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Eine etwas andere Beziehung - Epiloge

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Romance / P16 / Mix
Dr. Matteo Moreau Dr. Niklas Ahrend Julia Berger OC (Own Character)
10.06.2021
14.01.2022
19
22.103
5
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Dieses Kapitel
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14.01.2022 1.309
 
Matteo
„Wie konnte das denn bitte passieren?!“, fragte er entsetzt.
Lola saß mit gesenktem Kopf vor ihm, Lotta daneben. Die Ältere hielt der Jüngeren die Hand. Es machte ihn in diesem Augenblick besonders wütend, nicht aufspringen zu können. Stattdessen war er an seinen Rollstuhl gefesselt und konnte lediglich mit der Faust auf den Tisch schlagen. Das machte die Situation natürlich nicht besser, aber wenigstens konnte er seinem Ärger so Nachdruck verleihen. Es ärgerte ihn am meisten, dass seine Tochter nicht aufgepasst hatte. Dass sie die Aufklärung ihrer Eltern einfach in den Wind gestoßen hatte. Dass sich Lola damit einen Teil ihrer Kindheit nahm. All das regte Matteo mehr auf als das Baby an sich. Er liebte Kinder und könnte Lola diese Erfahrung, aber doch nicht, wenn sie selbst noch sein kleines Mädchen war.
„Schatz, es bringt nichts, wenn wir jetzt schreien“, bemerkte Judith beschwichtigend. „Wir sollten froh sein, dass Lola mit uns darüber spricht.“
„Froh sein?! Sie kriegt ein Baby und ist selbst noch eins!“
„Bin ich nicht“, murmelte Lola.
„Ach nein?! Wieso sitzt du dann bitte schwanger vor uns? Wenn du erwachsen genug wärst, um mit deinem Leben alleine umzugehen, hättest du verhütet.“
„Ich … weiß doch auch nicht, wie das passiert ist … Ich weiß nur, dass ich das Kind bekommen will.“
„Und dann nimmst du es gemütlich mit in die Schule, ja?“
„Nein, Papa …“
„Schatz, bitte“, sagte Judith ruhig. „Sie ist doch völlig durcheinander.“
„Außerdem hat sie richtig lange gebraucht, um sich zu euch zu trauen“, bemerkte Lotta.
„Du wusstest also davon?!“, schlussfolgerte Matteo.
„Seit zwei Wochen schon. Alex weiß es übrigens auch.“
„Wenn ich den in die Finger kriege!“, sagte Matteo.
„Was willst du dann tun?“, konterte Lotta. „Er ist Arzt, nicht nur unser Onkel. Er hat eine Schweigepflicht. Ich rede seit dem Termin auf Lola ein und behaupte, du würdest ganz ruhig reagieren! Mann, Papa, sie hat das doch nicht geplant!“
„Ihr seid mir gerade alle zu viel!“, erwiderte er, bevor er seinen Rollstuhl mit Wut aus dem Zimmer schob. Das Schluchzen seiner Tochter ignorierte er so gut es ging.
Es ließ ihn nicht kalt, dass Lola so fertig war. Besonders bei seinen Töchtern war Matteo sehr sensibel, aber gerade überwog die Verzweiflung und Wut. Sie war doch gerade mal 15 Jahre alt. Ein Kind bedeutete lebenslange Verantwortung. Dabei hatte Lola die doch noch nicht einmal für sich selbst übernommen. Sie hatte die Schule noch nicht fertig und stand ohne Perspektive für die Zukunft dar. Natürlich war es für Judith und ihn ein leichtes, ein weiteres Kind durchzubringen. Nicht zuletzt durch das Erbe von Amadeus und seinen mittlerweile recht üppigen Marktwert, hatte Matteo ein großes Vermögen, neben dem Zusatzeffekt durch Amadeus auch selbst angespart und jahrelang vermehrt. Matteo war also in der Lage, seine Tochter finanziell eine ganze Zeit lang durchzubringen, doch wusste er, dass Lola das nicht wollte. Es war nicht das eigenständige Leben, was sich Matteo für seine Tochter vorgestellt hatte.
Zudem war er müde. Ausgesprochen müde. Jeder Tag kostete ihn Kraft. Er war von der Hüfte abwärts gelähmt und hatte ein beachtliches Alter erreicht. Der Krebs und die anschließende Chemo hatten ihn Kraft gekostet. Er bemühte sich, nicht allzu viel zu klagen, um besonders seiner Judith nicht noch mehr Sorgen zu bereiten. Doch konnte er noch einmal die Verantwortung für ein Baby übernehmen? Konnte er sich um es kümmern und seiner Tochter die Unterstützung bieten, die sie brauchte? Er wünschte sich nichts mehr als Zeit mit seinen Liebsten, doch hatte er sich das irgendwie anders vorgestellt.
„Hast du dich ein wenig beruhigt?“
Judith kam in das Zimmer und setzte sich auf seinen Schoß. Ein weiterer Nachteil, wenn man im Rollstuhl saß. Jetzt, wo er sie einmal ansah und sich in ihren Augen verlor, konnte er nicht mehr flüchten.
„Es ist doch wahr. Sie stellt sich das einfach vor. Es wird ein Kampf für sie werden.“
„Was ist denn die Alternative? Lola ist zu zerbrechlich, um das Kind abzutreiben oder es nach der Geburt herzugeben. Sie ist ein sensibler Mensch“, sagte Judith.
„Ich weiß es doch auch nicht. Ich sehe gerade nur Lolas Zukunft und die sieht furchtbar kompliziert aus.“
„Kompliziert ist in unserer Familie so einiges. Da wäre die Tatsache, dass mein Bruder und meine Schwester verheiratet sind und drei Kinder miteinander haben. Oder der Fakt, dass du zwanzig Jahre älter bist als ich und wir rein theoretisch auch nicht lange hätten zusammenbleiben können, glaubt man den Meinungen der Gesellschaft. Dann ist es verrückt, dass unsere gemeinsamen Jungen alle deine und unsere Mädchen meine Hautfarbe haben. Es ist also ziemlich kompliziert in unserer Familie.“
„Ich hatte mir immer einen ruhigen Lebensabend mit dir gewünscht“, gestand er. „Wir verlieren so viel Zeit zu zweit, weil wir ständig unsere Kinder aus der Patsche holen müssen. Ich liebe sie und ich bin gerne ihr Retter in der Not, aber es gibt doch auch noch uns als Paar. Du opferst dich seit Jahren auf und ich hätte dir so gerne etwas zurückgegeben.“
„Das Schönste, was ich habe, ist meine Familie“, sagte sie ehrlich. „Du bist noch bei uns, Grummelchen. Ich habe ein wunderschönes Leben und ich wäre bereit, das vorläufige Sorgerecht für unser Enkelkind zu übernehmen. Ich habe damals auch sofort Ja zu Aurora gesagt.“
„Das ist nicht fair“, meinte er.
„Nicht? Du hast mir nichts von der Samenbank erzählt bis Aurora irgendwann da war. Vielleicht laufen noch mehr Kinder von dir herum, wir wissen es nicht. Es wird verdammt hart für Lola und glaub mir, ich habe genauso Angst wie du davor. Wir müssen für sie da sein und haben gleichzeitig die Verantwortung für ein Baby. Aber gemeinsam können wir das schaffen.“
„Wenn es nach dir gegangen wäre, hättest du alle Babys aus der Gynäkologie mit nach Hause genommen“, bemerkte er mit einem Lächeln. „Es wäre dir ganz egal gewesen.“
„Ja, das stimmt. Wir müssen die Situation gemeinsam mit Lola annehmen. Was meinst du, wie schwer es erst für sie wird, wenn wir nicht hinter ihr stehen? Es macht sie fertig, wenn sie mit dir Streit hat.“
„Ich kann sie ja wohl kaum für die Schwangerschaft belohnen“, grummelte er.
„Nein, aber du kannst sie in den Arm nehmen, ihr gut zureden und immer für sie da sein.“
Er war sich sicher, dass das immer nicht mehr allzu lang andauern würde. Seine Zeit war abzusehen. Judith hatte – mal wieder – recht. Er musste die Zeit nutzen, die er noch mit seinen Kindern hatte, und für sie da sein. Noch immer tat es ihm einfach für Lola leid. Er hätte ihr ein normales Teenager-Leben ohne Windeln und Fläschchen gewünscht. Doch nun war es seine Aufgabe, ihr zu helfen. Er hatte dieses Mädchen erst in die Welt gesetzt und es war seine Verantwortung, sie auf ihrem Weg zu begleiten.
„Lola?“, rief er also und Judith verschwand lächelnd von seinem Schoß.
„Ja, Papa?“, fragte eine leise Stimme.
„Wenn du sie wieder anschreist, ziehen wir aus“, verkündete Lotta.
„Nein. Komm mal bitte, Lola.“
Zögerlich kam sie und er klopfte leicht auf seine Schenkel, um ihr anzudeuten, sich zu setzen. Sie tat es nach kurzem Überlegen und das gab ihm Gelegenheit, sie an sich zu drücken.
„Lola, ich liebe dich“, versicherte er ihr. „Ich liebe dich und mein Enkelkind. Es ist nur blöd, dass du nicht aufgepasst hast und es jetzt ziemlich kompliziert für dich wird. Aber ich bin bei dir und werde für dich da sein. Mama und ich übernehmen natürlich das vorläufige Sorgerecht, wenn du das noch willst. Ich muss mit dem Gedanken, dass du schwanger bist, noch etwas zurechtkommen, aber das werde ich bis zur Geburt schaffen.“
„Oh Papa“, schluchzte Lola und kuschelte sich ganz vertraut an ihn.
Er schluckte seine Tränen herunter. Wäre ja noch schöner, wenn er hier noch anfangen würde zu weinen! Das hob er sich für die Geburt seines Enkelkindes auf. Es sollte schließlich nicht zur Gewohnheit werden, die Sache mit den Tränen.
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