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Straßenjunge

GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P12 / MaleSlash
06.06.2021
11.06.2021
3
4.535
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11.06.2021 2.155
 
In der Schule passierte nichts besonderes, außer dass Dano im Mathetest, den wir regelmäßig schrieben, eine eins hatte. Das war um ehrlich zu sein schon ein halbes Weltwunder. Wir besuchten Karlos noch einmal, weil Dano Schrauben von ihm brauchte. Ich glaube, eigentlich wollte er nur wissen, ob die Frau schon fertig war und war zu feige nachzufragen, aber sie stand immer noch ohne Gesicht da. Am Montag kam Papa zum Mittagessen vorbei. Paulina war auf einer Dienstreise. Ich weiß gar nicht, was sie arbeitet. Auf jeden Fall wollte Papa nicht alleine essen und war zu uns gekommen. Mama war ganz schön beschäftigt, weil die Chefin der Kita krank war, die sich mit um ihre Gruppe kümmerte und sie deswegen länger arbeiten musste.
Am Mittwochmorgen fragte Mama mich, ob ich später auf Emmi aufpassen könnte.
Ich seufzte. Eigentlich konnte ich das nicht. „Kann sie nicht zu Papa?“, fragte ich und merkte erst als Mama mich finster anschaute, dass der genervte Ton nicht nur bei mir im Kopf in meiner Stimme mitgeschwungen war.
„Ja, kann sie. Aber das kann man auch netter fragen, also passt du heute Nachmittag auf sie auf“, meinte meine Mutter und schob mir meine Butterbrotdose hin. „Aber Mama, heute ist Karate“, versuchte ich sie umzustimmen.
„Das ist mir aber neu, dass dir das wichtig ist“, sagte sie. Eigentlich wollte ich auch nur hin, um zu sehen, ob der Junge wieder dort lag. Ich wusste auch nicht wieso.
Ich nahm meine Butterbrotdose, schmiss sie in meinen Rucksack und verließ ohne noch etwas zu sagen die Küche. Meine Laune wurde nicht wirklich besser. Nicht einmal Dano schaffte es mich mit seinen dummen Scherzen aufzumuntern. Aber auch als ich später Mamas Zettel sah, dass Emmi bei Papa war und ich zu Karate gehen konnte, änderte sich das nicht. Es war ganz schön kalt draußen. Ich lief extra etwas früher los, doch als ich den Jungen in der Decke an die Steinmauer des Parks gelehnt, mit dem zerknickten Kaffeebecher vor sich, sitzen sah, wechselte ich auf die andere Straßenseite und lief schnell und mit gesenktem Kopf weiter. Auf dem Rückweg spähte ich vorsichtig unter meiner Kapuze hervor zu der Stelle, aber der Junge war nicht mehr da. Mit schnellen festen Schritten lief ich nach Hause. Ich war wütend, weil ich so feige gewesen war, ihn nicht einfach anzusprechen, was auch immer ich gesagt hätte.
Ich sprach den Abend über kein Wort und Mama sah mich wieder die ganze Zeit an. Am nächsten Tag ging ich mit Dano in die Stadt. Paulina hatte morgen Geburtstag und ich wollte ihr etwas Schenken, auch wenn Papa meinte, dass das nicht sein musste. Wir gingen zuerst in einen Klamottenladen, aber die Sachen waren alle ganz schön teuer und außerdem wusste ich nicht welche Größe sie hatte. Dano zog sich einen fetten Pushup-BH unter seinen Pullover und stolzierte damit vor dem Spiegel der Umkleidekabine herum. Ich musste lachen.
„Hier zieh auch mal an“, grinste er und hielt mir das Ding hin. „Nee, lass mal“, lehnte ich kopfschüttelnd, aber mit einem Grinsen ab. Als nächstes gingen wir in einen von diesen Läden, wo man alles mögliche Kaufen konnte. Ich entdeckte eine kleine bunte Lampe und hielt sie Dano hin. Er schüttelte den Kopf. „Zu kitschig“, meinte er. Ich zuckte die Schultern und nahm einen blauen Kissenbezug mit Rosenmuster in die Hand. „Perfekt“, kommentierte er dieses Mal. „Ok“, meinte ich und lief zur Kasse, als ich eine dicke Fleecedecke mit lustigen bunten Männchen darauf entdeckte. Ich nahm sie aus dem Regal und strich darüber. „Nein. Das Kissen ist perfekt“, meinte Dano.
„Ich nehme beides“, sagte ich und lief zur Kasse. Dano folgte mir kopfschüttelnd. Danach setzten wir uns mit zwei Dönern auf den Rand des Brunnens am Marktplatz.
Zuhause lief ich als erstes in mein Zimmer und schob die Decke unter mein Bett. Den Kissenbezug legte ich einfach auf meinen Schreibtisch. Aufräumen müsste ich auch mal wieder. Trotzdem ging ich erstmal zu Mama ins Wohnzimmer und half ihr den Tisch zu decken. Ich hatte schon wieder Hunger und das Aufräumen konnte ruhig warten. Mama sah mich immer wieder mit diesem besorgten Blick an. Als das Essen fertig war, lief ich zu Emmi ins Zimmer und holte sie an den Tisch. Mama hatte wieder Auflauf gemacht. Ich fragte nicht, wieso sie sich trotz dem ganzen Stress die Mühe machte.
Später kam Mama in mein Zimmer und wünschte mir eine gute Nacht. Das tat sie nur noch selten. Sie entdeckte das Geschenk für Paulina. „Der ist aber schön“, meinte sie. Ich nickte. Fast hätte ich gefragt, was los ist, aber da kam sie mir zuvor. „Du bist so ruhig. Ist irgendwas passiert? Ist in der Schule etwas nicht in Ordnung?“, sorgte sie sich. „Nein, alle super“, sagte ich. „Aber wo du von der Schule sprichst, wir machen demnächst einen Ausflug in den Freizeitpark. Da gab es so einen Zettel, müsste irgendwo auf meinem Schreibtisch liegen.“ Sie legte den Kissenbezug zurück und wühlte sich durch die Sachen, die auf dem Tisch verstreut waren. „Der hier?“ Sie hielt das kleine Papier hoch. „Ja“, sagte ich, dann wuschelte sie mir durch die Haare und lief aus dem Zimmer. Ich hörte sie in der Küche werkeln bis ich über meinen Gedanken einschlief und am Morgen von lautem Gebrüll geweckt wurde. Stöhnend stand ich auf und begab mich ins Wohnzimmer. Emmi stand mit einer von ihren Barbiepuppen in der Hand da, die meiner Meinung nach etwas zu kurze Haare hatte. Bevor ich jedoch heraushören konnte, was genau passiert war, machte ich mich auf den Weg in die Schule. Frau Holter sammelte in der Klassenstunde die Elternbriefe von denen, die letzte Woche noch nicht abgegeben hatten, ein und erinnerte uns daran, dass der Ausflug schon in zwei Wochen war. Aber da hatten wir ja noch Zeit.
Dano war wieder viel zu gut drauf und schlug vor mit zu Paulinas Geburtstag zu kommen, doch ich bremste ihn aus.
„Och, warum denn nicht“, murrte er. „Darum. Sie kennt dich doch gar nicht“, meinte ich. „Doch, vom Essen letzte Woche“, entgegnete Dano. „Ja, trotzdem“, sagte ich. Dano seufzte. „Na dann halt nicht.“ So schnell hatte er noch nie nachgegeben.
Mama hatte einen Kuchen gebacken und Emmi hielt ihr stolz ein selbstgemaltes Bild unter die Nase. Ich holte den Kissenbezug aus meinem Zimmer und merkte, dass es vielleicht ganz schlau gewesen wäre ihn einzupacken. Ich schnappte mir ein Geschenkpapier, klebte es irgendwie um den Stoff und schrieb eilig ein paar Grüße darauf. „Ich gehe noch ein bisschen raus“, legte ich Mama das Geschenk hin und verschwand wieder in mein Zimmer. Zögernd holte ich die Decke unter meinem Bett hervor. Ich stopfte sie in meinen Rucksack und lief in den Flur, um mich anzuziehen. „Um drei wollen wir los“, rief Mama mir hinterher, als ich die Treppen herunter sprang. Bis zum Park war es fast etwas weit, um es in einer halben Stunde hin und zurück zu schaffen, aber vielleicht war der Junge überhaupt nicht da, dann würde es passen. Als ich um die Ecke bog, sah ich, dass es nicht so war. Die schwarze Decke und der Becher lagen am Rand des Gehwegs an der Mauer, nur den Jungen konnte ich nirgends sehen. Unentschlossen sah ich mich um und setzte mich schließlich einfach neben die Decke. Der Stein war ganzschön hart und kalt. Langsam fing ich an zu zittern.
„Hey, verschwinde, das ist mein Platz!“, ließ mich eine Stimme herumfahren. „Du?“, fragte der Junge, als er mich wiedererkannte. „Ich..“, stammelte ich und öffnete mit zittrigen Fingern meinen Rucksack. Auf einmal hatte ich Angst, als ich die Decke heraus zog. Was, wenn das ganz falsch rüber kam.
„Als … Entschuldigung“, meinte ich und hielt sie ihm hin. Er musterte mich, streckte dann aber doch seine Hand aus. Ich ließ meinen Arm sinken und sah zu, wie er über die Decke strich. Ein Grinsen schlich sich auf seine Lippen, als er die Männchen darauf erkannte, die alle unterschiedliche Grimassen schnitten. Irgendwie musste ich lächeln. „Danke“, nuschelte er. Wieder breitete sich Schweigen aus. „Hast du nichts besseres zu tun, als bei einem dreckigen Obdachlosen rumzugammeln?“, brach er es schließlich.
„Naja“, ich warf einen Blick auf meine Uhr, „eigentlich müsste ich jetzt zu einem Geburtstag.“ Ich war schon viel zu spät dran. „Tschuldigung“, murmelte ich und eilte davon. Das war ja nicht viel besser gelaufen als das letzte Mal. Wieder war ich einfach abgehauen. Ich zog mein Handy aus der Jackentasche und schrieb eine SMS an meine Mutter, dass ich direkt zu Paulina fuhr. Sie schrieb nicht zurück, aber ich wusste, dass sie es gelesen hatte. Sie war sauer.
Ich klingelte und drückte die Tür ins Treppenhaus auf, als der Öffner surrte. Aus dem Aufzug stieg gerade eine alte Dame. Ich grüßte sie knapp, sprang hinein und drückte den Knopf in die siebte Etage. Ich hasste Aufzüge. Ich hatte keine Klaustrophobie, aber ich hatte jedes Mal Angst, dass der Aufzug stecken blieb und ich nicht mehr raus kam. Zum Glück passierte das nicht und ich kam schneller oben an, als wenn ich die Treppe genommen hätte. Die Tür war angelehnt. Ich trat ein, zog meine Jacke aus, stellte Schuhe und Rucksack in den schmalen Flur und lief durch ins Wohnzimmer. Der Tisch war nett und mit reichlich Gebäck gedeckt. Paulina lächelte mich warm an, als sie mich sah, doch ich konnte nur zu dem schwarzhaarigen Jungen sehen, der am anderen Ende des Tisches saß und mich breit angrinste. Ich schüttelte den Kopf. „Er war im Gegensatz zu dir wenigstens pünktlich“, meinte meine Mutter in leicht giftigem Ton. „Also ich freue mich immer über Überraschungsgäste“, meinte Paulina. Ich schlug Dano Scherzes halber gegen die Schulter bevor ich mich neben ihn setzte.
„Was hast du denn auch so lange gemacht? Mama und ich haben die ganze Zeit gewartet. Das war nicht nett“, fragte Emmi quer über den Tisch. Ich mochte sie echt gerne, aber musste sie immer so unpassende Fragen stellen?
„Nichts. Ich war im Park und hab die Zeit aus den Augen verloren“, sagte ich leicht genervt, als mich auch Mama und Dano fragend ansahen. „Sicher?“, grinste Dano und versuchte mir ganz tief in die Augen zu sehen. „Ja“, schob ich ihn von mir und widmete mich dem Stückkuchen, das Paulina mir auf den Teller gelegt hatte. Damit war die Diskussion erstmal beendet und wenigstens Emmi glaubte mir.
Das Wochenende war langweilig. Mama nahm mich mit zum Einkaufen, ich hockte hauptsächlich vor meinem PC und spielte mein neues Spiel und am Sonntag kam ein Mädchen aus Emmis Kita zum Spielen vorbei und ich wurde gnadenlos in die Barbiewelt mit einbezogen. Gut, dass Dano das nicht sah.
Der war am Montag schon ganz hibbelig wegen dem Ausflug, dabei waren es immer noch zehn Tage bis dahin. Nathalie war wohl am Wochenende zur Eröffnungsfeier dort gewesen und schwärmt pausenlos von den super Attraktionen, wobei sie immer wieder zu dem Neuen schaute. Der lächelte jedes Mal scharmant zurück. Angewidert drehte ich mich weg zu Dano, doch auch der schien an Nathalies Lippen zu kleben. Ich war froh, als die letzte Stunde vorbei war. Ohne auf Dano zu warten haute ich ab und stieg in eine der Straßenbahnen, die in der Nähe der Schule hielten, ohne zu wissen wohin sie eigentlich fuhr. Mama musste wieder lange arbeiten und Emmi blieb in der Zeit in der Kita, also wartete auch keiner Zuhause auf mich. An der nächsten Haltestelle stieg ich aus und lief Richtung Park. Ich setzte mich auf eine Bank und betrachtete mit den Füßen wippend die roten und gelben Blätter der Bäume, die vom Wind in die Luft gewirbelt wurden und anschließend langsam zu Boden sanken. Ich ärgerte mich, dass ich vor Dano weggelaufen war. Der saß jetzt bestimmt in der Bahn zu seinem Onkel oder bastelte an seinem neuen Modell rum. Langsam wurde mir kalt und ich stand von der Bank auf. Ich lief den Hauptweg entlang zum anderen Ende des Parks. Ich wurde zögerlich, als ich der Mauer am Ausgang näher kam, trat aber schließlich doch nach draußen. Der Junge saß in beide Deckengehüllt an der Wand, der Pappbecher stand leer vor ihm. Ein Lächeln legte sich auf meine Lippen.
„Hey“, begrüßte ich ihn. „Du schon wieder?“, fragte er und sah zu mir auf. „Ich … wollte fragen, ob du Lust hast mit in der Stadt was essen zu gehen. Döner oder so“, meinte ich. Wie ich darauf kam, wusste ich auch nicht. „Ich hab kein Geld, siehst du ja selber“, entgegnete er schnaubend. „Ich bezahle für dich“, sagte ich. „Nee, lass mal gut sein“, schüttelte er den Kopf. „Na … na gut“, murmelte ich und verschwand so schnell wie die letzten Male. Wütend schlug ich gegen die Hauswand, an der ich vorbeilief. Was hatte ich auch gedacht, wie er reagieren würde? Meine Hand brannte und ich merkte, dass ich sie aufgeschürft hatte. Zuhause verkroch ich mich in mein Zimmer und tat so, als würde ich schlafen, als meine Mutter herein kam, um mich zum Essen zu holen. Irgendwann schlief ich wirklich ein.
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