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Buch 2 - Die Lichtklingen

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Fantasy / P16 / Het
06.06.2021
21.05.2022
32
83.530
2
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25.06.2021 1.525
 
Falathras hatte in Cyrgars warmer und gemütlicher Wohnung nicht mitbekommen, dass jetzt der erste Schnee des Jahres fiel. In einer anderen Gemütslage hätte er sich die Zeit genommen, die Eleganz der Schneeflocken zu bewundern, heute war er zu abgelenkt. Seine Füße lenkten ihn wie von Zauberhand auf den Weg, der zu seinem Zuhause führte.

Auf dem Weg dorthin kreuzte sich sein Pfad bereits zum zweiten Mal an diesem Tag mit dem von Vater Bermorn. Dieser stritt sich mit einem Paar von zwei Einheimischen mittleren Alters, weil sie irgendeinem Brauch nachgingen, den man in Lordaeron nicht pflegte. „Hört auf mit diesem heidnischen Unsinn!“, verlangte er heftig gestikulierend, dass der Schmuck, den die zwei just in diesem Moment an der Hauswand anbrachten, wieder abgenommen werden möge.

Bermorns Kontrahent in Form eines älteren Mannes mit untersetztem Körperbau und spiegelnder Glatze blieb standhaft und schüttelte den Kopf. „Aber das Winterhauchfest ist doch ein wirklich netter Feiertag. Unsere zwergischen Verbündeten in Eisenschmiede wissen wirklich, wie man feiert. Und es ist ja nicht so, als ob die Legende von Allvater Winter in irgendeinem Widerspruch zum Licht stünde.“

Bermorn lehnte sich an die Hauswand und stieß einen frustrierten Seufzer aus. „Ihr seid im abgelegenen Sturmwind wirklich zu lange isoliert von der Wahrheit unserer Kirche gewesen. Pah, diese falsche Götzenverehrung wird euch noch Unheil bringen!“ Dann fiel Bermorns Blick auf Falathras, der das ganze Schauspiel eher mit Unbehagen beobachtet hatte und er packte ihn gleich bei den Oberarmen. „Falathras, ihr werdet mich doch gewiss unterstützen und diesem vom rechten Wege abgekommenen Schaf zeigen, was es bedeutet, richtig zu glauben!“

Falathras wusste genau, dass das keine Bitte, sondern eine Forderung war und anders als der jüngere Falathras, der aus Angst davor, dass sich Bermorn irgendwie an ihm rächen würde, bereitwillig nachgegeben hätte, verneinte er Bermorn die Unterstützung. „Nein. Es mag schwer für euch sein, aber es ist nun mal eine Tatsache, dass wir in einem anderen Land mit anderen Sitten sind. Ihr müsst das akzeptieren. Lasst diese armen Leute in Ruhe.“

Der Mann des Ehepaares, das Falathras aus seiner Not gerettet hatte, warf ihm einen dankbaren Blick zu. „Ich wünsche euch ein frohes Winterhauchfest!“

Falathras nickte ihm zu. „Gleichfalls.“

Vater Bermorn verzog die Miene, bis seine Lippen so schmal und dünn wurden, dass sie fast nicht mehr sichtbar waren, und verabschiedete sich dann mit einem gepressten „Möge das Licht mit euch sein.“ Seine Robe raschelte um seine wütenden Schritte umher.

Falathras seufzte und sein Atem manifestierte sich als grauer Schemen in der Winterluft. Vielleicht hatte Vater Bermorn den Nutzen der Paladine erkannt, an seiner Verschlossenheit hatte das allerdings nicht viel geändert. Sein Geist war weiterhin wie eine Auster.

Falathras hob die Hand und winkte dem Ehepaar zum Abschied, ehe er sich auf den Weg machte.



Zuhause angekommen zog Falathras sich mit tauben Fingern den Wohnungsschlüssel aus der Tasche. Er brauchte einige Versuche, bis er ihn endlich in das Schlüsselloch gesteckt hatte. Innerhalb des Hauses hörte er Lachen aus der Küche.

Tanalarn und Ivrendre sind also schon da.

Falathras rieb sich die vor Kälte schmerzenden Hände und gesellte sich dann zu den anderen, nachdem er seine Kleidung gewechselt hatte. Ivrendre wechselte sofort einen Blick mit ihm. Falathras war sofort im Klaren darüber, was das zu bedeuten hatte. Sie wollte von ihm wissen, warum er heute so unkonzentriert gewesen war, dass Kaedran ihn fortgeschickt hatte. Sie würde nicht lange auf ihre Antwort warten müssen.

Falathras setzte sich gegenüber von Tanalarn an den Tisch und sah ihn genau an. Seit wann verschwieg sein Bruder so viel vor ihm? Er musste doch wissen, dass er ihm vertrauen konnte.

„Hallo, Fala“, grüßte ihn der nichtsahnende Tanalarn.

„Grüß dich, Bruder. Ich habe etwas Wichtiges mit dir zu besprechen.“

Tanalarn runzelte die Stirn. „Jetzt klingst du schon wie unsere Eltern.“

Falathras musste kurz schlucken. „Mag sein, aber ich kann es nicht ignorieren. Vater Bermorn ist heute Vormittag zu mir gekommen und hat mir mitgeteilt, dass sie dich bald aus dem Priesterseminar rauswerfen werden müssen, wenn du keine Fortschritte machst. Warum hast du mir nicht gesagt, dass du Probleme mit dem Licht hast? Ich hätte dir sofort geholfen.“ Er wartete mit verschränkten Armen die Antwort seines Bruders ab.

Ivrendres Mund öffnete sich leicht und formte ein O. Nun lastete auch ihr vorwurfsvoller Blick auf Tanalarn.

Seine Erwiderung kam wie aus der Pistole geschossen. „Ich weiß, ich weiß, aber... ich habe gesehen, wie glücklich ihr wart, also habe ich mir gedacht, dass ich meine Probleme für mich behalte, um euch nicht damit zu belasten.“

Falathras hielt sich die Hand halb vor sein Gesicht. Ach Tanalarn. Mein Glück hätte nicht zu deinem Schaden gereichen müssen.

Ivrendre atmete langsam aus. „Wir wissen, dass du es nur gut gemeint hast. Du solltest allerdings wissen, dass du jederzeit mit uns reden kannst. Wenn du früher mit deinem Problem zu uns gekommen wärest, hätten wir es wahrscheinlich viel einfacher lösen können.“

Mit einem Nicken bekundete Falathras seine Zustimmung. „Diesen Gefallen hättest du nicht für uns tun müssen. Die Konsequenzen, die Vater Bermorn angekündigt hat, sind sehr ernst. Aber noch ist es nicht zu spät. Sag uns, wie können wir dir helfen?“

Tanalarn zuckte die Schultern so extrem, dass er sich zwischen ihnen regelrecht wie eine Schildkröte in ihren Panzer verzog. „Ehrlich gesagt denke ich nicht, dass ich Hilfe brauche. Ich fände es gar nicht mal schlimm, wenn sie mich rausschmeißen – ganz im Gegenteil. Nach allem, was ich gesehen habe, fällt es mir schwer, noch an das Licht zu glauben.“ Er fixierte Falathras mit einem durchdringenden Blick. „Dich konnte das Licht nicht retten!“

Falathras rückte seinen Stuhl nach hinten und stand auf. „Aber-“

Tanalarn schüttelte nachdrücklich seinen Kopf. „Eigentlich habe ich mich schon längst entschieden. Vater Bermorn ist mir lediglich zuvorgekommen. Es ist nicht so, als ob alles vergebens wäre. Ich habe viel gelernt. Irgendein Gelehrter wird mich schon als seinen Schüler annehmen.“

„Es ist schade, dass du nicht schon früher mit uns gesprochen hast, aber du wirst deinen Weg schon finden“, sagte Ivrendre versöhnlich.

Falathras ballte seine Fäuste so sehr, dass es ihn schmerzte. Hatte Cyrgar seinen Bruder besser eingeschätzt als er selbst?

Tanalarn will kein Priester werden. Aber wie kann das sein? Das Licht spendet ihm keinen Trost mehr.

Das war die Erkenntnis, vor der Falathras sich fürchtete. Er hatte nicht vergessen, wie nahe er an diesen Abgrund gekommen war. Nicht einmal Ivrendre wusste davon. Der einzige, dem er sich anvertraut hatte, war Cyrgar. Mit Schrecken stellte Falathras fest, dass es ihm nicht wirklich gelungen war, sich davon zu entfernen. Er leugnete es, wollte es nicht wahrhaben, anstatt sich dem Unausweichlichen zu stellen. Seine einzige Zuflucht war der Gedanke, dass das Leben nach dem Tode eine falsche Überlieferung der Kirche des Lichts war, doch auch das spendete ihm keinen Trost. Denn das, was er gesehen hatte, befand er für alles andere als erstrebenswert. Da realisierte Falathras, dass ihm Tanalarns Abfall vom Glauben deshalb so sehr Angst machte, weil es ihn auf unangenehme Weise an ihn selbst erinnerte. In dieser Sekunde rief er sich all die Gelegenheiten ins Gedächtnis, bei denen das Licht ihm beigestanden war. Seine Prüfung vor der Weihe. Seine erste Begegnung mit Schneefeder. Die vielen Kämpfe. Es gab das Licht und es stellte seine Existenz jedes mal aufs neue wieder unter Beweis. Tanalarn mochte vielleicht keinen Trost mehr daraus ziehen können, aber Falathras schon. Sein Geist war wieder beruhigt.

Falathras sah Tanalarn mit klarem Blick an und lockerte seine verkrampften Hände. Er machte einen Schritt auf seinen Bruder zu und umarmte ihn fest. „Ich dachte, dass es dein Traum sei, Priester zu werden. Offenbar habe ich mich geirrt. Du weißt besser, was gut für dich ist. Solange es dich glücklich macht, werde ich dir helfen.“

„Ich kriege keine Luft mehr“, sagte Tanalarn gedämpft.

Falathras lockerte sofort seinen Griff. „Entschuldige. Es ist nur so... Ich habe mir Sorgen gemacht und all das und zu sehen, wie sich alles in Wohlgefallen auflöst... Mir fällt ein Stein vom Herzen.“

„Nicht nur dir“, meldete sich Ivrendre zu Wort. „Ich bin jedes Mal selber besorgt, wenn du dir so sehr Sorgen machst, dass du nur noch mit deinen eigenen Gedanken beschäftigt bist.“

„Oh.“ Falathras lächelte gequält und schaute schuldbewusst zu Boden. „Ich sollte wirklich versuchen, mir nicht immer das Leben unnötig schwer zu machen.“

„Ja...“, sagte Ivrendre nachdenklich. „Da fällt mir ein; Kaedran hat mich gebeten, dir noch alles beizubringen, was wir heute gelernt haben, nachdem du gegangen bist.“

„Natürlich. Aber das kann warten. Fürs erste bin ich einfach froh, dass Tanalarn noch einen anderen Plan für seine Zukunft hat, als Priester zu werden.“ Falathras setzte sich wieder hin und wandte sich seinem Bruder zu. „Bis eben habe ich gedacht, dass du das unbedingt werden wolltest. Zumindest früher war es ja immer dein Traum. Dieser Tanalarn wäre jetzt am Boden zerstört, wenn er erfahren hätte, dass er bald aus dem Priesterseminar ausgeschlossen wird.“

Tanalarn langte nach einem Glas Wein, für das er eigentlich zu jung war. Nachdem ihre Eltern aber nicht mehr lebten und Falathras das nicht so eng sah, war es eigentlich egal. Er hob es zu Falathras hin. „Wir ändern uns eben.“

Da schenkte Falathras sich ein eigenes Glas Wein ein, um mit Tanalarn anzustoßen. „Auf Veränderung.“
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