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Tausendmal Berührt [Teil I]

von ninarina
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf
14.06.2021
29.01.2022
20
134.433
112
Alle Kapitel
145 Reviews
Dieses Kapitel
11 Reviews
 
29.10.2021 6.002
 
Danke für Eure Rückmeldung zum letzten Kapitel, ich weiß, es war keine leichte Lektüre. Wir sind jetzt bei über 70 Reviews und ich bin immer noch ein wenig baff deswegen. Krass, was aus diesem kleinen Projekt mittlerweile alles entstanden ist.


Mein Herz hängt an diesem Kapitel. Mein Herz hängt an diesen Charakteren und ihrer Beziehung zueinander. Ich habe mein heißgeliebtes Konzept durchbrochen und bin gleichzeitig zurück zum Ursprung gegangen. Es war so aufregend, nach so vielen Kapiteln (quasi) wieder bei Null anzufangen. Es ist viel näher an meiner eigentlichen Art zu schreiben und doch fühlte es sich im Kontext dieser Geschichte völlig neu an. Ich bin so gespannt, was ihr davon haltet.


Jokos Teil musste ich leider separieren, weil ich keine 10.000 Worte in ein Kapitel packen wollte, aber eigentlich gehören die beiden Sichten zusammen. Der kommt dann eben als Nächstes, und daran hängt mein Herz genauso sehr.




Part 14: You Look So Happy When I’m Not With You




You could have asked me why I broke your heart

You could’ve told me that you fell apart

But you walked past me like I wasn’t there

And just pretended like you didn’t care

(Save Your Tears by The Weeknd)




Berlin, Frühjahr 2016



Es passierte nicht mehr.

Es passierte… nichts.

Klaas hatte selten eine solch erschütternde Unsicherheit empfunden wie in dem Moment, in dem er Joko nach wochenlanger Pause und Funkstille wieder unter die Augen treten musste. Doch es passierte nichts. Sie sahen sich, nickten sich einmal kurz zu und dann ging es weiter. Die Welt ging nicht unter. Die Arbeit ging weiter. Es war Januar, es wurde für das neue Jahr geplant. Allen voran die Planungen für die nächste Halligalli Staffel und die Konzeption der Besten Show der Welt, die im Frühjahr anlaufen sollte, hielten sie auf Trab. Sie drehten viel und schliefen wenig. Die erste Aufzeichnung kam unaufhaltsam näher und Klaas wusste, dass sie ein Wegweiser für das folgende Jahr werden würde. Niemand wollte eine annähernd angespannte Stimmung wie zuletzt, aber unauthentisch durfte es auch nicht sein.

Klaas bereitete sich vor, war präzise und sorgfältig in den Proben und Joko vergeigte jeden Einsatz, verschluderte die Gags und lachte so penetrant, dass Thomas sich die Haare raufte. Klaas war genervt und doch erleichtert, denn damit konnte er arbeiten. Er wusste genau, wie er darauf zu reagieren hatte, wie er sich auf diesen Joko einstellen konnte. Und so brachten sie den Staffelauftakt ohne große Probleme über die Bühne.

Die Welt ging nicht unter.

Es passierte überhaupt nichts.

Kurz fragte sich Klaas, ob er sich die letzten Monate vielleicht nur eingebildet hatte.

Joko war gut gelaunt und motiviert und blödelte mit Jack Black, als wäre der Moment bei der Weihnachtsfeier nie passiert. Klaas wollte es nicht persönlich nehmen, er wollte es ihm nicht nachtragen und scheiterte dennoch grandios daran, den Impuls zu unterdrücken, eine Reaktion aus Joko zu kitzeln. In den Pausen und hinter den Kulissen trieb er sich in seiner Nähe rum, beobachtete ihn aufmerksam, versuchte, Anzeichen dafür zu finden, dass Joko die ganze Situation auch so nahe ging wie Klaas.

Aber er fand sie nicht.

Joko gab ihm kollegial die Hand, als sie sich auf der Bühne von dem Publikum verabschiedeten und wandte sich dann ab, sobald das kleine Licht der Kameras erlosch.

„Das war doch gar nicht so eine Katastrophe, wie Schmitti uns prophezeit hat“, witzelte Klaas lahm.

Joko würdigte ihn keines Blickes. Er lief einfach an ihm vorbei. Und Klaas hielt dieses Schweben im Nirgendwo nicht länger aus. Er packte Joko am Arm. Ihre Augen trafen sich, kurz und brennend.

„Joko, bitte“, wisperte Klaas, die Stimme ganz rau und belegt.

„Lass mich los, Klaas.“ Jokos Stimme war nicht rau. Sie war ruhig, ruhig und kalt. Klaas ließ seine Hand fallen, als hätte er sich verbrannt. „Ich hab‘ dir gesagt ich will das nicht mehr, und ich hab‘ es so gemeint. Das wolltest du doch immer. Privat keinen Kontakt.“

Er schleuderte ihm den Satz förmlich entgegen. Das, was sie in Interviews sagten, um sich neugierige Journalisten vom Hals zu halten. Das, was sie manchmal spaßeshalber in der Firma sagten, wenn sie gefragt wurden, ob sie sich am Wochenende gesehen hatten.

Privat keinen Kontakt.

Joko schob sich an ihm vorbei, holte zu Jakob auf und schlang ihm den Arm um die Schultern. Jakob sagte etwas und Joko warf den Kopf zurück, lachte laut und unbeschwert. Das war kein falsches Lachen. Das war echt. Joko ging es gut, besser, als es ihm monatelang gegangen war, nach Jamaika. Joko ging es gut, seit er sich nicht mehr von Klaas runterziehen ließ. Joko blühte auf, weil er ohne Klaas‘ Einfluss er selbst sein konnte.

Und war es nicht das, was Klaas immer gewollt hatte? War es nicht genau dieser Joko, den er zurückholen wollte, als er es immer schlimmer gemacht hatte? Hatte er nicht das gesucht? Diesen Joko? Bestätigte das nicht alles, was Klaas je gedacht hatte?

Klaas ließ ihn gehen. Er ließ ihn gehen und er ließ es zu, dass es in seiner Brust zog und brannte, weil es keinen Sinn machte so zu tun, als würde dieses Gefühl des Verlustes nicht in ihm sein und ihn auffressen. Eine Hand legte sich auf seine Schulter. Die Berührung beruhigte das leichte Zittern in seinem Körper und er wusste, dass es Thomas sein musste.

„Bist du okay?“, fragte er leise. Nicht vorwurfsvoll, sondern mitfühlend.

Klaas schluckte. Schloss die Augen. Schüttelte den Kopf. „Gar nichts ist okay.“

Schmitti schwieg lange, dann drückte die Hand leicht zu. „Komm Klaasi, wir gehen rauchen.“

Und Klaas ging.


x



Sie mussten sich neu finden. Für Klaas fühlte es sich ein wenig so an, als wäre ihr gesamtes Konstrukt in sich zusammengefallen und hätte einen Berg an Schutt zurückgelassen, den es galt, zu beseitigen, bevor sie neu anfangen konnten. Nur ihr Fundament, das stand noch. Daran konnten sie sich mühsam entlanghangeln. Ihr Fundament, das waren ihre Shows, allen voran Circus Halligalli. Das sorgte dafür, dass sie sich Tag für Tag in den denselben Raum setzten, mit demselben Team dieselben Sachen besprachen, verschiedene Konzepte vorschlugen und im Endeffekt dieselbe Meinung teilten. Was das anging, hatten sie sich immer blind verstanden. Das ging tiefer als jeder Streit, das existierte schon länger als jede Wunde, die sie sich über die Jahre zugefügt hatten.

Sie retteten sich in das Berufliche, in ihre Beziehung vor der Kamera, und das war okay. Das war etwas, was sie beide konnten, was sie beide wollten. Da waren sie frei, da existierte nichts, was wichtiger war, als dass sie sich den Rücken stärkten. Es war Ablenkung und Befreiungsschlag gleichermaßen und Klaas konnte seine eigene Erleichterung darüber kaum verarbeiten, dass Joko und er das hinbekamen; dass sie ihre Shows nicht nur abarbeiteten, sondern wieder genießen konnten. Ihr Miteinander blieb echt, bei jeder Moderation, bei jedem Dreh. Sie nervten sich, sie lachten miteinander, sie hielten zusammen.

Vor der Kamera wurde es eher besser als schlechter. Es war, als würde jegliche negative Energie und Anspannung ihre Körper verlassen, sobald sie drehten. Dann spürte Klaas diese aufrichtige, wirkliche Nähe zu Joko so deutlich, dass er danach süchtig werden konnte. Sie wurden wieder sanfter miteinander, selbstverständlicher im Umgang; je mehr Wochen ins Land zogen, desto mehr verstanden sie, dass sie ihre berufliche Ebene und dieses Verständnis zueinander zu gehören nicht verlieren würden.

Umso komplizierter war für sie der Umgang in den Momenten dazwischen. Von kleinen Sachen wie Begrüßungen bis hin zu größeren Ereignissen wie dem gemeinsamen Reisen nach London wurde Klaas immer wieder daran erinnert, dass da jetzt eine unüberbrückbare Distanz zwischen ihnen herrschte, die er früher mit körperlichem Kontakt zu überwinden gewusst hatte. Jetzt musste er die Unruhe in sich aushalten, konnte das Unbehagen manchmal ganz deutlich in Jokos Gesicht lesen und wusste nichts damit anzufangen. Darüber zu reden erschien ihm zu groß, da sie sich ohnehin wieder streiten würden. Joko nahe zu kommen war ein absolutes Tabu, das hatte dieser bei ihrem letzten Mal überdeutlich gemacht und Klaas hatte das zu respektieren.

Aber er vermisste ihn.

Die Wochen zogen ins Land, im Rahmen ihrer Shows verstanden sie sich fantastisch, das Feedback von Firma und Fans war zufriedenstellend und Klaas konnte kaum glauben, dass sie das nach der ganzen Scheiße der letzten Monate wirklich geschafft hatten.

Aber er vermisste Joko.

Und Joko, so viel war offensichtlich, vermisste ihn nicht. Nicht so tiefgehend, nicht so, dass es schmerzte. Joko war befreit, Joko fühlte sich sichtlich wohl in ihrer neuen Dynamik und ging darin auf.

Es sollte Klaas nicht wehtun, ihn so zu sehen, weil es das Richtige für sie beide war. Joko war im richtigen Moment gegangen, war ehrlich gewesen und hatte dieses Kapitel hinter sich gelassen. Ein bisschen war es genauso, wie Klaas es immer befürchtet hatte: Joko hatte irgendwann genug gehabt, war weitergegangen und Klaas hing als Einziger im völligen Nichts, weil er in der ganzen Sache viel zu tief dringesteckt hatte. Klaas blieb in ihrer Welt, immer, zu jeder Zeit, und Joko baute sich einfach eine neue. Eine nur für sich, die Klaas ab und zu besuchen durfte. Aber bleiben, das durfte er nicht. Und so durfte er auch nichts sagen, als die Schatten unter Jokos Augen nach durchzechten Partynächten dunkler wurden, seine Stimme immer öfter heiser und angeschlagen war und er in der Firma Fetzen von Geschichten aufschnappte, die ein anderes Bild von Joko zeichneten als das, was dieser ihm vermitteln wollte. Das war Teil von Jokos Welt, auf die Klaas‘ keinen Zugriff hatte.

Stattdessen klammerte er sich an die Routine. Lachte mit Joko, als Schmitti nach einer Halligalli Aufzeichnung minutenlang zeterte, weil im Cut für die erste Ausgabe der Goodnight Show ein ‚T‘ im Untertitel vergessen wurde. Kämpfte sich mit Joko durch schwierige Drehs, langweilige Proben und langatmige Besprechungen. Gewann das erste Mal gegen Joko das Duell um die Geld. Stritt mit Joko, oft über Kleinigkeiten, aber einmal auch, weil Matthias zu ihnen in die Show kam und Joko nichts Besseres zu tun hatte, als hinter den Kulissen dauerhaft in sehr ernsthafte und hitzige Gespräche mit ihm verwickelt zu sein, was überhaupt nicht zu ihnen passte. Zerrte Joko an einem eiskalten Märztag mit der halben Redaktion in ein Humorseminar und fühlte die Wärme so schwer wie Blei in der Brust, als er ihm eine bescheuerte Perücke aufzog und Joko später stundenlang neben ihm eingeengt auf dem Rücksitz kauerte und sich schreiend vor Lachen an ihn lehnte.

Klaas war vorsichtig. Er versuchte, sich nicht von ihrer Professionalität einlullen zu lassen, aber manchmal handelte er schneller, als er denken konnte. Er spürte augenblicklich, wie sich Joko verspannte, als Klaas für ein Face Swap Foto ohne lang zu überlegen nach seinem Kinn griff, um seinen Kopf besser neben ihm zu positionieren. Es waren nur wenige Sekunden, aber Klaas wusste, dass Joko sich mehr als eindeutig zurückgezogen hätte, wären da keine Kameras und hunderte Zeugen im Publikum gewesen, unter dessen Augen er gute Miene zum bösen Spiel machte. Und Klaas wusste auch, dass er aufpassen musste, Joko nicht zu verärgern. Er war aufmerksam genug, um zu bemerken, dass Joko am nächsten Tag noch verkaterter als sonst ins Büro kam. Das tat weh. Er wollte ihm nicht mehr wehtun. Er wollte, dass Joko sich wohlfühlte, dass es ihm gutging, dass er nicht mehr litt, weil Klaas die neuen Grenzen nicht respektieren konnte.

Meistens bekamen sie es gut hin.

Aber Klaas geriet das erste Mal bedenklich ins Wanken, als Joko für die Superhelden-Maz unbedingt Palina küssen musste. Er konnte es selbst nicht ausstehen, dass er sofort in seinen Zynismus zurückfiel und Joko neben seiner passiven Aggression auch noch giftige Blicke zuwarf. Er hasste es, wie wenig er seine Irritation verbergen konnte und es alle mitbekamen und nervös wurden. Joko sah konsequent an ihm vorbei, auch wenn er es offensichtlich bemerkte, und ließ sich von Klaas nicht den Spaß verderben. Er scherzte mit Palina, brachte sie zum Lachen, sodass sie die Szene wiederholen mussten, und Klaas biss die Zähne aufeinander, weil er keine andere Wahl hatte, als mitzumachen.

Palina schlang am Ende eines langen, mühsamen Drehtages die Arme um ihn und hielt ihn einen Moment länger fest. „Macht das nicht“, flüsterte sie ihm ins Ohr.

„Was?“

„Du tust dir damit keinen Gefallen“, murmelte sie statt einer Antwort, zog sich ein Stück zurück und fand seine störrischen Augen. „Niemand nimmt ihn dir weg, das machst du alles selber.“

Es war einer dieser Sätze, die ihn weniger überraschen sollten, als sie es schlussendlich taten. Genauso wenig wie ihn ihr Seufzen stören sollte, als er nicht reagierte. Oder die Tatsache, dass Joko draußen auf ihn wartete, dann aber nur stumm neben ihm stand, während er sich eine Zigarette anzündete. Die Stille war so unangenehm wie der Wind, der eine leere Bierdose über den Parkplatz trieb. Joko umklammerte seine Wasserflasche. Klaas schob sich tiefer in seinen Hoodie und zog an der Zigarette.

„Sind wir okay?“, fragte Joko ihn schließlich von der Seite. Fast beiläufig, die Augen starr ins Nirgendwo gerichtet, um ihn bloß nicht anzusehen.

Klaas hatte es satt, zu lügen. „Nein.“

Joko seufzte. „Du solltest weniger rauchen.“

„Du solltest weniger trinken“, schoss Klaas sofort zurück.

Ein erneutes, kurzes Schweigen neben ihm. Joko knibbelte jetzt nervös an seiner Plastikflasche. „Es war doch alles gut in letzter Zeit.“

Klaas überging die offensichtliche Verzweiflung in seiner Stimme und schnaubte. „Ich weiß nicht, in welchen Sphären du dich rumgetrieben hast, aber hier in der Realität war gar nichts gut, Joko. Wir kriegen das mit den Shows passabel hin, keine Frage, aber abgesehen davon habe ich dich selten so verkrampft erlebt. Ich weiß, wie viel du trinkst, ich weiß, dass du dir wieder dieses komische Zeug schmeißt, das der Martiens dir damals angedreht hat. Und du kannst mir jetzt sagen, dass es mich nicht zu interessieren hat, aber das tut es.“

Wütend warf er den Zigarettenstummel auf den Boden. „Verdammt noch mal, Joko. Ich muss das sagen können. Ich will das sagen können. Mich interessiert es, wenn es dir nicht gut geht, wenn du irgendeinen Scheiß zu dir nimmst, anstatt mit mir darüber zu reden.“

Joko wirkte wie vor den Kopf gestoßen, aber immerhin sah er ihn nun an. „Wir haben das geklärt“, sagte er, sichtlich erschüttert und um Ruhe bemüht.

Geklärt?! Du hast mir deinen Teil entgegengepfeffert und willst den Rest jetzt lieber totschweigen. Privat keinen Kontakt. Was eine Scheiße! Wie soll das denn gehen? Aber ich kenn‘ dich ja. Bloß nicht noch ein Konflikt. Bloß kein fortwährender Konflikt. Bloß keine Komplikationen, das mag der Joko nicht. Das zerstört sein Leben voller Einhörner, die Regenbögen kotzen.“

„Ich bin kein dummes Kind“, flüsterte Joko.

„Dann hör auf, dich wie eins zu verhalten“, gab Klaas aufgebracht zurück. „Ich will doch auch, dass es klappt, aber kannst du mir sagen, wie das auf Dauer funktionieren soll? Wir reden nur im Rahmen der Florida miteinander und alles ist so verschissen verkrampft und bemüht und dann drehst du dich um und versackst in irgendwelchen Berliner Szeneclubs? Macht dich das glücklich?“

Er ging mit der Frage ein bewusstes Risiko ein. Ein Risiko, das er nie gewagt hätte, wenn Joko sich ihm nicht gänzlich offenbart hätte. Eine Frage, die er nie über die Lippen gebracht hätte, wenn da nicht diese Sicherheit wäre, dass er in Jokos Brust saß und der ihn hoffentlich noch nicht gänzlich daraus verbannen würde.

„Nein.“ Joko wirkte jetzt so unglücklich, dass es Klaas aus Verzweiflung beinahe die Tränen in die Augen trieb, weil alles so beschissen verkorkst war. „Aber ich sehe da keine Alternative.“

Klaas schluckte. Erinnerte sich an alles, was Joko gewagt hatte, in dieser Nacht im Dezember, die wohl das schlimmste und beste war, was ihm jemals passiert war. Sah den Joko aus dieser Nacht ganz genau vor sich und wagte selbst einen Schritt ins Ungewisse. „Ich schon. Wir haben immer gesagt, absolute Transparenz, bedingungsloses Vertrauen. Wenn wir untergehen, dann Hand in Hand. Und ich brauch‘ diese Sicherheit, ich brauche dieses Vertrauen zurück, diese Gewissheit, dass ich dir alles sagen kann, ohne Angst haben zu müssen, dass es dadurch komisch wird. Anders wird das auf lange Sicht nicht funktionieren. Ich brauche da mehr als nur deine Professionalität. Da darf nichts im Weg sein. Kein Filter, nur Du und ich.“

Jokos Blick bohrte sich förmlich in seinen. Überraschung, Fassungslosigkeit und völlige Überforderung stand in seinen Augen geschrieben, aber dahinter flackerte etwas. Etwas, das Klaas sehr vertraut vorkam und das doch zu weit weg war, um es genau zu erkennen. „Ich weiß nicht, ob ich das noch kann.“

Ein Ruck ging durch Jokos Körper, kaum, dass er den Satz ausgesprochen hatte. Er wandte sich ab, blickte nicht zurück zu Klaas, als er zu seinem Auto eilte und ihn zurückließ.

Klaas ließ ihn gehen.

Er war lange genug vor Joko geflohen, um zu wissen, dass das nicht funktionierte.


x



Erst Mitte April ließ Klaas seinen Bart wieder ein wenig rauswachsen. Nicht, weil die halbe Firma ihn aufgrund seines Schnauzers in Dauerschleife auf den Arm genommen hatte, sondern, weil er irgendwann selbst genug davon bekam. Er stutze den Schnurrbart, ließ den Rest ein wenig wachsen und konnte seinem Spiegelbild sofort wieder besser entgegentreten. Wenn er jetzt noch das übermäßige Rauchen einstellen könnte, wäre er mit sich selbst eigentlich sehr zufrieden.

Aber das Rauchen kam vom Stress und der Stress kam, sobald er Joko gegenübertrat. Sie hatten seit ihrer Auseinandersetzung nach dem Dreh nicht mehr darüber gesprochen. Joko tat weiterhin so, als gäbe es kein Problem, witzelte mit ihm vor der Kamera und mied ihn dahinter und Klaas kam mit dem Hoch- und Tiefgefühl, was dieses Verhalten in ihm auslöste, nicht zurecht. Er war fast fasziniert davon, sich selbst dabei zu beobachten, wie er an seine persönliche Grenze stieß. Wie er mit Joko hatte streiten und vögeln und noch mehr streiten können, aber an dem Aushalten von Jokos Ignoranz grandios scheiterte. Wegignorieren war Jokos Königsdisziplin und Klaas hasste diese Charaktereigenschaft fast so sehr an ihm wie Joko seine Unpünktlichkeit zuwider war. Dennoch fühlte er sich nicht in der Position, sich Joko mit seiner gewohnten Vehemenz entgegenzusetzten, und war es nur, weil er ihm nicht erneut wehtun wollte. Aber seine erzwungene Zurückhaltung frustrierte ihn noch mehr und sorgte dafür, dass er das Konfliktpotenzial, was er normalerweise gerne nach außen trug, nun in sich hineinfraß und das Gefühl hatte, daran zu erkranken. Er wusste nicht, wie Joko das schon sein ganzes Leben lang aushielt.

Immer dieses krampfhafte Verhindern von Streit, das krankhafte Verbiegen, um jegliche Disharmonien zu verhindern, anstatt das Problem beim Schopfe zu packen und damit aus der Welt zu schaffen. Es war zum Kotzen, aber es war auch Klaas‘ Schuld, dass sie überhaupt in dieser Situation waren, also hielt er seinen Mund und versuchte mit dem bleiernen Gefühl der Reue und Frustration zu leben. Geduld gehörte gewiss nicht zu seinen Stärken, aber wenn es das war, was Joko brauchte, – dass Klaas auf ihn wartete, sein Tempo ging – dann würde er das akzeptieren und vertrauen lernen müssen.

Außerdem vermisste er Joko. Immer noch. Trotzdem noch. Daran konnten auch Zeit und Distanz nichts ändern.

Sie steckten bereits knietief in der Planung zur 100. Halligalli Folge und bis zum Hals in den Vorbereitungen für die erste Beste Show Aufzeichnung, als Joko und er sich hinter dem Tor wiederfanden, das sich in Kürze öffnen und sie in ihre Manege des Wahnsinns führen würde, und sich anschwiegen. Klaas ging im Kopf die Moderationen durch, überlegte, wo er sich im heutigen Interview mit Silbermond kurz einklinken könnte, und war so vertieft in seine Gedanken, dass Jokos intensiver Blick von der Seite ihn erst nach einigen Sekunden aus seiner Konzentration holte.

Verwirrt sah er zur Seite. „Was?“, fragte er nach einem kurzen Moment der Stille.

Joko schien sich nicht sicher zu sein, was er erwidern sollte. Er musterte Klaas mit Bedacht, ließ seine Augen vorsichtig über sein Gesicht streifen. Es war ein zerbrechlicher Moment, etwas, dass sie lange nicht mehr miteinander geteilt hatten. Jokos Blick ruhte nur noch selten viel länger als nötig auf seinem Gesicht und allein das Gefühl der Aufmerksamkeit, mit der er jetzt von ihm betrachtet wurde, löste ein Kribbeln aus, welches ihm bis in die Fingerspitzen stob.

„Was?“, wiederholte Klaas, aber jetzt war seine Stimme leise. Er konnte die Verunsicherung selbst hören und wusste, dass sie auch Joko nicht entgehen würde.

Der ließ den Blick von seinem Mund ein Stück hochschweifen. Ihre Augen fanden sich und ein winzig kleines Lächeln umspielte Jokos Mundwinkel, als er kurz mit den Schultern zuckte. „Nichts. Du…- Gut siehst du aus.“

Wärme breitete sich so plötzlich in Klaas‘ Körper aus, dass er den Drang unterdrücken musste, sich zu schütteln. Es war nicht so, als wäre er es nicht gewohnt, derartige Sätze von Joko zu hören. Aber normalerweise – und primär vor der Kamera – waren sie gänzlich überzogen, Joko wackelte dabei gerne mit den Augenbrauen und verstellte seine Stimme. Es war nicht dasselbe, wenn er ihm dabei voller Ernsthaftigkeit in die Augen blickte, direkt vor der Aufzeichnung, schon hinter dem Tor stehend, Schmitti bei ihnen auf dem Ohr. Klaas fand keine Antwort darauf, konnte kaum reagieren, weil es in ihm so rumorte. Dennoch widerstand er dem Impuls, Joko reflexartig einen pampigen Kommentar entgegenzuschleudern und ihn damit auf Abstand zu halten. Stattdessen hielt er den Blickkontakt, wissend, dass seine Augen ihn verrieten, und akzeptierte die Welle der Zuneigung, die ihn durchströmte. Er sog Jokos Anblick in sich auf, schaute in das vertraute Gesicht und erwiderte dessen scheues Lächeln. Nur ganz kurz, nur, bis Schmittis Stimme den Moment zerschnitt, als er behutsam begann, von 10 runterzuzählen und sie damit zurück in die Realität brachte. Es war nicht viel gewesen, aber es war ein Anfang.

Es war ein Anfang.


x



Die Beste Show der Welt war auf dem Papier eine fantastische Idee gewesen. Auch in der Konzeption, Entwicklung und Vorproduktion hatten Joko, Klaas und ihr gesamtes Team selten so gerne Kreativität und Motivation miteinander verbunden. Klaas gefiel vor allem das Geheimhalten seiner Showideen vor Joko sehr gut. Es machte zumindest einen Teil der Show unberechenbar für sie beide, da auch ihre Teams sich untereinander nicht austauschten durften und wollten. Im Gegensatz zum Duell um die Welt ging es weniger mit gespielter Boshaftigkeit in die Ideenentwicklung und Aufzeichnung, sondern vielmehr mit dem Wunsch, einander und auch dem Publikum eine Wahnsinnsshow zu liefern. In der Realität scheiterte jedoch ihr Vorhaben, mit der Besten Show ein einfacheres Format zu entwickeln, so kolossal, dass selbst Schmitti sie nach der Aufzeichnung so schnell wie möglich aus dem Studio scheuchte.

Der Tag war lang und kräftezehrend gewesen, für jeden einzelnen von ihnen. Sie hatten den Aufwand, den die Show zwangsläufig beanspruchte, fast schon amateurhaft unterschätzt. Joko fand das im Wagen auf dem Weg zum Hotel schon wieder so witzig, dass er und Jakob minutenlang vor sich hingackerten, während Thomas mit geschlossenen Augen neben ihnen saß und, „Ich zünd‘ mich an, wenn wir das nochmal machen müssen“ vor sich hinmurmelte.

Völlig erschöpft stolperten sie nacheinander in den Aufzug des Hotels, trennten sich auf verschiedenen Stockwerken voneinander und wechselten nicht mehr Worte als unbedingt notwendig. Joko und Klaas erreichten ihr gemeinsames Hotelzimmer, das direkt neben Schmittis und Jakobs lag, nur mit Mühe, und Joko ließ sich augenblicklich mit einem dumpfen Schnaufen auf das weiche Bett fallen.

„Sau da nichts voll“, warnte Klaas ihn noch, bevor er sich ins Bad verzog und seine Muskeln zwang, sich unter der heißen Dusche ein wenig zu entspannen. Herzhaft gähnend schubste er Joko wenig später mit dem Fuß mehr auf seine Seite und ließ sich dann endlich auf der Matratze nieder, nicht gewillt, sich auch nur noch einen Millimeter zu bewegen. Joko erhob sich ächzend vom Bett und verschwand nun seinerseits im Bad, um zu duschen. Träge lauschte Klaas dem entfernten Rauschen des Wassers und konnte den Gedanken nicht verhindern, der kurz durch ihn zuckte. Die Stimme, die ihm zuflüsterte, dass sie vor gar nicht allzu langer Zeit nach so einer Aufzeichnung noch zusammen geduscht hätten. Klaas musste sich kaum anstrengen, um die Bilder in seinem Kopf heraufzubeschwören, Szenen, in denen Joko—

Nein.

Energisch schüttelte Klaas den Kopf. Das gehörte nicht mehr in seine Welt. Das hatte er vermasselt und nichts fühlte sich falscher an, als so zu tun, als wäre es noch eine Option, mit Joko unter der Dusche zu vögeln.

Streng befahl Klaas seine Gedanken in eine andere Richtung, und die Ablenkung kam sofort in Form von Joko, der übermüdet und vollständig umgezogen aus dem Bad schlurfte und ebenso unelegant ins Bett plumpste.

„Wessen Scheißidee war das eigentlich?“

„Deine“, erwiderte Klaas sofort und grinste.

„Nee, das waren wir beide. Und Schmitti, der Sack, der hat das gesagt mit Lass uns mal etwas unkompliziertes machen. Lass uns mal eine Pause vom Duell machen. Pause am Arsch.“ Joko verzog kurz das Gesicht. „Da häng‘ ich mich ja lieber an jedes Flugzeug.“

„Tust du nicht.“

„Hast recht, tu ich nicht. Aber der Gedanke zählt!“

Sie lagen nebeneinander, beide auf dem Rücken, beide mit der Decke bis zum Hals. Beide irgendwo zwischen hundemüde und überdreht.

„Weißt du was Klaasi?“

„Mh?“

„Seit wir nicht mehr vögeln, reden wir tatsächlich ab und zu miteinander. So wie jetzt.“

Klaas musste lachen. „Dann ist dein Plan ja aufgegangen.“

Joko lachte nicht, aber seine Augen lächelten. Die Wärme strahlte aus dem tiefen Braun, unerschöpflich und einzigartig. Es war Jokos Wärme, Jokos Braun, Jokos Lächeln.

„Soll ich das Licht ausmachen?“, fragte Joko, und Klaas nickte, bevor er sich zu sehr in Jokos Anblick verfangen konnte.

Die plötzliche, aber natürliche Dunkelheit, die sich nach der Betätigung des Lichtschalters über sie legte, war wohltuend. Klaas kam dennoch nicht zur Ruhe, war zu beschäftigt damit, Joko beim Atmen zuzuhören, aufzuhorchen, wann immer er sich neben ihm bewegte und von der einen auf die andere Seite wälzte. Er wusste, dass Joko nach Aufzeichnungen nicht schlafen konnte, dass seine Gedanken unaufhörlich kreisten und alles durchgingen, was Klaas jetzt schon längst wieder vergessen hatte. So wichtig, wie Klaas die Vorbereitung war, nahm es Joko mit der Nachbesprechung.

Klaas beschäftigten ganz andere Gedanken. Seit Monaten schon, aber vor allem, seit Joko gesagt hatte, zwischen ihnen wäre alles geklärt. Der Satz allein hinterließ ein ungutes Gefühl in Klaas‘ Magengegend. Nichts hatten sie geklärt. Klaas hatte ihm nicht einmal widersprochen, als Joko ihm seine Wahrnehmung von Klaas‘ Gefühlen – oder eher deren fehlendes Vorhandensein – vermittelt hatte. Und wenn Klaas es jetzt und hier nicht schaffte, zumindest seinen kleinen Zeh ins Ungewisse zu tauchen, dann würde er es nie schaffen.

„Joko“, flüsterte er irgendwann in die Stille. Die Decke neben ihm raschelte, als Joko sich ihm zudrehte, ohne etwas zu sagen. „Ich hab‘ das alles nicht gewollt.“

Eine kurze, bedeutungsschwangere Pause entstand, in der Klaas Jokos Blick auf sich spürte. „Was hast du nicht gewollt?“, fragte er dann leise.

Klaas rieb sich mit den Händen über das Gesicht, kämpfte gegen die Müdigkeit und die Angst gleichermaßen. Ließ die Hände schlussendlich halb auf seinen Augen liegen, weil er sich durch die zusätzliche, zweite Ebene der Dunkelheit geschützter fühlte. „Ich wollte nie, dass das so aus dem Ruder läuft. Ich dachte damals, ich hätte das unter Kontrolle. Ich wollte dir nie…“, er unterbrach sich, schluckte. Wusste, dass Joko jede Regung von ihm genau beobachtete und kämpfte sich mühsam weiter. Hatte immer noch dieses Klaas kann man nicht gut kennen im Ohr, das ihm so unter die Haut gegangen war. „Immer wenn ich sehe, dass du leidest, dann…“

Er ging kaputt daran. Das war die ganze, ernüchternde Wahrheit. Er ging kaputt daran, Joko leiden zu sehen, sein Leiden verursacht zu haben. Es traf ihn in der Retrospektive viel mehr als in den Momenten selber, weil er sich damals immer so sehr um sich gedreht hatte. Aber jetzt, mit ein wenig Abstand, mit dem Abstand, den Joko zwischen ihnen erzwungen hatte, konnte er den Schaden, den er angerichtet hatte, in seiner vollen Gänze sehen.

Klaas bemühte sich, tief einzuatmen. Und dann aus. Und dann wieder ein. Ihm entglitt die Situation, weil es in seinem Kopf so unfassbar laut und wirr war. Er verhedderte sich mal wieder in seinen Gedanken, in seiner Panik, obwohl es doch eigentlich um Joko gehen sollte. Er wollte Joko doch begreiflich machen, wie sehr er mit der Annahme falschlag, dass Klaas sich nicht um sein Leiden scherte.

Sanft griff ein Paar Hände nach seinen Handgelenken, zog seinen Kopf aus der ersten Schicht Dunkelheit. Joko hielt seine Hände kurz fest, strich ihm beruhigend über den Handrücken, und dann umfassten seine Finger vorsichtig Klaas‘ Kinn. Der Daumen fuhr hoch und strich über seinen Wangenknochen, so unendlich zärtlich, dass etwas in seiner Brust bei dem Gefühl zu splittern schien.Die Berührung erdete ihn, holte ihn zurück in die Gegenwart, zurück in das Bett, in dem er mit Joko lag. Nach einigen weiteren Atemzügen wagte es Klaas, seine Augen zu öffnen und sich der nur schemenhaft erkennbaren Gestalt vor ihm zu stellen.

„Hey“, murmelte Joko. Klaas klammerte sich an den Klang seiner Stimme, an die Ruhe, an die Vertrautheit. Jokos Daumen strich in einem stetigen Rhythmus über Klaas‘ Wangenknochen, die restlichen Finger spreizten sich über Kinn und Wange bis zu seinem Ohr. Kurz zögerte Joko, dann fand auch seine linke Hand ihren Platz an der anderen Wange. Klaas‘ Atem ging jetzt regelmäßig, passte sich der Bewegung von Jokos Daumen an. Sein Herz jedoch schlug umso schneller, als sich ihre Augen trotz des spärlichen Lichts fanden.

Sie hatten schon ganz anderes miteinander gemacht, aber ihr Augenkontakt konnte so schonungslos und offen sein, dass es sich mit keiner anderen Intimität vergleichen ließ.

„Ich bin da“, versicherte Joko ihm. „Ich geh‘ nirgendwo hin. Mich wirst du nicht mehr los.“

Die emotionale Wucht dahinter ließ Klaas‘ Kehle eng werden. Zum ersten Mal seit Monaten musste er Joko nicht vermissen. Joko war hier. Joko blieb.

Joko, der immer rennen wollte, versprach ihm zu bleiben.

Klaas fand darauf keine Antwort. Er konnte sich nur vorlehnen und nicken, Jokos Nähe suchen und in ihr versinken. Jokos Hände auf seinem Gesicht spüren, die ihn hielten, seine eigenen Finger vorsichtig über Jokos Rücken streifen lassen. Lange lagen sie so da, kamen sich immer näher, bis sie Stirn an Stirn waren und sich jeden Atemzug teilten. Bis ihre Herzen im Einklang schlugen und Klaas sich endlich wieder wie er selbst fühlte und Joko wieder Joko war.

Er musste nicht mit Joko schlafen, um mit ihm eins zu werden. Es war die emotionale und nicht die körperliche Nähe, die sie so tiefgehend miteinander verband. Die Erkenntnis traf Klaas mit einer ernüchternden Endgültigkeit. Fast hätte er gelacht, obwohl nichts an der Situation zum Lachen war.

Jokos tiefe Stimme durchbrach schließlich die Stille, vorsichtig und ertastend. „Ich meinte das übrigens ernst. Das, was ich vorhin nach deiner Show gesagt habe.“

Klaas schnaubte belustigt, weil er keine Ahnung hatte, wovon Joko sprach. Alles, was vor dem Betreten des Hotelzimmers passiert war, schien wie weggewischt. „Da musst du schon ein bisschen genauer sein.“

Der Daumen auf seiner Wange geriet kurz aus dem Takt. „Du hast ein großes Herz. Das hast du wirklich. Ich wünschte nur, du würdest es nicht immer um jeden Preis verstecken.“

Manchmal, da wünschte Klaas sich genau dasselbe. Jetzt zum Beispiel, in diesem Moment, da wünschte er sich, er wäre die Art von Mensch, die sein Herz einfach so öffnen könnte, um seinem Gegenüber alles davon zu zeigen. Manchmal wirkte die Illusion dessen, was emotionale Offenheit bedeutete, so verführerisch, dass er sich dem fast hingeben wollte. Aber die Realität war eine andere. Da war Klaas kein Mensch, der sein Herz auf der Zunge trug. Ihn befreite es nicht, sich verletzbar zu machen. Es brach ihm das Genick.

Er war nicht Joko. Er war alles, was Joko nicht war, und manchmal fühlte sich dieser Gedanke erdrückend an, aber in dieser Nacht war da nicht mehr als ein wenig harmlose Melancholie. Und mit der konnte er leben.

Seine Mundwinkel zuckten kurz und versöhnlich. „Egal, wo sich meins so rumtreibt, deins ist eh groß genug für uns beide, Winti“, murmelte er schließlich.

Joko gab sich damit für den Moment zufrieden, lachte leise und sein Atem fegte über Klaas‘ Lippen. Seine Augen fielen wieder zu, diesmal, weil er sich vor nichts fürchten musste, weil da nicht einmal der Hauch von Unruhe in ihm war, sondern nur Joko, um ihn herum und unter seiner Haut. Und hier, behütet von Jokos Wärme und eingelullt von seiner Müdigkeit, die ihn verwundbar machte, konnte Klaas es für ein paar Sekunden glasklar sehen: Er fühlte sich von Joko geliebt.

Das, was Joko ihm gab, war so ungefiltert und bedingungslos, dass Klaas sich nicht sicher war, je einen passenden Vergleich dafür finden zu können. Das Einzige, was dem Konkurrenz machen konnte, war das, was er im Gegenzug für Joko empfand. Klaas wusste, was das war, dass da in ihm rumorte. Er wusste, dass er Joko darin ertränken könnte, bis dieser nicht mehr wusste, wo oben und unten war, sollte er je die Schleusentore öffnen und alles rauslassen. Er wusste es und wollte es dennoch nicht benennen.

Er musste es nicht benennen, aber vielleicht war es besser, wenn zumindest Joko wusste, dass es da war. Dort, tief in ihm. Oft unerreichbar und doch allgegenwärtig, wann immer Joko ihn ansah, wann immer er ihm nah sein konnte, so wie jetzt. Vielleicht sollte er Joko daran teilhaben lassen. Langsam. Stück für Stück. Schritt für Schritt.

Klaas schlief in Jokos Armen ein. Einfach so. Ohne, dass sie sich zuvor verausgabt oder gestritten hatten, und ohne, dass er am nächsten Morgen panisch vor ihm zurückwich. Stattdessen war Joko derjenige, der ihren Körperkontakt löste und sich schweigend aus dem Bett rollte. Sie bewegten sich miteinander und doch aneinander vorbei, als sie ihre Katzenwäsche verrichteten, sich anzogen und ihre Koffer zuschnappen ließen. Ihre Blicke streiften sich nur kurz, das Lächeln um ihre Mundwinkel eher unsicher, aber Klaas konnte im erbarmungslosen Morgenlicht besser verstehen, was ihnen alles im Weg stand.

Er verstand Jokos Reservation ihm gegenüber, er verstand die Vorsicht, und doch machte ihm die emotionale Distanz, die spürbar von Joko ausging, direkt wieder zu schaffen. Klaas hielt ihn auf, als er sich auf die Zimmertür zubewegte. Er erwartete nichts von Joko, keine Umarmung, keine Gefühlsduselei. Aber er wollte ihn nach dem gestrigen Abend nicht einfach so gehen lassen, dafür zog es zu sehr in seiner Brust. Also fixierte er einen Punkt hinter Jokos Schulter und machte einen Schritt vorwärts, ihm entgegen. Joko hielt inne, drehte sich ihm zu und betrachtete Klaas‘ Profil.

Keiner der beiden wusste, wie es weitergehen sollte.

Aber es würde weitergehen.

Weitergehen müssen.

Weitergehen können.

Joko strich ihm kurz, fast schon flüchtig, über die Wange. „Du und ich, Klausi“, murmelte er, wiederholte die Worte, die Klaas ihm vor Wochen quasi als Bedingung für ihre Zusammenarbeit gestellt hatte. Er legte den Daumen für eine Sekunde in Klaas‘ Mundwinkel, bevor er die Hand zurückzog. Ihre Blicke verschränkten sich miteinander.

Klaas war Joko lange nicht mehr so nah gewesen wie in den letzten paar Stunden, hatte ihm gefühlte Ewigkeiten nicht mehr ins Gesicht gesehen und jedes Detail in sich aufgesogen, vorsichtig, beinahe scheu. So, als würde der Moment zerschellen, sobald er sich rührte. Sie berührten sich nicht wie in der Nacht davor, sondern standen nur voreinander und sahen sich an. Nahmen den Anderen in sich auf, mit jedem Atemzug ein wenig tiefer, mit jeder verstreichenden Sekunde ein bisschen endgültiger. Klaas spürte das Kribbeln unter seiner Haut, das drohte, ihn gänzlich zu vereinnahmen. Es ließ seine Fingerspitzen taub werden, benebelte sein Hirn. Es wurde angetrieben von dem Versprechen, das in Jokos Worten lag, und der Nähe, die seine Unruhe vertrieb und stattdessen der Wärme in seinem Brustkorb Platz machte.

Sie küssten sich fast.

Sie waren sich so nahe, dass kaum mehr als ein Hauch fehlte, um ihre Lippen miteinander zu vereinen. Immer noch strichen Jokos Augen über Klaas‘ Gesicht, die Blicke so sanft und weich wie zarte, kaum spürbare Berührungen. Klaas wich nicht zurück, ließ die Intimität auf sich wirken, ob er es nun bereuen würde oder nicht.

Klaas hätte ihn geküsst.

Joko war derjenige, der sich im letzten Moment wegdrehte, ihn mit brennenden Augen zurückließ, als er durch die Tür huschte und sich schnellstmöglich von ihm entfernte.

Und Klaas, dem saß ein Gefühl quer in der Brust, das sich verdammt noch mal nach Sehnsucht anfühlte.



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