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The Other One

von Danbo
Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf
07.06.2021
11.10.2021
20
75.876
64
Alle Kapitel
131 Reviews
Dieses Kapitel
6 Reviews
 
29.09.2021 5.002
 
Hallöchen, hier folgt nun das langersehnte Kapitel, auf welches einige von euch schon sehr lange warten. Ich hoffe es klären sich einige Fragen und ich hoffe natürlich auch dass ihr zufrieden mit dem Kapitel seid. Lasst mir gerne eure Meinung dazu da und jetzt wünsche ich euch nur noch viel Spaß! Wir lesen uns in den Reviews oder nächste Woche Mittwoch zum vorletzten Kapitel dieser Geschichte :)


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Joko.
Fucking Joko Winterscheidt.
Erneut stand dieser Typ vor seiner Haustür ohne dass Klaas mit ihm gerechnet hatte oder ihn überhaupt hier sehen wollte.
Damals war es der Anfang dieser komplett hirnrissigen Affäre gewesen. Heute wäre es dann wohl das Ende, denn was würde Joko sonst hier wollen? Er würde das endgültig beenden, würde ihm das sagen, was seine Stille gestern in München eh schon gesagt hatte. Nämlich, dass das mit ihnen keine Zukunft hatte, dass Klaas sich diese Gefühle aus dem Kopf schlagen sollte, dass sie höchstens weiterhin diese Affäre führten, aber nicht mehr. Joko und Gefühle war nicht drin. Das wusste Klaas. Thomas wusste das auch. Jeder in Jokos Umfeld wusste das und erneut wurde Klaas bewusst, wie dumm es war sich in diesen Mann zu verlieben. Er hätte es gar nicht erst so weit kommen lassen dürfen, aber im Nachhinein war man immer schlauer.
Fester umklammerte er das Geländer. Er wollte das nicht. Er war nicht bereit. Er hatte das auf seine Art machen wollen, nach seinem Plan. Nicht so spontan. Nicht so überraschend. Nicht ohne sich vorher Worte bereitgelegt haben zu können. Er fühlte sich gerade kleiner und machtloser als jemals zuvor. Das hier konnte ihn nur als noch größeren Verlierer zurücklassen.

„Klaas...?“, fragend klang Jokos Stimme und Klaas zuckte erneut zusammen, so als hätte Joko geschrien, dabei war seine Stimme mehr ein Flüstern oder Hauchen. Leise und unsicher. Nur selten hatte Klaas seinen Kollegen so bedacht reden hören.
Apathisch starrte Klaas nun auf den Boden, fuhr die Linien des Holzes mit den Augen nach, bis er auf die Schuhe von Joko traf. Blitzblanke weiße Sneaker. Ein kleines schwarzes Logo an der Seite. Die Schleife unordentlich gebunden. Rote Socken. Eine verwaschene helle Jeans mit einem angedeuteten Loch kurz unter dem Knie. Ein rot kariertes Hemd. Die vielen Armbänder am Handgelenk deren Bedeutung Klaas natürlich kannte. Ein weißes Shirt unter dem Hemd. Im Kontrast dazu ein relativ roter Hals. Bartstoppeln. Zusammengepresste Lippen. Nasenflügel, die sich bei jedem Atemzug aufblähten. Braune viel zu warme und unsichere Augen hinter einem goldschimmernden Brillengestell. Eine Hand die durch die wirren dunkelblonden Haare fuhr. Dann wieder der Holzboden.
Klaas hatte den Blick hektisch gesenkt.
Während seine eine Hand am Geländer blieb, legte er die andere gegen den glatten, kühlen Putz der Wand im Flur.

„Klaas...?“, erneut Jokos leise Stimme und wie auf Kommando stieß dieser sich plötzlich von der Wand ab, hastete zur Wohnungstür, sah diese gerade als einzigen Ausweg, auch wenn Joko direkt daneben stand.
Der Blonde war anscheinend immerhin irritiert genug von seiner plötzlichen Bewegung, dass Klaas es tatsächlich schaffte den Schlüssel einmal im Schloss zu drehen und die schwere Tür aufzustoßen.
Doch kurz bevor er gänzlich ins Innere seiner schützenden Wohnung schlüpfen konnte, griff ihn eine Hand am Unterarm.
Der Griff war locker, vorsichtig und Klaas könnte sich einfach von eben diesem lösen und endlich in der Wohnung verschwinden, doch das tat er nicht. Wie versteinert blieb er stehen, den Rücken halb zu Joko gedreht, spürte die warmen Finger an seinem Arm deutlich und kapitulierte gänzlich.
Tief durchatmend drehte er sich um, bereute es, weil Jokos Finger von seinem Arm rutschten und hielt sich dann an der Tür fest, bevor er sich traute wieder in die braunen Augen zu schauen.

„Was willst du hier Joko?“, fragte er leise, klang dabei nur halb so selbstbewusst und stark wie er eigentlich hatte klingen wollen.
„Reden.“, antwortete dieser ihm ehrlich, zog dabei kratzend seinen Schuh über den Holzboden.
Klaas lachte gekünstelt auf, schob die Unsicherheit so weit nach hinten, wie er konnte.
„Ach ja? Jetzt auf einmal willst du reden?“
Er sah wie Joko den Kopf senkte, seinen Fuß immer noch nervös über den Boden zog und die Hände in die Taschen seiner Jeans schob.
„Ich... es tut mir leid... Kann... kann ich vielleicht mit reinkommen?“
Stotternd verließen die Worte Joko und Klaas‘ gutes Herz ließ es nicht zu diese Frage zu verneinen. Joko war sein Schwachpunkt. Er würde immer wieder nachgeben. Darüber hatte er einfach keine Kontrolle.
Seufzend drehte er sich nun also um, streifte seine Schuhe von den Füßen, ließ die Tür offen stehen und stellte sich im Wohnzimmer ans Fenster. So weit wie möglich weg von der Tür.
Während er der Taube im Innenhof dabei zusah, wie sie mal wieder von Baum zu Baum flog, hörte er die Wohnungstür ins Schloss fallen, hörte wie Joko die Schuhe auszog, sie fein säuberlich vor das Schuhregal stellte und dann zu ihm ins Wohnzimmer trat.
Seine Schritte waren zögerlich und nicht so beschwingt wie sonst. Hätte Klaas nicht gewusst, dass das Joko war, der da durch seine Wohnung tapste, hätte er bei diesen Schritten niemals auf ihn getippt.
Die Schritte stoppten plötzlich. Klaas wusste, dass Joko wohl in der Tür zum Wohnzimmer stehen geblieben war, weil da dieses eine lose Parkettstück lag, welches immer etwas lauter knarrte, als die restlichen. Nun stand Joko also hier bei ihm im Wohnzimmer. Genau wie damals. Damals als er noch nicht so tief in diesem Schlamassel gesteckt hatte. Damals, als eine Affäre mit Joko nur halb so problematisch klang, wie sie nun letztendlich war.

Gefühlte Ewigkeit herrschte Stille. Joko stand nur da und schien sich nicht zu bewegen, während Klaas verbissen die Taube beobachtete, die irgendwann leise und nervig zu gurren begann.
Erst als diese dann über dem Häuserdach gegenüber verschwand, entschied er sich etwas zu sagen. Einfach, weil die Stille ohne Ablenkung nicht mehr wirklich erträglich war.
„Rede.“, brummte er gegen die Scheibe, legte seine Hände auf die kühle Fensterbank.
Joko schwieg weiterhin und Klaas spürte schon wieder die Wut in sich hochsteigen. Das konnte doch nicht Jokos Ernst sein. Er..
„Es tut mir leid.“, Joko unterbrach Klaas aufgewirbelte Gedanken, holte ihn direkt wieder runter auf den Teppich. Klaas verkrampfte sich, starrte weiter aus dem Fenster, ohne irgendetwas bestimmtes zu fokussieren.
„Was tut dir leid?“, fragte er leise, atmete gegen die Scheibe, die leicht beschlug.
„Dass... also... ich...“, stammelte Joko, hatte offensichtlich keine Antwort auf diese Frage.
Dieser Idiot.
Dieser dumme Idiot.
Klaas gab ihm Zeit. Unverhältnismäßig viel Zeit. Er wartete. Wartete auf eine Antwort. Wartete darauf, dass Joko verstand was zur Hölle er falsch gemacht hatte.
Doch Joko schwieg einfach nur, ließ die Stille endlos wirken, kam nicht zum Punkt. Erneut.

Die Wut in Klaas wuchs und wuchs, bis sie völlig unvermittelt aus ihm herausplatzte. Er wirbelte herum, blieb aber am Fenster stehen, fokussierte die braunen Augen, die nun erschrocken zu ihm sahen.
„Du scheiß Idiot, ey! Warum zur Hölle bist du hier, wenn du mal wieder lieber deine Fresse hältst? Sonst hast du doch auch immer so eine große Klappe! Aber sobald es mal nicht mehr nur ums Ficken geht, ziehst du deinen scheiß Schwanz ein! Ich hab mir das alles auch nicht ausgesucht! Ganz sicher nicht! Entweder wir reden jetzt darüber und finden eine Lösung oder wir ignorieren es weiterhin und leben eben damit, wenn du dir zu fein bist mir auch nur etwas Empathie entgegenzubringen, aber dann komm verdammt nochmal nicht einfach so zu mir nach Hause und spiel den Ritter in goldener Rüstung nur um dann hier zu stehen und wieder nichts zu sagen, mir wieder wehzutun! Dann verpiss dich lieber!“
Außer Atem ließ Klaas sich nach hinten gegen die Fensterbank sinken. Seine Brust hob und senkte sich hektisch, während er geschickt Joko ignorierend gen Boden starrte.
„Ich will dir nicht wehtun Klaas... Ich... Das ist nicht so einfach... Ich...“, begann Joko zögerlich, noch leiser als eben, hörbar eingeschüchtert von Klaas‘ Ausraster, trat dann aber doch mutig einen Schritt weiter in den Raum, nur um dann wieder verunsichert stehenzubleiben.
„Fuck... ich hab die Nacht nicht geschlafen, weil ich mich so geärgert habe über mich selbst. Ich… das war falsch…. Ich hätte was sagen sollen und nicht... Ich weiß das! Ich habe so ein schlechtes Gewissen, deshalb bin ich heute direkt losgefahren, um mit dir zu reden. Ich will wirklich reden oder denkst du mir macht das Spaß hier den halben Tag in diesem Flur zu sitzen und darauf zu warten, dass du nach Hause kommst?“

Klaas schluckte. Er schaute kurz auf, nur um einem Blick in die braunen Augen zu erhaschen, die unruhig wirkten und tatsächlich müde aussahen. Joko sah wirklich aus, als hätte er die Nacht durchgemacht und Klaas wollte ihn gerade so verdammt dringend umarmen, weil es ihm leidtat, dass er so laut geworden war, weil er diesen Trottel doch liebte, aber er verbot es sich, blieb still und riss seinen Blick wieder los von diesen warmen Augen, um erneut auf den Boden zu schauen und Joko reden zu lassen. Es würde ihnen beiden wahrscheinlich leichter fallen, wenn sie sich dabei nicht ansahen.

„Klaas, ich... Du hast mich da mächtig überfordert gestern... Weißt du ich... ich hatte sowas noch nie... also eine Beziehung. Okay vielleicht mal in der Grundschule, aber das kann man ja nicht so nennen eigentlich und man... es ist nicht so, als hätte es nie Angebote gegeben oder so, aber ich hab mir das einfach nie vorstellen können. Dieses für immer. Eine Beziehung sollte ja schon darauf aufbauen, dass man für immer zusammenbleiben will. Also denke ich... Wahrscheinlich sehe ich das auch ein bisschen zu eng... vielleicht hätte ich da lockerer werden müssen... Aber ich hatte nie, bei niemanden bisher, je das Gefühl, dass das passen würde. So für immer meine ich... und fuck das hat mich auch eine Zeit lang ganz schön gestresst. Plötzlich waren alle um mich herum in Beziehungen und ich war immer noch alleine und wenn dann mal jemand Interesse an mir gehabt hatte, dann lief es doch immer nur auf Affären hinaus und die haben dann meist nicht mal länger als einen Monat oder so gehalten. Ich hab mich halt irgendwann damit abgefunden. Was hätte ich auch anderes tun sollen? Habe alle von mir weggedrückt sobald sie plötzlich mehr wollten, weil das alles so komische Dudes waren mit denen Sex vielleicht okay war, aber das war‘s dann halt auch schon...“
Klaas presste die Lippen aufeinander, während Joko redete, konnte die Informationen nicht wirklich verarbeiten, war gleichzeitig glücklich und überrascht, weil Joko tatsächlich redete, weil er sich öffnete, weil er Klaas da irgendwie gerade mit in seine Gefühlswelt nahm, wenn auch etwas holprig und schnell.
Er hörte den Blonden tief durchatmen. Es schien ihn anzustrengen. Klaas konnte das sehr gut nachvollziehen. Auch er fühlte sich gerade komplett ausgelaugt.
Joko räusperte sich, sprach dann tatsächlich weiter. Die Stimme rau und kratzig.
„Und gestern... als du... i-ich war so überfordert, weil ich damit überhaupt nicht gerechnet habe, dass du... also dass du dich in mich... und dann konnte ich nicht schlafen und lag da und hab mal ernsthaft darüber nachgedacht. Also über dich und über mich und so über uns und über all das und keine Ahnung…“
Erneut lief Jokos Satz ins Nichts. Klaas sah im Augenwinkel, wie Joko angespannt auf seinen Fußsohlen vor und zurück wippte, bevor er weitersprach.
„Mir ist bewusst geworden, dass die Affäre mit dir anders war… anders als meine bisherigen, weil wir... weil wir halt auch Freunde sind und mir das alles plötzlich tatsächlich nicht mehr so egal war.  Ich wollte die ganze Zeit, dass es dir auch gefällt, weil du mir wichtig bist. Warst du schon immer eigentlich…“
Joko rieb sich nervös mit der Hand den Nacken und Klaas wollte ihn gerne anschauen, wollte sehen wie seine Augen aussahen, wenn er sagte, dass er ihm wichtig war. Trotzdem hielt er seinen Blick gesenkt, spürte stattdessen umso mehr.
Wirre Gefühle. Kreuz und quer. Kaum zu ordnen. Alles durcheinander.

Das Parkett knarrte, als Joko das Gewicht vom einen Bein auf das andere verlagerte und seine Hände tief in die Hosentaschen schob.
Ein leises ungläubiges „Fuck“ drang zu Klaas hindurch und kurz schielte er nun doch hoch, um Joko für eine Sekunde anzusehen, wie er überfordert den Kopf schüttelte und selbst weiterhin den Boden anstarrte, während ihm einige Haare in der Stirn hingen und sein Hals vor Aufregung ganz rot gefleckt war.
„Weißt du… ich hab mir echt Gedanken gemacht, als du dich da vor einigen Tagen plötzlich nicht mehr gemeldet hast... also nach München...“, fuhr er dann leise fort. „Ich wusste nicht, was ich falsch gemacht hatte... Verdammt bei jeder anderen Affäre, hätte ich mir einfach jemand Neuen gesucht, aber bei dir wollte ich wissen was los ist… und das nicht nur weil ich ficken wollte… sondern weil ich das… dich… vermisst habe und ich… ich wollte, dass alles okay ist zwischen uns. Dann kam dieser Auftrag von CC15 rein und ich hab ihn dankend angenommen und dann bin ich hier aufgeschlagen, weil ich wissen wollte was los ist und du warst so anders, hast mich irgendwie anders angeschaut… Ich konnte das aber nicht deuten und hab’s nicht verstanden… hab auch wahrscheinlich nicht wirklich versucht es zu verstehen, weil das mit uns ja noch funktioniert hat und du gesagt hast, dass alles okay ist und du es noch willst. Da war ich wahrscheinlich zu naiv… Das bin ich ja eh immer…“
Klaas biss sich auf die Lippe, verschränkte seine Arme schützend vor seinem Körper und wusste nicht mit all den Informationen umzugehen. Er spürte Jokos Blick auf sich, schien darunter zu schrumpfen, weil er so starr auf ihn gerichtet war. Klaas senkte seinen Kopf noch etwas weiter, fühlte sich überfordert und war fast etwas erleichtert als Joko die entstandene Stille erneut brach, weitersprach und Klaas damit nur noch mehr überforderte.

„Man ey…“, hörte Klaas ihn leise fluchen. Eher zu sich selbst. Er sah ihm Augenwinkel wie der Blonde sich wieder unnötigerweise mit der Hand durch die Haare fuhr.
„Ich… ich glaube was ich sagen will ist…. dass… also... ich glaube du warst schon immer der einzige mit dem ich mir so ein ‚für immer‘ irgendwie vorstellen konnte.“
Klaas schluckte. Joko ruderte mit den Armen. „… also anfangs vielleicht nicht unbedingt in Bezug auf eine Beziehung, sondern erstmal nur von der Zusammenarbeit her und der Freundschaft und so...“
Nervös strich Joko sich durch den Nacken, verlagerte sein Gewicht vom einen auf das andere Bein.
„Du hast für mich halt immer 100% hetero gewirkt und da hab ich deswegen halt nie weiter nachgedacht wie das sein könnte, wenn du denn jetzt plötzlich auf Männer stehen würdest, weil das ja nie wirklich eine ernsthafte Option war. Wegen den Freundinnen und allem. Das hat ja keinen Sinn gemacht... Als ich dann aber plötzlich hier bei dir stand, ohne mit dir gerechnet zu haben, da war es dann plötzlich doch eine Option. Aber in meinem Kopf war eine mögliche richtige Beziehung so weit weg. So meilenweit entfernt und eine Affäre war einfach so naheliegend und auch das was ich dachte was ich wollte und was du ja auch wolltest. Ich habe wirklich zu keinem Zeitpunkt gedacht oder vermutet, dass es dir so ernst ist. So ernst geworden ist, weil du wolltest ja nur von Clara wegkommen und Spaß haben und ich finde das mit uns hat so viel Sinn gemacht, weil wir ja eh schon. Also über den Chat. Wir wollten ja beide das Gleiche anfangs. Denke ich zumindest. Also Sex halt.“
Nochmal verlagerte Joko sein Gewicht, versuchte irgendwo halt zu finden, aber fand ihm mitten im Raum nun mal nicht. Klaas hingegen lehnte sich erschlagen an die Fensterbank hinter sich, umfasste diese hinter seinen Rücken ungelenk mit den Händen, während Joko schon wieder Luft holte.
„… und gestern… du kamst plötzlich so an und hast von Gefühlen geredet. Von so richtig ehrlichen Gefühlen. So welche, die ich nie so wirklich gefühlt habe und die mich komplett überfordern, weil das einfach wie gesagt nie eine Option war. Mit niemanden. Eigentlich hatte ich diesen Beziehungskram wirklich schon aufgegeben, aber wie gesagt du bist tatsächlich der einzige Mann mit dem ich mir das schon irgendwie vorstellen könnte. Ich lag gestern im Bett und ich konnte mir das ernsthaft ausmalen. Eine Beziehung. Dieses ‚für immer‘ meine ich… mit dir. Nur mit dir eigentlich. So richitg… und vielleicht auch solche kitschigen Picknick-Dates oder Kino-Abende, wie man es in den Filmen immer sieht. In so Filmen, die ich immer für Bullshit gehalten habe und in denen ich uns jetzt plötzlich als Hauptcharaktere sehe… und ja scheiße ey das macht mir tatsächlich Angst. Das macht mir solche Angst, weil ich das nicht kenne… und weil ich mich so nicht kenne… und man sich doch in meinem Alter eigentlich langsam mal selbst kennen sollte...“

Klaas‘ Finger hatten sich mit jedem Wort von Joko fester um die Fensterbank hinter sich geschlossen. Er hielt seinen Blick krampfhaft Richtung Boden gerichtet, starrte auf die Maserung des Holzbodens und kam gedanklich gerade noch immer gar nicht hinterher.
Im Augenwinkel, sah er wir Joko unruhig erneut sein Gewicht vom einen auf den anderen Fuß verlagerte und Klaas traute sich wirklich kaum zu atmen.
Hatte Joko ihm da gerade tatsächlich gestanden, dass er sich da zwischen ihnen auch mehr vorstellen könnte? Klaas schluckte. Eigentlich sollte ihn das freuen oder? Eigentlich waren das doch gute Nachrichten... doch gleichzeitig war es eben immer noch Joko.
Joko „ich bums mit jedem, der nicht bei drei auf dem Baum sitzt“ Winterscheidt.
Joko „Geschäftspartner“ Winterscheidt.
Joko Winterscheidt einfach.

Plötzlich war Klaas derjenige der überfordert war, der nicht wusste mit diesem Geständnis umzugehen. Ihm wurde bewusst, dass er sich nur getraut hatte mit Joko darüber zu reden, weil eigentlich keine Chance auf eine Erwiderung der Gefühle bestand. Das war für Klaas sicher gewesen. So hatte er zumindest davon ausgehen können, dass ein Geständnis ihr Leben nicht allzu stark verändern würde. In Klaas‘ Planung wäre es jetzt für ein paar Monate komisch und scheiße und schmerzhaft für ihn gewesen und dann hätten sie sich damit abgefunden. Beide. Und dann wäre alles wieder wie vorher gewesen, doch natürlich machte Joko seine Planung mal wieder kaputt, natürlich grätschte er dazwischen, ließ eine Beziehung nicht mehr so weit entfernt erscheinen und brachte somit die ganzen langwierigen Probleme mit in Klaas‘ Plan über die es sich noch keine Gedanken gemacht hatte. Was würde aus ihren Shows werden, würden sie sich outen müssen, was würden die Kollegen sagen, könnten sie diese Beziehung verstecken, wenn es denn dann eine geben würde, würden sie daran irgendwann kaputt gehen?

„Klaas?“, Jokos Stimme durchschnitt vorsichtig seine Gedanken. Klaas schaute automatisch zu ihm hoch, ohne es zu wollen, weil er doch wusste, dass dieser Blick ihn schwach werden ließ. Weil es Joko war, der ihn da ungewohnt unsicher mit diesen Bambi-Augen anschaute. Fuck.
Kurz schloss er die Augen. Er wollte es Joko nicht so verdammt einfach machen.
„Ist scheiße, wenn der andere plötzlich nichts mehr sagt oder?“, fragte er daher etwas zu übertrieben schnippisch. Wahrscheinlich aus Selbstschutz oder aus Überforderung. Blöd nur, dass es ihm gleich darauf auch schon wieder leid tat, weil Joko etwas in sich zusammensackte.
“Ich wollte was sagen, Klaas. Wirklich. Aber ich war so überfordert. Es tut mir wirklich leid.“
Klaas presste die Lippen aufeinander. Er verstand Joko. Er verstand ihn viel zu gut. Es war viel zu logisch, viel zu einfach. Er könnte ihn jetzt einfach küssen und dann was? Dann wären sie ein Paar? Joko und er? Das konnte ja gar nicht so einfach sein.
Und weil es nicht so einfach sein konnte und weil das alles hier nicht in Klaas‘ Krisenplan passte, tat er etwas, was er eigentlich nicht tun wollte und doch irgendwie tun musste, um sich selbst zu beruhigen und mit all dem hier klarzukommen und vielleicht auch um Joko ein bisschen das heimzuzahlen, was sein Schweigen und sein Verschwinden ihm angetan hatten. Vielleicht tat er es aber auch nur um endlich mal wieder etwas Kontrolle über diese Situation zu erlangen.
„Geh bitte.“
Irritierte braune Augen flogen in seiner Richtung, musterten ihn verwirrt, überfordert, vielleicht sogar ein wenige verletzt, wenn Klaas das richtig deutete.
„Was?“ hauchte die raue Stimme ungläubig und Klaas nickte „Bitte geh“, wiederholte er. „Verschwinde.“ Und dann drehte er sich wieder zum Fenster, biss die Zähne aufeinander und lauschte erst der sehr lang anhaltenden angespannten Stille und dann tatsächlich den Schritten und der zufallenden Wohnungstür, die ihm nur nochmal das Herz brach.

Klaas schluckte um den dicken Kloß in seinem Hals herum.
Fuck.
Fuck fuck fuck.
War das dumm von ihm gewesen?
Resigniert drehte er sich um, starrte durch das Wohnzimmer hindurch zur Haustür und rutschte dann hinunter auf den Boden. Sein Kopf lehnte unbequem an der Fensterbank, seine Finger gruben sich in seine Haare.
Fuck.
Ja, das war dumm gewesen.

Warum hatte er ihn weggeschickt? Hatte Joko ihm da nicht gerade Gefühle erwidert. Joko Winterscheidt hatte gesagt er würde auf kitschige Dates mit ihm gehen. Er hatte es versuchen wollen. War es nicht das, was Klaas unbedingt wollte? Eine Chance bei Joko? Eine Beziehung mit Joko?
Ja verdammt. Genau das wollte er doch. Thomas Martiens würde ihm jetzt sicher eine Backpfeife geben für seine Dummheit. Zurecht.
Seine Zähne knirschten leise, weil er den Kiefer so fest aufeinander presste. Er war so dumm. Dumm. Dumm. Dumm.
Warum war er so verdammt eitel? Warum gönnte er ihnen beiden nicht das Happy End? Joko hatte sich doch entschuldigt. Er war überfordert gewesen. Verständlicherweise, wenn Klaas mit so einer Info um die Ecke kam. Ihn überforderten diese Gefühle doch auch. Das ganze hier überforderte ihn.
Doch mit dem Verständnis fürs Jokos Verhalten und schwindender unnötiger Wut und Resignation kam nun auch die Angst wieder zurück. Es war nun mal Joko. Joko, der nie eine Beziehung haben wollte. Joko, der seine Sexpartner häufiger wechselte als Klaas seine Bettwäsche.
Wie hoch war das Risiko, dass Joko ihm irgendwann das Herz endgültig brechen würde?

Laut schrillte seine Klingel plötzlich durch den Raum und Klaas zuckte so heftig zusammen, dass er sich den Kopf unsanft an der Fensterbank stieß.
Fluchend griff er sich an die pochende Stelle, stand ungelenk auf und schaute auf die Tür.
Wer wollte denn jetzt etwas von ihm? Joko war sicherlich schon weg. Es war ja schon einige Minuten her seit er ihn weggeschickt hatte.
Als es nochmal klingelte, machte Klaas sich dann mit einem gebrummten „Ich komm ja schon“ auf den Weg Richtung Tür.
Er drückte geistesgegenwärtig auf den Summer um die untere Haustür zu öffnen und zog die Wohnungstür dann mit etwas zu viel Schwung auf, nur um sich direkt nochmal zu erschrecken, weil Joko direkt vor seiner Tür stand, den Finger noch über dem Klingelknopf in der Luft hielt und dessen Haare noch zerwühlte aussahen als eben.
Klaas starrte den Blonden an, wusste nicht ob es ihn gerade freute, dass Joko nicht abgehauen war oder ob er ihn einfach nur wieder aus Überforderung wegschicken wollte.
Die Hand des Blonden legte sich unangekündigt auf seinen Arm, mit dem Klaas die Tür noch festhielt. Sie war warm, fühlte sich gut an. Zu gut.
„Sorry… ich… ich kann nicht gehen. Ich muss… will das klären. Das ist doch blöd sonst und wenn du nicht willst… dann… dann müssen wir halt irgendeinen Weg finden, wie das mit uns funktioniert. Also dann als Freunde oder auch nur kollegial. Aber… also…“
Joko stammelte hektisch vor sich hin. Die Worte überschlugen sich, er verschluckte teilweise die Endungen und Klaas stoppte die wirren Ausführungen damit, dass er die Tür losließ, Jokos Arm umfasste, der ja eh schon Klaas‘ Arm umfasste und den Blonden energisch wieder in die Wohnung zog, denn Joko hatte ja recht. Sie mussten das irgendwie klären und so ein Gespräch wollte Klaas dann nicht unbedingt auf den Flur dieser Kreuzberger Wohnung führen. Für ein Outing war er definitiv noch nicht bereit.

Er zog Joko also energisch mit sich ins Wohnzimmer, verbot sich weiter darüber zu grübeln, ob das jetzt eine gute Idee war und erschreckte dabei die Taube, die es sich wohl in seiner Abwesenheit außen auf dem Fenstersims bequem gemacht hatte.
Als diese nun zügig mit unkoordinierten Flügelschlägen das Weite suchte, blieb Klaas ähnlich übereilt und ziellos mitten im Raum stehen, ließ Joko los, um seine Hände unsicher in seinen Hosentaschen verschwinden zu lassen.
„Ich hab auch Angst.“, presste er dann zügig die Wahrheit heraus, trat nervös vom einen auf den anderen Fuß, schaute Joko an und doch an ihm vorbei.
Joko nickte leicht. Seine braunen Augen fingen Klaas‘ haltlosen Blick wieder ein, strahlten so eine Vertrautheit aus, dass dem Kleineren ganz wohlig warm wurde.
„Vor uns. Davor, dass du doch keine Beziehung willst… ich bin da all-in und wenn du es nicht bist und plötzlich doch keine Beziehung mehr willst… das würde ich nicht ertragen. Ich… ich weiß nicht, ob wir dann noch zusammenarbeiten können, wenn ich jetzt zulasse mich in uns zu verlieren…“
Fuck das war ehrlich gewesen. Das waren keine Worte, die er sich stundenlang vorher zurrechtgelegt hatte. Das war einfach so aus ihm herausgekommen und jetzt hatte er fast noch mehr Angst, weil ehrlich sein so krass verletzlich machte.
Er suchte nun selbst Jokos Blick, konnte ihn nicht wirklich deuten, aber sah trotzdem noch diese Wärme und Vertrautheit in den Augen, was die Angst etwas dämpfte, ihm ein Gefühl von Sicherheit vermittelte. Das hier war immerhin Joko. Sie kannten sich doch eigentlich in und auswendig. Sie waren Joko und Klaas. Zwischen sie konnte sich doch eigentlich gar nichts drängen. Das hatte Joko anfangs doch noch gesagt.

„Ich…“ begann der Blonde dann stockend, streckte seine Hand nebenbei nach Klaas‘ Arm aus, nur um sie doch wieder fallen zu lassen „Ich.. ich wäre jetzt sicher heute nicht hier, wenn mir das nicht ernst wäre… Das mit uns… zwischen uns…Das letzte was ich jemals wollen würde, wäre dir wehzutun.“
Klaas nickte, richtete seinen Blick auf den Boden. Verdrängte den Gedanken, dass das gegenseitige Wehtun doch schon stattgefunden hatte. Lange vor diesem Drama hier und doch auch währenddessen. Sie hatten sich auf so viele verschiedene Arten wehgetan. Emotional. Körperlich. Eigentlich auf jede erdenkliche Art und Weise. Nur die Gefühlsebene tat dreimal so sehr weh und die fehlende Kamera, die das alles relativierte, fehlte nun mal auch. Konnten sie privat zusammen funktionieren? Ohne Redaktion im Rücken, ohne vorgeschriebene Texte? Einfach nur sie. Jeden Tag zusammen. Klappte das?
Klaas schluckte, räusperte sich und stellte dann eine Frage, die Joko ihm natürlich nicht beantworten könnte, die ihn aber beschäftigte. „Wer garantiert mir, dass das mit uns klappt? Dass wir damit nicht alles kaputt machen und alles gegen die Wand fahren, wenn es schiefläuft?“
Nun griff Joko doch nach seinem Arm, zog die Hand sanft aus der Hosentasche, umschloss die Finger mit seinen eigenen. Klaas schaute auf, musterte ihre miteinander verschränkten Hände. Joko hatte wirklich schöne Hände und in seiner Hand sahen sie noch besser aus.
„Ich glaube niemand kann so etwas garantieren. Ich würde es gerne, aber dann müsste ich wahrscheinlich lügen, Klaas.“
Die Hand drückte seine etwas. „Aber ich will das auch. Das kann ich versprechen, weil ich hab wirklich die ganze Nacht lang nur darüber nachgedacht und du weißt ich denke normalerweise nicht viel nach.“
Klaas schnaufte leise, halb belustigt, halb angespannt.
„Ich kann mir das wirklich vorstellen, Klaas. Mit niemandem habe ich es bis jetzt so lange ausgehalten wie mit dir. Weder freundschaftlich noch… noch so als Affäre. Wenn es mit dir nicht klappt, dann wahrscheinlich mit niemanden und dann verbring ich die restlichen Jahre meines Lebens mit irgendwelchen Typen, von denen ich nicht mal den Namen weiß. Das will ich nicht. Ich weiß ich hab immer gesagt ich will keine Beziehung, weil es für mich halt nie mit jemandem gepasst hat, aber mit dir würde das passen. Ich weiß das einfach und ich verstehe, dass dich das verunsichert. Mich verunsichert das auch, aber ich will es wirklich.“
Klaas biss sich auf die Lippe, starrte immer noch auf ihre Hände. Joko wollte es. Joko wollte sie. Sie beide gemeinsam. Als Paar. War das nicht auch genau das was Klaas wollte? Warum zögerte er? Warum lagen sie nicht schon längst knutschend auf dem Sofa?
Klaas schloss die Augen. Sein Atem ging mal wieder etwas zu schnell dafür, dass er sich keinen Millimeter bewegte. Er horchte in sich hinein, verdrängte nagende Gedanken, spürte Jokos warmen Finger, die seine noch etwas fester umfasste, ihm Halt gaben. Ja er wollte das. Sein Herz schrie förmlich gegen seinen Kopf an. Er wollte das. Er wollte sie. Er wollte Joko.
Thomas Martiens würde ihm nun wirklich eine scheuern, wenn Klaas jetzt den Schwanz einzog, wenn er nach diesem ehrlichen Gespräch voller Gedanken und Gefühle nun den Rückzug antrat. Vielleicht war jetzt der Moment in seinem Leben gekommen, in dem er mal aus seiner Komfortzone herausmusste, mal etwas riskieren musste, mal auf sein Herz hören musste.
Er öffnete seine Augen wieder, schaute hoch, traf auf aufgewühltes, vertrautes Braun.
Und dann trat er einen kleinen Schritt näher an seinen Kollegen, zog die zweite Hand aus der Jogginghose und legte sich sanft an Jokos Wange.
Der Bart kratze leicht unter seinen Fingerspitzen, er spürte und sah wie Jokos Mundwinkel sich etwas hoben, wie er seine Wange Klaas‘ Hand leicht entgegen drückte.
Klaas strich fast ehrfürchtig über die Haut, wanderte dann in den Nacken des Blonden und bevor er all das hier noch weiter in Frage stellen konnte, zog er ihn zu sich, stellte sich zeitgleich auf Zehenspitzen und spürte direkt darauf endlich wieder diese Lippen auf seinen.
Es war ein kurzer unschuldiger Kuss, fast etwas schüchtern so als wäre es ihr erster.
Klaas spürte Jokos Finger an seinen Wangen, weich und vorsichtig strichen sie darüber. Sie lösten den Kuss. Klaas sah auf in warme braune Augen.
Ein leises fragendes „Also ja?“ drang an seine Ohren, über die Jokos Fingerspitzen gerade strichen.
„Ja.“ hauchte Klaas versichernd gegen die schmalen perfekten Lippen, begann zu grinsen und kopierte damit Joko, der ebenfalls strahlte.
Die Zweifel schienen wie weggeblasen, als sie ihre Entscheidung mit einem weiteren Kuss besiegelten.
Das würde schon klappen.
Sie waren immerhin Joko und Klaas und das war doch eigentlich Begründung genug, oder?


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tbc
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