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Der Rhythmus des Lichts

KurzgeschichteFantasy, Freundschaft / P16 / Mix
Katie Gardner OC (Own Character)
11.06.2021
01.09.2021
5
24.987
4
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
11.06.2021 3.344
 
A/N Alles, alles Gute zum Geburtstag, Toni!! :D
Lass dich heute hochfeiern und genieße das schöne Wetter :D
Ich wünsche dir viel Glück, Gesundheit, Kreativität, Freude, Erfolg im Studium und Leben und alles, was du dir sonst noch wünschst! :) Ich hab dich ganz doll lieb und bin unfassbar dankbar dafür, dass wir schon so lange befreundet sind! Ich hoffe ganz inständig, dass dir diese Geschichte gefällt ^^
Dies ist eine High Epic Fantasy, die viel mit Magie, Religion und Kulturen spielt. Aufgrund der vielen Begriffe gibt es am Ende jedes Kapitels ein Glossar, das jeweils ergänzt wird. Ansonsten weiß ich nicht, was ich hierzu noch sagen soll, ich denke, das meiste wird sich von selbst erklären :)
Disclaimer: Die OCs Nick, Wyatt und Liz gehören dem Geburtstagskind Toni aka dystopianxchoas, Julie, Hector, die Idee, die Welt und ihre Götter, sowie alle nicht benannten Figuren sind mein geistiges Eigentum! Die restlichen Figuren sind von Rick Riordan. Die grobe Idee der "Lichtmagie" ist von Brandon Sandersons Sturmlicht-Chroniken inspiriert, einer meiner absoluten Lieblingsbuchreihen :D
Ich wünsche viel Vergnügen mit dieser Kurzgeschichte! :D
Alles Liebe,
Jule :)




Der Rhythmus des Lichts



I.     Sternenlicht

Wie sieben Sterne standen sie am Anbeginn der Zeit am Himmel.
Sie waren die Lichter, die auf die düsteren Welten schienen
und ihnen trotz Dunkelheit erlaubten, pflanzliches Leben zu entwickeln.
Während sechs der Sterne ihre Aufgabe und ihr Licht liebten,
gab es einen unter ihnen, der seine Natur nicht ausleben konnte.
Er fiel auf eine Welt hinab und vertrieb damit die herrschende Finsternis.
Immer mehr Leben entstand, tierisches und menschliches.
Die anderen Sterne waren von ihnen wahrlich verzückt
und ließen sich ebenso auf der Welt nieder.
Sie brachten die Magie, die Vielfalt und die Kultur.
Aber ihnen folgte auch der Neid und der Krieg.


Die Sonne legte sich langsam hinter den Bergen zu Bette und tauchte ganz La’aka Ruya in das warme, goldene Licht des Gottes. Die Sonnentänzer nutzten jeden verbliebenen Strahl für einen letzten Zug über die Felder, die auf den in den Berg geschlagenen Terrassen wuchsen und dank der vielen Tänze bald erntereif waren. La’aka Ruya, wörtlich die Stadt im Himmel, war nicht nur die heiligste Stadt durch ihre optimale Lage auf einem der höchsten Berge des Königreiches und den damit engen Kontakt zu ihren drei Hauptgöttern, sondern auch die Königsresidenz und die Stadt der Forschung.
   Die Eyana Ruya waren die Kinder des Himmels, von den anderen Großreichen wurden sie meist nur Eyana oder Ruya genannt, was sprachlich natürlich absolut absurd war, denn niemand betitelte ein ganzes Volk Kinder oder Himmel. Das war, als würden sie die Telmeri einfach nur Tel nennen, wobei Nick nicht wusste, ob das überhaupt ein Wort aus ihrer Sprache war.
   Nick La‘ncas Ter saß auf einer flachen Mauer, die sein Haus umgab und sah bereits erwartend in den Himmel. Es würde nicht mehr lange dauern, bis die ersten Sterne zu sehen sein würden und dann könnte seine Arbeit endlich beginnen. Seine Ausrüstung lag bereits neben ihm: die drei Steinketten, die durch ihre beweglichen Glieder verschiebbar waren und durch die perfekte Ausarbeitung ineinandergriffen, ein großes Pflanzenblatt und schwarze Farbe, mit der er seine Ergebnisse auf dem Blatt festhalten konnte. Dieses Pflanzenblatt würde er dann an weitere Sternenzeichner und an den Hul, den König, weitergeben.
   Das Amt des Huls wurde nicht vererbt, sondern von den Göttern bestimmt, die mit den Mondsängern kommunizierten. Dennoch wurde der Hul fast ausschließlich von der Bel’le-Familie gestellt, sowie es auch in mindestens jeder zweiten Generation Mondsänger unter ihnen gab. Nick mochte die Bel’les, sie waren eine starke, aber friedvolle Dynastie, die den Eyana Ruya bisher nur zu Aufschwung verholfen hatten.
   Neben ihm saß Julie Bel’le, das jüngste Kind und einzige Tochter des derzeitigen Huls. Sie war jene so begehrte Mondsängerin und vor wenigen Jahren trotz ihres jungen Alters zur Elya, der Ersten unter den Mondsängern, ernannt worden. Sie war die religiöse und spirituelle Leiterin der Eyana Ruya, was einige ältere Mondsänger mit einem verächtlichen Naserümpfen kommentiert hatten. Sie pflegte den engsten und regelmäßigsten Kontakt mit ihren Göttern und doch konnte sie trotz ihrer schweren Bürde lachen und ein normales Leben führen und Anschluss in der Gesellschaft finden, während Nick das Gefühl überkam, durch seine Magie und sein Amt in reinster Isolation zu leben.
   Julie ließ summend ihre Beine baumeln und genoss die letzten Sonnenstrahlen, die auf ihr Gesicht fielen. Ihre dunklen Haare schimmerten rötlich im Sonnenuntergang und die eingeflochtenen Perlen glänzten wie kleine Sterne. Hinter ihr saß ihr heutiger Begleiter, ein wunderschöner Wolf mit grauem Fell und wachsamen, gelben Augen, der aufgrund von Julies ausgelassener Stimmung niemandem einen zweiten Blick schenkte und den Kopf ruhend auf seine Vorderpfoten gelegt hatte.
   »Ich würde es bevorzugen, wenn du nicht so fröhlich wärst«, grummelte Nick und ordnete zum zigsten Mal seinen Kalender, der aus den drei Steinketten bestand. Warum konnte nicht schon Nacht herrschen? Er würde die Gegenwart der Sterne allem vorziehen, dass seine Gedanken nicht in die emotionale Falle lockten, die sein Herz derzeit darstellte.
   Sie lachte sanft. »Ich schätze deine Fürsorge, Nick, auch wenn du sie hinter deiner schlechten Laune versteckst.«
   »Fürsorge? Dein Gesumme lenkt meine Magie von ihrer Vorbereitung zum Rechnen ab.« Er versuchte recht erfolglos, ihre bloße Anwesenheit auszublenden, aber Julie war eben Julie und daher ein wahrer Magnet für Blicke und Herzen. Und sein Herz wollte trotz seiner kühlen Logik nicht, dass sie fortging.
   »Du solltest aufhören, dir solche Gedanken um meine Reise zu machen.« Sie legte die Arme um ihn und den Kopf an seine Schulter. »Ich werde dich doch auch schrecklich vermissen, aber wir wollen Frieden mit den Telmeri und die Götter haben mir den Auftrag für eine Heiratsallianz gegeben. Sich ihrem Willen zu widersetzen, wäre falsch, Nick, sie streben wie wir nach Frieden und ich bin mir sicher, dass sie einen Plan haben. Wir werden uns wiedersehen, das verspreche ich dir.«
   Er schnaubte wenig beeindruckt. Und obwohl es vor allem eine emotionale Reaktion war, dass er Julie nicht gehen lassen wollte, ergab es auch logisch keinen Sinn, dass sie gehen sollte. Sie war eben die Elya, warum wurde dann ausgerechnet sie fortgeschickt? Julie hatte genug Cousinen, die ihren Platz für ein Heiratsbündnis einnehmen könnten, es musste nicht sie sein!
   »Es ist einfach nicht logisch, dass du gehen sollst«, widersprach Nick mit knirschenden Zähnen. Sein Wissen, das er viel von den Sternen und seiner göttlichen Schutzpatronin La’rio erhalten hatte, gab ihm recht darin, dass die Telmeri trotz Heirat auch über die Eyana Ruya hereinbrechen und Krieg bringen würden. So waren sie eben, denn während die Eyana Ruya Frieden, Wissen und den religiösen und natürlichen Einklang suchten, waren die Telmeri kriegerisch und erobernd, die Olchani verschlossen und besitzergreifend und die Begyra geheimnisvoll und mordend. Mehr noch existierende Völker und Kulturen der Welt mochte Nick nicht kennen, aber sie zeigten ihm dennoch nur allzu deutlich, dass sie alle keinen Frieden anstreben konnten.
   Und ausgerechnet Julie, die wärmste und gütigste Person, die Nick kannte, sollte zu den Telmeri gehen und ihren König heiraten? Sie waren allesamt unhygienische Barbaren, die das Wort Seife wahrscheinlich noch nicht einmal kannten und sich mit Blut parfümierten. – Wie konnten die Götter eine Allianz mit ihnen nur für gut besinnen? Und wie konnten sie die Elya dafür fortschicken?
   Das schlimmste daran waren nicht einmal die Telmeri oder deren König selbst, über den Nick viele blutrünstige Geschichten gehört hatte, sondern die bloße Tatsache, dass er Julie nie wiedersehen würde. Trotz seines geachteten Amtes war Nick kein sozialer Mensch, noch hatten viele andere Eyana Ruya den Kontakt zu ihm gesucht. Sie respektierten ihn und dankten ihm täglich für seine Arbeit, aber kaum jemand wollte wirklich mit ihm zu tun haben. Selbst für einen Sternenzeichner schien er zu intelligent und gleichzeitig zu gefährlich. Und so pazifistisch wie die anderen Eyana Ruya war er auch nicht.
   Wie er und Julie sich angefreundet hatten, hatte er schon lange vergessen, sie waren es irgendwie schon immer gewesen. Über sie hatte Nick noch ein paar andere lose Freundschaften geschlossen. Ihre Brüder bemühten sich ihr zur Liebe, immer freundlich Nick gegenüber aufzutreten, aber der einzige andere regelmäßige Kontakt, den Nick pflegte, war Julies Cousine Katie. (Sie war damit natürlich die einzige von Julies Cousinen, von der Nick nicht wollte, dass sie an Julies Stelle nach Telm ging.) Als Sonnentänzerin hatte sie ein barmherziges, aber auch mutiges Gemüt und war mit ihren Einschätzungen zwar positiv, aber nicht so utopisch gestimmt wie Julie. Sie hielt die Waage an Tagen, an denen Julie zu optimistisch und Nick zu pessimistisch dachte.
   »Ach Nick, ich glaube kaum, dass es bei der Entscheidung der Götter um Logik ging.« Schwermut lag in ihrer Stimme, den sie nicht überspielen konnte. »Ich kenne die Götter mittlerweile ganz gut. Sie wollen uns nicht bestrafen, sie wollen auch, dass wir glücklich sind und Frieden unter den Menschen herrscht. Sie entzweien uns nicht, weil sie uns leiden sehen wollen oder dergleichen, sondern weil deine Aufgaben hier in La’aka Ruya liegen, meine aber bei den Telmeri. Ich soll sie bewegen, hat Feaya gesagt, auch wenn ich nicht weiß, was das heißt. Und weil wir den Göttern etwas bedeuten, Nick, werden sie uns auch wieder zusammenführen, sobald unsere Aufgaben erfüllt sind. Vertrau auf unsere Religion, auf unsere Götter.«
   Wenn Nick durch seine Aufgabe nicht in einem engen Kontakt mit den Göttern und ihrer Macht stehen würde, wenn er die Magie nicht durch seine Adern zirkulieren fühlen würde, wäre Religion der letzte seiner Gedanken. Es war seltsam, denn von den untergegangenen Kulturen und den anderen noch existierenden Großreichen der Welt, die ihm bekannt waren, schien keine so harmonisch mit Kultur, Religion und Wissenschaft umzugehen wie die Eyana Ruya. Alles gehörte zusammen, alles war ein und alles war wahr.
   Als die ersten Sterne am Himmel funkelten, war ihr womöglich letztes Gespräch für einen größeren Zeitraum beendet. Julie schlüpfte von der Mauer und umarmte ihn zum Abschied noch einmal, dann schritt sie mit ihrem Wolf auf den Fersen zu ihrem Häuschen davon. Morgen Vormittag würde sie abreisen, zu einer Zeit, zu der Nick den verpassten Schlaf der Nacht nachholen würde.
   Er ergriff seufzend seine Utensilien und verbannte alle Gedanken und den Trennungsschmerz in den hintersten Teil seines Gehirns, dann nahm er das Sternenlicht in sich auf und erschuf beim Niederzeichnen eine komplexe und äußerst genaue Sternenkarte. Das war jeweils sein erster Schritt. Mit dem Steinkalender begangen dann seine Berechnungen, während die Magie des Sternenlichts es seinem Geist erlaubte, vieles weit jenseits der menschlichen Wahrnehmung zu sehen. Es war fast, als würde La‘rio ihm beim Zeichnen über die Schulter schauen und ihm Einblick in die kosmische Sphäre erlauben.
   Die Sternenzeichner waren wie die Mondsänger nur eine äußerst kleine Gruppe unter den Eyana Ruya. Von den Sonnentänzern gab es mehr als doppelt so viele wie von den Sternenzeichnern und Mondsängern zusammen, aber von ihnen brauchten die Eyana Ruya auch nicht so viele. Die Sternenzeichner häuften sich fast alle in La’aka Ruya, denn sie forschten und berechneten, entwarfen Strategien zur Bewirtschaftung, zum Bauwesen und zum Handel und waren aufgrund ihrer individuellen magischen Fähigkeiten die ersten Ansprechpartner für Krisen. Ihre Schutzpatronin La’rio war die Göttin des Sternenlichts und verkörperte den Himmel. Mit ihren Geschwistern des Lichts, Irios und Feaya, stellten sie die drei heiligen Quellen: Sonne, Mond und Sterne.
   Nick berechnete, zeichnete und legte die nächsten wichtigen Feste der Eyana Ruya aufgrund der eintretenden Sternenkonstellationen fest. Es war so einfach, so simpel und derweilen wanderte Nicks Geist auf den göttlichen Sphären und verstand Kräfte, die sie als Volk weiterbringen und vor den anderen Großreichen schützen könnten. Es war unausweichlich, dass sie eines Tages aufeinanderprallen würden, dass es Kriege, Tote und untergehende Reiche, untergehende Kulturen geben würde, aber Nick würde all sein Wissen nutzen, um die Eyana Ruya zu beschützen.
   Sein Geist wanderte, während sein Hirn und seine Magie, eine untrennbare Einheit, rechneten, beobachteten und weiter zeichneten. Zeit verging und Nick spielte Szenario für Szenario durch und gelangte immer wieder zu dem Ergebnis, dass die Telmeri die Eyana Ruya in einen Krieg verwickeln und sie vernichten würden. Nick fand nur keinen Grund heraus, er fand keinen Anfangspunkt, noch einen Sinn für einen Krieg nach dem Heiratsbündnis. Es war seltsam, an einigen Stellen durch diese offenen Fragen auch nicht völlig logisch, aber Nick wusste, es war unausweichlich.
   Voraussagen trafen für gewöhnlich die Mondsänger, wenn die Götter ihnen wage Schicksale offenbarten, aber Nick hatte gelernt, dass es möglich war, fast alles zu berechnen. Seine genauen Vorhersagen, seine Wahrscheinlichkeiten, die immer eintraten, hatten ihn für die meisten Eyana Ruya zu einem ulkigen Sternenzeichner gemacht, denn die meisten Sternenzeichner waren viel mehr damit beschäftigt, zu forschen, die Welt zu verstehen und fast schon berauscht zu sein von ihrem Wissen. Nicks kalte Logik half ihm, weder dem Rausch zu verfallen noch einem möglichen folgenden Wahnsinn.
   Warum die anderen Eyana Ruya ihn aber tatsächlich mieden, hatte etwas mit seiner individuellen magischen Fähigkeit zu tun, die er als Sternzeichner erhalten hatte. Die Sonnentänzer konnten neben ihren magischen Tänzen mit der Sonnenlichtmagie eines der vier Grundelemente kontrollieren. Die Mondsänger waren Telepathen und Empathen, was sie der Höflichkeit halber mehr an Tieren als an Menschen übten. Die Sternenzeichner waren anders, bei ihnen gab es kein einheitliches Schema für die Magie, die sie neben ihrer erhöhten Intelligenz mit dem Sternenlicht schufen.
   Meistens war es nichts außerordentlich Gefährliches: Ein Sternenzeichner konnte sich von seinem Standpunkt aus teleportieren, soweit seine Augen blicken konnten, und ein anderer konnte sein eigenes Körpergewicht leichter oder schwerer werden lassen. – Wozu gerade letzteres sinnvoll sein sollte, wusste Nick beim besten Willen nicht. Seine Magie konnte im Gegensatz dazu vor allem als Waffe eingesetzt werden, denn Nick beherrschte mit genügend Sternenlicht die Telekinese. Nach einem ungeplanten und unglücklichen Zusammenstoß mit einem Panther trug er seitdem mehrere scharfe Messer mit sich herum, die er mit seiner Telekinese nur allzu präzise werfen konnte. Deshalb mieden ihn die meisten, sie fürchteten ihn und seine angebliche Gewalttätigkeit, dabei hatte Nick seine Magie noch nie gegen einen Menschen, sondern immer nur zur Übung oder Verteidigung gegen wilde Tiere bewirkt.
   Nick schüttelte seinen Kopf, um seine Gedanken wieder auf seine eigentliche Arbeit zu fokussieren. Um seine emotionalen und sozialen Probleme müsste er sich kümmern, wenn er nicht zu rechnen hatte und die Sternenlichtmagie nicht durch seine Adern tobte. Er sah auf seine letzte Berechnung hinab, die er auf dem großen Pflanzenblatt notiert hatte. Er runzelte die Stirn, als er aber jene Notizen sah. Das war schwachsinnig, absolut unmöglich, es –
   »Nick?« Julie kam stolpernd und hektisch auf ihn zu gerannt, Panik lag in ihrer Stimme und riss ihn aus seiner Trance der Berechnung und der Magie.
   Er zuckte zusammen und sah zu ihr auf und stellte fest, dass pure Angst ihr ganzes Gesicht zeichnete, in ihren goldbraunen Augen schimmerten die Tränen und ihr ganzer Körper bebte. Ihre langen Haare waren das reinste Chaos und ihre Kleidung sprach dafür, dass sie bis eben noch geschlafen hatte. Mondlicht fiel auf sie herab und ließ ihre Haut nur noch blasser und ausgemergelter erscheinen. Wie viel Zeit war zwischen ihrem Gespräch und Nicks Berechnung vergangen? Ein paar Stunden?
   »Sie ist tot«, wisperte Julie mit brechender Stimme, als sie bei ihm ankam und sich einfach in seine Arme fallen ließ.
   Nick war völlig überfordert mit dieser doch skurrilen Situation, denn weder war Julie ein Mensch, der sich schnell einschüchtern oder ängstigen ließ, noch suchte sie Nick auf, wenn sie Trost brauchte. Ungeschickte legte er die Arme um sie und tätschelte ihren Kopf.
   »Sie hat mich im Traum zu sich gerufen und ich habe nur danebengestanden, als das Schwert auf sie niederfuhr und ihren Körper zerschlug«, hauchte sie voller Entsetzen.
   Und obwohl sein Hirn wusste, worauf sie anspielte, wollte er ihre Worte nicht verarbeiten, wollte nicht zuordnen können, von wem sie sprach und warum es sie so traf. Es war schließlich unmöglich, richtig? Niemand konnte eine Gottheit, eine Unendlichkeit töten …
   »Sie ist in tausende und abertausende Sterne zersprungen und hat für einen Moment alles erleuchtet. Ihre letzten Worte galten dem Rhythmus des Lichts.« Ungelenk, mit einer ihr sonst so fremden Steifheit ließ Julie von ihm, um sich neben ihn auf die Mauer zu setzen. »Ich weiß nicht, was es mit diesem Rhythmus auf sich hat, es ist nichts, was ich singen kann, aber sie ist tot und die Welt ist aus ihrem ohnehin schon sehr fragilen Gleichgewicht geraten. Ich spüre, dass meine Schützlinge es alle fühlen können …«
   »Sie kann nicht tot sein, Julie, sie ist immerhin unsterblich und ihr Zeugnis wacht noch immer über uns«, erwiderte er heiser und deutete mit ausladender Geste in den Sternenhimmel. »Du bist überempfänglich für Gefühlsschwankungen, seit dir die Götter deinen Weg offenbarten, wahrscheinlich sucht dein Unterbewusstsein nach einem Ausweg, damit –«
   »Nick«, unterbrach sie ihm mit sanftem Nachdruck und umfasste seine Hand, um ihm das Durcheinander der Gefühle zu offenbaren, die in ihr tobten und die sie doch kontrollierte. »Ich weiß, was ich geträumt habe, und ich weiß, dass wir die Welt davor warnen müssen, was geschehen ist. Es gibt ein Wesen, dass Götter töten kann! Alle Kulturen stehen davor, ins Chaos gestürzt zu werden! Wir müssen zusammenarbeiten, um ein alles verschlingendes Blutbad zu verhindern, das das Chaos erschaffen will! Ich werde Rat bei Irios und Feaya suchen, aber ich sage dir, dass wir das nicht allein durchstehen können, wenn es dieses übermächtige und böswillige Wesen auf die Menschheit abgesehen hat!«
   Und als der erste Stern flackernd am Firmament erlosch und kurz darauf als Inferno in der Ferne zur Welt hinabstürzte, musste Nick sich eingestehen, dass seine Berechnung und Julie recht hatten. Seine göttliche Schutzpatronin La’rio war ermordet worden. Die Sterne würden immer schneller vom Himmel stürzen, die Welt in Brand stecken und seine Magie von ihm nehmen. Und dann wären die Eyana Ruya so gut wie schutzlos, denn wenn eine der drei Lichtgottheiten starb, war der Tod der anderen beiden nicht fern.







Glossar:
Begyra: Begyra ist ein erst kürzlich von den Telmeri entdecktes Großreich südlich ihrer Ländereien, dessen Bräuche noch seltsamer und rätselhafter scheinen als die der Olchani.
Elya: Die Elya ist eine Art Hohepriesteramt der Eyana Ruya und bedeutet die/der Erste unter den Mondsängern. Der/Die Elya ist das direkte Sprachrohr der Götter.
Eyana Ruya: (wörtlich: Kinder des Himmels) Die Eyana Ruya sind das Volk in den westlichen Bergen von Telmer.
Feaya: Sie ist eine der drei Hauptgötter der Eyana Ruya und symbolisiert den Mond. Sie ist die Schutzpatronin der Mondsänger.
Hul: Der Hul ist eine Art König bei den Eyana Ruya.
Irios: Er ist einer der drei Hauptgötter der Eyana Ruya und symbolisiert die Sonne. Er ist der Schutzpatron der Sonnentänzer.
La’aka Ruya: (wörtlich: Stadt im Himmel) La’aka Ruya ist die Hauptstadt der Eyana Ruya.
La’rio: Sie ist eine der drei Hauptgötter der Eyana Ruya und symbolisiert den Himmel, insbesondere den Nachthimmel. Sie ist die Schutzpatronin der Sternenzeichner.
Mondsänger: Sie sind eine Art Priester der Eyana Ruya und stehen mit den Göttern im Kontakt. Durch die Aufnahme von Mondlicht können sie singend Magie ausüben und sie sind Empathen und Telepathen.
Olchan: Olchan ist das größte Reich östlich der großen Bergkette von Telmer, über das Außenstehende jedoch nur sehr wenig wissen. Ihre Bewohner werden Olchani genannt.
Sonnentänzer: Sie sind eine Art Gärtner der Eyana Ruya und können über die Aufnahme von Sonnenlicht tanzend Magie ausüben, die vor allem die Felder zu einem besseren Wachstum bringt. Sie können zudem jeweils eines der vier Grundelemente mit ihrer Sonnenlichtmagie beeinflussen.
Sternenzeichner: Sie sind eine Art Wissenschaftler der Eyana Ruya und können über die Aufnahme von Sternenlicht zeichnerisch Magie ausüben. Ihre weitere magische Gabe ist individuell und einzigartig.
Telmer: Telmer ist das Großreich, das die Länder um die geschlossene See meint, das Volk selbst nennt sich Telmeri und ihre Hauptstadt heißt Telm.
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