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Between the Shelves

von TenCount
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Armin Arlert Eren Jäger Irvin / Erwin Smith Levi Ackermann / Rivaille Mikasa Ackerman
13.06.2021
09.10.2021
30
72.049
36
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Dieses Kapitel
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03.09.2021 2.190
 
Vorsichtig tapste Eren auf Zehenspitzen durch Levis Wohnzimmer. Obwohl ihm der Nacken schmerzte und sein linker Arm immer noch leicht taub war, hatte er die ganze letzte Woche nicht mehr so gut geschlafen wie auf der unbequemen Couch Levis. Es war ihm ein wenig unangenehm, jedoch konnte er nicht bestreiten, dass ihm der Gedanke auch gefiel, dass Levi sich um ihn gesorgt hatte. Nun war es allerdings an der Zeit, zu verschwinden, um ihm den Freiraum zu geben, um den er gebeten hatte.

Als er ihm Flur ankam, stoppte er bei der Kommode und kritzelte ein kleines Dankeschön auf ein Post-it, als er die verschlafen raue Stimme Levis hinter sich hörte.

„Wo willst du denn hin?“

Eren drehte sich um, steckte die Hände in die Hosentaschen seiner Jogginghose und lächelte entschuldigend.
„Ich wollte einfach nicht, dass es irgendwie unangenehm wird und naja, du hast um ein wenig Bedenkzeit gebeten…“

Dann hob er noch den kleinen gelben Zettel hoch und sein Lächeln wandelte sich in ein freches Grinsen.
„Aber ohne ein Danke wäre ich nicht abgehauen, keine Sorge.“

„Wie geht’s dir?“, wollte Levi wissen, der den Blick von wieder Eren abwandte. So wie der Bengel nämlich gerade in seinem Flur stand, betrog ihn nicht nur sein Herz, sondern auch sein Körper. Die lässig sitzende Jogginghose war noch ein Stück weiter nach unten gerutscht und entblößte so die Konturen seiner V-Linie. Reichte nicht, dass ihn diese grünen Augen in den Bann zogen und das schiefe Grinsen, welches eine Reihe strahlend weißer Zähne hervorbrachte, ihn total entwaffneten.

„Wieder besser. Dank dir“, antwortete Eren und Levi sah wieder in seine Richtung, als er etwas Rascheln hörte.

„Den kann ich mir ja jetzt schenken“, lachte Eren und warf das zusammengeknüllte Post-it in den Papiermüll neben der Kommode.

„Siehst du, jetzt wird’s irgendwie komisch“, meinte Eren mit neckendem Unterton.

Levi, der sich bis dato nicht vom Fleck bewegt hatte, überbrückte die paar Schritte zu Eren und gab ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange.
Was ihn dazu bewegt hatte, wusste er nicht, aber er hatte das schlichte Bedürfnis danach. Und das rot angelaufene Gesicht Erens war es allemal wert.

„Ich meld‘ mich, okay?“, schlug Levi vor und sah Eren abwartend an.

„Versprochen?“, fragte Eren unsicher nach.

Levi griff nach Erens Hand und drückte sie kurz.
„Versprochen.“

„Okay… Dann bis… Irgendwann“, verabschiedete sich Eren, zog sich seine Jacke an und verschwand mit einem wackligen Lächeln aus der Wohnung.

„Bis irgendwann…“, hauchte Levi, doch da war die Tür hinter Eren längst zugefallen.

Wenn er ehrlich war, wusste er immer noch nicht ganz mit der Situation umzugehen. Es war beinahe surreal. Aber doch bereute er seine Entscheidung, Eren noch eine Chance gegeben zu haben, nicht. Und selbst wenn sein Verstand hier widersprechen wollte, würde dieser gnadenlos von seinem Herzen überstimmt werden.
Sein Herz hing an Eren, es produzierte trotz all dem Chaos, Schmerz und Geschehnissen immer noch immens viel Liebe für ihn. Ob er das nun wollte oder nicht.

An großartig viel Schlaf war nicht mehr zu denken und so machte er sich Tee, setzte sich mit einer Tasse auf seinen kleinen Balkon und zündete sich nebenbei eine Zigarette an. Er hatte keine Ahnung, wie das mit Eren weitergehen sollte, wie sie das alles angehen sollten, aber irgendetwas in ihn stimmte ihn optimistisch. Der Gedanke, irgendwann wieder nach einer gemeinsam verbrachten Nacht hier zu stehen, zauberte ihm sogar ein kleines Lächeln ins Gesicht.

Oh Himmel, dieser Bengel hatte ihn so um den Finger gewickelt…

***

Mit einer seltsamen Mischung aus Zuversicht, Freude und doch einer Portion Zweifel saß Eren in der Bahn und sah aus dem Fenster, wie die Stadt an ihm vorbeizog. So ganz einschätzen konnte er weder Levis Gefühle noch ihr derzeitiges Verhältnis zueinander. Es war wahrlich frustrierend, dass nun endlich er wusste, was er wollte, aber der Gegenpart sich zurückzog. Zumal er wirklich gern wüsste, was Levi für ihn empfand, ob es auch nur im Ansatz dem entsprach, was er für ihn übrighatte. Eren dachte nicht, dass Levi nur mit ihm spielte oder dass er gar nichts für ihn fühlte. Sonst hätte dieses ganze Drama erst gar nicht stattgefunden und es gäbe auch keine zweite Chance. Nichtsdestotrotz hätte Eren das Ganze auch gerne einmal in Worte verpackt gehört. Aber vielleicht… Irgendwann…

„Eren?“, riss ihn eine weibliche Stimme aus seinen Gedanken und er sah auf.

„Annie? Was machst du denn hier?“, fragte er erstaunt und deutete mit der Hand an, dass sie ihm gegenüber Platz nehmen könnte.

„Ich hab jetzt dann Schicht im ‚Flower Wall‘. Wir bieten auch Frühstück an“, antwortete sie und unterdrückte dabei ein Gähnen.

Die unangenehme Spannung, die durch unausgesprochene Fragen zwischen den beiden herrschte, war fast greifbar und Eren entschied sich schließlich, sie zu durchbrechen.

„Was da auf der Party letztens passiert ist… Es tut mir leid, wie es gelaufen ist. Ich hätte das schon eher mit dir klären sollen, aber es war etwas… schwierig bei mir. Was ich sagen will, ist, dass es eine einmalige Sache war.“

Annie nickte verstehend, riss dann jedoch entsetzt die Augen auf.
„Du hast aber keine Freundin, oder?“

„Nicht direkt, würde ich sagen? Zu dem Zeitpunkt gab es jemanden, der mir sehr wichtig war oder es besser gesagt immer noch ist. Wir haben nichts Klares zwischen uns definiert und ich war ziemlich durch den Wind wegen der ganzen Sache und dann war da noch der liebe Alkohol…“, erklärte Eren, seufzte und fuhr sich durch seine Haare.
„Allerdings war es auch Armin gegenüber mehr als unfair und das ist dir doch auch klar, oder?“

„Ja, keine Frage. Ich weiß auch nicht so wirklich, was ich mir dabei gedacht habe, ehrlich gesagt. Versteh‘ mich nicht falsch – ich find dich nett und du siehst auch wirklich gut aus, aber ich steh‘ nicht auf dich oder so. Es war eine wirklich miese Idee von uns beiden…“
Diesmal war es an Annie zu seufzen, ehe sie den Kopf zurücklehnte.
„Ich würde mich ja bei ihm entschuldigen, aber er redet nicht mehr mit mir.“

„Mit mir auch nicht. Und wir wohnen zusammen“, entgegnete Eren und konnte sich ein sarkastisches Lachen nicht verkneifen.

„Was für eine Scheiße…“, murmelte sie.

„Das kannst du ruhig lauter sagen“, lachte Eren.

„Besser nicht. Außerdem muss ich jetzt aussteigen. Man sieht sich“, verabschiedete sie sich und stand auf.

„Ja, bis dann.“

Eren hatte noch drei Haltestellen vor sich, in denen er sich Gedanken darüber machte, ob Jean etwas bei Armin erreicht hatte. Es würde Eren zumindest reichen, wenn Armin überhaupt wieder mit ihm sprechen würde. Diese komplette Funkstille setzte ihm nämlich doch ganz schön zu.

***

Vor der Haustüre angekommen, klopfte Eren seine Jacke ab, suchte sämtliche Jacken- und Hosentaschen ab, die er finden konnte, nur um dann festzustellen, dass er seine Schlüssel nicht dabei hatte.

„Aaaaah Fuck!“, fluchte er lautstark, ehe er gegen die Tür trat. Nun konnte er nur darauf hoffen, dass jemand wach war oder aufgrund seiner Klingelattacke wach wurde. Sieben Uhr morgens an einem Samstag war nämlich für gewöhnlich nicht die Zeit, an denen seine Mitbewohner bereits unterwegs waren.

Doch bereits nach dem ersten Klingeln ertönte das Knacken in der Gegensprechanlage und ein überraschtes „Hallo?“.

„Eren hier. Ich hab meine Schlüssel vergessen…“

Anhand der Stimme hätte er Armin ausgemacht und es hatte ihn verwundert, dass kurz darauf tatsächlich das Surren des Türöffners erklang. Allerdings wäre dieser nicht der Typ, der ihn trotz ihres Streits vor der Türe stehen gelassen hätte.

„Guten Morgen“, begrüßte Eren ihn.
„Wieso bist du denn schon wach?“

„Keine Ahnung, konnte nicht mehr schlafen. Kaffee? Hab gerade welchen angesetzt.“

Eren unterdrückte den Drang skeptisch die Augenbraue zu heben, nickte daher nur vorsichtig und folgte ihm in die Küche.

Sie saßen sich gegenüber, jeweils eine Tasse des schwarzen Gebräus beschäftigte ihre Hände und wurde in regelmäßigen Abständen zum Mund geführt. Keiner wusste so wirklich, was er sagen sollte. Es war eine merkwürdige, angespannte Situation und doch wollte keiner der beiden ihr entfliehen.

Schließlich entschloss Eren sich die Stille zu durchbrechen.
„Es tut mir leid, Armin.“

„Ich weiß“, erwiderte Armin. Ruhig, gefasst, gar monoton.

„Ich hab Annie vorhin in der Bahn getroffen. Sie würde sich auch gerne bei dir entschuldigen“, versuchte es Eren weiter, merkte jedoch, wie sich Armin sichtlich verkrampfte.

„Weißt du, Eren, ich hab wirklich fast keine Erinnerung mehr an den Abend, da ich mich so betrunken habe, weil ich so extrem nervös war. Und das alles nur wegen ihr. Fuck… Ich bin wirklich verliebt in sie. Schlimm genug, dass es ihr scheinbar egal ist, was ich für sie empfinde – NEIN! Da knutscht sie auch noch mit meinem besten Freund. Es ist einfach so demütigend…“
Armin wurde wütend, laut und der Griff um seine Tasse verstärkte sich, ehe sich immer mehr Tränen aus seinen Augenwinkeln stahlen.

„Armin… Ich…“

„Ich bin dir hauptsächlich nicht mal sauer, dass du sie geküsst hast. Das war zwar kacke, aber sie hat ja freiwillig mitgemacht, also naja… Nein, das Schlimme an der ganzen Sache war eigentlich, dass du Levi vermutlich damit genau so weh getan hast wie sie mir. Und dass du dein eigenes Glück durch so einen Mist manipuliert hast. Es hat mich so unglaublich wütend gemacht, dass ich – hätte ich auch nur ein Wort mit dir gewechselt – dich einfach nur angeschrien hätte.“

Armin schüttelte leicht seinen Kopf und ein abfälliges Schnauben entkam seiner Kehle.

„Jean hat gestern mit mir geredet und ‚mir ein wenig den Kopf zurechtgerückt‘. Wir haben Mikasa ganz schön Sorgen bereitet“, fügte er noch hinzu.

„Ja, das hat er mir auch erzählt. Ich kann ihn immer noch nicht leiden, aber er kümmert sich wirklich gut um sie. Und dank ihm hab ich mich mit Levi ausgesprochen“, stimmte Eren ihm zu.

„Ist alles wieder gut bei euch?“, erkundigte sich Armin.

„Das ist vielleicht übertrieben gesagt, aber er gibt mir noch eine Chance. Er braucht Zeit und die gebe ich ihm. Es ist so dämlich, dass es all das gebraucht hat, damit ich kapier‘, dass ich das mit ihm wirklich will…“

„Das ist wirklich dämlich“, gab ihm Armin recht und schnippte ihm mit Zeigefinger und Daumen gegen die Stirn.

„Zwischen uns auch wieder alles soweit okay?“, wollte Eren wissen, während er sich die schmerzende Stelle an seiner Stirn rieb.

„Ja, ich denke schon“, antwortete Armin mit einem warmen Lächeln im Gesicht.

„Oh. Gott. Sei. Dank!“, kam es erleichtert und beide drehten sich um, um in das breit grinsende Gesicht Mikasas zu blicken.

Jean, der hinter ihr stand, schlang nur die Arme um ihre Taille und lächelte wissend.

„Guten Morgen, Mikasa“, fand Armin wieder Worte.
„Auch Kaffee?“

„Aber klar. Schatz, holst du Tassen?“, antwortete sie freudig.

„Na sicher doch…“, gab Jean nur leicht seufzend und doch mit einem mehr als zufriedenen Unterton von sich.

Eren, der sich sicher war, dass Mikasa auch den Part mit Levi gehört hatte, bereitete sich mental schon auf das Kreuzverhör seiner Schwester vor. Und auch wenn er auf das Ganze gut und gerne verzichten könnte, tat er ihr den Gefallen.

„Ich hab gehört, du warst bei Levi…“, fing sie auch schon mit verschwörerischem Grinsen an und Eren konnte innerlich über die Neugier seiner Schwester nur den Kopf schütteln.

***

Levi klappte das Buch in seinem Schoß zu und warf einen erneuten Blick auf sein Smartphone auf dem Beistelltisch neben dem Sofa. Dieses Spielchen betrieb er nun seit gut einer Stunde. Seit Eren gegangen war, beherrschte dieser seine Gedanken und so hatte er irgendwann zur Ablenkung nach einem Buch gegriffen. Leider konnte er kaum einen Satz davon ernsthaft aufnehmen, sondern las stupide die aneinandergereihten Wörter, bis sein Verstand wieder abschweifte und seine Augen automatisch zu seinem Handy wanderten. Er hatte das dringende Bedürfnis, Eren zu schreiben, mit ihm zu telefonieren, in irgendeiner Weise mit ihm in Kontakt zu treten. Und er konnte gar nicht beschreiben, wie sehr ihn dieser Umstand nervte. Er wollte nicht so bedürftig, gar abhängig sein – schon gar nicht nach alldem, was passiert war. Dennoch…

Schließlich schnappte er es sich doch, wechselte noch ein paar Mal zwischen der Nachrichten-App und der Kontaktliste, bis er sich dazu entschloss, ihn anzurufen.

Nach einer schier endlosen Zeit meldete sich Eren mit einem mehr als überraschten „Hallo?“.

Kurzzeitig war Levi tatsächlich versucht, wieder aufzulegen, doch stattdessen entschied er sich für ein einfaches „Hey“.

„Schön, dass du anrufst“, meinte Eren und die Ehrlichkeit in seiner Stimme beruhigte Levi in seiner Entscheidung.

„Ich hab ein wenig nachgedacht…“, setzte Levi an und hätte fast gelacht. ‚Ein wenig‘ war eine wirklich untertriebene Formulierung.
„…und ich dachte, wir könnten uns nächsten Samstag vielleicht treffen?“

„Ä-ähm ja… Ja klar, gern. Was schlägst du vor?“

Darüber hatte sich Levi nicht wirklich Gedanken gemacht. Seit wann zur Hölle war er so verdammt planlos?

„20 Uhr bei mir? Ich koche“, war daher das Erstbeste, was ihm einfiel.

Es war für Levis Empfinden zu lange still am anderen Ende der Leitung, doch dann kam ein leises „Okay“ und Levi konnte nicht anders, als zu lächeln.

„Dann bis Samstag.“

„Bis Samstag. Und Levi?“

„Hm?“

„Ich freu mich – danke.“
Erens Tonfall war sanft, liebevoll und ließ Levis verräterisches Herz um einiges schneller schlagen.

Levi legte auf und ließ sich in die Sofakissen sinken. Er hasste diese Gefühle und doch sehnte er sich kommenden Samstag mehr herbei als alles andere.
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