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Herzlich willkommen im falschen Film

von Nuxe
GeschichteLiebesgeschichte, Erotik / P18 / MaleSlash
11.06.2021
14.06.2021
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11.06.2021 2.162
 
Ich schwitze. So richtig. Meine sowieso enge, schwarze Jeans, die tief auf meiner Hüfte sitzt und von einem schweren Gürtel mit Nieten gehalten wird, klebt an meinen Beinen. Die Jeans steckt in schweren schwarzen Boots, doch glücklicherweise sind meine Füße… naja. Nicht trocken, aber wenigstens nicht heiß.
Doch am schlimmsten schwitzen meine Ohren unter den heißen Kopfhörern. Schweiß im Nacken, meine Locken kleben an meiner Haut. Ich lupfe kurz die Kopfhörer, schiebe mir die Haare aus der Stirn und setze sie wieder auf. Schweißperlen rinnen über meinen nackten Oberkörper, Brust, Bauch und versickern im Bund der Jeans.

Die Menge zu meinen Füßen ist gut drauf. Ich konzentriere mich voll auf den Übergang zum nächsten Song. Mit dem Songwechsel kommt das Herzrasen, der kritische Moment. Habe ich richtig gewählt oder nicht? Ruiniere ich gerade jemand da unten absolut die Stimmung oder treffe ich ins Schwarze? Ich beiße mir auf die Unterlippe, schiebe Regler, wechsle von schnell und laut zu sehr schnell und sehr laut.

Die Menge eskaliert.

Sie springen, die Hände in die Luft, pulsieren unter mir wie ein Meer aus Menschen. Erleichtert atme ich aus, ohne zu wissen, dass ich die Luft angehalten habe. Auch das Menschenmeer schwitzt, während es tanzt und feiert und wogt. Die meisten sind leicht bekleidet, manche fast nackt, viele speziell gestylt, absolut alle schweißgebadet.

Ich puste mir warmen Atem in mein eigenes Gesicht. Hitze von dem Menschenmeer, Feuchtigkeit und Nebel aus den Nebelmaschinen.

In der, meinem DJ Pult am nächsten platzierten, über der Menge schwebenden Metallkonstruktion, die heute Nacht aussieht wie ein zu großer Vogelkäfig, tanzt ein neuer Junge. Gebräunt, schwarze Haare, strahlend blaue Augen. Ich meide seinen Blick, während er immer wieder zu mir hersieht, sich lasziv an der mir zugewandten Seite seines Arbeitsplatzes reibt, sich selbst offensiv über die gerade noch so verpackten Genitalien streicht. Auch er schwitzt, doch er hat so viel Glitzer oder Öl auf seinem gut gebauten, vollständig haarlosen Körper verteilt, dass er schon wie frittiert aussah, bevor er in das Ding gestiegen ist.
Ich weiß es, denn zum einen hat er mir schon vor Beginn seiner und meiner Schicht zugezwinkert, bis ich peinlich berührt aus dem Aufenthaltsraum geflüchtet bin und zum anderen hat er auf dem Sofa, auf dem er vor meiner Flucht saß, ölige Flecken hinterlassen.

Absolut widerlich.

Schnell schüttle ich den Kopf, um dieses unhygienische und absolut abstoßende Bild zu vertreiben und prüfe die Uhr an meinem Handgelenk. Die das einzige ist, was ich neben Kopfhörern, Gürtel, Jeans, Socken und Boots trage. Dann prüfe ich routiniert den nächsten Track, gleiche zwei Timer an meinem DJ Pult ab, wechsle dazu den Kanal der Kopfhörer und bin, alles in allem, für eine kleine Weile gut beschäftigt und einigermaßen abgelenkt.

Der offensive Junge im Käfig vor mir rückt in den Hintergrund, ich arbeite konzentriert und geübt. Wenn ich aufblicke, dann nur in die Menschenmenge vor mir.

Toben sie noch? Feiern sie noch? Tanzen sie noch?

Oh ja.

Die Stimmung ist bombastisch, der Club ist mittlerweile definitiv voll.

Es wird heißer. Und feuchter.

Langsam wird es noch voller auf der riesigen Fläche vor mir, wie immer um diese Zeit der Nacht. Dieser Club ist für einiges beliebt und für vieles berüchtigt.
Die Leute kommen aus den ruhigeren Themenräumen und dem Darkroom im Untergeschoss, aus den Lounges mit den gut gebuchten Tischen auf dem Teil der Galerie, die rechts über mir liegt. Hier finden sie sich alle zusammen, zum großen, spektakulären Beginn der Nacht.  

Das Licht verändert sich plötzlich auf meinen Händen, den Tasten und Reglern und ich blicke automatisch auf, lege den Kopf ein wenig in den Nacken, obwohl ich weiß, dass ich ihn nicht sehen kann. Direkt auf der anderen Seite der beeindruckenden Tanzfläche, auf der Galerie und jetzt, im nebeligen, feuchten, rot zuckenden Licht unendlich weit entfernt, hinter dem Meer aus Menschen, was mich schaudern lässt, steht Luke am Lichtpult.

Ich sehe ihn nicht, aber ich weiß es.

Am frühen Abend, bei der Probe nach der Besprechung, habe ich ihn von hier aus gesehen. Luke mit seinem langen, weißen Bart, seinem Haar, was er zu einem Zopf gefasst trägt und seinem immer gleichen Outfit aus Lederhosen, Bandshirts und Lederwesten. Lukes Klamotten sehen aus, als hätte er sie mit dem jungen Mick Jagger auf Drogen eingekauft - und seit dem nie wieder auch nur ein Stück ersetzt. Doch ich mag ihn trotzdem.

Ich sorge dafür, dass ich zwei Minuten die Hände frei habe, nehme mir den Kopfhörer vom Haar, knie ich auf den Boden und nehme einen tiefen Schluck aus meiner Wasserflasche, bevor ich die Plastikplane hervorziehe und beginne, zügig meine Technik abzudecken. Dann schiebe ich die Kopfhörer wieder an Ort und Stelle und die Hände unter die Plastikplane.

Ich verbringe so viele Nächte hinter diesem Mischpult, ich kann es blind bedienen. Trotzdem steigt die Nervosität. Wie immer. Ich bin ein nervöser Mensch.

Ich habe für heute Nacht extra zwei zusätzliche, batteriebetriebene Uhren besorgt, mit im dunklen leuchtenden, gut sichtbaren Ziffern. Die Dinger wurden eindeutig für Senioren entworfen, mit ihren großen, leuchtenden Ziffern. Ich habe den beiden Weckern gegenüber ein schlechtes Gewissen, weil ich sie in den dreckigsten Fetischclub der Stadt schleppe. Die Dinger haben sich sicher vorgestellt, mal auf dem Nachttisch eines reizenden, älteren Ehepaars zu stehen und denen beim Schlafen zuzuschauen.
Jetzt sehen sie die Genitalien feierwütiger Menschen die fragwürdige Entscheidungen treffen.
Und mich.

Wobei ich, selbst für einen Wecker, wohl die größere Enttäuschung bin.  

Ich äuge vorsichtig um den Käfig mit dem neuen Jungen, er räkelt sich gerade auf dem Boden, die roten Lichtblitze lassen ihn aussehen wie ein Wesen aus einer zu stark nachbearbeiteten Parfumwerbung, herum zur Bar.
Auch die Jungs dort tragen schon lange kein Kleidungsstück mehr zu viel. Dino, nur noch in Schnürstiefeln mit bedrohlich wirkenden Absätzen und etwas glänzendem, was zwischen Badehose und Unterhose schwankt, winkt mir zu und grinst dreckig. Ich zögere eine Sekunde unsicher, doch dann nehme ich langsam die linke Hand vom Regler meines Mischpults und zeige ihm zögerlich einen hochgereckten Daumen.
Dino freut sich und ich stecke wieder beide Hände unter die Plastikplane.

Ich sehe die Jungs von der Security auftauchen. Es sind viele und sie verteilen sich strategisch, schieben sich durch die pulsierende Menge bis sie sie vollkommen umkreist haben. Sie sind ausnahmslos groß und muskelbepackt und fallen durch ihre vollständige Bekleidung auf. T-Shirt und Hose sind gerade definitiv ein Alleinstellungsmerkmal. Trägt kein anderer hier noch.

Links unten in meinem Blickfeld fällt mir etwas auf. Als ich automatisch in das Meer aus Menschen sehe, die einzelnen Individuen registriere, erkenne ich, dass der Typ seinen Schwanz hektisch reibt. Sein Tanzpartner tut dasselbe und die beiden sehen sich tief in die Augen.

Hastig sehe ich weg.

Die Lichter flackern schneller, es wird dunkler und ein letztes Mal überprüfe ich, ob alles bereit ist. Es donnert und blitzt im Club, die Menge wogt auf und ab, ekstatischer nun. Mein Beat führt, sie feiern.
Schneller, lauter, mehr.

Ich wische mir den Schweiß von der Stirn und schiebe mir die Kopfhörer noch einmal sehr sorgsam über beide Ohren. Dann warte mit gesenktem Kopf ab. Meine Fingerspitzen auf meinem Mischpult, unter der Plastikplane, mein Blick auf den leuchtenden Ziffern der beiden Wecker.

„Gentleman, 60 Sekunden. Seid ihr bereit?“, höre ich Junias vertraute Stimme in meinem Ohr. Obwohl ich weiß, dass es passiert, zucke ich doch erschrocken zusammen.

„Security“, beginnt Junia.

„Bereit und auf Position. Kann los gehen.“, höre ich die tiefe Stimme von Frank. Wo er ist, weiß ich nicht.

„Bar?“

Ich werfe schnell einen Blick zu Dino. Er reißt beide Hände nach oben, springt auf und ab, grinst, winkt mit beiden Händen und lässt seine beeindruckenden Brustmuskeln abwechselnd zucken. Ich muss lachen. Dino hat Sprechverbot, weil er es einfach nicht hinbekommt eine klare Antwort zu geben.

„Technik?“

„Bereit zum abspritzen“, witzelt Luke.

„DJ?“

Ich hebe kurz den Blick nach links oben. Ich weiß, dass Junia auf der Galerie vor ihrem Büro steht, ich bilde mir ein ihre Silhouette vor den Fenstern ihres Büros zu sehen, doch ich bin mir nicht sicher, ob ich mir das nicht einbilde, bei all dem Nebel und dem zuckenden, roten Licht. Also ziehe ich eine Hand unter der Plane hervor, recke einen Daumen am ausgestreckten Arm nach oben, und lasse ihn sofort wieder sinken um meine Hand erneut unter die Plane zu schieben.
Im Gegenteil zu Dino darf ich sprechen. Aber ich traue mich nicht.

Meine Finger suchen blind die richtigen Regler auf dem Mischboard, schweben konzentriert und einsatzbereit. Meine Fingerspitzten kribbeln und prickeln.  

„Zehn, neun, acht, sieben“, zählt Junia langsam.

Es donnert wieder, als würde ein Gewitter über den Club ziehen. Lauter als zuvor. Luke lässt Blitze zucken, die sich mit dem roten Licht vermengen. Der Effekt ist beeindruckend, mein Körper zittert geradezu und die Menschenmege muss es voll abbekommen. Ich muss mich zwingen, nicht fasziniert an die vollkommen leere, dunkle, unsichtbare Decke des Clubs zu starren, sondern auf mein Mischpult.

„sechs, fünf, vier, drei“

Ich kaue konzentriert auf meiner Unterlippe, die Menge unter mir wird unruhig. Fast alle Gesichter starren in den nicht vorhandenen Himmel, während ihre Körper sich immer noch bewegen, denn mein vorgegebener Takt ist schnell und verheißend und lässt sie wissen, dass ein unmittelbarer Höhepunkt, egal welcher Art, bevor steht.

„zwei, eins, jetzt!“, befiehlt Junia.

Schlagartig wird es dunkel im gesamten Club.

Im selben Moment drehe ich den Sound ab.

Stockdunkel und Totenstill.

Die einzige Orientierungsquelle sind die Anweisungen für die Notausgänge, für mich, in meiner erhöhten Position deutlich sichtbar, doch für die Menge auf der Tanzfläche ist gerade, im wahrsten Sinne des Wortes, das Licht ausgegangen. Selbst die Bars sind dunkel. Sie sehen und hören für ein paar Sekunden gar nichts mehr.

Luke lässt es beeindruckend donnern und silbern blitzen, ich behalte die Menschenmenge und die Wecker im Auge. Es ist schwer, ich trete nervös hin und her, doch wenn ich die Dunkelheit und Stille nicht aushalte, bringt Junia mich später um.

Ich lasse die Sekunden ablaufen, starre nervös die Rentnerwecker an, die Spannung der Menge steigt, dann schiebe ich den ersten Regler langsam nach oben.

Der Rhythmus schlägt ein wie eine Bombe. Dumpf und Dunkel.  

Die Menge johlt und brüllt, es blitzt mehr und heller. Sie springen in einer großen, menschlichen, wogenden, ekstatischen Masse, in meinem Takt.

Auf und ab, auf und ab, auf und ab.

Im gleichen Moment, in dem ich zwei weitere Regler in die Höhe jage, als der Rhythmus durch die Melodie ergänzt wird, als beides die Menge erreicht und die Lautstärke eskaliert, als sie so richtig eskalieren und abgehen - kommt das Wasser.

Ein paar, für mich schockierende, Sekunden ist das Wasser mehr Wasserwerfer als alles andere, doch dann verändert Luke irgendetwas und plötzlich sind wir eher bei Regenwalddusche.  
Ich kneife die Augen zusammen und hoffe, die Plane hält meine Technik trocken. Der Regen ist überall, Lukes Licht färbt ihn in allen Farben des Regenbogens. Es regnet auf die tobende Menge, die Bar, mich, die Tänzer in den Vogelkäfigen.

Die Leute brüllen vor Begeisterung, ein Meer aus Händen, was zu meinem Beat tanzt, sich dem Wasser entgegen reckt, die Lippen leckt, nass glänzt.

Ich drehe die Hände und fahre mit den Handinnenseiten und Fingerspitzen vorsichtig unter der Plane entlang, prüfe sorgfältig, dass der warme Regen nicht unter das Plastik dringt und schnippe von unten gegen die ersten Wasserpfützen, die sich auf der Plane über meinem Mischpult bilden.

Dino steht auf der Theke seiner Bar und heizt die pulsierende Menge vor ihm ein, er spritzt das Wasser mit Fußtritten, springt und schüttelt das nasse Haar. Ist zwar nicht sein Job, aber die Leute lieben es.
Auch der patschnasse Junge vor mir im Käfig hat sich dem Wasser angepasst – und sein letztes Kleidungsstück verloren. Er zuckt mit seinem Becken, präsentiert mir seinen Schwanz und grinst wieder.

Ich senke den Blick auf die Menge. Normalerweise vermeide ich es, sie mir genauer anzuschauen. Ich will sie nicht im Einzelnen sehen, ich meide jeden Blickkontakt, jedes Individuum. Doch das Wasser birgt ein gewisses Risiko, wir machen es heute das erste Mal - und damit habe auch ich eine Verantwortung, das haben wir besprochen.
Ich versuche also zu erkennen, wie tief die Gäste schon im Wasser stehen, doch es gelingt mir nicht. Ich weiß, oben links steht Junia am Geländer und hat den gesamten Club im Blick, mir gegenüber ist Luke ebenso wachsam.

Die Jungs der Security, die ich sehen kann, sind entspannt. Das wären sie nicht, wenn die Menge panisch reagiert hätte, wenn jemand gefallen oder gestürzt wäre. Außerdem sind sie auf einer Ebene und können besser beurteilen, wie sich das Wasser verteilt. Ich weiß, auch die Leute von der Haustechnik sind hier irgendwo.
Das Wasser ist ein Risiko gewesen. Einen Club voller feierwütiger Menschen zu fluten, bei der ganzen Elektronik die hier läuft, ist echt nicht ohne Risiko. Aber deswegen kommen die Leute. Was wir machen, macht kein anderer Club.  

Kurz spüre ich ein Gefühl, ganz tief in mir. Ein Funken. Vielleicht… Stolz?

Ich schüttle den Kopf.

Nein.

Ich habe definitiv nichts, auf was ich stolz sein könnte.
 
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