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Straßenjunge

Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P12 / MaleSlash
06.06.2021
18.08.2021
19
21.931
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11.06.2021 1.561
 
Emmi kam in mein Zimmer gestürmt und riss mir die Decke weg.
„Mama sagt, du sollst aufstehen“, krähte sie. Ich murrte unverständlich, dass sie verschwinden solle und hob mich gähnend aus dem Bett. Dann schlurfte ich ins Bad und anschließend in die Küche, um zu frühstücken. Bis Mama mich in die Schule scheuchte, damit ich nicht zu spät kam. Der Neue lehnte lässig an der Wand und grinste. Nathalie stand nicht weit entfernt und tuschelte mit ihrer Clique. Immer wieder hob eines der Mädchen den Kopf und späte zu dem Schleimer. Ich vergrub die Hände in den Taschen meiner Jeans und stellte mich neben die Tür unseres Englischraumes. Dano stellte sich neben mich und vergrub ebenfalls die Hände in den Taschen. „Hi“, sagte er knapp. „Hi“, erwiderte ich ebenso knapp. Er war genauso gesprächig wie ich am frühen Morgen, nämlich gar nicht. Ansonsten war er immer total überdreht, vor allem weil er Energydrinks liebte. Ich fand das Zeug viel zu süß.
„Ich kann ihn jetzt schon nicht leiden“, meinte Dano. Ich nickte.
„Die Mädchen fahren alle voll auf ihn ab“, schob er hinterher. Ich nickte. Wollte er jetzt wirklich über diesen Schnösel reden?
„Ich muss heute noch zu Karlos, kommst du mit?“ Anscheinend doch nicht. Karlos war sein Onkel, ein totaler Modellbaufreak, genau wie Dano. Ich nickte, aber dann fiel mir ein, dass Papa und Paulina heute zum Essen kommen wollten.
„Dann danach. Ich hab Zeit“, zuckte Dano die Schultern. „Ich hol dich dann ab, vielleicht bleibt ja noch was leckeres übrig.“ Ich nickte wieder und grinste. Das war typisch Dano. Seine Mutter arbeitete als Altenpflegerin und war meistens nicht zu Hause. Wo sein Vater sich rum trieb, wusste keiner so genau. Ich glaube, er hatte ein ziemliches Drogen Problem, was ihn seinen Job gekostet hatte und weshalb er jetzt immer wieder in krumme Geschäfte verwickelt war, aber Dano sprach nie darüber. Meistens hing er draußen oder bei seinem Onkel rum.
Unser Englischlehrer kam um zehn Minuten verspätet an und riss mich aus meinen Gedanken. Nach Englisch hatten wir Mathe, dann Sport und wieder Chemie mit Frau Holter, übrigens auch unsere Klassenlehrerin. Die hatte heute einen Stapel Elternbriefe unterm Arm und ließ sie direkt zu Beginn der Stunde austeilen. Es ging um irgendeinen Ausflug. Ich hörte gar nicht richtig zu, aber Nathalie war total begeistert von der Idee.
„Klasse, oder?“, fragte Dano, als wir uns auf den Weg nach Hause machten.
„Was?“, fragte ich zurück. „Du hast mal wieder nicht zugehört, oder? Mann, wir fahren in den neuen Freizeitpark. Haufenweise Achterbahnen, Freefalltower, Geisterbahnen und ganz viel Essen, alles im Eintrittspreis inbegriffen.“ Dano hüpfte fast neben mir her, wie meine kleine Schwester es immer tat. Aber Freizeitpark klang wirklich gut. Nicht so öde wie die ganzen Museumsbesuche. Da musste der Schulleiter wohl irgendwas bei Frau Holter gut gehabt haben. Ich blieb vor meiner Haustür stehen und schloss auf. „Bis später“, hüpfte Dano winkend davon. Ich schüttelte lachend den Kopf und winkte zurück bevor ich im Treppenhaus verschwand. Die Wohnungstür wurde mir vor der Nase zugemacht, also drückte ich auf die alte Klingel neben dem Schild mit unserem Namen bis Emmi mit finsterer Miene öffnete.
„Kannst ja auch mal selber aufmachen, du Faulpelz“, schnaubte sie, ließ mich aber eintreten. Papa und Paulina waren anscheinend diejenigen, die mich ausgeschlossen hatten, denn sie waren gerade dabei sich die Schuhe und Jacken auszuziehen. Ich tat es ihnen gleich, bevor mich Papa in eine kumpelhafte Umarmung zog. Kurz darauf saßen wir alle gemeinsam am Tisch und schaufelten Mamas absolut leckeren Auflauf in uns rein. Emmi hatte danach immer die Hälfte auf dem Stuhl liegen, weil sie sich zu viel auf die Gabel nahm, was dann natürlich nicht in ihren Mund passte. Mit einem Seufzen hob Mama alles zurück auf den Tisch, als es klingelte. „Das ist Dano. Wir wollten gleich zu seinem Onkel“, sprang ich auf und lief zur Tür. „Er kann doch noch reinkommen“, meinte Mama. Das rief ich ihm durchs Treppenhaus zu. Grinsend kam er die Stufen hoch gesprintet, kickte seine Schuhe vor die Tür und hängte seine Jacke an die volle Garderobe. Ich schloss die Tür hinter ihm und folgte ihm ins Wohnzimmer.
„Hallo“, grüßte er in die Runde und setzte sich auf meinen freien Stuhl.
„Möchtest du noch den Rest Auflauf essen?“, bot meine Mutter an. Dano nickte vor sich hin grinsend. Ich setzte mich auf die Sofalehne und sah ihm beim Essen zu. Emmi verschwand mit Hoppel in ihrem Zimmer und Mama in der Küche.
„Und ihr kennt euch aus der Schule?“, fragte Paulina. Dano nickte.
„Wir sind in einer Klasse“, sagte er mit vollem Mund. „Das ist ja schön“, meinte Paulina und lächelte uns beide an. „Wollen wir dann los?“, fragte ich Dano, als er aufgegessen hatte. „Jo“, meinte er, brachte den Teller in die Küche und verabschiedete sich bei Papa, Mama und Paulina. Wenig später saßen wir in der Straßenbahn und starrten aus dem Fenster. Sein Onkel Karlos wohnte ein ganzes Stück außerhalb.
„Was willst du eigentlich diesmal bei ihm?“, fragte ich, als wir ausstiegen. „Er hat eine neu Heißklebepistole und Holzplatten für mich bestellt. Kann ich eigentlich auch selber kaufen, aber er wollte das unbedingt machen“, erwiderte Dano. Er drückte auf die Klingel. Karlos, ein großgewachsener Mann mit braunen wirren Locken, öffnete und ließ uns rein. Dano hatte mich schon ein paar Mal mit zu ihm genommen, aber die vielen geschnitzten Blumensträuße im Flur beeindruckten mich immer wieder. Wir folgten ihm in seine Werkstatt, wo er in einem Schrank wühlte. „So da haben wir’s ja“, hielt er ein zerfleddertes Papppaket hoch und drückte es Dano in den Arm. „Setzt euch doch.“
Wir setzten uns auf das dunkelgrüne Sofa neben seiner Werkbank, während er aus der Werkstatt verschwand und kurz darauf mit zwei Aludosen zurück kam. Er warf jedem von uns eine zu. Irgendein Energydrink, hätte ich mir denken können. Ich öffnete die Dose trotzdem und trank einen Schluck. Mein Hals fühlte sich nämlich an wie das Schmirgelpapier auf dem kleinen Tisch vor mir.
„Und wie läuft’s?“, fragte Karlos und setzte sich auf einen Hocker uns gegenüber.
„Ganz gut“, nickte Dano. „Ist Annelise immer noch so fleißig am arbeiten?“, wollte Karlos wissen. „Jaja, aber stört mich nicht“, wippte Dano mit den Füßen.
„Und hast du mal was von Lotta gehört?“
Lotta war Danos Schwester und Annelise seine Mutter, also Karlos Schwester. Lotta war schon erwachsen und am Studieren. Dano schüttelte den Kopf. Er schaute die ganze Zeit an Karlos vorbei und grinste vor sich hin. Ich lehnte mich ein Stück zu ihm rüber und folgte seinem Blick. Auch Karlos drehte sich zu seiner halbfertigen Holzskulptur um, eine nackte Frau, der allerdings noch die Gesichtszüge fehlten. Karlos schien in letzter Zeit wohl auf etwas größere Modelle umgestiegen zu sein, wobei, ich glaube, das nennt man gar nicht mehr Modellbau, aber ich kenne mich da überhaupt nicht aus. Karlos grinste uns an. „Gefällt sie euch? Das Gesicht muss ich noch fertig machen.“
„Ach, die kommt auch ohne aus“, winkte Dano ab und sein Grinsen wurde noch ein Stück breiter. Ich schüttelte über ihn den Kopf, musste aber ebenfalls grinsen.
„Ihr solltet euch mal lieber richtige Mädels suchen, an denen ihr euch sattsehen könnt“, meinte Karlos und stand auf. Dano warf seine leere Aludose in den Mülleimer und erhob sich ebenfalls. „Hast ja selber keine“, erwiderte er und klang dabei fast etwas gekränkt. Karlos ließ das kommentarlos stehen.
Nachdem wir bei ihm mit zu Abend gegessen hatten, machten wir uns wieder auf den Weg zurück nach Hause. Mama lag schon im Bett, obwohl wir gar nicht so spät dran gewesen waren. Trotzdem verschlief ich am nächsten Morgen und kam viel zu spät in den Unterricht. War aber auch nicht das erste Mal.
Am Nachmittag hatte ich Karatetraining. Besonders gut war ich nicht, ich ging auch nicht wirklich regelmäßig hin, aber Spaß machte es trotzdem und mein Trainer sah das bei mir ganz locker. Ich glaube, für ihn war ich mehr einer von denen, die erstmal zum Schnuppern kamen, nur dass ich mehrmals kam.
Auf dem Rückweg wurde es draußen schon langsam dunkel. Ich war in Gedanken bei Danos Onkel und seiner unfertigen Skulptur, als ich über eine herumliegende olle Decke stolperte und mit dem Boden Bekanntschaft machte.
„Sorry, alles in Ordnung?“, fragte jemand und half mir hoch. Als ich wieder stand, kam ich auch dazu zu schauen, wer mir aufgeholfen hatte. Es war ein Junge, etwa in meinem Alter, der in der Decke gelegen haben musste. Diese hing nämlich jetzt an seinen Schultern herunter.
„Ja. Ja. Alles in Ordnung. Bei dir auch? Tut mir echt leid. Ich war so in Gedanken…“, stammelte ich und blickte in seine beinahe unecht grünen Augen. Die hellbraunen Haare waren zerzaust und hingen ihm in das dreckige Gesicht, aber er lächelte.
„Alles gut, passiert häufiger“, zuckte er die Schultern. Ich verzog den Mund. Ein unangenehmes Schweigen breitete sich aus. „Ich… meine Mutter wartet ... mit dem Abendessen“, murmelte ich, drehte mich um und lief davon. Mein Gesicht glühte und meine Gedanken wollten einfach nicht aufhören um das eben Geschehene zu kreisen. Ich wollte einfach vergessen, was passiert war. Ich kam mir vor wie der letzte Trottel. Ich hatte mich fast wie einer dieser reichen Schnöseln benommen, für die diese Menschen wertloser Dreck waren.
Missmutig stocherte ich in meinem Kuskus herum. Irgendwie war mir der Appetit vergangen. Mama sah mich immer wieder besorgt an, sagte aber nichts.
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