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Always Remember Us This Way

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf
08.06.2021
30.06.2021
5
19.635
41
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Dieses Kapitel
4 Reviews
 
22.06.2021 5.848
 
Hallo! :)

Ich hoffe ihr habt das Wochenende gut überstanden und seid nicht dahin geschmolzen ;)

Dankeschön an all die soften Reviews, hab mich wahnsinnig gefreut alles zu lesen und eure Gedanken und Hoffungen zu erfahren!
Dieses Kapitel ist etwas länger und wird einige Fragen beantworten. Ich hoffe es gefällt euch!

Der Titel stammt aus "Be with you always" von den Mighty Oaks (sollte jedem bekannt sein ;))

Alles Liebe!  




...



Mit zitternden Fingern öffnete Joko ihre Haustüre und betrat ihren Flur, während er die Türe wieder hinter sich ins Schloss warf. Seinen Rucksack schmiss er neben die Kommode, seine Schuhe kickte er unordentlich von den Füßen und konnte gar nicht schnell genug weiter ins Wohnzimmer gehen, um zu sehen, wovon Klaas am Mittag geredet hatte.

Die ganze Zeit hatte Joko sich Gedanken darüber gemacht, ob wirklich alles in Ordnung war und hatte sich mehrfach stoppen müssen ihn nicht doch anzurufen und zu fragen, warum er so geheimnisvoll tat.

„Klausi?“ rief Joko in dem Moment, in dem er die Türe zum Wohnzimmer öffnete und in seinem Tun innehielt.

Klaas stand mitten im Raum und grinste ihn unsicher an. Der Wohnzimmertisch war mit sämtlichen Snacks eingedeckt. Auf den ersten Blick sah Joko Käsewürfel mit Trauben, kleine Schnittchen, Baguettes mit Dips und sogar etwas, das aussah wie Pizzastangen. Eine Kerze stand in der Mitte des Tisches und die Couch war mit tausend Kissen bestückt, bei denen Joko sich nicht mal sicher war, wo Klaas sie ausgegraben hatte.

„Hi“, murmelte Klaas, betrachtete Joko einmal von oben bis unten und bedeutete ihm mit einem Nicken Richtung Couch, dass er ihm folgen sollte.

Joko folgte ihm und ließ sich mit einem gewissen Abstand neben Klaas auf die Polster sinken.
Auch, wenn Klaas mittlerweile Jokos Nähe weitestgehend zuließ, wollte er sein Glück nicht überstrapazieren.

„Was ist das hier?“ fragte Joko vorsichtig und richtete seinen Blick wieder auf den Tisch, stellte gerade erst fest, dass auch zwei Weingläser auf der Platte standen und tatsächlich sein 3 Freunde Wein neben dem Tisch.

„Ich hab mir von Thomas sagen lassen, was du gerne isst und… dachte wir machen uns einen schönen Abend“, antwortete Klaas ihm und Joko konnte die Unsicherheit aus seiner Stimme hören.

Ein Lächeln bildete sich auf seinen Lippen.
Klaas hatte tatsächlich früher Feierabend gemacht, war einkaufen gegangen und hatte sich in die Küche gestellt, um ihnen einen schönen Abend vorzubereiten.

„Es ist wundervoll“, stellte Joko fest, sah Klaas nun direkt in die Augen und konnte gar nicht in Worte fassen, wie sehr er ihn liebte.

Klaas erwiderte nun sein Lächeln, doch richtete dann seinen Blick neben sich auf die Polster, wo ein, Joko nur zu bekanntes, Fotoalbum lag und stieß ein Seufzen aus.

„Ich wollte nicht schnüffeln, ehrlich. Aber ich hab mir die Tage halt mal unsere Sachen angesehen und du sagtest, dass hier alles uns beiden, zusammen gehört und dann lag dieses Album im Kleiderschrank unter deinen Klamotten und ich war zu neugierig und hab’s mir angesehen“, erklärte Klaas ihm, schien sich irgendwie rechtfertigen zu wollen, dass er durch Jokos Sachen gewühlt hatte, doch Joko schüttelte direkt mit dem Kopf.

„Ich hab’s so gemeint, wie ich es gesagt habe. Hier ist alles unser, du kannst überall dran“, sagte er, beugte sich über Klaas und griff nach dem Album. Er hatte es nie fertiggestellt. „Das Witzige daran ist, dass du es auch vor dem Unfall nicht kanntest. Du hast es jetzt tatsächlich zum ersten Mal gesehen.“

Klaas nickte. „Vorne steht drin `Zum ersten Hochzeitstag` und der… ist heute.“

Joko sah ihn überrascht an, während er das Album in seinen Schoß fallen ließ.
Er hätte das besondere Datum heute nicht erwähnt, tat alles, damit Klaas nicht überfordert wurde oder nicht in unangenehme Situationen geriet, wo er nicht wusste, wie er reagieren sollte.
Niemals hätte er gedacht, dass Klaas sich das Datum gemerkt hatte.

„Ist er“, bestätigte Joko also und nahm seinen Blick nicht von dem Brünetten, der ihn eingehend in die Augen sah. „Und das sollte dein Geschenk werden. Aber dann ist der Unfall passiert und ich habe tatsächlich vergessen, dass es existiert.“

„Warum hast du nichts gesagt? Nicht erwähnt, welcher Tag heute ist?“ fragte Klaas vorsichtig und rutschte ein Stück näher zu Joko, dessen Herz bei dieser kleinen Geste schon ein Stück schneller schlug.

„Du… hast deinen Ring abgenommen, Klaas“, flüsterte Joko und spürte, wie ihm diese Worte laut ausgesprochen schon weh taten. „Ich möchte dich mit dieser Beziehung nicht einengen oder etwas von dir verlangen, was du nicht möchtest. Dieser Hochzeitstag hat für dich keine Bedeutung, weil du dich nicht dran erinnern kannst. Ich wusste einfach nur, dass ich dich und mich nicht enttäuschen wollte.“

Klaas brach den Blickkontakt, nickte, sah zu dem Fotoalbum und faltete seine Hände in seinem Schoß.
„Es ist nicht richtig, dass dieser Tag mir nichts bedeutet. Ich erinnere mich nicht an den Tag vor einem Jahr, aber es scheint mir ja viel bedeutet zu haben, denn ich… ich sehe auf jedem einzelnen dieser Fotos unglaublich glücklich aus und ich hätte dich nicht geheiratet, wenn ich mir nicht sicher gewesen wäre. So eine Person bin ich nicht.“

„Du warst glücklich“, meinte Joko und klappte vorsichtig das Album auf.

Er hatte es erst zur Hälfte gefüllt, hatte nur private Bilder von ihnen hineingeklebt, die nie eine Menschenseele gesehen hatte, außer sie Zwei. Private Aufnahmen, die sich über die vielen Jahre angesammelt hatten und die Joko die Welt bedeuteten, weil sie Momente zeigten, an die er sich so gerne erinnerte.

Stumm blätterte Joko durch die Seiten, betrachtete Foto für Foto und musste sich auf die Lippen beißen und immer wieder tief durchatmen, um keine Träne zu vergießen.
Hätte er etwas anders gemacht, wenn er gewusst hätte, dass Klaas sein Gedächtnis verlieren würde? Hätte er in bestimmten Situationen anders gehandelt? Hätte er bei einem Streit früher nachgegeben oder hätte er Klaas einen Kuss mehr gegeben? Hätte das den Lauf der Dinge vielleicht verändert?

Seine Gedanken verstummten, als er die letzte Seite erreichte, die er selbst mit Fotos ausgestattet hatte und sah, dass weitere Seiten beklebt waren.
Verwirrt blätterte er weiter, entdeckte weitere zahlreiche private Fotos von ihnen, die liebevoll auf die Seiten geheftet waren.

„Klaas? Was ist das hier?“ fragte er, betrachtete jedes einzelne Bild und erinnerte sich an jeden einzelnen Moment, indem diese Fotos entstanden waren.

„Ich… hab es fertiggestellt. Deine Festplatte hat mein Geburtsdatum als Passwort, das war wirklich nicht schwer herauszufinden“, erklärte Klaas. „Also hab ich die Fotoordner durchforstet und ein paar nach Datum sortiert ausgedruckt und hineingeklebt.“

Fasziniert sah er zu Klaas und musterte sein Gesicht. „Danke. Ich bin froh, dass es fertiggestellt wurde“, sagte Joko, als er auf der letzten Seite ankam.
Das dortige Foto zeigte ihn und Klaas, wie der Kleinere auf Jokos Schoß im Bürostuhl saß und Joko die Arme von hinten um seinen Bauch geschlungen hatte. Thomas Martiens hatte das Foto geschossen und Joko erinnerte sich noch genau daran, wie er sie beide liebevoll verknallte Trottel genannt hatte, die nicht mal auf der Arbeit die Finger voneinander lassen konnten.

Es war gerade einmal ein paar Wochen vor dem Unfall entstanden.

„Joko“, ertönte Klaas‘ Stimme neben ihm. Langsam klappte er das Album wieder zu und legte es neben sich, ehe er den anderen Mann ansah. „Es tut mir leid, dass du so leiden musst. Nie war es meine Intention, dass ich dir weh tue, aber das bleibt in dieser verkorksten Situation wohl nicht aus.“

Und das stimmte. Sie litten doch beide und keiner konnte wirklich was dafür. Keiner war schuld und leider waren beide machtlos.

„Ich bin dir dankbar dafür, wie du zu mir bist. Wie viel Rücksicht du auf mich nimmst, obwohl es dich innerlich zerstören muss“, fuhr Klaas fort, als Joko nichts sagte. „Und ich habe es am Anfang nicht gesehen, aber ich verstehe, warum… ich… das Ich vor dem Unfall dich liebt. Du bist ein so unfassbar toller Mensch, Joko. Das sieht man schon daran, wie du mit dem Team umgehst und sie mit dir. Jeder liebt dich.“

Klaas wippte mit seinem Bein, knetete nervös seine Finger und ließ seinen Blick immer wieder zwischen Joko und dem Boden hin und her flackern.
Joko selbst konnte kaum atmen, spürte eine gewisse Anspannung in sich aufsteigen mit jedem Wort, das Klaas‘ Mund verließ, denn jedes Wort schmeichelte ihm, doch er konnte gar nicht absehen in welche Richtung dieses Gespräch führte.

„Und ich merke, wie mein Körper immer wieder nach dir greifen möchte, wie ich in deiner Nähe sein möchte, obwohl mein Kopf das gar nicht… verlangt. Weißt du was ich meine? Ich fühle mich zu dir hingezogen, obwohl ich wissentlich gar keine Historie mit dir habe“, versuchte Klaas ihm zu erklären und irgendwie verstand Joko, wie verwirrend das für Klaas sein musste.

„Ich sehe diese Fotos und ich sehe Videos von uns und ich wünsche mir, dass ich mich erinnern kann und dass es wieder so wird, wie es war. Aber… ich kann’s nicht. Es kommt nicht zurück.“

Jokos Herz zog sich zusammen. Er wusste nicht, was er denken oder fühlen sollte. Sein Inneres war ein einziges Durcheinander und nun rollte ihm doch eine einzelne Träne über die Wange, die er sich schnell mit seinem Handrücken wegwischte.
Dass Klaas es gesehen hatte, war er sich sicher, denn im nächsten Moment legte der Brünette seine Hand auf Jokos und drückte sanft zu.

„Aber trotzdem fühle ich was, wenn du bei mir bist. Oder wenn jemand deinen Namen sagt. Ich… ich hab dich in den letzten Wochen kennenlernen dürfen, natürlich nicht so gut, wie ich dich mal gekannt habe, aber… wenn ich dich ansehe, dann spüre ich es. Ich spüre, dass da was ist und ich bin mir sicher, dass mein Körper mir mitteilen möchte, dass es richtig und echt ist und dass ich mich drauf einlassen soll“, schloss Klaas ab, rutschte nun noch näher an Joko und legte seine andere Hand an seine Wange.

Perplex ließ Joko sein Gesicht in Klaas‘ Richtung drehen, konnte gar keinen klaren Gedanken fassen oder seine Worte verarbeiten, da lagen Klaas‘ Lippen auf seinen.

Jokos Gehirn schaltete sich aus, sein rationales Denken verabschiedete sich, seine Augen fielen zu und er griff einfach nur in Klaas‘ Nacken, wie er es immer getan hatte. Strich sanft über die seichte Haut, wie er es immer getan hatte und zog ihn sanft noch näher an sich.
Wie er es immer getan hatte.

Klaas‘ Lippen fühlen sich so gewohnt, aber gleichzeitig so neu an. Er küsste anders, als Joko es in Erinnerung hatte, doch es löste die gleichen Gefühle aus, wie es jeder Kuss des Jüngeren immer getan hatte.
Sein Herz raste, sein Bauch kribbelte und sein Körper stand innerhalb weniger Sekunden in Flammen.

Gott, wie sehr hatte er das hier vermisst!
Wie hatte er die letzten Monate überhaupt überleben können, ohne diese Berührungen von Klaas, die er doch wie Luft zum Atmen brauchte.

Direkt fühlte er sich lebendiger. Er spürte wieder all diese Gefühle, die er schon aufgegeben hatte, wieder zu fühlen.
Es war anders, neu, aufregend und doch so vertraut, dass Joko das Herz bis zum Halse schlug.

Viel zu schnell löste Klaas den Kuss wieder, doch Joko behielt seine Augen geschlossen. Viel zu sehr fürchtete er sich nun davor, dass Klaas es vielleicht doch bereuen würde, dass er vielleicht nun feststellte, dass er sich zwar zu ihm hingezogen fühlte, aber ihn trotzdem nicht mehr küssen wollte.

„Joko. Sieh mich an“, flüsterte Klaas. Der Blonde spürte seinen Atem auf seinen Lippen, hörte seine Stimme klar und deutlich und als Joko flatternd seine Augen öffnete, blickte er in strahlendes Blau.
Eine Gänsehaut breitete sich auf seinem ganzen Körper aus.

„Ich hoffe das war okay“, stieß Klaas nun aus, sah ihn aus unsicheren Augen an, doch bewegte sich weiterhin keinen Millimeter von Joko weg.

„Hase, alles was für dich okay ist, ist für mich auch okay“, antwortete er, ließ nun endlich zu, dass sich ein glückliches Lächeln auf seine Lippen legte.



.



„Heiliger… Ich glaub, ich mach mir gleich in die Hose“, murmelte Joko, ob nun zu sich oder zu Klaas, der neben ihm stand, wusste er nicht so genau.

Klaas grinste nur, schüttelte leicht den Kopf und strich ihm in einer beruhigenden Geste über den Arm. „Wir schaffen das. Es ist nicht die erste Show, die wir machen. Nur eben mit mehr Zuschauern.“

Joko seufzte.
„Wie kannst du so ruhig sein?“

„Du kennst mich doch. Ich kann’s einfach besser verstecken, als du“, lachte er nun, fuhr sich in einer, okay Klaas hatte Recht, nervösen Geste durchs Haar und betrachtete Joko von der Seite.

Im Grunde war es ja richtig. Sie machten seit Jahren Fernsehen und waren auch nicht das erste Mal bei ProSieben zu sehen.
Aber Circus Halligalli war etwas Besonderes. Es war ihr Baby, sie hatten so viel dafür gearbeitet, so viel geopfert und so viel hineingesteckt. Es musste einfach gut werden.

„Jetzt mal ehrlich, Winti. Du und ich, wir schaffen das. Wir rocken das heute. So, wie immer“, sagte Klaas mit sanfter Stimme, stellte sich auf die Zehenspitzen und strich Joko seine Strähne hinters Ohr.

Unwillkürlich hielt der Ältere die Luft an, spürte Klaas‘ Fingerspitzen über seine Stirn streichen. Der Brünette war ihm so nah, dass er seinen Atem auf seinem Gesicht fühlen konnte und ohne es irgendwie kontrollieren zu können, verdoppelte sich die Geschwindigkeit seines wild pochenden Herzens.

„Du und ich“, wiederholte Joko leise und ließ ein liebevolles Lächeln auf seine Lippen wandern.

Klaas sah ihm kurz in die Augen und erwiderte sein Lächeln, ehe er sich räusperte und einen Schritt nach hinten trat.
„Und jetzt auf Position. Geht gleich los!“



.



Mit einem sanften Lächeln auf den Lippen beobachtete Joko, wie Klaas auf seiner Garderobencouch saß, die Ellenbogen auf den Knien abgestützt und nervös die Hände knetete.

Die letzte Zeit war nicht einfach für Klaas gewesen.

Sie hatten für ihre Sommershow die letzten Wochen gearbeitet, gedreht, geprobt und dadurch, dass Klaas dies alles in seiner Wahrnehmung das erste Mal in solch einer Größenordnung durchlebte, zerrte es an den Kräften des Jüngeren.

Nichtsdestotrotz war Joko unfassbar stolz auf ihn.
Er hatte sich eingebracht, Ideen vorgeschlagen und vor allem, er hatte gemeinsam mit dem Team gearbeitet, beinahe wie in alten Zeiten. Er machte mit Jakob Witze über Schmitti, lachte mit Frank in der Büroküche über den Alkoholkonsum dieser Firma, der sich in Form von mehreren leeren Bierkästen zeigte und verbrachte seine Mittagspausen nicht alleine, sondern immer mit anderen.

Ihr Leben nach der Arbeit war erst kräftezerrend gewesen. Nach diesem Abend, den Klaas ihm vorbereitet hatte, hatte Klaas es versuchen wollen. Er hatte sich eingestanden, dass er seine Gefühle nicht ignorieren sollte, dass er sie ausleben konnte und vor allem, dass Joko ihm nichts übelnahm, egal, ob er einen Schritt Vor- oder Rückwärts machte.
Mit der Zeit hatten sie sich eine eigene, eine neue Routine angeeignet. Sie war anders, als vor dem Unfall, aber nicht schlechter.

Sie schliefen wieder jede Nacht in einem Bett, Joko bekam einen Guten Morgen und einen Gute Nacht Kuss und sie wechselten sich jeden Tag damit ab, wer Frühstück machte und wer für das Abendessen sorgte.

Es war schön. Harmonisch.

Klaas konnte sich zwar weiterhin an nichts erinnern, aber er war bei ihm. Er zeigte ihm, dass er ihm etwas bedeutete und das war mehr, als Joko nach den ersten Wochen erwartet hatte.
Zwar war Joko noch immer ziemlich unsicher, wie viel Nähe Klaas vertrug und ob er wirklich zufrieden mit diesem Leben war, doch das würde sich auf Dauer schon noch einstellen.

Gerade zählte nur, dass sie auf dem Weg der Besserung waren.

„Nervös, Hase?“ fragte Joko, betrat nun den Raum und ließ sich vorsichtig, dicht neben Klaas auf die Polster nieder.

„Total! Uns schauen so viele Menschen zu… Warum musste das ne Liveshow sein? Wir hätten doch auch aufzeichnen können“, stieß er aus, richtete sich auf und wischte seine schwitzigen Hände an seiner Hose ab.

„Hätten wir, aber das wäre nicht das Gleiche“, antwortete Joko ihm und legte einen Arm um seine Schultern, um ihn sanft an sich zu ziehen.

Die Öffentlichkeit wusste bisher nur, dass Klaas einen Unfall gehabt hatte. Was genau passiert war und was die Folgen waren, bildeten lediglich Spekulationen, mit denen sie in weniger als einer Stunde aufräumen würden.
Sie würden nicht ins Detail gehen, doch sie wollten ihre Fans aufklären, warum es so lange still um sie gewesen war.

„Du hast Recht“, seufzte Klaas nun und bettete seinen Kopf auf Jokos Schulter. „Danke, dass du hier bist.“

Joko hauchte Klaas einen sanften Kuss auf die Haare.
„Ich wüsste nicht, wo ich sonst sein sollte.“

„Ich weiß“, seufzte Klaas und nickte kaum merklich. „Es wird mir wohl noch etwas Zeit kosten, um mich daran zu gewöhnen.“

Alles andere hätte Joko auch überrascht.

Von Null auf Einhundert in eine eigentlich liebevolle und verständnisvolle Beziehung geworfen zu werden, die jahrelang aufgebaut worden war, war nicht einfach. Und, dass Klaas sich daran nicht erinnerte und nicht verstand, wie es so vertraut sein konnte, benötigte doch einiges an Eingewöhnung.

„Ich werde auch in der Show immer neben dir stehen. Egal, was schiefgeht oder verkehrt läuft. Du kannst dir immer sicher sein, dass ich bei dir bin“, flüsterte Joko, strich Klaas sanft durch die Haare und erntete dafür ein dankbares Lächeln.



.



„So, nun wollen wir zu der einzigen ernsthaften Sache an diesem Abend kommen“, begann Klaas neben ihm, faltete die Hände und legte den Kopf schief.

Joko atmete tief durch.

Sie wollten die Erklärung, weswegen sie so lange von der Bildfläche verschwunden waren, ganz an den Anfang setzten, um Platz für den Klamauk zu schaffen, für den die Menschen einschalteten und vor allem, damit sie sich befreit durch diese Show moderieren konnten.

„Wie ihr alle mitbekommen habt, war es einige Zeit still um uns. Jeder hat die Nachrichten um Klaas‘ Unfall gelesen, doch was wirklich passiert ist, haben wir die ganze Zeit über bewusst für uns behalten“, fuhr Joko fort, sah kurz zu Klaas und richtete anschließend seinen Blick wieder nach vorne in die Kamera.

„Der Unfall hat leider ein paar…“ Klaas unterbrach sich selbst, atmete hörbar laut ein und aus, schluckte sichtlich und Joko wollte gerade einspringen, da nickte der Jüngere und formte seine nächsten Worte. „… bleibende Schäden verursacht. Ich habe einige Erinnerungen verloren und brauchte die vergangenen Monate, um mich zu sammeln und mit der Situation klarzukommen.“

Ganz bewusst hielten die die schrecklichen Details aus ihrer Stellungnahme raus. Die Presse würde sich ohnehin auf dieses kurze Statement stürzen, würde spekulieren und berichten, doch umso mehr wollten sie ihnen so wenig wie möglich liefern.
Lediglich den Fans fühlten sie sich schuldig, sich wenigstens knapp zu erklären.

„Ich danke allen, die mir geschrieben haben und mir Besserungswünsche geschickt haben“, meinte Klaas weiter. „Und möchte euch sagen, dass… ja, dass wir alles soweit wieder im Griff haben, dass es bald normal weitergehen kann.“

Damit nickten sie beide und hörten dem Applaus des Publikums eine Weile zu.

Der schwierige Teil war also erledigt. Jetzt würde er diese Show mit Klaas genießen und versuchen in diese eigentlich gewohnte Normalität eintauchen.



.



Seine Welt drehte sich. Joko wusste nicht genau, ob sich nur der Flur drehte oder wirklich die ganze Welt, obwohl das schon sehr ungewöhnlich wäre. Er hatte noch nie davon gehört, dass die Welt sich dreht.
Aber drehte sich nicht sowieso die Erdkugel um die eigene Achse? Was, wenn sie sich plötzlich in die andere Richtung drehen würde? Würde das dann das Haus zum Drehen bringen?

„Joko, musst du dich übergeben?“ ertönte Klaas‘ Stimme dicht neben seinem Ohr und erst jetzt nahm er Klaas‘ Hände an seiner Hüfte und an seinem Gesicht wahr.
Joko blinzelte ein paar Mal, stellte seinen Blick wieder scharf und blickte in ein blaues, besorgtes Augenpaar.

Zuversichtig schüttelte der Blonde mit dem Kopf, spürte aber im gleichen Atemzug, dass die Bewegung seinem Gemütszustand nicht gerade guttat.
Wie waren sie eigentlich hergekommen? Waren sie nicht erst vor ein paar Minuten auf der Aftershowparty gewesen?

Er sah Jakob, der neben ihm saß und sich ein Wodka Shot nach dem anderen in die Birne kloppte und Thomas Martiens, mit dem er sich ganz sicher eine ganze Flasche Tequila alleine geteilt hatte.
Dann sah er Klaas, der ihm gegenübersaß, an seinem Wasser nippte und die Anweisung der Ärzte anscheinend sehr ernst nahm.

Mist, Joko hätte mit ihm nüchtern bleiben sollen. So machte das ein guter Partner.

Aber jetzt lehnte er an der Wand in ihrem Flur, hatte, wie es sich anfühlte, keine Schuhe mehr an und spürte, dass seine Brille irgendwie komisch schief auf seiner Nase saß.
Enthusiastisch griff er sich ins Gesicht, um sie zu richten, doch schaffte es nur, sie sich noch schiefer zu rücken.

Ein belustigtes Schnauben von Klaas ließ ihn sich wieder auf diese blauen Augen fixieren und nur am Rande spürte er, wie Klaas seine Hand von seiner Wange nahm, um ihm die Brille wieder gerade auf die Nase zu setzen.

„Komm, raus aus den Klamotten und ab ins Bett“, sagte Klaas und packte ihn im gleichen Moment an den Schultern, um ihn von der Wand wegzuziehen und Richtung Schlafzimmer zu dirigieren.

„Aber Klausi…“ begann Joko, doch verlor kurz den Faden, als Klaas mit ihm ins Schlafzimmer abbog. „Wir müssen… doch auf die, du weißt, die Party.“

Klaas begann langsam damit Joko das Hemd aufzuknöpfen. „Genug Party für dich, Großer“, schmunzelte er, streifte ihm das Hemd von den Schultern und schmiss es unachtsam auf den Boden neben der Türe.

Der Blonde verarbeitete nur langsam, was hier vor sich ging. Doch in dem Moment lehnte sich Klaas runter, um ihm den Gürtel und die Hose zu öffnen und alle Gedanken waren sowieso verschwunden.

„Haaase, wenn du Sex willst, musst du das nur… sagen“, nuschelte er undeutlich, wollte nach Klaas greifen, doch verfehlte ihn irgendwie, kam ins Straucheln und hätte mit Sicherheit Bekanntschaft mit dem Laminat gemacht, wenn Klaas ihn nicht festgehalten hätte.

„Pass doch auf!“ rief er, musterte Jokos Gesicht stirnrunzelnd und schüttelte mit dem Kopf. „Du bist zu gar nichts mehr in der Lage, Winti.“

Joko schob die Unterlippe nach vorne, doch Klaas ließ sich nicht beirren und entledigte ihm ganz unsexuell seiner Hose und zog ihm anschließend ein weißes T-Shirt über den Kopf.
„Hast du Durst? Möchtest du Wasser?“

Hoffend, dass direkt hinter ihm das Bett stand, ließ er sich nach hinten fallen und landete, Gott sei Dank, mit dem Rücken auf dem weichen Polster.
„Nein. Ich möchte… weiß nicht, meinen Klaas wiederhaben.“

Jokos Augen waren auf Klaas gerichtet, der plötzlich ganz stocksteif dastand, auf ihn herabstarrte und den Kopf schiefgelegt hatte.

„Joko…“ murmelte er, sichtlich unsicher und ließ sich langsam neben Joko auf dem Bett nieder. Ihre Oberschenkel waren aneinandergepresst und das war das Einzige, was Joko irgendwie im hier und jetzt hielt.

Der Raum drehte sich schon wieder, verdammt.

Er schloss kurz die Augen, starrte dann an die Decke und erhob sich schweren Herzens, sodass er mehr oder minder aufrecht neben Klaas saß, der ihn besorgt musterte.  

„Tut mir leid“, nuschelte Joko undeutlich. Er konnte seine Gedanken gerade beim besten Willen nicht sortieren. „Ich… ich weiß nicht…“
Mit einem tiefen Atemzug versuchte er die aufkommende Übelkeit herunterzuzwingen. „Ich hab Angst.“

Klaas legte sanft eine Hand auf sein Knie, zog kleine Kreise mit seinem Daumen über die nackte Haut und Joko hätte über diese Situation gelacht, wenn es nicht so ernst wäre.
Er saß hier in Boxershorts und T-Shirt, während Klaas noch mit Hemd und Anzughose neben ihm saß.

„Wovor hast du Angst?“ fragte Klaas leise, ließ Joko dabei keine Sekunde aus den Augen und Joko blinzelte ein paar Mal, um ihn nicht doppelt zu sehen.

„Dass du genug von mir hast und… gehst, weil du… mich nicht willst“, stieß er aus, stolperte über jedes zweite Wort, doch nach Klaas‘ entgleisten Gesichtszügen zu urteilen, hatte der Jüngere verstanden.

Lange war es still im Raum. Joko hörte keine Geräusche, starrte nur Klaas an, der zurückstarrte und die Lippen aufeinandergepresst hatte.

„Ich werde nicht einfach gehen“, flüsterte Klaas und nahm seine Hand von Jokos Knie, um sie wieder an seine Wange zu legen. „Mir ist bewusst, dass ich es dir am Anfang alles andere als leichtgemacht habe, Joko, aber ich bleibe hier. Bei dir. Nicht, weil ich es muss, sondern weil ich es möchte.“

Jokos Gehirn versuchte Klaas‘ Worte zu verarbeiten, versuchte irgendwie Sinn daraus zu ziehen. Doch seine Gedanken waren wie in Watte verpackt, waren zu verworren und zu verstrickt, um die Worte vernünftig aufzufassen.

Alles was er spürte, war diese riesengroße Verlustangst, die sich wie ein Parasit in sein Herz gesetzt hatte und einfach nicht verschwinden wollte.
Auch, wenn zurzeit alles gut lief.

„Ich hab einfach so eine Angst“, sagte er erneut und hörte ein verzweifeltes, ersticktes Geräusch aus Klaas‘ Richtung und bereute seine Worte.
Verdammt, er wollte ihm doch nicht wehtun. Seine ganze Existenz beruhte doch mittlerweile darauf, Klaas zu beschützen und ihn nicht zu überfordern.

„Warum hast du mir das nicht eher gesagt?“ fragte Klaas nun und Joko sah, wie er sich eine Träne aus dem Augenwinkel strich.

Toll gemacht, Winterscheidt!

„Ich will einfach, dass du so lange es geht bei mir bleibst“, nuschelte Joko, beantwortete Klaas‘ Frage damit nicht wirklich, doch konnte auch nicht die richtigen Worte finden, um ihm seine Gedanken mitzuteilen.

Klaas seufzte, stand vom Bett auf und drückte Joko sanft nach hinten in die Kissen, um anschließend die Decke über ihn zu legen. Joko ließ alles mit sich machen, wehrte sich nicht, spürte selbst die Erschöpfung, die sich mit jeder Sekunde mehr in seine Glieder legte.

„Schlaf bitte. Wir reden morgen weiter“, sagte Klaas leise, drückte ihm einen sanften Kuss auf die Stirn und nur am Rande bekam Joko mit, wie er begann sich aus seinen Klamotten zu schälen und sich neben Joko ins Bett legte.



.



„Brauchst du noch eine Tablette?“ fragte Klaas, blieb mit einem Glas Wasser neben der Couch stehen und betrachtete Joko, der in einer Decke eingewickelt in den Kissen lag.

Gott, er fühlte sich so miserabel.

Sein Kopf pochte unangenehm schmerzhaft, sein Körper fühlte sich schlapp an und die Übelkeit kam und ging und das obwohl er bis zum Nachmittag geschlafen hatte und man eigentlich meinen sollte, dass er den Rausch verschlafen hatte.

Vorsichtig, um sich nicht zu viel zu bewegen, schüttelte er mit dem Kopf und sah weiterhin zum Fernseher, der irgendeine Dokumentation über die atemberaubendsten Naturschönheiten dieser Welt zeigte.
Doch wirklich aufpassen tat er sowieso nicht.

Das Sofapolster neben ihm senkte sich und Jokos Blick legte sich auf Klaas, der sich ihm zu gewandt auf die Couch niedergelassen hatte und das Wasserglas in seine Richtung hielt.

„Trink bitte was“, sagte er und an seinem Ton merkte Joko, dass hier kein Platz für Argumentationen war.
Also setzte sich etwas aufrechter hin, nahm das Glas entgegen und nahm zwei große Schlucke. Joko konnte nicht leugnen, dass es seinem Rachen guttat und gab Klaas das Glas wieder, damit dieser es auf den Couchtisch stellen konnte.

„Joko?“ murmelte Klaas, sah ihn noch immer an, doch sein besorgter Blick war einem eher ängstlicherem und nervöserem gewichen.

Joko nickte, als Zeichen, dass er zuhörte und wusste ganz genau, worüber Klaas reden wollen würde.

Er war zwar sehr betrunken gewesen, doch er konnte sich nur zu gut an seine Worte erinnern, die er Klaas gestern Nacht entgegengelallt hatte. Er bereute sie, hatte sie Klaas nicht so unvorbereitet vor die Füße knallen wollen, doch er konnte sie nicht leugnen. Und er konnte nicht leugnen, dass es die Wahrheit war.

„Du hast gestern einige Dinge gesagt und mir ist bewusst, dass es Zeit braucht, bis wieder das Vertrauen da ist, was du die letzten Jahre zu mir hattest, weil… wegen allem halt. Aber… eine Sache hängt mir nach“, erklärte Klaas, spielte dabei mit dem Saum seines T-Shirts und zupfte an einer losen Naht. „Aber du sagtest, du willst „deinen“ Klaas zurück.“

Joko seufzte schwer, schloss kurz die Augen und bereute es zutiefst, diesen Satz gesagt zu haben.
Ja, er hatte Angst. Ja, er sehnte sich auch nach diesen geteilten Erinnerungen, aber niemals würde er sich einen anderen Klaas wünschen.

Wie musste sich das für Klaas anfühlen? Er konnte sich nicht an diese Version von sich erinnern, aber er war doch immer noch der gleiche Mensch. Nur mit weniger Erinnerungen, aber der gleiche Mensch. Und dann saß Joko vor ihm und wünschte sich eine andere Version von ihm wieder.

„Tut mir leid. Ich hätte das nicht sagen dürfen“, stellte Joko klar und öffnete wieder die Augen, um den Brünetten anzusehen, der weiterhin starr auf den losen Faden seines Shirts starrte.

„Aber du hast es. Wird ja einen Grund gehabt haben“, meinte er und sah nun auf. Seine Augen flackerten unsicher über Jokos Gesicht und wenn ihm nicht eben schon übel gewesen wäre, hätte spätestens die Erkenntnis, dass er für Klaas‘ Unwohlsein verantwortlich war, dafür gesorgt, dass ihm flau wurde.

„Ich…“ begann er, doch unterbrach sich selbst, suchte nach Worten und wusste dennoch nicht genau, wie er sich ausdrücken sollte. „Ich vermisse, wie es war. Wie ich mich gefühlt habe. Zurzeit lebe ich nur dafür, dass ich dich mit nichts überfordere. Alles ist darauf ausgelegt, dass es dir gut geht und ich kann nicht mehr, Klausi.“

Klaas schüttelte verzweifelt den Kopf.
„Ich habe nie darum gebeten, dass du das tust. Und ich möchte das auch gar nicht. Du musst dich auch um dich selbst kümmern, Joko.“

Humorlos stieß Joko ein leises Lachen aus. Klaas verstand noch immer nicht. Er verstand noch immer nicht, dass er über allem stand und Joko einfach alles für ihn tun würde.

„Aber ich liebe dich und ich möchte, dass du…“ sagte er, doch wurde prompt von Klaas unterbrochen.

„Liebe heißt aber nicht, dass man sich selbst für den anderen kaputt macht, Joko. Liebe ist ein geben und ein nehmen und ich möchte nicht, dass dir das hier negativ aufstößt“, sagte Klaas harsch, gestikulierte nun zwischen ihren Körpern. „Verdammt, Joko. Ich habe es ernst gemeint, was ich vor zwei Monaten zu dir gesagt habe. Ich habe mich aktiv dazu entschieden bei dir zu sein, ich fühle… Dinge, wenn ich bei dir bin, checkst du das nicht?“

Joko schluckte und betrachtete Klaas, der nun schwer atmete, weil er mit jedem Wort lauter geworden war.

Und nun herrschte fast schon gespenstische Stille.

Joko spürte, wie ihm eine Träne über die Wange lief. Er versuchte es. Er versuchte wirklich Klaas in dieser Hinsicht zu vertrauen, aber es war so schwer. Es war so verdammt anstrengend nicht an die ersten Wochen und Monate nach dem Unfall zu denken.

„Tut mir leid, dass ich laut geworden bin“, murmelte Klaas nun, sah beschämt auf den Boden und stieß ein verzweifeltes Seufzen aus. „Es ist einfach nicht fair.“

„Ist es nicht. Aber wir schaffen das, oder? Zusammen?“ fragte Joko, streckte die Hand aus, legte sie an Klaas‘ Wange, damit er ihn ansah.

Blau traf auf Braun. Und niemals im Leben würde Joko aufhören hierfür zu kämpfen. Niemals würde er aufhören hierfür alles zu geben.

„Ich hoffe“, flüsterte Klaas, schluckte sichtlich und drückte Joko einen unfassbar sanften Kuss auf die Stirn. „Aber du musst mir versprechen, dass du mit mir über sowas redest und… dass du dich selbst nicht damit kaputt machst. Du musst es versuchen. Für mich.“

Joko nickte.
Gott, er würde alles für Klaas versuchen. Auch, sich mehr um sich selbst zu kümmern.

Und damit kuschelte Klaas sich näher an ihn und richtete seinen Blick zum Fernseher.

Doch Joko sah ihn weiterhin an, studierte sein Seitenprofil, musterte jede Pore, die ihm so unglaublich bekannt war. Alles an diesem Mann kannte er. Wahrscheinlich besser, als Klaas selbst.

„Das hat mir damals so leidgetan. Aber hätte ich dich da nicht auf der Scholle pennen lassen, dann hätten wir wahrscheinlich niemals die nächste Nacht gekuschelt, also war‘s das doch irgendwie wert“, sagte Klaas urplötzlich aus dem Nichts und Joko zog verwirrte die Augenbrauen zusammen.

„Was?“

Klaas nickte nur zum Fernseher hin, in der gerade die wunderschöne Natur Grönlands gezeigt wurde. Die Eislandschaften, die Tiere und die Wassermassen.

Er erinnerte sich, als wäre es gestern gewesen.
Die gesamte Nacht hatte er auf dieser bescheuerten Scholle geschlafen und am liebsten hätte er Klaas am nächsten Tag wirklich mit dem Gewehr die Birne weggeknallt, aber Klaas hatte schon Recht. Dem Jüngeren hatte es so leidgetan, dass sie am Abend in seinem Zimmer gesessen hatten, die halbe Nacht geredet hatten und schließlich war Joko in Klaas warmen und sicheren Armen eingeschlafen.

Es war das erste Mal gewesen, dass sie sich auf diese Ebene nähergekommen waren und Joko sah es irgendwie als Anfang ihrer intimeren Beziehung-.

„Warte“, stieß er aus, riss seinen Blick von den Bildern des Fernsehers los und starrte Klaas erschrocken an. „Woher weißt du das? Die Dreharbeiten waren abgeschlossen. Keiner weiß davon!“

Klaas sah ihn nun auch an und zog irritiert seine Stirn kraus.
„Ich schätze, dass du mir das mal erzählt hast.“

Doch nein! Joko war sich zu einhundert Prozent sicher, dass sie darüber nach dem Unfall nie geredet hatten. Kein Sterbenswörtchen hatten sie über Grönland und das Duell dort ausgetauscht.

„Habe ich nicht“, sagte er also und betrachtete Klaas, wie sein Mund aufklappte und er sich nervös durch die Haare fuhr.

Jokos Körper kribbelte vor lauter Anspannung und er konnte es fast gar nicht aushalten, bis Klaas wieder etwas sagte. Ihm irgendwie ein Zeichen gab, dass er sich hier tatsächlich erinnerte.

„Hast du nicht“, wiederholte Klaas, sah Joko in die Augen und sah plötzlich so sicher aus. Ein vorsichtiges Lächeln bildete sich auf seinen Lippen und Joko war sich sicher, dass Klaas sein Herz pochen hören musste. „Ich erinnere mich daran. Wir haben geredet, ich habe mich entschuldigt und wir haben… die gesamte Nacht in meinem Bett gelegen.“

Joko nickte vorsichtig.

„Bevor du dich zu sehr freust, das ist alles. Mehr… mehr weiß ich nicht. Die Geschehnisse mit der Scholle kenne ich aus der Maz. Da gibt’s keine aktiven Erinnerungen dran“, stellte Klaas klar und sein Lächeln verschwand, so schnell, wie es gekommen war.

Doch Joko konnte sich seine Freude gar nicht nehmen lassen.

Ein breites, glückliches Grinsen legte sich auf seine Lippen und ungläubig schüttelte er mit dem Kopf.
Seine Kopfschmerzen waren vergessen, seine Übelkeit verschwunden und es war nur noch Platz für pure Glücksgefühle.

„Das ist doch egal, Hase. Es bedeutet aber, dass alles noch da ist. Dass es irgendwo da drin ist“, stieß er glücklich aus und tippte dabei sanft mit seinem Zeigefinger gegen Klaas‘ Stirn.

Klaas sah ihn an, kopierte sein Grinsen nun und fing Jokos Hand mit seiner eigenen ein, um ihre Finger miteinander zu verschränken.
„Ja, das… das heißt es wohl.“

„Ich kann’s nicht fassen“, lachte Joko, legte die Arme um Klaas und zog ihn glücklich an sich. Der Brünette kam ihm bereitwillig entgegen, presste sich an ihn, vergrub sein Gesicht an Jokos Halsbeuge und hauchte ihm einen Kuss auf die weiche Haut.

Vielleicht steckt ja ein bisschen Wahrheit in den Weisheiten, die man sich erzählt. Vielleicht passieren Wunder nur dann, wenn man die Hoffnung fast aufgegeben hat. Vielleicht ist das ein Wink des Schicksals, dass man erst durch die Hölle muss, bis man auf den Wolken tanzen kann.

Aber hier mit Klaas in seinen Armen zu sitzen, mit dem Wissen, dass er sich gerade an einen gemeinsamen Moment erinnerte, ließ Joko die größten Glücksgefühle fühlen, die man sich vorstellen konnte.
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