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Gefangen

von Mindy
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / MaleSlash
Alexander "Alec" Lightwood Andrew Underhill Isabelle "Izzy" Lightwood Jace Wayland / Jonathan Christopher Herondale Lorenzo Rey Magnus Bane
06.06.2021
25.11.2021
20
79.167
32
Alle Kapitel
237 Reviews
Dieses Kapitel
11 Reviews
 
04.08.2021 5.647
 
Hallo liebe Gemeinde,
die Sommerpause ist zwar noch nicht vorbei und heute erwartet euch ja noch was Tolles – ein neues Reyhill-Kapitel^^ (allen dortigen LeserInnen ein herzliches Danke, Mellie und ich freuen uns so DERB über die Zuwendung für unser Baby *-*) – aber ich poste trotzdem was. Die Nebenprojekte stagnieren und mir gings den ganzen Tag dreckig und wenn man so über die Endlichkeit des Lebens nachdenkt, will man anderen was Gutes tun, ich zumindest. Also unterbreche ich die Pause mal und präsentiere *Trommelwirbel* langes Kapitel XD
Vll bringt mir das ja gutes Karma und Heilung XD

Viel Spaß – es spitzt sich zu, meine Freunde!

_________________________________________________________



„Fragt sich, ob es kann, was wir uns erhoffen“, sagte Izzy wachsam und blickte zu Clary. „Bist du bereit?“
Beruhigend begegnete Clary dem Blick ihrer Freundin, die zweifellos besorgt um sie war. „Beides werden wir gleich erfahren.“


~*~


Als Simon das Elbenreich zum ersten Mal betreten hatte, war er von der Schönheit dieser Welt völlig verzückt gewesen:
Die unendlich hohen Bäume, deren Baldachin ihr schützendes Grün über ihnen ausbreitete, der beständig süße Blütenregen und die frische Brise, die sich anfühlte wie das sanfte Streicheln einer weichen Hand.

Seit er öfter hier eingekehrt war und die Bewohner näher kennengelernt hatte, war von seiner anfänglichen Faszination kaum mehr etwas übrig.

Jedes Mal, wenn sie den Lichten Hof besuchten, mussten sie hoffen, wieder an einem Stück und ohne Verstümmelungen oder Unfrieden zwischen sich wegzukommen.
Automatisch glitten seine Gedanken zu Isabelle. Er hatte ihr ein paar SMS geschrieben und sie informiert, dass es ihm gut gehe und sich nach ihr erkundigt, doch sie schien beschäftigt, denn sie hatte nur einmal kurz darauf geantwortet. Vielleicht war sie wütend auf ihn, weil er ihr nicht geholfen hatte, doch noch immer war er überzeugt, dass es keine Hilfe für sie gewesen wäre, hätte er unter diesen Umständen von ihrem Blut getrunken.

Es hätte etwas zwischen ihnen kaputt gemacht.

Dennoch bereute er, nicht bei ihr zu sein, wo es ihr im Moment doch so schlecht zu gehen schien.
,Clary hat versprochen, auf sie aufzupassen.‘ Auf seine beste Freundin war Verlass, also wollte er sich auf die Aufgabe konzentrieren, die vor ihm lag. Wenn sie Alec helfen konnten, würde das automatisch Izzy helfen.

Wachen geleiteten sie zum Thron der Königin.
Lorenzo ging voran, dicht gefolgt von Andrew. Jace‘ Nase war noch etwas geschwollen von der „Bezahlung“ des Hexenmeisters, aber dank der Iratze hatte der angeknackste Knochen sich bereits wieder gerichtet. Jace hatte es gut und vor allem ohne zu murren weggesteckt, wie Simon beeindruckt zugeben musste.
Die Königin hatte ihnen den Besuch erstaunlich zügig gestattet – allerdings mit der Bedingung, dass Lorenzo ihr seinen Verlobten vorstellte.
Der Hexenmeister hatte sich darauf erst nicht einlassen wollen, aber Underhill hatte einmal wieder eindrucksvoll gezeigt, dass er sich von Lorenzo nichts befehlen ließ. Beachtlich, wie er dessen hochtrabendes Lamentieren und die vorwurfsvollen Blicke so standhaft aushalten und am Ende seinen Willen durchsetzen konnte.
Simon vergrub die Hände in den Taschen, wohl darauf bedacht, hier bloß nichts und niemanden zu berühren. Ausnahmsweise wollte er nicht für Schwierigkeiten sorgen.

Dabei berührten seine Finger etwas, dessen Existenz er vollkommen vergessen hatte.

Überrascht zog er den Zettel aus der Tasche, den Raphael ihm bei ihrem Treffen gegeben hatte. Zum ersten Mal hatte er Gelegenheit, ihn zu lesen.
,Talmud, Eruvin 19a.‘
Wieso schrieb Raphael ihm ein Kapitel aus einer jüdischen Schrift auf?
Simon beschloss, später nachzulesen, was es damit auf sich hatte, denn hier funktionierte Google leider nicht. Wie seine Oma sich schämen würde, weil offenbar jemand, der das Christentum studierte, sich besser in den jüdischen Schriften auskannte als Simon selbst…aber seine Bar-Mizwa war schon verdammt lange her!

„Euer Hoheit.“ Lorenzo breitete die Arme aus und lächelte einladend, als sie den Thron erreicht hatten. „Ich danke vielmals dafür, dass Ihr meinem Gesuch stattgegeben habt und mich und meine Gefolgschaft empfangt.“
„Unter Gefolgschaft habe ich mir etwas anderes vorgestellt, wie Sie sehr wohl gewusst haben“, antwortete Dineth und musterte Jace und Simon mit einem Blick zwischen prüfend und verachtend. „Ich sollte über diesen Betrug erzürnt sein.“
„Es lag keineswegs in meiner Absicht, Euch zu täuschen“, sagte Lorenzo und klang so aufrichtig reuevoll, dass sich Andrew die Frage aufdrängte, ob sein Verlobter ein großartiger Lügner war und er ihn nicht, wie bisher angenommen, recht schnell dabei ertappte.
„Die Herren kommen in großer Not zu Euch und erhoffen sich, in den Genuss Eurer viel gerühmten Weisheit und Großzügigkeit zu kommen“, sagte Lorenzo und verbeugte sich leicht.
„Ich kenne diese zwei Wesen, sie ermüden mich“, sagte Dineth und ließ ihre grünen Augen nur flüchtig über Simon und Jace gleiten. „Sie sind langweilig.“
„…“ Wieder einmal von der Königin gedisst, dachte sich Simon, als Dineths Blick auf Andrew fiel.
Sie nickte und wie auf Kommando gingen zwei hübsche, schwarzhaarige Elben auf den Schattenjäger zu und umrundeten ihn kichernd, berührten dabei immer wieder seine Schulter oder seinen Rücken.
„Du hingegen bist es nicht“, fuhr Dineth fort, während Andrew sichtlich verwirrt die Hände hob, um den Herren höflich zu bedeuten, auf Abstand zu bleiben. „Dies ist dein erster Besuch.“
„Das stimmt, ich fühle mich sehr geehrt, hier sein zu dürfen. Mein Name ist…“
„Andrew Underhill“, unterbrach Dineth ihn, als hätte er gar nicht gesprochen. „Du bist Lorenzos Verlobter. Es verlangte mich, dich kennenzulernen.“
„Danke, ich…es freut mich, Euch kennenzulernen“, sagte Andrew und zuckte zusammen, als einer der Elben ihm durchs Haar fuhr. So recht wusste er nicht, was er tun sollte, ohne die Königin damit am Ende zu beleidigen. Lorenzo hatte ihm eingeschärft, das um jeden Preis zu vermeiden.
„Ja, Andrew ist mein Verlobter, deswegen versteht Ihr sicher, dass er die Gastfreundschaft Eurer Diener nicht annehmen kann“, sagte Lorenzo hastig, bemühte sich dabei, artig weiter zu lächeln. Im Elbenreich war er von so viel Energie umgeben, dass es ihm immer wesentlich schwerer fiel, den Zauberglanz zu halten, der sein Hexenmal verbarg – und die brodelnde Eifersucht, die ihn dabei überkam, mitansehen zu müssen, wie diese Elben an Andrew herum fummelten, machte es nicht besser. Das merkte Lorenzo, als er unwillig eine Reihe Schuppen auf seinem linken Handrücken entdeckte.
Missmutig nahm er den violett-roten Farbton zur Kenntnis; sein Hexenmal hatte die unpraktische Angewohnheit, sich farblich seinen Gefühlen anzupassen, doch er hätte das Lila gerade nicht gebraucht, um zu erkennen, dass er eifersüchtig war.
Und verärgert.
„Ich möchte, dass er seinen ersten Besuch an meinem Hof genießt“, antwortete Dineth schlicht.
Andrew war überzeugt, dass dies nicht der Grund war, zumindest nicht der wichtigste: Entweder wollte die Königin Lorenzo verspotten oder Andrew testen.
„Zu gütig, aber ich genieße meinen Besuch auch so“, versicherte der Blonde daher und duckte sich unter der Umarmung eines der Elben fort, um etwas näher an Lorenzo heranzutreten. Dieser positionierte sich derart beschützend vor ihm, dass Andrew automatisch lächelte.
„Schon bei Magnus Bane und Alec Lightwood habe ich den Reiz dieser Verbindung nicht verstanden“, sagte Dineth und beugte sich ein wenig vor, beorderte ihre Diener dabei mit nur einem Blick zurück. „Wieso wählt ihr nicht jemanden eurer Rasse? Wieso als Unsterblicher einen Sterblichen wählen?“, fragte sie gen Lorenzo, ehe sie Andrew mit ihrem Blick durchbohrte. „Wieso sich als Engelsabkömmling mit einem Halbdämonen einlassen? Wieso dieses Band durch eine Ehe offiziell machen?“
Während Lorenzo sich noch eine taktisch kluge, unverfängliche Antwort zurechtlegte, runzelte Andrew vor Unverständnis die Stirn.
„Ich liebe ihn, deswegen. Einem Nephilim ist das Grund genug.“
„Aber nicht allen Nephilim, nicht wahr?“
Ehe Andrew darauf antworten konnte – die Königin musterte ihn, als wisse sie mehr über ihn, als ihm lieb war – trat Jace nach vorne.
„Meine Königin, da Simon und ich nun hier sind, dürfen wir sprechen?“, fragte Jace, der seine Ungeduld nicht länger verbergen konnte.
Amüsiert zog sie die blonden Augenbrauen zusammen. „Na schön, nachdem du dir erfolgreich einen Besuch an meinem Hof erschlichen hast: Sprich, Shadowhunter. Was ist es, was du begehrst? Willst du mich erneut bestehlen?“
„…nein“, antwortete Jace und bemühte sich um den von Simon verächtlich getauften Casanova-Blick. „Ich muss nach Occid reisen und es bereitet mir gewisse Schwierigkeiten, dort länger zu überleben. Mir kam zu Ohren, dass es in Eurem Reich etwas gibt, das mir das ermöglichen kann.“
„Und wie kam dir das zu Ohren?“
„…nicht nur Ihr seid an den Belangen der Schattenwelt interessiert“, antwortete Jace abwägend. Keinesfalls wollte er Luana in Schwierigkeiten bringen, immerhin hatte er es ihr zu verdanken, dass er endlich vorankam.

Alec ein Stück näher kam.

„Ja, ich bin über den Aufenthaltsort deines Bruders im Bilde.“
Dineth klang so desinteressiert, dass es Simon wunderte, dass sie nicht einfach auf ihrem Thron einschlief.
„Seid ihr Nephilim dieses ewige Opfergetue nicht irgendwann einmal leid?“
Jace hielt das bemühte Lächeln zwanghaft aufrecht. „Mein Bruder ist bekannt dafür. Ich will ihn zurückholen und ihm dafür den Kopf waschen. Dafür benötige ich jedoch das Kraut, von dem ich hörte, das ermöglichen soll, in einer Höllendimension zu überleben.“
„Um es wieder zu stehlen, wenn ich es euch nicht überlasse?“
„…“ Jace trat näher an den Thron heran und ging auf ein Knie. „Eure Hoheit, ich weiß, wir waren bei unserem letzten Aufenthalt über alle Maße respektlos. Doch haben wir unsere Schuld nicht beglichen, indem wir den Goroth töteten?“*
„Das musstet ihr tun, um den Inquisitor auszulösen.“
Noch immer verstand Simon nicht, wieso Elben – besonders die Königinnen – so ein sadistisches Vergnügen daran zu haben schienen, wenn man ihre Hilfe brauchte.
Wenn man verzweifelt war, wie sie es im Moment waren.
Jace reagierte jedoch überraschend besonnen. Vielleicht war es auch nicht überraschend, denn wenn es um Leute ging, die er liebte, besonders Clary und eben Alec, ging er bis zum Äußersten.
„Euer Hoheit, ich bin hier, weil ich handeln möchte. Sagt mir, was ich Euch anbieten kann, als Gegenleistung für dieses Kraut.“
„Obwohl ich respektvoll fragen möchte, ob es so etwas wirklich hier gibt“, wagte Simon zu sagen, woraufhin Dineth ihn musterte wie eine Fliege, die störenderweise über einem Teller schwebte. Doch Simon hatte gelernt, dass Kontrolle in diesem Reich besser war als Vertrauen.
„Varyas“, antwortete Dineth, während ihre grünen Augen gleichzeitig Simon und Jace im Blick zu behalten schienen. „Es vermag euren Körper innerlich wie äußerlich zu schützen, vor Eis und Feuer, Druck und Höhe. Wir nutzen es nur selten, wenn wir zum Beispiel in gefährliche Gebiete müssen, um bestimmte Gesteinsarten oder Kräuter zu bergen. Ja, es ist für eure Art mächtig genug, um euch vor Occids schädlichen Dämpfen zu schützen. Der Körper gewöhnt sich nach häufiger Einnahme daran, doch einmalig sollte es eurem Vorhaben mehr als dienlich sein.“
Jace‘ Magen verknotete sich vor Freude, die er sich äußerlich aber nicht anmerken lassen wollte. Erwartungsvoll blickte er Dineth an. „Nun? Bitte sagt mir, was ich tun kann, um mir diese Gabe zu verdienen.“
Er wusste, wie gefährlich es war, sich einer Elbenkönigin in die Hand zu begeben und vermutlich hatte Clary Recht und er überschritt Grenzen, doch er war zu weit gekommen, um jetzt aufzugeben.

Alec war sein Parabatai und er hatte geschworen, ihm überall hinzufolgen.

Sein Bruder reizte diesen Schwur zwar ganz schön aus, doch er wusste, Alec würde das Gleiche für ihn tun.

Eine ganze Weile war es still, selbst der Wind schien aufzuhören, die Blätter der Bäume zum Rauschen zu bringen, als wäre alles andere eine Beleidigung ihrer Hoheit.
„Das Kraut wächst nur drei Monate eines Zyklus‘ und ist daher recht kostbar“, sagte Dineth schließlich.
Ihr Ton klang beiläufig, doch Jace‘ Nackenhaare stellten sich auf, weil er wusste, dass die Gegenleistung, die sie fordern würde, schon festgestanden hatte, als sie den ersten Schritt in das Elbenreich getan hatten.
„Du wirst verstehen, Schattenjäger, dass das, was ich verlange, dieser Wertigkeit entsprechen muss.“
„Natürlich.“ Jace erwartete alles – und war doch überrascht, als Dineth plötzlich Lorenzo anblickte.
„Mister Rey, Sie sind den Shadowhuntern sehr zugewandt, wie ich bei jeder Kabinettssitzung feststellen muss. Sie scheinen sie und ihre Belange jenen der Unterwelt vorzuziehen. Ich habe mich schon häufig gefragt, ob ihre Beziehung zu einem der Nephilim nicht Ihr Urteilsvermögen trübt.“
„Ich verstehe Eure Sorge, Hoheit, doch meine Entscheidungen treffe ich stets zum Schutz und im besten Interesse der Hexenwesen, wie es mein Amt verlangt“, sagte Lorenzo höflich, obwohl ihn die Andeutung, er könnte befangen sein, immens erzürnte.
„Verzeiht, was hat das mit unserem Tausch zu tun?“, wollte Jace wissen und runzelte die Stirn.
„Alles“, gab Dineth zurück, ohne den Blick von Lorenzo zu nehmen. „Ich möchte mich, was das anbelangt, nicht auf Mister Reys Wort verlassen, sondern einen Pfand. Mein Vorschlag sieht daher folgendermaßen aus: Ich überlasse euch unser wertvolles Kraut in ausreichender Menge. Im Gegenzug möchte ich, dass Mister Rey mir zusichert, bei einer nächsten Abstimmung im Kabinett ebenso abzustimmen wie ich, gleichgültig, wie die zu verhandelnde Angelegenheit aussieht.“
Während Simon und Andrew verwirrt-entsetzt die Augen aufrissen, sprang Jace auf die Füße.
Selbst, wenn die Königin nur ein Haarband von Lorenzo eingefordert hätte, Jace wusste, dass der Hexenmeister sich darauf nicht einlassen würde.
„Hoheit, ich bin es, der dieses Kraut will, denn es geht um meinen Bruder! Lorenzo ist nur hier, weil wir…“
„Ich bin mir dessen bewusst, aber es gibt rein gar nichts, was du mir anbieten könntest, Schattenjäger“, sagte Dineth mit melodischer Stimme, die in grausamem Widerspruch zum Inhalt ihrer Worte stand. „Ich gebe euch ein paar Minuten Zeit, mein Angebot zu bedenken. Lehnt ihr ab, wird es kein weiteres geben.“
„Aber…“
Zwei Wachen stellten sich vor Jace und schirmten ihn von der Königin und dem Thron ab. Kurz erwog er, sich mit den beiden viel breiteren und größeren Elben anzulegen und es darauf ankommen zu lassen, doch er spürte förmlich Alecs mahnenden Blick auf sich, der Wörter wie Diplomatie und Taktgefühl auf ihn schleuderte wie Blitze.
Er besaß nichts davon, darum brauchte er Alec.

Darum und aus einer Millionen weiterer Gründe.

Mit zusammengebissenen Zähnen fuhr er herum und wollte zu Lorenzo stapfen, obwohl er keinerlei Hoffnung hatte, den Hexenmeister davon zu überzeugen, ihm zu helfen.
„Nicht“, sagte Simon und hielt Jace auf, als er an ihm vorbei ging. „Lass ihn das machen.“
Jace folgte seinem Blick zu Andrew, der etwas abseits mit Lorenzo stand und bereits sichtlich hitzig mit ihm sprach. Wobei es eher Lorenzo war, der redete.
„Du denkst, er kann ihn überzeugen, darauf einzugehen?“, fragte Jace, bemühte sich nicht, den Zweifel aus seiner Stimme zu filtern.
Du kannst es definitiv nicht. Sein Amt steht für Lorenzo eindeutig über Alec und über dir sowieso“, stimmte Simon zu, ohne das Paar aus den Augen zu lassen. „Er liebt seinen Posten aus vollem Herzen. Unsere einzige Hoffnung ist, dass er Andrew mehr liebt.“


„Lorenzo...“
Nein, Andrew“, sagte Lorenzo leise, aber in einer Schärfe, wie er selten mit seinem Verlobten gesprochen hatte. „Ich schätze Alec Lightwood-Bane wirklich sehr und ich war gewillt, ihm im Rahmen des Möglichen zu helfen, doch das kann ich nicht tun. Ich würde mein ganzes Volk verraten, wenn ich auf so etwas eingehen würde. Blind zustimmen, was auch immer die Königin plant – undenkbar!“
„Wie wäre es, wenn du mich erst einmal aussprechen lässt?“
Lorenzos missbilligender Blick prallte an der konzentrierten Miene seines Verlobten ab. „Fein.“
„Diese Abstimmungen sind doch höchst selten und ihr seid immer zu viert“, versuchte Andrew die Sache rational anzugehen. „Es ist nicht gesagt, ob du jemals in die Situation kommst, das Versprechen einlösen zu müssen und wenn, ob das Anliegen der Königin sich dann durchsetzt.“
„Wenn die Königin so eine Bitte äußert, ist sie überzeugt, dass es sich lohnen wird“, gab Lorenzo unwirsch zurück und faltete die Hände, um nicht erneut den Zauberglanz zu verlieren. Dass er so in Rage war, war dabei nicht hilfreich.
Zögernd öffnet Andrew den Mund. „…gibt es dafür…keine andere Lösung?“
„Du meinst, ich soll lügen?“ Lorenzo verstand seinen Verlobten, obwohl dieser sich schwammig ausdrückte.
„Das würde ich nie von dir verlangen“, widersprach Andrew und trat näher an Lorenzo heran, blickte ihm dabei zärtlich ins Gesicht. „Ich weiß, du bist ein Mann von Ehre.“ Soweit Andrew ihn kennengelernt hatte, hielt Lorenzo immer sein Wort; eher nahm er zu selten ein Blatt vor den Mund.
„Und wenn ich diesem Geschäft zustimme, bin ich an mein Versprechen gebunden, sonst könnte ich einen Konflikt zwischen Elben und Hexenwesen verursachen“, stimmte Lorenzo zu.
Zum ersten Mal fühlte er sich von Andrews weicher Miene nicht besänftigt, sondern auf geradezu niederträchtige Weise betrogen.
„…ich weiß.“
„Du verlangst also nicht von mir zu lügen, aber du verlangst, dass ich meinen freien Willen und mein Wort ins Ungewisse hinein verkaufe?“
Unglücklich verzog Andrew das Gesicht und schüttelte den Kopf. Er ergriff Lorenzos Hand und bedeckte mit seiner Handfläche den leichten Ansatz der Schuppen, deren roter Ton sich dadurch zunehmend kupfern färbte.
Lorenzo konnte es gar nicht leiden, wenn sein Hexenmal seine Gefühle so offen vor anderen – selbst Andrew – ausbreitete, wie Worte in einem geöffneten Buch.
Andrew hatte jedoch in den letzten Jahren alleine gelernt, die verschiedenen Farben zuzuordnen: Kupfer stand für Liebe.
„Ich würde dich niemals um so etwas bitten, Lorenzo“, stellte Andrew entschieden klar. „Ich habe dich noch nie um etwas Vergleichbares gebeten, in all den Jahren nicht, die wir inzwischen zusammen sind.“
Denn Andrew hatte bei Magnus und Alec gesehen, was das bedeuten konnte – wie zu viele Gefallen und zu viel Vermischung von Beruflichem und Privatem eine Beziehung vergiften konnten.
Und Lorenzo war nicht wie Magnus.
Wenn Isabelle Lightwood Lorenzo bat oder dieser es Andrew anbot, lag die Sache anders. Andrew jedoch hatte die Probleme des Instituts stets dort gelassen und Lorenzo hatte es willkommen geheißen, als hätten sie einen stummen Pakt darüber getroffen, dem Andrew immer hatte folgen wollen.

Jetzt allerdings brach er mit diesem Vorsatz.

„Doch ich will, dass wir Alec helfen. Das hier könnte unsere einzige Chance sein, ihn zu retten. Ich bin dabei völlig nutzlos und das lastet schwer auf mir, denn er ist mein Freund und mein Inquisitor.“
„Ihr werdet einen neuen Inquisitor bekommen, wie immer.“
„Aber keiner wird sein wie Alec!“, beharrte Andrew und konnte seine Verzweiflung nicht länger verbergen. „Alec war…ist wichtig für mich. Wäre er nicht so mutig und inspirierend gewesen, hätte ich mich niemals getraut, offen zu meiner Sexualität zu stehen. Ich hätte nie die Chance gehabt, dich auf seiner Hochzeit anzusprechen und den Mut gehabt, mich mit Herz und Seele einem Hexenmeister zu verschreiben.“
Andrew hob die andere Hand und legte sie an Lorenzos Wange. Seine Stimme war rau, gleichermaßen energisch wie liebevoll. „Alec kam nur in diese Lage, weil ich gerettet werden musste. Ich weiß, du sagst, ich trage an all dem keine Schuld“, kam Andrew dem Hexer zuvor, der bereits zum Widerspruch angesetzt hatte, „doch obwohl über ein Monat vergangen ist seit alldem…träume ich jede Nacht davon. Von der Entführung, von dem, was ich dir deshalb zugemutet habe, von Alecs Schicksal, von dem, was Magnus durchmacht – und was ich auch versuche, ich kann damit keinen Frieden machen. Vielleicht werde ich es erst können, wenn ich mir sicher bin, wenigstens alles für Alec getan zu haben, was möglich war“, schloss Andrew mit brüchig werdender Stimme. Er ergriff nun mit beiden Händen die von Lorenzo. „Ohne dich…schaffe ich das aber nicht.“
Mit unbewegter Miene blickte Lorenzo seinen Verlobten an, in dessen Gesicht so viel Schmerz stand, wie er es lange nicht gesehen hatte.

Vielleicht noch nie.

Er wusste gut, wie es war, wenn man innerlich Kämpfe austragen musste, die nicht zu gewinnen schienen.

Viele Jahre hatte er alleine gekämpft.

Sollte er dem Mann, den er liebte, dann wirklich seine Hilfe versagen, wenn dieser so verzweifelt darum bat?
Schlimmer noch; Lorenzo um etwas bat, das streng genommen nicht einmal Andrew selbst zugutekam.
„Ich weiß, das ist ungerecht“, sagte Andrew mit schlechtem Gewissen, weil Lorenzo ihn nur anstarrte. Wahrscheinlich überlegte er gerade, wie er Andrew am diplomatischsten vermittelte, dass er nicht helfen konnte.
Und vermutlich sollte er es auch nicht.
Der Blonde rieb sich fahrig die Nasenwurzel und schüttelte den Kopf. Er hätte sich nicht so gehen lassen sollen.
„Es tut mir leid. Ich sollte so etwas nicht sagen und dich damit unter Druck setzen. Das ist falsch, du…du hast Recht. Wenn du dich damit zu unwohl fühlst, dann müssen wir eben…“
Wortlos schloss Lorenzo Andrew in die Arme und legte sanft eine Hand gegen seinen Hinterkopf, um darüber zu streichen, während der Wortschwall des völlig verwirrten Nephilims von Lorenzos Anzug, gegen den er liebevoll gedrückt wurde, geschluckt wurde.
„Schon gut.“ Der Hexenmeister atmete tief durch, fühlte Andrews Herzschlag an seiner Brust, und schloss ergeben die Augen, ehe er einen kalten Blick Richtung Dineth warf.
Grimmig nickte er, woraufhin die Elbin wissend lächelte, allerdings eine Hand an ihr spitzes Ohr legte.
Lorenzos Nasenlöcher blähten sich. „Ja, Ihr habt mein Wort und meine Stimme bei der nächsten Sitzung!“
„Es ist mir eine Freude, mit Ihnen Geschäfte zu machen, Mister Rey“, flötete Dineth, was einige ihrer Hofdamen kichern ließ. „Schattenjäger“, sagte sie, woraufhin Jace herumfuhr.
„Unser Handel gilt.“

~*~


Eine ganze Weile hatten sich die drei Frauen nicht gerührt; Clary saß da, das Instrument auf ihrem Oberschenkel abgestützt und den linken Arm locker darum geschlungen, während Lydia und Izzy sie angespannt beobachteten.
Eigentlich sollten sie mit dem Instrument fliehen, doch dann bekämen sie es nie mehr unbemerkt in die Kammer. Es hier, hinter verschlossenen Türen auszuprobieren, schien theoretisch am sinnvollsten.

Theoretisch

„Und jetzt? Jemand eine Idee, welche Melodie wir spielen müssen, damit ein Engel uns hört und Kontakt aufnimmt?“, fragte Izzy und sah zu Lydia, die nur die Schultern zuckte.
„Wir bewahren diese Artefakte, wir nutzen sie nicht.“
Noch so etwas, das Clary nicht verstand. Andererseits hatten sie ebenfalls Museen für Dinge, die nur zum Bewahren und Ansehen gedacht waren, nicht zur Nutzung.
„In den Aufzeichnungen stand, dass jene darauf spielen können, die berufen sind“, murmelte Clary und ließ ihre Fingerspitzen behutsam über den Saiten schweben.
Sie war nie so vermessen gewesen zu glauben, sie wäre etwas Besonderes, doch durch Valentine – ironischerweise – war sie es. Sie hatte einen höheren Anteil reinen Engelsblutes in sich und konnte daher Dinge, die andere Schattenjäger nicht konnten.
,Und ich brauche meine Kräfte, um Magnus und Alec zu helfen. Bitte, ihr müsst mich erhören‘, dachte sie entschlossen, straffte die Schultern und berührte wahllos mit dem Zeigefinger eine Saite.

Und plötzlich wusste sie genau, was sie spielen musste.

„Clary?“, fragte Izzy, als die Augen der Rothaarigen milchig-trüb wurden, während ihre Finger geschickt über die Saiten strichen.
Obwohl Izzys nichts hören konnte, spürte sie förmlich die Kraft der Schwingungen, die von dem Instrument ausgingen.
„Komm“, sagte Lydia alarmiert und packte Izzys Arm, um sie auf Abstand zu ziehen. „Sie nimmt Kontakt auf.“
„Wieso hören wir dann gar nichts?“
„Weil sie nicht für uns spielt.“

~*~


Verwirrt drehte Clary den Kopf.
Sie befand sich wohl in einem Raum, nur, dass sie weder eine Decke noch Wände, nicht einmal einen Boden erkennen konnte.

Als stünde sie im Nichts.

Alles um sie herum war so hell, von einer kalten Wärme, wie Sonnenlicht im Winter. Unbehagen breitete sich in Clary aus.
„Izzy?! Lydia?!“ Sie fuhr herum.
Wo waren sie hin? Wo waren die Artefakte? Die Kammer? Die Kithara? Wo…?
„Clary Fairchild“, erklang eine Stimme, deren Echo von überall auf sie zurückgeworfen zu werden schien und ihr trotzdem keine Angst machte.

Clary drehte sich erneut herum und stand plötzlich einem Engel gegenüber.

Er sah in vielen Details ganz anders aus als Ithuriel.
Sein Haar war lang und glänzte wie flüssiges Gold, seine Haut hatte einen Karamellton, der dunkler war als der von Magnus; zumindest wirkte der Teil so, der nicht von der blassblauen Robe bedeckt war.
„Es hat funktioniert“, hauchte Clary und war zwischen Faszination, Freude, Überraschung und Ehrfurcht hin und hergerissen. Sie hatte inzwischen schon mehr Engel gesehen als alle Jäger im Institut zusammen, doch die Aura dieser himmlischen Wesen war immer wieder auf eine besondere Weise ergreifend.
Clary fühlte sich klein neben ihnen und gleichzeitig, als würde ihre Seele unermesslich wachsen.
„Ich bin Azbugah“, sagte der Engel, als hätte sie nicht gesprochen. „Ich hörte deine Melodie und schickte dir diese Vision.“
„Dann bin ich noch immer in Alicante?“ Clary nickte, weil das schlüssig war. Offenbar geschah dies nur in ihrem Kopf, mehr oder weniger. „Ich danke Euch, dass Ihr mich anhört. Ich brauche Eure Hilfe.“
„Alle Kinder des Herrn benötigen fortwährend Hilfe. Wieso sollte dein Anliegen wichtiger und deswegen unserem Gehör würdig sein?“
Darauf hatte Clary keine rechte Antwort und sie kam sich mit einem Mal schäbig vor, diese Gnade für ihre Freunde und sich selbst zu erbitten, während so viele Wesen auf der ganzen Welt mit furchtbareren Problemen zu kämpfen hatten und das alleine durchmachen mussten.

Doch die Leiden der Welt konnte sie nicht beenden – Magnus‘ und Alecs Leiden jedoch schon.

„Wenn Ihr mir nicht helfen wollt, wieso habt Ihr mich dann erhört?“, fragte sie und widerstand dem Bedürfnis, unter Azbugahs prüfendem Blick zurückzuweichen. Seine Augen waren Grau wie stürmische See bei einem Gewitter.
„Du bemühst dich seit vielen Monaten darum, mit uns zu sprechen. Es geht um die Strafe, die dir auferlegt wurden, weil du deine Kräfte missbraucht hast.“
„Ich habe sie nicht missbraucht“, widersprach Clary erst hitzig, mäßigte aber dann ihren Ton. Sie durfte sich nicht respektlos verhalten, sonst würde der Engel ihr die Bitte versagen und sie hätten weniger als vor der Kontaktaufnahme. „Ich habe sie benutzt, um Leben zu retten und jenen zu helfen, die ich liebe.“
„Also bereust du nicht.“
Clary zögerte. „Ich bereue, Euch erzürnt und gegen Euren Willen gehandelt zu haben. Das lag nie in meiner Absicht. Ich dachte, ich tue das Richtige.“
Azbugah ging ein paar Schritte, obwohl es wirkte, als schwebe er. Seine Flügel waren nicht schwer und weiß, wie Clary es von Ithuriel kannte, sondern wirkten weich und an einigen Stellen zerbrechlich und durchsichtig schimmernd, fast wie Flügel eines Schmetterlings.
„Weißt du, wieso ich es bin, der von allen Engeln deinen Ruf erhört? Ich bin Azbugah, ich kleide jene, die Eintritt in den Himmel wollen, in das Gewand der Rechenschaft.** Wenn sie würdig sind. Ich prüfe.“
„Und…nun prüft Ihr mich?“
Ein Nicken. „Bist du würdig, deine Gabe, dieses heilige Geschenk, zurückzuerhalten?“
„Wenn ich das nicht glauben würde, wäre es vermessen, Euch darum zu bitten“, sagte Clary und ballte die Hände zu Fäusten. Valentin hatte ihr dieses „Gabe“ mit seinen Experimenten aufgenötigt, die Herkunft mochte unnatürlich sein, doch nicht das, was sie damit tun konnte. „Ich weiß, ich kann es besser machen. Ich weiß, dass ich euch nicht erneut enttäuschen werde – mit diesen Kräften kann ich Gutes tun, für Nephilim und Mundie und die Schattenwelt. Ist das nicht, was Ihr wollt? Wieso ich diese Kräfte überhaupt nutzen durfte? Um etwas zu verändern?“
Azbugah legte den Kopf schief. „Eure Veränderungen kümmern uns selten. Das Treiben von euch Sterblichen in Millionen von Jahren ist für uns nicht mehr als ein Wimpernschlag. Unbedeutend und uninteressant.“
Clary presste die Lippen zusammen.
„Du bist erzürnt darüber“, stellte Azbugah in neutraler Tonlage fest.
Das war Clary tatsächlich.
Es war höchst irritierend, geradezu paradox, dass Dämonen so viel von Menschen hatten, während Engel kalt, emotionslos und grausam in ihrer Gleichgültigkeit wirkten.

Vielleicht war die Menschheit der Hölle inzwischen aber auch nur näher als dem Himmel.

„Aus eurer Perspektive mögen wir nicht mehr sein als Ameisen oder etwas Vergleichbares, aber wir Sterbliche haben nur dieses Leben: Diese Gefühle, dieses Atmen, diesen Herzschlag und diese Chance, etwas zu bewirken.“ Falls Gott einen Plan für sie hatte, dann war es wohl dieser. „Wenn ich erneut Runen erschaffen darf, kann ich diesem Sinn endlich wieder folgen, in einer besseren Version meiner selbst. Darum bitte ich Euch erneut, erlaubt mir, meine Kräfte wieder zu nutzen.“
Die Miene des Engels war völlig unleserlich, während er sie umrundete und musterte, als stünde sie vor Gericht. „Gesetzt dem Fall, ich hebe die Strafe auf: Was würdest du mit deiner Gabe tun? Würdest du erneut eine Rune erschaffen, die Unterweltler und Nephilim verbindet, um zu ermöglichen, nach Occid zu reisen, um Alexander Lightwood-Bane zu retten?“
„…“ Natürlich wusste der Engel, wieso sie hier war. Da man einen Engel sicher nicht anlügen konnte und sie es erst gar nicht versuchen wollte, nickte Clary.
„…ja. Das würde ich.“
„Dann hast du nichts gelernt, Clary Fairchild.“
„Doch! Ich…“ Panik überkam Clary, weil sie fürchtete, dass sie mit dieser Antwort ihre Chancen verspielt hatte.

Andererseits…

„Das heißt…nein, vielleicht nicht. Aber vielleicht müsst auch ihr Engel lernen!“, entfuhr es Clary energisch. „Zuvor mag es als falsch gegolten haben, Wesen mit Engelsblut und jene mit Dämonenblut auf eine Art zu verbinden, wie ich es getan habe, aber unsere Welt hat sich geändert! Mehr als die Jahrhunderte zuvor! Nephilim und Unterweltler sind keine Gegner mehr, es gibt Freundschaften unter uns und Liebe…wie bei Magnus und Alec! Ich meine, habt ihr das mal beobachtet? Sie stehen für diese Verbindung, haben dafür gekämpft und füreinander, unter Einsatz ihres Lebens. Sie haben etwas, das so wunderbar und rein ist, viel wichtiger als Blut und Abstammung – das müsst ihr doch sehen!“ Die Rothaarige gestikulierte und drehte sich immer wieder in die Richtung des Engels, der endlich stehen blieb und weiterhin stumm zuhörte.
Das nahm Clary als Anlass, eilig weiter zu sprechen.
„Wieder und wieder haben Magnus und Alec alles füreinander geopfert und immer nur gab es dafür Hilfe von Seiten der Hölle und der Unterwelt. Wie kann das richtig sein?!“, verlangte Clary zu wissen.

Nephilim waren Geschöpfe, die von Engeln abstammten – sollte das nicht etwas zählen?

Sie war es leid immer nur auf Geheimnisse und Mauern des Schweigens zu stoßen, auf alte Traditionen, die niemandem mehr etwas brachten und die keinen Sinn machten.
Wie pflegte Alec zu sagen? Die Ehre kam von der Tat, nicht von den Worten.
„Alles, was ich tun würde, um ihnen zu helfen, kann folglich nur gut und in eurem Sinne sein. Also ja, zur Hölle, ich würde es wieder tun!“

Azbugahs Augen waren so unergründlich, dass Clary nicht die geringste Ahnung hatte, ob er sie für ihre Ansprache gleich loben oder vernichten würde.
Sekunden lang war es still und Clary wagte kaum zu atmen, obwohl sie sich so in Rage geredet hatte.

„Möglich, dass ihr euch im Rahmen eures begrenzten Horizontes entwickelt habt“, sagte der Engel schließlich. Seine Flügel bewegten sich wie bei einer Brise im Wind.
„Vielleicht ist es lohnenswert, die weiteren Entwicklungen voranzutreiben und zu beobachten. Ich habe Rücksprache gehalten“, fuhr er fort und Clary wagte nicht zu fragen, wie er dies in den letzten Sekunden getan haben sollte. „Wir werden die Strafe aufheben und dir erlauben, deine Kräfte wieder einzusetzen, Clary Fairchild.“
„Wirklich?!“ Clary strahlte und unterdrückte den Impuls, dem himmlischen Wesen vor Freude um den Hals zu fallen.
„Ja. Doch wir knüpfen dies an Bedingungen: Die Nekromantie- und die Allianzrune sind verboten, sie sind gegen den Willen der Engel. Setzt du sie ein, wirst du erneut deine Runen und Erinnerungen verlieren und dieses Mal für immer. Dies ist deine letzte Chance, dich als würdig zu erweisen.“
„Aber…ohne die Allianzrune können meine Freunde und ich nicht in Occid überleben!“, sagte Clary und ihr wurde fast schlecht, so schnell verwandelte sich ihre Freude in Enttäuschung.
„Du wirst einen anderen Weg finden“, sagte der Engel.

Immer diese Rätsel und unbestimmten Antworten, wie Clary das hasste.

Welchen Weg?“
Plötzlich flimmerte eine Rune vor Clarys innerem Auge auf. Wie sie dieses Gefühl vermisst hatte, die einzigartige Energie jeder Rune, die ihren ganzen Körper zu besetzen und wie Licht durch sie zu strömen schien, und doch konnte sie nicht spüren, welchem Zweck die Rune diente.
„Du findest die Antwort gemeinsam mit dem, der ebenfalls über eine große Menge reinen Engelsblutes verfügt.“
„Der auch…Ihr meint Jace?“
Azbugah wiegte den Kopf. „Gemeinsam seid ihr immer stärker als allein und vermögt tatsächlich, in unserem Sinne zu handeln. Das ist der Zweck eurer Bindung. Eine Zugewandtheit für das höhere Gut.“
„Höhere Gut? Wie meint Ihr das?“, fragte Clary verwirrt, als die Umgebung plötzlich zu beben schien.
„Deine Zeit hier ist um, Nephilim“, sagte der Engel und schien sich plötzlich in rasanter Geschwindigkeit von ihr zu entfernen. „Jetzt wird sich zeigen, ob du würdig bist.“
„Aber wie soll ich…wartet!“

„Clary!“
Heftig nach Luft schnappend fuhr Clary auf, wurde von Izzy gehalten, die ihr beruhigend über den Rücken strich.
„Dem Engel sei Dank. Du hast uns einen riesigen Schrecken eingejagt!“
Clary blinzelte heftig und sah, dass sie wieder in der Kammer mit den Artefakten war…die sie streng genommen nie verlassen hatte. Allerdings saß sie nicht mehr, sondern lag halb am Boden, nur gestützt von Isabelle.
Lydia hielt die Kithara fest und stellte sie gerade wieder vorsichtig an ihren Platz ins Regal zurück. Also hatte all das wohl nur wenige Minuten gedauert.
„Du warst wie in Trance und hast gespielt, aber plötzlich angefangen zu zittern und bist umgefallen“, erklärte Izzy, half Clary dabei auf die Beine. „Wir haben lange gebraucht, um dich aufzuwecken.“ In diesen Minuten hatte Izzy wirklich Angst um ihre Freundin gehabt.
„Es hat funktioniert“, brachte Clary endlich hervor. Sie fühlte sich, als wäre sie aus großer Höhe gefallen, aber schob dieses Unwohlsein eilig beiseite. „Ich habe einen Engel getroffen. Sein Name war Azbugah, er…“
„Lydia!“, erklang plötzlich Alines Stimme. Offenbar hatte sie die Tür zur Kammer geöffnet und rief sie. „Ihr müsst sofort weg, die Wachen kommen! Wo steckt ihr?!“
„Wir kommen gleich!“
„Nein, geh du“, sagte Clary hastig und atmete tief durch. „Lydia, geh zu Aline und versiegelt die Tür. Richte ihr und den anderen unseren Dank aus, Izzy und ich müssen zurück ins Institut.“
„Und wie wollt ihr da unbemerkt hinkommen, wenn gleich wieder Wachen vor der Kammer stehen?“, fragte Lydia verständnislos, als Clary ihre Stele hervorholte und mit geübten Bewegungen eine Portalrune in die Luft zeichnete.
Es war, als würde sie einen lange vermissten Freund wieder sehen.
„Auf dem direkten Weg“, erwiderte die Rothaarige und begegnete den überraschten Blicken ihrer Freundinnen mit einem Lächeln, als das fertige Portal vor ihnen in hellem Licht flimmerte.

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*Siehe „In Gesundheit und Krankheit
** Den Engelnamen gibt es „wirklich“ und was er beschreibt, ist auch der Zweck, der ihm zugeschrieben wird, wie immer eine Mischung aus fundierter Recherche und Fantasie^^

Und ja, ich weiß, wieder kein Malec, aber das wird so viel besser in den nächsten Kapiteln, versprochen^^
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