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Der Waldelf - Die Schatten der Eiswüste

von Shizuka95
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P12 / Gen
Elben & Elfen
13.06.2021
21.10.2021
42
80.218
4
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14.10.2021 1.372
 
„Und warst du erfolgreich?“, fragte Devian mich, als ich die Akademie wieder verließ und er mich erblickte.
„Hm?“ Ich hatte immer noch Alicias lieblichen Duft nach Rosen und Vanille in der Nase. Wie benebelt strich ich mir mit der Hand über die Wange, auf die sie mich geküsst hatte.
„Ob du…“ Devian hielt inne. „Ist alles in Ordnung mit dir? Du wirkst… geschockt?“
Ich schüttelte den Kopf, um wieder klar denken zu können. „Alles in Ordnung“, versicherte ich Devian. „Ich werde mich morgen mit Alicia auf die Suche nach der Fluchformel machen.“
„Gut, dann hoffe ich mal, dass wir nicht zu spät sind.“ Devian beäugte mich skeptisch. „Und dir geht es wirklich gut?“
„J-ja…“, murmelte ich. „Das sind sicher nur noch Nachwirkungen vom Anwenden der Schöpfungsmagie.“
Devian legte mir eine Hand auf die Schulter. „Ruh dich aus. Leg dich hin und schlaf. Du hast einen sehr anstrengenden Tag hinter dir.“
„Und du?“, fragte ich.
Devian lächelte. „Ich komme zurecht. Wie immer.“
„Wo schläfst du eigentlich?“
Devian zuckte mit den Schultern. „Mal hier, mal da. Manchmal unter freiem Himmel, manchmal leiste ich mir irgendwo ein Zimmer. Ich habe gerade aber nicht mehr viel Geld in der Tasche. Von daher wird es heute wohl der freie Himmel.“
Ich nickte. „Ich kenne da eine Höhle im Berg und einen Schneevogel, der sich sicher über Gesellschaft freut“, erwähnte ich beiläufig.
Ein Grinsen breitete sich auf Devians Gesicht aus. „Das klingt sehr einladend. Ich liebe Schneevögel.“ Dann schaute er zum rötlichen Abendhimmel hinauf. „Danke dir für deine Unterstützung. Ich weiß, dass das nicht selbstverständlich ist. Du hast durch uns einen guten Freund verloren. Du hättest jeden Grund, uns genauso zu hassen wie alle anderen Hochelfen.“
Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. Schließlich war ich durchaus wütend. Ich spürte auch einen gewissen Hass auf die Nachtelfen, die Hochelfen ermordet hatten.
Aber noch mehr wünschte ich mir einfach, dass das alles aufhörte. Ohne dass noch jemand leiden müsste, egal ob Hoch- oder Nachtelf. Letzten Endes nickte ich einfach nur.
„Viel Erfolg morgen.“ Mit diesen Worten und einem kurzen Winken wandte Devian sich von mir ab und schlenderte den Weg zur Siedlung hinunter.
Eine Weile blickte ich ihm noch hinterher und hing meinen Gedanken nach: Tat ich hier das Richtige? Verdienten die Nachtelfen es, dass ich versuchte, sie zu schützen? Obwohl sie schuld an Brecks Tod waren? Und obwohl ich nicht wusste, ob sie mit den Angriffen aufhören würden, wenn ich sie vor einer erneuten Verfluchung bewahrte?
Ich wollte daran glauben, dass sie damit aufhören würden. Und wollte mir nicht ausmalen, dass es auch anders kommen könnte.
Mit einem mulmigen Gefühl betrat ich wieder die Akademie.
Dieses Unwohlsein verstärkte sich noch, als ich diesmal – wie ich ohne Eile und konkretes Ziel durch die Eingangshalle ging – merkte, dass mich die Schüler, denen ich begegnete, auffällig lange musterten. Ich beschleunigte meine Schritte, um schnell in mein Zimmer zu gelangen. Ich war erschöpft von den Erlebnissen des vergangenen Tages, von der Anspannung angesichts des Hoyárs, der Eiseskälte in Kankara, der Furcht vor der Begegnung mit den Nachtelfen und nicht zuletzt der Erschaffung einen Flugtiers aus Schnee.
Der immensen Erschöpfung stand jedoch ein weiteres intensives Gefühl gegenüber. Ein erstaunlich belebtes, kribbeliges Flattern im Herzen, wenn ich an meine heutige Begegnung mit Alicia dachte.
Ich öffnete die Tür meines Zimmers und drei Köpfe drehten sich in meine Richtung. Flen, Samu und Eloin saßen am Tisch und spielten Karten. Und in diesem Moment hätte ich mir keinen beruhigenderen Anblick vorstellen können, als den meiner drei spielenden Zimmergenossen, als wäre alles wie immer. Als wäre Gria noch sicher.
„Da ist er ja“, grummelte Flen.
Eloin legte seine Karten ab und sprang auf. „Nevin! Wo warst du?“, fragte er mich und klang dabei nahezu vorwurfsvoll.
„Lange Geschichte“, antwortete ich, da ich nicht mehr viel Lust hatte, etwas zu erzählen. Träge kletterte ich auf mein Bett, setzte mich dort oben in den Schneidersitz und schaute zu den Dreien hinunter.
„Du warst einen ganzen Tag lang wie vom Erdboden verschluckt!“ Eloin war außer sich. „Da schuldest du mir eine konkretere Antwort als das! Nicht einmal die Lehrer wussten, wo du steckst. Herr Harves war hier und hat dich gesucht…“
„Herr Harves?“, unterbrach ich ihn und gleichzeitig begann ich zu überlegen, wie ich meinem Vater erklären sollte, was geschehen war, ohne seine gesamte Wut auf mich zu ziehen.
Eloin nickte. „Also wo warst du?“
Schweigend zupfte ich an der Bettdecke neben mir.
„Hat es etwas mit der Nachtigall zu tun?“, hakte Eloin nach. „Alicia und du, ihr hattet doch einen Auftritt, als…“ Er redete nicht zu Ende.
Es hatte sich also mittlerweile herumgesprochen. Und mit einem Mal wurde mir auch bewusst, weshalb mich die Schüler alle angestarrt hatten.
Eloin sah mich weiter erwartungsvoll an und ich wusste, dass ich ihm eine Erklärung geben musste. Ich öffnete den Mund, um zu antworten, aber da wurde mir klar, dass ich ihm nicht erzählen konnte, was geschehen war. Und schon gar nicht vor Flen. Eloin war dabei gewesen, als Lilja Breck getötet hatte. Er kannte die geballte Furcht, die nahezu jeder Hochelf momentan den Nachtelfen – den unheilvollen Schatten – gegenüber verspürte. Doch er kannte nicht das Unrecht und die Grausamkeit, die die Nachtelfen erfahren hatten. Er würde nicht verstehen, dass ich einen Weg suchte, nicht nur die Hochelfen, sondern auch die Nachtelfen vor dem Tod zu bewahren. Er würde nicht verstehen, warum ich vor den Hoyár getreten war und auch nicht, warum ich jetzt nach einer Möglichkeit suchen wollte, die erneute Verfluchung der Nachtelfen zu verhindern. Das Einzige, was er an der ganzen Geschichte verstehen würde, wäre vermutlich die Tatsache, dass der Hoyár mich nach Kankara geschickt und sicher nicht vorgehabt hatte, mich zurückzuholen.
„Nevin?“, riss Eloin mich aus meinen Gedanken. „Ich habe recht, oder?“
„Schon komisch, dass jeder Ort, den du besuchst, im Chaos versinkt“, warf Flen ein und warf mir einen scharfen Blick zu.
„Lass es, Flen“, zischte Eloin. „Wer denkt, dass Nevin etwas damit zu tun hat, der hat wohl sein Hirn verloren. Wir haben damals Breck gemeinsam gefunden. Nevin hatte mit dem Ganzen überhaupt gar nichts am Hut. Und außerdem war er selbst zweimal derjenige, der angegriffen wurde. Also hör auf, solche unsinnigen, respektlosen Worte von dir zu geben.“
Flen zeigte keinen Funken von Reue. Stattdessen hob er nur verächtlich die Augenbrauen. „Ich halte es gar nicht für so unwahrscheinlich, dass er uns Hochelfen eins auswischen will. Vielleicht sind diese Schatten auch Dämonen, die er heraufbeschworen hat.“
Da musste ich lachen. Obwohl es überhaupt nicht zum Lachen war. „Was haben nur immer alle mit ihren Dämonen“, murmelte ich. „Als wäre ich eine Ausgeburt der Hölle.“
„Das bist du, Waldelf“, gab Flen unberührt zurück.
„Flen, halt den Mund“, mischte Eloin sich wieder ein und sogar der ansonsten so enthaltsame Samu versetzte Flen einen Stoß mit dem Ellenbogen.
„Ist doch wahr!“, beschwerte Flen sich. „Es ist doch allgemein bekannt, dass Waldelfen uns verabscheuen. Wieso denkt bis heute jeder, dass Nevin da anders ist? Und jetzt, wo der hohe Rat ihn aus Gria werfen will, da zeigt er sein wahres Gesicht. Wenn es keine Dämonen sind, dann steckt er zumindest sicher mit diesen Schatten unter einer Decke.“
„Gria ist mein Zuhause geworden“, sagte ich kühl. „Ich mag zwar nicht jeden von euch Hochelfen und schon gar nicht den hohen Rat, der mir mit seinem Beschluss, mich nach der Ausbildung aus Gria zu werfen, wirklich wahnsinnig gegen den Strich geht. Aber das wäre für mich kein Grund, mein Zuhause zu zerstören.“
Flen gab ein abfälliges Schnauben von sich.
„Nach all den Jahren“, richtete Eloin sich an Flen, „solltest selbst du wissen, dass Nevin zu so etwas nicht in der Lage wäre. Und er würde sich niemals auf die Seite solcher heimtückischen, brutalen Wesen wie diese Schatten stellen.“
Die letzten Worte versetzten mir einen Stich. Nein, es war mehr als ein Stich. Es war, als würden die Worte in mich eindringen, in meine Seele, mein Herz und meinem Innersten unzählige Risse versetzen, wie eine brüchige Porzellanvase. Und der kalte Blick, mit dem Flen mich musterte, drohte auszureichen, um mich zersplittern zu lassen. Ich befürchtete, er würde die Wahrheit erkennen, nur indem er mich anblickte.
Er würde sehen, dass ich genau das tat: Ich stellte mich auf die Seite jener heimtückischen, brutalen Wesen.
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