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Die Waffen einer Frau

GeschichteHumor, Krimi / P12 / Gen
Doppo Kunikida Junichirou Tanizaki Osamu Dazai
10.06.2021
05.07.2021
5
9.022
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10.06.2021 1.421
 
An diesem Donnerstag herrschte irgendwie eine komische Stimmung im Büro der bewaffneten Detektive. Es lag eine gewisse Spannung in der Luft, die sich langsam aber sicher ausbreitete. Besonders Kunikida schien sie zu spüren: Er war noch penibler als sonst, kritisierte an seinen Kollegen herum und regte sich über alles und jeden auf. Dazai hingegen liess sich die Chance nicht entgehen, die angespannten Nerven seines Partners noch weiter zu strapazieren und betrieb daher auf äusserst provokante Art aktive Arbeitsverweigerung.

Grund für die Anspannung der Detektive war die angekündigte Ankunft einer Regierungsagentin aus Tokyo. Bisher war noch nicht viel über das Warum ihres Aufenthalts in Yokohama bekannt, lediglich, dass es eine absolut dringliche Mission war. Selbst Kunikidas allwissendes Notizbuch gab zu diesem Thema nicht mehr her. Der Chef hätte die offenen Fragen beantworten können, doch es traute sich niemand, ihn zu fragen. Nicht, wenn er einen mit diesem metallischen Blick durchbohrte. Auch Ranpo hätte seine Kollegen sicherlich erleuchten können, doch er lümmelte sich auf seinem Stuhl herum, futterte Süssigkeiten und interessierte sich so gar nicht für das heutige Tagesprogramm, dass die anderen ihn nicht belästigen wollten. Stattdessen warf sie sich alle immer wieder neugierige und ungeduldige Blicke zu.

Es war beinahe 15 Uhr, genau genommen 14:53, wie sich Kunikida notierte, als endlich das lange ersehnte Klopfen an der Tür des Büros erklang und die Detektive aus ihrer mehr schlecht als recht erhaltenen Konzentration riss. Kenji, hilfsbereit wie immer, sprang sofort auf und öffnete einer jungen Frau die Tür.

Sie war über 1.70 m gross, sportlich schlank und musste Mitte zwanzig sein, auch wenn ihre straff zurückgebundenen Haare und ihr Hosenanzug sie etwas älter wirken liessen. Ihr Gesicht war ebenmässig und durchaus hübsch, wenn auch auf keine besonders auffällige Weise. Es war wohl eher dass, was man eine stille Schönheit nannte, die nicht schon auf den ersten Blick sondern mit der Zeit immer mehr erkennbar war. Ihre dunklen Augen liess sie als erstes über das gesamte Büro und seine Mitarbeiter schweifen, bevor sie sie auf den blonden Jungen vor ihr richtete.

«Guten Tag!», begrüsste Kenji sie fröhlich und sie erwiderte den Gruss, bevor sie in das Büro trat, wo sie sich auch schon vor Kunikida wiederfand. Auch dieser grüsste sie und übernahm die Gesprächsführung:

«Frau Ozaki aus Tokyo, nehme ich an? Wir haben Sie schon erwartet. Mein Name ist Doppo Kunikida, ich bin ein Mitarbeiter dieser Detektei und werde Sie nun in den Besprechungsraum geleiten. Bitte hier entlang.»

Mit einer einladenden Geste deutete er auf den Durchgang zu besagtem Raum und liess die Klientin vorgehen. Dann drehte er sich noch einmal um:

«Naomi, sei so nett und bring uns Tee.»

«Klar, bin schon dabei», antwortete ihm das hübsche dunkelhaarige Mädchen, dass sich wieder einmal an den Arm ihres Bruders klammerte. Dieser wirkte ziemlich erleichtert, als sie ihn losliess um ihren Pflichten nachzukommen.

«Hey, Kunikida», mischte sich nun Ranpo ein, «nimm Dazai mit.»

«Was? Dazai?! Zusammen mit einer hübschen Frau? Vor den Augen des Chefs? Das geht nicht!»

«Ach, du findest sie also hübsch, ja?», kam es von Dazai, in dessen Augen bereits ein furchteinflössendes Blitzen erkennbar war. Bestimmt gingen ihm schon tausend Gedanken durch den Kopf, wie er Kunikida gleich bis auf die Knochen blamieren konnte. Ranpo hingegen liess sich nicht stören.

«Es wird euer Fall und du wirst seine Pläne brauche, also nimm ihn mit.»

Bei diesen Worten schnappte sich der Meisterdetektiv eine Packung Süssigkeiten, die auf seinem Pult lag und schob sich eine ganze Ladung ihres Inhalts in den Mund.

Kunikida seufzte abgrundtief, dann bedeutete er Dazai, ihm zu folgen. Das konnte ja heiter werden.



Gut vierzig Minuten später war das erfolgreichste Duo in der Detektei über ihren neuen Auftrag im Bilde. Und der hatte es tatsächlich in sich. Frau Ozaki hatte ihnen im Besprechungsraum jeweils eine Kopie der Akte ausgehändigt und dabei die Sachlage geschildert:

«Ich bin hier, um im Auftrag der Regierung etwas an mich zu nehmen, was sich zur Zeit im Besitz diesen Herrn hier befindet.»

Sie zeigte auf ein Foto ganz vorne in der Akte.

«Das ist Izanagi Tagawa, 32 Jahre alt und Sohn des verstorbenen Waffenherstellers Seiichi Tagawa. Als einziges Kind einer wohlhabenden Familie hat er stets mit einem goldenen Löffel im Mund gelebt. Nach dem plötzlichen Tod seines Vaters erbte er die Firma und leitet diese nun seit etwas über zwei Jahren.»

«Woran ist sein Vater gestorben?», fragte Dazai dazwischen.

«Herzinfarkt», antwortete Frau Ozaki ohne eine Miene zu verziehen. «Bei einer angeordneten Obduktion konnte Fremdeinwirkung festgestellt werden, es gibt keine Hinweise darauf, dass Izanagi nachgeholfen haben könnte, falls Sie darauf hinaus wollten.»

Dazai nickte anerkennend. Diese Frau war clever.

Die Regierungsagentin fuhr fort: «Die Firma selbst galt bisher als sauber, aber die Regierung behält Firmen, die Waffen herstellen, gerne im Auge. Im Zuge dessen haben wir Informationen erhalten, dass Izanagi Tagawa ein geheimes Projekt zur Herstellung von Waffen mithilfe von Singularitäten gestartet hat. Singularitäten sind…»

«Wissen wir», wurde sie düster von Kunikida unterbrochen. Der blonde Idealist erinnerte sich nur zu gut an ihren Auftrag auf Standard Island, wo sie verhindern mussten, dass eine solche Singularitäts-Waffe ganz Yokohama zerstört. Er hatte Atsushis Beschreibung noch im Ohr…

‘Es war unfassbar!’ Sein junger Kollege hatte die Augen weit aufgerissen, als könne er selbst im Nachhinein noch nicht glauben, was er da gesehen hatte. ‘Der Himmel war ganz rot und dann wurde es furchtbar heiss. Diese Hitze… und das blendende Licht… die haben sich immer weiter ausgebreitet und alles, was davon erfasst wurde, hat sich einfach aufgelöst. Häuser, Strassen, Bäume… Alles einfach weg!’

Nein, dachte Kunikida und schüttelte unbewusst leicht den Kopf, solche Waffen dürfen nicht hergestellt werden! Wenn so etwas in Umlauf kommt, wird das in einem Blutbad enden!

Grimmig riss er sich zusammen und konzentrierte sich wieder auf Frau Ozaki, die ihn leicht verwirrt musterte.

«Nun gut…», nahm sie den Faden wieder auf, «Dann wissen sie ja auch, dass wir das unbedingt verhindern müssen. Die Folgen, wenn solche Waffen in bestimmten Kreisen zugänglich werden würden, sind nicht abzusehen. Allein die Hafenmafia ist hier in Yokohama schon eine Plage, da sie über viele starke Befähigte verfügen, aber wenn selbst normale Menschen Zugang zu Waffen haben, die Fähigkeiten verwenden…»

Mehr brauchte sie nicht zu sagen. Niemand wusste besser als die bewaffneten Detektive (insbesondere Dazai) wie gefährlich die Hafenmafia war.

«Wie genau sieht dieses Projekt denn aus?», erkundigte sich Kunikida, dessen gezückter Stift über dem offenen Notizbuch schwebte.

«Das lässt sich nicht genau sagen. Wir wissen nur, dass sich zur Zeit einige Unterlagen in Tagawas Besitz befinden, die solche Waffen möglich machen sollen. Offenbar handelt es sich dabei um Forschungsergebnisse, die im Krieg entstanden sind, als intensiv an Singularitäten und deren militärischen Einsatz geforscht wurde. Wie er die in die Hände bekommen hat, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Doch viel wichtiger ist, dass wir sicher wissen, dass er sich in zwei Tagen hier in Yokohama mit einem Wissenschaftler treffen will, der dieses Projekt leiten soll. Wir wissen nur nicht genau, wann und wo und seine Securityleute haben es schon in Tokyo immer wieder geschafft, uns ein Schnippchen zu schlagen und unsere Überwachung abzuschütteln. Sonst könnten wir ihm einfach zum Treffpunkt folgen und alle festnehmen… Aber das wird in diesem Fall nicht funktionieren. Wir müssen also einen anderen Weg finden. Wir müssen unbedingt verhindern, dass diese Unterlagen übergeben werden!»

«Was für ein Wissenschaftler soll denn das sein?», fragte Dazai und legte die Spitzen seiner gefalteten Finger an die Lippen. In seinen Augen lag ein Funkeln, das Kunikida einen kalten Schauer über den Rücken jagte. Irgendetwas war da im Busch, da war er sich sicher.

Agentin Ozaki schaute ihn einen Moment mit ausdruckslosem Gesicht an, ehe sie kalt antwortete: «Es ist mir nicht gestattet, diese Information weiterzugeben.»

Wusste ich es doch, dachte sich Kunikida, Dazai hat mal wieder den Nagel auf den Kopf getroffen. Da steckt mehr dahinter…

«Frau Ozaki.»

Als der Präsident das Wort ergriff, richtete sich sofort die ganze Aufmerksamkeit auf ihn. Selbst Dazai, der zuvor entspannt in seinem Stuhl anlehnte, richtete sich auf. Der Aura dieses Mannes konnte man sich einfach nicht entziehen.

«Sie haben die volle Unterstützung der bewaffneten Detektive. Die Massenproduktion von Singularitäts-Waffen ist eine Bedrohung für dieses Land. Kunikida, Dazai: Tut, was immer nötig ist, um das zu verhindern.»

«Ja, Chef!», antworteten sie im Chor.

Fukuzawa nickte.

«Dann überlasse ich das euch.»

Mit geschmeidigen Bewegungen erhob er sich und verliess das Besprechungszimmer, wohl um in sein Büro zurückzukehren.

Kaum war die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen, breitete sich ein diabolisches Grinsen in Dazais Gesicht aus.

«Also… Holen wir uns diese Unterlagen!»
 
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