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Always Remember Us This Way

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf
08.06.2021
11.06.2021
2
8.727
28
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9 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 
11.06.2021 4.155
 
Einen wunderschönen Guten Morgen! :)

Erstmal, ich habe mich wirklich wahnsinnig über die Resonanz zum ersten Kapitel gefreut! 19 Sternchen & 6 Reviews!? Dankeschön!!!

Also habe ich mir gedacht, lade ich heute schon das nächste Kapitel hoch. Der Titel stammt von Little Mix aus dem Lied "Love me or Leave me".
Ganz viel Spaß beim Lesen! :)




...



Die Rollladen waren heruntergelassen, die Deckenlampe ausgeschaltet und nur durch den Schlitz unter der Schlafzimmertüre und von dem Schein des Fernsehers trat Licht in den Raum.

Joko wusste nicht welche Uhrzeit die Kirchenglocken schlugen, da er zu unkonzentriert war, um mitzuzählen. Er wusste nicht, welcher Tag heute war, geschweige denn, wie lange er sich schon in diesem Zimmer versteckte und es nur verließ, um seinen menschlichen Grundbedürfnissen nach Trinken, Essen oder dem Toilettengang nachzugehen.

Sein Handy hatte schon längst seinen Dienst quittiert, lag mit leerem Akku auf dem Nachttisch und Joko fragte sich plötzlich, wie lange es dauern würde, bis jemand bei ihm auftauchen würde, um zu sehen, ob er noch lebte.

Doch er konnte nicht einfach weitermachen. Er konnte nicht zur Arbeit gehen, sich den Reportern stellen oder mit seinen Freunden reden, als wenn nichts passiert wäre.
Sein gesamtes Leben stand gerade Kopf, wurde ordentlich durchgeschüttelt und ironischer Weise, das was er immer geglaubt hatte auf ewig sein nennen zu dürfen, war plötzlich weg und konnte ihm nicht den Halt geben, den er so dringend benötigte. Eher war es noch der Auslöser für seinen Schmerz.

Joko hätte humorlos aufgelacht, wenn sein Hals nicht so trocken wäre.
Vielleicht sollte er mal aufstehen und sich ein Glas Wasser genehmigen.

Aber anstatt sich zu bewegen, starrte er weiterhin auf den Fernseher, der gegenüber von dem Bett auf der Kommode stand.

Klaas hatte damals darauf bestanden diesen Fernseher in ihr Schlafzimmer zu stellen. Er hörte gerne Hintergrundgeräusche, wenn er einschlief und so lief beinahe jeden Abend irgendeine Dokumentation im Hintergrund, bis der Sleeptimer das Gerät nach einer Stunde ausschaltete.

Jetzt lief jedoch keine Dokumentation.
Seit Stunden sah sich Joko alte Halligalli Videos an. Alte Duell um die Welt Mazen und sogar irgendwelche Interviews, die sie gegeben hatten.

Hätte man ihm gesagt, dass er sich irgendwann Videos von sich selbst in Dauerschleife ansehen würde, hätte er demjenigen wahrscheinlich einen Vogel gezeigt.
Doch jetzt. Jetzt sah er sich seine Vergangenheit an, konnte in jedem einzelnen Video nicht die Augen von Klaas nehmen.

Klaas, wie er ihn anzündete und darüber lachte, dass er seine Nummer getwittert hatte.

Klaas, der über beinahe jeden seiner noch so schlechten Gags bei Aushalten Nicht Lachen kicherte.

Klaas, der neben ihm stand, mit ernstem Gesicht, und darüber sprach, wie verheerend die Zustände in Moria im Flüchtlingscamp sind.

Klaas, der ihn voller Hingabe beinahe den Berliner Fernsehturm hochbekommen hatte.

Klaas, den er nun verloren hatte.

Joko lag alleine in diesem Bett, spürte beinahe physisch die Leere der anderen Betthälfte, inhalierte Klaas‘ Geruch, der noch immer in den Laken herrschte, weil Joko es nicht übers Herz brachte das Bettzeug zu wechseln und anstatt Klaas‘ Geruch den von Waschmittel in der Nase hätte.

Auf der einen Seite ertrug er keine Minute hiervon.

Andererseits ertrug er es nicht, dass wenn er dieses Bett verlassen würde und mit seinem Leben weitermachen würde, er unweigerlich damit konfrontiert werden würde, dass Klaas nicht hier war. Dass all diese letzten Wochen kein schlechter Traum, sondern grausame Realität gewesen waren.



.



Lachend drehte Joko seinen Kopf zu Klaas, war nun nur noch wenige Zentimeter von seinen Lippen entfernt. Ihre Nasenspitzen berührten sich und beinahe hätte Joko die Kameras vergessen, die sie filmten, ihr Team bestehend aus sechs Personen, die sie beobachteten und die Schaulustigen, die wenige Meter von ihnen entfernt alles aufmerksam verfolgten.
Wenn Joko sie nicht hier und jetzt outen wollte, dann musste er sich gewaltig zusammenreißen.

Sie lagen nebeneinander auf dem weichen Gras des Flugplatzes, körperlich ausgelaugt, doch voller Adrenalin nach ihrer bestandenen Aufgabe für die neue Maz für Joko & Klaas gegen ProSieben.

„Du hast es tatsächlich geschafft, Winti“, grinste Klaas, sah ihn über beide Ohren verknallt an und eigentlich war Klaas doch der rationale und vernünftige von ihnen. Eigentlich war Klaas derjenige, der schon längst hätte zurückzucken müssen, doch nichts passierte.

„Dank dir“, murmelte Joko und ließ sein Lachen verstummen, um ein sanftes Lächeln auf seine Lippen zu legen.

Sie hatten weit in die Höhe gemusst. Hatten sich an einen Hubschrauber befestigen lassen müssen und in schwindelerregender Höhe mehrere bescheuerte, kleine Aufgaben machen müssen. Und Joko hätte es niemals geschafft nur einen Finger zu krümmen, wenn Klaas nicht die ganze Zeit über seine Hand gehalten hätte. Wenn er ihm nicht die ganze Zeit beruhigende Worte zugerufen hätte.

„Gemeinsam sind wir unbesiegbar“, flüsterte Klaas nun, ließ seinen Blick zu Jokos Lippen wandern und der Größere hielt unwillkürlich die Luft an.
Würde Klaas das wirklich machen? Vor all diesen anwesenden Leuten? Joko gab ihren Fans hinter den Absperrbändern keine fünf Minuten, ehe es auf Twitter oder Instagram landen würde.

„Sind wir“, murmelte Joko und dann lehnte sich Klaas tatsächlich das letzte Stück zu ihm und drückte ihm seine Lippen auf, küsste ihn sanft, auskostend, liebevoll.
Jokos Hand wanderte in Klaas‘ Nacken und mit allem was er in sich trug, erwiderte er den Kuss und wie jedes Mal löste nur ein einziger Kuss eine Flut an Emotionen in seinem Inneren aus.

Und letztendlich war es so einfach. Nun wusste die Welt halt Bescheid, dass sie zueinander gehörten, dass nichts und niemand sich zwischen sie stellen konnte und dass Joko gegen Klaas schon längst der Vergangenheit angehörte. Im hier und jetzt war nur Platz für Joko und Klaas.



Kopfschüttelnd bewegte Joko seinen Kopf Richtung Bürotüre, versuchte diese Erinnerung in die letzte Ecke seiner Gedanken zu schieben und konzentrierte sich auf das laute Stimmengewirr, das plötzlich im Großraumbüro herrschte.

Langsam erhob er sich aus seinem Schreibtischstuhl und schlürfte zur Türe, um sie zu öffnen und verschluckte sich prompt an seiner eigenen Spucke.
Denn dort mitten im Büro stand Klaas und sah fürchterlich überfordert und unglücklich aus.

Drei Wochen waren vergangen, in denen er Klaas kein einziges Mal zu Gesicht bekommen hatte und kein einziges Mal seine Stimme hören durfte. Nur dank Birgits Anrufe wurde er darüber informiert, wie es Klaas erging.

Joko selbst hatte sich nach vier Tagen von Matthias unsanft aus dem Bett ziehen lassen. Er hatte geheult, geschrien, das Leben verflucht und Matthias hatte sich alles angehört. Anschließend hatte er sich in die Arbeit gestürzt und versucht an nichts Anderes zu denken. Was nicht gerade einfach war, denn die Hälfte seiner Arbeit bestand darin Klaas‘ Arbeit zu machen, die der Brünette derzeit offensichtlich nicht machen konnte und so war der andere Mann ständig und ohne Unterbrechungen in seinen Gedanken.
Es gab keine Sekunde, wo er nicht an ihn dachte und langsam machte es ihn verrückt.

„Mensch, wo warst du denn?“

„Wir haben uns Sorgen gemacht!“

„Wie geht es dir, Klaas?“

„Warum hast du dich nicht mal gemeldet?“

Klaas stand in Mitten von Katha, Basti, Frank und Rauli, die ihn an der Schulter berührten, ihn besorgt ansahen und ihm durcheinander Fragen stellten.

Sie sorgten sich, das wusste Joko. Vor allem, weil keiner eine wirkliche Info hatte, warum Klaas Zeit zur Regeneration brauchte. Denn auch ihrem Team hatten sie nicht alles gesagt. Joko hatte es Klaas überlassen wollen, wie viele Menschen davon wie schnell erfuhren.
Ausschließlich Mark und Jan hatte er angerufen und ihnen die Lage in wenigen Worten erklärt, denn er wollte verhindern, dass sie ihn anriefen und unvorbereitet auf diesen neuen, alten Klaas stießen.

„Leute!“ rief Joko nun über die anderen hinweg, sodass nun alle Blicke, inklusive Klaas seiner, auf Joko gerichtet waren. „Lasst ihn erstmal ankommen, bitte.“

Verwirrt zog Rauli eine Augenbraue hoch und sah Joko misstrauisch an.
Natürlich checkten ihre Freunde, dass irgendwas nicht stimmte. Joko sperrte sich auf der Arbeit immer in seinem Büro ein, hatte keinen lustigen Spruch auf den Lippen und ließ sich auch von keinem dazu überreden mit ihnen die Mittagspause zu verbringen.
Er war ein Schatten seiner Selbst und das war offensichtlich.

Joko erwiderte Raulis Blick kurz, doch dafür hatte er nun einfach keine Zeit.

Sein Klaas hätte jetzt gelacht, jeden von ihnen umarmt und ihnen geduldig auf ihre Fragen geantwortet.
Doch der neue, alte Klaas mochte es nicht angefasst zu werden, vor allem nicht von Menschen, die er nicht kannte und denen er nicht vertraute. Er hasste Menschen, die durcheinander sprachen und er hasste es den Überblick über Situationen zu verlieren.

„Kommst du?“ fragte Joko ihn, sah wie er einen Schwall an Luft ausstieß und sich mit einem entschuldigenden Lächeln zwischen Frank und Katha schob und auf Joko zuging.

„Gehen wir in Schmittis Büro“, murmelte Joko, als Klaas nah genug war und ignorierte auch Kathas fragenden Blick, da Klaas auch zu Joko einen gewissen Sicherheitsabstand einhielt, der zwischen ihnen eigentlich gar nicht vorhanden war. Zumindest in ihrer Welt.
In dieser neuen, tristen Welt ging Klaas nun mit zwei Metern Abstand zu Joko neben ihm her.

Ohne zu klopfen betrat Joko Schmittis Büro und hielt Klaas die Türe auf, sodass dieser in den Raum schlüpfen konnte.

Thomas sah auf und Joko sah ihm genau an, dass er schon meckern wollte, weil sie ohne zu klopfen sein Büro betraten, doch als seine Augen auf Klaas landeten, schloss er seinen Mund und stand schnell von seinem Stuhl auf.

Joko schloss die Türe, ließ sich mit einem Seufzen auf die kleine Couch fallen und beobachtete indes, wie Klaas unsicher auf Thomas zuging und ihm die Hand entgegenhielt.
„Ich glaube du bist Thomas, oder? Hab einiges von dir… gesehen und gehört.“

Schmitti nickte schnell und ergriff Klaas‘ Hand, um sie zu schütteln. „Ja, Thomas Schmitt. Ich bin Geschäftsführer der Florida. Eurer Firma.“

Joko presste die Lippen aufeinander.
Dieses Geschehen vor seinen Augen war so surreal. Thomas und Klaas waren seit Jahren befreundet, hatten ein solch inniges Verhältnis zueinander, dass Joko behaupten würde, dass Schmitti Klaas neben ihm in dieser Firma am nächsten stand.

Klaas nickte, als würde er durch Thomas‘ Worte bestätigt werden und ließ sich in dem Stuhl vor Schmittis Schreibtisch nieder. Und auch, wenn Joko bewusst gewesen war, dass er sich nicht neben ihn auf das Sofa setzten würde, tat es weh.

„Ich hab die Adresse im Internet gefunden und hab unten jeden Schlüssel an meinem Schlüsselbund ausprobiert, bis ich die Türe aufbekommen habe“, lachte Klaas, doch es kam sehr humorlos rüber und er selbst schüttelte den Kopf. „Jedenfalls wollte ich euch einige Fragen stellen, die ich mir nicht ergoogeln kann.“

Klaas‘ Blick wanderte zu Joko und fiel kurze Zeit auf seine Hand, an der natürlich noch immer sein Ehering lag. In diesem Leben würde Joko diesen Ring nicht mehr von seinem Finger nehmen. Da konnte Klaas‘ Ring Zuhause in seiner Nachttischschublade verstauben, er würde es niemals übers Herz bringen.

„Frag alles, was du willst“, meinte Thomas, sah ebenfalls kurz zu Joko, ehe er seinen Blick wieder auf Klaas richtete. Auch für Thomas konnte das hier alles andere als leicht sein.

Eine kurze Zeit herrschte Stille, Klaas schien mit sich selbst zu hadern, ließ seinen Blick unruhig an den ganzen Fotos an Schmittis Wänden entlangwandern.
„Ich… ich hab mir viele Videos auf YouTube angesehen, hab mir Podcast Folgen angehört und sämtliche Pressemitteilungen gelesen, in denen mein Name stand. Und ich glaube, ich habe dennoch nicht mal annähernd die Hälfte des Schwachsinns gesehen, den wir in all den Jahren anscheinend gemacht haben.“

Joko beobachtete Klaas, wie er weder Schmitti, noch ihn selbst ansah, sondern augenscheinlich weiterhin Foto für Foto eingehend betrachtete. Wie er versuchte seine Gedanken zu sortieren, den Gesichtern Namen zuzuordnen oder die Tage und Momente auf den Fotos zeitlich einzusortieren.

„Late Night Berlin ist zur Zeit gestoppt? Joko & Klaas gegen ProSieben auch?“ fragte Klaas an Schmitti gerichtet und richtete somit endlich seine Aufmerksamkeit von den Fotos weg.

Schmitti nickte. „Ja. Late Night Berlin habe ich in eine unbestimmte Sommerpause geschickt und von Joko & Klaas gegen ProSieben fehlte sowieso nur noch eine Aufzeichnung. Die lassen wir erstmal weg und senden das schon aufgezeichnete. Die gewonnenen 15 Minuten Sendezeit würden von ProSieben gutschrieben werden und die könntet ihr dann wann anders senden. Falls das für dich in Ordnung ist.“

Klaas biss sich auf die Unterlippe, schien abzuwägen und Joko tat sich verdammt schwer damit, dass er ihn nicht einschätzen konnte. Dass er nicht wusste, was er dachte und das obwohl Klaas für ihn immer ein offenes Buch gewesen war.
Aber nun konnte Joko nicht mal sagen, ob er dieses große Fernsehgeschäft überhaupt verstand und nachvollziehen konnte, was das alles bedeutete.

„Ist in Ordnung“, sagte Klaas schließlich, verschränkte seine Hände und legte sie auf seinem Schoß ab. „Ich würde diese Firma gerne mehr verstehen. Immerhin gehört sie mir ja mit und ich möchte euch da ungerne im Stich lassen. Deswegen fände ich es gut, wenn mich jemand einarbeiten könnte.“

Joko knetete angespannt seine Hände. Diese Situation war so absurd. Jahrelang hatten sie sich diese Firma aufgebaut, hatten Liebe und Arbeit hineingesteckt und Klaas war immer derjenige gewesen, der niemals den Überblick verloren hatte. Er war immer besser organisiert gewesen, als Joko und nun stand er hier und wollte eben diese Arbeit erklärt haben.

„Joko macht derzeit die Arbeit für dich mit, fängt das ab, was durch deine Abwesenheit fehlt. Er könnte dir da am besten helfen“, meinte Schmitti und schaffte es somit, dass Klaas‘ Blick nun auf dem Blonden lag. Sein Blick war undefinierbar und Joko rutschte unwohl auf dem Polster hin und her.

„Würdest du das tun?“ fragte Klaas ihn, als wenn eine Möglichkeit bestehen würde, dass er jemals etwas ablehnen könnte, um das Klaas ihn bat. Egal was passieren würde, Joko würde alles für Klaas tun.

„Natürlich“, antwortete er also leise, hielt Klaas‘ Blick stand, ehe dieser den Blick wieder abwand und erneut die Bilder an den Wänden betrachtete.

Joko folgte seinem Blick.
Dort hing ein Foto vom Rock am Ring Festival 2010, wo sie diese schrecklichen, gelben Regenjacken trugen und breit in die Kamera grinsten. Ein weiteres Bild zeigte Klaas und ihn, wie sie beide von einem Halligalli Countdown vom Schleim begossen dasaßen und lachten. Ein anderes zeigte das gesamte Team auf ihrer Weihnachtsfeier 2019.

All diese Erinnerungen hatten einen besonderen Platz in Jokos Herzen. Doch für Klaas waren es einfach nur Fotos. Beweise an ein Leben, das er nicht kannte.

„Joko, hast du Zeit zu reden? Also, unter vier Augen?“ fragte Klaas nun, sah ihn wieder an und wirkte nun sichtlich angespannter als noch vor einigen Momenten.



.



Schweigend saßen sie nebeneinander auf der Bank, die neben zwei Tischen und weiteren Bänken in ihrem Hinterhof aufgestellt war.

Die Sonne strahlte heute, erwärmte die Luft, sodass es angenehm warm war. Die Vögelchen zwitscherten und wäre die Situation anders, hätte Joko diesen Moment genossen. Nicht selten hatten sie so ihre Mittagspausen verbracht.
Doch die Situation war nun mal nicht normal.

Stattdessen saß Klaas zwar auf der gleichen Bank wie Joko, doch mit einem gewissen Sicherheitsabstand und flackerte angespannt mit seinen Augen über den Hinterhof, auf dem ein paar Büsche, Blumen, aber auch einige Paletten und weiterer Müll lag.
Sie mussten diesen Schrott dringend mal abholen lassen.

„Ich hab ein paar Fragen zu… uns“, begann Klaas, seufzte leise und richtete seinen Blick auf Joko. Joko erwiderte den Augenkontakt, sah in dieses wunderschöne blau, in das er sich verliebt hatte, doch erkannte es gleichzeitig nicht wieder, weil es doch so anders war, als er es gewohnt war.

„Ich beantworte dir alles, was du wissen möchtest, Klaas“, sagte Joko ehrlich und lehnte sich auf der Bank zurück, ohne den Blickkontakt mit Klaas zu lösen.

Klaas nickte, schien irgendwas in Jokos Blick zu suchen, doch es nicht zu finden. Seine Augen wanderten nun auf den Boden und begannen die Ameise zu verfolgen, die mühsam ein kleines Stück eines Blattes über die Steine schleppte.

„Zu unserer Beziehung steht fast gar nichts im Internet. Nicht mal das genaue Hochzeitsdatum hab ich gefunden. Wie kommt das?“ fragte Klaas nach einigen Momenten der Stille und schien sich nun noch unwohler zu fühlen, als ohnehin schon.

Joko nickte leicht und richtete seinen Blick gen Himmel. Sah eine Schar Vögel über ihnen hinweg fliegen und lauschte kurz dem Gezwitscher.
„Wir haben in der Öffentlichkeit nie einen großen Hehl aus unserem Privatleben gemacht. Die Leute wissen das Wichtigste und der Rest ist einfach privat.“

„Vernünftig“, murmelte Klaas.

„Ja. Diese Beziehung war… ist unser Rückzugsort. Ohne Kameras, ohne Beobachtung, ohne Wertung. Quasi unser Ausgleich zu diesem verrückten Leben“, versuchte Joko zu erklären und bemerkte, wie Klaas sich langsam zu entspannen schien. Er ließ seine Schultern ein wenig sinken und stoppte mit den nervösen Bewegungen seiner Hände.

„Wie lange sind wir mehr als Kollegen?“ fragte Klaas, fuhr sich mit einer Hand durch seine Haare und kopierte Jokos Position, indem er sich ebenfalls nach hinten gegen die Banklehne sinken ließ.

„Mehr als Kollegen schon immer. Irgendwie. Wir waren nie auf dieser reinen kollegialen Ebene. Wenn du mich fragen würdest, seit wann ich dich liebe, würde ich dir sagen, seitdem ich denken kann und du würdest mich einen hoffnungslosen Trottel nennen“, erzählte Joko und konnte nichts gegen das traurige Lächeln tun, das sich auf seinen Lippen bildete.

Klaas blieb kurz still und musterte Joko von der Seite.

Doch diesmal konnte Joko ihn nicht ansehen, starrte ohne irgendwas wahrzunehmen nach vorne und fragte sich zum tausendsten Mal in letzter Zeit, warum es das Schicksal so schwer mit ihm meinte.

„Seit wann sind wir zusammen?“

„Es sind jetzt fast vier Jahre. Verheiratet davon 11 Monate“, murmelte Joko, zog seinen Ring von seinem Finger und hielt ihn Klaas entgegen. „Das Datum ist eingraviert.“

Zögerlich griff Klaas nach dem Ring und musterte die Gravur auf der Innenseite des Metalls. „Es tut mir leid, dass ich so hart zu dir war und dir meinen Ring zurückgegeben habe. Ich wusste einfach nicht, wo mir der Kopf stand.“

Mit einem Seufzen reichte Klaas ihm den Ring wieder und ohne zu zögern legte Joko ihn wieder an seinen Finger.
„Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass das nicht scheiße wehgetan hat. Aber du warst schon immer ein Gefühlslegasteniker. Erst in den letzten Jahren konnte ich dir das ein wenig abgewöhnen.“

„Ich hab mit meiner Ärztin geredet und sie sagte, dass es am besten ist, wenn ich in gewohnte Routinen zurückkehre und in gewohnten Umgebungen lebe. Dadurch könnte ich meine Erinnerungen zurückbekommen. Wenn mein Körper diese Routinen erkennt und meinem Gedächtnis somit irgendwie auf die Sprünge hilft“, erklärte Klaas ihm. „Ich möchte alles tun, damit ich mich wieder erinnere.“

„Und ich werde alles tun, um dich dabei zu unterstützen. Du solltest einfach wissen, dass ich immer für dich da sein werde. Egal, was passiert“, sagte Joko. Ihm war es einfach wichtig, dass Klaas wusste, dass er immer auf Joko zählen konnte.

Klaas schien über seine Worte nachzudenken. „Und, wenn ich mich nie wieder erinnere?“

„Ich liebe dich, Klaas. Ob mit oder ohne Erinnerungen.“



.



Es war ungewohnt Klaas in ihrem eigenen Haus herumzuführen, ihm zu zeigen wo alles war und wo er seine eigenen Sachen hatte. Sie hatten dieses Haus gemeinsam geplant, gemeinsam bauen lassen und hatten sich gemeinsam eingerichtet. Dass Klaas davon keine Ahnung mehr hatte, versetzte Joko einen mittlerweile schmerzlich bekannten Stich ins Herz.

Er zeigte Klaas ihr Schlafzimmer, erklärte ihm, dass er selber im Gästezimmer schlafen würde, damit er seinen Freiraum hatte.
Wie sonst immer, schüttete er ihnen jeden Morgen vor der Arbeit einen Kaffee auf und hielt jeden Morgen an der Bäckerei in der Nähe der Redaktion, um ihnen Frühstück zu holen.
Er ließ Klaas abends das Fernsehprogramm aussuchen, kochte ab und zu für ihn, bestellte ihnen an anderen Tagen etwas und an einem Abend überredete er Klaas sogar dazu ein Brettspiel zu spielen.

Joko gab sich wirklich die größte Mühe ihm alles zu zeigen, ihm jeden Aspekt ihres Lebens vorzustellen, in der Hoffnung, dass er sich vielleicht erinnern würde.

Klaas machte alles mit, schien sich sogar mittlerweile wohl in diesem Haus zu fühlen. Er hatte Spaß an der Arbeit, die Joko ihm neu zeigte, freundete sich langsam wieder mit ihrem Team an, das sie einen Tag nach Klaas‘ Rückkehr eingeweiht hatten und begann sogar ein bisschen lockerer mit Joko umzugehen, indem er nicht bei jeder Berührung zurückschreckte oder mit ihm herumblödelte, so wie sie es sonst immer getan hatten.

Nichtsdestotrotz fehlte Joko Klaas‘ Nähe.
Er war zwar da, aber er schien so weit entfernt. Er verstand ihre Insider nicht, er wusste nicht, warum Joko ihm jeden Morgen diese bestimmte Kaffeetasse vorsetzte, die Joko ihm vor Jahren geschenkt hatte und ließ keine Nähe zu, die über eine platonische Freundschaft hinausging.

Gott, wie er ihn vermisste. Er vermisste seine Küsse, er vermisste sein Lächeln, das nur für ihn reserviert war, er vermisste das Funkeln seiner Augen und wie er in seinen Armen einschlief.

„Ich gebe mir so viel Mühe ihm Orte zu zeigen, die er kennt. Ich versuche krampfhaft unsere kleine Routine aufrecht zu erhalten, aber er erinnert sich einfach nicht“, seufzte Joko verzweifelt, nahm einen großen Schluck seines Kaffees und verbrannte sich dabei beinahe die Zunge.

Mit dem Blick auf die schwarze Flüssigkeit gerichtet, drehte er die Tasse auf dem Tisch im Kreis und schüttelte leicht mit dem Kopf.

„Keine Anzeichen dafür, dass wenigstens kleine Erinnerungen zurückkommen?“ fragte Thomas Martiens, der ihm gegenüber an seinem Schreibtisch saß und sich schon das dritte Happy Hippo in den Mund schob.

„Ich merke, wie er Dinge tut, die er auch vorher immer getan hat. Zum Beispiel, wenn er die Wohnzimmerdecke faltet, legt er sie an das gleiche Couchende, wie immer. Oder wenn er die Blumen gießt, dann macht er das in der gleichen Reihenfolge, wie vorher“, erklärte Joko und nahm trotz der Hitze noch einen Schluck von seinem Kaffee. Er brauchte das Koffein. „Es ist so, als würde sein Körper sich erinnern, aber sein Kopf nicht.“

Joko schlief schlecht. Es war schon eine Verbesserung, dass er nicht alleine in diesem Haus war, aber Klaas lag nun mal nicht neben ihm. Er lag zwei Räume weiter alleine in ihrem Bett und Jokos Gedanken rasten unaufhörlich um diese Situation, die er einfach nicht ändern konnte. Er versuchte so viel und fühlte sich doch so schrecklich machtlos.

Thomas betrachtete ihn kurz und nickte verstehend.

„Wenigstens macht er mittlerweile den Eindruck, als würde er mich ansatzweise leiden können“, nuschelte Joko, kippte sich den letzten Schluck heißen Kaffee runter und stellte die leere Tasse auf Thomas‘ Schreibtisch ab.

Dieser sah kurz zu der Tasse und zog eine Augenbraue in die Höhe. „Joko, du weißt selbst wie er in den Anfängen zu dir war. Es hat lange gedauert, bis ihr euch näherkamt.“

Wie oft hatte Joko sich versucht mit diesem Gedanken zu beruhigen. Natürlich hatte Klaas Jahre gebraucht, um Joko richtig an sich heranzulassen, aber Joko konnte doch jetzt nicht jahrelang warten, um diesen Prozess erneut mitzumachen. Bis er erneut verstand, dass er Joko gar nicht so nervig fand, wie er immer tat.

„Wie viel schläfst du nachts?“ fragte Thomas weiter und ließ ihm somit gar keine Zeit überhaupt auf seine vorherigen Äußerungen zu antworten.

Der Blonde zuckte mit den Schultern, was seinen Freund nur seufzen ließ. „Es bringt nichts, wenn du dich kaputt machst.“

„Was erwartest du?“ fragte Joko, konnte die Tränen nicht verhindern, die sich in seinen Augen sammelten. „Scheiße Thomas, mein Mann kann sich nicht daran erinnern, was wir in so vielen Jahren alles erlebt haben. Er kennt mich nicht mal, Thomas. Er kennt mich nicht. Er weiß nicht, wer ich bin und warum zum Teufel von ihm erwartet wird, dass er mich lieben soll.“

Seit Wochen versuchte er sich zusammenzureißen. Versuchte stark zu sein, für Klaas. Versuchte ihm eine Stütze zu sein. Versuchte sich nicht anmerken zu lassen, wie es ihn jedes Mal traf, wenn Klaas unwissentlich etwas sagte oder tat, was ihm vor Augen führte, was das für eine grausame Situation war.

Die Tränen liefen ihm mittlerweile unaufhörlich über die Wangen, als er Thomas‘ Arme um sich spürte und sofort sein Gesicht in dem T-Shirt des anderen vergrub.

Lange saßen sie da, während Joko ihm das Shirt nass heulte und Thomas ihm einfach beruhigend über den Rücken strich.

„Tut mir leid“, nuschelte Joko, drückte sich langsam von dem Schwarzhaarigen weg, um sich die Brille von der Nase zu ziehen, um mit dem Saum seines eigenen T-Shirts seine Tränen wegzuwischen.

„Nichts wofür du dich entschuldigen musst“, erwiderte Thomas, blieb jedoch vor seinem Stuhl hocken und legte eine Hand auf sein Knie. „Hier sind so viele Menschen, die dir versuchen werden zu helfen, wenn du nur fragst, Joko. Du musst das nicht alleine machen.“

Joko nickte, atmete laut aus und schob sich die Brille wieder ins Gesicht. „Danke.“

„Hör mal“, begann Thomas, während er sich langsam erhob und sich gegen die Platte es Schreibtisches lehnte. „Wie wär’s, wenn du mit Klaas dort hingehst, wo er dir den Antrag gemacht hat?“

Der Blonde hielt inne.
Das wäre vielleicht gar keine schlechte Idee. Er hatte viele Beiträge im Internet gelesen, dass man mit den Betroffenen an Orte gehen sollte, die emotional bedeutend waren. Dass gerade starke Emotionen die Erinnerungen triggern würden.

„Du bist ein Genie.“
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