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Die Kinder der Freiheit

GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P18 / Het
11.06.2021
15.06.2021
5
9.484
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11.06.2021 1.290
 
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Für
die Ironie des Schicksals
und
Omma,
der ich diese Geschichte so gerne vorlesen würde.
Natürlich kann ich
die Geschichte nicht dem Regisseur Béla Tarr widmen - das wäre allzu vermessen -,
aber ich denke an ihn beim Schreiben, denn er hat mich mit seinem grandiosen Film
"Das Turiner Pferd"
gelehrt, stillzuhalten und zu warten, bis sich die Szenen entfaltet haben:
lange Einstellung, nicht nur im Film, sondern auch beim Schreiben ...

Die Story ist beendet, ein Grund, sie wieder hochzuladen!
Dereinst kursierte sie unter dem Titel "Des Herrn Professors Geheimnisse", doch dieser Titel erscheint mir unpassend zu sein, dass der Herr Professor zwar einige Geheimnisse zu lüften hatte, es im Grunde aber um die Frage nach der Freiheit geht.

Viel Spaß beim Lesen!


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Zur Einstimmung gibt's heiße Luft


Es war so, und ich konnte daran nichts ändern. Jedenfalls nicht im Moment. Wenn sich herausstellen sollte, dass die Chemie nicht stimmte, dann dürfte ich mich selbstverständlich bei der Koordinatorin melden und um einen anderen Mentor bitten. Doch erst einmal sollte ich sehen, wie es sich anließe – mit meinem jetzigen Mentor, den mir das Team sorgfältig, wie die Koordinatorin betonte, ausgesucht hatte. Er entspreche am besten meinen Bedürfnissen. Ja? War das so? Und warum hatte ich dann nicht im Traum daran gedacht, ihn auf meine Wunschliste zu setzen und stattdessen drei Frauen gewählt, die mir aus meinen bisherigen Studien recht vertraut waren und von denen ich sagen konnte, dass sie meine Fragen rund um den weiteren Verlauf meines Promotiopnsstudiums beantworten konnten und auch Hilfe bei der Frage nach einer eventuellen wissenschaftlichen Karriere sowie einer Lebensplanung zwischen Familie und Universität boten. Und nun das? Was sollte ich mit dieser Entscheidung anfangen, für ein Jahr lang einem in die Jahre gekommenen Typen gegenüberzusitzen, der von Frauenquote in der Wissenschaft noch nichts gehört zu haben schien? So zumindest gab er sich laut seiner Homepage: seine zwei Putzerfische – wie die Mitarbeiter des wissenschaftlichen Mittelbaus genannt wurden, weil sie ihren Hai immer umschwärmen mussten – waren Kerle, die nichts Besseres zu tun hatten, als ihre Ergüsse, die geistigen, ganz weit zum Fenster herausspritzen zu lassen, damit sie auch ja jeder wahrnahm. Eine Veröffentlichung nach der anderen – und das in so kurzer Zeit, dass selbst das Universum in seiner Inflationsphase alt aussah. Ok, ich übertreibe! Es reicht auch, die jetzige Expansionsrate als Grundlage zu nehmen. Wenn ich diesem Friedrich-Ludwig Quakenburg, der gerade einmal 25 Jahre alt war, das so sagen würde, also, dass er schneller publizieren würde, als das Universum je expandieren könnte, wäre er wahrscheinlich hocherfreut über diesen Vergleich und fortan mein bester Freund. Mag sein, dass ich an dieser Stelle nicht ganz vorurteilsfrei und wenig sachlich erscheine, doch ich durfte von mir behaupten, dass ich diese kleinen aufgeblasenen Wissenschafts-Blagen hinter ihren klugscheißenden runden Brillen, mit mittelgescheiteltem, leicht angefettetet wirkendem Haar und der professoral anmutenden Fliege um den dicken Hals besser kannte als mir lieb war. Gut, Ausnahmen gab es immer wieder, aber die meisten waren von solch eitler Selbstverliebtheit, dass sie den Herrn Professoren regelrecht Konkurrenz machten und sich, wenn diese nicht anwesend waren, so sehr aufbliesen, dass, wären sie ein Heißluftballon, ein winziges Flämmchen genügen würde … Aber dieses Flämmchen brauchte es im Grunde nicht, denn kaum erschien der Herr Professor, konterkarierten sie ihr Verhalten augenblicklich selbst, indem sie ganz eilfertig Taschen und Gerätschaften des werten Chefs packten und hinter diesem die langen Uniflure zum Seminarraum hergingen – stets mit leicht gekrümmtem Rücken – aber nur, solange der Herr Professor in der Nähe war ... Ich ahnte, dass Quakenburg ganz genauso einer war. Und Philipp Wessels, der zweite Putzerfisch? Ebenfalls Brille, nur eckig, wohl um eine gewisse Strenge zu verbreiten und das Haar im exakten Seitenscheite gelegt. Dazu Anzug und Krawatte wie frisch von einer Tagung kommend. Nun, vielleicht durfte der sich bereits über einen oder zwei taschentragefreie Tage in der Woche freuen, immerhin war er schon 30 Jahre alt, also bereits ein alter Mann im Vergleich zum fünf Jahre jüngeren Quakenburg. Das war ihm wohl auch bewusst, denn seine Homepage las sich in der Tat wie eine Kakophonie an Forschungsinteressen, Konferenzteilnahmen und … natürlich Publikationen. Wieder drängte sich mir der Vergleich mit der Expansionsrate des Universums auf, die ja stetig zunahm. Und eigentlich hätte ich beeindruckt sein sollen, wie es jemand schaffte, mit annähernd Lichtgeschwindigkeit Dinge aus seinem Hirn zu pressen und aufs Papier zu wursten. War ich aber nicht, denn so viel Wurst in so kurzer Zeit ging gar nicht. Selbst bei höchstbegabten Wissenschaftler nicht. Aber: Dr. Philipp Wessels war ein Spezialist auf allen Gebieten. Ein Tausendsassa, der in seiner Freizeit sogar Piano und Violine spielte und auch Querflöte als Solist wohlgemerkt. Nebenbei schreibe er an seiner Habil., hieß es da. Mit zahlreichen Preisen sei er auch schon geehrt worden, zuletzt von der Studienstiftung des Deutschen Volkes. Klasse! Ach, und nicht zu vergessen, sein Abitur! Das hatte er mit der Note 0,85 bestanden! Was war dem noch hinzuzufügen? Vielleicht, dass Quakenburg, Friedrich-Ludwig, dem Älteren in nichts nachstehen wollte und bald Dr. des. war? Ehrlich? Ich wollte zwischen diesen beiden wissenschaftlichen Pfundskerlen nicht sitzen müssen. Musste ich ja auch nicht. Ich musste nur … Und da war es wieder … Ich musste nur zu deren Chef, dem Hai, der mich mit schiefem Grinsen von seinem Homepagefoto her ansah und so wirkte, als hätte er sich extra Mühe gegeben, um abschreckend zu wirken.

Die Idee, die hinter diesem Mentoring-Programm steckte, war im Grunde ganz einfach und klang verlockend. Die Teilnehmer des Programms – Studenten, die sich in der Endphase ihrer Master-Arbeit befanden über Promovenden bis hin zu PostDocs – sollten die Möglichkeit zur Orientierung in der Wissenschaft erhalten und dazu mit einem – möglichst von ihnen selbst gewählten Mentor! – in Kontakt treten dürfen, um dem all jene Fragen stellen zu können, die sich im normalen Wissenschaftsbetrieb verbaten. Und da ich meine Fragen ganz klar formuliert hatte und eben drei Professorinnen genannt hatte, war ich davon ausgegangen, dass ich eine dieser Damen als Mentorin bekommen würde. Punkt! Aus! Ende! Dass ich nun mit einem Herrn Professor an der Backe dasaß, wollte mir partout nicht ein. Nein, ich war nicht daran interessiert, wie Männer in der Wissenschaft bestanden – und er im Speziellen –, denn das konnte ich mir denken: wenn zum Beispiel die Sekretärin meines ehemaligen Professors darüber klagte, dass sie bis spät in der Nacht sitzen und Manuskripte für ihn tippen musste, die der Herr pünktlich am nächsten Tag zum Verlag schicken lassen wollte, dann musste ich schon sehr an mich halten. Ein Dank wäre nie über seine Lippen gekommen, im Gegenteil: wie oft hätte er sie gefragt, warum sie so müde aussähe und ihr dann vorgeworfen, dass ihre allgemeine Arbeitsorganisation unter aller Sau sei. Und wenn sie ihm dann zu erklären versuchte, dass er ihr die Unterlagen zu spät gegeben hätte, brüllte er, was sie sich einbilde.

Das war nicht das einzige Beispiel, das ich hätte nennen können. Kurzum: ich kannte solche Typen, die sich auf den Rücken anderer, vor allem Frauen, die wissenschaftlichen Lorbeeren ansteckten – möglichst vor ihrem intimen Spiegel im Büro, um zu prüfen, ob sie auch richtig säßen und um sich ein leises: Schade, schade, dass es keinen Nobelpeis für mich gibt!, zuzuflüstern. ... Und zu so einem sollte ich hin?

Das Koordinationsteam hielt den Kerl, Karl-Viktor Friedman hieß er, war 56 Jahre alt und zierte sich sogar mit zwei Doktortiteln, am geeignetsten für mich. Da verbat sich weiteres Fragen, außer, ich hätte mich partout querstellen wollen. Aber ehrlich, eine Weile war ich sogar drauf und dran, die Sache hinzuschmeißen. Ich war wütend. Doch dann sagte ich mir: wenn ich schon nichts für mein weiteres Leben lernen würde, so würde ich doch wieder mal einem dieser Wissenschaftspfeifen gegenüberstehen und könnte endlich einmal zurückfeuern ... Und darauf freute ich mich!
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