bloß noch weiter.

Sie hockten alle eng aufeinander, waren irgendwo zwischen Tourbussen und Backstage-Bereichen eingepfercht und genossen dennoch jede Sekunde. Sie drehten in Sturm, Matsch und Regen, aber auch in der Hitze und im Sonnenschein. Thomas Martiens war in seinem Element, sprang mit abartig guter Laune, wie Klaas es liebevoll formulierte, um sie herum und trieb sie von Dreh zu Dreh, von Interview zu Interview, von der Bierdose zur Jägermeisterflasche. Joko drehte in der ersten Nacht die Good-Night-Show und wurde am darauffolgenden Abend von Jakob dazu angehalten, länger zu bleiben und mitzutrinken, wenn er es die Nacht davor schon versäumt hatte. Joko war geplättet vom Drehtag und den wenigen Stunden Schlaf, fühlte sich ausgelaugt nach der Erfahrung, mit Sabine und Klaas vor hunderttausend Menschen auf der Centerstage zu stehen, und hatte zunehmend mit der Omnipräsenz von Klaas zu kämpfen, dem er nicht ausweichen konnte. Vor allem nicht, wenn Klaas eindeutig betrunken war, Jakob unterstützte und den Arm um ihn schlang, um ihn zu noch einem Bier zu überreden.

Joko ließ sich breitschlagen, wankte erst Stunden später Richtung Bett, sehnte sich nach einer Mütze Schlaf, bevor er den nächsten Tag mit Moderationen für das Halligalli Spezial und vor allem wieder mit Klaas verbringen würde. Er wünschte sich einen klaren Kopf und keinen brummenden Schädel, aber das war ein ziemlich hoffnungsloses Verfangen. Sich auf dem Stuhl abstützend, seufzte er schwer und realisierte zu spät, dass es Klaas‘ Lehne war, die er reflexartig ergriffen hatte. Dieser drehte abrupt den Kopf und ihre Blicke trafen sich. Joko fühlte sich wie erschlagen von der Intensität, mit der sie sich ansahen. Wie automatisiert zuckte seine Hand Klaas‘ Schulter entgegen, bevor er sie im letzten Moment zurückzog, von sich selbst erschrocken.

Es war nicht auszuhalten.

Er floh Richtung Zimmer, hörte Schritte hinter sich und ahnte, wem sie gehörten. Lief weiter, hatte es fast geschafft, als eine erstaunlich starke Hand sich um seinen Oberarm schraubte.

„Bleibste jetzt endlich mal stehen?“

Panisch drehte Joko sich zu Klaas um, der betrunken und schwankend vor ihm stand, die Haare zerzaust, die Bierflasche noch in der Hand. Und Gott, Joko wusste wirklich nicht, wie er es diesmal hinkriegen sollte, dem Drang zu widerstehen und sich abzuwenden. Klaas musste den gequälten Ausdruck in seinem Gesicht gelesen haben, denn er zog ihn ohne Zögern näher, in eine merkwürdige, einarmige Umarmung. Jokos Hals stand in Flammen, da Klaas‘ Mund kurz, wie zufällig, über die erhitze Haut geisterte.

„Joko“, nuschelte Klaas, sprach das K wie ein G aus, und Joko hasste, dass sein Herz dadurch verräterisch stolperte. „Was is’n los?“

Ich will dich, dachte Joko. Verzweifelt, immer wieder, in Endlosschleife.

Klaas raunte seinen Namen erneut gegen Jokos Hals und noch nie in seinem ganzen Leben war Joko so haarscharf an einer Katastrophe vorbeigeschrammt wie in dem Moment, in dem er seine Nägel in seine Handinnenfläche statt in Klaas‘ Rücken krallte.

„Geh ins Bett, Klausi“, murmelte er mit letzter Kraft gegen Klaas‘ Haarschopf und flüchtete sich dann in sein Zimmer, die ganze Welt und vor allem Klaas verfluchend.

Joko hatte immer gedacht, er würde nehmen was er kriegen konnte, wenn es um Klaas ging. Aber wenn ihm die ersten sechs Monate dieses Jahres eins bewiesen hatten, dann dass er damit falsch gelegen hatte. Er brauchte Klaas‘ Nähe, ja, und ja, damit würde er sich zufriedengeben, wenn er musste. Aber er wollte mehr. Mehr als nur Klaas‘ Freund sein, mehr als das, was sie momentan waren. Mehr als Vertraute und Partner. Er wusste nicht, was genau das im Endeffekt für sie bedeuten würde, welchen Namen er dem geben könnte, aber er wollte mehr. Er wollte Klaas. Alles von ihm.

Es war befreiend und beängstigend gleichermaßen. Dieser Gedanke, dieses Wissen, dass er mit Klaas innig verbunden sein konnte, so, wie sie es jetzt waren, und er doch eine noch tiefere Ebene suchte, in die seine Rastlosigkeit ihn drängte. Es war ein Eingeständnis, das seine Wahrnehmung veränderte. Vielleicht nur minimal, wahrscheinlich unbemerkt, aber für Joko veränderte es Grundsätzliches. Er beobachtete sich selbst stärker, er reagierte anders auf Klaas und seinen Umgang mit ihm. Sie verbrachten den nächsten Tag in blindem Verständnis, in vertrauter Zweisamkeit, obwohl sie von Menschen umringt waren. Joko tauchte bewusst ab, genoss die Unkompliziertheit dieser Ebene, auf der sie sich immer schon perfekt verstanden hatten.

Das ganze Team war irgendwo zwischen verkatert und überdreht, allen voran Klaas, der über Kopfschmerzen klagte und gleichzeitig unablässig Cheap Thrills vor sich hinsang. Was als leicht nerviger Running Gag gestartet war, hatte sich über das Wochenende zu einem Lip-Sync-Video gemausert, auf das sich Joko jetzt schon freute. Nichts machte ihn glücklicher als spontane Kreativität. Das und ein lachender und singender Klaas neben ihm, der lange keinen Dreh mehr so sehr genossen hatte.

Sie waren alle zu feierwütig und angetrunken, um schon am Samstagnachmittag nach Drehschluss zurück Richtung Berlin zu fahren. Thomas Martiens stieß demnach auf wenig Widerstand, als er sie nach dem Verlassen des Geländes zu einem Feierabendbier überredete, bei dem es natürlich nicht bleiben würde. Joko ließ sich von Klaas‘ Energie mitziehen, mit ins Chaos, mit in die Katastrophe, die gar nicht so katastrophal war, je länger er Klaas ansah, dessen Augen schon das ganze Wochenende lang leuchteten. Leuchteten und ihm überall hin folgten, ein hartnäckiges Kribbeln unter seine Haut setzten, dem er sich nicht entziehen konnte. Zumindest nicht gänzlich. Aber Klaas schien trotzdem zu bemerken, dass er ihm ab einem bestimmten Punkt auswich, und dieser Punkt war ganz klar Körperkontakt.

Weder er noch Klaas tranken viel. Er vermied es, um sich selbst in Schach zu halten, und Klaas war offensichtlich nicht daran interessiert, sich abzuschießen, sondern daran, Joko zu beobachten, bis dieser dringend frische Luft brauchte und sich eilig entschuldigte.

Es dämmerte bereits, als Joko nach draußen trat und gierig die kühle Abendluft einsog. Dunkle Wolken zeichneten sich bedrohlich am Horizont ab. Er fragte sich unwillkürlich, ob die Hauptacts an diesem Abend überhaupt spielen könnten, denn das sah nach einem weiteren, heftigen Unwetter aus, das bald über sie einbrechen würde. Er war froh, dass sie den Dreh schon beendet hatten. Der Wind wurde minütlich stärker und Joko überlegte gerade, ob er nicht lieber reingehen oder zumindest seine Jacke holen sollte, als eine vertraute Stimme hinter ihm erklang.

„Kann ich?“

Joko sah verwirrt auf. Klaas stand zwei Schritte von ihm entfernt, hatte Zigarette und Feuerzeug bereits in der Hand, wartete aber auf Jokos Nicken, bevor er sie entzündete. Er wirkte ruhiger als er den ganzen Tag gewesen war. Seine Blicke waren jetzt mit unverkennbarer Schärfe auf Joko gerichtet, aber das machte ihn nicht minder nervös.

Er hielt seine Augen starr auf die Laterne ihm gegenüber gerichtet. Ein Seil hing lose daran, welches im aufbrausenden Wind rhythmisch gegen den Pfahl schlug. Jokos Herz begann, im Takt mit dem Seil zu schlagen.

„Was war das gestern?“, fragte Klaas so unvermittelt, dass alles in Jokos Kopf zu einem abrupten Halt kam.

Vorsichtig blickte er zu Klaas hinüber. „Was war was?“

„Das im Flur.“

Nicht einmal das konnte Klaas richtig aussprechen. Es war wie in einer verfluchten Quizshow mit ihm. Joko hatte es wirklich satt, sich Frage und Antwort selbst zusammenbasteln zu müssen. Er zuckte betont locker mit den Schultern und ignorierte sein nun wieder schnell pochendes Herz. „Wir waren besoffen. Wollte keinen Fehler machen.“

Ein Schatten huschte bei dem Wort Fehler über Klaas‘ Gesicht. Joko fühlte den allbekannten Impuls, sich rechtfertigen zu müssen. „Wir hätten’s beide bereut, Klaas.“

„So so, hätten wir das, ja?“, erwiderte Klaas und stieß ein raues, humorloses Lachen aus. „Schön, dass du das so entschieden hast.“

Die Irritation wuchs in Joko, wurde so penetrant, dass er sie nicht länger ignorieren konnte. „Es hätte doch eh wieder nichts bedeutet.“

Klaas starrte ihn an. Etwas in seinen Augen verschob sich, als sich sein ganzer Körper verspannte.

Joko versuchte, sich nicht davon beirren zu lassen. „So, wie auf Jamaika.“

Da war nicht nur Wut in Klaas‘ Blick. Da war vor allem Schmerz. Echter Schmerz, den Klaas nicht überdeckte. „Das kann nicht dein Ernst sein.“

„Du warst der mit dem Es ist nichts“, wehrte sich Joko.

„Du bist echt unfassbar.“

„Es waren deine Worte, nicht meine.“

„Hör auf.“

„Wieso?“

„Weil ich dachte, du kennst mich besser“, schleuderte Klaas ihm ins Gesicht und die Implikation dahinter traf Joko so sehr, dass ihm der Atem kurz stockte. Denn das ging auf sein Konto. Bei all der Scheiße, die Klaas fabriziert hatte, war Joko derjenige gewesen, der sich selbst abgesprochen hatte, Klaas zu kennen. Und das war offensichtlich eine Aussage, die Klaas mehr unter die Haut gegangen war als alles andere.

„Ich dachte immer, bei dir muss ich mich nicht krampfhaft artikulieren, weil du das meiste auch so verstehst. Das is‘ keine Entschuldigung, ich nehm‘ mich da nicht aus der Verantwortung aber fuck, Joko…“

Er kniff die Augen zusammen und fixierte Joko über seinen Zigarettenrauch hinweg. Und Joko, dem schmerzte das Herz mit jedem Schlag, weil er genau wusste, warum er damals gesagt hatte, was er nun einmal gesagt hatte. Er hatte Klaas wehtun wollen. Er hatte gewollt, dass Klaas nur für eine Sekunde den Schmerz verspürte, den er mit sich herumgetragen hatte. Er hatte in Kauf genommen, dass Klaas die Worte ernst nahm und alles hinterfragte, jeden Moment, in dem er sich Joko anvertraut hatte, jedes Bisschen, an dem er Joko hatte teilnehmen lassen. Er hatte ihn glauben lassen, dass Joko all das nicht gesehen hatte, dass er Klaas in all den Jahren nie gesehen hatte, unter der Oberfläche, ungeschützt und ehrlich. Er hatte das getan, nur für einen Moment der zornigen Befriedigung, die nicht einmal echt gewesen war, die sofort überlagert worden war von dem Stich in seiner Brust, als er die Fassungslosigkeit in Klaas‘ Augen gesehen hatte, den Verrat.

„Deiner Meinung nach hat das also alles nie etwas bedeutet, ja?“, machte Klaas weiter, zog jetzt mit wütender Intensität an seiner Zigarette, die an der Spitze wie ein feuerrotes Auge aufglomm. „Du kennst mich nicht? Mir geht alles am Arsch vorbei? War es dir nicht überzogen und öffentlich genug, als ich dich in unserer eigenen verdammten Sendung angebettelt habe, bei mir zu bleiben? Oder fandst du es besser, als ich dich nach dem Duell um die Geld nochmal darum gebeten habe, nachts in deiner Wohnung? Du denkst, das bedeutet alles nichts? Es bedeutet nichts, dass ich mich für dich entschieden habe, für uns, jedes verfickte Mal, wenn mir SAT1 eine eigene Late Night angeboten hat und ich noch nicht einmal einen Blick in die Unterlagen geworfen habe, weil du nicht dabei gewesen wärst? Es bedeutet also nichts, dass ich noch nie ein Schlafproblem hatte und mich trotzdem manchmal krampfhaft wachhalte, weil ich weiß, dass du vor bestimmten Tagen anrufst? Und manchmal rufst du nicht an und ich liege wie ein absoluter Vollidiot die halbe Nacht wach und warte auf dich. Es bedeutet nichts, nur weil ich nicht immer alles in die Welt hinausschreien muss und ich davon ausgegangen bin, dass du mich verstehst, weil du hier drin bist“, er tippte sich aufgebracht gegen den Kopf, „und hier auch?“, ein Schlag gegen seine Brust.

„All das hat nie etwas bedeutet?“

Joko zögerte, war wie vor den Kopf geschlagen. Er dachte an lange Nächte, in denen Klaas direkt drangegangen war, obwohl er eigentlich hätte schlafen müssen, Nächte wie die vor der ersten Halligalli Aufzeichnung, als Klaas anscheinend auf seinen Anruf gewartet und Joko es nur nicht begriffen hatte. Er dachte an unzählige Tage, an denen Klaas da gewesen war, um ihn zu erden. Ruhig. Beständig. Allgegenwärtig. Er dachte an kleine Gesten und lange Blicke, ruhige Momente und absolutes Chaos und immer, immer war Klaas da und hielt ihn in einer Realität, die Joko ohne ihn wohl schon lange nicht mehr verkraften würde.  „Doch. Mehr, als es sollte. Aber das hast du mir nie gesagt“, erwiderte Joko leise. Er fühlte sich eiskalt erwischt von der Wucht der Worte, mit denen Klaas gerade verbal um sich schlug. „Ich kann doch nicht hellsehen und in deinen Kopf gucken. Alles, was du mich hast sehen lassen, war das genaue Gegenteil. Hättest du mir das früher gesagt, dann—“

„Ja, was dann?“, unterbrach ihn Klaas und zog die Schultern hoch. „Hättest du da drauf reagieren können, wenn ich mich plötzlich gezwungen hätte, über Dinge zu reden, die mir unangenehm sind?“

„Vielleicht. Ich weiß es nicht.“

Wahrscheinlich nicht, dachte er.

Klaas‘ Blick flackerte unruhig über Jokos Gesicht. „Ich werd‘ nie jemand sein, der darüber sprechen will. Das weißt du. Das wusstest du immer. Und deswegen ist das alles nur meine Schuld, oder was? Das liegt nur an mir und nie an deiner Passivität und Konfliktscheu? Immer, weil ich meinen Mund nicht aufkrieg‘ und nie, weil du es nicht wissen willst? Dann sag mir doch jetzt mal klipp und klar, was ich tun soll, damit es dir genug ist. Wo ist da die Grenze? Muss ich das wieder in Songs verpacken, die du sowieso nicht hörst?“

Joko schluckte. Der letzte Satz hatte Klaas mehr wehgetan als alle anderen, das hatte er allein an seiner Stimmlage erkannt. „Klaas“, sagte er, machte einen Schritt auf ihn zu, den Klaas wiederum sofort zurückwich. Er schüttelte den Kopf.

„Nee, komm. Lass einfach. Mich kann man nicht gut kennen, danke, hab‘ ich kapiert. Aber du hättest es gekonnt, dir hätte ich immer die Chance gegeben. Dir hab‘ ich die Chance gegeben, soweit, wie ich konnte.“

Es fiel Joko schwer, sich einzugestehen, dass er es immer gewusst hatte. Klaas war aufgeschlossen und wissbegierig und charmant, aber war nicht der Typ, der seine Gefühle öffentlich zur Schau stellte oder sie offen aussprach. Klaas lebte in kleinen Gesten, wenn ihm etwas wirklich wichtig war. Klaas war an seiner Seite gewesen und hatte ihn in allem unterstützt und das sollte mehr Gewicht haben als alle Worte, die er nie gesagt hatte oder je sagen würde. Aber Jokos Kopf funktionierte anders. Jokos Unsicherheit, sein Gefühl, zu viel und zu aufdringlich zu sein, war mit jedem Schweigen von Klaas gefüttert worden und hatte sich eine eigene Geschichte gesponnen.

Und schlussendlich war es eine Kombination aus Klaas‘ Unwillen, seine Emotionen zu verbalisieren und Jokos Unfähigkeit, stumme Gesten als ausreichend und gleichwertig anzunehmen, die zu dieser kolossalen Unsicherheit auf beiden Seiten geführt hatte.

Klaas musterte ihn still, schien keine Reaktion von Joko zu erwarten, weil dieser heillos überfordert mit dem Gesagten und der Ebene dahinter war und damit das bestätigte, was Klaas ausgesprochen hatte. Sie waren beide so, wie sie waren, und wenn sie diese grundsätzliche Gegensätzlichkeit im Denken und Fühlen nicht akzeptieren konnten, würden sie immer wieder an den gleichen Punkt gelangen, aber niemals darüber hinaus.

„Ganz ehrlich, Joko“, sagte Klaas schließlich, trat seine Zigarette mit resignierter Endgültigkeit aus und wandte sich ab. „Ich versteh‘, dass du mir nicht mehr vertraust, aber ich werd‘ mich vor dir nicht zum Affen machen. Wenn du nach all den Jahren, nach den letzten Monaten, immer noch daran zweifelst, wie wichtig du mir bist, dann kann ich dir auch nicht helfen.“

Seine Worte hingen nach, auch dann noch, als er aus Jokos Blickfeld verschwunden war. Joko schob die Brille nach oben und presste die Handballen auf seine Augen. Lange. Er wusste nicht, wie lange. Er wusste nur, dass Klaas schon längst wieder nach Drinnen verschwunden war, als sich die Tür erneut öffnete und ihn dazu brachte, sich die Brille wieder auf die Nase zu setzen.

Diesmal war es Jakob. Er hielt zwei Bierflaschen in der Hand und reichte Joko eine davon. „Dachte, das könntest du gebrauchen.“

Joko bedankte sich stumm, stellte das Bier aber unberührt neben sich ab.

Ihm war schlecht.

Er wollte ins Bett und sich vergessen.

„Willst du was sagen?“

„Weswegen?“

Jakob zuckte kurz mit den Achseln. „Das sah gerade nicht nach Spaß aus.“

Joko schnaubte. An seinem Feingefühl konnte Jakob definitiv noch schrauben. „Alles zwischen mir und Klaas ist immer Spaß, weißte doch“, erwiderte er sarkastisch.

Jakob zog die Brauen so weit nach oben, dass sein ganzes Gesicht kurz wie eine gequälte Grimasse wirkte. „Joko bitte, ihr fickt doch nicht zum Spaß miteinander rum. Nicht immer noch, nicht nach fast ‘nem Jahrzehnt.“

Tun wir ja auch nicht mehr, dachte Joko, unterdrückte aber den Impuls, Jakob zu verbessern.

„Ich wüsste nicht, was dich das angeht“, sagte er stattdessen kühl. Mal wieder bereute er, Jakob im Suff davon erzählt zu haben. Er war zu der Zeit einfach zu besorgt gewesen, weil Klaas ihn so gescheut hatte. Er hatte existenzielle Sorgen gehabt, nicht gewusst, ob sie die professionelle Ebene weiterhin so mühelos halten könnten. Und an einem dieser Abende im Sommerurlaub 2015, an dem er sich den Kopf zerbrochen und bekümmert in sein Getränk gestarrt hatte, war Jakob zur falschen Zeit am richtigen Ort gewesen. Hatte behutsam nachgefragt, war ruhig geblieben, als Joko die Bombe hatte platzen lassen, hatte zugehört und mitgeplant und ihm versichert, dass sie das hinbekommen würden. Rückblickend war dieses Gespräch einer der Gründe gewesen, aus denen Joko sich entschlossen hatte, im Dezember darauf die Reißleine zu ziehen und dafür war er Jakob uneingeschränkt dankbar.

Aber Jakob war nicht Schmitti. Jakob fiel es manchmal wirklich schwer, einfach den Mund zu halten.

„Es geht mich was an, weil ihr nicht nur meine Kollegen seid, sondern meine Freunde“, gab Jakob nun ruhig zurück. „Weil ich nur das Beste für euch will. Weil ich’s verstehen will, aber nicht verstehen kann.“

„Musst du auch nicht.“

Jakob blieb für einen Moment ruhig, dann atmete er frustriert aus. „Man Joko, du liebst den doch.“

Jokos Kopf zuckte hoch. Jakobs Augen waren ein wenig geweitet, ein wenig unsicher, aber dennoch lag keine Reue in ihnen. Kurz fragte Joko sich, wie lange er diesen Satz schon zurückgehalten hatte. Und kurz, ganz kurz, fragte er sich, wie oft ihm dieser Satz schon selbst durch den Kopf geschossen war. Aber das war irrelevant. Klaas und er, das funktionierte aus gutem Grund nur unter ganz bestimmten Umständen. Und einer dieser Umstände war, nicht zu versuchen, das zwischen ihnen in eine passende Schublade zu stecken. Einer dieser Umstände war, nicht einmal in die Richtung zu denken, die Jakob gerade einschlug.

Und genau das war auch der Grund, warum man mit niemand anderem darüber reden konnte.

„Halt dich da raus, Jakob.“ Es klang leiser als geplant und Joko schob es auf den Wind, der jetzt noch stärker wehte. Das Seil an der Laterne stieß schneller gegen das Metall, nicht mehr ganz so rhythmisch wie zuvor, und erneut passte sich Jokos Herzschlag daran an. Er griff nach der Bierflasche, umklammerte sie, suchte Halt. Über ihnen kündigte sich grollend das Unwetter an.

„Ich weiß, dass du ihn liebst. Vielleicht weißt du selbst nicht, auf welche Art du es tust, oder auf wie viele verschiedene Arten, aber du tust es. Genauso, wie er dich liebt.“

Der kleine Knoten in Jokos Magen schwoll mit jedem von Jakobs Worten mehr an. Schnell setzte er die Flasche an den Mund, bekam das Bier aber kaum runter. Ihm war speiübel. Er war absolut fassungslos darüber, dass Jakob ihn ausgerechnet in einer Phase darauf ansprach, in der sie nicht miteinander schliefen und scheinbar trotzdem eine undiskutable Nähe ausstrahlten, die sich nicht verstecken ließ.

Durchatmen, erinnerte er sich.

Mit Mühe gelang es ihm, Jakob noch einmal in die Augen zu sehen. Dessen Selbstsicherheit ließ den Knoten noch einmal kräftig pochen und Joko atmete ein letztes Mal tief ein und wieder aus. „Ich weiß, dass dieses—“ er wedelte planlos mit seiner Hand an Jakobs Statur auf und ab, „Gespräch hier nur nett gemeint ist und von Herzen kommt. Das ist auch der einzige Grund, aus dem ich grade nicht ausfallend werde. Trotzdem sag ich das jetzt nur einmal: Lass Klaas und mich mal machen. Behalt‘ deine Gedanken was das angeht bei dir, die interessieren uns nämlich einen Scheiß. Nichts davon wird je Einfluss auf die Show haben, das verspreche ich dir.“

Schon wieder so ein langer, wissender Blick von Jakob. Joko ballte die Hand zur Faust, starrte stur geradeaus und nahm einen großzügigen Schluck von seinem Bier. Es ging jetzt ein wenig leichter.

Jakob klopfte ihm kurz auf die Schulter, seufzte leicht und gab dann auf. Bevor er Joko endgültig in Ruhe ließ und zurück zum Rest des Teams ging, konnte er sich aber einen letzten Kommentar nicht verkneifen. „Es hat Einfluss auf die Show. Das hat es schon lange, ihr wollt das nur nicht sehen. Und das hat nichts mit bumsen zu tun, sondern mit Gefühlen. Ihr mögt euch mehr als das Konzept es hergibt und das weiß jeder, der sich das anguckt. Und daran ist nichts falsch, aber es wird Konsequenzen haben, je länger ihr das verleugnet. Ihr werdet euch nicht ewig in euren Shows verstecken können.“

Bevor Joko etwas erwidern konnte, war Jakob schon durch die Tür gehuscht, die mit einem deutlichen Klicken ins Schloss fiel.

Minutenlang stand Joko regungslos im einsetzenden Regen und fühlte die Last der Welt, ihrer Welt, auf seinen Schultern. Jakobs Worte hatten ganz neue, ganz existenzielle Problematiken aufgerissen und er war alles andere als bereit, sich denen zu stellen.

Er war wie betäubt.

Er ging auf sein Zimmer, irgendwann.

Er zog sich um.

Er ging ins Bett.

Er starrte auf einen unbedeutenden Fleck an der Decke, während die Welt vor seinem Fenster in der Sintflut unterzugehen schien.

Es klopfte.

Mechanisch stand er auf, schaute nicht auf die Uhr, ließ das Licht aus. Das weiche Licht der Stehlampe neben dem Bad reichte ihm völlig, um sich zurechtzufinden.

Klaas stand wie ein Geist vor seiner Tür. Klein und unsicher. Mit flackerndem Blick und wippenden Füßen.

„Lässt du mich rein?“

Wind und Regen peitschte in seinem Rücken gegen die Fensterfront.

Die Welt ging unter.

Klaas war da.

Er nickte.

Ohne darüber zu reden, legten sie sich nebeneinander auf das Bett. Klaas atmete so leise, dass Joko nach ein paar Minuten fast vergessen hatte, dass er da war. Die Taubheit sickerte langsam aus ihm und machte unglücklicherweise einer so schmerzenden, allumfassenden Sehnsucht Platz, dass Joko sich das taube Gefühl sofort zurückwünschte.

Er wusste, dass Klaas auf eine Reaktion wartete, auf irgendetwas, was ihm zeigen würde, dass seine wutentbrannte Rede vom frühen Abend nicht gänzlich an Joko abgeperlt war.

Ihm fiel nichts ein.

Nichts, das dem gerecht werden würde, was Klaas gesagt hatte. Keine Lösung, kein Argument. Nur Reue über diesen einen Satz, den er Klaas im Dezember förmlich vor die Füße gespuckt hatte. Es brannte seitdem auf seiner Seele, unerbittlich und verzehrend.

„Es war falsch von mir.“

Klaas‘ Füße rutschen unruhig über die Bettdecke. „Wir müssen da nicht drüber reden.“

„Ich hätte das nicht sagen dürfen“, arbeitete sich Joko unbeirrt weiter vor. „Ich hab‘ das nur gesagt, um dich zu verletzen.“

Klaas schnaubte. „Toll, das macht’s jetzt besser, oder was?“

„Nein. Aber mir ist klar, dass ich dich kenne. Dich kennen will, so wie du mich kennst. Ich weiß das. Ich hab’s nur nicht mehr ausgehalten, ich brauchte etwas, womit ich das Feld etwas begleichen konnte.“

„Ist es für dich jetzt immer noch so? Denkst du immer noch genauso darüber wie bei der Weihnachtsfeier?“

Das war die Eine-Million-Euro-Frage. Die Frage, die Joko sich bewusst nicht stellte, weil er sie nicht beantworten konnte. Weil auf das Ja oder Nein immer ein Aber folgen würde.

„Es ist nicht mehr so wie früher“, versuchte er es zögerlich. „Es ist anders. Besser. Es fühlt sich sicherer an, so, wie es jetzt ist.“

Er fixierte den Fleck an der Decke über ihm, den er im schwachen Licht nur noch erahnen konnte. „Aber ich denke trotzdem an dich.“

Klaas erstarrte neben ihm.

Joko seufzte. „Ich vermisse dich trotzdem. Und ich weiß nicht, ob das je aufhören wird.“

Das Schweigen neben ihm fühlte sich zehn Zentner schwer an. Eine seltsame Energie schwebte zwischen ihnen in der Luft, einerseits fragil und andererseits aufgeladen wie ein Pulverfass, das jeden Moment hochgehen konnte, wenn einer von ihnen das Falsche sagte.

„Ich glaube nicht“, hauchte Klaas dann. Wieder so ein Klaas Satz, der mehr implizierte, als er eigentlich aussagte. Weil Klaas implizierte, dass er da aus Erfahrung sprach, dass er sich genauso fühlte, es aber nicht aussprach, und in diesem Moment zweifelte Joko ernsthaft daran, dass ihm dieses Herumeiern genügen würde. Rational vielleicht, aber sein Kopf war nun mal entscheidend wenig von Rationalität und eher von Gefühlen getrieben, die aus Halbsätzen und Ungesagtem immer das Schlechteste herauslesen mussten.

Joko war gerade dabei, sich seinen nächsten Satz zurechtzulegen, als Klaas dazwischenging.

„Du sitzt sowieso in meiner Brust, Joko. Ob ich will oder nicht, du bist da drin und gehst nicht mehr weg.“

Die seltenen Male, die Klaas solche Sätze sagte, klangen sie so selbstverständlich, als wären sie seit Jahren an sämtlichen Hauswänden plakatiert. Aber für Joko war das nicht so. Für Joko war das jedes Mal wie ein Tornado, der durch ihn fegte und alles auf den Kopf stellte. Für Joko war es wie das Unwetter, welches draußen tobte und sich nicht mehr beruhigen ließ.

Der Aufruhr in seinem Inneren ließ sich nicht mehr beruhigen.

„Und was jetzt?“

Klaas schwieg lange. „Ich bin hier, Joko“, wisperte er dann durch die Dunkelheit zurück. Seine Stimme zitterte. „Mehr kann…“, er schluckte, atmete mehrmals ein und aus. Joko wartete. „Mehr kann ich dir nicht geben.“

Und Joko konnte nicht mehr. Wollte nicht mehr.

Was nutzte es ihm, sein Herz zu schützen, wenn es danach noch mehr blutete als vorher?

Was nutzte es ihm, auf etwas Undefinierbares zu warten, das Klaas ihm nie geben konnte?

Nur ein Mal, mahnte er sich. Ein letztes Mal.

Er streckte die Hand aus. Hörte Klaas‘ Atem stocken, ließ sich nicht beirren, sondern fuhr mit den Fingerspitzen Klaas‘ Arm entlang. Von der Schulter bis zum Ellbogen, ganz langsam. Spürte die Gänsehaut unter seinen Fingern, als er tiefer glitt, am Handgelenk stoppte und zitternd ausatmete. Von seinen Fingerspitzen ausgehend breitete sich ein Kribbeln in seinem Körper aus, das bis in sein Innerstes vordrang. Zäh und süß gelangte die Wärme in seinen Magen, dorthin, wo bei dem Gespräch mit Jakob noch der Knoten sein Unwesen getrieben hatte. Zaghaft, sich an Klaas‘ Atmung haltend, fanden Jokos Fingerkuppen ihren Weg in Klaas Handinnenfläche. Joko stupste sie leicht an.

Auf eine verrückte Art und Weise war es das größte Risiko, das er bei Klaas je gewagt hatte. Aber Klaas ging mit. Ihre Hände glitten ineinander, langsam und vorsichtig und Joko hielt den Atem an, als Klaas‘ Daumen federleicht über seinen Handrücken fuhr. Selten hatte sich etwas intimer angefühlt als einfach hier zu liegen und Klaas‘ Hand zu halten. Den Kopf zu drehen und zu merken, dass Klaas‘ Blick längst auf ihn gerichtet war.

Sie sahen sich an.

Ganze Ewigkeiten verstrichen, wurden bedeutungslos.

Ein letztes Mal.

Joko beugte sich vor und küsste Klaas.

Klaas stieß ihn nicht weg.

Klaas küsste ihn.

Klaas küsste ihn, als hätte er jahrelang darauf gewartet. Klaas küsste ihn, als hätte er sein Leben lang nichts anderes gewollt.

Es war, als wäre ein Schalter in Joko umgelegt worden. Er packte Klaas, schob ihn auf sich, schob seine Hand in Klaas‘ Nacken und die Zunge in seinen Mund.

Klaas machte ein dumpfes Geräusch gegen seine Lippen und reines, ungefiltertes Verlangen rauschte durch Jokos Blutbahnen. In ihm riss alles auf, er wurde überschwemmt von Dingen, die er seit Jamaika krampfhaft zurückgehalten hatte. Alles loderte, fraß sich unaufhaltsam durch ihn. Das, was vorhin noch dieses Kribbeln in Joko ausgelöst hatte, setzte ihn jetzt in Brand. Klaas‘ Nähe, seine Lippen, legten alles in Schutt und Asche und Joko ging im Chaos unter und wollte trotzdem mehr.

Es war nicht genug.

Er zog Klaas enger an sich, atmete gegen seine Lippen, bebte und brachte ihre Münder wieder zusammen, offen und verzweifelt. Klaas ging mit, hielt immer noch seine Hand, eine seltsam zärtliche Geste, die in starkem Kontrast zu dem Tempo stand, mit dem Joko jetzt versuchte, ihm das T-Shirt vom Körper zu reißen, nur um ihre Lippen direkt wieder aufeinander zu pressen. Er ließ sie beide kaum zu Atem kommen, entledigte sich seines eigenen Oberteils und küsste Klaas wieder und wieder, fast panisch. So, als würde Klaas sich in Luft auslösen, sobald er einen Millimeter Abstand nahm.

Jokos Küsse waren fiebrig, aber er konnte nicht anders. So lange hatte er mit sich gekämpft, so lange hatte er alles in sich zurückgehalten. Aber das hier war seins. Das gehörte ihm. Das würde ihm niemand mehr nehmen, weil der Einzige, der das jemals gekonnt hätte, Klaas gewesen war. Und Klaas stieß ihn nicht von sich. Klaas drehte seinen Kopf nicht weg. Klaas setzte sich nur leicht auf, legte die Hand an seine Wange und löste die Lippen kurz von seinen. „Durchatmen, Winti“, flüsterte er. Sanft. Beinahe liebevoll.

Aber Joko schüttelte nur den Kopf. Er wollte nicht durchatmen. Er wollte keine Pause machen und sich bewusstwerden, was er da eigentlich tat. Er wollte Klaas spüren, alles von ihm, solange er konnte. Er wollte sich nicht mit Stolz und Vernunft herumschlagen müssen, wenn es doch so viel klarer und einfacher war, sich dem Wollen hinzugeben.

„Bitte.“

Ein deutlich wahrnehmbarer Schauder fuhr durch Klaas‘ Körper. Er suchte den Augenkontakt mit Joko, sah ihn durchdringend an. Joko wusste, dass er versuchte, die Beherrschung zu behalten, aber er wusste auch, dass er seinen Verstand verlieren würde, wenn er sich jetzt von Klaas lösen musste. Er zog ihn erneut an sich, verband ihre Lippen miteinander, wollte dieses Gefühl der Innigkeit für immer in sich einschließen und nicht mehr loslassen.

„Das ist—“, Klaas keuchte, als Joko seine Unterlippe sanft zwischen die Zähne zog, bevor er ihn erneut küsste, tief und wollend. Er riss den Kopf ein Stück zurück und rang nach Atem. „Das ist eine richtig schlechte Idee.“

„Bitte. Nur heute“, murmelte Joko gegen seine Lippen, erteilte ihnen eine Absolution, die wohl eher eine verzweifelte Rechtfertigung war als ein wirklicher Grund.

Klaas schien jedoch nicht mehr zu brauchen, er nickte kaum merklich, rieb seine Nase sanft gegen Jokos und stieß zitternd die Luft gegen seine Lippen aus. „Nur heute.“

Joko lächelte, fühlte die Wärme in sich pochen, fühlte, wie sein Herz raste, als ihre Münder kollidierten, hungrig und erhitzt. Das Gefühl von Klaas‘ Lippen auf seinen, von ihren Zungen, die sich gegeneinanderpressten, rauschte erneut durch ihn, bis ihm ganz flau im Magen wurde.

So war es noch nie gewesen.

Sie hatten sich noch nie so lange geküsst, so bewusst in dem, was sie taten.

Es fühlte sich fast normal an.

Benebelt vor Verlangen wanderten Jokos Hände an Klaas‘ nacktem Oberkörper entlang, hinterließen eine Gänsehaut an den Stellen, an denen seine Fingerkuppen auf Klaas‘ Haut trafen. Fasziniert öffnete Joko die Augen, zog seinen Kopf ein Stück zurück und beobachtete Klaas‘ Reaktion auf seine Berührungen. Gebannt betrachtete er, wie sich die Brust hob und senkte, ein wenig schneller und unregelmäßiger, sobald er seine rechte Hand flach darauf presste.

Zwei vertraute Finger hoben sein Kinn an und wie von selbst glitten seine Augen hoch, um dort auf die von Klaas zu treffen. Atemlos und stumm starrten sie sich an, warteten auf die Explosion, ohne es zu wagen, sie eigenhändig auszulösen. Vorsichtig winkelte Joko seine Beine an, damit Klaas besser dazwischen Platz finden konnte. Klaas‘ Knie fanden ihren Platz rechts und links von Jokos Hüfte und mit einem letzten Blick auf den Mann unter ihm ließ sich Klaas auf seinen Schoß sinken. Heiß und zielsicher schoss Joko die Lust in die Lenden, er hörte Klaas schnaufen und sich ihm entgegenlehnen und dann lagen ihre Münder wieder übereinander. Und plötzlich war Klaas überall.

Plötzlich ging es ganz schnell. Klaas küsste ihn dringlich und ungeduldig, hob sein Becken ein Stück an, damit er an Jokos Gürtelschnalle nesteln und zerren konnte. Für ein paar Minuten war Joko beinahe unfähig, irgendetwas wahrzunehmen oder gar zu verarbeiten. Bevor er verstanden hatte, dass Klaas ihm Hose und Boxershorts von den Beinen gezerrt hatte, war der schon längst zu seiner eigenen Kleidung übergegangen. Und bevor Joko wusste, wie ihm geschah, presste sich Klaas‘ nackter Körper an seinen. Unwillkürlich streckte er sich Klaas ein wenig entgegen, der ihm daraufhin gegen den Mund lächelte und seine Fingerspitzen in den kurzen Haaren hinter Jokos linkem Ohr vergrub.

Joko schlang die Arme um Klaas‘ Nacken, um ihn noch ein Stück näher zu ziehen. Ein Gedanke durchzuckte ihn, glasklar und bestimmt. Er wollte es richtig machen, besser als die letzten Male. Er wollte nichts überstürzen und nur seine Erregung befriedigen. Er wollte bei Klaas sein, ganz nah, so, wie er es nur konnte, wenn sie so waren wie jetzt. Er wollte nicht aufhören, ihn zu küssen, so, wie er es jetzt tat. Er wollte ihnen die Zeit lassen, nur heute, nur einmal, um ganz abzutauchen und nicht an morgen zu denken.

Klaas schien ihn wie immer stumm zu verstehen. Egal wie oft sie Probleme gehabt hatten, verbal miteinander zu kommunizieren, stumm und körperlich hatten sie es schon immer gekonnt. Da ging es wie von selbst. Da musste Joko nicht nachdenken, wie Klaas reagieren würde, wenn er mit dem Zeigefinger langsam seine Wirbelsäule hinabfuhr und ihm über den Hintern strich. Da wusste er genau, dass Klaas‘ Atem ins Stocken geraten würde, bevor seinem Mund ein leises Stöhnen entkam, wenn Jokos Fingerspitze zum ersten Mal vorsichtig über seinen Damm strich, weil er diesen Moment am meisten liebte. Joko kannte Klaas auf so eine intime, selbstverständliche Weise, dass er nahezu jede körperliche Reaktion von ihm vorhersehen konnte. Es war eine Art der Nähe, die durch nichts ersetzt werden konnte und die er schmerzlich vermisst hatte, ohne es vollständig verstanden zu haben.

Mit etwas mehr Druck fuhr Jokos Finger tiefer, presste von außen gegen Klaas‘ Prostata, und Klaas riss seinen Kopf hoch, stützte sich mit den Händen auf Jokos Brust ab und warf ihm einen so lodernden Blick zu, dass Jokos Schwanz beim bloßen Anblick erregt zuckte. Die Hand, die sich im nächsten Moment um seinen Schaft legte, war fahrig und trocken und doch so intensiv, dass Joko kurz die Augen schließen und sich sammeln musste. Er versuchte, sich auf seinen Finger in Klaas‘ Spalte zu konzentrieren, umkreiste neckend den Eingang und konnte ein kurzes, triumphierendes Grinsen nicht verstecken, als Klaas wieder keuchend nach vorne kippte und seine Lippen suchte.

An das Küssen könnte Joko sich verdammt schnell gewöhnen. An Klaas‘ Mund, der sich automatisch gegen ihn öffnete und ihm entgegenkam, feucht und voller Hitze.

„Klaas“, hauchte er gegen die weichen Lippen. „Mein… meine Tasche.“

Klaas nickte sofort, tastete blind nach dem Innenfach von Jokos Tasche, die direkt am Fuß des Bettes lag. Kurz lag er quer über Jokos Körper, den Rücken gestreckt, und Joko fuhr überfordert mit der Hand über die zuckenden Muskeln seiner Schultern. Alles an Klaas war schön, schoss es ihm unpassenderweise durch den Kopf. Jeder Zentimeter, jedes Muttermal, jede Unebenheit. Er mochte Klaas so, wie er gerade war, über ihm, ohne zu fokussiert oder gehemmt zu sein. Bestimmend, aber mit genügend Sicherheit, um sich treiben lassen zu können und Joko seine Freiheit zu geben.

Das Öffnen der Tube riss ihn ruckartig aus seinen Gedanken. Klaas saß wieder auf ihm, hatte sich aufgerichtet und seine eigenen Finger mit Gel benetzt. Joko öffnete verblüfft seinen Mund, um zu protestieren und Klaas schien nur darauf gewartet zu haben, denn er grinste dreckig und schob Joko die Kondomverpackung zwischen die Lippen. Völlig überrumpelt und mit einem erneuten, deutlichen Schub der Erregung sah Joko mit an, wie Klaas sich ein paar Zentimeter vorbeugte, sodass sich ihre Schwänze berührten, und den Finger ohne Zögern in sich schob.

„Klaas“, nuschelte Joko überfordert, während sich sein Unterleib beinahe unerträglich heiß zusammenzog. Klaas hatte die Augen geschlossen und das Gesicht leicht verzogen, sein Becken ruckte leicht vor und zurück. Die Lippen öffneten sich einen Spalt, als er geräuschlos ausatmete, und Joko war einige Sekunden gänzlich gebannt von der Anmut und Sinnlichkeit, mit der Klaas sich auf ihm bewegte. Wie von selbst wanderte seine Hand über ihre Erektionen, bis Klaas zischte und seine Augen aufschnappten, dann vorbei an Klaas‘ Hüfte, um sich zu den Fingern zu gesellen, die für seine geröteten Wangen verantwortlich waren. Unter Klaas‘ brennendem Blick drang Joko mit seinem Finger in ihn ein, spürte Klaas‘ Zeigefinger direkt neben seinem, hörte das ungläubige Stöhnen, das den Raum erfüllte. Als gehörten sie zu ein und derselben Hand stießen sein und Klaas‘ Finger tiefer, bis sie fanden, was sie gesucht hatten. Klaas zuckte um sie herum und Joko griff automatisch nach seiner Hüfte, um ihn stillzuhalten.

Sie fanden einen gemeinsamen Rhythmus, mühelos und vertraut. Sie sahen sich an, durchdringend und mit nacktem Verlangen. Klaas‘ Becken glitt immer noch langsam über Jokos Schritt, von ihren Fingern weg und ihnen dann wieder entgegen. Joko merkte erst, dass er immer noch das Kondom zwischen den Lippen hatte, als er erstickt und dumpf dagegen stöhnte. Klaas hauchte ihm ein zitterndes Lachen entgegen, bevor Joko ihn nur mit einem weiteren Blick wieder näher an sich bat, damit er ihn küssen konnte. Klaas erlöste ihn, indem er die Verpackung in seine freie Hand nahm und ihre Münder sich trafen. Jokos Herz hüpfte verräterisch.

Sie blieben so.

Blieben so, als sie die Finger aus Klaas zogen und dieser routiniert die Verpackung aufriss. Küssten sich, als Klaas Joko das Kondom überstreifte und ihn gelbefeuchtet und mit viel Druck massierte, bis Joko ihn warnend in die Seite kniff. Hielten sich aneinander fest, als Jokos Erektion an seinem Damm entlangstrich und Joko seine Hand zur Hilfe nahm, um sich zu positionieren und vorsichtig in ihn zu gleiten. Klaas kontrollierte das Tempo, ließ sich langsam, aber ohne Unterbrechung auf ihn sinken und seine Zunge flatternd über Jokos Lippen wandern. Jokos Hände gruben sich reflexartig in Klaas‘ Arsch, ein hilfloser Laut drang aus einer Kehle, da er eng und heiß von Klaas umschlossen wurde und dessen Becken schließlich wieder auf seins traf, als Joko vollends in ihm verschwunden war.

Einen Moment verharrten sie in der Position. Klaas hatte die rechte Hand zur Faust geballt und neben Jokos Kopf auf das Bett gestützt, während er ihm mit der Linken durch das verschwitzte Haar strich. Joko starrte zu ihm hoch, überließ Klaas die Kontrolle darüber, wann er sich bewegen durfte, und genoss das bloße Gefühl, in ihm zu sein. Konnte es sich gar nicht mehr anders vorstellen, wusste nicht mehr, wie es war, von Klaas getrennt zu sein.

Klaas begann achtsam, sich auf ihm zu bewegen. Joko konnte spüren, wie tief er wirklich in Klaas war, noch tiefer als er es sonst gewesen war, wenn Klaas unter ihm lag. Er ließ Klaas die Zeit, die er brauchte, um sich an das Gefühl zu gewöhnen, blieb passiv und kam ihm nicht entgegen. Stattdessen legte er seine Hände auf Klaas‘ Oberschenkel und strich sanft über die Haut. Die Beinmuskeln bewegten sich unter seinen Fingern, als Klaas sich nun ein wenig aufrichtete, um sich gleich darauf wieder auf ihn sinken zu lassen. Jokos Schwanz zuckte aufgeregt und ihm schwappte unwillkürlich ein Raunen über die Lippen, denn das hier, das war neu. Klaas‘ vibrierende Muskeln, die er ertasten konnte, seine Bewegungen, die immer selbstbewusster wurden und seine eigene Untätigkeit, die ihn nicht darauf vorbereitete, wann Klaas sich erneut auf ihm niederließ, das machte ihn viel zu sehr an. Er ließ sich von dem Gefühl treiben, ließ Klaas machen, ließ ihn unruhiger werden, lauschte den leisen Lauten. Sanft krallten sich Jokos Nägel in die Innenseiten von Klaas‘ Schenkeln, während er den Anblick des Mannes über ihm in sich aufsog. Urplötzlich waren Klaas‘ Hände zurück auf seiner Brust, drückten ihn tiefer in das Bett und brachten ihre Gesichter wieder näher zueinander.

„Würdest du dich jetzt endlich mal bewegen“, knurrte Klaas ungeduldig an seinem Kinn, schabte mit den Zähnen über Jokos empfindliche Haut und holte sich zufrieden das nächste Keuchen ab. Instinktiv kam Joko ihm beim nächsten Stoß entgegen, vergrub sich tief und heftig in ihm und konnte das Beben von Klaas‘ Körper bis in die Fingerspitzen spüren, die sich jetzt in Jokos Brust krallten. Klaas stützte sich an ihm ab, bog seinen Rücken durch und stöhnte laut auf. Joko fühlte sich high von der Lust, die durch ihn waberte und ihn einnahm, die sich mit jeder Sekunde stärker in eine alles umfassende Gier umwandelte, als er seine Hände zurück zu Klaas‘ Hintern führte und dessen Becken grob auf seins presste. Wie von selbst übernahm er das Ruder, aus Klaas‘ umsichtigen Bewegungen wurden bestimmte Stöße, mit denen Joko sich in ihn trieb.

Der Körper über ihm erzitterte und spannte sich an, behielt Jokos vorgegebenen Rhythmus jedoch bei und nahm ihn an. Klaas keuchte, stöhnte, glitt seinem Becken entgegen, da die Spitze von Jokos Schwanz nun offensichtlich seine Prostata stimulierte, und Jokos Blick bohrte sich in ihn. Er konnte sehen, dass Klaas nicht mehr viel brauchte.

„Fass dich an“, flüsterte er Klaas entgegen, dessen Augen sich bei den Worten weiteten und die seinen suchten. Joko stieß zu, nickte, leckte sich die Lippen. Er konnte sich nicht sattsehen an dem Anblick, den Klaas ihm bot, konnte sich nicht sattdenken an der Vorstellung, wie die Gier wie ein gleißender Blitz durch Klaas‘ Körper fuhr, wann immer er richtig traf.

„Ich komm gleich, Joko“, warnte Klaas atemlos, während seine Hand Jokos Worten wie von selbst Folge leistete und sich in Richtung seines Schrittes bewegte.

Joko nickte erneut. „Fass dich an“, wiederholte er rau, ohne seine Bewegungen einzustellen. „Für mich, Klaas.“

Überfordert schloss Klaas die Augen und die Hand zur Faust um sich selbst, ruckte auf Jokos Schoß vor, seiner Hand entgegen, und zurück, damit Joko sich tief in ihm vergraben konnte, wieder und wieder. Er schien völlig in seine eigene Welt abgetaucht zu sein, hielt die Augen geschlossen und die Finger seiner rechten Hand direkt auf Jokos Herzen, welches bei dem Gedanken noch heftiger in seinem Brustkorb donnerte. Klaas war so, wegen ihm. Klaas fühlte so, wegen ihm. Klaas würde kommen, wegen ihm. Nur für ihn.

Er sah Klaas dabei zu, wie er sich hektisch rieb, zuckte, nach Luft schnappte und auf Jokos Bauch spritze, und sein Herz tobte dabei. Sein Herz pumpte mehr Wärme als Lust durch seinen Körper, als er Klaas in all seiner Ungehemmtheit beobachten durfte. Seine Stöße wurden langsamer und bedachter, obwohl sein Schwanz immer noch in Klaas pulsierte und anschwoll, mehr Reibung wollte. Bei Joko schlug die Erkenntnis ein wie ein Donnerwetter, ein Gedanke, der alles andere als neu war und ihn trotzdem immer wieder aufs Neue aus der Bahn warf. Er hatte nie jemanden mehr gewollt als Klaas. Klaas, der sich bebend mit seinem Körper an ihn schmiegte, bis sie Brust an Brust waren, die Muskeln jetzt weich und entspannt, die Finger tastend über Jokos Schultern streifend. Klaas, der ihm einen kurzen, fast unsicheren Blick zuwarf und ihn dann in einen sanften Kuss zog.

Jokos Verlangen prallte auf Klaas‘ Zärtlichkeit, ließ ihn hilflos in den Kuss keuchen, den Klaas nicht unterbrach, sondern nur intensivierte. Seine Mundwinkel zuckten leicht, bevor er Jokos Lippen mit seiner Zunge auseinanderstieß und sich feuchten Einlass gewährte. Jokos gesamter Körper spielte verrückt, er war irgendwo gefangen zwischen einer erneuten Welle an Gier, weil er immer noch hart war, und dem flammenden Gefühl, das ihm beim Kuss durch die Brust zog. Und er wusste nicht mehr, ob diese Gefühle miteinander vereinbar waren oder nicht, und noch weniger wusste er, ob es ihn überhaupt kümmern sollte.

Klaas hauchte Küsse auf seinen Mundwinkel, umfasste sein Kinn und drehte es ein Stück zur Seite, um mit den Lippen über seine Wange zu fahren, bevor sich seine Zunge an Jokos Ohrläppchen verirrte. „Ich weiß, dass du mich ficken willst“, raunte Klaas in sein Ohr. Er ließ sein Becken verführerisch kreisen, spannte sich um Joko herum an und lachte über dessen erneut hilfloses Keuchen.

„Komm schon, Joko“, triezte Klaas ihn weiter, war so wunderbar entspannt und offen und alles für ihn. Alles nur für Joko. Und dem rann die Selbstkontrolle wie feiner Sand durch die Finger, als er sein Becken hochstieß und anfing, Klaas fahrig und hektisch zu nehmen. Die Realität schrumpfte zusammen auf eine Reihe nicht enden wollender Stöße und dem immerwährenden Gefühl, in Klaas zu sein. Klaas überall spüren zu können, auf ihm, an seiner Brust, in seiner Brust. Er konnte Klaas‘ hitzigen Blick auf ihm spüren, die Hände, die sein Gesicht umfassten und ihn nah bei sich hielten.

Er fickte Klaas schnell und küsste ihn dann langsam. Wollte nicht, dass es endete und unterbrach sich immer wieder selbst. Trieb sich in Klaas, bis er nicht mehr konnte und stoppte dann abrupt, um ihre Münder wieder zusammenzuführen. Klaas schien verrückt zu werden, obwohl er schon gekommen war, wisperte unverständliche Worte gegen seine Lippen, feuerte ihn mit seinen wimmernden Lauten an und stöhnte dann frustriert, wenn Joko seine Stöße verlangsamte. Als Joko ein weiteres Mal pausieren wollte, schüttelte Klaas entschlossen den Kopf.

„Vergiss es“, brummte er, spannte seine Muskeln um ihn an und rutschte ihm grob entgegen. Küsste ihn tief und mit viel Zunge und Joko konnte es hinter seinen geschlossenen Lidern brennen spüren, als er sich aufbäumte und er sich mit zitternden Beinen und zuckenden Bewegungen in der Enge ergoss. Blind griff er nach Klaas, presste ihn an sich, atmete stoßweise gegen dessen Lippen und war minutenlang unfähig, irgendetwas außer seinem Becken zu bewegen, während sein Herzschlag sich langsam wieder normalisierte.

Das nächste, was Joko wahrnahm, waren Klaas‘ Finger, die ihm über das verschwitze Gesicht strichen. „Du bist bekloppt, Wintimann“, nuschelte er und Joko schnaufte, weil er zum Lachen noch nicht fähig war. Klaas‘ Mund strich ein letztes Mal flüchtig über seine Wange, bevor er sich vorsichtig von ihm löste und von Joko herunterkletterte, um ihm das Kondom abzustreifen und sie grob zu säubern.

„Willst du dir was anziehen?“

Joko schüttelte den Kopf. Seine Augen blieben geschlossen. Mit plötzlicher Wucht überfiel ihn die panische Angst, dass Klaas jetzt gehen würde. Dass sich nichts geändert hatte und er die restliche Nacht in einem erkaltenden Bett mit noch kälteren Gedanken verbringen musste und er konnte nicht einschätzen, ob er das ein weitere Mal aushalten würde.

Die Matratze bog sich leicht unter Klaas‘ Körper. Joko hielt die Luft an. Nichts bewegte sich.

Klaas würde gehen.

Klaas würde gehen und diesmal würde Joko sich nicht mehr zusammenflicken können. Diesmal würde er sich einrollen und nie wieder aufstehen.

„Rutsch mal ein Stück“, raunte eine leise Stimme in seiner Nähe.

Erleichterung durchflutete Joko mit einer solchen Heftigkeit, dass ihm ein kalter Schauer den Rücken herunterfuhr. Er tastete nach Klaas‘ Hand, zog ihn an sich und vergrub das Gesicht in seinem Nacken.

Klaas ging nicht.

Klaas blieb.

Jokos Lippen bebten, als er einen kleinen Kuss auf die entblößte Haut unter Klaas‘ Haar drückte.

„Alles okay?“, fragte Klaas unsicher.

Joko nickte, schmiegte sich an ihn, umschlang den Körper mit seinen Armen und presste ein Bein zwischen Klaas‘ Schenkel. Klaas murrte halbherzig, machte aber keine Anstalten, vor ihm zurückzuweichen. Er war der Erste, der einschlief. Joko vernahm seine tiefen Atemzüge, nachdem er sich ein paar Minuten lang nicht mehr gerührt hatte. Joko hielt ihn. Er hielt ihn die ganze Zeit, die ganze Nacht. Es war nicht einfach zwischen ihnen gewesen, seit Jamaika nicht mehr, seit dem Kuss. Sie hatten so viel zerstört, zwischen ihnen, um sie herum. Klaas hatte ihm Wunden zugefügt, die tiefer gingen als alles, was Joko je erlebt hatte.

Und jetzt lag er hier bei Joko, in seinen Armen, und Joko hielt ihn trotzdem.

Er konnte nicht anders.

Er wollte nicht anders.

Das mit ihnen, das würde nie einfach sein. Und trotzdem waren sie es wert. Ihre Partnerschaft, ihre Shows, ihre Welt, das alles machte jeden Streit und jeden Schmerz nichtig. Alles, was Klaas ihm gab, ließ ihn das vergessen, was er ihm nicht gab.

Und vielleicht war es das.

Vielleicht konnte er Klaas nicht mehr geben als das. Und vielleicht konnte Klaas ihm auch nicht mehr geben. Vielleicht ging es nur so, nicht anders.

Vielleicht würde es genug sein. So, wie es war.

Es mochte nicht die beste Lösung sein und eventuell würden sie es beide bitter bereuen, aber als Joko seinen Arm um Klaas‘ Hals legte und ihn noch ein wenig näher an sich zog, fiel ihm kein verdammter Grund ein, der gut genug war, um auf einen schlafenden Klaas in seinen Armen zu verzichten. Er wusste nicht, was als nächstes kam, aber er wusste, was er wollte.

Er wollte Klaas.

Er brauchte Klaas.

Er liebte Klaas.

Und bevor der Schlaf ihn gänzlich in Gewahrsam nahm, beugte er sich vor.

Und küsste Klaas.




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