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Der Waldelf - Die Schatten der Eiswüste

von Shizuka95
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P12 / Gen
Elben & Elfen
13.06.2021
23.11.2021
57
103.912
5
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11.10.2021 2.736
 
„Wovon lebt ihr hier?“, fragte ich. Die Frage überkam mich, als mein Magen zu knurren begann. Da die Nachtelfen alle nicht aus viel mehr als Haut und Knochen bestanden, ging ich davon aus, dass es hier nicht viel gab, um den Hunger zu stillen.
„Von der Energie der Erde und des Mondlichts“, antwortete Anya. „Man kann erstaunlich gut davon leben.“
„Ach“, knurrte Geron. „Rede doch keinen Unsinn. Was würde ich dafür tun, um endlich mal wieder ein Stück Fleisch zwischen den Zähnen zu haben.“
Ich verzog unglücklich den Mund. Ich erinnerte mich an die Tage in Fora, an denen ich meinen Hunger mit der Energie von Pflanzen gestillt hatte. Daher wusste ich auch, dass dieses Vorgehen eine richtige Mahlzeit nicht ersetzen konnte.
„Ihr solltet euch zumindest auf den Weg nach Fora machen“, meinte Devian. „Dort findet ihr feste Nahrung. Und wenn es nur ein paar Beeren sind.“
„Nein, wir werden hier warten“, beharrte Geron. „Auf die anderen. Ich weiß, wie furchtbar es ist, zu erwachen und weit und breit ist niemand. Es ist beängstigend. Ich möchte da sein, wenn noch jemand von uns zurückkehrt.“
Devian senkte betrübt den Blick und nickte. „Natürlich.“
Je mehr Zeit ich hier verbrachte, desto bewusster wurde mir, wie schrecklich die Situation für die Nachtelfen war. Sie verharrten freiwillig in dieser kalten Einöde, um füreinander da sein zu können. Obwohl sie hier nichts hatten. Und es wunderte mich nicht, dass der ein oder andere sich bereits auf den Weg durch ganz Fora bis nach Gria gemacht hatte. Es war bei weitem nicht nur Hass, der sie antrieb. Es waren auch Angst und Verzweiflung.
„Wie lange hast du noch gleich von hier nach Gria gebraucht?“, fragte ich Devian.
„Ungefähr zwei Wochen“, antwortete er.
Ich stöhnte. „So viel Zeit habe ich nicht. Bis dahin haben sie den Fluch sicher schon längst ausgesprochen. Wenn man die Formel erst hat, kann der Rest nicht allzu schwer sein.“ Ich grübelte nach. Wie konnte ich möglichst schnell von hier nach Gria gelangen? Ein Pferd wäre nicht schlecht gewesen. Aber ich hatte kein Pferd. Ich hatte nichts. Nur die Energie der Erde und des Mondlichts.
Da kam mir eine Idee. Ich sprang auf und eilte zum Ausgang.
„Was hast du vor, Kleiner?“, rief Geron mir nach.
„Ich muss etwas ausprobieren“, antwortete ich nur und stieg den niedrigen Gang hinauf. Schon bald vernahm ich Schritte hinter mir. Als ich mich umdrehte, erkannte ich Devian.
„Was auch immer du vorhast, wir machen das gemeinsam“, rief er mir zu.
Ich lächelte. „Gut. Aber falls ich mich gleich blamiere, erzähl es niemandem.“
„Das kommt ganz darauf an, wie unterhaltsam die Blamage wird“, entgegnete Devian.
Als wir oben ankamen und der kalte Wind mich erfasste, bereute ich bereits, die Höhle verlassen zu haben. „V-v-verdammt, ist das k-kalt“, bibberte ich. Ich stapfte ein paar Schritte durch den Schnee und schaute zum blauen Mond auf.
„Und jetzt?“, rief Devian mir durch den Wind entgegen.
„Jetzt sorge ich dafür, dass du neue Geschichten erzählen kannst“, antwortete ich. Und das würde nicht gelogen sein. Egal ob das, was ich nun probieren wollte, gelingen würde oder nicht: zu erzählen würde er garantiert etwas haben.
Ich schloss die Augen. Der Wind blies mir den feinen Pulverschnee ins Gesicht und in den Nacken. Die Kälte ließ mich zittern. Doch im Herzen wurde mir ganz warm. Und mein Körper wurde leicht und unbeschwert.
Ich weiß, ich habe euch nicht viel zu bieten, sprach ich in Gedanken. Ich habe diesmal nicht einmal eine Gänsefeder. Aber bitte helft mir. Bitte gebt mir irgendwas, das mich nach Hause bringt.
Zunächst passierte nicht. Und ich dachte schon, mein Wunsch wäre zu fordernd gewesen. Schließlich wusste ich, wie empfindlich die Nullenergien waren.
Doch dann spürte ich sie. Die Energie, die durch meinen eigenen Körper zuckte, dass ich das Gefühl hatte, jeden Moment zu zerbersten. Für einen kurzen Augenblick konnte ich nicht atmen. Bis ich mich hinkniete und meine Hände in den Schnee drückte. Ich wusste nicht, warum ich das tat, es war wie ein Reflex. Doch in dem Moment, in dem ich mich in die Eiseskälte warf, entlud sich die Energie in den Boden unter mir und ich konnte wieder Luft holen. Gleichzeitig stob der Schnee empor und hüllte mich in eine weiße Decke.
„Nevin!“
Ich hörte Devians Stimme, doch ich konnte ihn nicht mehr sehen. Mein ganzer Körper vibrierte. Der Schnee brannte auf meinen Händen und sog sich in meine Kleidung. Mir wurde schwindelig. Doch ich konnte die Nullenergien nicht mehr aufhalten. Sie strömten unkontrolliert durch meinen Körper, brachten mein Herz zum Rasen, trieben mir den Schweiß auf die Stirn, während ich gleichzeitig vor Kälte schlotterte.
Und dann, mit einem Mal, rieselte der aufgewirbelte Schnee herab wie schwerer Regen. Ich vernahm ein schrilles Krächzen. Mein Kopf war schwer, als ich ihn anhob, um aufzuschauen. Ich riss die Augen auf.
Vor mir erhob sich aus dem Schnee eine weiße Gestalt. Es war die Gestalt eines Vogels. Es war jedoch kein gewöhnlicher Vogel. Dieser Vogel war fast doppelt so groß wie ich. Und sein Gefieder war vollkommen aus Schnee. Das sanfte Mondlicht ließ in funkeln, als bestünde er aus unzähligen Diamanten.
Meine kraftlosen Arme gaben unter mir nach und ich kippte vornüber mit dem Gesicht in den Schnee. Und obwohl das nasse Kalt tief in meinen Körper drang und sämtliche Organe einzufrieren schien und ich so erschöpft war, dass ich es kaum schaffte, mich auf den Rücken zu drehen, begann ich zu lachen. Wie ein Manischer lag ich im Schnee und lachte. Ich hörte ein leises Gurren und im nächsten Moment packte mich ein großer Schnabel am Hemd und zog mich auf die Füße. Ich taumelte, als das gigantische Federtier mich losließ und meine Knie knickten sofort wieder ein. Doch mit Mühe schaffte ich es dennoch, mich auf den Beinen zu halten.
Meine Aufmerksamkeit fiel erst von dem Vogel ab, als ich Schritte neben mir vernahm. Ich drehte mich um.
Devian trat mit geweiteten Augen auf mich und den Schneevogel zu. „Ich halluziniere“, murmelte er.
Ich grinste breit.
„Ich wusste ja, dass du die Schöpfungsmagie beherrschst, aber…“ Devian streckte vorsichtig eine Hand nach dem Vogel aus.
Der Vogel zögerte, reckte ihm dann aber den Kopf entgegen und schmiegte sich in seine Hand.
„Wir hätten Geron mitnehmen sollen. Er hätte sämtliche Zweifel an dir verloren“, murmelte Devian, vollkommen eingenommen vom Anblick des Vogels. „Wie hast du das gemacht? Ein Vogel aus Schnee. Das ist unmöglich.“
Ich konnte ihm die Frage nicht beantworten. Ich hatte selbst nicht wirklich damit gerechnet, dass das hier funktionieren würde. Ich hatte bisher nur Dinge erschaffen, von denen ich noch Überreste gehabt hatte. Damals den Baum des Lebens mit einem alten Zweig. Neulich die Gans mit einer Feder. Ein Vogel aus Schnee war wahrlich sonderbar.
„Bringst du mich nach Gria?“, fragte ich den Vogel.
Ich wusste nicht, ob er mir antwortete, aber er begann wieder zu gurren.
„Nimmst du mich mit?“ Devian strich noch immer fasziniert über die kristallenen Federn.
„Natürlich. Wir machen das gemeinsam“, antwortete ich lächelnd.
Devian erwiderte das Lächeln.
Der Vogel legte sich in den Schnee, sodass wir leichter auf seinen Rücken steigen konnten.
„Ich bin noch nie auf einem Vogel geflogen. Meinst du, das wird ein entspannter Flug?“, fragte Devian, als er es sich hinter mir bequem gemacht hatte.
„Ich habe da leider auch keine Erfahrungswerte“, entgegnete ich. „Gut festhalten kann sicher nicht schaden.“
So klammerte ich mich an den Hals des Vogels und Devian klammerte sich an mich.
Der Vogel breitete die Flügel aus und als er mit ihnen zu schlagen begann, stob der Schnee um uns herum auf. Ich kniff die Augen zusammen, um sie vor dem Schnee zu schützen und klammerte mich noch einmal fester an den Vogel. Mit einem freudigen Kreischen stob der Vogel empor. Ich spürte den Luftzug an meiner nassen Kleidung. Ich würde mir garantiert eine Erkältung holen. Doch in diesem Moment war mir das egal.
„Auf nach Gria!“, rief ich und öffnete die Augen, als wir aus dem Schneegestöber schossen und über die weiße Weite hinwegglitten. Mit großen neugierigen Augen sog ich den Ausblick in mich auf. Ich konnte das Ende der Eiswüste sehen. Ich erkannte den schmalen Streifen toter Bäume, der schließlich in die Naturpracht Foras mündete.
„Das ist der Wahnsinn!“, rief Devian hinter mir.
Er hatte recht. Dieser Flug war vermutlich eines der schönsten Dinge, die ich je erlebt hatte. Ich zitterte vor Kälte und klapperte mit den Zähnen, ich hatte kaum noch Kraft in den Händen, um mich festzuhalten – aber trotzdem war dieser Flug unfassbar schön. In der Ferne schien die Sonne hinter den Sonnenbergen Grias. Die drei Zonen von hier oben zu sehen, hatte etwas Beruhigendes. Die Landschaft schien so ruhig, nahezu märchenhaft. Aus der Ferne war nichts von all der Wut und dem Hass zwischen den einzelnen Zonenbewohnern zu spüren, geschweige denn zu sehen. Hier oben gab es nur Frieden.
Als wir über die grünen Baumwipfel Foras hinwegflogen, wurde die Luft wärmer. Mir war noch immer kalt, da meine Kleidung noch immer feucht war, doch es war eine wesentlich erträglichere Kälte als in Kankara. Zudem schenkte Devians Anwesenheit mir etwas Wärme.
„Der Vogel ist ganz schön schnell“, merkte Devian an. „Wenn der dieses Tempo durchhält, dürften wir in wenigen Stunden in Gria sein.“
„Méla wäre ein guter Name für sie“, meinte ich.
„Sie?“
Ich nickte. Dafür hatte ich natürlich keine Erklärung, aber irgendetwas sagte mir, dass es sich um ein Vogelweibchen handelte. „Méla ist ein altes Wort für Blitz“, erklärte ich. „Und sie fliegt so schnell wie der Blitz.“
„Klingt passend“, stimmte Devian zu. „Was hält Méla davon? Gefällt ihr der Name?“
Zur Antwort gab Méla ein Kreischen von sich, schlug ein paarmal kräftig mit den Flügeln und erhöhte ihr Tempo damit nochmals.
Ich lachte. „Ich glaube, sie will uns beweisen, dass der Name der richtige ist.“
Ich spürte die altbekannte Sehnsucht, als die Bäume Foras unter uns in die Höhe ragten. Die Versuchung war groß, einfach einen Zwischenhalt einzulegen und meine alte Heimat zu besuchen. Doch dafür hatten wir keine Zeit. Wir mussten so schnell wie möglich an das Schriftstück kommen. Also gab ich mich damit zufrieden, den Wald aus der Entfernung zu betrachten, und zwar aus einer besonderen Perspektive, aus der ich ihn zuvor noch nie gesehen hatte. Die riesen Bäume wirkten von hier nicht annähernd so majestätisch, wie ich sie in Erinnerung hatte.
„Wie habt ihr eigentlich die weißen Reiter überlistet? Normalerweise fangen die alles und jeden ein, der nicht nach Gria gehört“, fiel mir auf, als wir die grüne Fläche zwischen dem Wald und den Bergen überflogen.
„Wir sind Künstler darin, uns versteckt zu halten“, antwortete Devian. „Zumindest die meisten von uns. Es war nicht besonders schwer, die weißen Reiter davon zu überzeugen, ein Hochelf zu sein.“
Ich erinnerte mich daran, dass selbst mir nicht aufgefallen war, dass sein äußeres Erscheinungsbild in der Nachtigall nur eine Illusion gewesen war. Und das, obwohl ich für gewöhnlich ein sehr feines Gespür für Magie hatte.
„Etwas nach links, Méla!“, rief ich, als wir die Siedlung fast erreicht hatten. Ich wollte mit ihr nicht mitten im Zentrum landen, zu große Angst hatte ich, dass jemand ihr etwas tun würde. Also führte ich sie zu der kleinen, abseitsgelegenen Höhle im Berg, in der ich mich manchmal niederließ, um meine Ruhe zu haben.
Méla landete, wie sie geflogen war: ruhig und ohne größere Erschütterung.
„Fazit: Auf einem Vogel zu fliegen ist äußerst komfortabel“, meinte Devian, als er hinter mir von Méla stieg.
Ich stimmte ihm zu und glitt ebenfalls von ihrem Rücken. „Ich danke dir“, raunte ich Méla zu und strich ihr über den gesenkten Kopf. „Pass auf dich auf, solange wir weg sind.“ Schweren Herzens verabschiedete ich mich von ihr und hoffte, dass sie alleine zurechtkommen würde.
Nach dem stundenlangen Flug taten mir die Beine weh und ich musste mich erst wieder an das Laufen gewöhnen. Vielleicht waren die Schmerzen auch noch Nachwirkungen von den Nullenergien. Es hätte mich nicht gewundert, würde ich für die nächste Woche Muskelkater im gesamten Körper haben.
„Ich muss zu Alicia“, meinte ich und begann, Richtung Akademie zu stapfen.
Devian eilte mir nach. „Du meinst, weil sie zum Hoyár kommt?“
Ich nickte. „Alleine komme ich nicht mal in seine Nähe.“ Es behagte mir nicht, Alicia schon wieder darum zu bitten, den hohen Rat aufzusuchen. Du tätest gut daran, ihr Vertrauen nicht auszunutzen. Ich sollte sie nicht mehr in diese Angelegenheit hineinziehen. Doch sie war meine einzige Möglichkeit, an die Fluchformel zu kommen.
Kurz bevor wir die Siedlung erreichten, verwandelte Devian sich wieder in einen perfekten Hochelfen. Gemeinsam liefen wir den Pfad zur Akademie hinauf und als wir diese betreten wollten, begrüßte uns das erste Problem: Devian konnte die Akademie nicht betreten. Während ich ganz normal durch den Eingang trat, war es bei Devian, als würde ihn eine unsichtbare Wand zurückhalten.
„Das war mein Vater“, murmelte ich. „Sie haben Schutzzauber über die Akademie gelegt, damit die Schüler sicher sind.“
Devian seufzte. „Na gut, vermutlich ist es eh besser, wenn du Alicia alleine aufsuchst. Ich warte hier.“
Ich nickte. Dann wandte ich mich von ihm ab und eilte zu den Schlafsälen. Ich klopfte an Alicias Tür. „Alicia!“
Ich erschrak, als die Tür prompt aufgerissen wurde und Alicia vor mir in der Tür stand. „Nevin! Du bist hier!“, rief sie und fiel mir um den Hals. „Warum bist du hier? Oh bitte verzeih mir, ich wusste nicht, dass er das tun würde.“
„Alles gut, ich bin ja wieder zurück“, entgegnete ich beruhigend.
„Wie bist du so schnell zurückgekommen?“, fragte Alicia.
Ich nahm sie an beiden Armen und schob sie ein wenig von mir. „Das erzähle ich dir später. Erstmal brauche ich dringend deine Hilfe.“
„Das… hätte ich mir denken können“, murmelte Alicia.
„Ich will dir nicht zur Last fallen“, sagte ich. „Ich will dich auch nicht in Dinge reinziehen, die dich belasten. Ich weiß nur nicht, wen ich sonst im Hilfe bitten soll.“
„Das ist in Ordnung“, versicherte Alicia mir. „Mir tut das Verhalten meines Vaters leid. Und ich möchte dir helfen, die ganze Situation irgendwie wieder in Ordnung zu bringen. Ohne dass noch jemand sterben muss.“
Ich lächelte erleichtert. Und diesmal war ich derjenige, der sie umarmte. „Danke.“
„Also wie kann ich dir helfen?“, fragte Alicia, als ich sie wieder losließ.
„In dem Buch stand die Fluchformel, die Kankara in eine Eiswüste verwandelt hat“, erzählte ich ihr.
Alicia nickte. „Okay.“
„Die Seite fehlt.“
Alicias Augen weiteten sich und ihr schien zu dämmern, worauf die Geschichte hinauslaufen würde.
„Dein Vater muss sie herausgerissen haben“, fuhr ich fort.
„Er will die Nachtelfen erneut verfluchen“, hauchte Alicia.
„Ich brauche diese Fluchformel. Nur mit ihr können wir einen geeigneten Schutzzauber formulieren, der die Nachtelfen retten kann.“
„Verstehe.“ Alicia blickte nachdenklich zu Boden.
„Alles in Ordnung?“, erkundigte ich mich.
„Ja“, antwortete sie. „Ich dachte nur… wenn wir die Nachtelfen retten... Wer rettet dann uns vor den Nachtelfen?“
Als sie wieder zu mir aufblickte, schimmerte tiefe Sorge in ihren Augen. Sorge, die ich verstehen konnte.
„Ich glaube, wenn wir es schaffen, den Fluch abzuwenden, haben wir ein paar mehr Nachtelfen auf unserer Seite. Vielleicht können wir sie dann davon überzeugen, dass dieser grausame Hass sie nicht auf den richtigen Weg führt.“ Es war eine unsichere Hoffnung, von der ich wusste, dass sie Alicia nicht überzeugen würde.
Dennoch nickte sie. „Ich kenne einen Weg, wie ich unbemerkt in Vaters Gemächer komme. Und ich weiß, wann er diese verlässt. Ich werde nach der verschwundenen Seite suchen.“
„Ich helfe dir bei der Suche“, schlug ich vor.
„Dann schwänzen wir beide morgen früh die Schule“, meinte Alicia und auf ihrem Gesicht erschien ein verschmitztes Lächeln, das ich so noch nie bei ihr gesehen hatte.
Ich seufzte. „Ich glaube, ich bin ein schlechter Einfluss.“
Alicia schüttelte den Kopf. „Du bist genau der Einfluss, den ich haben möchte.“ Ihr freches Lächeln wich wieder dem unsicheren Auftreten, das ich von ihr gewohnt war. Sie richtete den Blick zu Boden und spielte nervös an ihrem Kleid. „Treffen wir uns morgen nach der ersten Doppelstunde am Eingang?“
Ich nickte. „Ich habe eh nicht viel Lust auf Frau Lydias‘ Unterricht.“
Ihre Mundwinkel zuckten. „Dann bis morgen. Und dann erzählst du mir auch, wie du so schnell aus Kankara flüchten konntest.“ Ein paar Sekunden noch stand sie vor mir, wirkte angespannt und unschlüssig. Dann hob sie den Kopf, beugte sich zu mir und noch bevor ich überhaupt realisiert hatte, dass sie mir soeben einen Kuss auf die Wange gehaucht hatte, war sie schon hinter der Tür ihres Zimmers verschwunden.
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