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Liebe vor Leuten

Kurzbeschreibung
GeschichteRomance, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
13.06.2021
18.06.2021
6
11.916
14
Alle Kapitel
7 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
18.06.2021 2.043
 
Hallo, na?
Arbeit und Uni und Freizeitstress haben dazu geführt, dass ich die ja schon fertigen Kapitel gar nicht mehr hochgeladen habe deswegen nun - bittesehr!

Und gleichermaßen dankesehr für das Signal, dass dieses Fandom tatsächlich existiert.

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Es klopfte an Jans Tür und eigentlich hatte er ihm gesagt, dass er doch bitte während der Aufnahme nicht reinkommen sollte. Er hatte natürlich das Recht dazu, sich frei in Jans Wohnung zu bewegen oder etwas nachzufragen, trotz Aufnahme. Aber Jan war noch nicht so weit Olli von Tim zu erzählen und irgendwie wollte er das auch auf eine andere Weise ... klären als so. Und, tja, Tim schien sowieso einen ganz anderen Plan zu verfolgen, als er reinkam, nach dem Duschen nur mit einem Handtuch um die Hüften bekleidet,  und seine Arme von hinten um Jan legte: „Huch, sorry, ich wusste nicht, dass ihr eure Aufnahme mit Kamera macht. Hi Olli, schon viel von dir gehört!“ Tim grinste über beide Ohren, das konnte Jan fühlen, weil sein Gesicht sich leicht an seine Schläfe schmiegte.

Damit war die Katze dann wohl aus dem Sack und Jan konnte nicht einmal wütend auf Tim sein, denn er hatte die Beziehung mit Tim ja, zumindest vor Olli, irgendwie ähnlich verheimlicht wie Olli das mit sich und ihm getan hatte. Letztendlich war ja genau das einer der Gründe gewesen, warum Jan mehr oder minder ihr Dilemma beendet hatte. Natürlich nicht offiziell, aber es war ja auch nie irgendetwas offiziell gewesen – nicht einmal nur zwischen ihnen beiden.

„Ja, hi, Tim, ich hab komischerweise noch nie etwas von dir gehört. Schön, dich hier über Zoom kennen zu lernen. Susanne, Hank? Wir beenden die Aufnahme jetzt, ihr müsst das irgendwie schneiden, dass es gut wird... aber wir beenden die Aufnahme jetzt.“ Jan kannte Ollis Gesicht einfach zu gut, um nicht zu erkennen, dass seine Muskeln zuckten und er sein Bestes gab, seinen Gesichtsausdruck bei seinen Worten neutral zu halten.

„Okay, Olli, bis nächste Woche dann“, kam es nur mit sanfter Stimme über Jans Ohren, kurz bevor das Programm ihnen anzeigte, dass die Aufnahme gestoppt wurde. Nun war da nur noch Zoom – und Jan und Olli und Tim.

„Sag mal willst du mich eigentlich verarschen, Jan?“ Bevor Angesprochener jedoch antworten konnte, hakte Tim wieder ein: „Naja wie auch immer, ich wollte dir nur tschüss sagen, weil ich jetzt zu 'ner Aufnahme muss, wir sehen uns später. War schön, dich mal gesehen zu haben, Olli, mach's gut.“ Und damit hob er die Hand, drückte kurz Jans Schultern und war aus der Tür.

„Was willst du von mir, Olli?“

„Ist das dein scheiß ernst? Ich frage mich, warum ich davon, dass du einen anderen Typen fickst, verdammt nochmal, über unseren Podcast erfahren muss?“

„Ich“, und dafür nutzte Jan sogar die verhasste Gänsefüßchen-Geste mit den Händen, „'ficke' ihn nicht, er ist mein... Freund, mein Partner, wenn du so willst.“

Olli fuhr sich durch die Haare, erst mir rechts, dann mit links, wohl um sich kurz zu sammeln.  „Scheiße, fuck... scheiße. Ist das... ist das ernst?“

„Boah, Olli, ich weiß es doch auch nicht. Das geht erst seit... seit drei Monaten, seit wir wieder für die Show drehen. Er hat am Set ausgeholfen, weil Katja vom Ton krank war und dann sind wir ein Bier trinken zusammen und...“

Olli unterbrach ihn, presste seinen nächsten Satz zwischen zusammen gebissenen Zähnen heraus: „Kannst du, kannst du bitte aufhören?“ Jan war sich nicht ganz sicher, worauf sich seine Frage bezog, hob eine Augenbraue hoch und sah sein Gegenüber im Bildschirm an. „Davon zu erzählen, mein' ich.“ Die hochgezogene Augenbraue hatte wohl geholfen, so gut kannten sie sich also mittlerweile schon. Jan versuchte, sich daran zu erinnern, was Klaas geraten hatte – ruhig bleiben, nicht zu viel ruminterpretieren, sachlich bleiben. Aber er wollte, nein, er musste darüber sprechen. Dann eben ganz ruhig und sachlich und all' die Hoffnung und Interpretationen, die da angeflogen kamen, runter drücken. Für Jan schien es gerade einfach unvorstellbar, dass Klaas das schon seit 10 Jahren tat, ohne einfach zu explodieren vor lauter runter gedrückter Emotionen, Hoffnungen, Interpretationen und so weiter. So wollte er das einfach nicht mehr machen, also musste er den Mittelweg wählen.

„Olli, ich, ich verstehe das Ganze ehrlich gesagt nicht.“ Das musste jetzt einfach raus: „Du schläfst doch auch mit Naomi und Linda.“

„Tu' ich nicht. Hab' ich versucht, oh, glaub mir, ich hab's versucht, aber es geht nicht mehr.“ Bevor Jan antworten konnte, war da aber auch schon wieder Wut in Ollis Gesicht: „Und, was soll die Scheiße, das ist natürlich nicht das gleiche, Mann, Jan. Du hast da eine Beziehung mit diesem Typen...“

„Tim“, unterbrach Jan ihn. Langsam machte ihn dieses Gespräch wirklich, wirklich wütend.

„Ja, meinetwegen“, gab Olli kleinlaut von sich und legte seine Stirn kopfschüttelnd in die rechte Hand. Anstatt seinen Satz jedoch fortzuführen, nahm sich Olli sein Handy, tippte darauf herum und Jan hätte platzen können. „Alter, wir führen hier eine Unterhaltung und du gehst gerade ernsthaft auf WhatsApp oder was weiß ich was? Wie scheißegal kann dir das alles eigentlich sein?“ Doch Olli hielt ihm als Antwort seinen Handydisplay in die Kamera und Jan erkannte die weiß-rote Benutzeroberfläche als App der deutschen Bahn.

„Jan, das macht keinen Sinn. Ich bin in 8 Stunden bei dir. Kann nicht mit dem Auto kommen, weil ich schon getrunken habe.“ Er lachte einmal laut und humorlos auf. „Wie so oft seit Ende Januar.“ Und mit einem „Bis später“ hatte Olli ihr Zoom-Meeting verlassen.

---

Nachdem Olli aufgelegt und Jan sich kurz von dem Schock erholt hatte, fiel ihm sofort Tim ein und dass er das dringend mit ihm besprechen musste. Nicht darüber, dass Olli jetzt anscheinend vorbeikam, sondern darüber, was eigentlich zwischen ihm und Olli lief – gelaufen war – und warum dieser eben so eine Szene abgezogen hatte. Erst wollte er eine SMS schreiben, hielt es dann aber doch für eine bessere Entscheidung, ihn einfach kurz anzurufen, um ihn zu bitten später miteinander zu sprechen.

Jan musste nicht lange nach Tims Nummer suchen; sie war unter den zuletzt gewählten. Er drückte den virtuellen Anrufbutton und schon erschien Tims Bild auf seinem Display. Tim war echt schön, fiel Jan immer mal wieder und vor allem auf dem hier angezeigten Bild auf. Er war groß, aber nicht so groß wie Jan selbst. Seine aschblonden Haare gingen ihm ungefähr bis zum Kinn. Er rasierte jegliche Stoppeln in seinem Gesicht immer sofort weg, das mochte Jan irgendwie an ihm. Und er mochte es, sich, wenn Tim ihm einen Blow-Job gab, an seinen Haaren festzuhalten, obwohl er langhaarige Typen eigentlich nur peinlich fand. Seine Augen waren blau, die Nase relativ groß und der meistens grinsende Mund ziemlich groß, die Lippen hingegen schmal. Mit Tim, da hatte es jetzt nie irgendeine Explosion gegeben, aber er tat ihm so gut und schließlich waren sie erst drei Monate zusammen. Das mit Tim tatsächlich zu versuchen, hatte er entschlossen, nachdem Tim ihn einfach so gefragt hatet. Nach dem dritten Mal ziemlich gutem Sex, den die beiden gehabt hatten, hatte Tim einfach gefragt, ob sie es nicht versuchen wollte. Tim hatte seinen engsten Freunden von sich und Jan erzählt, Tim war geoutet in all seinen Lebensbereichen und das gab Jan nicht nur Sicherheit, sondern auch ein Gefühl von… ja, was eigentlich. Ein Gefühl von sich nicht verstecken müssen, von wichtig genug sein, um ein Teil des Lebens des anderen sein zu dürfen.

Das hatte er nach der Sache mit Olli so gebraucht, so sehr. Ihm war, als er quasi mittendrin im Dilemma steckte, gar nicht bewusst gewesen, was er da alles mitgemacht hatte, wie sehr er seine Prinzipien aufgegeben hatte. Dass Olli nicht der ganzen Welt hatte mitteilen wollen, was bei ihnen lief, war die eine Sache, aber dass sie nicht einmal zusammen gesehen werden durften, machte Jan rein retrospektiv klar, dass es auf ewig so weiter gegangen wäre. Jan hätte Olli sehr, sehr lange weitermachen lassen und jeden Tropfen Aufmerksamkeit aufgesogen, nur um dem Kribbeln nachzugeben und für einen Moment dieses Kopf-leer-fegende Gefühl der vollkommenen Besinnungslosigkeit zu erhalten. Besinnungslos war er ja tatsächlich gewesen, auf ziemlich vielen Ebenen.

„Hallo, schöner Mann, was gibt’s?“, riss ihn Tims Stimme aus seinen Gedanken. Die war auch schön. Typisch Mann mit Sinn für Ton, dachte er kurz.

„Hallo Tim, sag mal, wie lange macht ihr heute noch? Ich würde gerne über die Sache von vorhin, Mann...“ Er machte eine Pause, stricht sich einmal durch die kurzen Haare. „Das war echt– ich möchte das noch mit dir besprechen, kannst du später vorbeikommen?“
Ein amüsiertes Schnaufen am anderen Ende der Leitung. „Ja, na klar. In zwei Stunden bin ich bei dir. Mit 'nem Bier?“ – „Bier ist gut, danke.“ – „Ich freu' mich, bis gleich!“ Und das Telefonat wurde beendet.

Pünktlich wie die Maurer – Jan ertappte sich selbst bei dem Spruch, aber man bekommt so alte Sachen ja nur schwer raus – stand Tim zwei Stunden später bei ihm vor der Tür. Grinsend. Mit zwei Bierflaschen pro Hand. Jan nahm ihm zwei ab und bat ihn herein.

Jeder mit einem Bier bewaffnet saßen sie auf der Couch, Jans rechter Fuß auf Tims Oberschenkel abgelegt. Er wollte kein großes Ding daraus machen, erzählte Tim deswegen einfach möglichst nüchtern und ohne große Details was mit ihm und Olli war und was Ollis Reaktion sollte und entschuldigte sich auch dafür, dass er das überhaupt hatte mitbekommen müssen.

„Achja, der obligatorische Hetero-Mann“, grinste Tim am Ende von Jans Ausführungen und tätschelte behutsam den Fuß auf seinem Oberschenkel.

„Mh, was?“

„Naja, irgendwann passiert es halt, dass du dich Hals über Kopf in einen Hetero-Mann verknallst. Und das, also Olli Schulz, ist deiner, herzlichen Glückwunsch.“

„Bitte, was?“ Jan konnte den Worten seines Gegenübers irgendwie nicht folgen und das konnte doch noch gar nicht an dem einen halben Bier liegen.

„Jan, ich weiß nicht was ich dazu sagen soll. Was denkst du denn, warum ich da heute einfach so reingeplatzt bin, mh?“

„Weil du, weiß nicht, mich bei der Arbeit verführen wolltest.“ Er hob eine Augenbraue, ein bisschen Unsicherheit überspielen und vielleicht würde das ja auch zu einem netten Ausgang dieses Gespräches führen...

Tim lachte laut, gut also. „Das natürlich auch, also immer gerne. Aber“, seine Miene wurde ernster, „ich glaub dir fällt gar nicht auf, wie oft du über diesen Mann redest, und was du machst, wenn du das tust, und wie du aussiehst, wenn er dir 'ne SMS schreibt.“

Jan fühlte sich durch diese Worte hundselend, das hatte Tim einfach nicht verdient: mit einem Mann eine Beziehung zu beginnen, der sich, immerhin unterbewusst, so verhielt. „Das tut mir leid, Tim, ich wusste nicht, dass ich mich so verhalte und... ach scheiße.“ Er legte den Kopf in die Handflächen, zwang sich dann aber wieder Tim anzuschauen. „So 'nen Kindergarten hast du echt nicht verdient. Ich kann mich nur nochmal entschuldigen.“

Tim blieb sanft, lehnte sich nach vorne und küsste Jan ganz zart, kaum spürbar auf die Lippen. „Ist doch okay jetzt. Ich bin schon groß, ich hätte jederzeit gehen können, aber ich wollte das, also das mit uns, diese Beziehung, echt ziemlich gern versuchen. Aber dass ihr tatsächlich miteinander geschlafen habt und das auch noch nicht vor allzu langer Zeit und seine Reaktion heute... ich glaube, da will ich mich einfach nicht einordnen. Und Jan, das mit dir war trotzdem schön, sehr sogar, ich bereu' das nicht.“

Jan schluckte. Weinen war nicht so sein Ding, aber das so rational und irgendwie auch... versöhnlich von Tim zu hören tat schon ziemlich weh. Sie umarmten sich, lange, und Tim zog Jan in seine Arme, strich ihm über das Gesicht als er fragte: „Soll ich dir mal von meinem Hetero-Mann erzählen?“ Und Jan musste lachen und nickte und merkte, dass alles, was Tim gesagt hatte gestimmt hatte. Auch der letzte Teil – das war echt schön gewesen, mit ihnen, aber Jan musste jetzt gucken, dass er das Dilemma regelte, bevor nochmal jemand das Gefühl bekam, sich irgendwo zwischen ungeklärten Fronten einordnen zu müssen.

„Wir haben uns in der Ausbildung zum Tontechniker kennengelernt und, oh man, Jan, das kannst du dir nicht vorstellen...“ Und Jan lauschte Tims Erzählungen, sie küssten sich ein, zwei Mal zwischendurch, wie zum Abschied eben und dann war alles ziemlich okay, sehr sogar.
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