Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Chronik der Blutjäger 2.0 - 1. Band

von Haramesch
GeschichteFantasy, Sci-Fi / P18 / MaleSlash
08.06.2021
14.06.2021
53
176.523
1
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
11.06.2021 3.658
 
Das Bekenntnis des Roja

„Die Beichte ist das Eingeständnis einer schuldhaften Verfehlung. Es handelt sich dabei um eine Art Aufarbeitung von belastender Vergangenheit. Dass Samrock uns tiefgehende Einblicke in das Wesen seines Dämons gewährt, kann nur der Versuch sein, Absolution für seine Existenz zu finden.“

Dr. Isabella Isfatan, Chefärztin auf Far-Toff


Der Konsum von Rauschgiften enthemmt. Daran mag es gelegen haben, dass sie schlüpfrige Witze machten, die Alex schließlich veranlassten, die für ihn sehr wichtige Frage zu stellen. Eine, die er keinem anderen gestellt hätte, der nicht betroffen war. Also keinem in seinem gesamten Bekanntenkreis. „Magst du mir erzählen, wie es für dich war, als du… ich meine… wie hast du gemerkt, dass du… na ja, schwul bist?“
Schlagartig wurde Samrock ernst. Es überraschte ihn, dass der Föderat ihm diese sehr heikle Bitte unterbreitete, aber er wusste, was ihn dazu bewogen hatte. Alex suchte nach Erklärungen, nach Erfahrungsberichten, an denen er seine eigene Gefühlswelt messen und einordnen konnte. Allerdings war Samrock der Meinung, dass er den Falschen fragte, da er selbst aus einer Kultur stammte, in der es Normalität war, gar gefördert wurde, dass man in jegliche Richtung Erfahrungen sammelte.
Nun, er wollte sein Freund sein, und Freunde sollten doch über alles miteinander reden können. Also beschloss er, ihm offen zu begegnen, ihm alles zu erzählen was nötig war. Bis seine Neugier gestillt war.
Was hoffentlich nicht so bald der Fall sein sollte.
„Da war dieser Junge, Lucan“, begann er und lehnte sich in seinen Sessel zurück, während sein Blick sich ins Leere richtete. „Seine Familie wohnte in der gleichen Höhle wie meine. Getrennt nur durch die Fellrahmen, die unsere Feuerstellen abgrenzten. Er war nur wenig älter als ich und schon als Dreikäsehoch stahlen wir uns nachts fort, um den Honig zu klauen, den Uba, unsere Medizinfrau, in einem Alkoven aufbewahrte. Auch sonst hatten wir allerlei Unfug im Sinn. Wir standen uns schon immer sehr nahe und irgendwie spürten wir auch, dass wir mit dem anderen unsere ersten Erfahrungen machen würden.“
Seine Augen richteten sich wieder auf Alex. „Weißt du, es war in meinem Volk üblich. Das diente auch dem Schutz der Mädchen, denn sie waren strengstens verboten. Wie die gebundenen Frauen. Aber sie interessierten mich sowieso nicht. Nur eine. Sie war wie Lucan mein bester Freund.“ Sein Gesicht verfinsterte sich und die Augen glitten durch den Raum zu einem Bild.
„Tana“, warf Alex ein.
Samrock nickte. „Ich war ungefähr sieben Jahre alt, als ich ihr versprach, sie zur Frau zu nehmen. Sie nahm mich beim Wort.“ Schwerfällig löste er den Blick von dem Bild und sah wieder Alex an, als er weiter sprach.
„Sie war die erstgeborene Tochter der Fürstin und der Mann, den sie auserwählen würde, wurde zum Fürsten. Als sie erwachsen wurde, wollten sie alle Männer zur Frau nehmen. Aber sie wollte mich, denn mein Versprechen war rein gewesen, das eines unschuldigen Kindes, noch frei von irgendwelchen Ambitionen. Aber ich schweife ab. Du wolltest wissen wie…
Nun, also Lucan und ich trieben uns ständig rum. Zusammen mit den anderen Kindern in unserem Alter. Zumindest sobald wir unsere Pflichten erledigt hatten.“
Für eine Weile schwieg er, den Blick ins Leere gerichtet. Bis er sich plötzlich erinnerte, dass Alex immer noch auf eine Antwort wartete. Er wedelte mit der Hand, als könne er mit ihr besser beschreiben, was er nicht in Worte zu fassen vermochte.
„Ich liebte ihn. Mehr als man einen Bruder liebt. Gut, ich hatte keinen, vielleicht deswegen. Es gefiel mir, ihn anzusehen, wie sich sein Körper veränderte, als er dem Kindesalter entwuchs. Wenn wir schwimmen waren, wir mit den anderen am Strand rumlungerten, zog mich sein… sein…“ Er verstummte verlegen.
Alex war sicher, dass der Blutjäger rot angelaufen wäre, hätte es seine Art zugelassen. Aber seine Augen funkelten und er lächelte schlüpfrig, als er den Faden wieder aufnahm.
„Ich musste immer wieder hinsehen. Die Mädchen stolzierten mit ihren nackten Brüsten um die Jungs herum, aber ich merkte, dass ich nur ihn berühren wollte. Ich war inzwischen 14, ungefähr. Und mein Vater und die Fürstin waren sich einig, was meine Verbindung mit Tana anging. Und ja, ich mochte sie, wollte sie immer noch heiraten. Aber es war Lucan, der meine Fantasie anregte.
Er war schon früh hochgeschossen und mindestens ein Kopf größer als ich. Sein… Ding wirkte schon Erwachsen. Wieder trieben wir uns am Wasser, alleine dieses Mal, und es war schon dunkel. Vom Lager aus schien etwas Licht von den Feuern herüber. Wir balgten, schubsten uns gegenseitig in die Wellen. Ich weiß noch, dass das Meer an diesem Abend aufgewühlt war, so wie ich. Eine Welle zerrte Lucan von den Füßen und spülte ihn an Land. Als er sich aufrichtete und mich so seltsam ansah, merkte ich, dass ich steif war. Ich musste mich abwenden, aber er kam an meine Seite, nahm mich am Arm und führte mich wortlos weg vom beleuchteten Strand. Was dann geschah kannst du dir vielleicht denken.“
„Ich habe eine ungefähre Vorstellung“, bestätigte Alex schmunzelnd.
„Ist deine Frage damit beantwortet?“
Nein. Ich will es genau wissen.
„Ja. Ich meine, es war bei euch so üblich, aber du bist dabei geblieben.“
„Eben“, erwiderte Samrock. Er hätte ihm sagen können, dass er das Gefühl mochte, wenn die Härte eines Mannes in ihm Drang, oder dass er einen Steifen bei dem bloßen Gedanken, einen anderen zu berühren und ihn in den Mund zu nehmen, bekam. So wie jetzt, als sich seine Fantasien unaufgefordert mit Alex beschäftigten. Vermutlich verriet das lüsterne Glitzern seiner Augen seine Gedanken, denn der Föderat nickte erneut und dieses Mal schien er begriffen zu haben.
„Wenn du dauernd daran denkst, es mit ihm zu tun“, fügte Samrock sicherheitshalber hinzu, „dich ständig fragst, wie es wäre und du dich dabei ertappst, dass du daran denkst, wenn du dir einen runter holst…“ Er hielt inne, bemerkte Alex´ Verlegenheit und entblößte seine Fänge in einem viel sagendem Grinsen, „dann kannst du davon ausgehen, dass du mindestens bisexuell bist.“
Fuck!
Der Blutjäger wusste genau, zu genau, was in ihm vorging.
„Es geht jedem so, ungefähr“, relativierte Samrock.
Erleichtert stieß Alex die Luft aus. „Dann bist du Bi? Ich meine, immerhin hattest du vier Kinder mit Tana“, wechselte er die Richtung. Unauffällig wie er hoffte.
„Nein. So war es nicht.“ Samrock wurde wieder ernst. „Sie war die erste und einzige Frau in meinem Leben. Ich habe sie geliebt. Innbrünstig. Mit Männern hatte ich Sex, mit ihr war es Liebe. Ich wollte sie, wollte mit ihr Kinder haben. Ich gehörte ihr. Sie war der Hafen. Die Männer waren das Meer, in das ich auslief. Aber ich kehrte immer zu ihr zurück.“
Er stand auf und begann sich durch den Raum zu bewegen. Gleich einem nervösen Raubtier in einem zu engen Käfig.
„Lu wurde zu meiner Insel, irgendwo da draußen im tosenden Meer. Aber sie war mein Festland, mein Zuhause. Bis ich…“ Er blieb abrupt stehen und schluckte schwer. Seine Stimme brach und senkte sich zu einem Flüstern herab.
„Bis mein Kiel auf eine Sandbank lief, die Segel rissen und mein Ruder brach.“
Seine Finger fuhren durch die langen Haare, verhakten sich da, als könne er sich selbst am Schopf packen und aus dem Sumpf der Erinnerungen ziehen. Gedämpft sprach er von seinen geheimsten Empfindungen. Ohne aufzusehen, rau, abgehackt.
„Ich sehnte mich nach Zuhause und war nicht mehr in der Lage, heim zu kehren. Selbst wenn ich körperlich dort war. Ich kam einfach nicht mehr weg, so sehr ich das auch wollte. Dunkelheit drang in mich ein und zog mich nach unten, ohne Kraft, mich fortzubewegen, ohne eine Möglichkeit, irgendeine Richtung einzuschlagen.“
„S´Yanuc“, hauchte Alex kaum hörbar und tief betroffen von dem Trauma, das Samrock erlebt hatte.
Dieses Mal verstummte Samrock endgültig. Sein gehetzter Blick huschte im Raum umher, erschöpft, niedergeschlagen, lehnte er im Rahmen des Eingangs.
„Entschuldigung. Ich hätte nicht fragen sollen.“ Alex tat die sehr persönliche Frage plötzlich leid und er empfand echtes Mitgefühl. Allein die letzten zehn Minuten hatten seine Meinung über den Blutjäger grundlegend geändert. Er war… verwirrt, ja. Denn er hatte das dringende Bedürfnis aufzustehen, auf ihn zuzugehen und ihn tröstend in die Arme zu nehmen. So wie man seinen besten Freund umarmte und an sich drückte, wenn diesem ein großes Unglück widerfahren war.
Er blieb wie versteinert sitzen.
„Das geht schon in Ordnung“, versicherte Samrock die glänzenden Augen hebend. Es lag auch Wärme in diesem Grau seiner Iris. „Mit wem sonst spricht man über solche Dinge, wenn nicht mit einem Freund.“ Er nickte ihm kurz zum Abschied zu und verschwand im Flur.

Ziellos schlenderte er tief in Grübeln versunken durch die Wodan. Die leeren Gänge spiegelten wieder, wie er sich fühlte. Er war unausgeschlafen, stand unter extremer Spannung und hatte immer noch einen Schädel vom Kumys. Schon wieder. Er fühlte sich so erschöpft und leer … Kurz dachte er daran, sich zu chippen. Die Kampfdroge würde seine Leistungsfähigkeit erheblich steigern. Die körperliche wie die mentale. Sie machte schmerzunempfindlich. Nicht aber die seelischen Schmerzen. Was das Einzige war, was ihn zu genüge ausfüllte. Die Droge würde seine Aggressionsbereitschaft steigern … Moment, das war kontraproduktiv. Sollte ihm dann Marcus über den Weg laufen, würde er ihm die Fresse polieren. Außerdem riskierte er Herz- und Kreislaufversagen. Er verwarf die Idee. Zurück zum … Seelenschmerz. Der unglaublich attraktiv war. Er mochte seine hüftlangen blauschwarzen Haare, die Tätowierungen, die grauen funkelnden Augen, in denen so viel Zurückhaltung und … ja,  auch Samrock litt. Jedes mal, wenn er ihn ansah, verspürte er den Impuls ihn zu küssen! Das war neu. Auf dem überfüllten Markt war es ihm leicht gefallen, ihm auf die Pelle zu rücken. Er hatte sich eingeredet, dass er es musste, um den Gegenverkehr vorbei zu lassen. Er wusste, Samrock war nicht darauf reingefallen und hielt dagegen. Immer mit diesem Schalk im Blick.
Küssen!
Um ein Haar wäre es geschehen. Stattdessen hatte Alex ihn beiläufig berührt, ihm unauffällig für andere mit dem Handrücken über den Unterarm gestrichen. Er hatte deutlich mitbekommen, dass Samrock gerne seine Finger mit den seinen verschränken wollte, in letzter Sekunde aber einen Rückzieher machte, um sich bereitwillig von den Büchern ablenken zu lassen, die gerade daneben auslagen. Minutenlang hatte Alex ihn bei der Auswahl beobachtet. Jeder andere hätte dem Blutjäger sein konzentriertes Lesen und akribisches Sichten abgenommen. Alex wusste es besser. Samrock focht einen inneren Kampf aus, vermutlich der Schwerste und gefährlichste für ihn seit … nun, seit langem. Dann war Alex´ Blick auf das grüne Buch mit dem schwarzen Reiter gefallen und hatte ihn darauf aufmerksam gemacht. Die Schrift war lateinisch, was bedeutete, dass er es lesen konnte. Jetzt besaß er seine eigene Ausgabe von Der Herr der Ringe. Das Buch war uralt, aus echtem Papier und Samrock kostete es ein Vermögen, das er ohne mit seinen schönen, dichten und langen Wimpern zu zucken hingelegt hatte.
Oh! Der Maschinenraum. Wie war er denn hierher gelangt? Wie die kybernetische Technik des Tobal wohl aussah? Sicher würde es Samrock nicht stören, wenn er einen Blick darauf warf. Er sah sich um, ob ihn jemand beobachtete. Ach ja, leere Gänge. Null Personal. Er legte die flache Hand auf das Display neben dem Eingang. Die Tür schob sich zischend in die Wand. Super! Kein Sicherheitscode.
Er trat ein.
Der Raum glühte in einem blauen Licht, das von quallenartigen Gebilden ausgestrahlt wurde. Sie hingen zu tausenden an Decke und Wänden, miteinander verbunden durch Millionen fingerdicken schimmernden Fasern, die ebenfalls von einem diffusen Licht erfüllt waren. Er erkannte so etwas wie Knotenpunkte, die vermutlich verschiedene Kreisläufe synchronisierten. Und periphere Bereiche, die sekundär und wohl weniger wichtig waren. An der Decke sah es nach einer Art Nervenbahnen aus, die zunächst parallel verliefen, nach und nach jedoch abzweigten. Dieser Raum musste sozusagen das Gehirn der Wodan sein. Während er tiefer in den Raum ging, besah er sich die Schriftzeichen an verschiedenen Knotenpunkten,, die ihm von der Kommandobrücke der Wodan schon vertraut waren. Die Waffensysteme, die Sauerstoffversorgung, die taktische Einheit, die Navigation … Beinahe wäre er über Samrock gestolpert, der am Boden liegend in einer Luke werkte. Um ihn herum lag Werkzeug, eine Art Messgerät, Skalpelle, Klammern …
„Hi!“
„Hi“, knurrte der Roja ohne aufzusehen, unübersehbar mit einer schweren Operation beschäftigt, die seine ganze Aufmerksamkeit erforderte.
„Darf ich zusehen?“ Ei Grunzen. Alex wertete es als ein Ja und setzte sich neben ihn.
Offenbar hatte Samrock Probleme mit der Reparatur, Moment, mit der Operation. Irgendetwas schien nicht nach seinem Willen zu funktionieren. „Komm schon, du kleiner Quälgeist“, redete er diesem Etwas gut zu. „Gib endlich auf!“ Es gehorchte ihm nicht, worauf er es prompt einlud, mit sich selbst zu kopulieren. Entnervt kam er auf die Knie und warf das Werkzeug, oder Operationsbesteck, von sich. Seine Augen legten sich auf Alex, aus denen der Zorn schlagartig verflog und dem Funkeln der Freude Platz machte. „Hi!“
Alex erwiderte das Lächeln. „Was machst du da?“
„Bei unserem Scharmützel mit Kaa-Dun hat ein Torpedo die Wodan getroffen. Dieser Gravitationskompensator ist beschädigt. Deshalb das Schaukeln der Wodan. Wenn man so will, wird ihr schwindelig beim Fliegen.“
Aha. Samrock betrachtete das Schiff also als ein Lebewesen. Alex erinnerte sich, dass der Roja auf Grund seiner übernatürlichen Kraft Probleme mit der Feinmotorik hatte. Er schmunzelte bei der Erinnerung an das Dilemma mit den Schlüsseln. Vermutlich verwendete er sie nur, wenn Fremde an Bord waren. „Kann ich dir helfen?“
Erleichtert und erfreut zu gleich nickte Samrock und deutete in die Luke, aus der ebenfalls blaues Licht strahlte. „Siehst du die Gelpacks dort hinten?“
Alex musste sich hinlegen, um sie zu sehen. Sie hingen von unten am Boden. „Jetzt ja“, gab er mit dem Kopf in der Luke durch und kam wieder hervor. Er schnappte Samrocks Geruch auf. Ein Duft nach Amber und Moschus. Ihm gefiel die Wahl seines Duschgels, das der Roja wohl kürzlich benutzt hatte. Mist! Jetzt hatte er Bilder im Kopf. Von einem nackten Blutjäger unter dem harten Wasserstrahl …
„Der Treffer hat den Gravitationskompensator stark in Anspruch genommen und überlastet. Jetzt ist er voller Luftblasen“, erklärte Samrock weiter und holte ihn damit zurück auf den Boden der Tatsachen. Des Maschinenraumes, korrigierte er sich.
Wodan. Lebewesen. „Du meinst wie eine Überreaktion, die eine Thrombose in den Venen verursacht hat.“ Samrock grinste anerkennend. „Was geschieht mit ihr, wenn die Luftbläschen ins Gehirn wandern? Ein Mensch würde sterben“, besorgte sich Alex.
„Das können sie glücklicherweise nicht. Ein Schleusensystem verhindert das. Jetzt hat sie aber dauernd Schwindel …“ Samrocks Blick blieb in Alex´ Gesicht hängen und er verlor den Faden. „Dein Bart ist dichter geworden.“
„Deiner nicht“, konterte er nach sprachlosen Sekunden. Er schmunzelte.
„Meine Art kennt keinen Bartwuchs.“ Trocken wie Wüstensand.
„Du meinst, Roja.“
„Ich meine, die Dajak-Kapun. Und die Roja“, fügte Samrock hinzu.
Sie verloren sich jeder in den Augen des Anderen. Alex fragte sich zum x-ten Mal, wie es sein konnte, dass sich sein Zorn auf den Mörder seines Bruders so vollständig aufgelöst und stattdessen seine anfängliche Zuneigung so sehr angewachsen war, dass sie diese starke sexuelle Färbung angenommen hatte. So sehr, dass er sein inneres Gleichgewicht verlor … Apropos.
„Gravitationskompensator“, stammelte er.
Mit Gewalt riss sich Samrock von seiner Betrachtung los und nahm ein Werkzeug auf. „Mit diesem Gerät“, er schaltete das rote Licht am Ende des stiftähnlichen Stabs ein, „fängst du die Blasen ein und führst sie vorsichtig zum Ventil. Das ist kniffeliger, als es sich anhört, denn sie sind sehr widerspenstig.“ Er sah auf und funkelte ihn an. „So ähnlich wie du.“
Alex grinste. Die Retourkutsche kam prompt. „Ist dein Werkzeug auch so dünn?“
Samrock musste wegsehen. Aber er lachte und Alex war sicher, dass er errötet wäre, hätte es seine Roja-Haut zugelassen. Der  Roja schluckte schwer und er wischte sich mit beiden Händen über das Gesicht. Alex fiel auf, dass sich seine Atmung beschleunigt hatte, was auf gewisse körperliche Reaktionen hinwies, wie sich Alex unschwer denken konnte. Ihm selbst ging es ähnlich und ein verdächtiges Ziehen  zwischen den Schenkeln lies ihn erschaudern. Er nahm ihm das Werkzeug aus der Hand. „Was mache ich damit?“ Samrock sah ihn böswillig grinsend von der Seite her an. Mist, dachte Alex, jetzt spuckt der Roja irgendeine gemeine Erwiderung aus.
„Dann benutzt du deine dritte Hand und öffnest damit nur ganz kurz das Ventil. Ohne die Luftblase zu verlieren, ohne dass das Gel ausläuft und ohne den Pack zu beschädigen!“
Mit offenem Mund starrte ihn Alex mehrere Sekunden lang an. „Witzbold!“
Sie machten sich gemeinsam ans Werk, lagen nebeneinander mit den Köpfen in der Luke und verrenkten sich beim Versuch, der Bläschen Herr zu werden. Das tatsächlich schwierig war. Auch mit hervorragender Feinmotorik und vier Händen.
„Dein Bart kitzelt mich“, kam es plötzlich aus Samrock gepoltert.
Alex ließ das Werkzeug fallen und den Kopf hängen. „Das wird so nichts.“
Samrock neben ihm zuckte mit den Schultern. „Egal. Ich mag ihr Schaukeln. Ich stelle mir dann vor, ich sei auf dem Meer. Bei mir zuhause.“
Alex fühlte beinahe selbst die Sehnsucht des Roja nach seiner Heimat. „Wir können nicht zulassen, dass ihr vom Schaukeln noch schlecht wird“, meinte er und machte sich wieder an die Arbeit.
Sie klebten praktisch aneinander. Weshalb Alex den Zustand, in dem sich der Blutjäger gerade befand, deutlich am Schenkel spürte. Er hielt in der Arbeit inne, weil ihn dieser Umstand zu sehr ablenkte. Er machte aber auch keinen Versuch, von ihm wegzurücken.
„Mein Werkzeug ist nicht so dünn, wie du vielleicht gerade feststellen musst“, raunte der ihm mit abgrundtiefer Stimme zu. Direkt ins Ohr. Ein Hauch, der Alex von aufsteigender Lust erschaudern ließ.
Shit, sein … Werkzeug war jetzt auch einsatzbereit. Er schluckte schwer. Hier war die Gelegenheit, ihn so zu berühren, wie er es in seiner Vorstellung schon tat. Würde sich der Blutjäger dann noch beherrschen können? Oder er? Er ließ die Gelegenheit verstreichen. „Versuchen wir es noch ein Mal“, schlug er vor und wandte sich wieder dem Patienten unter dem OP-Tisch zu. Ohne den Kontakt zum Roja zu unterbrechen. Samrocks Körper war warm. Alex war bewusst, dass Samrock die Wärme einem Mord verdankte. Dem beseelten Blut eines Gefangenen aus den Zellen der Condor. Vor seinem geistigen Auge sah er die Lust, die ein Roja beim Trinken erlebte. Wie es bei Boto der Fall gewesen war, als dieser von ihm getrunken hatte. Seltsam, die Erinnerung daran erschreckte ihn nicht mehr. Außerdem bewunderte er den Blutjäger für seine Fähigkeit so zu tun, als sei alles normal.
Sie kämpften gemeinsam weiter gegen … Luftblasen!
„Und mein Bart“, hakte Alex nach mehreren Minuten konzentrierter Arbeit nach.
Samrock setzte sich beinahe erschrocken auf. Alex folgte ihm. Mehrere Augenblicke  lang sahen sie sich schweigend an, bevor Samrock die Hand auf Alex´ Wange legte und den Bart befühlte. „Er ist … ganz weich“, staunte er. Wie ein Kind, das noch nie ein Kuscheltier berühren durfte.
Die warmen, zart streichelnden Finger des Roja wirkten auf Alex beinahe einschläfernd. Er strich ihm eine Strähne, die sich aus seinem Pferdeschwanz gelöst hatte aus dem Gesicht, um sie ihm hinters Ohr zu klemmen. Ohne sein Zutun berührte sein Daumen die Tätowierung an Samrocks Schläfe, die den Blutjäger als Dajak-Kapun von der Familie der Doshaan kennzeichnete. Sein Gesicht kam langsam näher, während er den Augenkontakt nicht abreißen lies.
Es war Alex, der die Strecke verkürzte und seinen Mund auf Samrocks Lippen legte. Der Kuss blieb scheu und sanft, gleichzeitig intensiv und vorsichtig. Alex spürte das Beben, das den Blutjäger durchlief und von seinem Verlangen zeugte. Er zog sich zurück, um ihn anzusehen.
Er hat sich an dich gebunden … „Du hast starke Gefühle für mich.“ Eine Tatsache.
Der Blick, der ihn traf, genügte als Bestätigung. „Ich werde mich dir nicht aufdrängen. Solange ich kann“, schränkte Samrock ein.
Solange du noch lebst, verbesserte Alex Samrock in Gedanken. Oder meinte er etwas ganz anderes? Verstandlose, Amok laufende Bestie …
„Der Roja in dir.“
„Genau das“, bestätigte Samrock. „Außer du sagst, dass du es willst.“ Sein Lächeln war scheu. Die Fänge blitzten auf in dem blauen Licht.
Die Erinnerung an Botos Übergriff drängte sich ungewollt in Alex´ Blickfeld. Hunger und Lust sind eins. Kein Blut, keine Befriedigung! War es sein Blut, was der Roja von ihm begehrte? So zumindest interpretierte er Samrocks Worte. Er konnte sich inzwischen gut vorstellen, mit ihm Sex zu haben. Aber die Sache mit dem Blut jagte ihm eine höllische Angst ein. Er musste sie irgendwie in den Griff bekommen. Die Zeit drängte. Er dachte an Jakos Warnung. Abu braucht deine Hilfe, Mensch! Schon bald konnte es zu spät sein, um Samrock von seinem selbst zerstörerischen Vorhaben abzuhalten. Aber was, wenn Jako oder Abu sich irrten? Was, wenn Marcus Recht hatte und der Roja manipulierte ihn? Plötzlich wusste er nicht mehr, was richtig und was falsch war bei dem, was er fühlte. Was er brauchte, war noch ein wenig mehr Zeit. Er strich dem Roja so die Wange, wie dieser es bei ihm getan hatte, und sah ihn voller Bedauern an. „Ich kann das nicht, Sam. Noch nicht.“
Samrock schluckte. „Das solltest es auch nicht.“
Alex begriff es als Warnung. Er konnte nicht wissen, dass Samrock glaubte, ihn davor zu bewahren, gebrochen und verloren zurückgelassen zu werden, wenn er mit S´Yanuc in Flammen aufging. Langsam erhob er sich, nickte ihm zu und entfernte sich, um den Maschinenraum zu verlassen. Im Eingang blieb er stehen und sah zurück. Samrock hatte sich nicht bewegt und sah auf seine im Schoß liegenden Hände. Ein blutroter Tropfen rann ihm über die perlmuttweiße Wange. Die Unerträglichkeit seiner Qual konnte Alex einem Echo gleich in sich spüren.

Vor Augen hatte er immer wieder Bilder eines havarierten Segelschiffes, mit zerrissenen Segeln und gebrochenem Ruder, das leck geschlagen war. So hatte Samrock es beschrieben, als er selbst mit dem Dunklen Blut infiziert worden war. Er war auf einer Sandbank gestrandet, unfähig, sich aus eigener Kraft zu befreien. Ihm, Alex, erging es nicht so. Zumindest fühlte er nichts dergleichen. Um mit Samrocks Bildern zu sprechen, hatte er noch ganze Segel und konnte sein Ziel frei ansteuern. Er hatte nur ein Problem. Er musste sein Schiff in völliger Dunkelheit steuern. Einem Ziel entgegen, von dem er nicht wusste, wo es lag. In einem tosendem, von Stürmen gepeitschtes Meer voller Untiefen und Riffe …












1
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast