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Always Remember Us This Way

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf
08.06.2021
30.06.2021
5
19.635
41
Alle Kapitel
23 Reviews
Dieses Kapitel
6 Reviews
 
 
08.06.2021 4.572
 
Hallo zusammen!

Da bin ich wieder und hab diesmal wieder ne kleine Geschichte für euch dabei!
Inspiriert hat mich "The Vow" bzw. "Für immer Liebe" (mag den deutschen Titel nicht), als ich diesen Film letztens nochmal gesehen habe. Wer ihn nicht kennt, kann sich gerne mal den Trailer ansehen. Ist aber nicht notwendig, um die Story zu verstehen.
So, also die Grundidee entstammt aus dem Film, also falls Ähnlichkeiten auftreten sollten, ist es bewusst so geschrieben. Diese Geschichte hier hangelt sich jedoch an ihrer eigenen Storyline entlang und hat mit den Geschehnissen im Film wenig zu tun.
So viel dazu!

Die Geschichte wird 4 Kapitel und einen kleinen Epilog umfassen und ist weitesgehend fertig geschrieben. Wann genau ich update kommt ganz drauf an, wie ich die Zeit finde. Bin derzeit mit meinem Zeitmanagement nicht so im reinen.

Aber nun:
Der Titel stammt aus dem Film "A Star is Born" von Lady Gaga und Bradley Cooper und der Kapiteltitel stammt aus Lord Hurons "The Night We Met".

Viel Spaß euch allen, würde mich sehr über Rückmeldungen freuen! :)  




...



Müde rieb sich Joko über seine brennenden Augen, versuchte irgendwie einen klaren Gedanken zu fassen, um auf die E-Mail zu antworten, die er nun schon seit einer geschlagenen halben Stunde anstarrte.

Es sollte wirklich nicht so schwer sein, immerhin ging es hier lediglich um eine Bestätigung für sein Einverständnis bezüglich des Designs seiner zwei neuen Jokolade Sorten.

Doch sein Gehirn streike, konnte keinen grammatikalisch korrekten Satz bilden und ihm wurde schmerzlich bewusst, dass er dieses Problem schon seit Wochen hatte. Seit Wochen bekam er nichts auf die Kette und keiner war ihm böse, weil jeder Mitleid mit ihm hatte und jeder ließ ihm alles durchgehen.
Und dieses Gefühl war am schlimmsten. Er hasste es, seine Arbeit nicht vernünftig zu machen und nicht mal vernünftige Kritik dafür zu erhalten.

Das Klingeln seines Handys ließ ihn so dermaßen zusammenzucken, dass er beinahe seine bereits fünfte Kaffeetasse an diesem Morgen vom Schreibtisch fegte und sie nur mit Mühe noch retten konnte.

Ohne auf das Display zu gucken nahm er das Telefonat an.
„Winterscheidt.“

„Herr Winterscheidt, Doktor Lenzen hier“, meldete sich die Stimme von Klaas‘ Ärztin am Telefon und sofort saß Joko kerzengerade auf seinem Stuhl. Sein Herz begann schmerzhaft schnell in seiner Brust zu schlagen und die Anspannung ließ seine Muskeln erzittern.
Sie hatte ihn bisher erst einmal angerufen und das war, als Klaas einen epileptischen Anfall erlitten hatte.

„Er ist wach.“



.



Es hatte ihn lediglich 20 Minuten gekostet, um ins Krankenhaus zu rasen und er war sich sicher, dass er auf dem Weg mindestens einmal geblitzt worden war.
Doch selten war ihm etwas so egal gewesen.

Außer Atem lief er durch die Gänge, die er in den letzten Wochen schon viel zu oft entlanggegangen war und blieb letztlich vor dem Zimmer stehen, in dem Klaas seit diesem verheerenden Unfall lag.

Wie viel Zeit Joko in diesem Zimmer verbracht hatte. Wie viel er mit Klaas geredet hatte, ohne eine Antwort zu erhalten. Wie oft er ihn berührt hatte, ohne dass die Berührung erwidert wurde. Wie oft er ihn angesehen hatte, ohne dieses wunderschöne Blau seiner Augen auf sich ruhen zu sehen.

Die Presse hatte Klaas schon direkt nach dem Unfall aufgegeben. Hatte überall berichtet, dass er wohl nie wieder aufwachen würde. Die Ärzte hatten ihm keine Hoffnung gemacht, hatten gesagt, dass sein Schädelhirntrauma zu schwer sei. Dass es einfach zu viel für seinen Körper und vor allem sein Gehirn wäre.

Doch diese drei Wörter der Ärztin hatten alles verändert.

Er ist wach.

Gott, Klaas war aufgewacht. Er lebte.

Joko biss sich aufgeregt in die Unterlippe, bohrte seine Zähne fast schmerzhaft in das Fleisch, doch wusste nicht wohin sonst mit seiner Anspannung, als er die Klinke der geschlossenen Türe betätigte und den Raum betrat.

Und da lag er.

Doktor Lenzen und eine Krankenschwester standen an jeweils einer Seite von Klaas‘ Bett, doch Joko blendete sie komplett aus. Konnte nur auf den Mann in dem Bett sehen, der nun seinen Blick erwiderte und erleichtert stieß Joko einen Schwall an Luft aus, den er unbewusst zurückgehalten hatte.

„Na“, flüsterte Joko sanft, sprach leise, weil er seiner Stimme nicht vertrauen konnte und ging langsam auf das Bett zu.

„Hallo“, sagte Klaas seltsam neutral und musterte Joko von oben bis unten. Sah ihn so an, als hätte er ihn noch nie im Leben gesehen und Joko fragte sich, ob er vielleicht unter Schmerzmitteln stand und deswegen sein Blick so unruhig an ihm entlangwanderte.

„Wo ist meine Mutter?“ fragte Klaas nun an Doktor Lenzen gerichtet, anstatt an ihn. Verwirrt schüttelte er leicht den Kopf.

„Ich hab sie auf dem Weg hierher angerufen. Sie ist unterwegs“, murmelte Joko, ließ Klaas dabei nicht aus den Augen, denn irgendwas stimmte hier nicht. Hatte er Schmerzen? Er hatte nicht einmal gelächelt, seitdem Joko den Raum betreten hatte.

Joko hatte in den letzten Wochen sehr viel über Komapatienten gelesen. Viele waren wohl verwirrt, wenn sie aufwachten, hatten Schmerzen, wussten gar nicht wo sie waren.
Doch Joko war sich sicher, dass seine Ärztin ihm schon erklärt haben musste, dass er einen Unfall gehabt hatte und im Krankenhaus lag. Immerhin war er nun schon seit über 30 Minuten wach.

Vorsichtig blieb er neben Klaas‘ Bett stehen und legte seine Hand auf seinen Unterarm. Strich sanft mit dem Daumen über die freie Haut, würde ihm jetzt den Beistand geben, den er brauchte. Doch keine Sekunde später hatte Klaas ihm seinen Arm entzogen.

Verwirrte krampfte Joko seine Hand zu einer Faust zusammen und versuchte den Stich in seinem Herzen zu ignorieren.
Vielleicht ging es Klaas einfach nicht gut.

„Wie ist die Lage?“ fragte Joko an Doktor Lenzen gerichtet, die ihm gegenüber an Klaas‘ anderer Seite stand und ihr Klemmbrett sinken ließ. Mit einem Stirnrunzeln sah sie zwischen Joko und Klaas hin und her.  

„Noch kann ich nichts eindeutiges sagen, aber seine Werte sind gut“, antwortete sie, richtete nochmal kurz einen Blick auf ihr Klemmbrett und legte es anschließend auf den Rollwagen neben Klaas‘ Bett. „Aber…“

„Entschuldigung, aber wer sind Sie eigentlich, dass Sie vor meiner Mutter hier sind und sie auch noch angerufen haben?“ unterbrach Klaas die Ärztin und zog misstrauisch eine Augenbraue in die Höhe.

Joko brauchte einen Moment, bis sein Verstand ernsthaft realisiert hatte, dass Klaas mit ihm sprach. Er sah ihn an, er redete über seine Mutter, die Joko angerufen hatte. Der Brünette adressierte also eindeutig ihn, dennoch verstand Joko gar nichts.

„Was?“ stieß er wenig adäquat aus und legte seine Stirn in Falten. Gestresst fuhr er sich mit der Hand über seinen Bart, den er in letzter Zeit ziemlich vernachlässigt hatte und welcher deswegen, ebenso wie seine Haare, dementsprechend gewachsen war.

„Arbeiten Sie für meine Mutter?“ fragte Klaas nun weiter und Joko empfand diese Situation wirklich sehr falsch, um zu scherzen.

Er würde Klaas gerne küssen, würde ihm gerne stundenlang nur in die Augen sehen, würde gerne nur seine Hand halten und dabei den erwiderten Druck Klaas‘ eigener Hand spüren. Mehr wollte er nicht. Er hatte jetzt definitiv nicht die Nerven für Streiche.

„Klaas, ich hab jetzt wirklich keine Lust auf Witze“, hauchte er unsicher, denn Klaas sah nicht so aus, als würde er Witze machen. Vielmehr betrachtete er ihn ernst, ohne das übliche Funkeln seiner Augen. Ohne diese Sanftheit, die normalerweise in seinem Blick lag, wenn er den Blonden ansah.

Joko lief ein unangenehmer Schauer über den Rücken.
Wie lange war es her, dass Klaas ihn ohne jegliche Emotion in seinem Ausdruck angesehen hatte?

„Gleichfalls. Ich liege in einem Krankenhausbett und mir wurde gesagt, dass ich einen Unfall hatte. Für Witze bin ich gerade ehrlich nicht ausgelegt“, sagte Klaas sichtlich verärgert und Jokos Herz rutschte in die Hose.

Verzweifelt warf er Doktor Lenzen einen Blick zu und wollte von ihr bestätigt haben, dass er sich hier nichts einbildete und sein Kopf ihm keinen Streich spielte.
Vielleicht hatte er gestern Abend mit Matthi zu viel gesoffen und träumte nun diesen unfassbar grauenvollen, aber ziemlich real anfühlenden Traum?

Doch Doktor Frenzen seufzte leise und nickte, als wäre dies keine überraschende oder neue Information für sie und richtete ihren Blick auf Klaas.

„Herr Heufer-Umlauf, können Sie mir sagen wie alt sie sind?“ fragte sie und gequält ließ auch Joko seinen Blick zu seinem Partner wandern.

Klaas hatte seinen skeptischen Blick noch immer auf Joko ruhen und Joko war sich nicht sicher, wie lange er diese Kälte in seinen Augen noch ertragen konnte.

„Zweiundzwanzig.“



.




„Klaas“, sagte der kleine, brünette Mann vor ihm und hielt ihm höflich die Hand entgegen. „Ich schätze wir teilen uns einen Schreibtisch.“

Joko kannte Klaas aus dem Fernsehen, hatte ihn schon öfters moderieren sehen und empfand ihn als äußerst talentierten, jungen Mann, der zwar Jokos Ansicht nach etwas verschlossen rüberkam, aber gleichzeitig sehr liebenswert wirkte.

Irgendwas strahlte er aus, irgendwas löste er bei Joko aus, sodass sich der Ältere sofort wohl in seiner Gegenwart fühlte, dass er ihn sofort ins Herz schloss und sich sogar darauf freute sich mit ihm einen Arbeitsplatz zu teilen.

Also ergriff Joko Klaas‘ Hand und schüttelte sie.
„Joko.“

Klaas lächelte und obwohl er ihm seine Hand nach dem Bruchteil einer Sekunde wieder entzog, machte sein Herz einen Sprung.
Dieser Mann hatte das schönste Lächeln, was Joko je gesehen hatte und Joko realisierte, dass dieses ehrliche Lächeln niemals mit dem Show-Lächeln zu vergleichen war, das Joko von ihm schon mehrfach im Fernsehen gesehen hatte.

„Ahh, du hast die Beatles auseinander gebracht“, lachte Klaas und verschränkte die Arme vor seiner Brust.

Joko brauchte einen Moment, bis der Witz bei ihm ankam und unwillkürlich schossen seine Augenbrauen belustigt in die Höhe.
„Das hab ich ja noch nie gehört.“

„Dabei liegt der Gag doch auf der Hand. Ne Schande, dass bisher keiner auf die Idee gekommen ist“, erwiderte Klaas breit grinsend und ließ sich auf seinen Schreibtischstuhl fallen.

Joko strich sich seine Strähne hinters Ohr und ließ sich gegenüber von Klaas auf seinen eigenen Stuhl fallen.
Der Schreibtisch war so aufgebaut, dass jeder eine Hälfte nutzen konnte und sie sich somit die ganze Zeit gegenübersitzen würden. Was Joko nicht stören sollte, immerhin hatte er so einen perfekten Blick auf ihn.

„Vielleicht denkst du auch einfach nur komisch und verdreht“, sagte Joko und schmunzelte, als Klaas‘ Augen neckisch aufblitzten.

„Sagt der, der es anscheinend nur zum Frauenfriseur schafft. Willst du dir die Haare eigentlich noch bis zum Arsch wachsen lassen?“

Joko lachte, haute amüsiert mit der flachen Hand auf die Tischplatte und hielt sich den Bauch. Der Kerl war wirklich was besonderes und es war so einfach sich mit ihm sarkastisch zu zanken.
Er spürte einfach, dass es zwischen ihnen eine besondere Connection gab und Joko freute sich darauf, diese Verbindung weiter zu entdecken.

Vielleicht könnten sie ja mal eine Show zusammen moderieren.




.



Unruhig wippte Joko mit seinem Bein, wäre am liebsten durch den Raum gerannt, doch Birgit hatte ihn dazu genötigt sitzen zu bleiben, weil sie Angst hatte, dass er noch umkippen würde, während sie mit ihrem Sohn sprach.

Retrograde Amnesie.
Das hatte Doktor Lenzen ihm erklärt. Hatte ihm gesagt, dass es äußerst selten sei, dass ein Mensch so viele Jahre seines Lebens vergaß, doch dass es durchaus möglich sei und dass keiner wissen könnte, ob und wann Klaas‘ Erinnerungen zurückkommen würden.

Mit Mühe hatte Joko seine Tränen zurückgehalten und fühlte sich seitdem einfach nur leer. Fühlte sich seltsam taub, während er außerhalb von Klaas‘ Zimmer auf Birgits Ankunft gewartet hatte und ihr mit wirren Worten versucht hatte die Lage zu erklären.

Und nun saß er hier, knibbelte tatsächlich an seinen Fingernägeln, eine Angewohnheit, die er seit seiner späten Jugendphase schon abgelegt hatte und wünschte sich gerade einfach nur einen breit grinsenden Thomas Martiens, einen lachenden Frank und einen amüsierten Basti, die mit der Kamera um die Ecke sprangen und „Verarscht“ schrien.

Kopfschüttelnd zählte er zum tausendsten Mal die Kacheln an der Wand gegenüber von ihm und fuhr sich in einer verzweifelten Geste durch die Haare.

Klaas erinnerte sich nicht an ihn!
Verdammt, er hatte Joko seines Wissens noch nie gesehen und das, was Joko von ihm wusste, waren 15 Jahre voller Erinnerungen, die sein Leben nachhaltig geprägt hatten. Der Brünette war die Person in seinem Leben, die seit Jahren am präsentesten und am wichtigsten war. Er war sein Co-Moderator, sein Kollege, sein bester Freund, sein Seelenverwandter und er war sein verdammter Ehemann. Und Jokos Gedanken kreisten unaufhörlich darum, dass Klaas das alles für ihn war, aber er nicht für Klaas.

Joko kniff schmerzhaft die Augen zusammen, drehte fast schon panisch an dem goldenen Ring seines rechten Ringfingers und versuchte sich wieder leer zu fühlen. Dieses Gefühl war definitiv besser, als diese quälende Hilflosigkeit, die er bei diesen Gedanken wie eine über ihn brechende Welle ertragen musste.

„Joko“, ertönte Birgits fürsorgliche Stimme direkt vor ihm und erschrocken riss er die Augen auf und blickte in die sanften Augen Birgits, die direkt vor ihm hockte und ihm vorsichtig ihre Hände auf seine legte, um seine Bewegungen zu stoppen.

„Was sagt er?“ fragte Joko erschöpft und ging dazu über auf seiner Unterlippe zu kauen.

„Er… er hat mich gefragt, wer du bist und was du hier willst. Er denkt… er denkt, er arbeitet frisch bei VIVA und…“ erklärte Birgit ihm stockend, hatte selbst sichtlich mit ihren Tränen zu kämpfen, seufzte und ließ ihre Schultern hängen. „Ich hab versucht ihm einige Sachen zu erklären, aber ich finde du solltest mit reinkommen.“

„Er erkennt mich nicht. Er weiß nicht wer ich bin“, stieß Joko deprimiert aus, als würde Birgit das nicht selbst wissen und spürte nun doch eine Träne seine Wange herunterlaufen.
Es laut auszusprechen brach sein Herz entzwei.

„Ich weiß. Aber du musst mit ihm reden, Joko. Bitte. Du musst ihm erklären, was genau passiert ist“, bat Birgit ihn und ihrem flehenden Blick konnte Joko einfach nicht widersprechen.
Leicht nickend erhob er sich also von dem Stuhl, atmete noch einmal tief durch und betrat zum zweiten Mal an diesem Tag Klaas‘ Zimmer.

Er saß etwas aufrechter im Bett, starrte mit verwirrtem Blick auf seinen Ehering, strich mit einem Finger über das Metall und schüttelte den Kopf.

Joko schluckte schwer, versuchte alles in seiner Macht stehende, um ein beruhigendes Lächeln auf seine Lippen zu legen, doch er wusste selbst, dass es eher gequält aussah.
Und sein Klaas hätte das erkannt, hätte ihn durchschaut und ihn in die Arme genommen. Doch dieser Klaas sah ihn nun ausdruckslos an und nichts in seinem Leben hatte ihm jemals solche Schmerzen verursacht.

Langsam ließ Joko sich auf den Stuhl neben seinem Bett sinken, wollte schon aus reiner Gewohnheit nach Klaas‘ Hand greifen, doch zuckte auf halben Weg zurück und wusste ganz genau, dass Klaas ihn aufmerksam beobachtete und diese Geste aufgeschnappt hatte.

Birgit setzte sich an das Fußende auf das Bett und nickte Klaas aufmunternd zu.

Joko faltete seine Hände auf seinem Schoß und spürte, wie Klaas‘ Blick auf seinem eigenen Ringfinger hängen blieb, wo der identische Ring ruhte, wie an Klaas‘ eigener Hand.

Der Brünette seufzte schwer, vergrub seine rechte Hand unter seiner Decke, als könnte er den Ring nicht mehr ansehen und Joko versuchte wirklich sein menschenmöglichstes, um nicht zu weinen.

„Du bist Joko?“ fragte Klaas und Joko hörte jede Oktave der Unsicherheit aus seiner Stimme heraus, konnte quasi fühlen, wie verzweifelt Klaas selbst war und nickte nur. Seiner eigenen Stimme vertraute er einfach nicht.

„Ich bin ehrlich, mir fällts sehr schwer zu begreifen, was hier passiert und dass… dass wir verheiratet sein sollen“, erklärte Klaas ihm, als würde er damit nicht Jokos Herz packen und es aus seiner Brust reißen.

Der Blonde presste die Lippen zusammen und nickte nur wieder. Er wusste nicht, was er dazu sagen sollte.
Natürlich fiel es Klaas schwer zu glauben, dass er jemanden wie Joko lieben konnte. Wahrhaftig lieben. So, wie Klaas sich die ersten Jahre in seiner Gegenwart verhalten hatte, hatte Joko sein Glück selbst nicht glauben können, als sie sich nach und nach immer nähergekommen waren.

„Das ist mir alles zu viel“, murmelte Klaas und Jokos Augen füllten sich nun doch mit Tränen. Denn Joko ging es so schlecht, wie noch nie in seinem Leben. Doch wie musste es Klaas gehen? Ihm wurde ein komplettes Leben vor die Nase gestellt, an das er sich in keinster Weise erinnern konnte.

„Keiner erwartet irgendwas von dir, Has- Klaas“, korrigierte Joko sich schnell, kaschierte das mit einem halbherzigen Husten, doch wusste gleichzeitig, dass sowohl Birgit, als auch Klaas seinen Versprecher klar und deutlich gehört hatten. „Keiner setzt dich unter Druck. Wir… wir wollen dir alle nur helfen. Versprochen.“

Klaas sah ihn lange mit einem undefinierbaren Blick an. Schien Joko einschätzen zu wollen. Gott, er sah ihn ja gerade in seiner Wahrnehmung zum zweiten Mal!

„Was ist passiert? Wie… bin ich hier gelandet?“ fragte Klaas nun und musterte Joko angespannt, wie er kurz die Augen schloss, um Jakobs Stimme aus dem Kopf zu bekommen, der ihm panisch und durcheinander versuchte Joko zu erklären, was passiert war.

Die Augen wieder öffnend, sog er scharf Luft in seine Lungen und versuchte sich zu beruhigen. Irgendwie.
„Du hast einen Beitrag für Late Night Berlin gedreht-.“

„Was ist Late Night Berlin?“ unterbracht Klaas ihn jedoch sofort und unwillkürlich zuckte Joko zusammen. Das konnte doch nur ein schlechter Traum sein.
Late Night Berlin war Klaas‘ Traum. Seit Jahren. Und er erinnerte sich nicht an diese Show.

„Deine Late Night Sendung“, erwiderte er und konnte Klaas dabei nicht ansehen. Er sah kurz zu Birgit, die sich eine Träne wegwischte und richtete seinen Blick auf das weiße Laken des Bettes. „Jedenfalls hast du einen Beitrag im Studio gedreht, wofür du hochgezogen wurdest und bist… das Sicherungsseil hat sich gelöst und du bist einfach… gefallen.“

Joko hatte genau diese Bilder vor Augen, wie Klaas aus mehreren Metern fiel.
Jeder hatte ihn gewarnt, dass er sich diese Bilder nicht ansehen sollte, doch Joko hatte nicht hören wollen. Hatte verstehen müssen, was passiert war. Doch im Nachhinein wusste er, dass er auf sein Team hätte hören sollen.
Er bekam diese verfluchten Aufnahmen nicht mehr aus dem Kopf. Jedes Mal, wenn er die Augen schloss, sah er Klaas fallen und hörte diesen dumpfen Knall, als er auf dem Studioboden aufkam und sah, wie er sich keinen Millimeter mehr rührte. Wie er einfach dalag und sich nicht mehr bewegte. Wie das Kamerabild wackelte und schließlich schwarz wurde.

„Warum sollte ich mich irgendwo hochziehen lassen?“ fragte Klaas misstrauisch, denn natürlich konnte er sich nicht vorstellen, warum. In seiner Welt moderierte er VIVA Live und stellte keinen Mist für die Unterhaltung der Menschen an.

Joko zuckte mit den Schultern und schaffte es endlich Klaas anzusehen.
„Ihr wolltet irgendwelche Internetstunts nachstellen und beweisen, dass die gefaked sein müssen.“

„Wo warst du?“

„München“, nuschelte Joko, während er seinen Blick erwiderte und nur irgendwie versuchte in seinen Augen zu erkennen, was er fühlte oder dachte.
Vergebens.

„Meine Mutter sagte eben, dass wir zusammen arbeiten und zusammen leben. Wie passt das alles zusammen?“

„Die Late Night ist deine eigene, da hab ich im Grunde nichts mit zu tun. Deswegen war ich nicht da und in München hab ich einige geschäftliche Termine gehabt“, erklärte Joko schwammig.
Wie sollte man auch ein ganzes Leben und ein ganzes Arbeitsumfeld in ein paar Sätzen erklären?

Nun nickte Klaas unsicher und sah wieder zu seiner Mutter. „Ich würde gerne schlafen. Bin müde.“

Joko verstand den Hint, auch wenn er wehtat, erhob sich von seinem Stuhl und ließ seinen Blick noch einmal über das Gesicht des Brünetten wandern. Jede Pore und jede Falte war ihm so schmerzlich vertraut, dass er es kaum ertrug ihm nicht auf jeden einzelnen Zentimeter einen Kuss auf die Haut zu hauchen.

„Schlaf gut, Klausi“, murmelte Joko sanft, konnte sich dann doch nicht halten und ließ seine Hand einmal über Klaas‘ linken Arm streifen. Doch Klaas‘ Arm zuckte zur Seite, sodass Joko seine Hand so schnell zurückzog, als hätte er sich verbrannt.

„Entschuldige“, nuschelte er, als er sich rasch umdrehte und beinahe fluchtartig das Zimmer verließ, sodass keiner der Anwesenden seine Tränen sehen konnte, die ihm nun unaufhaltsam über die Wangen liefen.



.



Nervös sah Joko zu Schmitti, der ihn stirnrunzelnd beobachtete, sah Jakob, der mit offenstehendem Mund zu ihm blickte und Thomas Martiens, der resigniert zu Boden starrte.

Ihm war schon klar gewesen, dass keiner Friedefreude Eierkuchen erwartet hatte, nachdem Klaas nach fünf Wochen aus dem Koma erwacht war. Doch mit einer Amnesie hatte natürlich keiner gerechnet. Denn Klaas hatte ja nicht nur Joko vergessen, sondern auch die gesamte Redaktion.

„Was meinst du damit, er erinnert sich nicht?“ fragte Schmitti leise und Joko wusste, dass er andere Mann ganz genau verstand, was Joko ihnen da gerade mitgeteilt hatte. Dass er die Auswirkungen dessen ganz genau begriff, doch dass er Joko die Möglichkeit gab, alles zurückzunehmen und die Welt wieder in Ordnung zu rücken.
Doch nichts war in Ordnung.

„Er hat keine Ahnung, was er karrieretechnisch erreicht hat und er hat keine Ahnung, wer wir sind“, fasste Joko erbarmungslos zusammen und auch jetzt, einen Tag danach, fühlte es sich noch immer surreal an.

Er hatte kein Auge zugemacht, hatte nichts gegessen und nur Literweise Kaffee und Energydrinks in sich geschüttet. Dass dies alles andere als gesund war, war ihm bewusst. Doch interessieren tat es ihn herzlich wenig.

„Wie kommst du klar?“ fragte Thomas vorsichtig und sah Joko nun an. Sein Blick war einfühlsam und Joko zuckte nur mit den Schultern.

„Gar nicht“, nuschelte er, denn den Personen in diesem Raum brauchte er nichts vormachen. Die kannten ihn besser, als er das von den meisten anderen Menschen in seinem Leben behaupten konnte.

Thomas nickte, legte eine Hand auf sein Knie und strich beruhigend darüber, während er seinen Blick wieder auf den Boden richtete.

„Ich weiß, dass du das nicht hören möchtest, aber wir müssen uns überlegen, was wir der Presse sagen“, stellte Schmitti klar und Joko sah ihm an, dass er ungerne der rational denkende war, doch er war ihm dankbar. Irgendwer musste ja hier wenigstens versuchen einen kühlen Kopf zu bewahren.

Jakob seufzte und setzte sich in seinem Stuhl auf. „Definitiv werden wir nichts von seinem Gedächtnisverlust erzählen. Zumindest erstmal“, stellte er klar, erntete ein Nicken von Schmitti und Thomas. „Wir sagen nur, dass er aufgewacht ist und nun Ruhe zur Regeneration braucht.“

„Find ich gut“, sagte Schmitti und fing nun Jokos unruhigen Blick ein. „Joko, was sagst du?“

Joko seufzte und nickte schließlich ebenfalls. „Wir sagen nur das Nötigste. Das geht keinen etwas an.“




.




„Das Wichtigste ist drin. Unterwäsche, Socken, Klamotten, Hygieneprodukte und dein Lieblingsbuch“, ratterte Joko den Inhalt der großen Sporttasche runter, die auf Klaas‘ gemachten Krankenhausbett stand.

Klaas nickte nur, zupfte an seinem Pullover und Joko spürte seinen Blick auf sich, als er den Reißverschluss der Tasche wieder zuzog.
Er sah gut aus. Besser. Sein Bart war ordentlich gestutzt, seine Haare zum ersten Mal, seitdem er aufgewacht war, nach hinten gegelt und er war nicht mehr so blass im Gesicht, wie er es die vergangenen Wochen zwischen diesen weißen Laken gewesen war.

Eine Woche war vergangen, seitdem Klaas aufgewacht war. Eine Woche, in der es Joko noch beschissener ging, als zu der Zeit, in der Klaas im Koma gelegen hatte. Eine Woche, in der Joko jeden Tag ins Krankenhaus gekommen war und das obwohl er spürte, dass Klaas ihn nicht dahaben wollte.

Er war ein Fremder für ihn. Klaas hatte keine Ahnung, wer er war oder warum er ihn geheiratet hatte. Gott, Joko hatte das Gefühl, dass er ihn nicht mal mochte. Dass er ihn nicht mal sympathisch fand.

„Was ist mein Lieblingsbuch?“ fragte er nun vorsichtig und Joko lächelte traurig.

In der Woche hatte Klaas ihn so viele Sachen über sein Leben und seine Arbeit gefragt. Joko hatte versucht ihm alles ausführlich zu erklären, hatte seinen eigenen Schmerz zur Seite geschoben und ihm jede einzelne Frage geduldig beantwortet.
Nur über ihre Beziehung hatte Klaas ihn bisher nichts gefragt. Hatte mit keiner Silbe erwähnt, dass er darüber mehr erfahren wollte und Joko traute es sich nicht, das Thema anzusprechen.

„Wetten Spaß von Frank Elstner“, antwortete er ihm und beobachtete, wie Klaas ein belustigtes Schnauben ausstieß.

„Ehrlich?“ fragte er ungläubig.

Auf Jokos Lippen bildete sich ein leichtes Schmunzeln. „Ehrlich. Du hast es bestimmt schon dreimal gelesen.“

Klaas schüttelte ungläubig grinsend den Kopf.

Das war der Klaas, den Joko so schmerzlich vermisste. Der Klaas, der in seiner Gegenwart grinste und nicht so unglaublich abwehrend ihm gegenüber war.
Normalerweise hätte Joko jetzt lachend nach ihm gegriffen und ihm einen Kuss auf die Haare gedrückt.
Stattdessen vergrub er seine Hände in der Hosentasche.

„Komm mit mir nach Hause“, bat Joko ihn leise und fühlte sich direkt schuldig, als Klaas‘ Grinsen gefror und sich ein entschuldigender Ausdruck auf sein Gesicht legte.

Kopfschüttelnd griff er nach der Sporttasche. „Ich halte es für besser, wenn ich erstmal mit meiner Mutter nach Oldenburg fahre. Wie abgesprochen.“

Wenn Joko daran dachte weiterhin alleine in ihrem Bett zu liegen, alleine an diesem viel zu großen Essenstisch zu frühstücken, nur eine Tasse statt zwei unter die Kaffeemaschine zu stellen, nur die Hälfte der Wäsche zu waschen und keine langweiligen Dokumentationen gucken zu müssen, wurde ihm schlecht.

Viel zu schnell hatte er sich an Klaas gewöhnt, daran mit ihm in ihrem Haus zu wohnen und ihn ständig um sich herum zu haben, sodass er es nun kaum noch ertrug alleine in ihrem gemeinsamen Zuhause zu sitzen.
Nicht nur einmal hatte er sich in den vergangenen Wochen aus Verzweiflung ein Hotelzimmer gemietet, weil er Klaas‘ Geruch, mit dem Wissen, dass er nicht da war und auch nicht kommen würde, nicht ertrug.

„Klaas, bitte“, flehte er, doch wusste schon, dass er diesem Kampf verloren hatte. Dass Klaas nicht mehr der Klaas war, der alles für ihn tat, weil er ihn liebte. Dieser Klaas kannte ihn nicht, empfand gar nichts für ihn und musste ihm deswegen auch keine Gefallen tun.

Der Brünette schüttelte nur wieder mit dem Kopf und ließ die Sporttasche mit einem dumpfen Knall auf den Boden fallen.
Er zögerte, sah Joko kurz an und zog dann mit einer flinken Bewegung seinen Ehering von seinem Finger, drehte ihn noch einmal und streckte ihn Joko schließlich entgegen.

Joko starrte nur mit großen Augen auf Klaas‘ offene Hand, die das Zeichen ihrer Liebe auf der Handfläche liegen hatte.

Schwer schluckend richtete Joko seinen Blick auf Klaas, der den Augenkontakt erwiderte und hier und jetzt Joko seine komplette Welt unter den Füßen wegriss.

„Nicht. Tu das nicht. Ich flehe dich an“, flüsterte Joko und spürte schon, wie die erste Träne sein Auge verließ. Er fühlte sich, als würde dieses Universum ihn verhöhnen. Als würde es ihm jahrelanges Glück schenken, um es ihm dann erbarmungslos vor die Füße zu spucken.

„Es fühlt sich nicht richtig an, ihn zu tragen. Ich… Es tut mir leid“, sagte Klaas und Joko meinte sowas wie ehrliches Mitleid in seinen Augen zu erkennen, doch es fiel im derzeit so schwer den Kleineren zu lesen, dass er sich da nicht sicher sein konnte.

Und selbst wenn, Joko wollte kein Mitleid von Klaas. Er wollte Mitgefühl, er wollte Zuversicht, er wollte Vertrauen. Aber alles was er bekam, war Klaas‘ Hand, die immer noch zwischen ihnen in der Luft schwebte und ihm symbolisch das nahm, was ihn am glücklichsten machte.

Mit zitternden Händen griff er nach dem Ring, der sich tonnenschwer zwischen seinen Fingern anfühlte und sah Klaas mit schmerzender Brust dabei zu, wie er seine Jacke anzog und erneut nach der Tasche griff.

„Wir sehen uns“, sagte Klaas und mit einem letzten Blick war er aus dem Zimmer verschwunden und mit ihm auch Jokos gesamtes Glück.
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