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Gefangen

von Mindy
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / MaleSlash
Alexander "Alec" Lightwood Andrew Underhill Isabelle "Izzy" Lightwood Jace Wayland / Jonathan Christopher Herondale Lorenzo Rey Magnus Bane
06.06.2021
25.11.2021
20
79.167
32
Alle Kapitel
237 Reviews
Dieses Kapitel
11 Reviews
 
21.07.2021 3.775
 
Hallo zusammen.
Ich weiß, ich bin später als sonst, aber ich habe offen gesagt überlegt, eine kleine Sommerpause einzulegen. *kollektives Luftschnappen abwart XD*
Serien-Like, wie man es kennt, aber auch, weil hier ja ein wenig die Luft raus zu sein scheint und ich ein paar Nebenprojekte habe, die schon früher hätten voran kommen sollen und denen ich die Chance zur Vollendung und Veröffentlichung geben will.
Keine Angst, die FF geht weiter, solange es noch einen Leser gibt, geht’s immer weiter XD

Widmung: MellieBane. Sogar ein wenig Reyhill als Aufheiterung/ Heilung für etwaige Impfnebenwirkungen hier ;)
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Alec sagte nichts mehr und ging weiter, woraufhin die Tür knarrend hinter ihm zufiel. Obwohl ihm diese Erklärung schlüssiger schien als das Gerede von familiären Gefühlen eines Höllenfürsten, hatte er erneut das merkwürdige Gefühl, es wäre nur die halbe Wahrheit.



~*~


„Ich glaube, das ist es“, sagte Izzy nach einer guten Stunde, in der sie sich durch die Unterlagen gewühlt hatten.
Einige der Wege, um mit einem Engel zu sprechen, wie die Beschwörung durch eine Eiserne Schwester, hatte Clary selbst schon verwerfen müssen, andere, wie durch Zusammenführung der drei Engelsinsignien, war nicht zu bewerkstelligen, ohne gegen halb Alicante in den Krieg zu ziehen.
Jetzt beugten sich Lydia, Clary und Matthew gespannt über den Tisch, während Izzy einen Absatz von einem Pergament ablas.
„Hier ist von Musik die Rede. Schon immer wird ihr große Macht zugeschrieben, zum Beispiel bei der Heilung, Beeinflussung aber auch bei Beschwörungen. Sie kann es ermöglichen, mit einem Engel Kontakt aufzunehmen.“ Ihr schoss durch den Kopf, dass sich Simon bestimmt unglaublich für so etwas interessiert hätte, so sehr, wie er Musik liebte. Dieser Gedanke ließ ihr kurz schwer ums Herz werden, doch sie las weiter.
„Wenn man mit einem Engelsinstrument eine bestimmte Melodie spielt, wird ein Engel angerufen und kann Kontakt aufnehmen, wenn er es möchte.“
„Mit welchem Musikinstrument beschwört man bitte einen Engel?“, fragte Clary und musste unwillkürlich an ein Heavy Metall Konzert denken – welch abwegige Vorstellung, dass ein Engel zwischen biertrinkenden, in schwarz gekleideten Headbangern auf einer Bühne erschien.
„Das fragst du wirklich?“, wunderte sich Lydia. „Denk doch mal nach, mit welchen Instrumenten Engel bis heute in Mundie-Kirchen und -Büchern abgedruckt werden.“
„…Flöten, Harfen…“
„Meist sind es Lauten, oft Kitharas, aber ja. Es hat einen Grund, wieso sich diese Darstellungen von Anfang an durch eure Geschichte ziehen.“
„…weil alle Legenden wahr sind, schon klar.“ Clary schüttelte den Kopf über sich, weil sie nach so langer Zeit in der Schattenwelt manchmal noch immer schwer von Begriff sein konnte.
„Offenbar haben die Engel die Instrumente nicht nur genutzt, um mit Gott zu kommunizieren und ihn zu preisen, sondern ebenso, um zwischen den Dimensionen miteinander und eben mit Mundie in Kontakt zu treten“, fuhr Izzy fort. „Und so ein Instrument liegt nach diesen Unterlagen in der Artefaktekammer hier im Ratspalast.“
„Hier?“, wiederholte Clary erfreut. „Dann müssen wir einfach in diese Kammer, das Instrument spielen und…“
„Erstens ist es nicht so einfach, denn zu dieser Kammer haben nur die Konsulin und der Ratsvorsitz Zugang“, nahm Lydia ihr den Wind aus den Segeln. „Sie wird streng bewacht, denn dort lagern noch andere wertvolle Artefakte. Selbst ich würde nur mit einer Sondergenehmigung Zugang bekommen.“
„Und zweitens“, setzte Izzy an, „können nach diesen Unterlagen nur von den Engeln Berufene diese Instrumente spielen.“
„Ich habe einen hohen Anteil reines Engelsblut – wie könnte jemand noch berufener sein?“
„Aber weißt du denn, wie man so ein Instrument spielt?“
„Tja, ich hatte in der Schule ein wenig Flötenunterricht und habe ab und zu auf Simons Gitarre herumgeklimpert, das muss reichen“, sagte Clary resolut und erhob sich.
„Clary, diese Instrumente sind unglaublich mächtig“, warnte Lydia eindringlich. „Wenn du dich irrst, könnte die Kraft dich umbringen.“
„Wir haben aber wohl keine Wahl, oder?“ Herausfordernd funkelte Clary die Blonde an.  „Wenn wir es nicht versuchen, sind alle Pläne wieder verpufft und wir können Alec doch nicht helfen.“
Dieses Mal ging es Clary tatsächlich nicht vornehmlich um den Wiedererhalt ihrer Fähigkeiten.

Was zählte, war den Bruder ihrer künftigen Parabatai zurückzuholen, den Parabatai ihres Geliebten und den Ehemann ihres Freundes.

Ihren Bruder.

Das war wichtig.

Izzy erhob sich ebenfalls und starrte die Rothaarige an. „Ich weiß, ich habe gesagt, dass ich Alecs Entscheidung respektieren und ihn unterstützen will. Doch wenn wir ihn retten können, ohne Magnus dabei zu gefährden…“ Dann verstieß sie nicht gegen Alecs letzten Willen. Sie konnten Alec retten, ohne Magnus in irgendetwas hiervon hineinzuziehen.
„Doch wenn Alec wieder da ist…Magnus erinnert sich nicht mehr an ihn“, sagte Lydia leise und spürte bei diesem Gedanken wieder die Schwere in der Brust, die sie seit Alecs Verschwinden in sich trug. Wie tragisch dies wäre, wo Alec doch für Magnus wortwörtlich durch Hölle und Feuer gegangen war.
„Magnus wird sich wieder in ihn verlieben“, sagte Clary sofort und mit inbrünstiger Überzeugung. Magnus und Alec gehörten zusammen, wie Yin und Yang, konnte Clary sich den einen nicht mehr ohne den anderen denken.

Malec, eines der Naturgesetze, wie Simon einmal scherzhaft gesagt hatte.

„Oder wir finden einen Weg, seine Erinnerungen zurückzuholen, wie einst bei mir. Zumindest haben sie dann aber wieder die Chance dazu, zusammen zu sein. Das geht jedoch nur, wenn wir Alec zurückholen.“
Niemand von ihnen sprach die Möglichkeit an, dass Alec vielleicht längst tot war. Sie wollten daran glauben, dass er lebte und dass sie ihn retten konnten.
„Dann tun wir es“, sagte Izzy entschlossen zu Clary, woraufhin Lydia und Matthew zustimmend nickten. „Wir bestehlen den Rat – schon wieder.“
„Traditionen muss man pflegen“, erinnerte Clary sich an etwas, das Alec zu ihr gesagt hatte, kurz nachdem sie ihre Erinnerungen zurückerhalten hatte. „Und wie letztes Mal, wird es uns gelingen.“

~*~


„Jetzt geh schon und frag ihn.“
„Wieso ich?! Ich hatte nur ganz wenig mit ihm zu tun, ihr kennt euch viel länger, beide Schattenjäger und so! Wieso fragst du ihn nicht?!“
„Weil ich nicht will, klar?“, schnaubte Jace, da er nicht sagen konnte, dass er alle Brücken in diese Richtung in den letzten Wochen rücksichtslos niedergebrannt und keine Zeit für die Restauration hatte. „Du wolltest dich doch nützlich machen, also mach schon, sonst suche ich mir einen anderen Gehilfen für diese Mission!“
„Du bist so kindisch!“, erboste sich Simon, als ein Räuspern den Streit der beiden Männer, den sie weniger leise als erhofft hinter einem Monitor im Institut geführt hatten, unterbrach.
„Ihr seht seit zehn Minuten zu mir herüber und streitet“, sagte Underhill mit schief gelegtem Kopf. „Es würde uns wohl allen Zeit sparen, wenn ihr mir sagt, worum es geht.“
Jace schnaubte tief, woraufhin Simon die Augen rollte und sich dem Blonden zuwandte.
„Wir brauchen Ihre Hilfe. Eher gesagt die Ihres Verlobten.“
Andrews Blick glitt kurz zu Jace, traf jedoch nur auf eine starre und doch ungeduldige Miene.
„Ich hatte bereits Hilfe angeboten, mehrmals, doch die Resonanz war bisher immer negativ, untermalt von mehr oder weniger dezenten Beleidigungen.“
„Dezent? Oh, das war nicht meine Absicht, eigentlich wollte ich eindeutig mitteilen, wie…“
„…sehr er sich für seine unreifen Ausbrüche schämt!“, versicherte Simon hastig und mit warnendem Seitenblick, woraufhin Jace erneut schnaubte. „Aber wir haben vielleicht einen Weg gefunden, um alle zu Alec gelangen zu können und ihm zu helfen. Dafür brauchen wir aber Lorenzo.“
„In Ordnung…“, sagte Andrew gedehnt. Die Nachricht, dass man Alec vielleicht doch endlich retten könnte, freute ihn sehr, doch die Gesichter der Männer sprachen dafür, dass es kein einfacher Weg sein würde.
„Wofür genau braucht ihr Lorenzos Hilfe?“


„Ich soll was?!“
Als Lorenzo Andrews Nachricht erhalten hatte, so schnell es ihm möglich war ins Institut zu kommen, hatte er eine Sitzung mit seinem Beraterstab einfach abgebrochen und sich direkt zu ihm portalliert. Allerdings handelte es sich nicht um etwas, das Lorenzo als dringend deklariert hätte.  
„Sie müssen ins Elbenreich, aber es gibt keinen offenen Zugang“, wiederholte Andrew geduldig. „Bei ihrem letzten Besuch haben sie die Königin erzürnt, deswegen wird sie ihnen keine Audienz gewähren.“
„Und ich soll Königin Dineth um ein Treffen bitten und das Pack einfach mitbringen?“ Heftig schüttelte Lorenzo den Kopf. „Der mangelnde Charme von Mr. Herondale ist sein Problem, nicht meines.“
„Wie du weißt, entstand der Konflikt mit der Königin, weil Alec, Clary und er damals das heilige Wasser gestohlen haben, das dich und die anderen Unterweltler geheilt hat.“*
„Wegen eines Virus‘, das einer von dein…ihrem Volk verbreitet hat!“, zischte Lorenzo aufgebracht. „Das überschreitet die Grenzen der Neutralität erheblich, denn die Königin wird mich nur in meiner Funktion als Oberster Hexenmeister empfangen.“
„Das ist der Grund“, gab Andrew zu. Kein anderer Hexenmeister konnte das leisten. „Der Anführer der Vampire ist uns Shadowhuntern nicht wohlgesonnen und Maia, die Anführerin der Werwölfe, hat es auf Jace‘ Wunsch hin versucht, aber keine Antwort erhalten. Dein Verhältnis zur Königin ist jedoch besser. Deswegen brauchen wir deine Hilfe.“
„Niem…Augenblick, wir?“
„Ja.“ Andrews Blick war unerschütterlich. „Meine Entführung war der Auslöser dieses Chaos‘, angefangen bei dem Angriff durch den Necess bis zu Alecs Opfer und dem Schmerz, den es hinterlassen hat. Es ist nicht gerecht, dass ich ungeschoren weiter lebe, ohne wenigstens zu versuchen, einen Teil meiner Schuld an all dem abzutragen. Ich versuche es, indem ich Isabelle unterstütze, doch es ist nicht genug. Darum werde ich ihnen trotz des Ratsverbotes helfen, Alec zurückzuholen, soweit es mir eben möglich ist.“

Nicht zuletzt deswegen, weil Alec sein Inquisitor war – und sein Freund.

„Das bedeutet aber keine Verpflichtung für dich, ich versprach lediglich, dich herzubitten und die Sache zu erklären. Ich erwarte nichts von dir. Ich wollte nur, dass du weißt, was ich tun werde.“ Denn wenn man sie erwischte und Andrew vom Rat bestraft wurde, betraf das Lorenzo ebenso wie ihn.
Ehe Lorenzo erhitzt daran erinnern konnte, dass seinen Verlobten keinerlei Schuld an seiner Entführung traf, kam Jace hinzu, verfolgt von Simon, der noch energisch versuchte, ihn zurückzuhalten.
„Seid ihr fertig? Wir haben nicht ewig Zeit“, meinte der Blonde ungeduldig.
„Bei unserem letzten Treffen haben Sie mir fast die Nase gebrochen und nun möchten Sie meine Hilfe?“, fragte Lorenzo überheblich und recht feindselig, weil ihm das Gehabe dieses aufgeblasenen Nephilim gehörig auf die Nerven ging. „Ziemlich unkluge Reihenfolge.“
„Sie hatten es verdient, wie Sie sehr wohl wissen. Doch ja, ich brauche Ihre Hilfe und wenn Sie nicht wollen, dass ich nochmal zuschlage…“
„Wir sind verzweifelt“, fiel Simon ihm ins Wort. Jace brauchte wirklich seinen taktvollen Bruder zurück; er benahm sich immer öfter wie ein blinder Troll in einem Geschäft voller seltener Glasfiguren. „Magnus und Alec sind doch irgendwie auch Ihre Freunde. Bitte, helfen Sie uns.“
Schon der hoffnungsvolle Blick seines Verlobten war schlimm genug, dennoch starrte Lorenzo weiter abweisend in das flehende Gesicht des Vampirs. „Was erhoffen Sie sich denn von dem Besuch bei Königin Dineth?“
„Ich habe von einem Kraut erfahren, das in ihrem Reich wächst“, sagte Jace, nachdem Andrew ihm zugenickt hatte. „Es hat wohl für eine gewisse Zeit eine schützende Wirkung, äußerlich wie innerlich. Wenn wir davon essen, legt es sich schützend um unsere Lungen, unsere Haut und alles andere.“
„Wie ein Schutzanzug, den ein Mundie anzieht, um sich vor Strahlung oder Abgasen zu schützen“, fügte Simon hinzu, der sich die Funktionsweise zumindest so vorstellte.
Das klang zwar hirnrissig, aber in Harry Potter ließen bestimmte Kräuter einen unter Wasser atmen, also war es wohl doch nicht so eine verrückte Idee. Vielleicht war Rowling in Wirklichkeit eine Mundie mit dem zweiten Gesicht? Das musste er wirklich einmal in Erfahrung bringen.
„Damit Sie in Occid die Dämpfe überleben.“ Lorenzo nickte verstehend. „Und wie gedenken Sie, dieses Höllenreich zu betreten, wo Asmodeus doch offenbar alle Eingänge versiegelt hat?“
„Für Magnus hat er sie sicher nicht versiegelt, denn er wollte ja, dass er zu ihm kommt“, erinnerte Jace ungehalten. „Ich kriege schon eine Lüge zusammen, wieso Magnus uns ein Portal dahin öffnen muss, Erinnerungen hin oder her.“
„Im Lügen sind Sie ungeschlagen, nicht wahr?“
Jace und Lorenzo warfen sich finstere Blicke zu, die einem Gewitter glichen, solange, bis Andrew eine Hand auf Lorenzos Schulter legte.
„Möchtest du helfen, Lorenzo?“
Der Hexenmeister atmete tief durch und entließ die Luft geräuschvoll durch seine Nase.
Mit einer Handbewegung beförderte er ein Pergament in seine Hände, auf das er mit dem Finger eilig einige Zeilen schrieb. Ohne den Blick von Jace abzuwenden, warf er die Feuernachricht davon.
„Ich erwarte eine Gegenleistung, wie Sie sich bestimmt denken können.“
„Natürlich tun Sie das“, schnarrte Jace, hatte aber erleichtert das Verglühen der Nachricht beobachtet. Endlich begann er schon fast verloren geglaubte Hoffnung in seinem Herzen aufkeimen zu spüren. „Aber ich bin dankbar für Ihre Hilfe und tue alles, um Alec zu helfen.“
„Abseits der Regularien des Abkommens.“
„Okay, ist mir gleich. Was ist es?“

Und als Lorenzos Faust Jace‘ Gesicht traf, hatte dieser wieder einmal gelernt, dass man mit Wörtern wie alles sparsam umgehen sollte.

~*~


Entschlossen waren Izzy, Clary, Lydia und Matthew auf dem Weg zur Artefaktekammer, die im Westflügel des großen Palastes lag.
„Haben wir eigentlich einen Plan?“, fragte Matthew höflich, woraufhin Izzy die Schultern zuckte.
„Wir sind ganz gut im Improvisieren.“
„Ich muss versuchen, uns hereinzubringen“, sagte Lydia und biss sich nachdenklich auf die Unterlippe. Im Laufen bediente sie ein Tablet. „Aber die Überwachung ist ein Problem. Die Wachen können wir vielleicht unauffällig ausschalten, aber das System auszutricksen…“
„Dann sehen sie uns eben, bis dahin sind wir weg.“
„Alec helfen hin oder her, es wäre dennoch nicht verkehrt zu versuchen, dafür nicht den Rest des Lebens im Gard zu verbringen oder entrunt und verbannt zu werden“, gab Lydia ungehalten zurück und wäre über eine Stufe gestolpert, hätte Matthew sie nicht behutsam am Ellbogen gehalten und dafür gesorgt, dass sie die zwei Stufen ohne hinzusehen nehmen konnte.
„Mist, selbst hier gibt es eine Sicherheitsabfrage. Da käme ich nur rein mit einer Freigabe, die mindestens so hoch wäre…“
„Wie die, der Konsultochter?“

Als Aline Penhallow plötzlich vor ihnen im Gang stand und ihnen den Weg versperrte, blieb die kleine Gruppe abrupt stehen.

Ertappt ließ Lydia das Tablet hinter ihrem Rücken verschwinden.„Aline! Wie schön dich zu…“
„Spar dir das. Ihr dachtet wohl, ich wüsste nicht, was ihr hinter dem Rücken des Rates treibt“, sagte Aline mit einem wachsamen Glühen in den mandelförmigen Augen. „Ich wusste, dass ihr etwas in Schilde führt, als ich in den Protokollen las, dass Clary und Isabelle heute hier herkommen. Und so vehement, wie du bei der Versammlung gegen das Urteil über Alec protestiert hast, war mir sofort klar, dass du auch vor hartem Gesetzbruch nicht zurückschrecken würdest.“
„Aline, ich versichere dir, wir sind lediglich…“
„Lass es, Lydia.“ Aufforderung hielt sie Lydia die Hand hin, woraufhin diese zögerlich das Tablet überreichte.
Ein kurzer Blick genügte der Dunkelhaarigen, um zu begreifen, was hier vorging. „Ich habe mich schon über deinen jüngsten Zugriff gewundert. Was ist in der Artefaktekammer, das ihr unbedingt an euch bringen wollt?“
Da es offenbar sinnlos war, Aline zu belügen, machte Clary einen Schritt nach vorne. „Ein Instrument, mit dem ich mir erhoffe, Kontakt zu einem Engel aufnehmen zu können.“
„Wenn Clary ihn überzeugen kann, ihr ihre Kräfte zurückzugeben, können wir mit einer Allianzrune Occids Dämpfen widerstehen“, fügte Izzy erklärend hinzu.
Wieder nickte Aline. „Ich verstehe. Dafür, dass ihr Alec unbedingt helfen zu wollen scheint, seid ihr die Sache äußerst planlos angegangen. Ich habe nur ein paar Minuten gebraucht, um euch zu ertappen, wie lange braucht dann jemand wie Rosales?“
„Aline, ich bin soweit“, erklang in diesem Moment die Stimme von Helen Blackthorn. Die blonde Halbelbin kam um die Ecke und trat zu ihrer Partnerin. „Hallo“, grüßte sie flüchtig in die Runde und lächelte dabei. „Können wir loslegen?“
„Sofort“, sagte Aline lächelnd und tippte einige Codefrequenzen ab. „Nach dem Vorfall mit der Bombe, hat Alec im Geheimen Ermittlungen gegen Rosales eingeleitet, weil er glaubte, er könne mit Eichner unter einer Decke stecken.** Da ich gut in diesen Dingen bin, hat er mich als ebenso heimliche Ermittlerin eingesetzt. Beweise für eine Beteiligung konnten wir bisher nicht finden, dafür weiß ich dank der Recherche Rosales‘ Zugangscode. Er hat das Jahr seiner Ernennung zum Ratsmitglied genommen, passend zu seinem großen Ego.“
Das Tablet piepte, woraufhin Aline es Lydia zurückgab. „Ich habe die Überwachung auf Endlosschleife gelegt. Wenn es jemand zurückverfolgt, wird er bei Rosales landen, der aber gerade ein Meeting hat, also wird man ihn leider nicht verdächtigen.“
„Ich habe dafür gesorgt, dass die Wachen verschwinden, sobald wir da sind, aber wir haben nur ein kurzes Zeitfenster“, ergänzte Helen. „Besser, wir beeilen uns.“

Die zwei Frauen gingen voran, während der Rest einen Moment brauchte, um zu begreifen.

„Ihr helft uns?“, fragte Clary und holte zu Aline auf, während Helen sich neben Lydia zurückfallen ließ. „Wieso das?“
„Lydia und ich waren beide empört darüber, wie man im Rat mit Alec und seinem Opfer umging“, erklärte Aline, während sie mit ausgreifenden Schritten durch den engen Flur lief.
„Wir haben beide recherchiert, wie wir ihm helfen können, ebenso wie ihr. Ich nehme ihr daher sehr übel, dass sie mir wohl nicht genug getraut hat, um mich in das hier einzubeziehen.“
„Ich wollte dich nicht in Schwierigkeiten bringen!“, kam es von hinten von Lydia, obwohl sie durchaus schuldbewusst klang.
„Das ehrt dich, aber Alec ist ebenso mein Freund.“ Davon abgesehen wusste Aline dank ihrer Mutter, wie es momentan um die Wahl eines neuen Inquisitors bestellt war; schon jetzt wuchs das Misstrauen gegenüber Unterweltlern in Alicante wieder rasant an und sie fürchtete, dass sie bald wieder zu dem alten, von Feindschaft geprägten Verhältnis zurückkehrten, wenn jemand wie Rosales Alecs Platz einnahm.
Das hätte ernste Konsequenzen für die Schattenwelt, doch vor allem für Helen, die seit Jahren um Jias Anerkennung kämpfte und darum, an Alines Seite akzeptiert zu werden, wie man Magnus an der von Alec akzeptiert hatte.
Aline wollte sie und ihre Beziehung beschützen, insofern war es nicht ganz uneigennützig dabei zu helfen, Alec auf seinen Posten zurückzuholen.


„Du willst uns wirklich ebenso helfen?“, fragte Lydia Helen indes. „Die Stimmung gegen Unterweltler ist zur Zeit mies, wenn wir erwischt werden, ist das eine Sache, aber bei dir…“
„Ich bin eine Shadowhunterin, wie ihr“, sagte Helen scharf, woraufhin Lydia eilig nickte.
„Ja, ich weiß, schon klar…ich wollte auch nichts anderes behaupten.“ Manchmal hatte Lydia das Gefühl, Helen könne sie nicht besonders leiden, aber das war sicher nur Einbildung.
„Wenn Aline sich diesem Risiko aussetzt, unterstütze ich sie.“ Außerdem hatte Helen in letzter Zeit ein wenig misstrauisch beäugt, wie viel Zeit Aline mit Lydia verbrachte. Es mochte kindisch sein, aber sie wollte nicht, dass eine andere Blondine ihr den Rang ablief.
Sie liebte Aline und wollte ihr auch nach knapp drei Jahren Beziehung noch immer zeigen, dass sie ihr eine Hilfe sein konnte – selbst, wenn sie dafür ihre Stellung gefährdete.
Aber es gab Dinge, wie sie auch Dank Aline gelernt hatte, die mehr bedeuteten, als sich einen Namen zu machen.


„Du nimmst deinen Job als Leibwache wirklich ernst“, merkte Izzy Matthew gegenüber an, mit dem sie das Schlusslicht der kleinen Gruppe bildete.
„Natürlich, so, wie es meine Pflicht ist.“
„Hmhm. Du weißt aber hoffentlich, dass Frauen es mögen, wenn man die Initiative ergreift?“ Sie sprach absichtlich leiser, doch Lydia war ohnehin in eine Unterhaltung mit Helen vertieft.
Gäbe es vor ihnen eine Wand, wäre Matthew zweifellos frontal dagegen gelaufen. „Was?“
„Es muss ja nicht gleich ein Heiratsantrag sein, aber wenn du willst, dass das mit Lydia wird, musst du sie zumindest mal zu einem Date einladen.“
Matthews Kopf lief rot an, was Izzy niedlich fand, weil es sie an Alec erinnerte. „Ich würde niemals diese Grenze überschreiten und so etwas Unzüchtiges…“
„Wenn es dich beruhigt, sie steht auch auf dich. Dafür habe ich ein Auge.“
„Wirklich?“ Matthew starrte sie an und wäre fast gegen Helen geprallt, weil sie ebenso wie Aline und Clary stehen geblieben waren.

„Da hinten ist die Kammer“, raunte Aline ihnen zu und blickte angespannt zu den zwei Wachen vor einer rostbraunen Tür.
„Einen Moment noch.“ Helen drückte einen Knopf auf ihrem Handy, woraufhin ein Alarm aus dem Trakt nebenan losheulte.
Aline und Helen eilten um die Ecke, während die Wachen den Kopf drehten.
„Ein Alarm! Vielleicht wieder ein Dämonenangriff. Geht und helft mit, die Ursache zu finden“, befahl Aline.
„Aber Ma’am, unsere Befehle lauten…“
„Ich werde hier solange aufpassen“, versprach Aline, während Helen den Wachen zuwinkte.
„Jetzt kommt schon, wir verlieren Zeit.“
Daraufhin nickten die Männer und liefen eilig los.
Helen formte ein stummes Viel Glück gen Aline, ehe sie mit den Wachen verschwand. Sie würde sie hinhalten, so lange es ging.
Die Schwarzhaarige lächelte und machte sich an dem Türcode zu schaffen, während Izzy eine Entriegelungsrune auf das Schloss malte.

Mit einem Klicken schwang die Tür auf.

„Ich warte hier und warne euch, wenn jemand kommt“, sagte Aline. „Matthew, stellen Sie sich vorne an die Ecke und sagen Sie Bescheid, falls Sie etwas sehen.“
„Jawohl.“
Lydia nickte ihnen zu und huschte mit Izzy und Clary in die Kammer.

Den riesigen Raum mit mindestens 20 langen Regalreihen als Kammer zu bezeichnen, war schon fast dramatisch untertrieben.
„Verdammt, wir werden ewig brauchen, um das alles durchzusehen!“, fluchte Izzy und ließ ihren Blick hektisch über die ganzen Gegenstände gleiten; Kisten in allen möglichen Formen und Farben, Vasen, Werkzeug, Bücher, Knochen, Waffen, manches verpackt, anderes offen, teilweise wirkte es uralt, teilweise wie neu.
„Werden wir nicht“, widersprach Lydia triumphierend und holte die Inventarliste von der Wand.
„Ich hätte nie gedacht, dass ich mal für den Bürokratiewahnsinn der Shadowhunter dankbar sein würde“, sagte Clary und blickte über Lydias Schulter, während deren wasserblaue Augen suchend über die Liste glitten. „Ha, gefunden: Reihe 14, Abschnitt K.“
Clary lief bereits los, bog in den entsprechenden Gang und ließ ihren Blick suchend durch die Reihen schweifen.
Auf Brusthöhe entdeckte sie das Gesuchte; eine Kithara von der Länge ihres Unterarms. Der Klangkörper an den Seiten ging in zwei einander zu gebogene Arme über, so dass das Instrument an ein umgedrehtes Omega-Zeichen erinnerte. In der Mitte waren die Saiten gespannt und verliefen sich in dem Holz, das sehr alt wirkte, aber den feinen mokkabraunen Ton noch nicht eingebüßt hatte.
„Ich habe es“, sagte Clary und hob das Instrument an. Abgesehen davon, dass es schwerer war, als sie erwartet hatte, spürte sie sofort die unsichtbare Kraft, die von dem Gegenstand ausging.
Sie hielt kurz die Luft an, während sie das Instrument einige Meter weit zu einem Stuhl trug, auf dem sie Platz nahm. Das Holz fühlte sich warm unter ihren Händen an, als würde es leicht vibrieren.
Izzy und Lydia eilten durch die Reihe zu ihr.
„Es sieht wunderschön aus“, sagte Lydia ehrfürchtig.
„Fragt sich, ob es kann, was wir uns erhoffen“, sagte Izzy wachsam und blickte zu Clary. „Bist du bereit?“
Beruhigend begegnete Clary dem Blick ihrer Freundin, die zweifellos besorgt um sie war.
„Beides werden wir gleich erfahren.“

~*~

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* Siehe "In Gesundheit und Krankheit"
** Siehe "Unter Verdacht"
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