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Tausendmal Berührt [Teil I]

von ninarina
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf
14.06.2021
29.01.2022
20
134.433
112
Alle Kapitel
145 Reviews
Dieses Kapitel
5 Reviews
 
06.09.2021 6.424
 
Eure Rückmeldung zum letzten Kapitel war wirklich überwältigend. Ich hatte Sorge, dass es alles zu viel, zu wenig, nicht gut genug etc. etc. gewesen sein könnte, aber jeder, der mitgelitten und mir ein paar Worte dagelassen hat, konnte die Zweifel wieder beseitigen.


Part 10 ist ein wenig zum Aufatmen da. Die drei, vier Kapitel danach werden (sehr) heavy, also ist es ein wenig wie die Ruhe vor dem Sturm. Zwei Teile, einmal Joko, einmal Klaas und ganz viel Verdrängung.


Danke für mittlerweile 40(!!) Reviews, 45(!!!) Empfehlungen, 94(!!!!) Favoriten und fast 8000 Aufrufe (mir gehen so langsam die Ausrufezeichen aus). Ich weiß gar nicht, was ich noch dazu sagen soll. Tausend Dank und viel Spaß mit dem nächsten Kapitel.





Part 10: I'm Not Myself When You're Around





I don't wanna be over you

If I can make you mine

I don't wanna take closure now

If I can fix tonight

(Closure by Vancouver Sleep Clinic)



Circus Halligalli, März 2015



Es passierte, weil Klaas sich nicht entscheiden konnte.

Joko hatte versucht, nach den Ereignissen beim Comedypreis einfach weiterzugehen. Er wollte ignorieren, wie tief die Wunden wirklich waren, die seit dem Morgen auf Jamaika immer wieder aufrissen und ihn daran erinnerten, dass er mit seinen Gefühlen allein war. Das Gespräch zwischen Klaas und Schmitti, allen voran Klaas‘ Satz, hatten ihm den Boden unter den Füßen weggerissen. Wie schlimm es tatsächlich um ihn gestanden hatte, realisierte er erst, als er an einem kalten, grauen Oktobertag in einem Hotelbett in Köln aufwachte und sich die nächsten Stunden den Leib aus der Seele kotzte.

Die Erinnerungen an den Abend brachten weiterhin ein mulmiges Gefühl auf. Es war ein offensichtlicher Akt der Selbstzerstörung gewesen, der Alkohol, die Drogen, der Sex mit Klaas. Sein Körper dankte es ihm am folgenden Tag nicht, aber sein Kopf, der nutzte es als Warnschuss. So konnte er nicht weitermachen. So wollte er nicht weitermachen. Und je aktiver er sich in Klaas‘ Gegenwart befand, desto weniger würde er sich auf sich selbst konzentrieren.

Zum ersten Mal in seinem Leben rannte Joko gezielt. Nicht planlos, nicht überhastet, sondern mit einer klaren Idee vor dem inneren Auge. Er wollte München. Er wollte sich selbst wieder spüren können. Er wollte nicht sein ganzes Leben von Klaas abhängig machen, weder beruflich noch privat.

Ein bisschen gerettet hatte München ihn im Endeffekt schon. In Berlin hatte Joko jahrelang das Gefühl gehabt, zu ersticken. Die Anonymität und Unfreundlichkeit der Leute, die Klaas so schätzte, machte die Hauptstadt zu einem Ort, den Joko mit Kälte und Dunkelheit verband. In München ging es besser. In München wollte er seltener rennen, konnte sich in den Gedanken flüchten, einfach in die Berge zu fahren, um den Kopf freizukriegen. In München fand er die Herzlichkeit und Offenheit, die er aus seiner Kindheit vom Niederrhein kannte. In München war Klaas nicht an jeder Ecke und nistete sich somit weniger hartnäckig in seinem Kopf ein.

Er genoss das Gefühl der Freiheit, genoss die Wochenenden, die nichts mit Aufzeichnungen und Berufsstress und der Florida zu tun hatten. Wenn sie ihn brauchten, riefen sie ihn an, und am Telefon konnte sich Joko viel besser abkapseln. Mehr noch, die räumliche Distanz sorgte dafür, dass Joko sich mit Elan und Begeisterung wieder in neue Projekte stürzte. Projekte, die nichts mit Klaas oder ihrer Firma zu tun hatten. Matthias machte ihm sogar ein Angebot, in seinem neuen Film mitzuspielen, und nach einigem Zögern sagte Joko zu. Manche seiner Schritte waren wackelig, aber er schritt voran, suchte seinen eigenen Weg und beobachtete fasziniert, dass Klaas das überhaupt nicht schmeckte.

Natürlich erzählte er Klaas alles. Trotz der neuen Wohn- und Lebenssituation sahen Klaas und er sich mindestens fünfmal die Woche. Sie hockten weiterhin aufeinander, zogen sich gemeinsam zurück, hielten zusammen, wenn es darauf ankam. Aber Joko kämpfte jetzt aktiv dafür, keine Grenzen zu überschreiten. Er wusste, wohin das führte. Er wusste, wie kopflos ihn der Rausch machte, wenn er sich zu sehr darin verlor. Dann traf er Entscheidungen, die er mit sich selbst nicht vereinbaren konnte. Auf Jamaika hatte er Klaas lieber ohne Kondom gefickt, anstatt sicher und verantwortungsvoll zu sein. Es war eine ganz bewusste Entscheidung gewesen, von ihnen beiden. Seine eigene Kontrolllosigkeit in diesem Moment machte ihn bis heute sprachlos. Es erschrak ihn, wie selbstsüchtig er und Klaas handeln konnten, wenn sie zusammen waren. Sie waren beide Familienväter. Sie waren verantwortlich für ihre Firma, ihr Leben. Alles in allem war Klaas Entscheidung, danach auf Abstand zu gehen, das Erwachsenste gewesen, was je einer von ihnen getan hatte.

Seine neue, defensive Position brachte ihm außerdem den Vorteil, dass Klaas von sich aus erste Schritte machen musste, was dieser äußerst ungerne tat. Joko hütete sich, Klaas anzufassen und dudelte in der Konsequenz, dass Klaas immer fordernder und dominanter wurde. Die wenigen Male, in denen etwas zwischen ihnen passierte, übernahm er das Ruder und Joko stellte milde überrascht fest, dass es ihm gefiel. Es war weder neu noch ungefährlich, aber es war besser als das dauerhafte Gefühl, in Klaas‘ Nähe zu zerbrechen.

Durch Klaas‘ exzessivem Drang nach Kontrolle fand Joko eine neue Seite an sich, eine Seite, die ihm selbst bisher völlig verborgen geblieben war. Eine Seite, die Klaas‘ vollkommene Aufmerksamkeit auf ihm nicht nur genoss und ihm gefallen wollte, sondern einen Reiz darin fand, sich ihm hinzugeben, ihn machen zu lassen. Wenn Klaas Hand sich an seinen Hintern verirrte, dann zog sich sein Unterleib überraschend erregt zusammen. Dann stellte er sich die Frage, ob er es nicht gerne so herum probieren wollte, mit Klaas über ihm, mit Klaas in ihm. Er spürte die Ungeduld in sich aufwallen, als Klaas das erste Mal seinen Schwanz an Jokos Steiß rieb.

Sie bewegten sich in dieser neuen, ein wenig klinisch anmutenden Dynamik, drehten häufig getrennte Beiträge und gingen privat noch häufiger getrennte Wege, bis Klaas alles ruinierte. Jokos mühsam aufgebauter Widerstand, seine Ablenkungen in Form von neuen Projekten, intensiv gepflegten Freundschaften zu Matthias oder auch Jakob und des neuen Wohnortes, und auch sein krampfhafter Trotz, Klaas nicht völlig kampflos das Feld zu überlassen; alles wurde hinweggefegt, als Klaas das Spiel mit einem Fingerschnipp beendete. Erst platzte er unabgesprochen in ein Interview von Joko und Matthias mit der GALA und führte sich auf wie ein Gockel, – alles für einen Beitrag für die nächste Sendung, wie Klaas ihm danach mit einem vertraulichen Zwinkern versicherte – dann benahm er sich mehrere Tage wie ein hibbeliger Schuljunge, der seinen nächsten Streich noch verheimlichen musste.

Joko wurde aus ihm nicht schlau, ging dementsprechend nervös in die Aufzeichnung und konnte nur mit größter Mühe verhindern, dass ihm alles aus dem Gesicht fiel, als Klaas ihn mitten in der Sendung bat, bei ihm zu bleiben, in ihrer Partnerschaft. Joko durchfuhr es heißkalt, als Klaas nicht aufhören wollte zu reden, seltsam passende Worte fand, die genug Spitzen und Provokation beinhalteten, um das Publikum zu unterhalten, und gleichzeitig fast schon zärtlich waren, ungewohnt sanft für jemanden, der sich vor allem vor der Kamera gerne regungslos und hämisch zeigte. Und er dann auch noch ein Mikrophon aufhob, ihm ein Lied sang, selbst getextet, das erkannte Joko sofort. Wäre es von Thomas Martiens gekommen, wäre das zehnfache an Wortspielen in den Zeilen zu finden gewesen.

Völlig überfordert saß Joko auf seinem Sofa, wusste nicht, wohin er sehen sollte, konnte den Augenkontakt zu Klaas nicht länger als ein paar Sekunden halten. Er trank aus seiner Tasse, fühlte sich, als hätte er Fieber, und beobachtete Klaas fassungslos, der, umringt von Kerzen und auf dem Klavier begleitet zu der Melodie von Stay With Me, für Joko sang. Das wohl bescheuertste und eigenwilligste Liebeslied sang, das ihm je zu Ohren gekommen war. Und er war beschissen gerührt, weil es übertrieben und gleichzeitig aufrichtig, Show und gleichzeitig echt war, weil Klaas es mit Inbrunst vortrug und Joko ansah und lächelte und Jokos Zuneigung für Klaas kaskadenähnlich und mit aller Wucht wiederkam. Klaas sang und lachte und beugte sich über das Sofa, von dem Joko gerutscht war und Joko hasste ihn in diesem Moment, weil es keine Realität gab und jemals geben würde, in der er für Klaas nicht auf die Knie sinken und ihm alles geben würde, egal was dieser ihm antat. Er und Klaas, das war vieles, aber vor allem war es bedingungslos.

Mit einem Kloß im Hals und verdächtig feuchten Augen zog er Klaas in eine Umarmung, die sie selten teilten, vor allem nicht vor der Kamera. Aber Klaas hatte diese beiden Welten mit seinem Lied, das Showeinlage und Entschuldigung zugleich gewesen war, genauso miteinander vermischt, wie Joko es jetzt mit ihrer Umarmung tat. Klaas klammerte sich an ihn, Joko hatte seine Hand in Klaas‘ Nacken gelegt und für eine unendlich wirkende Sekunde erfüllte ihn nichts als Ruhe und Wärme. Ganz kurz vergaß er, wo er war. Ganz kurz war da nur Klaas. Sein Geruch, seine Wärme, sein klopfendes Herz, das in Einklang mit Jokos schlug. Bis Thomas Schmitts Stimme in sein Ohr drang, ein vorsichtiges Räuspern ihn zurück in die Realität holte und ihn dazu brachte, dass er sich von Klaas lösen konnte, jedoch nicht, ohne seine Hand wenigstens noch einen Moment länger in Klaas‘ Nacken verweilen zu lassen und ihn zu bitten, Joko nicht in solche Situationen zu bringen.

Klaas schien ebenso peinlich berührt wie er. Sie haderten in den nächsten Minuten mit der Moderation. Joko war völlig von der Rolle, musste irgendwie einen Übergang zu der nächsten Maz finden, obwohl er eigentlich nur Klaas an sich ziehen und nie wieder loslassen wollte. Etwas schimmerte in Klaas‘ Augen, als er versuchte, sich rauszureden, aber es gelang ihm nicht, den Moment im Nachhinein ins Lächerliche zu ziehen. Ihre Blicke sprachen Bände und zum allerersten Mal verstand Joko, warum es Klaas oft unangenehm war, seine Gefühle der breiten Öffentlichkeit zu präsentieren.

Was gerade zwischen ihnen geschehen war, ging niemanden etwas an. Es war tief und intim und gehörte nicht auf die große Bühne. Es veränderte sofort die Stimmung zwischen ihnen, sie wurde inniger, Joko war fröhlicher, Klaas war zum ersten Mal seit Wochen nicht mehr angespannt. Es kam Joko beinahe komisch vor, als Klaas den Aushalten – Kiste Einspieler im Verlauf der Sendung anmoderierte und er daran erinnert wurde, wie sehr sie sich bei dem Dreh auf die Nerven gegangen waren. Sie hatten es so weit auf die Spitze getrieben, dass Klaas ihn danach noch minutenlang gemaßregelt hatte, privat. Weil Joko ihn angefasst hatte, für die Show, in der Rolle. Weil Joko ihn absichtlich provoziert hatte, für die Show, in der Rolle.

Je länger er darüber nachdachte, desto irritierter wurde Joko. Er merkte, dass die Zuneigung allmählich in Genervtheit umschlug, als sie die Halligalli Aufzeichnung in Doppellänge endlich beendet hatten. Klaas konnte nicht so mit ihm umspringen. Er konnte nicht auf ein professionelles Verhältnis zwischen ihnen pochen und dann die unterschiedlichen Ebenen vermischen, wie es ihm gerade passte. Er war doch immer derjenige, der darauf beharrte, dass ihre Rollen vor der Kamera nur so lange Bestand hatten, bis ebenjene Kameras ausgingen. Joko hatte sich mit Mühe aus einem Loch gekämpft, in das Klaas ihn jetzt wissentlich wieder reinzuziehen schien.

In Gedanken versunken merkte Joko nicht, dass sich ihm jemand näherte. Eine Hand drückte auf seinen Oberarm, kühl und beruhigend. „Kommst du klar?“

Es war Schmitt. Joko nickte, obwohl er am liebsten geschrien hätte. Thomas seufzte und kurz stockte Joko bei dem Gedanken, dass er etwas sagen würde, der Atem. Aber Thomas hatte es versprochen, und er hielt seine Versprechen. Stattdessen tätschelte er Joko nochmal den Arm. „Das war sehr gut heute. Ich bin stolz auf euch.“

Joko warf ihm eine Kusshand zu, schmunzelte darüber, wie Schmitti die Augen verdrehte, und bewegte sich Richtung Garderobe, um sich umzuziehen.

Klaas überraschte ihn ein zweites Mal an diesem Tag, da er in der Garderobe auf ihn wartete.

Unruhig.

Mit flackerndem Blick.

Joko wusste, was jetzt kam.

„Da bist du ja endlich“, begrüßte Klaas ihn forsch.

„Wusste nicht, dass wir noch verabredet sind“, hielt Joko dagegen.

Klaas verengte die Augen. „Sind wir nicht, ich—ich wollte nur klarstellen, dass das heute… also, das war—“

„Bedeutungslos?“, half Joko nach. „Keine Sorge, das kenn‘ ich schon.“

Für ein paar Sekunden wirkte sein Gegenüber kalt erwischt, fast verletzt. „Das meinte ich nicht.“

Joko seufzte. „Ganz ehrlich, Klaas, ich hab‘ da keinen Bock drauf. Es war ‘ne nette Geste, es war für die Show, lass uns da keine große Sache draus machen.“

Er wiederholte Klaas‘ Worte von der Nacht des Comedypreises, pfefferte sie ihm entgegen, hoffte, dass die Wucht für Klaas die gleiche sein würde, wie sie es damals für ihn gewesen war, obwohl er wusste, dass dem nicht so sein würde.

„Ich weiß nicht, was mit dir los ist“, sagte Klaas nach weiteren Sekunden der angespannten Stille.

„Mit mir ist gar nichts los.“

„Du spielst Spielchen.“

„Du kommst doch nur nicht damit klar, wenn ich dir zur Abwechslung mal nicht die Füße küsse.“ Joko wusste, dass die Worte hart waren, aber es tat gut, sie auszusprechen.

„Ich habe nie von dir erwartet, dass du das tust.“

„Ne, haste nicht. Komisch, dass ich es trotzdem gemacht habe. Komisch, dass du dich verhältst wie ein bockiges Kind, sobald ich ein, zwei Entscheidungen treffe, die mit dir nichts zu tun haben. Wie München. Wie der Film mit Matthi.“

Klaas kochte. Joko konnte seine Wut förmlich greifen, so schwer waberte sie durch den kleinen Raum. Es steckte ihn an. Klaas konnte ihn mal. Klaas wollte Abstand und wenn er ihn bekam, benahm er sich, als würde Joko ihn verraten.

„Treib es nicht zu weit, Joko.“

„Gib mir nicht die Gelegenheit dazu.“

„Ich brauch‘ dich nicht“, fauchte Klaas.

Das hatte gesessen. Klaas hatte ihm vor keinen zwei Stunden in der Show noch das genaue Gegenteil gesagt. Joko sah ihm kurz in die Augen, sah das Blau aufgebracht und unnachgiebig blitzen und wandte den Blick ab. Tiefer konnte er nicht graben, ohne daran zugrunde zu gehen.

Klaas raufte sich die Haare und begann wieder, an der Wand auf und ab zu tigern.

„Wir müssen runterkommen“, murmelte Joko mehr zu sich selbst als zu Klaas.

„Und wie sollen wir das bitteschön tun?“

Joko warf ihm einen mehr als spöttischen Blick zu. „Verarsch mich nicht, Klaas.“

Der Angesprochene stockte, hielt inne. „Das ist nicht dein Ernst.“

„Jetzt tu nicht so, als wäre das ein brandneuer oder absurder Einfall“, sagte Joko verächtlich. Wenn gesunder Menschenverstand nicht mehr half, dann ging eben nur Provokation.

„Direkt hier? Nach der Show? Doch, das ist mir neu.“

„Wir haben Zeit satt.“

„Wir haben wenige Minuten, bis uns jemand sucht.“

„Vor ‘ner NeoParadise Aufzeichnung hast du mal nur sechs gebraucht.“

„Ja, weil du—“

„Weil ich was?“, provozierte Joko, trat einen Schritt näher und strich Klaas wie nebenbei über das Schlüsselbein. So, als würde er etwas lange Verlorenes wiederfinden. Klaas zuckte von ihm weg, als hätte er eine gewischt bekommen. „Weil ich dir gesagt habe, du kannst in meinem Mund komm—“

Klaas schlug ihm die Hand auf besagten Mund. „Lass es“, knurrte er, aber Joko schnaufte nur, leckte gegen Klaas‘ Finger und verzog die Lippen zu einem Grinsen, als Klaas fluchend seine Hand wegzog und ihn böse anfunkelte.

„Ist nicht meine Schuld, dass du unter Druck so viel besser arbeiten kannst, Klausibert.“

„Du bist unausstehlich.“

„Du bist ein Kotzbrocken.“

Joko sah es in Klaas‘ Blick, sah, dass er bereit für den Kampf war, gewillt, alles um sie herum zu vergessen und seinen Frust so abzubauen, wie sie es sich fast schon angewöhnt hatten. Er sah Klaas‘ Lust auf rücksichtsloses, gefährliches Verhalten, das ihnen das Genick brechen könnte. Irgendwann, das wussten sie beide, würden sie allein aufgrund des hohen Risikos auffliegen. In welchem Rahmen und wie weit die Konsequenzen reichen würden, das konnten sie nicht einschätzen.

Aber, dachte Joko, als Klaas nach seinem Pulli griff und ihn an sich zog, war es nicht bei allem anderen, was sie machten, genauso? Völlig überzogene und kopflose Wagnisse, das war genauso ein Teil von ihnen wie der Drang, immer weiterzumachen und sich niemals auf dem Erreichten auszuruhen. Etwas langsam angehen zu lassen, langsam und wohlüberlegt und abwägend, das war einfach nicht ihr Stil. Sie stürzten gerne kopfüber ins Verderben, aber zusammen. Immer zusammen.

Vielleicht konnte es sich nochmal so anfühlen wie früher, als Joko kurzzeitig gedacht hatte, sie würden es hinkriegen. Damals, in den Monaten nach Mundpropaganda. Auf Jamaika. Bis Schmitti hereingekommen war.

Es ist nichts.

„Joko“, zischte Klaas verärgert. „Hör auf, herumzuträumen und unsere Zeit zu verschwenden.“

Die Tür blieb unabgeschlossen.

Klaas dirigierte ihn zum Sofa, begrub Joko unter sich. Seine Augen flackerten wild, als könnten selbst sie sich nicht entscheiden, was sie wollten. Joko ließ seine Hände, wo sie waren, ließ sich von Klaas die Hose öffnen, ließ sich von Klaas anfassen. Er agierte nicht, er reagierte. Er spürte Klaas‘ Fingerkuppen über seinen Bauch fahren, jede Berührung so schmerzhaft süß wie heißes Eisen, das Spuren auf seiner Haut hinterließ. Er fragte sich, ob es jetzt immer so sein würde. Ob Klaas ihm jetzt wieder regelmäßig einen runterholen würde, wann immer er sich vor der Kamera dabei erwischte, zu sanft zu sein.

Vielleicht brauchten sie nicht mehr. Vielleicht reichte es. Vielleicht ging es nicht anders, weil alles, was tiefer ging, ihr gesamtes Fundament ins Wanken brachte.

Wichtig war, dass sie weiterhin beruflich funktionierten. Es war der letzte Anker, an den sie sich klammern konnten, und Joko war bereit, alles dafür zu opfern.

Klaas beobachtete ihn genau, runzelte konzentriert die Stirn, während er Joko immer schneller rieb. Er war nicht ungeduldig, er war wachsam. Er schien sich allein durch die wiedergewonnene Kontrolle zu beruhigen, wie trügerisch sie auch sein mochte.

Wichtig war, dass sie weiterhin funktionierten. Joko würde alles dafür opfern.

Er könnte seine Hand nach Klaas ausstrecken, aber die Abweisung würde zu sehr wehtun. Und so wartete er, bis Klaas sein Keuchen gierig aufnahm, bis Klaas Knopf und Reißverschluss seiner eigenen Hose öffnete und mit seinem Schwanz an dem von Joko entlangfuhr. Joko stieß mit den Füßen gegen die Sofalehne und mit dem Kopf gegen das andere Ende, bog seinen Körper, kam ihm entgegen, als Klaas ihre Erektionen umfasste und aneinander rieb. Es war gut. Es war genug.

Das hier, das würde funktionieren.

Joko wusste, dass sie logen, aber er ging mit. Er wusste, dass er litt, aber er stoppte es nicht. Klaas kaum zu haben war besser als ihn gar nicht zu haben. Er wusste, dass sie mit vollem Karacho auf die Katastrophe zusteuerten, aber er bremste sie nicht. Klaas hatte das Steuer fest in der Hand, das hatte er seit Gumball nie wirklich abgegeben, und trotzdem machte Joko den Mund nicht auf und fragte, warum zur Hölle sie geradewegs die Klippe hinunterstürzten. Denn solange Klaas an seiner Seite war, würde er einfach mitgehen. Mitfallen. Es war so simpel wie es beängstigend war.

Sie kamen gemeinsam, sahen sich einen Moment an, der ewig zu verweilen schien, denn er war kostbar. Ungefiltert. Echt.

Da war Matthias‘ Stimme in Jokos Kopf, die sich nicht mehr abschütteln ließ.

Das mit euch, das wird nicht funktionieren. Nicht, wenn du dabei immer mehr verschwindest.

Er blieb trotzdem, ließ zu, dass Klaas jede Zelle seines Körpers übernahm. Denn Klaas war Klaas und Joko war Joko und trotz der ganzen Scheiße und obwohl es in Joko unangenehm brannte, vor Verlangen oder Sehnsucht konnte er gar nicht sagen, trotz dessen war da dieses unumstößliche Verständnis zwischen ihnen, dass sie die Welt nur aushielten, wenn sie beieinanderblieben. Komme, was wolle.

Sie küssten sich nicht.



x



And I fucked you again

We can never be friends

(Why Are You Here by Machine Gun Kelly)




Circus Halligalli, Mai 2015



Es passierte, weil Klaas es nicht mehr aushielt.

Er hatte es vermasselt. Monatelang, auf allen Ebenen, das wusste er. Der einzige Grund, aus dem sie noch funktionierten, war Joko. Auch das wusste er. Aber er wusste nicht, warum Jokos Passivität, sein Mitgehen, ihn so zornig machte. Er trieb ebenjene Passivität an, er befeuerte Jokos Nachgeben, indem er ihn immer weiter pushte, weil er mit Jokos emotionaler Abwesenheit überhaupt nicht zurechtkam.

Joko war nicht kühl, distanziert und scheute ihn, wo auch immer er konnte. Das war nicht sein Naturell, das war das, was Klaas aus ihm gemacht hatte. Das war die Folge von Jokos krankhafter Anpassungsgabe und Klaas‘ wahnhaftem Kontrollzwang. Sie kollidierten immer noch, aber nicht wie früher, nicht wie sie sollten, und Klaas konnte nur ihnen die Schuld dafür geben.

Ihm, weil die Essenz ihrer Verbundenheit zerstörte, und Joko, weil er sich nicht dagegen wehrte.

Nach Jamaika hatte Klaas körperliche Distanz zu Joko wahren wollen und der Schuss war so dermaßen nach hinten losgegangen, dass er sich jetzt wieder in ihr körperliches Verhältnis flüchtete, um sich zu beweisen, dass da sonst nichts war. Es machte ihn wütend und verzweifelt und hilflos und er fand keinen Weg aus der Endlosschleife, in die er sich und Joko gedrängt hatte.

Und je stärker Klaas sich wehrte, umso heftiger wallte dieses ganz bestimmte Gefühl in ihm auf, welches er am liebsten mit Gewalt aus sich reißen und Joko vor die Füße schmeißen wollte. Denn Joko zu küssen, wurde so langsam zu einer fixen Idee von ihm. Die Idee selbst war zwar nicht neu, aber der permanente Drang dahinter war es schon. Dabei war es bereits schwer genug, nur in Jokos Nähe zu sein, ohne nach ihm greifen zu wollen und da weiterzumachen, wo sie auf Jamaika aufgehört hatten. Obwohl es ihm damals Angst gemacht hatte. Obwohl er es gestoppt hatte, als es ihm zu viel geworden war. Die Erinnerung an den Kuss blieb, hatte sich in sein Innerstes festgebrannt, unwiderruflich.

Der Gedanke geisterte durch Klaas‘ Kopf, während er Joko vor der Kamera triezte und ihn abseits der Öffentlichkeit beklommen musterte, da dieser sich immer weiter von ihm entfernte. Er hatte Joko von sich gestoßen, heftig, und Joko hatte die Entscheidung respektiert und sich darauf eingestellt und Klaas hasste sie beide abgrundtief dafür. Joko ließ seine Irritationen immer nur kurz aufflackern, wie einen kurzen Blitz am Himmel, hinter dem sich ein lautes Donnergrollen versteckte, das aber nicht kam. Klaas wusste, dass er nicht fair war, dass er A sagte und dann nach B handelte, dass er Joko nach Jamaika fallen gelassen hatte, ohne es je mit ihm zu besprechen, und ihm dann ein Ständchen sang, weil er es abseits der Show wagte, ein Projekt mit Matthias zu starten. Aber stoppen konnte er sich dennoch nicht.

Er verlor völlig seinen Kopf, als er Joko mitten während einer Halligalli Aufzeichnung sagte, sie müssten sich küssen, um das gegenseitige Piepsen in ihren Ohren auszugleichen. Er wusste nicht, wer von ihnen verdatterter darüber war, die Worte aus seinem Mund zu hören. Joko oder er selbst. Es war nur eine von vielen verbalen und stummen Entgleisungen, die Klaas in beinahe beängstigender Regelmäßigkeit passierten, seit Joko sich nach dem Comedypreis Debakel zurückgezogen hatte und sein eigenes Ding machte. Aber genau dieser Moment stand sinnbildlich für die Problematik, die in Klaas‘ Kopf größer und größer wurde, je länger er den Drang vehement unterdrückte.

Noch viel schlimmer war es, wenn sie Sex hatten. Den hatten sie nach Jamaika nicht oft, weil er Joko aus guten Gründen auf Abstand hielt, aber wenn es passierte, stieg das Verlangen, Joko zu küssen, beinahe ins Unermessliche. Klaas übte mehr Dominanz aus als jemals zuvor, um irgendwie klarzukommen. Um sich in den Griff zu bekommen und zu verhindern, dass Joko ihn wie auf Jamaika nahm und in ihm Gefühle auslöste, die er nicht wollte. Joko ließ ihn machen, schaute ihn an als gäbe es nichts Wertvolleres auf der Welt und so sehr Klaas seine Machtdemonstrationen genoss, so sehr brandete in ihm die Verzweiflung, weil er Joko wieder spüren wollte.

Es war, als versuchte Klaas die Zeit zurückzudrehen und die Intimität und Verbundenheit, die sich auf Jamaika endgültig in ihnen festgesetzt hatte, rabiat auszulöschen.

Alles in ihm verzehrte sich nach Joko, nach dieser Verbundenheit. Nach Jokos Lippen, seinen Berührungen, seinem Lächeln.

Es war wie ein ganz neues, ganz sadistisches Aushalten.

Als sie im Mai tatsächlich ein neues Aushalten für den Red-Nose-Day drehten, kippte die Stimmung zwischen ihnen zum ersten Mal seit langem wieder, war aufgeheizt. Klaas wusste, wie Joko funktionierte, wie viel er zurückhielt. Sein Verhalten nach Klaas‘ Stay With Me-Aktion hatte ihm mehr als deutlich gezeigt, dass Joko ebenso sehr mit sich kämpfte, wie Klaas es tat. Anders als bei dem Aushalten in der Kiste trieben sie sich nicht bis ans äußerste Limit und verließen den Dreh ratlos und genervt; stattdessen war da etwas kaum Greifbares in der Luft zwischen ihnen, in ihren Blicken, in der Stille. Das Leise sein, welches den Hauptbestandteil ihrer Aufgabe darstellte, verstärkte ihr stummes Verständnis, das sich in ihren Augen wiederfand.

Klaas wollte Joko. Joko wollte Klaas.

Das körperliche Verlangen nach Joko, das vehement unter seiner Haut kribbelte, stieg ihm zu Kopf. Die Spannung zwischen ihnen wurde fast spielerisch. Sie genossen den Dreh, das Beisammen sein, gingen zum ersten Mal seit Langem wieder darin auf. Klaas fragte Joko, ob er sein Partner sei, sie lachten, bis sie weinten und nicht mehr atmen konnten, nachdem Klaas „Wer sauft, ist blöd“ sagte und es fühlte sich richtig an. Joko, der ihm nach dem Tequila Suicide mit zugekniffenen Augen als „Dumme Sau“ beschimpfte und Klaas, der dreckig lachte, das fühlte sich richtig an.

Das war echt, das waren sie.

Auch, dass Klaas ihm danach half, die Augen auszuwaschen. Das waren auch sie, weil der Dreh vorbei war und sie hinter der Kamera anders agierten als davor. Das tat der Spannung zwischen ihnen keinen Abbruch. Klaas fühlte sich ein wenig high, als sich ihre Blicke fanden und sie sich angrinsten, verschwörerisch und wissend. Er begleitete Joko nach Hause, nachdem alles abgedreht war, und sie fanden sich in Jokos Wohnung wieder, bevor sie lange darüber nachdenken konnten. Joko zog ihn endlich wieder mit sich, gab ihm endlich wieder zu verstehen, was er wollte, führte Klaas in das Schlafzimmer seiner neuen Berliner Wohnung und begann, fordernd an seinem Hemd zu zupfen.

Und das Einzige, was Klaas noch durch den Kopf schoss, war endlich.

Endlich wieder Jokos Hände spüren. Endlich wieder Jokos Fordern nach mehr.

Sie lachten leise, als Joko sich bei dem Versuch, seine Hose auszuziehen, hilflos verhedderte. Jokos Augen blitzten, als Klaas ihm das Hemd über die Schultern streifte. Endlich war Joko wieder bei ihm, wirklich bei ihm. Endlich zeigte Joko ihm wieder, was er wollte. Endlich…

Joko senkte den Blick, als er sich auf das Bett legte und Klaas auf sich zog. So, wie es seit Monaten war. So, wie Klaas es entschieden hatte. Das Kribbeln verschwand und wurde durch etwas Eiskaltes ersetzt, das durch seinen Körper strömte. Er biss die Zähne zusammen, versuchte, es zu ignorieren. Joko unter ihm, das war heiß. Joko, dessen Schwanz Klaas mühelos aus seiner Boxershorts ziehen und zu voller Härte wichsen konnte, während er sich schwer atmend unter ihm wand, war heiß. Joko, der ihn ansah und keuchte, als Klaas begann, seine Mitte an Jokos zu bewegen, machte ihn an.

Klaas rieb sich an ihm und stöhnte, halb wollend und halb frustriert, weil Joko schon wieder unter ihm lag und es ihn erregte, aber es nicht das war, was er wirklich wollte. Zumindest nicht immer. Er blickte auf ihn hinab, blickte in diese Augen und wollte mehr, wollte den Rausch der Macht in ihnen sehen, der immer aufflackerte, wenn Klaas die Kontrolle abgab und Joko machen ließ, was er wollte.

„Kannst du…“, flüsterte er atemlos, wollte es sagen und konnte es doch nicht.

Braune Augen sahen zu ihm hoch, prüfend und intensiv. Jokos Hände gingen endlich auf Wanderschaft, glitten in sein Haar und als er feste daran zog, schwappte noch ein Keuchen über Klaas‘ Lippen.

„Kannst du… mich?“, versuchte er erneut.

„Kann ich was?“, erwiderte Joko. Die Finger griffen fester zu, als Klaas auf die Seite rutschte und den Nacken genussvoll nach hinten streckte. Joko wusste genau, was er wollte, warum er es wollte, aber er würde es ihm nicht einfach so geben. Dafür war Klaas über die letzten Monate hinweg zu grob mit Joko umgegangen.

Klaas schloss die Augen, weil es dann einfacher war. Holte tief Luft und stöhnte im nächsten Moment überwältigt, als Jokos Finger langsam über seinen Hintern fuhren. Sie lagen nebeneinander, ganz nah, sodass Joko problemlos um seinen Körper greifen und mit der Hand seinen Rücken hinauf wandern konnte. Klaas sog die Luft ein, war plötzlich wie paralysiert von dem Gefühl von Jokos Fingerspitzen auf seiner nackten Haut, da sie sich jetzt unter seinem T-Shirt und auf den Bund seiner Shorts zubewegten. Er war irgendwo zwischen Antizipation und Nervosität gefangen, wollte sich vor Joko nicht die Blöße geben und wusste andererseits, dass er ihm nichts vormachen konnte. Jokos flache Hand stahl sich unter die Boxershorts, legte sich auf seine rechte Backe. Klaas konnte die Hitze spüren, die von ihr ausging, als Joko die Finger spreizte und sein Daumen knapp unter Klaas‘ Steißbein zum Stillstand kam.

Klaas wollte ihn so sehr, dass er am liebsten geschrien hätte.

Er spürte die Kuppe des Zeigefingers sachte durch seine Spalte gleiten und atmete zitternd aus. Es war zu lange her. Joko hatte ihn seit Jamaika nicht mehr so berührt, hatte sich eher berühren und Klaas die Führung übernehmen lassen, die Klaas sowieso stumm eingefordert hatte. In diesem Moment hatte er allerdings große Probleme, sich an nur einen guten Grund zu erinnern, warum er sich das hier hatte nehmen lassen, und das auch noch monatelang.

Joko strich mit seinem Finger bedächtig Klaas‘ Damm entlang, erzeugte eine sanfte aber gekonnte Reibung, vor allem, als er begann, immer länger an Klaas‘ Eingang zu verharren, ihn vorsichtig mit der Fingerspitze zu umspielen. Klaas kam ihm instinktiv entgegen, schob sein Becken näher an den Finger, wollte sich daran reiben wie ein Wahnsinniger, während die Lust in schnellen Schüben durch seinen Körper stob. Aber Joko lächelte nur, legte seine andere Hand auf Klaas‘ Becken und sorgte wieder für etwas mehr Abstand.

Klaas schnaufte, ein wenig empört und überwiegend erregt.

„Was kann ich?“, murmelte Joko, blickte Klaas voll in die Augen und nahm drei seiner Finger in den Mund. Klaas starrte ihn an, sah Jokos Finger, diese verdammten Finger, die ihm schlaflose Nächte bereiteten, in Jokos Mund verschwinden und auf einmal war es überhaupt nicht mehr schwer. Er rückte ein wenig näher an Joko heran, sodass sich ihre Erektionen durch die Boxershorts leicht berührten, nahm das Schaudern wahr, das durch Jokos Körper ging, und erwiderte den Blick genauso ungefiltert, wie er ihm entgegenkam.

„Fickst du mich?“ Er konnte sich grade noch so auf die Lippe beißen, bevor ihm ein ‚Bitte‘ mit herausgerutscht wäre.

Und da war es. Da war dieses Aufflackern in Jokos Augen, als würde er eine Aufgabe annehmen, die er um jeden Preis gewinnen musste. Klaas hatte diesen Blick lange nicht gesehen, zu lange, und jetzt war nicht der Zeitpunkt, um sich dafür zu schämen, wie sehr er ihn anmachte. Stattdessen griff er nach Jokos Schwanz und begann, mit seinen Fingerspitzen darüber zu fahren. Genoss den Gedanken, dass Joko nur von dem Angebot, das Klaas ihm gemacht hatte, steinhart geworden war. Er massierte Joko langsam, brach den Blickkontakt nicht, weil da endlich, endlich wieder dieser eine Ausdruck in Jokos Augen war, an dem er sich nicht sattsehen konnte.

Joko mit seinen Augen und seiner Präzision und diesem überlegenen Lächeln auf den Lippen, als er Klaas die Unterhose in die Kniekehlen zog und mit einem gelfeuchten Finger in ihn eindrang. Ihm ein „Bleib so“ zuraunte und den Anblick in sich aufzusaugen schien, nicht wollte, dass Klaas die Beine öffnete, um ihm mehr Raum zu geben. Der Daumen begann sich langsam und bestimmt in Klaas zu bewegen und Klaas‘ ganzes Weltbild wurde schlichtweg erschüttert. Es konnte nicht sein, dass er und Joko nicht für diese Art von Nähe prädestiniert waren. Es konnte nicht sein, dass dies ganz normale Berührungen waren, dass jeder andere Mensch mit denselben Bewegungen das Gleiche in ihm auslösen würde. Unwillkürlich spannte er sich an, presste die Beine aufeinander und die Ober- auf die Unterlippe, weil Joko seinen Daumen in genau der richtigen Geschwindigkeit bewegte und sich sein Blick in den von Klaas bohrte.

„Du bist so eng“, flüsterte er und Klaas jagte ein Schauer nach dem anderen den Rücken herunter.

Joko fingerte ihn um den Verstand, presste sich in ihn, wechselte zu zwei Fingern, als Klaas langsam begann, locker zu lassen und sich auf das Fühlen zu konzentrieren. Jokos zustimmendes Brummen klang in Klaas‘ Ohren wie Lob und bevor er wusste, wie ihm geschah, hing er mit dem Kopf an Jokos Halsbeuge, sein Schwanz erregt und an der Spitze bereits verräterisch nass gegen Jokos Erektion gedrückt, während Joko seine Finger tief in Klaas vergrub und mit jedem Laut, der Klaas‘ Lippen verließ, nur noch forscher wurde.

„Willst du mehr?“

Und Klaas nickte, der Atem abgehackt und hektisch. Wollte mehr. Wollte alles. Bekam noch einen Finger und stöhnte, weil es gut war, aber die Ungeduld zu eindeutig durch ihn pulsierte und seine Zunge löste.

„Joko.“ Joko stieß zu, summte in sein Ohr und endlich, endlich war das dieses Gefühl, als würde kochendes Wasser durch Klaas‘ Blutbahnen schießen. Überwältigt schloss Klaas die Augen, küsste Jokos Hals, klammerte sich an ihn und zuckte noch einmal heftig zusammen, weil Jokos Finger erbarmungslos und zielsicher waren. Weil er es eigentlich lieber mit zwei Fingern mochte aber das Gefühl der Fülle den Drang nach mehr nur noch befeuerte. Weil er ewig so bleiben und sich von Joko fingern lassen könnte, aber es dieses Mal nicht ausreichte.

„Joko, bitte.“ Er war sich bewusst, wie lächerlich rau seine Stimme war, wie er in Jokos Armen hing, sich von ihm mit zwei Handgriffen drehen ließ und seinen Rücken jetzt an Jokos Bauch presste. Er wusste es und es war ihm egal, weil Jokos Hände zitterten, als er nach dem Kondom in seiner Nachtischschublade griff und die Verpackung fahrig und überhastet aufriss. Weil Joko ihm nahe war und es doch so anders war als auf Jamaika, viel ungefährlicher, viel getriebener von Lust. Joko strich durch seine Ritze, fuhr mit seinem Schwanz mehrmals an Klaas‘ Damm entlang und Klaas streckte sich ihm schamlos entgegen, hätte in diesem Moment alles getan oder gesagt, nur um Joko endlich in sich zu spüren.

Er nahm ihn auf, atmete kontrolliert und konzentriert ein und aus, achtete nicht auf das unangenehme Ziehen, als sich Jokos Eichel in ihn drückte, sondern fokussierte sich auf Jokos heißen, stockenden Atem, der über sein Ohr strich und ihn wahnsinnig machte. Klaas widerstand dem Drang, nach Jokos Hand zu greifen und legte jene Hand stattdessen an seinem Hals ab, damit er dessen Fingerspitzen über die aufgeheizte, sensible Haut tanzen spürte. Joko stöhnte, tief und hilflos, als er schließlich ganz in Klaas vergraben war. Seine freie Hand legte sich auf Klaas‘ Hüfte, animierte sie dazu, sich zu bewegen und ihm entgegenzukommen und Klaas gehorchte sofort. Jokos Schwanz pulsierte in ihm, hart und wollend, und die Gier fraß sich durch jede Zelle seines Körpers. Klaas‘ Unterleib zog sich vor Erregung fast schmerzhaft zusammen, als Joko das erste Mal zustieß, ihm direkt ins Ohr stöhnte und seine Finger in Klaas‘ Hüfte krallte.

Sie bewegten sich erbärmlich schnell auf ihren Höhepunkt zu. Jokos Bewegungen waren nicht sanft, sie waren gezielt und gewollt. Der Schweiß perlte auf seiner Haut, die Lippen glitten über Klaas‘ Ohr und alles an ihm war so erregend, so perfekt auf Klaas eingestellt, als hätten sie ihr Leben lang nichts anderes getan. Klaas schossen Worte durch den Kopf, die er nie über die Lippen bringen würde, er bog Joko seinen Rücken fast schon verzweifelt entgegen, weil er den Winkel ein wenig änderte, mit den Fingern seinen Schwanz umschloss und ein paar Mal schnell und flach zustieß. Was Klaas dadurch fühlte, war schlimmer als Sodbrennen, besser als in jeder Vorstellung, intensiver als jede Ekstase. Joko ging mit ihm, presste die Fingerspitzen an Klaas‘ Hals, während seine rechte über seinen Schwanz fuhr, wieder und wieder, ein heißes Brennen in Klaas auslöste, das nicht aufhören wollte. Joko leckte über sein Ohr, Klaas‘ Muskeln zogen sich überrascht um ihn zusammen und Joko stöhnte rau; stöhnte und kam und fickte Klaas weiter, drehte sein Handgelenk und strich mit dem Zeigefinger über Klaas‘ Kehlkopf und der Orgasmus schlug mit einer Vehemenz über Klaas zusammen, die ihn nach Luft schnappen ließ.

Und alles, was Klaas denken konnte, war endlich. Endlich fühlte sich etwas wieder richtig an.

Da war ein Schleier vor seinem Sichtfeld. Ein Schleier aus Lust, die nun träge geworden war, jedoch immer noch in ihm aufflackerte, weil Joko sich immer noch langsam in ihm bewegte und mit dem Daumen über seine Spitze strich, bis sein Schwanz überreizt zuckte. Er hörte Joko tief einatmen, als müsse er sich kurz sammeln, und dann zog er sich aus Klaas zurück. Die nächsten Minuten waren geprägt von scheuen Berührungen, Joko, der sich das Kondom abstreifte und Klaas ein Taschentusch reichte, dabei mit vorsichtigen, kreisenden Bewegungen über Klaas‘ rechte Seite fuhr. Es waren diese Momente, die für Klaas am gefährlichsten waren. Hier und jetzt, schutzlos und umhüllt von einem Nebel aus Verlangen, der ihn verführerisch vor der Außenwelt abschirmte und ihn lockend in Jokos Arme trieb. Trügerisch, gefährlich, endgültig.

Klaas fasste sich ein Herz, löste sich von Joko und wich seinem Blick aus. Fühlte sich ein wenig wie verkatert, leer und ausgebrannt, spürte Jokos Augen auf sich, als er sich anzog. Merkte Jokos Beben hinter sich, als dieser realisierte, dass das eben Geschehene rein gar nichts ändern würde. Biss sich auf die Lippe und unterdrückte den Drang, sich umzudrehen und Joko zu umarmen, lange und unnachgiebig, bis alles wieder einen verfickten Sinn machte.

Ihre Blicke kreuzten sich ein letztes Mal, als Klaas sich vollständig angezogen zum Bett umdrehte. Joko blinzelte, schlug die Augen aber nicht nieder und Klaas wusste, dass er weiterkämpfen musste. Joko, der echte Joko, der durfte nicht unter Klaas‘ Feigheit und seiner Panik verschüttet werden. Diesen Joko musste er schützen, weil er der Welt erhalten bleiben musste; weil die Welt schon beschissen genug war und Menschen wie Joko sie erst erträglich machten. Je mehr Joko in Klaas‘ emotionales Chaos gezogen wurde, desto mehr würde er dabei untergehen und das konnte Klaas nicht zulassen.

Klaas nickte kaum merklich, wartete, bis Joko das Nicken zögerlich erwiderte und wandte sich dann ab. Er verließ Jokos Wohnung, schloss mit Nachdruck die Türe hinter sich und das fühlte sich wirklich falsch an. Zu gehen, das richtete sich gegen jede Faser in Klaas‘ Körper, die vor allem jetzt nach Jokos Wärme lechzte. Denn Joko und seine Wärme waren das Einzige, was gegen die Kälte half, die sich jetzt wieder über Klaas‘ Herz legte.

Sie hatten sich nicht geküsst.

Aber den Drang, Joko zu küssen, den nahm er mit sich, naiverweise hoffend, dass er sich vom Wind davontragen lassen würde, wenn Klaas ihn nur lange genug ignorierte.



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