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Between the Shelves

von TenCount
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Armin Arlert Eren Jäger Irvin / Erwin Smith Levi Ackermann / Rivaille Mikasa Ackerman
13.06.2021
09.10.2021
30
72.049
36
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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18.09.2021 2.172
 
Levis Wirbel gaben besorgniserregende Geräusche von sich, als er sich am nächsten Morgen streckte. So romantisch die gestrige Aktion mit dem ‚Picknick‘ im Comicbuchladen auch war, so dumm war die Idee, dort Sex zu haben. Noch viel schlimmer war jedoch, dass sie danach zu faul waren, die paar Stufen nach oben in Levis Wohnung zu gehen und auf den glorreichen Gedanken kamen, dass die paar Dekokissen und die Decke zum Schlafen ausreichen würde.

Levis Nacken sah die Sache ganz anders. Jede Bewegung schmerzte und lediglich das immer noch schlafende Gesicht Erens hielt ihn davon ab, laut zu fluchen.
Ganz sachte fuhr er durch das braune, lange Haar, drehte sich eine Strähne um seinen Finger und ließ seine Gedanken ein wenig kreisen.

Wenn er ehrlich war, beschäftigte ihn die Sache mit Erwin auch, aber er scheute das Gespräch. Er wollte seinen langjährigen Freund nicht mutwillig verletzen oder ihre Freundschaft mit unsinnigen Anschuldigungen aufs Spiel setzen. Allerdings hatte er nun Eren und wenn es stimmte, was dieser sagte, dann musste er Erwin – Freundschaft, hin oder her – in seine Schranken weisen.

Etwas vor sich hin murmelnd drehte sich Eren und kuschelte sich näher an ihn. Levis Lächeln wurde immer breiter, als er Erens schlafendes Gesicht sah und er würde es am liebsten für immer festhalten, es porträtieren. Es war so friedlich, entspannt und sorglos. Kurzerhand zückte er sein Handy und betätigte die Kamera.

Leider entschied es sich jetzt auch noch zu klingeln und Eren schreckte hoch. Schmerzverzerrt rieb auch er sich den Nacken und Levi sah schmunzelnd auf sein Handy. Unbekannte Nummer. Normalerweise ignorierte er solche Anrufe, aber irgendetwas in ihm sagte ihm, dass er rangehen sollte.

„Sorry“, flüsterte er, bevor er den Anruf entgegennahm, doch Eren warf ihm nur einen benommenen Blick zu.

Zögerlich meldete er sich mit einem fragenden „Hallo?“ und es ertönte eine verweinte Frauenstimme, die Levi sofort zuzuordnen wusste.
„Isabel?“, hauchte er kaum hörbar in sein Telefon.

„Levi… Du… Du musst nach Hause kommen“, brachte sie stockend heraus.

„WAS? Warum sollte ich?“, fuhr Levi sie an und im gleichen Atemzug hätte er die Worte gerne wieder zurückgenommen, da ein deutliches Schluchzen zu vernehmen war.

„Kenny… Deinem Onkel… Es geht ihm wirklich schlecht…“

Er interessiert mich nicht. Genauso wenig, wie ich ihn interessiere und das weißt du auch“, entgegnete Levi und rieb sich die Schläfen.

„Es… Es ist wirklich ernst, Levi. Bitte… Tu‘ es für mich“, bat sie – flehte sie schon fast.

Und erneut beschlich ihn ein Gefühl, dass er der Bitte nachkommen müsste. Es war das Gleiche, warum er den Anruf entgegennahm.

„In Ordnung, ich komme heute noch vorbei“, antwortete er schließlich und er hörte ihr erleichtertes Ausatmen.

„Danke, Levi.“

„Sicher, dass sonst alles in Ordnung ist?“, hakte er etwas skeptisch nach.

„Äh ja sicher“, erwiderte sie schnell, fast panisch.
„Ich muss dann auch auflegen. Bis dann.“

Levi hatte gar nicht mehr die Möglichkeit, etwas zu erwidern, so schnell hatte sie aufgelegt und er ließ verwirrt das Handy aus der Hand gleiten.

Scheinbar sollte ihn die Vergangenheit nicht loslassen. Erst das gestrige Gespräch und nun dieser Anruf. Hätte ihn Isabel nicht so angefleht, würde er keinen Fuß mehr in dieses scheiß Kaff setzen. Und sein Onkel wollte ihn scheinbar eigentlich auch nicht sehen. Aber vielleicht kratzte er bald ab und es war noch etwas zu regeln – daher sollte er vielleicht wirklich vorbeischauen.

„Levi?“, kam es vorsichtig fragend von Eren und er spürte eine Hand, die sanft über seinen Wangenknochen strich.

Die Wärme, die Eren ausstrahlte, entspannte ihn, holte ihn wieder ein wenig ins Hier und Jetzt zurück und so lehnte er sich der Geste entgegen.

„Ich muss zu meinem Onkel“, erklärte Levi und er spürte in dem Moment, als er es vor Eren aussprach, wie sehr ihn diese Tatsache eigentlich belastete. Er war seit vierzehn Jahren nicht mehr dort gewesen. Kein einziges Mal.

Er hatte gestern darüber geredet, was ihm passiert war, aber genau diesen Ort wieder aufzusuchen, löste im Moment regelrechte Panik in ihm aus. Die Luft wurde immer knapper, seine Sicht verschwamm und der Raum schien sich zu drehen. Alles, was ihn in gerade davon abhielt, komplett durchzudrehen, war diese angenehme Stimme, die ihm zusammenhangslose Wörter zurief.

„Atme, Levi. Ein. Aus. Ganz ruhig. Alles wird gut. Ein. Aus.“

Und Levi gehorchte. Versuchte sich an einigermaßen gleichmäßigen Atemzügen, was schließlich seinen bebenden Körper wieder etwas zur Ruhe kommen ließ und er lehnte sich an Erens Brust.

„Isabel hat mich angerufen“, brachte Levi schließlich heraus und versuchte sich somit erneut an einer Erklärung.

„Wer ist Isabel?“, wollte Eren wissen. Seine Arme hielten Levi umschlossen, seine Fingerspitzen strichen behutsam über dessen Oberarme.

„Sie war die Einzige, die zu mir gehalten hat. Am Anfang sogar öffentlich. Aber als sie dann selbst ins Kreuzfeuer geriet, hab ich ihr es mehr oder weniger verboten, mit mir abzuhängen. Wir halten sporadisch Kontakt.“
Um so komischer erschien ihm die Sache mit der unbekannten Nummer. Allerdings konnte es auch einfach sein, dass sie sie gewechselt hatte, ohne ihm Bescheid zu geben..

„Sie scheint ein guter Mensch zu sein.“

„Das ist sie. Leider wohl zu gut. Sie wohnt immer noch in dem Dorf und scheinbar geht es meinem Onkel ziemlich schlecht. Sie meinte, ich soll vorbeikommen…“

Levis Atmung beschleunigte sich erneut, doch Erens sanfte Streicheleinheiten hielten eine erneute Panikattacke ab.

„Und du hast zugesagt?“, schlussfolgerte Eren nach einer Weile.

„Ja…“

„Soll ich mitkommen?“, fragte Eren und Levi sah ihn etwas verständnislos an.

„Ja… Nein… Ich denke, ich muss das alleine klären. Aber ich danke dir. Wirklich, Eren.“
Ein kleines, aber ehrliches Lächeln schlich sich auf Levis Lippen, ehe er sie mit Erens zu einem zärtlichen Kuss vereinte.

„Wann fährst du?“, erkundigte sich Eren.

„Heute Nachmittag, denke ich. Mal sehen, wann ein Zug in dieses Drecksloch fährt“, murrte Levi.

„Gib Bescheid, ich bring‘ dich zum Bahnhof“, meinte Eren und drückte ihn erneut an sich.

Levi wusste, dass es total umständlich war, wenn Eren erst zu ihm und dann wieder zum Bahnhof gehen würde, aber er widersprach ihm nicht. Es war ein beruhigender Gedanke, der ihm in der ganzen mehr als aufwühlenden Situation nur gelegen kam.

***

Fest schlossen sich seine Finger der einen Hand um die Träger seiner Reisetasche, während die der anderen über den Zaubertrank-Schlüsselanhänger strichen. Levi hatte es einfach nicht übers Herz gebracht, ihn wegzuwerfen und als sie tatsächlich wieder zueinandergefunden hatten, fand er wieder seinen Platz an Levis Schlüsselbund.

Dort war es nun auch seine Aufgabe, ihm die nötige Kraft zu geben, seine Wohnungstüre hinter sich zuzusperren und dem wartenden Eren zu folgen.
Alles in ihm sträubte sich, diese Reise einzugehen und doch riss er sich zusammen – ein Feigling wollte er schließlich auch nicht sein.

„Irgendwie ist mir nicht ganz wohl dabei…“, durchbrach Eren schließlich die Stille, die herrschte, als sie gemeinsam zum Bahnhof schlenderten.

„Ich bin so schnell wieder zurück, du wirst gar nicht merken, dass ich weg war“, entgegnete Levi leicht scherzend – auch um sein eigenes schlechtes Gefühl abzuschütteln.

„Ich hoffe es“, war das Einzige, was Eren dazu sagte, ehe er Levis Hand mit der seinen verschränkte.

„Eren… Die Leute…?“, meinte Levi und erwartete, dass Eren die Geste sofort wieder zurücknahm, doch dieser zuckte nur mit den Schultern.

„Mir egal. Stört es dich?“

Ein warmes Gefühl durchströmte Levi, als er den Kopf schüttelte und sie wieder schweigend ihren Weg fortsetzten.

„Bitte melde dich, wenn du angekommen bist, okay?“, drängte Eren und zog Levi in eine innige Umarmung.

„Okay“, antwortete Levi, als er sich in Erens Halsbeuge vergrub.
„Ich… Ich…“

„Ich weiß. Ich dich auch, Levi.“

Mehr Worten waren nicht nötig und so hob Eren zärtlich Levis Kopf, sah in die grau-blauen Iriden und vereinte ihre Lippen zu einem Kuss. Dieser Moment könnte ewig gedauert haben oder nur Sekunden – sie wussten es nicht und es war ihnen auch einerlei. Was sie wussten, war, dass sie durch die Bahnansage unterbrochen wurden und sich so unfreiwillig voneinander lösten.

Kurz bevor Levi einstieg, rief ihm Eren noch ein „Bitte melde dich!“ hinterher und Levi nickte ihm lächelnd zu.

Eren konnte sich auch nicht erklären, woher dieses seltsame Gefühl in seinem Inneren kam, aber es behagte ihm nicht und er machte sich unwillkürlich Sorgen um Levi. Seufzend machte er sich jedoch, kaum war der Zug abgefahren, wieder auf den Weg nach Hause und versuchte seinen Kopf wieder freizubekommen.

***

Immer näher kam er dem Ort, mit dem er keinerlei schöne Erinnerungen verband. Mit jedem ländlicher klingenden Ortsnamen wurde seine Ablehnung auszusteigen größer und das damals Geschehene drängte sich in seine Gedanken.
Die laute Musik aus seinen großen Kopfhörern half nur bedingt, sie aufzuhalten, lediglich das Gesicht Erens, dass er sich immer wieder hervorholte, zauberte ein kleines Lächeln auf seine Lippen.

Er würde das, was zu regeln war, erledigen und dann wieder nach Hause fahren. Heute nicht mehr – dafür war allein die Bahnverbindung schon zu schlecht – aber vielleicht ja schon morgen.

Als endlich seine Haltestelle aufgerufen wurde, erhob er sich, schnappte sich seine Tasche und stieg aus, als der Zug seine Türen öffnete.

„Immer noch so wie früher“, stellte Levi murmelnd fest und erneut kroch in ihm die Panik hoch.

Doch die beruhigende Stimme Erens half ihm, sie in den Griff zu bekommen und es war gleichzeitig eine Erinnerung, ihm zu schreiben.

An: Eren <3
Bin angekommen. Ich finde es jetzt schon furchtbar!

Routiniert und mit gesenktem Blick steuerte er das Haus seines Onkels an. Es war bereits spätnachmittags und die Sonne stand tief. Das beschauliche Dorf war in ein dunkles Orange getaucht und hätte beinah idyllisch gewirkt, würde Levi es nicht abgrundtief verabscheuen.

Schließlich kam er an dem Haus an, in dem er fast achtzehn Jahre seines Lebens verbracht hatte. Es war heruntergekommen, die ursprüngliche weiße Hauswand wurde schon lange von Efeu zugewuchert und auch der früher so akkurat gepflegte Garten schien nicht mehr von großer Bedeutung. Unkraut, so weit das Auge reichte, die Büsche ragten bis auf den Gehweg hinaus und das ehemals so buntblühende Blumenbeet war nur noch ein vertrockneter Haufen Erde. Scheinbar ging es ihm wirklich nicht gut.

Kurz schüttelte Levi den Kopf, atmete noch einmal tief durch und drückte schließlich die Klingel.
Er hörte es rumpeln und fluchen, ehe schließlich eine extrem gealterte Version seines Onkels vor ihm stand.

„Was willst du denn hier?“, fiel die weniger freundliche Begrüßung aus.

„Kenny“, erwiderte Levi nur.
„Darf ich kurz reinkommen?“

„Wozu?“, wollte er wissen.

„Isabel meinte, es ginge dir nicht so gut. Ich wollte nur mal nach dir sehen.“

„Ich muss dich enttäuschen, aber auf dein Erbe musst du noch ein wenig warten. So schnell kratze ich nicht ab, mir geht’s blendend“, meinte Kenny lachend.

Levi verdrehte seufzend die Augen, besah sich seinen Onkel jedoch genauer. Ja, er war älter geworden, aber sonst sah er eigentlich tatsächlich fit aus. Er hätte eigentlich auch noch nicht das Alter, um zu sterben.

„Was ist dann mit deinem heiligen Garten? Und dem Haus hier? Sieht ja nicht mehr so gut aus“, merkte Levi an, während er immer noch in der Tür stand.

„Wüsste nicht, was dich das angeht“, entgegnete Kenny kühl.

„Ich dachte, dir ist Ansehen so wichtig.“

„Die können mich hier alle mal“, erklärte er nur.

Abschätzig hob Levi eine Augenbraue, nahm diesen Kommentar jedoch nur zur Kenntnis.

„Weißt du, wo Isabel mittlerweile wohnt? Wenn du mich schon nicht reinlässt, dann statte ich eben ihr einen Besuch ab.“
Und er würde sie fragen, was diese Aktion hier sollte.

„Soweit ich weiß, gegenüber vom Sportplatz. Da hat sie mit Furlan gebaut.“

„Alles klar. Bis… irgendwann“, verabschiedete sich Levi und drehte sich um.

„Könntest ruhig öfter mal vorbeischauen.“

Es war leise, fast ein Flüstern, doch Levi hatte es verstanden – zumindest akustisch. In seinem Gehirn waren diese Worte noch nicht ganz angekommen. Aber er verzichtete auch hier auf eine Antwort und machte sich auf den Weg zu Isabel. Über diese Thematik machte er sich später Gedanken.

So spazierte er weiter durch das Dörfchen, kam an dem Laden vorbei, der sich von dem damaligen Tante-Emma-Laden zu einem dieser großen Ketten entwickelt hatte. Vorbei an seiner ehemaligen Schule, die er so wie gut nie besucht hatte. Und schließlich kam er an dem Sportplatz an, an dem er heimlich die Spieler beobachtet hatte, wie sie sich ihre schweißnassen Gesichter mit dem Trikot abgewischt hatten. Schmunzelnd blieb er nun doch kurz stehen und bemerkte, dass sich, sobald es dämmerte, tatsächlich keiner mehr draußen aufhielt. Er ließ seinen Blick schweifen und sah auf den Schuppen etwas abseits des Fußballfeldes, in dem das ganze Equipment aufbewahrt wurde. Er wusste das, da er dort auf einem Dorffest mit einem seiner späteren Schläger herumgeknutscht hatte.

»Erbärmliches Arschloch«, schoss es ihm sarkastisch noch durch den Kopf, ehe ihm ein süßlicher Geruch in die Nase stieg.

Er spürte noch die viel zu starke Hand, die ihm ein Tuch ins Gesicht drückte und dann wurde alles schwarz…



~

Ich bin mit der Chloroform-Geschichte nicht zu 100 % „happy“, weil es im realen Leben nicht so funktioniert wie in den Filmen :D aber wir sind ja hier auch in der Fiktion ;) und es hat einfach so gut gepasst.

Und nun ja, ihr dürft mich für den weiteren Verlauf ruhig hassen :D
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