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Buch 2 - Die Lichtklingen

GeschichteDrama, Fantasy / P16 / Het
06.06.2021
11.06.2021
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11.06.2021 4.529
 
Falathras verrichtete sein verbliebenes Tagwerk mit ärgerlicher Ungeduld. Die Enthüllungen, die Vater Bermorn ihm angetragen hatte, waren zu bedeutend. Falathras ging davon aus, dass sie stimmten und dann führte kein Weg an einem ernsten Gespräch mit Tanalarn vorbei. Er konnte nicht zulassen, dass seinem Bruder die Zukunft, die dieser immer für sich erträumt hatte, versperrt blieb.

So kassierte Falathras auch bei der zweiten Trainingseinheit des Tages, bei der es nicht um den Kampf, sondern um die Beherrschung des Lichts ging, wegen seiner Unkonzentriertheit eine Rüge von Kaedran. Sein Körper mochte physisch anwesend sein, aber sein Geist war anderweitig beschäftigt. Das leise Gesumme, das die anderen von sich gaben, wenn sie die Wärme des Lichts durch sich strömen ließen, wurde für ihn bald zu einem Bach, der kaum mehr wahrnehmbar unterirdisch dahinfloss.

Falathras machte sich Gedanken darüber, wie er Tanalarn darauf ansprechen sollte, dass das Licht ihm entgleiten würde, wenn er nicht mehr mit ganzem Herzen daran glaubte. Er wollte es besser machen als auf Bord der Sturmfänger, dem Schiff, das sie von Süderstade aus nach Sturmwind gebracht hatte. Damals war das Gespräch für ihn rasch außer Kontrolle geraten und seitdem hatten sie nie mehr ein Wort darüber verloren. Falathras sah noch immer vor Augen, wie Zweifel und Wut sich in die Gesichtszüge Tanalarns gegraben hatten. Die Vorwürfe, die sein Bruder an ihn gerichtet hatte, standen weiterhin im Raum. Falathras hatte sich deswegen bemüht, Tanalarn entgegenzukommen, ihm seine Freiheiten zu lassen.

Dann muss ich halt mal deinen Erziehungsberechtigten spielen und dir zeigen, wo es lang geht!, war ein Gedanke, für den Falathras sich schämte, andererseits zu wiederholen verdammt war, denn er wusste, dass es so nicht mehr weitergehen konnte. Jetzt war die Zeit gekommen, da er etwas unternehmen musste. Nichtstun war keine Option mehr, auch wenn Tanalarn weiterhin sein Priesterseminar besuchte. Falathras hatte geschwiegen – bis jetzt.

„He, pass auf!“, holte ihn Kaedran unsanft in die Realität zurück. Ein Schlag mit der flachen Seite des Schwertes traf Falathras mitten auf die Stirn und die Lichtsäule, die sich zwischen seinen Händen gebildet hatte, verschwand in einem Gleißen. Bunte Lichter glommen vor seinem Sichtfeld auf und tanzten in einem verwirrenden Rhythmus.

Kaedran packte ihn unsanft. Seine Finger gruben sich schmerzhaft in Falathras‘ Schulter. Seine grauen Augen waren hart wie Stahl. „Wenn ich nicht die Energie abgeleitet hätte, wäre womöglich jemand hier gestorben. Ihr lernt jetzt immerhin, wie man das Licht im Kampf einsetzt, um seinen Gegnern Schaden zuzufügen. Das ist kein Kinderspiel!“

Falathras war klar, dass er unaufmerksam gewesen war und versagt hatte. Er starrte betreten auf den Erdboden unter seinen Füßen und wünschte sich sehnlich, dass die Erde sich auftun und ihn verschlucken möge.

Kaedran schubste ihn mit seinem Schwertknauf in Richtung des Ausgangs. „Was auch immer in dir vorgeht, ich merke, dass es dich ablenkt. Geh und bring alles in Ordnung. Bis dahin möchte ich dich nicht mehr hier sehen.“

Falathras nickte bedröppelt und trotte wie ein Pferd ohne Reiter den Hohlweg nach Sturmwind hinunter. Was hatte er sich gedacht? Seit wann war er so geistesabwesend geworden? Auf der langen Flucht aus Lordaeron hatte es auch etwas gegeben, das ihn beschäftigte; seine Sehnsucht nach Ivrendre hatte seine Gedanken beherrscht und doch hatte er sich beherrschen können, wann immer er musste.

Falathras gab sich einen Ruck und kniff sich in den Unterarm, genau dorthin, wo seine Narben waren, ein ewiges Zeichen dafür, wie kurz das Leben sein konnte. Der Schmerz half ihm, sich wieder zu fokussieren.

Das gute Leben in Sturmwind hat mich verweichlicht, war seine schamvolle Erkenntnis. Ich bin nicht mal zwei Monate hier und habe schon den Geist eines Kriegers gegen den eines städtischen Zivilisten eingetauscht.

Falathras beschloss, sich ab jetzt am Riemen zu reißen. Von nun an würde nicht nur sein Körper trainiert werden, er wollte auch seinen Geist miteinbeziehen. Er wusste, wohin er sich wenden musste. Es gab nur eine Person, die so kompliziert sprach, dass sich sein Gehirn verknotete. Er kannte jemanden, dessen Waffe weder Schwert noch Axt noch Hammer, sondern der Geist war. Mit einem unschuldigen Pfeifen auf den Lippen machte sich auf den Weg zu Cyrgar.



Falathras beschloss, seine alte Tradition des Dächerlaufens wiederaufzunehmen. In Lordaeron, als er noch im Schutze seiner Familie gewohnt hatte, pflegte er, sich aus seinem Zimmer durchs Fenster davonzustehlen und über die Dachschindeln zu laufen, bis er bei Ivrendre angelangte. In Sturmwind war solche Geheimniskrämerei nicht mehr notwendig. Falathras stand unter niemandes Fuchtel. Er war nun sein eigener Herr. Die Notwendigkeit hatte schlicht nicht mehr bestanden und darum war Falathras mit beiden Füßen auf dem Boden geblieben.

Jetzt kletterte er verdächtig einem Einbrecher ähnelnd eine Regenrinne hoch. Ein Kreischen, das irgendwo in der Luft über ihm ertönte, erinnerte ihn an die Erschwernisse, denen er sich hier ausgesetzt sah. Anders als das gefallene Lordaeron verfügte Sturmwind auch über eine Luftraumüberwachung in Form von Greifen. Wenn ihn einer der Greifenreiter sähe, würde er in Schwierigkeiten stecken und er nahm nicht an, dass Kaedran ihm dann dabei hülfe, eine Ausrede für seine missliche Lage zu finden.

Falathras stoppte. Noch war es nicht zu spät, sich unauffällig zu Boden gleiten zu lassen und ein unspektakuläres Leben innerhalb der Grenzen, mit denen die Gesellschaft jeden einhegte, zu führen. Eins mit der Masse zu werden, anstatt etwas zu wagen und möglicherweise dabei zu versagen.

Sei‘s drum.

Falathras kletterte weiter wie eine Spinne. Er verstand, warum das Leben in Sturmwind ihn träge gemacht hatte. Am Grunde ihrer Herzen waren die Sturmwinder wie er. Flüchtlinge, die versuchten, ihre Verluste hinter sich zu lassen. Sie lebten fernab aller Kriegsgefahren, ein kurzer Augenblick der Ruhe inmitten des chaotischen Mahlstroms. Die Horde bezwungen, die Geißel im fernen Norden, die Amani und Gurubashi durch ihre Niederlage im letzten Trollkrieg zurückgeschlagen. Zwar wurden einzelne Hilfstruppen in den Norden entsandt, um den Menschen, die noch immer der Geißel die Stirn boten, zu helfen, aber das Gros der Bevölkerung lebte in seliger Unwissenheit und versuchte, die Schrecken der Brandschatzung von Sturmwind zu vergessen.

Falathras legte seine Stirn in Falten. Wenn er zu sehr wie sie geworden war, bedeutete das im Umkehrschluss, dass Sturmwind nicht ausreichend gewappnet war. Der neugegründeten Nation fehlte ein Erlebnis, das sie wachrüttelte und Falathras konnte nur hoffen, dass es keine zerstörerische Belagerung war. Dabei war das erste Ereignis dieser Art gar nicht mal so lange her und doch hatten die Leute hier sich an den Frieden gewöhnt. Die Einwohner Lordaerons waren zu spät aus dieser Trance aufgewacht. Der einzige Schutzschild Sturmwinds war die Entfernung, die mit jedem Tag mehr dahinschmelzen konnte. Wer wusste schon, worauf die Geißel ihre toten Augen als nächstes richten würde, um ihre Ghule, Monstrositäten und Skelettmagier dorthin zu befehlen.

Falathras setzte seinen Fuß auf den Dachfirst und rannte in angemessenem Tempo über die Dächer. Schnell genug, um eine Herausforderung zu haben, aber nicht so schnell, dass es für ihn töricht und halsbrecherisch sein konnte. Die Bürger Sturmwinds in den Gassen unter ihm hatten nicht die geringste Ahnung, was da oben geschah. Er indes hielt stets den Kopf leicht gen Himmel, da ihm von dort eher Gefahr drohte.

Gekonnt hechtete Falathras über die Lücken zwischen den Dächern. Auf dem Dach einer Schneiderei, die sämtliche Edelleute Sturmwinds mit der neuesten Mode versorgte, fand Falathras keinen Weg mehr. Er stoppte.

„Verdammter Kanal“, zischte er.

Er konnte sich einfach nicht an das viele Wasser in der Stadt gewöhnen. Nun hinderte es ihn daran, in das nächste Viertel überzutreten. Ein Schritt mehr und er fiele ins Nasse. Falathras war nicht erpicht darauf, herauszufinden, was genau der Sturmwinder Pöbel in den Kanälen entsorgte.

Er schaute sich um. Der einzige luftige Weg von der Altstadt zum Handelsviertel führte über die Stadtmauern. Wenn es schon riskant war, dass er sich überhaupt hier oben aufhielt, dann stellte eine Route wie diese einen direkten Weg in eine Zelle im Verlies der Stadtwache dar.

Grummelnd hielt Falathras sich an einem Sims fest und schwang sich in einen Balkon ein Stockwerk unter ihm. Seine Finger gruben sich in das Dekor der Wände.

Ein Hoch auf die Architekten, die diese Stadt geschaffen hatten! All die Wasserspeier, Ornamente und sonstigen kunstvollen Verzierungen machten einem das Klettern so viel leichter.

Den Rest des Weges legte Falathras wie jeder normale Mensch mit zwei Beinen auf dem Boden zurück.



Im selben Moment, als Falathras anklopfte, hörte er das Pfeifen eines Teekessels im Inneren des Hauses. Er wusste, dass Cyrgar sich in diesem Augenblick überlegte, ob er aufstehen oder lieber sitzenbleiben wollte. Jetzt war er alt und musste sich schonen. Falathras jüngste Erfahrungen mit Cyrgar hatten ihn höchsten Respekt vor betagten Leuten gelehrt. Wie schafften sie es, sich mit all ihren Schmerzen, Krankheiten und Wehwehchen durch den Tag zu schleppen? Mit einem Wink von Cyrgars Finger flog die Tür auf. Immerhin war er ein Magier.

„Hallo, Cyrgar“, kam es von Falathras, der nun den Kopf durch die Tür steckte.

Cyrgar erwiderte den Gruß. Falathras erschrak leicht über den Klang der Stimme seines Freundes. Sie erinnerte an zwei staubige und kratzige Buchseiten, die aneinander rieben. Jetzt hörte der Alte sich tatsächlich an wie ein Hundertjähriger.

Cyrgar dirigierte mittels Magie seinen Teekessel zum Tisch und nahm einen tiefen Schluck aus seiner Tasse. „Freut mich, dass ihr gekommen seid, Falathras“, sagte er, nun merklich erfrischt.

„Ja gerne. Ich finde es toll, wie ihr das macht“, bekundete Falathras etwas tollpatschig seine Höflichkeit. Eigentlich war Cyrgar nur wenig älter als er, aber seit seinem Unglück wusste er nicht recht, wie er mit ihm umgehen sollte. Seine Haut war nun wettergegerbt und voll von Labyrinthen aus Falten. Cyrgars Bart wallte gedehnt und weiß bis auf einen Schritt Länge, ganz wie bei dem Klischeebild von einem echten Zauberer.

„Lass diese Formalitäten“, tadelte Cyrgar ihn. „Ihr seid mein Freund und müsst mich nicht wie ein rohes Ei behandeln.“

Falathras trat in das herrschaftlich eingerichtete Wohnzimmer Cyrgars ein und machte es sich vor dem prasselnden Kamin gemütlich. „Entschuldige. Es ist nur so… ach ihr wisst schon, es hat sich viel verändert“, stammelte er unbeholfen. „Ich weiß von niemandem außer Khadgar, dem so etwas passiert ist, aber euch kenne ich persönlich.“

„Über die anderen Fälle von Hypermananose schweigt man in Dalaran, bis ein für alle Mal Gras darüber gewachsen ist. Khadgar ist zu bekannt dafür.“ Cyrgar starrte trübe in seine Teetasse, bis ihm offenbar wieder einfiel, dass Falathras zu Besuch gekommen war. Er wedelte mit dem Zeigefinger und der Teekessel hob sich leicht an. „Wollt ihr Tee?“, fragte er Falathras.

„Ja bitte. In diesen schwarzen Novembertagen hilft es immer, wenn man etwas hat, das einen von innen heraus wärmt.“ Falathras ergriff eine Teetasse und hielt sie Cyrgar hin, der sie auffüllte.

„Sagt das nicht mir, ich habe es mir im Grunde nur deswegen so komfortabel eingerichtet, damit meine morschen Knochen nicht unter dem Wetter leiden müssen“, witzelte Cyrgar.

„Höre ich richtig, dass ihr euch langsam mit eurer Situation anfreundet?“

„Muss ich wohl. Immerhin wird das für den Rest meines Lebens mein Corpus sein“, meinte Cyrgar und warf einen Blick aus dem Fenster. Ein bitteres Lachen entrang sich seiner Kehle. Am grauen Horizont lösten sich all seine Lebensträume in Luft auf.

Falathras stellte seinen Becher ab, lehnte sich zu Cyrgar vor und tippte auf sein Handgelenk. „Ich werde euch immer unterstützen. Wir haben uns beide zum Wohl der anderen geopfert. Euch werde ich nicht im Stich lassen.“

Cyrgar löste seinen Blick von der tristen See und fixierte Falathras. Das Blau seiner Augen hatte an Intensität verloren, es war nun ein verwaschenes Grau, allerdings ohne den Esprit, den Kaedran trotz seiner fortgeschrittenen Jahre zeigte. „Ihr meint es gut, aber ich denke nicht, dass ihr mich versteht. Wenn ihr helfen wollt, dann lasst uns bitte nicht mehr darüber reden.“

Falathras schindete Zeit, damit er über seine Erwiderung nachdenken konnte. Er wünschte sich so sehr, dass er zu Cyrgar durchdringen konnte. Er nippte zögernd an seiner Tasse und trank dann mit vorsichtigen Schlucken aus ihr. „Cyrgar, ich denke, dass ihr mich nicht recht versteht. Ich bin nicht bloß vergiftet worden und dann eine Weile auf dem Krankenbett gelegen.“ Er neigte leicht den Kopf und flüsterte dann in verschwörerischem Unterton: „Was ich euch jetzt erzähle; darüber habe ich noch mit niemandem gesprochen, nicht einmal mit Ivrendre.“

„Wieso das denn? Ihr habt meine Aufmerksamkeit.“

„Ich liebe Ivrendre, aber ich bin mir sicher, dass sie das nicht verstehen würde. Ich weiß es ja nicht einmal selber. Außerdem will ich sie nicht belasten. Es gibt schon genug, mit dem sie nun leben muss. Und ihr müsst wissen, für Adunas ist das schon längst zu hoch. Ihr seid der einzige, mit dem ich darüber sprechen kann. Wie dem auch sei, ich bin gestorben.“

Falathras legte eine Pause ein, weil er sehen wollte, wie Cyrgar darauf reagierte. Dieser schenkte sich entspannt eine weitere Ladung Tee ein und schien abzuwarten, wie Falathras fortfuhr.

„Es ist nicht so wie sie sagen. Ich habe zwar ein Licht am Ende eines Tunnels gesehen, aber ich denke, dass das nur eine Einbildung von mir war. Was dann geschehen ist, kann ich mir aber unmöglich eingebildet haben. Dafür scheint alles zu… echt. Argh, da ist so ein Schleier in meiner Erinnerung. Direkt, nachdem ich wieder gesund geworden bin, konnte ich mich an gar nichts erinnern. Er lichtet sich nur langsam.“ Falathras runzelte angestrengt mit der Stirn und rieb sich die Augen.

„Ein… engelartiges Wesen holte mich und dann war ich in Lordaeron, bei meiner Familie, denke ich, und alles war gut. Zu gut. Das hat mich stutzig werden lassen. Immerhin leben wir nicht inmitten solcher Perfektion und ich würde sogar sagen, dass das Gute ohne das Böse keine Bedeutung hat.“

Cyrgars Interesse war geweckt und in seinem Antlitz leuchtete ein Feuer, das Falathras seit langem nicht mehr gesehen hatte. Beflügelt von diesem kleinen Erfolg fuhr er fort.

„Irgendetwas hat mich auch noch gestört. Was war es? Genau. Dass Ivrendre nicht in jenem Paradies war, hat mich rasend gemacht. Ich habe daraufhin die Ebenbilder meiner Verwandten vernichtet.“

Falathras legte eine längere Pause ein, ihm war nichts anderes möglich, denn er konnte sich nicht konzentrieren. Seine Gedanken waren wie in Watte eingepackt. Er war zugleich nervös und benebelt.

Cyrgar tastete vorsichtig mit mentalen Fühlern nach Falathras. Sein Geist sperrte sich gegen irgendetwas, es gab da eine Erinnerung, die Falathras anscheinend verdrängt hatte. Was er jetzt tat, glich dem Versuch, mit bloßen Fingern einen Schatz auszugraben. Es mochte gelingen, dies allerdings erst in vielen Jahren und vielleicht zu einem gänzlich unpassenden Zeitpunkt.

Cyrgar schüttelte den Kopf und begann, auf Falathras einzureden: „So funktioniert das nicht. Deine Emotionen wühlen dein Inneres zu sehr auf. Was ich euch jetzt zeige, ist eigentlich für jeden außerhalb der Kirin Tor illegal. Aber ich habe das Gefühl, dass ich euch damit helfen kann. Es ist die Technik des unerschütterlichen Bergs.“

Falathras hielt sich eine Hand an die Stirn. „Was?“

„Stein kennt keine Emotionen. Er ist still und starr, übersteht Jahrhunderte und schließlich Millennien. Ganze Äonen legen vor ihm Zeugnis ab und es rührt ihn nicht. Das Blut großer Helden, vergossen in zahlreichen Schlachten, die neuerbauten und zu Ruinen zerfallenen Städte auf seinem Fundament, der Kreislauf des Lebens, alles spielt sich vor ihm ab und er lässt sich nicht davon beeinflussen. Dieser Gemütszustand ist es, nach dem wir Magier streben. Das Arkane ist eine höchst subtile und heikle Kunst und wir können uns keine Ablenkungen leisten.“

„Aber ich bin ein Paladin“, sagte Falathras entschlossen. „Ein Streiter des Lichts. Gefühle sind es, die mich leiten, denn das Licht hat uns mit ihnen erfüllt. Ich kann mich nicht einfach davon abspalten.“

Cyrgar nahm einen Stock zur Hand und erhob sich langsam aus seinem Ohrensessel. Er wies mit seinem Stock in Richtung der Tür. „Dann kann ich euch nicht helfen. Ihr müsst bereit sein, euch auf die Kälte des Steins einzulassen. Nur dann werdet ihr objektiv genug sein, um den Schleier vor eurer Erinnerung zu lüften, auch wenn sie dich schmerzen mag.“

Falathras stand ebenfalls auf, doch nicht mit der Absicht, Cyrgars Wohnung zu verlassen. Er sprach auf Augenhöhe zu ihm: „Nein. Ich will den Schmerz auf mich nehmen. Ich muss wissen, was an jenem Tag geschehen ist.“

Cyrgars Augen weiteten sich und er trat einen Schritt zurück. „Euch ist das Risiko, das ihr eingeht, aber hoffentlich schon bewusst. Euer Geist hat mit gutem Grund jene Erinnerung vor sich selbst verborgen. Wäret ihr unerschütterlich wie der Berg, könntet ihr die Belastung aushalten. Aber das seid ihr nicht.“

„Ich muss wissen, dass ich den Geist eines Kriegers habe, dass ich stark genug dafür bin.“ Falathras schloss die Augen und fing an, einen Pfad zu beschreiten, auf dem Cyrgar ihm nicht folgen konnte. Er wusste, dass er zu jenem Punkt, den er sehen wollte, durchdringen konnte. Immerhin hatte er alles schon einmal durchgemacht. Warum hatte er vergessen? Es schien ihm unmöglich, dass er etwas so Prägendes verdrängen konnte. Der Tod hatte ihn fast geholt und doch lebte er.

Falathras konzentrierte sich. Die zusammengekniffenen Augenbrauen, der schmallippige Mund, die bebenden Nasenflügel, all das waren Anzeichen dafür, dass sein Freund unter großer Anspannung stand.

Falathras versank wie ein Samenkorn in den Tiefen seiner selbst, auf der Suche nach einer Lücke in der Mauer, die sein Geist aufgerichtet hatte. Plötzlich war ihm, als ob er es schon immer gewusst hätte. „Dann hat eines der Trugbilder zurückgeschlagen, es tat mir dasselbe an, was ich mit ihnen gemacht hatte. Es war Tanalarn und dann wieder nicht. Ich starb, dabei war ich zu dem Zeitpunkt schon… tot.“ Falathras stoppte und öffnete die Augen. Sein Blick fiel auf Cyrgar, der sichtlich überrascht war. „Glaubt ihr, dass die Seele nicht unsterblich ist? Dass sie ebenfalls getötet werden kann?“

Eine laute Stille stellte sich im Kaminzimmer ein. Sie bestand aus den kleinen Wahrheiten, die im Alltag untergingen und durch Lügen ersetzt wurden. Sie war das Geräusch von laufenden Katzenpfoten und brüllenden Vögeln, aller Klänge, die nie existieren konnten.

Eine weitere Zutat in diesem Gemisch hätte eine nie ausgesprochene Vermutung, die sich der allgemeinen Auffassung von der Welt widersetzte, sein können. Jedoch war es zu spät dafür. Falathras hatte gesprochen und er fuhr fort. „Was die Priester behaupten, dass man nach dem Tod eins mit dem Licht wird, es stimmt nicht. Zumindest kann ich es nicht bestätigen.“

Cyrgar schwieg.

Falathras sah ihn flehend an. „Ich würde es verstehen, wenn ihr mich der Kirche ausliefert. Meine Gedanken sind zu unerhört, weichen zu stark von der Lehre ab. Aber ich hoffe, dass ihr versteht, was wir gemeinsam haben. Auch ich schleppe eine Last mit mir herum, von der ich nicht weiß, ob ihr sie verstehen könnt. Ich musste einfach mal darüber reden. Lasst uns gemeinsam unsere Bürden tragen.“

Cyrgar hatte sich längst entschieden. „Ich sehe, dass ihr mir ein großes Geheimnis anvertraut habt. Keine Sorge, ich werde mit niemandem darüber reden. Ihr Lordaeroner überschätzt gerne mal die Bedeutung, die das Licht hat. In Dalaran mögen wir zwar die Predigten hören, aber wir leisten ihnen nur selten Folge. Es wirkt unpassend auf mich, dass wir uns nach diesem Vertrauensbeweis gegenseitig noch mit ihr anreden.“

„Wenn du das so willst“, sagte Falathras mit einem Lächeln im Gesicht.

Cyrgar ließ sich langsam wieder in seinen Sessel zurücksinken. „Ich weiß, dass du nicht einfach so bei mir auftauchst. Eigentlich hättest du noch die Nachmittagslektion bei Kaedrans Truppe. Was führt dich zu mir?“

Falathras musste loskichern. „Das ist alles schon erledigt. Nein, ich meine es ernst. Diese Gespräche mit dir helfen mir wirklich. Ich habe bemerkt, dass ich durch den Frieden in Sturmwind unaufmerksam geworden bin. Es ist wie bei Rodgars Halle. Auf das größte Glück folgt das größte Leid. Ich konnte oder wollte nicht sehen und jetzt bezahle ich die Rechnung dafür.“

Cyrgar hatte sich eine Feder und einen Stoß Büttenpapier geschnappt. „Rodgars Halle? Ich weiß gar nichts davon. Kannst du mir mehr erzählen?“, sagte er mit der Stimme eines Professors.

„Es wundert mich nicht, dass du nichts davon weißt. Es ist eine alte lordaeronische Legende, so alt, dass mein Vater sich darüber beschwert hat, dass von den Jungen keiner mehr etwas darüber weiß. Nicht, dass mein Vater ein großartiger Gelehrter gewesen wäre, es ist einfach eine Überlieferung, die von alters her stammt. Willst du die Kurz- oder die Langfassung hören?“

Cyrgar drehte seinen Stuhl etwas, sodass die Flammen des Kamins seine Blätter erhellten und setzte sich eine Brille auf. „Die lange bitte.“

„Seit wann brauchst du Augengläser?“, fragte Falathras.

„Schon immer. Normalerweise komme ich gut zurecht, aber Buchstaben sind ein anderes Thema. Das ist ausnahmsweise mal nicht meinem Malheur zuzuschreiben. Fang bitte an.“

„In Ordnung.“ Falathras drehte seinen Sessel ebenfalls, um auch am Kamin zu sitzen. Er reichte durch die Äonen hindurch, bis er dort angekommen war, wo oder besser gesagt, wann die Geschichte von Rodgars Halle spielte.



„Es war die Zeit der ersten Siedler in Lordaeron, ein Zeitalter, das von tapferen Helden geprägt war, die der großen Wildnis, die einst den ganzen Norden bedeckte, jeden Schritt abrangen. Es war die Zeit, in der der Lichtglauben seinen Ursprung hat und sich erste Reiche bildeten. Zwar noch nicht so zivilisiert wie das alte Strom, aber immerhin kannten sie einen Herrscher und folgten seinem Gesetz.

Rodgar, Sohn von Deormir, war der Herrscher von allem zwischen Tirisfal und dem Hügelland. Nicht Gewalt, war es, mit der er sein Reich aus dem Chaos jener Tage gehievt hatte, sondern List und Diplomatie halfen ihm dabei. Das Gewicht seines Worts reichte weit und selbst Troll und Elf respektierten ihn.

So kam es, dass Rodgar rasch Hilfe und Unterstützung von nah und fern bekam, als er seine große Halle bauen lassen wollte, mit goldener Decke und Tragwerk, silbernen Fluren und Ornamenten von Bernstein, Opal und Beryll. Die Stämme der Seen und Flüsse kamen, neben ihnen auch die Moormenschen. Das Waldvolk und die Gebirgsbewohner leisteten tatkräftige Unterstützung und die Stämme, die zu weit entfernt waren, sandten trotzdem Hilfeleistungen in Form von Geschmeide, das Rodgar in seine Halle einbauen lassen konnte. Quel’dorei halfen mit ihrer Magie dabei, Hrothgars goldene Halle in eine vollendete Form zu bringen, wie es gewöhnliche Handwerker niemals geschafft hätten und selbst ein paar Trolle der Amani, denen Rodgar durch seine listenreichen Befreiungen von Gefangenen Respekt abgerungen hatte, waren am Bau beteiligt.

Nach all diesem Musterbeispiel von Zusammenarbeit geschah es, dass Rodgar nach der Fertigstellung seiner Halle jedem Stamm und Volk erlaubte, bei ihm Rast machen zu dürfen. Der Boden, auf dem alles erbaut worden war, war für ihn heilig und kein Blut durfte vergossen werden, nicht einmal zwischen den Trollen und Quel’dorei, die eine bitterböse Feindschaft zueinander pflegten.

Die Tage, in denen Rodgars Halle stand, waren hell und licht. Schwüre wurden gehalten, anstatt gebrochen zu werden. Ein Kind oder ein alter Greis konnte mitten durch die finstersten Gebiete des Silberwalds reisen, ohne Angst um sein Leben zu haben.

Und so wuchs Rodgars Ruhm, bis sein Name jede Ecke der östlichen Reiche erreicht hatte. Immer mehr Leute strömten nach Norden, um Rodgar die Ehre zu erweisen und einen Blick auf diese Legende zu erhaschen.

Die Kunde von seinen Friedensbemühungen gelangte schließlich auch in die Ohren des Bösen. Eine Schlange in Menschengestalt mischte sich unter die Leute in seiner Halle und träufelte ihr Gift in die Ohren der Anwesenden. Mit gespaltener Zunge hetzte sie die Stämme gegeneinander auf und Rodgar bemerkte nichts.

Er war zu geblendet von dem Prunk seiner Halle, fühlte sich zu geschmeichelt von den Worten seiner Besucher. Der listenreiche König war faul und träge geworden. Er bemerkte nicht, wie die Grundfesten seines Friedens erschüttert wurden und verließ sich darauf, dass seine Gäste seine Regeln schon einhielten.

Schließlich griff die Schlange zur Axt und brachte jeweils einen Quel’dorei und Amani um, was die zwei Völker dazu veranlasste, aufeinander loszugehen. Der brüchige Schutz von Rodgars Halle ward zerschmettert und Gewalt brach aus. Angestachelt von diesem Blutvergießen fingen nun auch die barbarischen Stämme damit an, zu kämpfen. Rodgar erhob sich von seinem Thron, um dem allem Einhalt zu gebieten, doch das Einzige, was aus seiner Kehle herausdrang, war ein angestrengtes Würgen. Sein Kelch war mit Gift versehen worden und so fiel Rodgar zu Boden. Angesichts seines Todes stürzten sich nun auch seine Gefolgsleute in das Scharmützel.

Die Leichen stapelten sich und die Leute wurden immer rücksichtsloser. Das gemeine Volk stach sich mit Messern und Gabeln die Augen aus, Amani verbissen sich in Quel’dorei und rissen ihnen Fleischstücke aus der Haut und die Quel’dorei schließlich griffen zu vernichtenden Zaubern.

Am Ende des Tages lag Rodgars Halle in Schutt und Asche. Wo einst machtvolle Runen die Eingangspforte zierten, schlichen Plünderer und Leichenfledderer umher, um sich zu bereichern. Die silbernen Flure und goldenen Decken wurden das Eigentum kleinherziger Menschen. Rodgars Besitz wurde umkämpft und nach Jahrhunderten der Erbteilung hatte niemand mehr etwas davon. Der aufkeimende Frieden zwischen Elfen und Trollen war zerstört.

Rodgar hatte versucht, so viel Gutes zu erreichen, dass das Böse niemals zulassen konnte, dass er sich damit durchsetzt. Wo das Licht am hellsten brennt, sind die Schatten am dunkelsten.“



Falathras lehnte sich zurück und schaute sich das Spiel der Flammen im Kamin an. „Jetzt weißt auch du die Legende von Rodgars Halle.“

Cyrgar runzelte die Stirn. „Die Imagination von einem Frieden zwischen den Quel’dorei und den Amani.“ Er schüttelte den Kopf. „Davon habe ich nie gehört.“

Falathras legte seine Hände in den Schoß und wandte seinen Blick Cyrgar zu. „Das wundert mich auch nicht. Weder Troll noch Elf wollen zugeben, dass einst die Möglichkeit bestanden hat, Frieden zwischen ihren Völkern zu stiften. Sie sind hauptsächlich daran beteiligt, warum die Geschichte von Rodgars Halle nirgendwo außerhalb von Lordaeron bekannt ist.“

„Interessant. Aber was hat das mit deiner Situation zu tun?“

„Ich war so erleichtert, dass wir endlich in Sicherheit waren, dass ich mit Ivrendre zusammen bin, dass mir überhaupt nicht aufgefallen ist, dass Tanalarn Probleme hat.“ Falathras vergrub seinen Kopf in einem Polster. „Er kann nicht wie die anderen Initianden das Licht herbeirufen. Wenn sich daran nichts ändert, wird er aus dem Priesterseminar hinausgeschmissen.“

Cyrgar faltete die Hände. „Ich sehe das nicht als ein so großes Problem an. Vielleicht ist das eine Gelegenheit für Tanalarn, um als ein herausragender Gelehrter zu avancieren. Dein Bruder ist ein kluger Kopf und ich bin mir gewiss, dass er auch in anderen Berufen zurechtkommen wird.“

„Darum geht es nicht. Das ist nicht bloß eine Frage, wie Tanalarn später gedenkt, sein Geld zu verdienen. Priester zu sein ist für ihn eine Berufung.“

Cyrgar bedachte Falathras mit einem zweifelnden Blick. „Wenn Tanalarn keinen Zugriff mehr auf das Licht hat, haben sich seine Ansichten vielleicht geändert.“

Falathras warf einen Blick aus dem Fenster und erhob sich eilig. „Danke für das Gespräch mit dir heute. Aber da werden wir uns wohl nicht einig. Ich sollte jetzt schleunigst nachhause gehen. Es ist spät geworden und ich sollte besser früher als später mit meinem Bruder reden“

Cyrgar bemerkte nun ebenfalls den dunkel eingefärbten Himmel. „Schön, dass du heute vorbeigekommen bist. Richte Ivrendre und Tanalarn meine Grüße aus. Aber ich sage es erneut, auch wenn es repetitiv klingen mag: Es ist nicht tragisch, wenn aus Tanalarn kein Priester wird.“

Falathras verneinte, doch er nahm es seinem Freund nicht krumm. Immerhin war Cyrgar im weltlich-wissenschaftlich orientierten Dalaran aufgewachsen und konnte nun mal nicht anders. Er verließ die Wohnung und trat hinaus in die Dämmerung. Sturmwind war nur spärlich beleuchtet. Durch dunkle Gassen eilte er heim, um mit Tanalarn Tacheles zu reden.
 
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