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Little Chefs

von Maclilly
KurzgeschichteFamilie, Freundschaft / P6 / Gen
Alice Nakiri Ryo Kurokiba
13.06.2021
13.06.2021
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*

Little Chefs

*

Ryō ist krank und Alice ein kleines Fräulein Naseweis.


*räusper*

Ähm … Ja …

Einige werden sichvielleicht wage an mich erinnern – wenngleich nicht in diesem Fandom.

Und andere nicht.

Ich gebe zu, ich bin etwas eingerostet. Und man wird dem nachfolgenden Text entnehmen, dass ich seit einigen Jahren kein Kreatives Schreiben auf Deutsch praktiziert habe. Einige Sätze sind so fürchterlich.

Dies ist eine Übersetzung einer englischsprachigen Story (meiner eigenen), die bisher auch nur ein Kapitel beinhaltet. Ich werde fortan versuchen, zumindest die etwas kürzeren Werke zu übersetzen – um mein Deutsch etwas aufzupolieren. :D


*


Ryō wusste, dass er sich einen akuten Infekt eingefangen hatte. Die Anzeichen waren auch schwerlich verkennen.

Sein Kopf fühlte sich schwummrig an, seine Glieder waren schwer wie Blei und sein Hals schmerzte fürchterlich. Zog man zudem seine glühende Stirn in Betracht und wie heiß sich seine Haut im Vergleich zu den Laken seines Bettzeugs anfühlten, war auch ein schönes Fieber nicht gänzlich ausgeschlossen.

Jap, er brütete eindeutig etwas aus.

Und dennoch war Ausruhen keine Option für Ryō. Eine Pause konnte und wollte er sich nicht erlauben. Er hatte einen Pub am Laufen zu halten.

Müde, mit schmerzenden Knochen, wälzte er sich auf die andere Seite und reckte seinen Kopf zur Seite, um einen Blick auf die alten, abgenutzten Wecker zu werfen, der vergnügt auf dem Beistelltisch tickte. Es war beinahe Mittag!

Ryō stöhnte auf, der Laut einigermaßen gedämpft durch sein Kissen. Er war bereits spät dran. Obwohl der Pub nicht vor Einbruch der Dämmerung öffnete, so gab es dennoch reichlich Dinge im Vornhinein zu erledigen. Töpfe, Pfannen und Teller mussten poliert, Gemüse geschnitten und Fische entnommen werden. Es war eine Heidenarbeit, das eigentliche Kochen nur das Tüpfelchen auf dem I.

Und so hievte sich Ryō aus seinem Bett. Mit dröhnenden Kopfschmerzen und einer Welt, die sich scheinbar um ihn drehte, schleppte er sich zur Tür und hinaus auf den Flur. Als er die Tür zum Wohnzimmer passierte, hielt er kurz inne, um den Geräuschen zu lauschen, die von dort herrührten. Er hörte Schreie, Gekeife, Stöhnen und ein Geräusch, als würde jemand Fleisch klopfen. Entweder hatten seine Eltern wieder Krach … oder Sex. Der Unterschied war unmöglich festzustellen. Vielleicht war es beides gleichzeitig.

Ohne die aktuellen Aktivitäten seiner Eltern einhergehender zu untersuchen, ging er weiter und taumelte die schmalen Treppenflucht zum Pub hinunter. Es gab keinen Grund, sie über sein aktuelles Befinden in Kenntnis zu setzen. Er war kein Schwächling. Er konnte mit einer Erkältung umgehen. Und außerdem würde es sie ohnehin nicht jucken.  

Er erreichte den unteren Treppenabsatz, stolperte über die letzte Stufe und flog buchstäblich durch die Tür zum Schankraum. Mit dem Gesicht voran krachte er auf die gewienerten Holzdielen.

Ein dunkles Glucksen ertönte.

»Was ist los, Boss? Wieder mal zu tief in die Flasche deines Alten geguckt?«

Ryō rollte mit den Augen. Das war bisher nur einmal passiert.

Er schielte nach oben und entdeckte Frederick, einen seiner Handlanger, über sich stehen. Frederick war ein Hüne von einem Mann, mit Bierplauze, einem wettergegerbten Gesicht, buschigen Augenbrauen und zotteligen, wilden Bart. Er hatte sich ein kariertes Küchentuch über die Schulter geworfen und trug eine leere Holzkiste in Händen.

Ryō entfuhr ein tiefes, gutturales Knurren. Eine Warnung. Lieber keinen Schritt weiter sonst … Doch Frederick lachte bloß. Er ließ sich nicht leicht einschüchtern.

»Kein Grund zur Sorge, Boss«, sagte er mit einem vergnügten, schon fast jovialen Unterton, während er auf die Tür zur Küche zuging. »Deine kleine Freundin hat alles unter Kontrolle.« Er verschwand durch die Tür.

»Sie ist nicht meine Freundin!«, krächzte Ryō währenddessen seine Ohren hochrot anliefen. »Sie ist nur eine-« Moment, was?!

Er starrte die Tür zur Küche an, die noch in ihren Angeln schwing.

Sie hatte doch nicht …!

Aber doch, jetzt konnte er es sogar hören: Ein vertrautes Scheppern und Klappern und Stimmengewirr war aus den heiligen Hallen seines Pubs zu vernehmen.

Ryō rappelte sich auf, hastete vorwärts, stieß die Tür auf … und wurde vom üblichen emsigen Treiben einer fleißigen Küchencrew im Vorbereitungsstress begrüßt.

Seiner Küchencrew im Vorbereitungsstress für die Gerichte, die heute in seinen Pub serviert werden sollten.

Fischinnereien türmten sich auf Edelstahltabletts, Schüsseln voll mit geschnittenem Gemüse und Pilzen reihten sich entlang der Arbeitsflächen, Brotlaibe wurden zum Ruhen in warme Öfen geschoben und gehackte Zwiebeln brutzelten in Pfannen.

Und Dreh- und Angelpunkt dieses organisierten Chaos war niemand geringeres als Alice Nakiri.

Mit ihrem schlohweißen Haar, das im künstlichen Licht von selbst zu leuchten schien, und von Kopf bis Fuß in eine makellose, weiße Küchenuniform gekleidet, wirkte sie wie die leibhaftige Personifikation der Snedronningen – der Schneekönigin. Und wie eine eingebildete Königin benahm sie sich auch. Das hochnäsige Mädchen tänzelte zwischen den einzelnen Arbeitsstationen umher. Sie erteilte Befehle, überwachte sämtliche Handgriffe, die seiner Küche getätigt wurde, und ermahnte seine Männer, wenn etwas nicht ihren Anforderungen entsprach.

»Hab‘ was gefunden, kleines Fräulein«, sagte Frederick und trat an das Mädchen heran. »Damit sollte es gehen.« Er drehte die Holzkiste und stellte sie, mit der Öffnung nach unten, ab.

Alice klimperte verzückt mit ihren Wimpern. »Dankeschön.« In einer geschmeidigen Bewegung hüpfte sie auf das improvisierte Podest und drehte eine perfekte Pirouette – auf Zehenspitzen, wie eine prima Ballerina.

Ryō verlor endgültig die Beherrschung. »Nakiri!«

Alice hielt in ihrer anmutigen Bewegung inne und neigte den Kopf zur Seite. Als sie ihn erblickte, zuckten ihre Mundwinkel und ihre Lippen verzogen sich zu einem schelmischen Grinsen. Ein durchtriebenes Funkeln trat in ihre rubinroten Augen.

»Guten Morgen, Schlafmütze«, trällerte sie in einem trommelfellzerfetzenden Singsang. »Obwohl es ja eigentlich schon weit nach Mittag ist …«

Ryō überging ihre Bemerkung. »Was hast du hier verloren?«, raunzte er sie an, während er auf sie zu stürmte, schnaufend wie ein aufgebrachter Stier.

Alice blieb gänzlich unbeeindruckt ob seines Wutausbruchs. Ihr spitzbübisches Lächeln blieb intakt und sie warf ihm einen überheblichen Blick zu. »Deine Arbeit, im Grunde.«

Als sie ihn jedoch genauer inspizierte und dabei seine glasigen Augen sowie schwere Atmung zur Kenntnis nahm, verflog ihre übertriebene Heiterkeit umgehend. Sie runzelte die Stirn.

»Bist du krank?«

»Zur Hölle, nein!«, schoss er zurück – trotz der Schmerzen, die er in seinem Hals verspürte.

Alice blieb standhaft. Mit der Abgeklärtheit einer Wissenschaftlerin, die gerade die Ergebnisse ihres jüngsten Forschungsprojekts in Augenschein nahm, betrachtete sie ihn ganz genau. Dann sprang sie von der Kiste, streckte die Hand aus und berührte seine Stirn. Ryō zuckte zusammen. Ihre Hand fühlte sich angenehm kühl auf seiner extrem aufgeheizten Haut an. Ihm entfuhr beinahe ein wolliges Seufzen und für einen Moment wünschte er sich nichts sehnlichster, als sich in die Berührung zu lehnen.

»Du bist krank«, stellte sie nüchtern fest.

Ryō schlug ihre Hand beiseite.

»Bin ich nicht.«

Alice schnalzte spöttisch mit der Zunge. »Oh, bitte. Ich könnte deine Stirn als Ersatzherd benutzen, falls uns das Gas ausgeht.«

»Verpiss dich!«

»Wird nicht passieren.«

Ryō schnaubte und versuchte, sich an ihr vorbeizudrängeln.

Doch Alice trat nicht beiseite. Sie versperrte ihm den Weg.

»Nein, nein, nein,« sagte sie tadelnd. Sie hob einen mahnenden Zeigefinger und wedelte damit vorwurfsvoll vor seinen Augen. »Kein Kochen wenn man krank ist. Das geht gar nicht.«

Ryō blähte seine Nüstern auf. »Kommandier mich nicht herum, Nakiri. Du bist hier nicht der Boss – nur eine aufgeblasene, verzogene Göre!«

Alice hob eine Braue. »Ich dachte, ich hätte dir bereits bessere Manieren beigebracht,« sagte sie kühl, ihre Lippen zu einer dünnen Linie gepresst. »Offenbar muss ich dir nochmal eine Lektion erteilen. Aber keine Bange, irgendwann kriegen wir dein ungehobeltes Benehmen schon unter Kontrolle.« Sie sah ihn vergnügt an, bevor sie mit den Schultern zuckte. »Aber für heute werde ich dir verzeihen. Du hast schließlich Fieber. Und ich muss den Laden hier schmeißen.«

»Ich brauch‘ deine Vergebung aber nicht!«, fauchte Ryō. »Oder dein Mitleid.«

»Ich bemitleide dich nicht«, erwiderte Alice gleichgültig. »Das ist eine Tatsache. Ein kranker Koch ist eine Gefahr. Eine Gefahr für seine Mitstreiter, seine Gäste … und für sich selbst.« Sie blickte ihn scharf an. »Und gerade du solltest das eigentlich wissen! Du bist der Chefkoch.«

Unwillkürlich machte Ryō einen Schritt zurück; sein Gesicht zu einer widerstrebenden Grimasse verzerrt.

Er wusste es.

Tief in sich, wusste er, dass er nicht hier sein sollte. Dass es ein kranker Koch nichts in einer Küche verloren hatte. Es war ein Tabu. Und dieses Tabu zu brechen, war nicht nur eine Fahrlässigkeit. Es war ein Sakrileg. Denn damit setzte er nicht nur die Gesundheit seiner Mitarbeiter aufs Spiel – sondern auch die seiner Gäste!

Ryō knirschte mit den Zähnen und seine Hände ballte sich zu zitternden Fäusten! »Ach ja? Und was schlägt das alleswissende Fräulein Naseweis vor? Wer soll den Laden hier schmeißen?«

Die Antwort folgte prompt. Bedeutungsschwanger platzierte sie eine Hand auf ihrer Brust und strahlte ihn an. »Na ich natürlich.«

»Mach dich nicht lächerlich!«, kommentierte Ryō spöttelnd. »Denn in dem Fall bist du do gut wie tot. Diese Seemänner, Fischer und Trunkenbolde sind keine Heiligen.« Er ließ ein verächtliches Schnauben verlautbaren. »Diese Leute sind der Bodensatz des hiesigen Abschaums. Wenn du auch nur einen Moment zögerst, häuten sie dich bei lebendigem Leibe und werfen deine Leiche den Möwen zum Fraß-«

»Na dann ist es ja, dass ich keinerlei Intention habe, zu zaudern«, konterte Alice selbstgefällig. »Ich kann dir in den Arsch treten, also kann ich auch denen den Hintern versohlen.«

Wie um ihre Behauptung zu untermauern, wandte sie sich plötzlich ab und schaute sich um, zweifelsohne auf der Suche nach einem beliebigen Opfer, das sie erbarmungslos schikanieren konnte.  

Ihr Blick blieb an einem Hilfskoch hängen, der Geschirr spülte.

»Du!«

Der angesprochene Koch zuckte zusammen. Der Teller, den er bis eben noch gedankenverloren poliert hatte, flutschte ihm aus den Händen und fiel klappernd zurück ins Spülbecken.

»Ja?«

Unsicher fuhr er herum. Er war ein stämmiger Kerl, der das kleine Mädchen um mehrere Köpfe überragte. Und dennoch schien er förmlich zu schrumpfen, als Alice sich vor ihm aufbaute, die Hände in die Hüften gestemmt.

»Du … Schweinefleisch … drehen für in Zentrifuge gießen … Looping fliegen«, wies sie in einem Dänisch an, welches so katastrophal fürchterlich war, Ryō wünschte seine Ohren würden abfallen.

Dem Hilfskoch erging es freilich nicht anders. Er starrte Alice an, verständnislos. Es stand außer Frage, dass er nicht eine Anweisung verstanden hatte.

Alice verengte ihre roten Augen zu schmalen Schlitzen. »Sofort!«

Der Hilfskoch schlug die Hacken zusammen und salutierte. »Aye, aye, Chef … ähm … Chefin.« Und dann machte er sich davon, sicherlich um sich mit einem Kollegen zu beraten und ihr dänisches Kauderwelsch zu dechiffrieren.

Alice reckte triumphierend ihre Nase in die Höhe. »Siehst du«, sagte sie eingebildet. »Ein Kinderspiel.«

»Das ist Ole. Der ist ein Weichei.«

Alice überging seine Bemerkung mit einer wegwerfenden Handbewegung.

»So, nun da wir Hoheitsansprüche geklärt hätten …« Und plötzlich stand sie hinter ihm. »Während du dir heute mal eine Auszeit gönnst, werde ich die Zügel hier übernehmen.«

Sie begann, ihn in Richtung Ausgang zu scheuchen.

»Aber-«

»Keine Widerrede!« Unbarmherzig manövrierte sie ihn aus seinem Territorium. »Mach dir keinen Kopf. Ich werde schon niemanden verhungern lassen.« Sie machte eine kurze Pause und ein gehässiger Ausdruck trat auf ihr blasses Gesicht. »Jetzt wo ich so darüber nachdenke … Vermutlich wird deine Kundschaft absolut begeistert davon sein, dass fortan ich die Position Chefköchin innehabe. Zur Abwechslung dürfen sie sich einmal an Gerichten erfreuen, die von einer wirklich erstklassigen Köchin zubereitet wurden.«

Das war zu viel für Ryō – und sein überbordendes Ego. Er schnappte aus seiner Schockstarre.

Er fuhr herum, ein Zeigefinger bereits anklagend auf Alice gerichtet. Sein Mund öffnete sich, um einen Schwall an Beleidigungen in ihre Richtung auszustoßen. Denn so überragend waren ihre Kochkünste gar nicht. Allenfalls mittelprächtig. Und überhaupt gab es keine Garantie dafür, dass sie auch das nächste ihrer Kochduelle gewinnen würde – gleichwohl die bisherigen Ergebnisse freilich Bände darüber sprachen, in welch möglichem Resultat ein erneuter Versuch münden würde. Bisher war es ihm noch nie gelungen auch nur einen Sieg über das verzogene Nakiri Gör zu erringen. Doch dieser Umstand schmälerte weder seinen Ehrgeiz noch seine Überzeugung. Keineswegs.

Jedoch, bevor die Worte seinen Mund verlassen konnten, versiegten sie ihm schon wieder als sich eine fremde Hand auf seine Schulter legte.

»Besser nicht«, warnte ihn eine tiefe Stimme und die Hand drückte sanft zu.

Ryō verkrampfte.

Der Griff um seine Schulter war nicht stark. Aber es reichte aus.

Sofort wurde er von nackter Panik überrant. Ryō fühlte sie mit all ihrer Macht über sich hineinbrechen, unaufhaltsam und unausweichlich. Sein Brustkorb zog sich zusammen. Sein Herzschlag beschleunigte sich, hämmerte so stark in seiner Brust, dass er das Dröhnen sogar in seinen Ohren hören konnte. Sein Mund wurde trocken, seine Atmung flach und abgehackt, und seine Kehle schnürte sich zu. Bilder überfluteten seinen Verstand. Unaufhörlich prasselten sie auf ihn ein: lebhafte und schmerzhafte Erinnerungen, die ihn die schlimmsten Augenblicke seines Lebens durchleben ließen.

… ein schummrig beleuchteter Raum …
… eine unverputzte Backsteinmauer …
… ein Luftzug, der durch den Spalt unter der Tür hineinwehte …
… eine Glühbirne, die hin und her schwenkte … Glasscherben, die den Boden übersäten …

Er saß in einer Ecke des Zimmers, die Knie an sich herangezogen, die Arme darum geschlungen. Sein Bandana war um sein Handgelenk gewickelt. Mit grimmiger Entschlossenheit verfolgte er die hypnotisierenden Bewegungen der Glühbirne.
Bloß keinen Mucks machen!
Wenn er ganz still war, würde er ihn vielleicht nicht bemerken.

Plötzlich ein Knarzen  …
… ein kalter Windstoß, als die Tür geöffnet wurde  …
… schwere Schritte auf dem alten Dielenboden …
… der Gestank von Tabak, billigem Wodka und Schweiß, der ihm in die Nase kroch …
… ein muskulöser Schatten in der Tür … dann eine vernarbte Hand, die sich sein Sichtfeld schob.

Sie kam näher, packte ihm am Schlafittchen. Ein markerschütternder Schrei zerriss die Stille als er in die Luft gehoben wurde. Er krümmte und wandte sich. Aber er konnte sich nicht zur Wehr setzen. Er war zu schwach, zu hilflos – wie ein verängstigter Welpe. Dann sah er die Zigarette, die in der Dunkelheit aufglomm. Seine Augen flogen auf, Panik spiegelte sich in ihnen wider.

Er schrie noch einmal - zuerst aus Furcht … dann vor Schmerz.


Plötzlich bewegte sich die Hand. Sie verschwand von seiner Schulter und legte sich stattdessen auf deinen Schopf. Ryō rührte sich nicht. Er war wie versteinert, angespannt ob dem, was folgen würde …

Zu seiner Überraschung passierte … nichts.

Mit einer Mischung aus Angst und Hoffnung, das Herz immer noch wild in seiner Brust schlagend, zwang er sich, aufzublicken.

Sōe Nakiri, Alice’ Vater, stand neben ihm. Sein Auftreten war das komplette Gegenteil zu seiner Tochter und seiner Frau, die nicht selten mit unorthodoxen Verhaltensweisen und unberechenbaren Launen glänzten. Stets mit Brille, maßgeschneidertem Anzug und Aktentasche ausgerüstet und permanent grimmig dreinblickend, erweckte er den Anschein eines ausgesprochen verschlossenen und ehrgeizigen Zeitgenossen. Jemand, mit dem man sich besser nicht auf intellektuellem Level maß.

»Es hat keinen Zweck, mit ihr zu diskutieren«, sagte er in einer nüchternen Tonlage. »Meine Tochter wird nicht kleinbeigeben. Nicht, wenn ein Freund offensichtlich Hilfe und Beistand benötigt.«

Er blickte mit ausdrucksloser Miene zu Ryō hinab, dem umgehend die feinen Härchen im Nacken zu Berge standen. Und dann, urplötzlich, verzogen sich seine schmalen, blassen Lippen zu einem breiten Lächeln und ein uncharakteristisches Leuchten trat in seine grauen Augen.

»Sie ist so einfühlsam und durchsetzungsstark – genau wie ihre Mutter!«, säuselte er in einem Anflug von väterlichem Stolz und Vernarrtheit. Freudentränen rollten über seine Wangen.

Ryō verdrehte die Augen. Richtig, Eindrücke können täuschen. Die ganze Sippe war völlig wahnsinnig.

Und dann begann Sōe, vermutlich in einer Geste elterlicher Zuneigung, Ryōs Haar zu zerzausen. »Also gib besser Acht, Junge. Sie wird ein straffes Regiment führen und keine Wiederworte tolerieren.«

Er lachte und zwinkerte ihm vielsagend zu, ein verschwörerisches Funkeln in den Augen.

Doch diesmal wusste Ryō nichts zu erwidern. Er starrte Alice‘ Vater entgeistert an, völlig perplex von dessen Handeln. Es hatte ihm die Sprache verschlagen; sein Verstand hatte ausgesetzt.

Es tat Sōe Nakiris guter Laune keinen Abbruch. Noch immer lächelnd, löste er seine Hand von Ryōs Kopf und legte sie stattdessen auf dessen Rücken. Sanft schob er ihn in Richtung Ausgang.

»Da mir der Fortbestand dieser Institution zunächst gesichert scheint, besteht für uns keine weitere Notwendigkeit noch länger unnötig im Weg rumzustehen, nicht wahr? Daher würde ich vorschlagen, wir vertreten uns für eine Weile die Beine«, sagte Sōe Nakiri, während er Ryō durch die Küche lotste. »Meine Frau wartet im Schankraum und sie wäre sicherlich hocherfreut, falls du ihr etwas Gesellschaft leisten könntest. Leonora ist stets so verzückt, wenn sich ihr mal die Gelegenheit bietet, einen Plausch in ihrer Muttersprache zu führen.« Er hob eine Hand und dämpfte seine Stimme, um die nachfolgenden Worte vor den gespitzten Ohren seiner vorwitzigen Tochter abzuschirmen. »Unter uns gesagt, die Fremdsprachenkenntnisse in meiner Familie sind begrenzt und ich befürchte, dass-«

»Mou, Vater, was redest du da!«, unterbrach ihn Alice und platzte empört in ihre Runde. Offenbar hatte sie verdammt gutes Gehör. Sie strafte ihren Vater mit einem bösen Blick, die Wangen trotzig aufgebläht. »Sehr gut mein Dänisch ist.«

»Natürlich, meine Prinzessin.« Sōe Nakiri beugte sich vor und tätschelte liebevoll den Kopf seiner Tochter. Doch seine Mimik wirkte starr und sein Lächeln übertrieben. »Du bist Papas perfekter, kleiner Engel!«

Alice ließ ein fürchterlich süßliches, mädchenhaftes Kichern verlautbaren. »Ich weiß.«

Zufrieden mit sich selbst, kehrte sie sich ab und mischte sich wieder unter die Köche, zweifelsohne um ihnen das Leben so richtig zur Hölle zu machen.

Zur gleichen Zeit richtete sich Sōe Nakiri wieder auf. Er lenkte seine Aufmerksamkeit zurück auf Ryō und gab ihm einen aufmunternden Klaps.

»Nun, Zeit zu gehen, mein Junge

Und Ryō kämpfte nicht länger dagegen an. Er gab klein bei.

Ohne jeden weiteren Widerstand ließ er sich aus der Küche in den angrenzenden Schankraum bugsieren, wo Leonora Nakiri bereits auf sie wartete. Umgehend stürzte sie auf ihn; wuselte um ihn herum als würde er jeden Augenblick aus den Latschen kippen. Sie überprüfte sogar seine Temperatur, indem sie eine Hand auf seine Stirn legte, bevor sie ihn in eine Sitzbank komplimentierte und ihren Mann davonscheuchte, um warme Decken und feuchte Handtücher zu bringen.

Und wieder ließ es Ryō über sich ergehen.

Anstatt eine erneute Diskussion über die völlige Unnötigkeit dieser übertriebenen Fürsorglichkeit entfachen, lehnte er sich zurück. Die Müdigkeit brach sofort über ihn herein. Seine Lider fühlten sich bleiern und schwer an, sein Kopf rollte unwillkürlich zur Seite und landete auf Leonoras Schulter, die es sich neben ihm gemütlich gemacht hatte. Sie begann, auf Dänisch vor sich her zu plappern. Ein konstanter Strom einfühlsamer Worte ergoss sich über ihn, gesprochen so voller Güte, Zuneigung und Besorgnis; für Ryōs Ohren klangen sie wie Fremdwörter. Und dann war da erneut eine Hand, zart und weich diesmal. Sie streichelte ihm über den ungekämmten Schopf schwarzen Haares. Die einlullende Handbewegung tat ihr übriges. Sie brach Ryōs Gegenwehr endgültig.

Denn zum ersten Mal seit Jahren seit Jahren wusch eine Welle der inneren Zufriedenheit und Wärme über ihn. Er war ergriffen von einem herrlich warmen Gefühl, das in keinerlei Bezug zu dem Fieber stand, welches ihn plagte.

Er schloss die Augen, lehnte sich in die Berührung und war im Nu eingeschlafen.

*

Es gibt, gerade im englischen Fandom, den allgemeinen Konsens, dass Alice fließend Dänisch spricht.

Dem widerspräche ich – einfach, weil ich es will. In meinem Universum ist Alice‘ Dänisch genauso katastrophal wie das Japanisch ihrer Mutter. Fremdsprachen sind einfach nicht ihr Ding. Nur hat es bisher niemand gewagt, sie darauf hinzuweisen, denn wer Alice Nakiri kritisiert …

„Off with his head!“
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