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Vertrau mir!

GeschichteKrimi, Freundschaft / P12 / Gen
Kriminalhauptkommissar Mario Kopper Kriminalhauptkommissarin Lena Odenthal
08.06.2021
08.09.2021
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7.687
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08.06.2021 2.037
 
Ich habe die Kurzgeschichten nicht in chronologischer Reihenfolge verfasst. Aber ich dachte beim Hochladen könnte ich mit einer Geschichte beginnen, die relativ am Anfang ihrer gemeinsamen Zeit spielt. Viel Spass beim Lesen.
KleinaberOho                                                                                  
               “Es gibt einen Ort,
                wo einem immer
               etwas einfällt...”
               -Mario Kopper
              in “der kalte Tod”

Die Scheinwerfer schienen sie in der Dunkelheit durch das nächtliche Ludwigshafen zu führen und der Scheibenwischer kämpfte verzweifelt gegen die Wassermassen an. Er hatte Mühe ein Gähnen zu unterdrücken. Er hätte sich eigentlich auf den Verkehr konzentrieren sollten, doch er hatte nur Augen für die Frau neben sich. Ihre kurzen, schwarzen Haare. Die schokoladenbraunen Augen. Die Grübchen in ihren Wangen, wenn sie lachte. „Danke, für die Einladung...“ bildete er sich das ein oder wurde die sonst so spitzzüngige Lena tatsächlich ein wenig rot? „Kennst doch meine Mamma, die kocht immer zu viel...“ brummte er um seine eigene Nervosität zu überspielen. „Du musst doch groß und stark werden, Kopper...“ sie zwickte ihn in die Seite. Da war sie also wieder die freche Lena, die um keine bissige Bemerkung verlegen war.

Er bremste und hielt vor der kleinen Wohnung. Oben brannte kein Licht mehr. Also war Mamma schon ins Bett gegangen. Kein Wunder es war bereits kurz nach Eins. Wahrscheinlich hatte er schon so viele Überstunden angesammelt, dass er locker ein paar Tage hätte freinehmen können.  Er kramte also in seinem Sakko nach seinem Schlüssel um nicht klingeln zu müssen. Doch in seinen Taschen fand er nur ein Bonbonpapier, einen Kaugummi und seine Geldbörse. Endlich, da war er ja! Die alte Tür quietsche, als er sie aufschob und als er die Wohnung betrat, wäre er beinahe im Dunkeln über Elviras teure Vase gestolpert. Er fluchte leise. Er konnte dieses Erbstück nicht leiden.




„Mario? Sei quello?“ jemand betätigte einen Lichtschalter und er kniff wegen der plötzlichen Helligkeit die Augen zusammen. Vor ihm stand seine Mamma in einem roten Bademantel, Lockenwicklern in den Haaren und einer Schlafmaske, die sie nach oben gezogen um ihren Sohn und seine Begleitung besser in Augenschein nehmen zu können. „Si, mamma sono io...“ Koppers Haare waren nass vom Regen. „Wo bist du die ganze Zeit gewesen?“ Elvira Kopper hatte empört die Arme in die Seiten gestemmt und funkelte ihn von der Treppenstufe aus böse an. Warum fühlte sich Mario schlagartig, wie damals, als er mit Sechzehn zum ersten Mal betrunken nach Hause gekommen war? Diese Schimpftirade würde er seinen Lebtag nicht vergessen.



„Arbeiten, Mamma. Mit Lena...“ Die stand neben ihm in dem kleinen Flur und er griff vorsichtig nach ihrer Hand, die war von der Kälte durchgefroren war und auf ihrer Lederjacke glänzten ein paar Wassertropfen. Die Sizilianerin konnte über ihren Sohn nur den Kopf schütteln. Es war kein Geheimnis, dass er für die kesse Kommissarin Gefühle empfand, die weit über Kollegialität hinausgingen. Aber machte er einen Schritt vor, machte er ängstlich gleich wieder zwei zurück. Dabei war er doch schon fast vierzig. Nichts hätte sie ihm mehr gewünscht, als das seine Frauengeschichten mal etwas Festes wurden und keine kurzen Abendteuer, deren Namen sie schnell wieder vergaß. Ihr Mario sollte doch endlich mal Fuß fassen im Leben.

„Jetzt wo ihr schon mal da seid. Habt ihr Beiden wenigstens Hunger?“ sie klang jetzt etwas versöhnlicher. Ihre Wut über die nächtliche Ruhestörung war verflogen. Mario nickte eifrig, während Lena höflich den Kopf schüttelte. Aber ihr Magen gab ein deutliches Knurren von sich. Sie wusste nicht mehr wann sie das letzte Mal was zwischen den Zähnen gehabt hatte. Der Automatenkaffee im Kommissariat schmeckte zwar widerlich, aber er erfüllte seinen Zweck. Sie hatte heute morgen im Stehen einen getrunken- bevor sie zum Tatort gefahren war. Wie sehr hatte sie Kopper früher um Elviras Fresspakete beneidet, aber leider teilte er seine Schätze nicht gerne.  Als Rache musste er dann Lenas schlechte Laune ertragen. „Porca miseria...“ hatte sie geflucht, als sich der Kaffee über ihre weiße Bluse ergossen hatte. Ein weiteres Zeichen dafür das sie zu viel Zeit mit dem Halbitaliener verbracht hatte. Der Nervensäge und Plaudertasche des Kommissariats. Die sie in den letzten Jahren aus irgendeinem Grund in ihr Herz geschlossen hatte.


Sie folgte ihm in die Küche und ließ sich auf eine der beiden Küchenstühle sinken. Die Uhr über ihrem Kopf zeigte bereits kurz nach Eins und erst jetzt, wo sie zu Ruhe kam schien ihrem Körper aufzufallen, wie lange sie schon im Dienst war.
Hier war es warm und gemütlich. Nicht so frostig wie draußen. Es roch nach einer Mischung aus Seife und Gewürzen und Elvira hatte das Radio angestellt.
Die Musik machte sie schläfrig und ihr Kopf sank langsam auf die Tischplatte. Im Hintergrund kochte das Nudelwasser bereits fröhlich vor sich hin.
Während sich Koppers Mutter geschäftig am Herd herumfuhrwerkte und leise vor sich hin schimpfte.



Lena konnte das Loch in ihrem Magen nun deutlicher spüren. Genauer gesagt war es kein Loch bei dem es reichte einen Flicken drüber zu nähen, sondern eher ein Krater. „Mario, stellst du noch zwei Teller auf den Tisch? Und hol noch einen Vino aus dem Keller! Und zwar pronto!“ Elvira begann die Tomaten zu waschen.  Mario folgte brav und erhob sich mit einer Abendzigarre im Mundwinkel. „Du siehst müde aus...“ Koppers Mutter hatte die Augen zusammengekniffen und ein Untersetzter landete unsanft vor ihr auf dem Tisch. So das sie erschrocken aus ihrem Sekundenschlaf hochfuhr.
„Geht schon...“ murmelte sie und verknotete die Hände in einander.
„Sinjorina, ich bin alt, aber nicht blind. Ich kann die Augenringe sehen...“ die alte Dame schmunzelte und drohte ihr spaßhaft mit dem Zeigefinger. „Nur wenig geschlafen die letzten Nächte...“ „Wegen der Arbeit?“ Elvira gab die Nudeln ins heiße Wasser und ihr Nicken schien ihr als Antwort zu reichen. Sie musste nicht zwingend reden und das tat gut.
„Seitdem ihr Beide mir die Haare vom Kopf fresst habe ich aufgehört Krimis zu lesen. Das was immer von euch beide an meine Ohren gelangt reicht mir...“ stellte die Sizilianerin kopfschüttelnd fest.
„Avanti, ragazza. Jetzt helfe mir mit der Soße, sonst bis du verhungert bis es was zu essen gibt. Bist sowieso so ein Strich in der Landschaft, Lena...“

Sie drückte Lena ein Brettchen und ein Messer in die Hand und die begann wie selbstverständlich die Zwiebeln zu schneiden. „Aber schön in Würfeln nicht so grob...“ kam es von der linken Seite im Kommandoton. „Wir haben heute ein Kind gefunden, dass seine Eltern vor zwei Tagen als vermisst gemeldet hatten...“ Lenas Stimme schwankte. „Die Kleine ist von einem Ausflug nicht zurückgekommen. Die hat sich einfach ihre Schlittschuhe geschnappt und ihren Eltern einen Zettel dagelassen, dass sie zum Abendessen wieder zu Hause sei. Aber das war sie dann nicht, weil sie im Eis eingebrochen ist und heute Morgen hat ein Jogger dann die Leiche entdeckt...“ sie stockte und konnte nichts dagegen tun, dass sie plötzlich zu heulen begann. „Keiner hat sie schreien gehört. Die ist einfach in dem kalten Wasser ertrunken...“ ihr liefen die Tränen, wie Bäche die Wange hinunter.
„Das sind nur die Zwiebeln...“ sie wischte sich hastig über die Augen. Wollte nicht das man sah, dass sie geweint hatte. „Naturalmente...“ flüsterte sie sanft und legte Lena vorsichtig eine Hand auf die Schulter.
Sie mochte die junge Polizistin mit der burschikosen Frisur und der harten Schale in der eigentlich ein weicher Kern steckte. Ja, die würde ihrem Mario sicher zeigen, wo es langging. Aber die Zwei schienen in dieser Hinsicht Tomaten auf den Augen zu haben.

„Mamma, das Nudelwasser...“ Kopper war in die Küche hereingestürmt und Elvira war erschrocken zusammengezuckt, aber tatsächlich war ihr der Topf mit dem heißen Wasser übergekocht. Sie fluchte leise und drehte die Flamme runter bevor sie die Nudeln abgoss und die Pfütze aufwischte. Mario hatte inzwischen die Flasche Wein entkorkt und hielt seiner Kollegin unsicher ein Glas hin.
„Wir können Essen...“ die Tomatensoße brodelte noch und so ließen sich die beiden Nachteulen wieder auf die Küchenstühle fallen. Einige Minuten war nichts zu hören, außer das Geräusch der Käsereibe, das Klappern des Bestecks oder der Corvo wie er von der Flasche in die Gläser floss.
Mario war schon lange fertig mit Essen und rauchte inzwischen, während Lena noch immer ihre Spaghetti drehte und ihren Teller anstarrte, wie als hoffte sie die Portion würde durch bloßes Beschwören schrumpfen.

„ich gehe wieder ins Bett...“ sie konnte über die zwei jungen Leute nur den Kopf schütteln. Früher hatte sie auch Nächte durchgetanzt und auch nur einmal müde zu werden. Die wunderschönen Nächte am Strand von Sizilien. Ein Stück dieser Insel trug sie immer noch in ihrem Herzen. Ihre Eltern hatten damals vor Entsetzten die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, als sich Elvira in einen deutschen Studenten verliebt hatte. Dann hatte sie Sizilien verlassen und war ihrer großen Liebe in die kalte Bundesrepublik gefolgt, wo sie am Anfang kein Wort verstanden hatte und ihr alles schrecklich öde vorkam. Sie vermisste das Meer, die Sonne und die Weinberge zwischen denen sie als Kind fangen gespielt hatte. Erst als sie ihrem eigenen Sohn zwischen den Weinstöcken herumtollen sah fanden sich ihre Familie mit dieser Ehe ab, weil sie wussten das jeder Widerstand zwecklos war. Ihre Tochter hatte nun mal ihren Kopf durchgesetzt und es waren alle ganz vernarrt in den kleinen Maurizio. Der Junge war bis heute auch ihr ganzer Stolz. „Bonna notte...“ murmelte er jetzt und gab ihr einen Gute-Nacht-Kuss auf die Wange, bevor sie die Küche verlies.

„Ich glaube deine Mamma will mich mästen...“ Lena lachte und schob die restlichen Spaghetti von sich weg. Sie konnte unmöglich weiter essen ohne zu platzen. Mario sagte nichts. Grinste nur und schenkte ihr ein weiteres Glas Wein nach. Die Wangen der Kommissarin hatte inzwischen ein leichtes Rot angenommen und sie grinste jetzt so das man wieder ihre Grübchen sehen konnte. „Irgendwo muss Mamma noch ihr Tiramisu haben...“ Kopper öffnete und er hatte Recht. „Kopper, hör auf. Ich bekomme keinen Biss mehr herunter...“ protestierte sie. Nun stand der Traum aus Mascarponecreme und Kaffee vor ihr und daneben hatte er zwei Löffel gelegt. „Na los, probier’s mal...“ er nickte ihr aufmunternd zu und nach dem sie vorsichtig gekostet hatte begann er sie mit dem Tiramisu zu füttern, was ihr schrecklich albern vorkam. Die süße Creme zerging auf der Zunge und dann folgte die bittere Note der Kaffeebohne.
„Ich glaub ich kann unmöglich noch Auto fahren...“ sowieso war sie viel zu müde dafür. „Du kannst auch einfach hier übernachten...“ da saß er ihr gegenüber und grinste sie bei diesen Worten auch noch spitzbübisch an. „In deinem Bett oder was?“ sie zog eine Augenbraue hoch und schob sich einen weiteren Löffel Tiramisu in den Mund. „Also ich habe auch eine Matratze in meinem Zimmer...“ stotterte er und diesmal wurde dieses Großmaul sogar verlegen.

Später lagen sie dann in seinem Zimmer. Sie tatsächlich auf der Matratze auf dem Boden während er sich in seinem Bett von der einen auf die andere Seite wälzte. Das hier war sein Kinderzimmer und Lena hatte sich köstlich über die Modellautos amüsiert die ordentlich aufgereiht im Regal standen. Er hatte nur gehofft sie würde ihre Finger von seinen Sammlerstücken lassen. Aber ihre Neugierde war wohl eine Art Berufskrankheit.
„Lena?“ flüsterte er leise in das Dunkel hinein. „Also, ich wollte dir nur sagen...“ er kratzte sich verlegen am Kopf. „Das du wirklich die beste Polizistin bist, die kenne und ich mag die als Kollegin. Also nicht nur als Kollegin...“ jetzt druckste er verlegen herum. „Ich wollte dir also schon immer mal sagen, dass ich dich toll finde seit dem ersten Tag im Kommissariat und vielleicht können wir ja mal was trinken gehen...“ er beendete seinen Monolog und obwohl er eigentlich nicht besonders gläubig war schickte er in diesen Sekunden in denen er in der Stille angespannt auf eine Antwort wartete ein Stoßgebet in Richtung Himmel. Doch es drang nur ein leises Schnarchen an seine Ohren. Sie war wohl einfach eingeschlafen.
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