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Der Waldelf - Die Schatten der Eiswüste

von Shizuka95
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P12 / Gen
Elben & Elfen
13.06.2021
23.11.2021
57
103.912
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13.06.2021 1.860
 
„Nevin, bleib sofort stehen!“
Ich sprintete über den Flur, der von den Schlafsälen zur Eingangshalle der Hochelfenakademie führte.
„Gib mir sofort mein Geld zurück!“
In meiner Hand hielt ich eine Fünfzig-Lifar-Münze, die nicht mir gehörte. Sie gehörte meinem Zimmergenossen Flen. Und genau dieser verfolgte mich mit einer beachtlichen Geschwindigkeit. Ich bog um eine Ecke – und blieb abrupt stehen. Nur wenige Zentimeter trennten mich von Herrn Fenas, dem Akademieleiter. Beinahe wäre ich in ihn hineingerannt. Finster blickte er mich aus seinen eisblauen Augen an, bis Flen genauso erschrocken neben mir zum Stehen kam wie ich zuvor.
„Ihr beiden habt noch zwei Minuten, um pünktlich zum Unterricht zu kommen“, merkte Herr Fenas in missbilligendem Tonfall an.
„Ich wäre schon längst dort, wenn dieser anstandslose, durchtriebene Waldelf mich nicht bestohlen hätte!“, beschwerte sich Flen.
Herr Fenas seufzte nur und schüttelte den Kopf. „Ab in den Unterricht mit euch“, sagte er noch, ehe er an uns vorüberging.
Anstandsloser, durchtriebener Waldelf?“, wiederholte ich.
„Sei nicht kindisch und gib mir die Münze wieder“, forderte Flen und griff mit einer raschen Bewegung nach der Hand, in der ich die Münze hielt. Doch ich war schneller und zuckte zurück.
„Ah“, sagte ich. „Nicht ehe du mir meinen Ring wiedergegeben hast.“
„Ich habe dir doch schon gesagt, dass ich ihn nicht habe. Ich kann ja nichts dafür, wenn du so unachtsam mit deinen Wertgegenständen umgehst.“
Ich hob eine Augenbraue. „Du hattest gestern deine Prüfung in Schutzmagie.“
„Und du meinst, dafür bräuchte ich deinen dummen Ring?“, entgegnete Flen abfällig. „Das habe ich gar nicht nötig. Ich kann selber Gegenstände mit Schutzzaubern belegen.“
Das war der Moment, in dem ich die Münze in meiner Hand zerfließen ließ. Das flüssige Metall rann meine Finger entlang und tropfte zu Boden. Flens Augen weiteten sich entsetzt. „Bist du… Bist du wahnsinnig?“, fuhr er mich an. „Das… das waren fünfzig Lifar!“
„Und mein Ring ist unbezahlbar“, konterte ich. Ich hatte den Ring vor gut zweieinhalb Jahren von Breck, Grias verrücktem Raritätensammler, bekommen. Er war ein Fundstück aus meiner Heimat Fora, das ich seit dem stets bei mir trug und mir fast genauso lange schon als Schutzgegenstand diente. Über die Jahre hinweg hatte ich ihn mit immer mehr Schutzzaubern belegt und viel Zeit und Energie darin investiert. „Wo ist der Ring? Ich weiß, dass du ein absolut erbärmlicher Schutzmagier bist.“
Ich konnte beobachten, wie Flen rot anlief. „Ich bin kein erbärmlicher Schutzmagier! Ich… ich…“ Dann seufzte er. „Ich habe ihn wirklich nicht. Herr Harves hat ihn mir während der Prüfung abgenommen. Er wusste, dass er dir gehört.“
Ich schüttelte den Kopf. „Dummkopf. Herr Harves unterrichtet mich ebenfalls seit zweieinhalb Jahren in Schutzmagie. Natürlich weiß er, dass der Ring mir gehört.“ Ich ließ das Metall vom Boden wieder in meine Hand hinaufschweben, wo es sich zusammenzog und verfestigte, bis ich wieder eine Fünfzig-Lifar-Münze in der Hand hielt. Ich reichte sie Flen und er nahm sie mürrisch entgegen. „Dann weiß ich ja wenigstens, wo ich ihn wiederbekomme“, meinte ich.
„Und wegen dir kommen wir jetzt beide zu spät zum Unterricht“, grummelte Flen. „Lästiger Waldelf.“
„Ich glaube nicht, dass das gerade dein größtes Problem ist, wenn du bei Herrn Harves einen Täuschungsversuch unternommen hast“, gab ich zu bedenken und huschte geschwind an ihm vorbei, ehe er mich ein weiteres Mal beleidigen konnte.
Ich war lange nicht mehr zu spät zum Unterricht gekommen. In meiner Anfangszeit in Gria war ich so gut wie nie pünktlich erschienen. Außer in einer Phase, in der Herr Zevaki mich überzeugt hatte, ich müsse mich unbedingt nur noch auf meine Lehre stürzen, da sie meine einzige Chance war. Doch nachdem Herr Fenas mir geholfen hatte, einen neuen Baum des Lebens zu erschaffen, der meine ursprüngliche Heimat versorgen konnte und die Waldelfen somit vor dem Tode bewahrt hatte, hatte ich mich gebessert. Zumindest in einigen Bereichen. Einigen wenigen. Wie meiner Pünktlichkeit. Vielleicht war das sogar auch schon alles. Oft durfte ich mir noch immer anhören, ich wäre ein Hitzkopf, ich wäre zu frech. Und so war ich bis heute eben der anstandslose, durchtriebene, lästige Waldelf.
Ich klopfte an die geschlossene Tür zum Unterrichtsraum und öffnete sie vorsichtig. „Verzeiht meine Verspätung“, rief ich Frau Lydias zu, die hinter ihrem Lehrerpult stand und gerade etwas erzählte. Sie schenkte mir einen kurzen Blick, dann beachtete sie mich nicht weiter.
Frau Lydias war Lehrerin für dunkle Magie und unterrichtete meinen Kurs seit letztem Semester. Mittlerweile war ich ein Syvlyn, ein Siebtsemestler, und der Beginn des neuen Semesters stand kurz bevor und damit auch mein Ausbildungsabschluss. Die Zeit war gerast, ich konnte es kaum glauben.
Ich nahm neben Luis Platz, ein schmächtiger, freundlicher Kerl, mit dem ich mich in den letzten Jahren angefreundet hatte. Als ich ein Semester übersprungen und in einen neuen Kurs gekommen war, hatte ich lange Schwierigkeiten gehabt, Anschluss zu finden. Vor allem weil ich keinen besonders guten Ruf gehabt hatte. Denn ich war nicht nur der Waldelf, ich war auch der Schüler, der einst eine Waldelfe aus Grias Gefängnis befreit und dafür einen Tag in den Eiswüsten von Kankara verbracht hatte. Das wurde mir bis heute nachgesagt.
„Ich möchte also heute einen Exkurs mit euch in die Schutzmagie machen“, kündigte Frau Lydias an. „Zwar wird auch Herr Harves schon mit euch über Schutz vor Flüchen gesprochen haben, doch da diesem Thema bei dunkler Magie eine besondere Wichtigkeit zukommt, werden wir es auch hier behandeln. Hat jemand von euch Vorschläge, wie man sich vor Flüchen schützen kann? Das müssen nicht nur magische Ansätze sein.“
Ich hob die Hand, wie zwei weitere Schüler auch.
„Diana, bitte“, rief Frau Lydias eine meiner Mitschülerinnen auf.
„Unser Schutzort kann uns schützen“, antwortete Diana.
Frau Lydias nickte. „Natürlich. Euer persönlicher Schutzort ist die Basis der Schutzmagie. Was noch? Damian?“
„Ein Schutzgegenstand, auf den wir einen speziellen Zauber angewandt haben, der uns schützt?“
„Nette Überlegung. Funktioniert aber nur, wenn du ganz genau weißt, was für ein Fluch auf dich wirken wird. Das ist unwahrscheinlich“, erklärte Frau Lydias. „Weitere Ideen.“
Ich reckte meine Hand noch weiter in die Höhe, während Frau Lydias Blick über die Sitzreihen schweifte.
„Vielleicht noch Ideen, die nichts mit Magie zu tun haben?“, versuchte sie, dem Kurs auf die Sprünge zu helfen.
Ich begann, leicht zu winken.
„Niemand?“, fragte Frau Lydias. „Gut, dann werde ich euch jetzt weitere Möglichkeiten aufzählen. Neben Schutzgegenständen gibt es nämlich auch allgemein reinigende, nichtmagische Gegenstände oder auch Räucherrituale, die sehr effektiv sind, wenn man sie direkt nach dem Wirken eines Fluches anwendet. Auf der magischen Ebene…“
Ich ließ meine Hand sinken und schaute missmutig zu der Lehrerin nach vorne, während sie die Möglichkeiten aufzählte, die ich ihr ebenfalls hätte verraten können. Wenn sie nicht eine der speziellen Sorte Hochelfe gewesen wäre, was nichts anderes bedeutete, als dass sie mich ignorierte, wo sie nur konnte. Niemand?, hatte sie gesagt. Und genau das war ich für sie: niemand. Darum machte ich mir für den Rest des Unterrichts auch gar nicht mehr die Mühe, mich zu beteiligen.
Die darauffolgenden Stunden mit Frau Yilda, die uns von Anfang an mit Meditationen und Ausdauertraining folterte, konnten meine Stimmung wenig erhellen. Umso mehr freute ich mich auf die Mittagspause, in denen ich mit meinen Freunden Eloin, Leonel und Lorena zusammensitzen und mich über meinen bisherigen Tag beschweren konnte. Und das tat ich auch sofort. Besonders beschwerte ich mich über Frau Lydias.
„Freu dich auf heute Nachmittag“, versuchte Lorena, mich zu beruhigen. „Wir haben noch Musik.“
Ich seufzte. Ich wusste, Lorena meinte es gut und der Musikunterricht bei Frau Elenor war auch wirklich jedes Mal wieder entspannend und machte Spaß. Aber heute gab mir nicht mal der Gedanke an Musik ein Gefühl von Vorfreude. Unglücklich stocherte ich mit der Gabel in meinem Essen, das ursprünglich mal einen Gemüseauflauf dargestellt hatte, mittlerweile aber nicht mehr als solcher zu identifizieren war.
„Du darfst Laute spielen“, fuhr Lorena fort, „und dir deinen Frust von der Seele singen, so laut du willst.“
„Und Alicia beim Harfespielen zuhören“, ergänzte Leonel. Als ich meinen Kopf hob und zu ihm aufschaute, sowie er Alicia erwähnte, begann er, breit zu grinsen. „Schau, Lorena, so macht man das. Du musst nur die Herzensdame erwähnen und schon wird der grummelige Waldelf wieder munter.“
Angesäuert kräuselte ich die Lippen.
„Nun ja, als munter würde ich ihn nicht gerade bezeichnen“, meinte Lorena.
„Das liegt vielleicht daran, dass Alicia nicht meine Herzensdame ist“, brummte ich und begann endlich zu essen.
Leonel lachte leise. „Du bist nicht immer ein guter Lügner, Nevin.“
„Vielleicht liegt es auch eher daran, dass Alicia einfach unerreichbar ist“, mutmaßte Lorena. „Ich meine, sie ist zwar eine echt Liebe und redet sogar mit Nevin, aber so viel Angst, wie sie vor anderen Leuten hat… Das würde doch nie etwas werden.“
Ich ließ meine Gabel fallen und schaute genervt in die Runde. „Warum reden wir jetzt eigentlich über Alicia? Können wir… das Thema wechseln?“
Leonels Grinsen wurde noch etwas breiter. „Ich glaube, du hast einen wunden Punkt getroffen, Lorena.“
Er machte mich wahnsinnig. „Nein!“, widersprach ich heftig.
„Natürlich nicht. Du möchtest dich nur lieber weiter über Frau Lydias aufregen.“
„Ganz genau“, entgegnete ich mürrisch.
Dabei wusste ich, dass ich meinen Freunden nichts vormachen konnte. Selbst Eloin nicht, der die ganze Zeit nur schweigend neben mir saß und sich die Diskussion aufmerksam anhörte. Lorena hatte mich eiskalt erwischt. Ich hatte Alicia von Anfang an bewundert. Die schüchterne Hochelfe war eine herausragende Harfenspielerin. Doch damals hatte sie sich nie getraut, ihr Können vor dem gesamten Kurs und Frau Elenor preiszugeben. Nachdem ich ihr Talent zufällig mitbekommen hatte, hatte ich sie nach und nach dazu bekommen, auch vor den anderen zu spielen. Mittlerweile tat sie das mit einer Selbstverständlichkeit, die mich richtig stolz machte. Auch wenn sie noch immer jedes Mal wahnsinnig nervös war. Zu Beginn hatten sich unsere Begegnungen auf den Musikunterricht beschränkt. Doch mit der Zeit war sie mir gegenüber immer zugänglicher geworden und es war eine Freundschaft zwischen uns entstanden. Und ja, ich mochte sie tatsächlich mehr, als ich mir eingestehen wollte. Nicht zuletzt weil sie mit ihrer ruhigen, zurückhaltenden Art ein ausgleichendes Gegenstück zu meinem manchmal etwas zu hitzigen Gemüt war. Sie war mein Ruhepol und sobald sie in meiner Nähe war, konnte ich alles vergessen, was mich beschäftigte, mich aufrieb und bedrückte.
„Jetzt schaut er sogar zu ihr“, riss mich Lorenas Raunen aus meinen Gedanken.
Tatsächlich. Ohne es zu merken, war mein Blick durch den Speisesaal zu dem Tisch gewandert, an dem Alicia saß. Sie saß dort alleine. Wie immer. Sie mochte das laute Gerede der anderen nicht, hatte sie mir mal erklärt. Sie würde nur daneben sitzen, unfähig, sich am Gespräch zu beteiligen, und sich trotz der Gesellschaft einsam fühlen. Da würde sie lieber gleich alleine sitzen.
Langsam drehte ich den Kopf zurück zu Lorena und Leonel und seufzte erneut schwer. „Ja, okay, vielleicht… vielleicht mag ich sie. Seid ihr jetzt zufrieden?“
Begeistert klatschte Lorena in die Hände. „Ja!“, quietschte sie. „Endlich hat er es zugegeben.“
„Der Waldelf und die Sozialphobikerin, wenn das kein Traumpaar abgibt“, meinte Leonel.
Ich öffnete den Mund, um etwas Schnippisches zu entgegnen. Doch dann beschloss ich, dass es eh nichts bringen würde. Also stand ich auf und räumte mein Mittagessen ab. Hauptsache, ich musste mir diese Kommentare nicht mehr anhören.
 
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