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Buch 2 - Die Lichtklingen

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Fantasy / P16 / Het
06.06.2021
21.05.2022
32
83.530
2
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18.06.2021 1.512
 
Auch Ivrendres Tage waren erfüllt von Glück, bis sie sah, wie Falathras von Kaedran wegen seiner mangelnden Konzentration zurechtgestutzt wurde. Da wusste sie, dass etwas Falathras beschäftigte. Sie kannte ihn gut, sehr gut und deshalb machte sie sich Sorgen um ihn. Er neigte dazu, sich die Dinge schlimmer einzubilden, als sie dann tatsächlich waren. Außerdem war das definitiv keiner seiner harmlosen Anfälle von Überbesorgtheit, wie damals, als er von einem Kratzer, der nicht heilen wollte, gleich auf eine Infektion rückgeschlossen hatte. Bei so einer Lappalie war er laut und ließ es den Rest der Welt wissen, anstatt sich in seine Gedanken zurückzuziehen. Sonst konnte Ivrendre darüber lachen. Jetzt konnte sie es nicht, was auch immer es sein mochte.

Bevor sie sich um Falathras kümmern konnte, hatte die Ausbildung Priorität. Kaedran war niemand, den man verärgerte. Also blieb sie auf dem Übungsplatz, maß sich mit anderen Paladinen in den verschiedensten Arten des Kämpfens, von Äxten über Schwerter bis hin zu Hämmern, mit ihrem zur Abwehr erhobenen Schild als einzige Konstante. Das tägliche Pensum, dem sie von Kaedran unterzogen wurden, war hart, aber es lohnte sich. Mit jedem Tag, der verging, wurden sie mehr und mehr gestählt und gewannen an jener kostbaren Ausdauer dazu, die man für den Kampf in voller Rüstung brauchte.

Die Tage waren kurz geworden und so erwartete Ivrendre, dass sie früher Schluss machten. Heute hatte Kaedran aber eine Überraschung für seine Schüler parat.

„He, Ivrendre! Stellt euch mit eurem Schild vor mich!“, orderte er an.

Sie tat wie geheißen und rammte die Spitze ihres Schilds in den Boden, um Kaedrans bevorstehendem Angriff besser widerstehen zu können.

„Seht genau her, damit ihr auch lernt!“, wies Kaedran seine Schüler noch einmal streng an.

Ein Kreis von neugierigen Zuschauern bildete sich um Kaedran und Ivrendre.

„Das ist zu nah!“, warnte Kaedran, woraufhin alle erschrocken ein paar Schritte zurücktraten.

Adunas bekundete seine Unterstützung, indem er Ivrendre zuzwinkerte. Mit einem Mal wurde Ivrendre zurückgeschleudert. Wäre ihr Schild nicht gewesen, den sie trotzig in die kalte Erde geschlagen hatte, wäre sie sogar in die Luft befördert worden.

Sie holte ihren Schild mit einem Ruck aus dem Grund und ging auf Kaedran zu. „Was war das denn?“

Kaedran lächelte milde. „Ja, am Anfang kann es etwas erschreckend wirken. Wir wollen es noch einmal versuchen. Es wäre am besten, wenn alle mit einem Schild zu mir kommen. Und haltet euch gut fest.“

Bald war Kaedran von einem Schildwall umringt. Dieses Mal bewegte er sich langsamer, damit alle sehen konnten, was er tat. Mit dem Schwert in Händen, vor sein Antlitz erhoben, vollführte er eine halbe Drehung. In der Luft rings um ihn manifestierten sich gleißende Schwerter. Sie wirbelten in einer Spirale nach außen und in einer explosiven Zurschaustellung von Macht brachen sie den Schildwall, sodass Kaedran sich befreien konnte.

„Dies war der göttliche Sturm“, sagte er ruhig. „Es ist wie bei allem anderen, worin das Licht involviert ist. Wenn ihr mit der Kraft eures Herzens daran glaubt, wird es auch geschehen. Übrigens ist es leichter, wenn ihr euch die Waffe vorstellt, mit der ihr hauptsächlich kämpft. Mit dem göttlichen Sturm werdet ihr auch gegen mehrere Gegner auf einmal standhalten können. Ich möchte, dass ihr nun versucht, ebenfalls einen Sturm zu erzeugen.“

Ivrendre hatte bereits Adunas zugenickt und einen Schritt auf ihn zugemacht, um mit ihm zu üben, als Kaedran sie zurückrief. „Ivrendre! Sorgt dafür, dass Falathras auch den göttlichen Sturm lernt. Dies ist eine wichtige Fähigkeit und ich werde nicht zulassen, dass einer meiner Schüler zurückfällt. Aber wartet damit, bis er sein Problem in den Griff bekommen hat. Vielleicht helft ihr ihm dabei. Dafür entlasse ich euch auch gerne etwas früher.“

„Sicher?“, vergewisserte sich Ivrendre.

Kaedran zuckte mit den Schultern. „Ich werde heute ohnehin nichts wichtiges mehr vorzeigen. Ihr könnt gehen.“

„Danke.“

Kaedran nickte ihr zu und ließ dann seinen Blick umherschweifen, auf der Suche nach jemandem, der vielleicht etwas Unterstützung benötigte.

Adunas hatte mitbekommen, dass sie jetzt von dannen ging und sprach sie auf ein Anliegen, das ihm am Herzen lag, an: „Ivrendre! Kannst du bitte für mich bei Schneefeder vorbeischauen? Ich habe nachher leider keine Zeit.“ Er schüttelte genervt den Kopf. „Dieser verdammte Greifenreiterkurs!“

Ivrendre legte ihm ihre Hand auf seine Schulter und schenkte ihm einen aufmunternden Blick. „Ich hatte eh vor, Schneefeder einen Besuch abzustatten. Vergiss nicht, dass du nicht der Einzige bist, für den sie wichtig ist.“

Adunas neigte seinen Kopf. „Hab Dank, Ivrendre.“ Dann mischte er sich wieder unter die anderen Paladine, bevor Kaedran ihn wegen seiner Abwesenheit rügen konnte.





Ivrendre ließ sich Zeit beim Heimweg und schlug die Runde über das Handelsviertel ein. Dort pflegte sie, jemanden häufig zu besuchen. Schneefeder, Adunas‘ Greif, war in den Greifenställen nahe dem Stadttor beim Tal der Helden untergebracht. Außerdem hatte Adunas sie ohnehin gebeten, zur Greifendame zu gehen.

Ihr entfuhr ein langer Seufzer. Adunas hatte es im Moment wirklich nicht leicht. In Sturmwind waren die Greifen eigentlich dem Militär und der Stadtwache vorbehalten und dass ein Fremder wie Adunas seinen eigenen Greifen – einen wilden noch dazu – hatte, war in höchstem Maße ungewöhnlich. Die Kunde von Schneefeder hatte schnell die Runde gemacht und bevor sich brave Bürger Sturmwinds dazu verleitet fühlen konnten, sich einen Privatgreifen anzuschaffen, hatten die Bürokratie und die Gesetze der Stadt zugeschlagen. Sie zwangen ihn dazu, Schneefeder in diesem Stall einzusperren, zumindest, bis er von der Stadtverwaltung sein Greifenreiterzertifikat ausgestellt bekam. Der Stress, den die doppelte Ausbildung als Greifenreiter und als Paladin, Adunas aufbürdete, machte sich bemerkbar. Er hatte schon Augenringe und wirkte stets ein wenig gehetzt.

Ivrendre stieg die weißen Treppen bis zu den Ställen hinauf. Dort wartete auch schon Flims, der eifrige Stallbursche mit aufgewecktem Blick auf sie. Er war klein für sein Alter, aber wie er zu sagen pflegte, würde sich das schon mit genug Essen geben und dann würde er auch so groß und stark wie die Greifenreiter sein, die hier tagtäglich ein und aus gingen.

Er schoss wie ein Pfeil auf sie zu. „Gut, dass du kommst! Schneefeder ist heute ziemlich unruhig. Sie braucht jemanden, den sie kennt!“

Flims ergriff Ivrendres linke Hand und sie tat so, als ob sie sich von ihm führen ließe.

Ihr wurde das Herz schwer, als sie Schneefeder sah. Die Federn der Greifendame hatten ihren Glanz verloren und auch wenn Ivrendre nicht dasselbe Händchen für Tiere haben mochte wie Adunas, so war es doch glasklar für sie, dass Schneefeder nicht glücklich über ihre Gefangenschaft war. Die Behörden mochten dies als vorübergehende Internierung bezeichnen, aber eine Gefangenschaft war es trotzdem. Anders als die in Sturmwind geborenen Greifen kannte sie das Gefühl der Freiheit, das ihr nun auf diese schändliche Weise genommen wurde.

Ivrendre stürzte nach vorne und schmiegte sich an Schneefeders Hals.

„Es wird nicht mehr lange dauern, bis du wieder fliegen kannst… arme Schneefeder… und Adunas wird dann mit dir fliegen. Du wirst wieder den Wind unter deinen Flügeln spüren… du musst nur noch ein wenig aushalten.

Schneefeder gab ein raues Krächzen von sich.

„Bald“, seufzte Ivrendre. Sie hoffte für Schneefeders und Adunas‘ Wohl, dass das alles bald Vergangenheit wäre.

Flims, der die ganze Szene von hinten beobachtet hatte, machte sich davon und kehrte sogleich mit kleinen Fleischstückchen wieder, in handliche Portionen für einen Greifenschnabel geschnitten und reichte Ivrendre das Futter.

„Iss, Schneefeder“, sagte sie und bot Schneefeder ihre Mahlzeit dar.

Mit einem Haps verschwand das Fleisch in Schneefeders Rachen, die sich dann von Ivrendre abwandte und in eine Ecke des Stalls verzog. Kein Bitten und Betteln seitens Ivrendre half, Schneefeder blieb unansprechbar und zeigte ihr die kalte Schulter.

„Immerhin hast du es versucht“, sagte Flims und zuckte die Schultern.

Ivrendre neigte ihr Haupt, damit sie ihm in die Augen sehen konnte und zog sich von Schneefeder zurück. „Pass auf dich auf, Flims.“

„Aye!“, sagte der Stallknecht eifrig und winkte ihr hinterher.

Die Zukunft konnte niemals so düster wie ihre Vergangenheit werden und doch hingen finstere Wolken am Horizont. Schneefeder war sichtlich unglücklich und Falathras zerbrach sich mal wieder den Kopf über irgendeiner Sache.

Ivrendre trat aus den Ställen in die dunkel werdende Welt hinaus und hob ihren Blick nach oben. Jeden Winter gefror ihr Atem vor Ehrfurcht aufs Neue. Der erste Schnee rieselte sachte auf die Dächer von Sturmwind herab. Nun, da der Winter herrschte, war der Vorhang für die anderen Jahreszeiten, einer nach der anderen, gefallen.

Bald schon würde der Schnee die scharfen Kanten des Tages mit Watte eingepackt haben. Ivrendre blieb stehen und ließ diese winterliche Idylle auf sich wirken. Der erste Tag des Schnees war in jedem Jahr ein besonderes Ereignis für sie. Sie streckte die Zungenspitze aus, um eine Schneeflocke zu fangen. Einen Moment lang spürte sie ein kaltes Kitzeln. Sie konnte nicht anders, als zu lachen.

Wenn es weiterhin so schneit, bleibt der Schnee auch liegen, anstatt beim ersten Sonnenstrahl zu vergehen, dachte sie.

Ein Frösteln unterbrach diesen Gedankengang. Es war tatsächlich kalt geworden. Bald würde das ganze Land im eisigen Griff des Winters sein.

Langsam zog Ivrendre ihren Mantel enger um sich und schloss sich der Schar derjenigen an, die durch die dunklen Gassen, nur von dem warmen Licht der Fenster erhellt, nach Hause strebten.
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