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Between the Shelves

von TenCount
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Armin Arlert Eren Jäger Irvin / Erwin Smith Levi Ackermann / Rivaille Mikasa Ackerman
13.06.2021
09.10.2021
30
72.049
36
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128 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
27.09.2021 2.160
 
Kurze Triggerwarnung/Hinweis:
In diesem Kapitel wird Waffengebrauch beschrieben.

~


„Oh nein! Wenn ich dich nicht haben kann, dann keiner!“

Alles, was nach diesem Satz passierte, kam Levi wie in Zeitlupe vor und doch passierte es so schnell, dass er nicht wirklich reagieren konnte.

Er sah, wie Erwin die Waffe auf seinen Kopf gerichtet hielt, den Finger am Abzug. Sein Gehirn prozessierte, dass Erwin ein Polizist war, dessen Talent in der Ausbildung im Schießen war. Eine Verfehlung hielt er damit für ausgeschlossen. Selbst wenn er nicht gefesselt wäre, so wäre sein Körper nicht in der Lage gewesen, sich zu rühren. Er starrte nur auf die Waffe vor sich.

„Tu‘ das nicht, Erwin“, mahnte eine für die Umstände tatsächlich ruhige Stimme und Levi schielte zur Tür. Eren.

NEIN. NEIN. NEIN!

„Damit du ihn wieder haben kannst? Vergiss‘ es, Bürschchen“, entgegnete Erwin nur kühl.

Damit machte er sie mit dem typischen Ratschen abschussbereit. Levis Kopf ruckte wieder zu dem Lauf der schwarzen 9-Millimeter und er sah, wie Erwins Hände leicht zitterten.

Eren trat langsam näher, hob deeskalierend die Hände in die Höhe und warf immer wieder einen Blick auf Levi, der jedoch nur wie paralysiert auf die Waffe starrte, die immer noch auf ihn gerichtet war.

„Wir können das doch auch anders lösen“, meinte Eren, immer noch beherrscht.

Doch Erwin war in seinem Wahn gefangen und fing nur an, manisch zu lachen.
„Einen Scheißdreck können wir! Du hast alles zerstört. Eigentlich sollte ich vielleicht dich beiseiteschaffen. Was meinst du Levi?“

Damit schwenkte er seinen Arm zu Eren und zielte so direkt auf dessen Herz.

„Nein… Bitte nicht…“, hauchte Levi und pure Panik erfasste seinen Körper. Es war nun nicht mehr sein Leben, dass auf dem Spiel stand. Es war Erens und das war viel schlimmer.

Als Erwin zu Levi sah, nutzte Eren den Moment und trat mit einem hohen Kick nach Erwins Hand. Dieser realisierte leider noch, was Eren vorhatte und betätigte den Abzug, ehe ihm die Waffe aus der Hand glitt.

Levi starrte mit schreckgeweiteten Augen erst zu der Kugelhülse, die mit einem Pling auf dem Boden aufkam, und dann zu Eren, der sich die Schulter hielt. Immer mehr Blut quoll zwischen seinen Fingern hervor und er sank zu Boden.

„EREN!“, schrie Levi. Er schrie so laut, dass es ihm selbst in den Ohren wehtat.

Nein… In diesem Moment bereute er es am meisten, dass er kurz vor seiner Abfahrt die drei Wörter nicht über die Lippen gebracht hatte. Er hätte es Eren so gerne gesagt…

Erwin grinste triumphierend, lud nach und widmete sich wieder Levi.

„Der Störfaktor wäre hiermit beseitigt“, jubilierte Erwin.

Levi schenkte Erwin einen zornerfüllten Blick, ehe er an ihm vorbei sah. Zu Eren. Der sich nicht rührte. Und dessen Blutlache immer größer wurde.

„Fuck Eren!“, schrie er erneut und wand sich wie ein Irrer. Die Seile und Handschellen schnitten sich schmerzhaft in seine Haut, doch nichts davon war vergleichbar mit dem Schmerz, der sich gerade in seinem Herzen ausbreitete, als immer noch keine Regung von Eren zu sehen war.

Plötzlich und ohne Vorwarnung stürmten mehrere Personen den kleinen Schuppen. Darunter auch einige Polizisten, die es schafften, Erwin zu entwaffnen und auf den Boden zu drücken.
Zwei Weitere befreiten Levi von seinen Fesseln und den Handschellen und sogleich wollte er zu Eren. Doch seine Beine gaben unter ihm nach und eine blonde Polizistin half ihm wieder hoch.

„Eren!“, rief er wieder und wieder und warf ihr einen verzweifelten Blick zu.

„Die Sanitäter kümmern sich um ihn. Er kommt sofort ins Krankenhaus, genauso wie Sie. In Ordnung?“, versuchte sie ihn zu beruhigen.

Nein, eigentlich war gar nichts in Ordnung. Dennoch nickte Levi ergeben und ließ sich von ihr eine Decke um die Schultern legen und zum nächsten Krankenwagen führen. Dort angekommen, lief sofort Isabel auf ihn zu und zog ihn in eine innige Umarmung.

„Es tut mir so unglaublich leid“, schluchzte sie.
„Ich wusste einfach nicht, was ich tun sollte…“

Levi wusste nicht wirklich etwas mit dieser Information anzufangen, war aber auch einfach zu müde, um sich damit auseinanderzusetzen. Er war sich allerdings ziemlich sicher, dass Erwin dahintersteckte und sofort kroch immense Übelkeit in ihm hoch.

„Schon okay, lass‘ uns nachher darüber reden“, beschwichtigte er sie daher und strich ihr über den Kopf.

Ein Arzt kam auf ihn zu und stellte sich vor, was Levi jedoch nur halbherzig zur Kenntnis nahm.

„Wie geht es Eren?“, war die für ihn viel wichtigere Frage.

„Dem jungen Mann, der sich so für Sie eingesetzt hat?“, fragte der Arzt nach und Levi nickte.

„Er muss operiert werden, aber das wird schon wieder“, ermutigte ihn der Arzt und erleichtert atmete Levi aus. Diese Information brauchte er einfach. Er musste wissen, ob es Eren so weit gut ging.
Es war, als könnte nun auch endlich sein Körper zur Ruhe kommen, denn noch während der Arzt den Pulsmesser an ihn anschloss, fielen seine Augen zu und er kollabierte auf der Liege im Krankenwagen.

***

Irgendetwas piepste. In stetigem Rhythmus, was Levi als gutes Zeichen wertete. Es roch nach Desinfektionsmittel und irgendetwas war auf seinem Gesicht.
Zögerlich öffnete er die Augen, blickte an eine weiße Zimmerdecke und registrierte, dass das ‚irgendetwas‘ eine Atemmaske war.
Am Rande nahm er einen pochenden Schmerz in den Rippen wahr und so recht zuordnen, wo er war, konnte er nicht. Schon gar nicht, wieso.

Erst als sich langsam seine Augen und sein Gehirn an die Umgebung gewöhnt hatten, realisierte er, dass er sich im Krankenhaus befand. Dass warum kam auch relativ zügig hinterher.

Erwin. Der Schuppen. Die Waffe. Der Schuss. EREN!

Das Piepsen wurde unregelmäßiger, lauter und dröhnte Levi beinahe in den Ohren. Schlimmer jedoch war, dass er das Gefühl hatte, er würde gleich ersticken. Er schnappte panisch nach Luft, doch nichts passierte. Hektisch riss er sich die Maske vom Gesicht, versuchte so an den so benötigten Sauerstoff zu kommen, doch auch hier tat sich nichts.

„Beruhigen Sie sich“, riefen ihm irgendwelche Stimmen zu, die er nicht kannte.

Und dann spürte er nichts mehr und es wurde alles um ihn herum schwarz.

***

Als Levi das nächste Mal wach wurde, spürte er eine Hand, die ihm beruhigend durchs Haar strich.

„Hey Schätzchen“, flüsterte eine ihm nun bekannte Stimme, begleitet von lauten Schluchzern.

Träge flatterten seine Lider nach oben und er blickte in die besorgten Augen Hanjis.
„Wo ist Eren?“, krächzte er.

„Ihm geht es gut, versprochen. Er erholt sich noch von der OP, aber er ist stabil“, erklärte sie.

„Ich will zu ihm.“
Das war eigentlich untertrieben. Er musste zu ihm. Er musste sich versichern, dass es ihm wirklich gut ging. Dass er noch am Leben war. Zu viel Blut war dort auf dem Boden verteilt…

„Levi…“, widersprach Hanji sanft.

„Nein… Bitte… Ich muss ihn einfach sehen!“
Sein Puls beschleunigte sich und erneut schlug der Monitor Alarm und das Piepsen wurde lauter.

„Ist okay, aber bitte beruhige dich. Ich hole einen Arzt, in Ordnung?“, versprach sie, bedachte ihn mit einem mahnenden Blick, verschwand dann jedoch aus dem Zimmer.

Ein paar Minuten später kam sie mit einem Rollstuhl und einem jungen Mann im weißen Kittel zurück. Für Levis Verhältnisse sah er viel zu jung aus, um Arzt zu sein, aber solange er ihn zu Eren ließ, war ihm sein Alter auch egal.

„Wie fühlen Sie sich?“, wollte dieser wissen.

„Noch etwas benommen, aber sonst gut“, antwortete Levi, was auch größtenteils der Wahrheit entsprach. Seine Rippen schmerzten immer noch ein wenig und auch sein Kopf dröhnte, aber das waren alles Nebensächlichkeiten, mit denen er gut klarkam.

„Um es mal zusammenzufassen: Ihre Rippen sind geprellt, wir mussten ihre Schulter wieder einrenken, die Wunden an Hand- und Fußgelenken sind entzündet und Sie sind immer noch etwas dehydriert. Von den psychischen Folgen fangen wir erst gar nicht an.“

Als der Arzt seine Aufzählung beendet hatte, tat Levi tatsächlich mehr weh als vorher. Vor allem seine Schulter machte sich deutlich bemerkbar. Nichtsdestotrotz änderte das an seiner Entscheidung, Eren sehen zu wollen, nichts.

„Okay. Kann ich dann zu Eren?“, fragte Levi eindringlich.

Seufzend, aber ergeben nickte sein Gegenüber und er half Levi in den Rollstuhl. Er kam sich etwas bescheuert vor, aber wenn er ehrlich war, war er doch ganz froh darum. Er war sich nicht sicher, ob er längere Strecken zu Fuß schaffen würde.

„Dann mal los“, meinte Hanji und schob ihn aus dem Zimmer.

Sie kamen vor einem Zimmer an, aus dem bereits laute Stimmen zu vernehmen waren.
Levi hob skeptisch eine Augenbraue und sah unsicher zu Hanji, die jedoch nur mit den Schultern zuckte.

„Als ich ihn das letzte Mal besucht habe, hat er noch geschlafen“, kommentierte sie seinen fragenden Blick.

Vorsichtig öffnete sie die Tür und sah zu Eren, der in einer hitzigen Diskussion mit einer Krankenschwester steckte.

„Hanji!“, rief Eren erleichtert, als er sie erblickte.
„Sie lassen mich nicht zu Levi…“

„Na Gott sei Dank hab ich ihn dabei“, eröffnete sie seufzend und holte Levi dazu. So süß sie die beiden auch fand, so anstrengend waren sie in Situationen wie dieser. Das sah wohl auch die Krankenschwester so, die augenverdrehend das Zimmer verließ.

Levi blickte zu Eren, der blass und leicht verschwitzt in seinem Bett saß. Sein Oberkörper war einbandagiert und in seinem Arm steckte eine dicke Nadel, an der verschiedenste Infusionen angeschlossen waren.

„Eren…“, hauchte er und erhob sich schwankend aus seinem Rollstuhl.

Vorsichtig kletterte er zu Eren ins Bett und setzte sich auf die Kante. Sanft strich er ein paar nasse Strähnen aus Erens Gesicht, ließ seine Hand an dessen Wangenknochen entlanggleiten, ehe Eren sie mit der seinen verschränkte.

„Komm her“, meinte er leise, „die rechte Seite ist unbeschadet.“
Ein heiseres Lachen verließ seine Kehle und auch wenn alles daran absolut abstrus war, stimmte Levi mit ein.

Anschließend kuschelte sich Levi behutsam an Eren und sog dessen Geruch tief ein.

„Wie geht’s dir?“, wollte nun auch Eren von ihm wissen und es hatte eine ganz andere Bedeutung für ihn.

„Keine Ahnung, um ehrlich zu sein. Physisch ganz okay, würde ich sagen. Psychisch? Gute Frage. Ich hätte nie gedacht, dass er wirklich zu so etwas fähig wäre. Ich hatte Angst. Angst um mich, um Isabel, aber vor allem um dich.“

Niemand hätte das von ihm erwartet. Ich hatte einfach nur… Glück?“

„Glück am Arsch, Eren! Du warst einfach nur komplett verrückt!“, widersprach Levi ihm barsch und es lösten sich ein paar Tränen aus seinen Augenwinkeln.

„Naja… Ich hatte ja so etwas wie einen Plan, okay?“, versuchte Eren ihn zu beruhigen.

„Und wie sah der aus? Sah der voraus, dass du im Krankenhaus endest?“, enragierte sich Levi.

Eren konnte sich ein Kichern nicht verkneifen, wurde jedoch wieder ernst.
„Nicht unbedingt. Ich war bei Isabel und nachdem sie endlich mit der Sprache rausgerückt hat, haben wir uns Hilfe vom Fußballclub geholt. Isabel meinte, wenn man ihnen sagt, dass etwas mit ihrem heiligen Schuppen nicht stimmt, kommen sie sofort. War auch so. Wir haben einfach behauptet, dass wir glauben, dass dort Waschbären hausen. Innerhalb einer Stunde stand fast die komplette Mannschaft da. Naja und den Rest kennst du ja… Wer letztendlich wann die Polizei verständigt hat, kann ich dir ehrlich gesagt, gar nicht sagen“, erklärte Eren leicht schmunzelnd.

„Wie bist du überhaupt auf die Idee mit dem Schuppen gekommen?“, hakte Levi nach.

„War nicht meine Idee, sondern Isabels. Sie meinte, das wäre der ‚einfachste‘ und schnellste Ort und wir haben es einfach versucht.“

„Ihr seid alle verrückt!“, wiederholte Levi.

„Ich weiß… Solange ich dich jedoch damit beschützen kann, bin ich das gerne.“

„Ich liebe dich.“
Die Wörter purzelten aus Levis Mund, ohne, dass er groß darüber nachdachte. Aber es fühlte sich absolut richtig an.

„Ich liebe dich“, murmelte Eren und vergrub seine Nase in Levis Haaren.

„Bist du für einen Kuss fit genug?“, scherzte Levi und hob seinen Kopf.

„Ich denke schon…“

Sachte umfasste Eren Levis Kinn und vereinte ihre Lippen zu einem zärtlichen Kuss. Beide fühlten sich einfach nur sicher und geborgen, als sie aneinander gekuschelt in dem schmalen Krankenhausbett lagen. Für einen kurzen Moment vergaßen sie das, was war und konzentrierten sich nur auf das Jetzt.

Doch ein Klopfen an der Tür riss sie aus ihrer kleinen eigenen Welt und sie riefen ein synchrones „Herein“.

„Isabel“, begrüßte Eren lächelnd die rothaarige Frau, die ihm verhalten zunickte.

„Hallo ihr beiden“, erwiderte sie schüchtern.

„Levi hat gerade schon die Kurzfassung bekommen“, erklärte Eren und Isabel zuckte etwas zusammen.

„Es tut mir so leid“, fing sie an, „so unglaublich leid. Ich…“

„Ich denke nicht, dass dir irgendwer einen Vorwurf macht. Oder Levi?“, unterbrach Eren sie.

„Nein. An dem Ganzen ist einzig und allein Erwin schuld. Mir tut es leid, dass du durch mich in das Ganze hineingezogen wurdest“, stimmte Levi Eren zu.

„Wie geht’s euch denn?“, erkundigte sie sich.

„Den Umständen entsprechend“, antwortete Levi, während er gedankenverloren mit Erens Hand spielte.

„Ihr seid wirklich ein unglaubliches Paar“, meinte sie und schenkte beiden ein warmes Lächeln.

Kurz sahen sich Eren und Levi in die Augen. Grau-blau traf auf Grün. Und als Levi sich wieder in Erens unverletzten Arm kuschelte, stimmten sie ihr stumm zu.
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