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Der Besucher Teil 2

GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P16 / Gen
Nscho-Tschi OC (Own Character) Old Shatterhand Winnetou
09.06.2021
28.07.2021
8
18.229
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Der Besucher erhält Besuch…..

Der Besucher

Teil 2

Wenn eine eine Reise tut...



Auch der weiteste Weg beginnt mit dem ersten Schritt.
Laotse

1. More shit happens!

Lange hatte ich mit mir gekämpft, hin und her überlegt….würde es Winnetou wirklich recht sein, wenn ich ihn so ganz ohne Vorwarnung besuchen kommen würde? Hatte er das mit seiner Einladung ernst gemeint; oder hatte er das nur aus lauter Höflichkeit gesagt?
Ganz sicher war ich mir da nicht….
Andererseits hatte es aber völlig ehrlich geklungen!

Schließlich siegte meine Neugier….so eine Chance bekam ich wahrscheinlich nie wieder!
Heute würde ich es wagen!

Ich betrachtete mich ein letztes Mal im Spiegel, atmete tief durch und drehte den Schlüssel viermal herum.
Dann zog ich ihn ab und versteckte ihn weit hinten in der Schublade mit den Kerzen,...nur zur Sicherheit...ich traute der Sache mit der Zeitschiene nämlich nicht vollständig!
Wer wußte denn, was der unheimliche Spiegel noch alles für nette Überraschungen auf Lager hielt!
Mal ganz davon abgesehen, daß meine Mutter immer mal wieder bei mir >nach dem Rechten sah<….
Nicht, daß sie aus Versehen hinter mir zuschloß und ich deshalb nicht zurück konnte!

Vorsichtig brachte ich mein Gesicht an die glänzende Oberfläche; näher und näher...bis plötzlich Kälte meine Haut berührte und ich durch die Scheibe lugen konnte.
>Drüben< war alles still und ziemlich finster, nichts regte sich.
Vorsichtig, um ja kein größeres Geräusch zu verursachen, griff ich nacheinander meine Ausrüstung und legte sie auf dem der anderen Seite nieder.

Dann nahm ich all meinen Mut zusammen und stieg selbst durch die Öffnung.
Ich hatte das merkwürdige Gefühl, durch einen Wasserfall zu treten.
Zuerst sah ich mich um, es war keine Menschenseele zu sehen oder zu hören. Ich holte die winzige LED-Lampe aus meinem Gepäck und schaltete sie ein. Trotz ihrer geringen Größe gab sie genügend Licht, daß ich meine Habseligkeiten in ein Eck räumen und mit einem Fell abdecken konnte.

Jetzt wußte ich nicht, was ich als nächstes tun sollte.
Winnetou war offensichtlich gerade nicht da, denn er wäre bei meiner Ankunft sicher wach geworden und hätte mich begrüßt. Sein Lager war unberührt, die Decken und Felle ordentlich glattgezogen. Auch die kleine Feuerstelle an der Wand war kalt.

Da sich immer noch nichts rührte, beschloß ich, einen vorsichtigen Blick durch den Vorhang aus grobem Segeltuch, der die Tür bildete, zu wagen.
Im nächsten Raum herrschte ebenso Dunkelheit. Ich glitt fast lautlos hindurch und betrachtete die Einrichtung. Sie war so spartanisch ausgestattet wie das Schlafzimmer; außer ein paar Waffen und Fellen, die an der aus sorgfältig verstrichenen Adobeziegeln errichteten Wand hingen, einer hölzernen Truhe in der Ecke und einem großen Schreibtisch mit Stuhl, war nichts zu sehen, das darauf hindeutete, daß hier das Oberhaupt eines Indianerstammes lebte.

Im Gegensatz dazu war meine Wohnung geradezu mit unnötigem Zeug vollgestopft.
Ich kam mir komisch vor; irgendwie wie ein Einbrecher. Es war mir gar nicht recht, ohne Erlaubnis hier zu spionieren. Aber, weil der Eigentümer nun mal nicht da war, blieb mir gar nichts anderes übrig.

Auf dem Tisch lagen ein paar Bücher, die ich jetzt in näheren Augenschein nahm; ein dicker Wälzer über Pferdezucht, ein anderer, sogar auf Deutsch über Landwirtschaft, Werke von Goethe, Schiller, Wordsworth, Longfellow, Emerson und Hawthorne; außerdem einige der Bände, die ich Winnetou zum >Studium< besorgt hatte.
Daneben ein altmodisches Tintenfaß mit einer Schreibfeder und eine Kladde mit liniertem Papier, eng in altertümlicher Kurrentschrift beschrieben.
Was darauf stand, konnte ich leider nicht mehr lesen, denn ich hörte plötzlich hinter mir ein leises Geräusch...

Ich fuhr herum und leuchtete mit der Taschenlampe in ein Gesicht….

Ein Gesicht, das ich nur zu gut von Fotos aus Büchern und Internet kannte: Es war…

…..KARL MAY!

Karl May….wie er leibte und lebte!
In seinem Old Shatterhand-Kostüm stand der Schriftsteller in der Tür und blinzelte ins grelle Licht, das ihn offenbar blendete.

Ich knipste das Lämpchen aus und fühlte mich im nächsten Augenblick roh am Hals gepackt, herumgerissen und gegen die Wand gedrückt.
Gerade eben noch konnte ich den linken Arm hochreißen, um einen schmerzhaften Fausthieb, den ich in der Dunkelheit mehr ahnte als sah, abzufangen.

Es gelang mir, durch meine zugepresste Kehle „Nicht hauen! - Bitte nicht hauen!“ zu würgen, dann begann mir die Luft endgültig auszugehen und kleine Sternchen tanzten vor meinen Augen.

„Was um Gottes Willen...!“, donnerte seine Stimme in sächsischen Dialekt.

Ich versuchte verzweifelt weitere Worte zu artikulieren, aber ich brachte nur ein schwaches Gurgeln heraus!
Die Hand an meiner Kehle lockerte jetzt Gott-sei-Dank ein wenig den Griff.
„Sprecht! - Was macht ein Deutsch sprechender Sioux-Indianer mitten in der Nacht hier im Pueblo?!“, seine andere Hand hatte meinen Oberarm gepackt und schüttelte mich vehement.

Ich war so verdattert, daß ich nur stammeln konnte: „Ich bin...Ich wollte…! - Winnetou hat…! - Entschuldigung, Herr May!“

Jetzt tauchte an der Tür eine bildhübsche Indianerin mit einer Petroleum-Funzel in der Hand auf.
Ein kurzer Schreckensruf entfuhr ihr, als sie mich sah.

„Wer seid ihr!“, herrschte mich May erneut an, „Woher kommt Ihr?! - Und, vor allem, woher kennt Ihr meinen deutschen Namen?!“

„Ich heiße Una Bembel, komme aus Quellstadt in Württemberg und habe alle Ihre Bücher gelesen...“, stieß ich hervor, meine Stimme schrill vor Streß.

Erst jetzt schien er zu bemerken, welches Geschlecht ich hatte. Verdutzt ließ er mich fahren; „Ihr seid ein Weib! - Wie kommt Ihr von Deutschland hier ins Pueblo?“, dann schlug er sich mit der flachen Hand an die Stirn, „Oh Nein! - NICHT SCHON WIEDER...“

>Nicht schon wieder...?<, was meinte er denn damit?
Ich rieb mir meinem von dem Hieb schmerzenden Arm.

„...diese blöden Touristen! - Ist man gar nirgends vor diesen Kriepln sicher?!“, er wendete sich zu der Indianerin, sagte ein paar knappe Worte, die ich nicht verstand und nahm ihr die Lampe ab.

Die Frau verschwand wortlos.
Dann faßte er mich hart am Arm und stieß mich vor sich her in den nächsten Raum, der wesentlich größer war und an dessen Wänden etliche Polster lagen, die aus Decken und Fellen bestanden.
Auf eines ebendieser Polster drückte er mich nieder, „Hinsetzen!“

Er leuchtete mich jetzt von oben bis unten ab, und das, was er sah, schien ihm überhaupt nicht zu gefallen, eine steile Falte erschien auf seiner Stirn; „Wie kommt Ihr nur auf die hirnverbrannte Idee, einfach so mir nichts, Dir nichts hierher zu reisen? - Ja überhaupt, wie seid Ihr an den Nachtwachen vorbeigekommen, ohne daß sie Euch bemerkt haben?“

Ich wagte endlich wieder etwas zu sagen: „Ihr roter Bruder Winnetou war bei mir zu Besuch...“, weiter kam ich nicht.

„WINNETOU!!! ...Winnetou...war...bei...Euch...zu Besuch?!“, er setzte sich und rieb sich die Schläfen, „Wann war denn das? - Ich weiß von keiner weiteren Reise meines Blutsbruders nach Deutschland...davon hat er mich nie unterrichtet! - Weiß er denn überhaupt, daß Ihr zu kommen gedachtet?“

„Herr May“, unterbrach ich ihn, „Das ist eine sehr lange und komplizierte Geschichte, und ich glaube, es wäre besser, wenn Winnetou dabei wäre, wenn ich sie erzähle!“

In diesem Moment kamen zwei Indianer zu einer anderen Tür hereingestürzt; Sie blieben bei meinem Anblick wie angewurzelt stehen und starrten mich an, als wäre ich ein soeben gelandetes UFO.
Mit dem Ausdruck äußerstem Entsetzens brabbelten sie im gleichen mir unverständlichen Kauderwelsch wie die Indianerin auf den Westmann ein.
Er antwortete knapp und die beiden verdrückten sie sich wieder, immer noch verblüffte Blicke nach mir werfend.

„Ihr habt uns hier einen ganz schönen Schrecken versetzt! Die Wachen sind völlig aus dem Häuschen! Sie können sich keinen Reim darauf machen, wie jemand wie Ihr es an ihnen vorbei ins Pueblo geschafft hat!“, er schüttelte seinen Kopf, „Wie habt Ihr das bloß gemacht? Ihr tragt zwar die Kleidung eines Sioux-Kriegers, aber der Teufel weiß, wo Ihr das Zeug herhabt…“; auch der Westmann schien aus allen Wolken zu fallen.

Offenbar hatte Winnetou seinem Blutsbruder nichts von seinem Abenteuer mit dem Spiegel erzählt und schon gar nichts von mir!
„Können wir das klären, wenn der Häuptling wieder hier ist?“, wagte ich zu fragen, „Ich penne solange hier, wenn das OK wäre?“, zurück nach Deutschland wollte ich nicht; ich hätte wohl kaum mehr den Mut aufgebracht, nochmals herüber zu kommen…

„Winnetou ist auf die Jagd gegangen! - Wir wissen nicht, wann er wiederkehrt...“, May kratzte sich nun an dem Bärtchen, das sein Kinn zierte, „Hmm, es bleibt mir trotzdem wohl nichts anderes übrig, als Euch zumindest bis morgen früh zu beherbergen, dann sehen wir weiter!“
Er rief einige indianische Worte in einen der angrenzenden Räume, woraufhin die Indianerin mit einem Stapel Decken herbeikam und sie mir vor die Füße warf.
Ihr Blick sprach Bände, ich war hier sichtlich unwillkommen!

Ohne weiteres Gespräch verschwanden die beiden wieder und ich bereitete mir, nachdem ich ihnen ein „Dankeschön!“ hinterhergerufen hatte, ein provisorisches Lager auf dem hartgestampften Lehmboden.
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