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Between the Shelves

von TenCount
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Armin Arlert Eren Jäger Irvin / Erwin Smith Levi Ackermann / Rivaille Mikasa Ackerman
13.06.2021
09.10.2021
30
72.049
36
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Dieses Kapitel
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03.10.2021 2.049
 
Ganze fünf Monate dauerte der Prozess gegen Erwin. Nervenaufreibende fünf Monate. Unzählige Gespräche mit der Polizei, Anwälten und schließlich gefühlt endlose Termine vor Gericht. Eren wusste schon gar nicht mehr, wie oft er seine Aussage wiederholen musste, ganz zu schweigen von Levi. Theoretisch wäre die Sache klar: Entführung, Körperverletzung, versuchter Mord aus niedrigen Beweggründen. Allerdings war ganz klar, Erwins geistige Verfassung zu beachten. Und diese wurde durch verschiedenste Methoden und Stellen überprüft. Letztendlich wurde sich für den Maßregelvollzug entschieden. Erwin verbringt nun erstmal für unbestimmte Zeit sein Leben in der geschlossenen Psychiatrie. Sowohl Eren als auch Levi befanden es als eine sinnvolle Lösung. Es würde nichts bringen, ihn für ein paar Jahre wegzusperren, nur um ihn genauso geisteskrank wie vorher wieder zu entlassen. Hanji, Mikasa und auch Isabel waren hier anderer Meinung – für sie hätte er gut und gerne im Gefängnis verrotten können.

Aber Eren war einfach nur froh, dass die Sache endlich beendet war. Seine Schulter verheilte gut, er konnte wieder seine Ausbildung aufnehmen und er hatte den psychologischen Dienst der Polizei in Anspruch genommen. Es war ein schockierendes Szenario und er war froh, mit einem Außenstehenden darüber sprechen zu können. Abgesehen davon, dass Levi bei diesem Thema sowieso abblockte.

Und genau dieses Thema besorgte Eren am meisten. Levis äußere Verletzungen waren bald alle verschwunden, doch über seine inneren verlor er kein Wort. Und dass es keine gab, glaubte ihm kein Mensch.

Als sie sich eines Abends wieder näherkamen, hatte Levi bei der kleinsten Berührung halsabwärts zusammengezuckt. Beim Bauchnabel hatte er plötzlich laut „Fass mich nicht an!“ geschrien und war ins Badezimmer gelaufen. Eren hatte ihm nur hinterher gestarrt und versucht mit ihm zu reden, doch keine Chance.

Seitdem war nichts mehr zwischen ihnen passiert und immer, wenn Eren ihn ansprach, flüchtete er sich in Ausreden. Genauso wie jetzt…

„Das Gespräch bei der Polizeipsychologin heute war wirklich gut. Willst du nicht auch…“, fing er an, doch wurde von einem wütenden Blick unterbrochen.

„Eren!“, knurrte Levi.

„Aber…“, versuchte Eren es.

„Wie oft soll ich es dir denn noch sagen? Ich möchte nicht darüber reden! Es gibt nichts zu reden!“, widersprach Levi schroff.

Ohne weiter darauf einzugehen, aß Levi seine Nudeln und auch Eren wusste, dass diese Unterhaltung vorbei war.

Ein großes Indiz dafür, wie schlecht es Levi wirklich ging, war, dass er unter fadenscheinigen Gründen versuchte, Eren ständig um sich zu haben. So kam er meistens nach der Arbeit zu ihm, schlief bei ihm, verbrachte das Wochenende bei ihm. Mehr oder weniger war er bereits bei ihm eingezogen. Es störte Eren nicht, doch er war sich sicher, dass es ohne den Vorfall niemals so gekommen wäre.

„Es ist doch sicher schon spät. Die Bahn…“, meinte Levi leise.

„Schon gut, hab Wechselklamotten dabei. Ich bleibe“, erwiderte Eren und drückte sanft Levis Hand.

Nachdem beide getrennt geduscht hatten, verbrachten sie noch ein wenig Zeit vor dem Fernseher, ehe sie ins Bett gingen. Levi versuchte das Schlafengehen immer so weit wie möglich hinauszuziehen. Für Eren weniger verwunderlich, denn Levi musste furchtbare Albträume haben, so wie er sich im Schlaf umherwand.

Heute war anscheinend wieder ein besonders schlimmer dran, denn nach einigen Tritten und um sich schlagen schreckte Levi schweißgebadet hoch und Eren redete beruhigend auf ihn ein. Auf das Anfassen verzichtete er. Levi hatte ihn hier schon gekratzt, geschlagen oder lautstark angebrüllt.

Panisch schnappte Levi nach Luft, seine Hände zitterten und sein Puls raste. Er hörte die sanft auf ihn einredende Stimme und versuchte ihrer Anweisung zu folgen. Einatmen. Ausatmen. Ein. Aus. Ein. Aus.

Langsam kam er wieder zu sich und ließ sich in zwei starke Arme fallen.

„Levi… Bitte lass‘ dir helfen”, flüsterte Eren und stumme Tränen liefen seine Wangen hinab, tropften auf Levis schwarzes Haar.

Es brach Levis Herz, Eren so zu sehen und tief in sich, wusste er, dass er Hilfe benötigte. Aber seine Angst hemmte ihn. Er konnte nicht einschätzen, was alles auf ihn zukäme, ob es ihn nicht komplett überwältigte und er letztendlich genauso durchdrehen würde wie Erwin.

„Bitte…“, flehte Eren erneut, „ich helfe dir doch dabei. Ich liebe dich.

Levi wusste nicht, was es war, dass er plötzlich und mehr oder weniger unwillentlich nickte. Aber vielleicht reichte seinem Unterbewusstsein, dass Eren ihn davor bewahrte, dass er komplett irre wurde. Dass er ihn liebte und ihm zur Seite stand. Was auch immer es war, konnte er nicht sagen, denn sein erschöpfter Geist suchte sich Ruhe im Schlaf und er schloss die Augen und verlor sich in der angenehmen Schwärze.

Erleichtert atmete Eren aus, als er das zögerliche Nicken bemerkte. Ob er es für bare Münze nehmen durfte, würde sich zeigen. Aber es war das erste Mal, dass er ihm nicht sofort widersprach oder abblockte. Vorsichtig küsste er ihn auf den Scheitel, nahm ihn in seine Arme und suchte auch nach dem Schlaf, den er so dringend benötigte.

***

„Das bringt doch nichts“, murrte Levi, als er auf Eren traf, der ihn von der Therapiestunde abholte.

Er hatte es tatsächlich getan und Eren konnte nicht stolzer sein. Rund zwei Wochen hatte es gedauert, bis er einen Termin bei einer Psychologin für Trauma-Therapie bekommen hatte. Nun war er bei Sitzung Nummer fünf und weniger zufrieden oder eher ein wenig unkooperativ, würde es Eren nennen.

„Vielleicht solltest du ein wenig… aufgeschlossener sein?“, meinte Eren, während er einen Arm um Levi legte.

Abschätzig hob Levi eine Augenbraue und warf ihm einen warnenden Blick zu.
„Ich bin ‚aufgeschlossen‘. Nächste Woche probieren wir mal Hypnose. Sie meinte, du sollst dann mal mitkommen.“

„Okay?“, entgegnete Eren, wobei sich das Fragezeichen zum Ende hin, eher auf sein Mitkommen bezog.

„Ja, keine Ahnung wieso.“

„Na, ist ja kein Problem“, erwiderte Eren lächelnd, zog Levi noch ein Stück näher an sich und küsste ihn auf die Schläfe.
„Noch Lust auf was vom ‚Chidori‘?“

„Gern. Arbeitet Armin heute?“, wollte Levi wissen.

„Normalerweise ja.“

„Gut.“

Erstaunlicherweise verstand sich Levi seit dem Ganzen richtig gut mit Armin. Eren vermutete, es lag daran, dass Armin ihn nicht dauernd fragte, wie es ihm ging, ob was mit ihm nicht stimmte oder ihn ausfragte, wie es war. Er behandelte ihn einfach wie vorher, stellte vielleicht die ein oder andere Frage ein wenig behutsamer, aber das fiel nur Eren auf. Armin hatte das Talent zu wissen, wie man mit Menschen umzugehen hatte. Er hatte ein Gespür für ihre Bedürfnisse und Emotionen und hatte auch kein Problem damit, wenn Levi ihn als ‚dauerlächelndes Glücksbärchen‘ bezeichnete. Dass er dauerlächelte, könnte vielleicht auch damit zusammenhängen, dass Annie nun doch ihre Zuneigung ihm gegenüber entdeckt hatte. Wie, wann und wo das Ganze passiert war, verriet keiner der beiden.

„Weil du heute wieder so brav zur Therapie gegangen bist, bekommst du einen extragroßen Tee“, neckte Eren Levi und erntete dafür einen leichten Schlag auf den Oberarm.

„Ungezogener Bengel“, entgegnete Levi, zog ihn jedoch in einen Kuss. Einen vielsprechenden Kuss. Vielleicht half die Therapie ja doch ein wenig.

***

Eren wusste nicht, wer aufgeregter war. Er oder Levi. Er würde fast drauf tippen, er, so gleichgültig, wie Levi aussah. Doch hinter dieser Fassade steckte ein nervöses Wrack, das nicht wusste, was gleich auf ihn zukommen würde. Und das wusste auch die Therapeutin, die ihn beruhigend anlächelte.

„Keine Sorge, Herr Ackermann. Ich führe Sie durch die Sitzung und kann Sie jederzeit herausholen, wenn ich merke, es wird Ihnen zu viel. In Ordnung?“, erklärte sie und Levi nickte hölzern.

Nach einigen weiteren Erklärungen lag Levi entspannt auf einem Sofa, während Eren neben ihm auf einem Stuhl saß und ihm dabei zusah, wie er die Augen schloss und versuchte, entspannt zu atmen. Die Psychologin begann ihm irgendwelche Sachen zuzuflüstern, wobei sich Eren nur auf Levi konzentrierte, dessen Atemzüge immer gleichmäßiger wurden.

„Wenn ich ‚Aufwache‘ sage, werden Sie die Augen öffnen und die Gefühle aus dem gerade Erlebtem wiedergeben können“, war das Erste, was Eren wieder bewusst von ihr wahrnahm und er wartete gespannt ab.

„Aufwachen“, sprach sie immer noch gedämpft, aber deutlich aus und Levi öffnete träge die Augen, ehe ihm stumm die Tränen hinunterliefen.

„Herr Ackermann, können Sie mir erzählen, was Sie fühlen?“, fragte sie behutsam.

Erneut nickte Levi.
„Hilflos, hungrig, durstig. Mir ist kalt. Es tut weh. Ich fühle mich widerwärtig und schwach. Panisch, traurig. Und ich habe Angst. So unglaubliche Angst…“

Ein Schluchzen bahnte sich Levis Kehle entlang und durchbrach seinen Redefluss, falls er überhaupt noch etwas sagen wollte.
Er krümmte sich auf dem Sofa zu einem bebendem Häufchen Elend zusammen und weinte bitterlich.

Fragend blickte Eren zu der Psychologin, die ihm stumm zunickte.
Schnell stand Eren auf und schloss Levi in seine Arme. Haltsuchend krallte Levi sich in Erens Shirt und durchnässte es mit seinen Tränen.

„Er wollte, dass Sie heute dabei sind“, meinte sie.
„Normalerweise lasse ich zu solchen Sitzungen keine Angehörigen, aber sonst hätte er es nicht gemacht. Ich glaube allgemein, dass Sie ihm die nötige Stärke geben, dass überhaupt durchzuziehen. Ich möchte Ihnen damit nichts aufladen, aber Sie sind ihm wirklich eine wichtige Stütze.“

Lächelnd wandte Eren sich zu der Psychologin.
„Auch wenn es momentan vielleicht nicht der Fall ist, aber im Grund stützen wir uns gegenseitig. Ich würde ihn hierbei nie im Stich lassen, dafür liebe ich ihn zu sehr. Mal abgesehen davon, dass ich weiß, dass er das Gleiche für mich tun würde.“

Verstehend nickte sie lächelnd und kritzelte etwas auf ihrem Klemmbrett. Was auch immer es war, es kümmerte Eren nicht weiter. Viel mehr war es Levi, dessen Heulkrampf ihn immer noch schüttelte, aber es immer mehr abebbte.

Ungefähr eine halbe Stunde später konnten sie die Praxis verlassen. Levi schniefte immer noch etwas in sein Taschentuch, die Augen waren rot und verquollen, doch er fühlte sich das erste Mal seit Langem wieder um einiges leichter und befreiter. Es verlieh der Situation etwas Paradoxes, als Levi zu Lachen begann, aber Eren stimmte mit ein und sie schlenderten Hand in Hand nach Hause.

„Möchtest du wieder ins ‚Chidori‘?“, fragte Eren. Es war ein wenig zum Ritual geworden nach der Therapie dorthin zu gehen.

„Nein. Wie wär‘s mit Spaghetti und Harry Potter?“, schlug Levi vor.

Damit vereinte er gleich zwei ihrer früheren Dates auf einmal und Eren konnte sich das Grinsen, das sich auf seinem Gesicht ausbreitete, nicht verhindern.
„Sehr gerne.“

Nach einem kurzen Stopp im Supermarkt kochten sie gemeinsam, wobei Levi eher die Aufgabe des Umrührens und Tischdeckens zufiel und schließlich mit dem Essen vor dem Fernseher landeten.

Als der Abspann von Teil drei lief, spielte Levi etwas unbeholfen mit Erens Hand und suchte nach den passenden Worten für das, was ihm im Kopf herumspukte.

„Danke Eren“, war schließlich das Erstbeste, was ihm einfiel.

„Huh?“

„Danke, dass du das hier mit mir durchmachst. Weißt du, du musst das nicht…“, wollte Levi erklären, doch Eren rutschte ein Stück von ihm weg und funkelte ihn wütend aus seinen grünen Augen an.

„Moooment mal! Was soll das denn werden? Es gab und gibt auch weiterhin keine Diskussion, dass ich das hier mit dir durchstehen werde. Kapiert?“, fuhr er entschieden dazwischen.

Lächelnd und mit wässrigen Augen blickte Levi ihn an, ehe er ihn kurz, aber liebevoll küsste.
„Du bist so ein sturer Bengel. Aber noch nie war ich so froh darum. Ich liebe dich, Eren. So so sehr. Danke. Danke für alles.“

„Ich liebe dich auch“, erwiderte Eren sanft.
„Und hör‘ auf, so einen Mist von dir zu geben…“

Leise lachend kuschelte sich Levi an Eren, als er vom DVD-Tauschen zurückkam und in Eren breitete sich ein warmes Gefühl aus. Er hatte dieses Lachen so unglaublich vermisst. Dieses Lachen, in das er sich unglaublich verliebt hatte.

Ihm war klar, dass es noch Zeit brauchte, bis alles wieder einigermaßen so war, wie es mal war. Es würde vermutlich nie wieder so sein, aber vielleicht wurde es auch besser. Das konnte ihnen nur die Zukunft beantworten und beiden war klar, dass sie diese nur miteinander verbringen wollten. Mit allen Widrigkeiten, die noch auf sie zukommen würden.



~

Ich glaube, es ist zu erkennen, aber nochmal offiziell: das ist das letzte Kapitel! Alles andere wäre nur noch „Bla Bla“ um die Story noch zu füllen und naja, muss ja nicht sein :D
Ich hoffe, es ist kein allzu „abruptes“ Ende. Ich persönlich fand es ganz rund :)

Thema Strafen, Therapie, etc.: Ich bin kein Profi, hab nur ein wenig recherchiert und hoffe, es stimmt zumindest einigermaßen!

Ansonsten nur noch eines: es gibt noch einen Epilog! Und dann auch ein offizielles Nachwort :)
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