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The Other One

von Danbo
Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf
07.06.2021
11.10.2021
20
75.876
58
Alle Kapitel
130 Reviews
Dieses Kapitel
5 Reviews
 
15.09.2021 3.627
 
Hallöchen, es ist Mittwoch und ich freue mich sehr euch das neue Kapitel präsentieren zu können, weil es mir selbst sehr gut gefällt! Ich bin wohl einfach ein kleiner Drama Fan. Aber gut genug von mir. Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen! :)


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Deutschsprachiger Pop dudelte leise im Hintergrund, als Klaas auf die Autobahnauffahrt abbog. Brummend beschleunigte sein Porsche und zügig schaltete Klaas in den 6. Gang und zog dann nach links auf die Autobahn.
Seine Hände hatte er fest um das Lenkrad geklammert, sein Blick lag stur auf der grauen Straße, die noch etwas feucht vom nächtlichen Regen war.
Er zog nochmals nach links. Das monotone Geräusch des Blinkers mischte sich in den Song, wirkte deplatzierte, verstummte aber auch direkt wieder, als Klaas an einem kleinen VW Golf vorbeizog.

Sein Kopf brummte unangenehm und er würde das zu gerne auf das Bier schieben, welches er gestern bei Thomas getrunken hatte, wusste aber, dass er von einem einzigen Bier keinen Kater bekam. Der Auslöser war wohl eher der Schlafmangel.
Wenn es hochkam, hatte er die Nacht drei Stunden geschlafen. Die restliche Zeit hatte er an die Decke gestarrt und versucht die wirren Gedanken und Gefühle zu ordnen, die seinen Kopf heimsuchten.
Gegen halb 4 morgens hatte er sich dann hellwach an seinen Schreibtisch gesetzt, hatte tatsächlich Sätze aufgeschrieben, die er Joko sagen könnte, hatte geplant, wie das Gespräch wohl laufen würde und hatte am Ende doch jeden einzelnen Zettel wieder zusammengeknüllt und in den Papierkorb geworfen. Wie in so einem dämlichen Teenie-Film.

Noch einmal zog Klaas eine Spur nach links, beschleunigte, sobald er das Schild entdeckte, welches die Geschwindigkeitsbegrenzung aufhob und lächelte sogar etwas, als er einen Mercedes überholte, der auf der mittleren Spur versuchte mit ihm mitzuhalten.

Er war fast etwas stolz darauf, dass er nun wirklich auf dem Weg nach München war. Er hatte nicht daran geglaubt, dass er das wirklich durchziehen würde. Nicht einmal Thomas Martiens hatte das, denn der war heute früh wohl auch etwas überrascht gewesen, als Klaas ihm geschrieben hatte, dass er tatsächlich nach München fahren würde.
Aber irgendwie hatte Thomas da gestern in ihm unwiderruflich diesen Schalter umgelegt, sodass Klaas gar keine Wahl mehr gehabt hatte. Er musste mit Joko reden. Er wollte nicht, aber er musste.
Es war nicht fair, wenn er nichts sagte.
Er würde mit den Konsequenzen leben müssen.
Sie würden das schon irgendwie schaffen.
Sie waren doch Joko und Klaas.

Nochmals drückte er seinen Fuß fester aufs Gas, starrte auf die Straße, sah die Bäume am Autobahnrand verschwimmen, weil er so schnell unterwegs war.
Kurz hielt er die hohe Geschwindigkeit, genoss das Gefühl etwas unter Kontrolle zu haben, genoss es so konzentriert zu sein, dass kurzzeitig alle zweifelnden Gedanken verschwanden und nahm dann doch wieder den Fuß vom Gas.
Als das Auto unter ihm langsamer wurde, ordnete er sich wieder auf der mittleren Spur ein, seufzte leise und drehte im gleichen Zug das Radio lauter.

Insgeheim freute er sich fast etwas auf das kommende Gespräch. Also nicht auf das Gespräch an sich, aber auf das was danach folgen würde. Danach hätte er zumindest eine Gewissheit. Er wüsste, wo er und seine Gefühle standen, wüsste wie das mit ihm und Joko weitergehen würde. Er würde sich nicht mehr den Kopf zerbrechen müssen.
Und trotz der vielen Vorteile, die mit einem Gespräch sehr wahrscheinlich einhergehen würden, fühlte er sich gar nicht bereit dazu.
Er hatte nicht gelogen, als er zu Thomas gesagt hatte, dass er das nicht konnte. Er konnte es wirklich nicht. Noch dazu kam, dass Joko sehr gut reden konnte. Joko wäre ihm da auf jeden Fall überlegen. Immer. Und doch führte momentan wohl wirklich kein Weg daran vorbei. Er musste das tun. Vor allem für sein eigenes Wohl.

Sein Blick glitt zur kleinen digitalen Uhr. Es war kurz vor 9. In knapp 6 Stunden würde er bei Joko auf der Matte stehen und danach würde sich unwillkürlich alles ändern.
War er bereit dafür? Nein. Nicht wirklich. Wäre er wahrscheinlich nie.
Das, was er mit Joko hatte, machte ihn verdammt glücklich, obwohl seine kühle Art ihn jedes Mal mitten ins Herz traf. Das alles jetzt aufs Spiel zu setzen war eigentlich dumm, aber wie schon gesagt notwendig.
Klaas drehte die Musik noch ein wenig lauter. Seine Gedanken drehten sich im Kreis, wiederholten sich immer wieder. Die laute Musik half dagegen. Wenn auch nur ein bisschen.


Nach einigen herauszögernden Zwischenstopps an verschiedenen Autobahnraststätten, erreichte Klaas München. Es war halb 4 als er durch die Tunnel fuhr, die unter der Innenstand hindurchführten.
Im Auto war es stickig, weil der letzte Stopp schon etwas her war und Klaas fühlte sich schlapp und müde. Er war es wirklich nicht mehr gewohnt so weite Strecken selbst mit dem Auto zurückzulegen.
Mit jedem weiteren Kilometer, den er sich Jokos Haus näherte, fühlte er sich überforderter.
Er war nicht bereit.
Überhaupt nicht.
Nein. Nein. Nein.
Er bog in die Zielstraße ein, lachte humorlos über den einen freien Parkplatz direkt vor Jokos Haus. Dabei hatte er doch gerade noch innerlich gehofft jetzt erst noch eine halbe Stunde nach einem Parkplatz suchen zu müssen.
Verdammt.

Zögerlich parkte Klaas nun also in der freien Lücke, schaltete den Motor aus und war plötzlich von einer ungewohnten Stille umgeben.
Die letzten Stunden hatte er konstant das leise Brummen des Motors und Musik in den Ohren gehabt und nun umfing ihn diese quälende Stille unbarmherzig.
Zittrig atmete Klaas durch, schaute nach rechts, starrte das große Haus an, in dem er jetzt schon zu oft gewesen war.
Die Hecke war nicht mehr ganz so penibel gestutzt, aber wirkte immer noch mehr als ordentlich und das geschlossene Eisentor, versperrte ihm die Sicht auf den unteren Teil des Hauses.
Er seufzte, lehnte seinen Kopf gegen das Lenkrad.
Fuck. Jetzt war es wohl soweit. Er musste da rein, musste mit Joko reden. All das mit ihm klären und dann auf das Beste hoffen.

Kurz gönnte er sich aber noch einen Moment in der Stille, versuchte Gedanken zu ordnen, die wirr durch seinen Kopf flogen und gab es dann doch wieder auf.
Was bei ihm zu Hause schon nicht funktioniert hatte, würde hier wohl erst recht nicht funktionieren.
Mit kribbelnden Fingern zog er also nun den Schlüssel aus dem Zündschloss, schob sich sein Handy in die Hosentasche und öffnete dann letztendlich die Autotür.
Frische Luft strömte sofort ins Innere des Autos und Klaas stieg aus und atmete erst einmal tief durch.
Hier in München schien es auch geregnet zu haben. Die Straßen waren noch leicht feucht und in der Luft lag der Geruch von Regen. Der Himmel war aber gerade dabei aufzureißen und vereinzelte Strahlen der Sonne trafen auf den Asphalt und die umliegenden Häuser.
Klaas kickte einen kleinen Stein quer über die Straße, sammelte sich nochmal kurz ohne großen Erfolg und schritt dann bedächtig auf das Eisentor zu.
Sein Finger drückte auf den Klingelknopf. Er vermied den Blick in die kleine Kamera, starrte auf das Tor und zuckte zusammen, als es plötzlich summte. Automatisch drückte Klaas dagegen. Das Tor schwang auf, ließ ihn in den Vorgarten treten.

Die Haustür öffnete sich im gleichen Moment, als Klaas den ersten Schritt in den Garten setzte. Er schaute auf, atmete hektisch durch, als diese verdammt vertrauten braunen Augen ihn irritiert ansahen.
Zögerlich lief er weiter durch den Vorgarten, ließ kurz ein minimales Grinsen zu, als er sah, dass Joko wieder seine Otter-Hausschuhe trug.
Vor der Tür blieb er dann gezwungenermaßen stehen, schaute kurz hoch in Jokos Gesicht und blickte dann knapp an ihm vorbei ins Nichts.
„Klaas? Was? Warum bist du hier?“, fragte Joko verwirrt und Klaas konnte sich doch nicht davon abhalten wieder in diese braunen Augen zu schauen und die schönen Lippen zu bewundern und diese makellose Haut zu bestaunen und dann setzte auch schon irgendwas in ihm aus und er griff in Jokos Shirt und presste ohne Vorwarnung seine Lippen auf die seines Gegenübers, der davon gar nicht so überrumpelt zu sein schien, wie Klaas von sich selbst.
Jokos Hände lagen innerhalb von Sekunden nämlich schon in Klaas‘ Nacken. Vertraut und warm.
Bestimmt zog der Blonde ihn in den Flur, Klaas stolperte mit ihm, drückte ihn an die Wand gegenüber der schweren Eingangstür, die mit einem lauten Knall ins Schloss fiel.
Gierig presste Klaas sich enger an Joko, streifte sich währenddessen die Schuhe von den Füßen und  schob seine Finger unter das Shirt. Er strich über die warme, weiche Haut und ließ sich dann einfach von seinem Kollegen mit ins altbekannte Wohnzimmer ziehen.

Zügig landeten sie zusammen auf der großen Couch, Jokos Shirt war bis zur Brust hochgeschoben, Klaas lag halb über ihm und vertiefte den Kuss, bis er kaum noch Luft bekam und kurz Abstand nehmen musste, um zu atmen.
Seine Lungen brannten, sein Herz raste und das erste Mal seit eben an der Tür, öffnete er seine Augen wieder, sah in das dunkle Braun und sprang dann so hektisch von dem Blonden weg, dass er fast über seine eigenen Beine stolperte und sich gerade noch so fangen konnte.

Hektisch atmend, blieb er an der nächstbesten Wand stehen, starrte zu Joko auf dem Sofa, der ihn mit immer noch entblößter Brust und wirren Haaren verwirrt musterte.
Fuck. Er war hier zum Reden. Zum Reden verdammt. Nicht zum Ficken. Verdammter Joko. Verdammte Gefühle. Verdammte Hormone. Verdammt. Verdammt. Verdammt.
Aufgewühlt raufte Klaas sich die Haare, starrte immer noch Joko an, der sich jetzt wieder aufrichtete und halbherzig sein Shirt herunterzog.
Sein Blick war immer noch fragend und Klaas hasste, dass er Joko so gut kannte und schon wusste, was dieser als Nächstes tun würde.
Wie auf Kommando stand Joko dann nämlich auch schon auf und trat auf ihn zu.
„Was ist denn?“, fragte er so verschissen sanft, dass Klaas‘ Herz noch mehr zu rasen begann. Warum war dieser Mann so… so… so perfekt?
„Klaas?“
Eine Hand traf seine Wange. Sanft und vorsichtig, glitt dann runter über seine Brust und kurz bevor Joko sich verleiten ließ und in bekannter Manier begann seinen Hals zu küssen, griff Klaas fest nach der Hand und brachte wieder etwas Abstand zwischen sie.
„Ich kann das nicht.“, krächzte er übereilt, fing den noch irritierteren Blick von Joko ein.
„Huh?“, fragte Joko wenig eloquent, trat zögernd einen Schritt zurück.
Alles in Klaas wollte ihn am liebsten wieder näher an sich ziehen, doch er hielt sich unter Kontrolle, ballte seine Hände zu Fäusten.
„Reden. Ich bin eigentlich hier um mit dir zu reden. K-können wir reden?“, stotterte er hektisch und mied Jokos Blick.
„Äh... ja okay. Klar... wollen... wollen wir uns setzen?“, stammelte Joko, klang nun ebenso unsicher und deutete auf den Esstisch in der Ecke. Klaas nickte einfach nur peinlich berührt von der Situation.

Zögerlich nahmen sie nun beide am Tisch Platz. Genau wie damals, als Klaas das erste Mal in dieses Haus gekommen war und doch war die Situation eine komplett andere. Damals waren sie nur Kollegen gewesen. Nun waren sie irgendwie mehr und irgendwie auch nicht.
Trotzdem oder gerade deswegen herrschte auch jetzt wieder eine unangenehme Stille. Klaas versuchte verzweifelt sich auf den letzten Drücker noch Worte zurechtzulegen, wusste nicht, wie er das hier überhaupt beginnen sollte.
Wie sprach man über Gefühle? Mit Clara war ihm das irgendwie immer leichter gefallen. Da war es einfach so passiert. Doch jetzt passierte gar nichts einfach so. Außer das Verlieben. Das war einfach so passiert.

„Also...?“, unterbrach Joko dann die Stille. Klaas schaute zu ihm, beobachtete diese schönen Hände, die gerade die Maserung der Holztischs nachfuhren und vergrub seine eigenen Hände unter seinen Oberschenkeln.
„Du willst das zwischen uns nicht mehr?“, hakte der Blonde weiter nach und Klaas beobachtete noch immer die grazilen Finger.
„...jein“, krächzte er leise, sah Joko fragend die Augenbraue heben.
„Ich will das... zu sehr.“, führte er weiter kryptisch seine Gedanken aus, was Joko scheinbar nur noch unwissender zurückließ.
„Wie meinst du das?“
Klaas atmete zittrig durch. Sein Herz pochte so stark, dass er Angst hatte Joko könnte es hören oder ihm ansehen.
„Ich... ich find das alles besser, als ich es finden sollte...“, nuschelte Klaas weiter, druckste herum und musste leider feststellten, dass Joko in Bezug auf Gefühle wirklich so unwissend und naiv war, wie Thomas Martiens ihm mitgeteilt hatte.
Wie konnte man so schwer vom Begriff sein? Klaas sah in den Augen nicht mal den Ansatz einer Ahnung. War dieser Mann noch nie verliebt gewesen?

„Man Joko!“, zischte Klaas überfordert, zog seine Hand hervor und fuhr sich einmal durch die Haare. Das konnte doch nicht wahr sein.
„Ich verstehe nicht...“
„Das merke ich.“, brummte Klaas, schob seine Hand wieder unter den Oberschenkel.
„Dann rede doch auch einfach mal Klartext!“, erwiderte Joko, klang aufgebracht. Aber nicht wütend aufgebracht. Eher verunsichert aufgebracht.
Klaas biss sich auf die Lippe. Sein Kopf konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Alleine dieses kryptische Gespräch hatte ihm einiges abverlangt. Wie sollte er jetzt noch klarer seine doofen Gefühle aussprechen? Das konnte er nicht.
Zügig erhob er sich vom Tisch. Er konnte nicht mehr sitzen, tigerte über den knarzenden, bestimmt viel zu teuren, Parkettboden.
„Klaas man, jetzt sag doch bitte mal was los ist!“, forderte Joko, hatte sich etwas auf dem Stuhl zur Seite gedreht und beobachtete Klaas, der wie ein eingesperrtes Tier von rechts nach links streifte, bevor er stehen blieb und Joko anschaute.
Verdammt dieser Mann war wirklich viel zu schön. Wie hatte er das all die Jahre nicht wahrnehmen können?
„Klaas?“, fragte Joko nochmal, drängelte wie ein kleiner ungeduldiger Junge, setzte Klaas damit noch mehr unter Druck.
Nochmals strich der sich fahrig durch die Haare, griff dann haltsuchend nach dem Regal links neben sich, um sich irgendwo festzuhalten. Er musste es einfach sagen. Das konnte ja nicht so schwer sein. Nur ein paar Worte und dann war es raus.
Noch einmal schaute er auf in die braunen Augen, die ihn so unschuldig und fragend musterten und dann sprach er einfach.
„Ich hab Gefühle... Für dich... Romantische...“

Es war mehr ein Gestammel, welches da seine Lippen verließ und am liebsten würde Klaas sich für seine Unfähigkeit ohrfeigen, aber er war gerade viel zu beschäftigt damit Jokos Gesichtszüge zu mustern.
Er sah ein leichtes Zittern und überraschte Augen, die von weich zu überfordert wechselten und dann hörte er ein leises krächzendes „Was?“
Es war keine wirkliche Frage, mehr ein Ausruf der Verwirrung oder Überraschung und doch schoss ein „Ich bin in dich verliebt.“, aus Klaas heraus, welches sich anfühlte als hätte eine große Last ihn verlassen. Er fühlte sich leicht und überraschend gut dabei diese Worte in Jokos Richtung zu sagen und sie auch so zu meinen. Es war irgendwie befreiend.
Trotzdem traute er sich nicht danach in Jokos Gesicht zu sehen. Lieber hielt er seinen Blick Richtung Boden gerichtet, betrachtete die Maserung auf dem Parkett und schaute selbst dann nicht auf, als er Jokos Füße in diesen viel zu kitschigen Hausschuhen auf sich zukommen sah.

Erst eine warme Hand an seiner Schulter ließ ihn aufblicken.
Braune Augen. Überfordert. Überrascht. Kühl und unglaublich warm zugleich.
Schmale, perfekt geschwungene Lippen, die ganz leise ein „Wirklich?“, formten. Aber es klang nicht so hoffnungsvoll, wie Klaas es sich erwünschte. Eher naiv fragend.
Klaas presste seine Lippen aufeinander. Sein Blick huschte immer wieder über das Gesicht vor ihm, als er stumm nickte.
Die Hand auf seiner Schulter war warm und ließ seine Haut kribbeln.
Jokos Blick glitt nun auch über sein Gesicht und Klaas wusste nicht, wie er das deuten sollte. Warum sagte Joko nichts? Warum war er nicht wütend oder euphorisch oder irgendetwas dazwischen? Was empfand er? Wie würde es weitergehen?

Jokos Hand landete plötzlich an seiner Wange. Schon wieder. Warm und vertraut. Klaas‘ Atem beschleunigte sich unweigerlich. Jokos Gesicht war plötzlich so nah und dann lagen auch schon Lippen auf seinen und Klaas‘ Herz pochte schnell und ungleichmäßig. Das war kein sanfter Kuss. Ihre Lippen trafen hart aufeinander, gierig, wollend. So wie immer eigentlich.
Klaas versuchte zu verstehen, was Joko ihm hiermit sagen wollte. War das nur die Überforderung, die hier handelte oder erwiderte er die Gefühle? Was sollte das hier?
Ohne die genau Antwort darauf zu wissen, ließ er sich auf den Kuss ein. Als hätte er überhaupt die Wahl diesen Kuss nicht zu erwidern. Das war fucking Joko Winterscheidt, der ihn hier küsste. Klaas würde dessen Küsse jederzeit erwidern.
Als Joko ihn dann aber ihn viel zu gewohnter Manier vor sich her Richtung Sofa schob, seine Hände gleichzeitig über Klaas‘ Körper wanderten, da wachte der Kleinere aus seinem Wunschtraum auf, fiel förmlich von Wolke 7, auf der er es sich gerade bequem machen wollte.
Und Fallen war wirklich kein schönes Gefühl. Fallen war unkontrolliert und ungeplant. Fallen brachte Ungewissheit mit sich. Kurzum: Fallen war scheiße und das hier war nicht in Ordnung. Sie hatten rein gar nichts wirklich geklärt. Joko konnte jetzt nicht einfach dieses für Klaas sehr wichtige Thema mit ein bisschen Sex in den Hintergrund schieben. So lief das nicht. Affäre hin oder her.
Bestimmt drückte Klaas Joko nun also weg. Es fiel ihm schwer. Er wollte alles nur nicht Joko wegdrücken, aber er musste hier mal für sich selbst einstehen. Sonst würde das alles hier wirklich komplett den Bach runtergehen.

„Was wird das?“, fragte er atemlos und unsicher, als er es geschafft hatte, Joko so weit von sich wegzuschieben, dass ihre Lippen sich nicht mehr so einfach berühren konnten.
„Sex...“, murmelte Joko abgelenkt, wollte ihn wieder an sich ziehen, doch Klaas schubste ihn nun gänzlich von sich weg. Nicht mit wirklich viel Kraft, aber immerhin so stark, dass der Blonde ihn loslassen musste und tatsächlich die Frechheit besaß ihn jetzt auch noch verwirrt anzuschauen.
„Ist dir wirklich so scheißegal, was ich dir eben erzählt habe?“, fragte Klaas verletzt, verschränkte seine Arme vor dem Körper, um sich selbst davon abzuhalten, diese Nähe zu Joko wieder herzustellen.
Der Blonde runzelte die Stirn, schien ahnungslos, immer noch überfordert und doch entschuldigte das nichts.
„Man Joko! Du... das kann nicht dein Ernst sein!“, zischte Klaas, wütender als beabsichtigt, trat noch einen Schritt zurück. Das hier war dann wohl kein Fallen mehr, sondern der Aufprall. Hart und schmerzhaft. Kein bisschen rosarot.
„Ich...“, stammelte Joko nur.
„Ja du du du! Denk doch nicht immer nur an dich!“, keifte Klaas zurück, obwohl er sich eigentlich sicher war, dass Joko wirklich der letzte Mensch der Welt wäre, der nicht an das Wohl von anderen dachte und doch kam es ihm gerade so vor, als wäre es Joko egal, wie es Klaas mit dieser Sache hier ging. Als wäre Sex wichtiger, wie seine Gefühle.
„Ich denk nicht nur an mich!“, wurde Joko nun auch etwas lauter, fuhr sich fahrig mit den Händen durch diese viel zu schönen blonden Strähnen.
„Wieso checkst du dann nichts?! Wieso scheißt du auf meine Gefühle?! Wieso hast du nie gesehen, wie weh du mir tust, wenn du dich nach dem Ficken einfach verpisst?! Mach doch einfach mal deine Augen auf! Für was hast du denn diese doofe Brille?!“
Klaas wusste, dass er sich zu sehr in all das hier hineinsteigerte, dass er gemein wurde und dass er nicht die ganze Schuld auf Joko abschieben sollte, weil er ja auch was hätte sagen können und doch fühlte es sich gut an, das alles mal rauszulassen.
Joko hatte er mit seinen schroffen Worten wohl auch ganz schön aus dem Konzept gerissen, der stand nämlich nur schweigend da und starrt ihn sprachlos an, ohne sich auch nur ein Stück zu bewegen. Klaas sah nur, dass sich sein Brustkorb etwas zu schnell bewegte und als dann nur ein überfordertes „Klaas...“, Jokos Lippen verließ, war er schon auf dem Weg nach draußen. Bloß weg von hier. Das wurde ihm alles zu viel. Er fühlte zu viel, er dachte zu viel und Joko tat von all dem viel zu wenig.

Er hastete durch den Flur, schlüpfte in seine Schuhe, riss die Haustür auf und stürmte durch den kleinen Vorgarten.
Als das schwere Eisentor hinter ihm ins Schloss fiel und er auf die Straße zu seinem Auto stolperte, hörte er immer noch keine Schritte hinter sich.
Vielleicht war er Joko wirklich egal, war für ihn nur der Weg zu schnellen diskretem Sex gewesen...
Ja fuck das tat weh. Das tat noch mehr weh, als jedes verfickte Mal, wenn Joko einfach so nach dem Sex gegangen war. Das hier riss ihm gerade das Herz heraus, welches er Joko eben noch so mutig auf dem Silbertablett präsentiert hatte.

Mit leicht verschwommener Sicht und tränenden Augen stieg er in sein Auto. Einen letzten Blick richtete er auf das Haus. Er wartete. Ein paar Minuten saß er da und starrte auf das Eisentor, hoffte irgendwie dummerweise, dass es sich gleich öffnen würde und Joko wie der Ritter auf dem weißen Pferd zu ihm eilen würde. Hoffte, dass er ihn nach dem harten Aufprall eben immerhin nicht allein ließ, dass er ihn wieder zusammenflickte. Doch nichts passierte. Das Tor blieb geschlossen. Da kam kein Joko zu seiner Rettung, aber vielleicht war derjenige, der ihn so verletzt hatte, auch niemand, der ihn retten sollte. Klaas wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln, warf einen allerletzten Blick auf das Haus und dann drückte er aufs Gas.

Als er die Autobahn erreichte waren die Tränen in seinen Augen versiegt, er beschleunigte, schaltete gleichzeitig das Radio aus, welches einen kitschigen Love-Song spielte und richtete seinen Blick wieder nach vorne auf die Straße, während er an einem BMW vorbeizog.
‚Du musst mit Joko reden‘, äffte er in Gedanken Thomas Martiens nach.
Was hatte er nun davon? Nur Ärger.
Er wusste schon, warum er normalerweise nicht mit Leuten über Gefühle sprach. Es war doch von vorneherein klar gewesen, dass Joko diese Gefühle nicht erwiderte. Wie naiv war er bitte gewesen?
Stumm verfluchte er nun also Thomas und Joko gleich mit und sich selbst sowieso, umgriff das Lenkrad noch etwas fester, während er weiter beschleunigte.
Er wollte einfach nur zurück nach Hause und das alles vergessen.


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tbc
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