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Gefangen

von Mindy
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / MaleSlash
Alexander "Alec" Lightwood Andrew Underhill Isabelle "Izzy" Lightwood Jace Wayland / Jonathan Christopher Herondale Lorenzo Rey Magnus Bane
06.06.2021
25.11.2021
20
79.167
32
Alle Kapitel
237 Reviews
Dieses Kapitel
10 Reviews
 
12.07.2021 6.347
 
Seid gegrüßt, liebe LeserInnen!
Hier sind wir wieder…ist ein verdammt langes Kapitel, aber ich wollte den Cut sinnvoll machen, dafür ist das nächste Kapitel dann wieder kürzer^^
Wir sind eh erst bei 55 von142 Seiten, von daher läuft uns nichts weg.
Allerdings war ich so stolz auf das letzte Kapitel und darauf, Azazel ins Spiel zu bringen, aber die Rückmeldungen waren spärlich…trotz 41 Favo-Einträgen, meine lieben Leute, are you still with me?! XD

Vielleicht motiviert die kollektiv erhoffte Spielplatz-Szene, die endlich da ist! ;)

Viel Vergnügen!

__________________________________________________________________

//Ich habe Informationen, dass wir im Elbenreich etwas finden, das uns hilft, in Occid zu überleben.// Simons ironische Bemerkung überging Jace einfach. //Allerdings finde ich einfach keinen Zugang in dieses verfluchte Reich.//
„Und wie soll ich dir dabei helfen?“, fragte Simon verwundert und begann bereits zu laufen. Als er sich umdrehte, stellte er fest, dass Raphael schon weg war.

//…du nicht direkt. Aber du musst mir helfen den zu fragen, der es
kann.//




~*~


Mit wachsender Zuneigung im Herzen beobachtete Magnus, wie Toby und Madzie auf je einer Schaukel saßen und gemächlich vor und zurück schwangen.
Madzie war zuerst noch etwas wilder dabei gewesen, jetzt schienen die Kinder sich aber nur unterhalten zu wollen. Vielleicht würde Magnus Toby später noch einmal anschubsen.
Er und Catarina saßen in einiger Entfernung auf einer Bank und beobachteten beide.
„Er ist noch etwas zurückhaltend, aber ein lieber Junge“, urteilte Catarina.
„Das ist er. Hoffen wir, dass ich ihn nicht verderbe.“
Seine Freundin kannte seine selbstironischen Witze und verdrehte entsprechend die braunen Augen. „Rede doch nicht so einen Unsinn, Magnus. Du bist ein guter Mann und deswegen wird auch ein Kind, das du erziehst, gut.“
„Wollen wir es hoffen, denn wir wissen beide, dass ich nicht immer so war.“ Versonnen blickte Magnus zu den Kindern.
Ihre Welt war noch offen und voller Wunder, sie konnten noch alles sein und werden, was sie sich vorstellen konnten – und darüber hinaus.
Darum beneidete man Kinder wohl immer, wenn man bereits einige – oder in ihrem Fall eine erhebliche – Zeit gelebt und so viel falsch gemacht hatte.
„Du hast Fehler gemacht“, stimmte Catarina in diesem Moment gütig zu. „Wie wir alle. Das gehört zum Erwachsen werden dazu. Doch mit dir wird Toby jemanden haben, der ihm beisteht und ihn berät, um aus seinen Fehlern zu lernen und das Beste aus ihnen zu machen.“
Jetzt lächelte Magnus seiner Freundin zu. „Du schmeichelst mir.“
„Tu nicht so, als würde dir das nicht behagen.“
„Du kennst mich zu gut.“ Magnus lachte leise und beobachtete Tobys baumelnde Beine und die Arme, die er vorsichtig um die Ketten der Schaukel geschlungen hatte, um sich festzuhalten, während er langsam neben Madzie hin und her schwang.
Er fragte sich, worüber die zwei Kinder redeten, doch natürlich würde er niemals lauschen.

Kinder hatten ebenso ihr Recht auf Geheimnisse wie die Erwachsenen.

„Ich bin ehrlich gesagt überrascht, dass du nicht verwundert bist, dass ich plötzlich Vater werden will“, fuhr Magnus fort. „Immerhin zog ich das nie in Betracht. Ich weiß selbst nicht, was in mir auf einmal den Glauben geweckt hat, das passabel leisten zu können.“
Catarinas Hände verkrampften sich.
„Möglicherweise ist das dein Verdienst, weil ich sehe, wie gut du dich mit Madzie schlägst.“
„Nein“, widersprach Catarina sofort. Die Wahrheit verbergen war eine Sache, aber das würde sie nicht sagen. „Das hat nichts mit mir zu tun, dieser Wunsch…diese Eingebung. Dieser Glaube an dich…“
„Oh“, sagte Magnus, etwas überrascht über den energischen Widerspruch. „Nun, wie es auch gekommen sein mag, ich freue mich auf diese neue Aufgabe. Sie wird herausfordernd und bestimmt werde ich manchmal frustriert sein, aber darauf bin ich mental vorbereitet. Wie ein weiser Mann einst sagte: Beziehungen erfordern Mühe.“
Noch während die Worte seinen Mund verließen, spürte Magnus ein unangenehmes Ziehen hinter der Stirn.
Vielleicht, weil er sich gar nicht mehr erinnern konnte, wo er diese Worte schon einmal gehört hatte. Gleichzeitig verkrampfte sich sein Herz, als hätte er etwas Falsches gesagt.
Ein Blick auf Catarina zeigt ihm jedoch, dass dies Unsinn war, denn sie nickte zustimmend und fuhr sich durchs Haar.
„Du wirkst in letzter Zeit sehr angespannt“, sagte Magnus, dem durchaus aufgefallen war, dass seine langjährige Freundin einen recht erschöpften, sogar traurigen Eindruck machte.
„Wirklich? Entschuldige, die letzten Wochen waren…anstrengend.“
„Kein Grund, dich zu entschuldigen“, sagte Magnus und berührte sie leicht an der Schulter.
Er wollte Catarina nicht drängen darüber zu reden, was auch immer sie belastete. Vielleicht hing ihr Zustand unter anderem mit der Sorge um ihn zusammen, denn ihr Herz war schon immer unendlich groß gewesen.

Wenn er konnte, wollte er helfen.

„Kann ich denn etwas für dich tun?“
„Für mich?“ Am liebsten hätte Catarina hysterisch gelacht. Das war völliger Irrsinn. Das alles. Sie hätte sich niemals auf diesen Betrug einlassen sollen.
Warum nur hatte sich diese Entscheidung, Magnus die Erinnerungen an Alec zu nehmen, vor einem Monat richtig angefühlt?
Seither fühlte sich überhaupt nichts mehr richtig an.
„Nein“, antwortete sie erstickt und rang sich ein Lächeln ab, hoffend, dass Magnus ihre glasigen Augen nicht bemerkte. „Ich schlafe nur nicht gut, ich…kümmere mich selbst darum.“
Und wieder war sie zu feige, all dem ein Ende zu machen. Vielleicht, weil sie wusste, dass Magnus ihr niemals vergeben würde, wenn er von ihrer Tat erfuhr.
Wozu ihn derart aufwühlen? Alec war inzwischen mit Sicherheit tot und Magnus zu verwirren oder sein Herz zu brechen, war nicht hilfreich…
„Wie du meinst“, sagte Magnus und legte die Arme auf die Banklehne, blickte dabei in den Himmel. „Mich suchen in letzter Zeit auch ständig merkwürdige Träume heim. Einige wiederholen sich. Wäre ich ein Schattenjäger, würde ich wohl sagen, die Engel versuchen mir etwas mitzuteilen. Welch amüsante Vorstellung.“

Wie so oft, seit er nach dem Angriff aufgewacht war, ging sein Blick in die Ferne.

Catarina biss die Zähne aufeinander und begann, in ihrer Handtasche zu wühlen, als suche sie dort etwas. Alles war besser, als Magnus ansehen zu müssen.
„Catarina? Wer ist Alec?“
Die Hexenmeisterin konnte nicht verhindern, dass sie heftig zusammenzuckte. Sie hielt inne, ließ den Blick aber in ihre Tasche gerichtet, als wäre ihr kompletter Magen in deren Tiefen gestürzt.
Wer?“
„Alec“, wiederholte Magnus und kam mit dem Blick langsam wieder zurück. Sein Ton war unwillkürlich zärtlich geworden, als er den Namen aussprach. „Ich fand seine Nummer in meinem Handy, aber sie ist nie erreichbar und er ruft nicht zurück. Sein Name und seine Stimme kommen mir so bekannt vor, aber ich kann ihn nicht zuordnen.“

Das Handy.

Wie hatte Catarina das vergessen können?
Natürlich hatte sie alle Fotos und Nachrichten darauf gelöscht, aber die Nummer…was für ein dummer Fehler! Sicher, Alec würde niemals abnehmen können, aber eine derartige Schlamperei passte nicht zu ihr.
Oder doch?
Vielleicht, weil ein kleiner Teil von ihr es gewollt hatte; eine Chance für Magnus, sich doch an seinen geliebten Ehemann zu erinnern.

Doch das tat Magnus nicht – natürlich nicht.

Sie hatte seine Erinnerungen gestohlen.

Sie waren unerreichbar für ihn.

„Bei dieser Frage kann ich dir nicht helfen“, sagte sie, bemüht, ihrer Stimme einen gleichgültigen Klang zu verleihen. „Aber ich meine mich zu erinnern, dass er fort ist. Für immer. Er wird niemals abnehmen.“
„Tatsächlich?“ Magnus war seltsamerweise enttäuscht, sah dann aber wieder zu Toby.
„Nun…vermutlich war es gar nicht so wichtig.“

Und doch kam sich Magnus in dem Moment, als die Worte seinen Mund verließen, wie ein Lügner vor.



„Onkel Magnus will dich adoptieren, oder?“ Madzie beobachtete den Sand unter ihren Füßen, während sie langsam auf der Schaukel hin und her schwang.
„Ich hoffe es“, sagte Toby leise.
„Magst du ihn denn?“
„Ja, sehr. Er ist sehr nett und behandelt mich gut, dabei kennen wir uns noch gar nicht so lange.“
„Das war bei mir und Mama auch so“, erinnerte sich Madzie und bewegte einen Finger kreisend in der Luft, woraufhin der Sand unter ihr zu einem kleinen Türmchen wuchs. „Am Anfang war es komisch, weil sie nicht mit mir verwandt ist, aber das ist gar nicht schlimm. Man kann auch ohne Blut eine Familie sein.“ Sie hatte Catarina viel lieber als Iris.
„Bei Magnus wird es dir gut gefallen, es ist immer lustig. Ich übernachte oft dort, dann sehen wir uns öfter. Wann ziehst du denn zu ihm?“
„Ich weiß es nicht.“ Toby knetete seine Finger. „Wir haben nicht mehr viel gesprochen, seit…“ Toby sprach nicht weiter. Das war ein Geheimnis.
„Seit Onkel Alec weg ist?“
Überrascht hob Toby den Blick. „Du kennst Alec?“
„Natürlich. Mama hat mir erklärt, dass er gehen musste und ich nicht von ihm sprechen darf, wenn Magnus dabei ist.“
Sie hatte sehr lange mit ihr darüber gesprochen, doch Madzie hatte es nicht verstanden. Sie hatte geweint und hatte Alec sehen wollen. Sie wollte noch immer nicht glauben, dass er weg war. Er war immer so lieb gewesen, hatte mir ihr gespielt und sie abends zugedeckt.
Doch die wenigen Male in letzter Zeit, die sie mit bei Magnus gewesen war, war Alec nicht da gewesen. Deswegen hatte Madzie nicht mehr hingehen wollen.
Heute war eine Ausnahme, weil sie auf dem Spielplatz waren und weil Toby dabei war.

Dennoch fehlte Alec ihr sehr.

Sie wollte, dass er wieder kam.

„Ja…“ Toby musste sich beherrschen, nicht zu weinen, als er an all das dachte. „Alec hat mir einen Brief geschrieben und es mir erklärt, ehe er gehen musste. Catarina hat ihn mir vorgelesen.“ Toby konnte noch nicht so gut lesen, nur ein paar einzelne Buchstaben.
„Er hat gesagt, dass er gehen muss, um Magnus gesund zu machen und dass Magnus sich nicht mehr an ihn erinnern wird. Es sei ein Zauber und gut für ihn…“
Und tatsächlich, Magnus schien sich überhaupt nicht mehr an Alec erinnern zu können. Dennoch wirkte er glücklich, als wäre alles wie immer.
„Das ist Unsinn!“ Wütend starrte Madzie in den Sand und verlor ihre Magiekontrolle. Ruckartig fiel das Türmchen in sich zusammen und der Sand zerstreute sich in alle Richtungen. „Erwachsene sind manchmal so dumm! Magnus hätte Alec niemals einfach vergessen, das geht gar nicht! Mama sagt, seine Erinnerungen sind durch einen Zauber weg, aber wieso kann man sie dann nicht zurückholen? Immer sagen Erwachsene nur, dass etwas nicht geht oder dass es so richtig ist – aber das ist es überhaupt nicht.“
Vor allem schien ihre Mama selbst traurig darüber, dass Alec weg war.

Wieso half sie ihm dann nicht, wieder zu kommen?

„Ja“, stimmte Toby zu und schluckte seinen Kummer hinunter. Er würde seine Eltern niemals vergessen wollen und war traurig, dass die Erinnerungen an sie immer mehr verblassten, je länger sie tot waren. Es kam ihm falsch vor, dass Magnus Alec einfach vergessen hatte.
„Wir müssen dafür sorgen, dass er sich wieder erinnert.“ Verärgert presste Madzie die Lippen zusammen.

Erwachsene dachten immer, sie wüssten alles besser, dennoch machten sie oft so dumme Sachen.

„Aber…Alec sagte, dass es so in Ordnung sei und ich bei Magnus leben solle und er sich gut um mich kümmern werde…er hat mich darum gebeten.“ Toby wollte Alecs Wunsch eigentlich respektieren, dieser hatte immerhin viel für ihn getan.
„Magnus wird sich gut um dich kümmern, er ist toll“, sagte Madzie, musterte Toby dabei angriffslustig. „Aber er braucht Alec, damit der sich um Magnus kümmert. Alec kümmert sich nämlich immer um ihn und alle. Und ich will nicht, dass er für immer weg ist. Wenn Magnus ihn nicht vergessen hätte, würde er ihn zurückholen.“ Wo immer Alec auch war, Madzie war überzeugt, dass Magnus ihn finden konnte.
Vorsichtig drehte Toby den Kopf zu Magnus und Madzies Mutter Catarina. Sie unterhielten sich miteinander, doch als Magnus seinen Blick bemerkte, lächelte er Toby an.
Verlegen erwiderte Toby das Lächeln, ehe er wieder zu Madzie sah. „Die zwei hatten sich sehr lieb, das habe ich gesehen.“
„Total!“ Madzie nickte eifrig, so dass die Schaukel etwas wackelte. „Onkel Magnus ist so verknallt in Onkel Alec und der auch in ihn. Sie haben ständig geknutscht. Sie dachten, ich sehe es nicht, aber ich habe es gesehen. Und sie haben Händchen gehalten. Sie sind ein Ehepaar, die müssen zusammen sein.“ Wieso ihre Mutter das nicht verstehen wollte, obwohl sie sonst eine so kluge Frau war, wusste Madzie nicht.
„Ich kann schon gut zaubern“, erklärte sie Toby weiter und nicht ohne Stolz. „Und ich habe versucht, Alec zu finden, aber ich habe es nicht geschafft. Aber du kannst es vielleicht.“
„Ich?“ Toby blinzelte. „Wie denn?“
„Du gehst doch heute noch mit Magnus nach Hause“, sagte Madzie eifrig und drehte sich auf der Schaukel. Der Gedanke war ihr erst vor ein paar Tagen gekommen.
„Und dann suchst du Alec. Vielleicht versteckt er sich da oder in Alicante. Er kann nicht weit weg sein, bestimmt passt er doch noch irgendwie auf Magnus auf.“
Nur eben heimlich, wie in einem Märchen.

„Ich kann aber gar keine Suchzauber“, gab Toby zu und hoffte, dass Madzie nicht böse darüber war. Zwar brachte man ihm im Spirallabyrinth schon einiges bei, aber sie sagten, dass er durch die Monate bei den Abtrünnigen viel nicht mitbekommen hatte. Außerdem waren sie unzufrieden mit ihm, weil er seine Kräfte oft nicht so steuern konnte, wie er wollte.
„Das ist leicht. Du brauchst eine Sache von der Person. Hat Alec dir irgendwann mal etwas gegeben oder geschenkt?“
Darüber musste Toby nicht lange nachdenken. „Ein Buch. Er sagte, es hat seinem kleinen Bruder gehört, aber hat mir seinen Namen hinein geschrieben, da es ein Geschenk von ihm an mich war.“ Toby hatte sich sehr darüber gefreut, auch über all die Tierbilder darin.
„Hm, das hast du aber bestimmt nicht dabei, oder? Noch etwas?“
Kurz grübelte Toby, als seine Miene sich erhellte. Er griff in seine Jeanstasche und holte eine alte, schon etwas mitgenommene Karte hervor. „Die hat er mir gegeben, als sie mich damals gerettet haben…damit ich ihn immer erreichen kann.“ Toby war schon mit dem anderen Hexer, Lorenzo, aus der Tür gegangen, als sie Magnus und Alec noch einmal getroffen und er ihm die Karte mit seiner Nummer gegeben hatte.
Toby hatte sie seither gehütet wie einen Schatz und trug sie immer bei sich, für Notfälle. Dabei hatte er inzwischen von Magnus ein eigenes Telefon. Doch nach dem Tod seiner Eltern war diese Karte sein erster, richtiger Besitz gewesen.
„Das reicht, das ist toll“, ereiferte sich Madzie und winkte Toby näher. „Ich erkläre dir jetzt, wie der Zauber geht.“ Sie legte eine Hand an sein Ohr und flüsterte hinein. Nicht, dass Mama oder Magnus sie am Ende doch noch hörten.

Zusammen würden sie schon dafür sorgen, dass Alec zurückkam und Magnus sich wieder erinnerte.

Sie war überzeugt, dass dann alle wieder glücklicher sein würden.


~*~


Als Izzy und Clary in Alicante ankamen, erwartete sie nicht nur Ariana Underhill, sondern ebenso Lydia Branwell und deren persönliche Leibwache Matthew Harrison.
Die Begrüßung fiel knapp und formell aus.
„Ich dachte, es handelt sich um eine private Nachricht an mich“, sagte Clary automatisch ungehalten, obwohl sie Lydia eigentlich vertraute. Doch Izzy und sie hatten gerätselt, um was für eine Nachricht es sich handeln könnte und sie wollten nicht, dass der Rat sie ihnen am Ende wegnahm oder unter Verschluss hielt, weil ihnen der Inhalt nicht gefiel.
„Sie musste mich kontaktieren, weil ich über alles, was Alec betrifft, auf dem Laufenden zu halten bin“, entgegnete Lydia, noch ehe Ariana antworten konnte.
Die Ähnlichkeit der Blondine zu Andrew war wirklich frappierend – und der mürrische Ausdruck auf ihrem Gesicht, weil Lydia sie nicht zu Wort kommen ließ, ähnelte dem ihres Bruders ebenfalls sehr.
„Falls du Sorge hast, dass ich Versuche zu unterbinden gedenke, die zu Alecs Rettung führen könnten, irrst du.“
Clary und Izzy tauschten einen Blick aus. „Es ist verboten, weitere Versuche zu Alecs Rettung zu unternehmen.“
„Ich weiß“, erwiderte Lydia reserviert. „Und ebenso weiß ich, dass ihr euch daran nicht halten wollt. Ich bin hier, weil ich euch dabei helfen will.“
„Aber der Rat…“, begann Izzy, doch Lydia schüttelte ungehalten den Kopf.
„Ich kenne den Beschluss des Rates, ich wurde bei der Sitzung überstimmt. Ich halte mich an das Gesetz, denn es ist hart, aber es ist das Gesetz. Doch ich war…ich bin nicht nur Mitglied des Rates, sondern ebenso Alecs Freundin.“ Alec hatte immer getan, was richtig war, selbst, wenn es die schwere Wahl gewesen war.

Nun hatte sie Gelegenheit zu beweisen, dass sie von ihm gelernt hatte.

Entschuldigend drehte sie sich zu Matthew. „Allerdings werde ich dich nicht zwingen, gegen das Gesetz zu handeln. Du bist zu Stillschweigen gegenüber Dritten verpflichtet, aber ich entbinde dich vorerst von deinem Dienst.“
„Mit allem Respekt, Miss Branwell, aber nein“, sagte Matthew mit entschlossener Miene. „Ich hatte keine Gelegenheit, den Inquisitor besonders gut kennenzulernen, doch Magnus ist mein Freund und seinen Ehemann zu retten ist daher nicht nur meine Pflicht, es wäre mir eine Freude. Ebenso, wie Ihnen zu dienen. Ich will an Ihrer Seite bleiben und Sie beschützen, wie ich es versprochen habe. Denn eines weiß ich über den Herrn Inquisitor und daran möchte ich mich halten: Er hat seinen Worten immer Taten folgen lassen.“
Lydia lächelte ergriffen und nickte nur zustimmend, woraufhin Ariana loslief, um sie zur Bibliothek zu geleiten.
„Wie kommt es, dass du erst jetzt Kontakt mit mir aufgenommen hast?“, fragte Clary.
„Ich habe die Nachricht erst gestern gefunden“, sagte Ariana ehrlich. „Als Alec ein Heilmittel für Magnus gesucht hat, habe ich ihm mit meinem Code Zugang auf sensible Daten gestattet. Bei der Untersuchung des Vorfalls wurde dies entdeckt und ich wurde dafür suspendiert. Ich habe den Dienst erst diese Woche wieder aufgenommen.“
„Dann haben wir durch dich Magnus retten können“, lächelte Izzy. „Vielen Dank.“
„…ich weiß nicht, ob man mir danken sollte“, gestand Ariana, die Sorge gehabt hatte, Isabelle Lightwood würde ihr Vorwürfe machen. Schließlich war Alec nur deswegen auf diesen Pfad gekommen, der ihn letztlich in die Hölle geführt hatte. „Die Informationen über den Necess waren gesperrt, nicht nur, weil Blutzauber verboten sind, sondern weil offenbar schon einmal ein Angriff durch ein Exemplar stattfand. Ich habe vielleicht nachträglich gelesen, was Alec aufgerufen hatte“, gestand sie, als sie die Blicke der drei Frauen auf sich spürte.

Natürlich hatte sie das getan, vor allem, nachdem sie erfahren hatte, wie Andrew in all das involviert gewesen war.

Und Lorenzo.

Nur wenige wussten, dass er der Hexenmeister gewesen war, der die Türme zum Ausfall gebracht hatte, doch ihr Bruder hatte es ihr natürlich erzählt – ihre Eltern würden Lorenzo dafür scharf verurteilen, Ariana hingegen war ihm unendlich dankbar. Lorenzo hatte Andrew das Leben gerettet, das war alles, was für sie zählte, wie viele Gesetze er dafür auch gebrochen hatte. Wäre ihr Bruder wirklich umgekommen, wäre für Ariana eine Welt zusammengebrochen.
Mit seiner Tat hatte Lorenzo endgültig bewiesen, was Ariana seit ihrem ersten Treffen mit dem Hexenmeister gespürt hatte: Andrew war unendlich wertvoll für ihn.

Obwohl die Ereignisse schon einige Wochen zurücklagen, war Ariana besorgt um ihren Bruder, so dass ihr die Suspendierung sogar recht gekommen war. Andrew war nach seiner Entführung fast zwei Wochen genesen und hatte viele Aussagen machen müssen, doch noch hatte man jene Verräter, die ihn entführt hatten, nicht gefasst.
Ariana hatte die freie Zeit genutzt und Andrew fast täglich in Lorenzos und seinem Zuhause besucht. Der Hexenmeister hatte sich rührend gekümmert, doch man hatte beiden Männern angemerkt, dass die Ereignisse auf ihnen lasteten.
Zu den Untersuchungen im Institut war Lorenzo nie mitgekommen, also hatte Ariana Andrew begleitet. Der leitende Arzt dort, Sam Rainstone, war ihr zum Glück kompetent vorgekommen und hatte sehr freundlich und geduldig jedwede ihrer Bedenken hinsichtlich Andrews Genesung zerstreut.
Doch körperlich und seelisch gesund zu werden waren zwei verschiedene Dinge und sie spürte, dass ihr Bruder noch einen Weg finden musste, um Letzteres zu schaffen.

„Und was hast du erfahren?“, riss Clarys Stimme Ariana aus ihren Gedanken, woraufhin sie sich wieder auf das vor ihr Liegende konzentrierte.
„Ein Necess ist ein äußerst seltener Dämon, der mit viel Aufwand von einem Höllenfürsten erschaffen und instruiert werden muss. Es gibt wohl nicht einmal ein Dutzend von ihnen“, fuhr Ariana fort und lief die Stufen hinauf in Richtung Bibliothek. „Als das letzte Mal einer angriff, vor mehreren hundert Jahren, gelang es ihm die Tochter eines Ratsmitgliedes zu infizieren. Sie wurde schwer krank und damals wusste man nicht, dass Blut die Lösung ist. Der Fürst wollte die Heilung nur preisgeben, wenn man ihm Informationen über ein Kind liefere, das sich einmal in Obhut der Stillen Brüder befunden hatte. Offenbar wollte der Dämon diese Informationen nutzen, um das Kind oder den damals schon Erwachsenen zu finden.“
„Darauf ging man doch wohl nicht ein, oder?“, fragte Izzy besorgt. „Der Rat verhandelt doch nicht mit Dämonen.“
Ariana verzog das Gesicht. „Doch bei dem Kind handelte es sich wohl um ein Hexenwesen, Informationen über es wurden als weniger wertvoll angesehen als das Leben der Ratstochter.“
„Das wundert mich nicht“, sagte Clary verbittert. „Hat die Tochter es wenigstens geschafft?“
Ariana schüttelte den Kopf. „Offenbar nicht. Der Fürst hielt sich an den Deal und verriet das Gegenmittel, aber es kam zu spät und das Mädchen starb. Darum hat man die Informationen wohl versiegelt.“
„Oder um zu verheimlichen, dass der Rat Unterweltler, die unter seinem Schutz stehen, ausliefert, wenn es ihm etwas bringt“, bemerkte Clary spitz, ignorierte Lydias tadelndem Blick dabei.
„Ich bezweifle, dass Alec den Teil gelesen hat, er war wohl auf das Heilmittel fixiert“, nahm Ariana den Faden wieder auf und hielt an, als sie zwei große weiße Türen mit Spitzbogen erreicht hatten, die entfernt an die Flügel von Engeln erinnerten.
Sie schwangen von selbst auf, als Ariana die Schwelle betrat, und gaben den Blick auf einen Raum frei, der kein Ende zu nehmen schien.
Die Decke erstreckte sich so hoch in die Luft, dass Clary den Kopf weit in den Nacken legen musste, um sie überhaupt zu sehen. Schier endlos reihten sich cremefarbene Regale voller Bücher aller Farben und Jahrhunderte sowie Datensätze zu allen Seiten, nur unterbrochen von einigen ein Meter hohen Terminals alle fünf Reihen, an denen man Informationen abrufen konnte.
Ariana trat zu einem großen Tresen aus feinem Birkenholz, verziert mit Runen, wo sie an einen der Monitore trat und zu tippen begann. „Als ich seine Recherchen durchging, fand ich einen Vermerk; er hat einen Ordner mit Informationen angelegt, an dem Tag, ehe er verschwand, und darauf stand dein Name, Clary.“
Arianas Finger flogen über die Tasten und schon bald hörte man das leise Surren eines Druckers.
„Hast du eine Ahnung, worum es da gehen könnte?“, fragte Lydia.
Erst wollte Clary verneinen – um einen Weg, Alec zurückzuholen, konnte es trotz aller Hoffnungen in diese Richtung kaum gehen, denn das hatte er ihnen ja förmlich verboten.

Plötzlich erinnerte Clary sich jedoch an ihre letzte Unterhaltung mit Alec. Durch sein Verschwinden hatte sie diese fast völlig vergessen.

„Was?“, fragte Izzy, die deutlich die Regung auf Clarys Gesicht sah.
„…“ Kurz schlug Clary die Augen nieder, ehe sie seufzend entschied, die Wahrheit zu sagen.  „Als ich zur Besprechung in Alicante war, habe ich Alec erzählt, dass ich recherchieren möchte, wie ich meine Engelskräfte zurückerhalten kann. Er versprach, mir dabei zu helfen. Tut mir leid, dass ich dir nichts gesagt habe“, sagte sie schnell, als Izzy empört die Augenbrauen zusammenzog. „Wenn es dich tröstet, ich habe es Alec nur gebeichtet, weil er mich beim Lügen erwischt und nicht lockergelassen hat.“
„Ja, durch Jace und mich hatte er viel Übung als Lügendetektor.“ Izzy beschloss, später sauer auf Clary zu sein, denn jetzt hatten sie Wichtigeres zu tun. Ein wenig befriedigte sie jedoch, dass ihr Gefühl sie nicht getrogen hatte; ihre Freundin hatte damals tatsächlich etwas belastet.
„Dann hat Alec sich noch die Zeit genommen dir mit seinen Inquisitor-Rechten diese Informationen zurücklegen zu lassen?“, fragte Lydia, als Ariana Clary die fertige Akte reichte. „Das ist bewundernswert, er muss so viel anderes im Kopf gehabt haben.“
„Das ist eher typisch“, sagte Izzy und bemühte sich um eine feste Stimme. „Seine letzten Stunden auf Erden und er nutzt sie dazu, Probleme anderer zu lösen…“
„Aber vielleicht löst das auch sein Problem“, meinte Clary aufgeregt, überflog dabei bereits die Unterlagen. „Wenn ich einen Weg finde, mit den Engeln Kontakt aufzunehmen und sie mir meine Kräfte zurückgeben, kann ich sie nutzen, um uns lebend nach und durch Occid zu bringen. Wie damals können wir herunter und dann Alec retten.“
„Ohne himmlisches Feuer gegen einen Höllenfürsten?“, fragte Izzy zweifelnd, schöpfte aber gegen ihren Willen neue Hoffnung. Mit Clarys Kräften schien der Berg, der vor ihnen lag, um Alec zu befreien, nicht mehr so riesig.
Also schnappte sie sich einige Blätter aus Clarys Händen und warf ebenfalls einen Blick darauf.
„Vielleicht finde ich ja eine andere Rune, die uns im Kampf helfen kann.“ Clary hatte das Gefühl, sie könnten der Lösung aller Probleme näher sein als bisher geglaubt.
„Ihr könnt euch da drüben hinsetzen und alles in Ruhe durchgehen“, sagte Ariana freundlich und deutete auf eine Tischreihe. „Wenn ich irgendwie helfen kann, lasst es mich bitte wissen.“
„Gut, danke“, sprach Lydia für alle. Als ihr Blick auf Matthew fiel, runzelte sie die Stirn. „Alles in Ordnung? Du wirkst nachdenklich.“
„Ja…“ Er blickte Ariana an und auch Izzy und Clary blickten wieder von den Unterlagen auf.
„Wenn die Frage gestattet ist; wer war der Höllenfürst, der den ersten Necess geschickt hat?“

~*~


Alec saß gedankenversunken auf seinem Bett, den Rücken gegen die Wand gelehnt und ein Knie angezogen, als es klopfte.
Asmodeus wartete nie auf Alecs Antwort, hielt aber stets einen Moment inne, ehe er eintrat.

So auch dieses Mal.

„Wieso klopfen Sie überhaupt?“, fragte Alec, was ihm schon mehrfach durch den Kopf gegangen war. Das war Asmodeus‘ Schloss und sein Reich. Dieses künstliche Gefühl von Kontrolle, das Asmodeus ihm wohl geben wollte, ärgerte Alec.
„Ich mag ein Dämon sein, doch schätze ich so etwas wie höfliche Umgangsformen.“
Alec kräuselte die Lippen, weil ihm mindestes zwei Dutzend Gegenbeweise für diese Aussage einfielen, aber er schluckte sie herunter.

Barbaren fühlten sich wohl besser, wenn sie ihre innewohnende Grausamkeit durch oberflächliche Manieren kompensieren konnten.

„Was wollen Sie?“
„Ihnen mitteilen, dass ich den Radius der Rune wieder verkleinert habe. Sie bleiben ab sofort im Haus – und am besten halten Sie sich zusätzlich von den Fenstern fern.“
Als Alec nichts erwiderte, legte Asmodeus den Kopf schief, wie eine Schlange kurz vor dem Zuschnappen. „Sie fragen mich nicht wieso?“
„Weil ich die Antwort kenne – und weiß, dass Sie wissen, dass ich mitgehört habe.“
Wieder huschte dieses Schmunzeln über Asmodeus‘ Lippen, das wohl eine Art Bewunderung ausdrückte.

So, wie ein Mensch eine Spinne für ihre Fähigkeiten, Netze zu spinnen, bewundern konnte, ehe er sie doch zerquetschte.

„Dann wissen Sie, dass diese Anweisung in Ihrem eigenen Interesse ist.“ Asmodeus drehte sich um und verließ das Zimmer, woraufhin Alec vom Bett sprang und ihm folgte.
„Azazel wird mit einer Armee zurückkehren, nicht wahr?“
„Soll er es versuchen. Er ist mir nicht gewachsen.“
Es überraschte Alec, dass Asmodeus zuließ, dass er ihm folgte, doch er nutzte seine Chance. „Ich vermute, weil Sie Ihre eigene Armee haben. Noch mehr wie dieses Wesen, das Magnus verletzt hat?“
„Nein, einen Necess zu erschaffen erfordert viel Zeit und Mühe, wenn wir uns diese machen, nutzen wir sie nur für Anschläge. Doch beide Male war es bisher recht erfolgreich, vielleicht eine verlorene Kunstform.“
Alec begriff schnell. „Dann war der Necess, über den ich Aufzeichnungen in unserem Archiv fand, ebenfalls Ihr Werk?“
Asmodeus warf ihm über die Schulter einen Blick zu, in dem sich der matte Schein spiegelte, den die Kerzen an den Wänden auf ihre Gesichter warfen.

Das war Antwort genug.

„Und was hatten Sie damals damit vor?“
„Sie stellen viele Fragen, Mister Lightwood. Wie wäre es, wenn Sie mir auch mal ein paar beantworten?“
„Zum Beispiel?“
„Seit wann ist mein Sohn daran interessiert, Vater zu werden?“

Diese Worte versetzten Alec einen Schlag in den Magen, so dass er automatisch stehen blieb.

„Jetzt schauen Sie nicht so überrascht.“ Asmodeus blieb ebenfalls stehen. „Es sollte doch keine neue Information für Sie sein, dass ich ab und an Augen und Ohren in Magnus‘ Nähe habe.“
Das stimmte, denn der Dämon hatte damals gewusst, wer Alec war, noch ehe dieser sich vorgestellt hatte.
„Nun? Wenn Sie etwas wollen, müssen Sie etwas dafür geben.“
Alecs erster Impuls war, Asmodeus ins Gesicht zu spucken. Niemals würde er diesem Scheusal gegenüber auch nur Tobys Namen aussprechen.
Andererseits musste es ihm gelingen, das Vertrauen des Dämons zu gewinnen, zumindest in einem gewissen Rahmen, wenn er weiterhin etwas aus ihm herausbringen wollte. Davon abgesehen schien Asmodeus bereits bestens im Bilde.
„Wir wollten einen Jungen adoptieren, ehe ich gegangen bin“, antwortete Alec und wog jedes Wort sorgfältig ab. „Wir haben uns sehr darauf gefreut.“
„Magnus und Vater? Ich weiß ja nicht, er hängt sich zu sehr an Lebewesen, sowas kann Kindern sehr schaden. Meine lernten stets Unabhängigkeit.“

Wieso hatte er seine Pfeile nicht, um Asmodeus einen davon in den Hals zu schieben?

„Sie haben sich einen Dreck um ihn geschert und deswegen hat er Furchtbares durchmachen müssen, ganz alleine!“, sagte Alec und ballte zornig die Hände zu Fäusten.  „Doch Magnus ist nicht wie Sie, er ist fähig zu lieben, deswegen wird er ein guter Vater.“
„Wenn er diesen Zeitvertreib für sinnvoll hält.“ Gleichgültig zuckte Asmodeus die Schultern und setzte seinen Weg fort, woraufhin Alec wieder folgte.
„Und? Wieso haben Sie den Necess beim ersten Mal geschickt?“
„Ich habe ein Ratsmitglied erpresst, damit ich an Magnus‘ Aufenthaltsort komme. Die Stillen Brüder hatten ihn mit mächtigen Zaubern vor mir versteckt gehalten, nachdem Magnus sie verlassen hat. Danach konnte ich ihn jedoch finden – es kam allerdings nicht zu einer freundlichen Zusammenkunft, sondern vielmehr zu meiner Verbannung. Sie wissen ja, wie theatralisch mein Sohn sein kann. Trotzdem dachte ich, ein ähnliches Vorgehen würde dieses Mal mehr Erfolg bringen. Nur habe ich die törichte Opferbereitschaft der Nephilim nicht bedacht.“
„Sie meinen, Sie haben mich unterschätzt.“
Asmodeus‘ Mundwinkel zuckte. „Ein Fehler, der mir nicht erneut unterlaufen wird.“

Es klang wie eine Drohung.

Der Dämon lief eine Weile durch den Flur und öffnete eine Tür, die Alec bisher immer verschlossen vorgefunden hatte.
Mit einer Handbewegung entzündete Asmodeus vier schwarze Kerzen, die in einzelnen Ständern in allen vier Zimmerecken aufgestellt waren. In der Mitte des Raumes war ein großes Pentagramm auf den Boden gezeichnet, umgeben von anderen Symbolen und Worten in dämonischer Sprache, die Alec nicht alle zuordnen konnte.

Wieso konnte er überhaupt einige zuordnen?

Tatsächlich flammte die Bedeutung einzelner Bilder plötzlich vor seinem inneren Auge auf, als hätte er eine Rune zur Erkennung von Fremdsprachen aktiviert.
Verwirrt hob er den Blick wieder.
Gen Norden stand ein Tisch, auf den eine glatte, ovale Fläche eingelassen war, die Alec an einen Spiegel erinnerte, obwohl die Oberfläche silbrig schimmerte. Ansonsten war der Raum leer.
Allerdings war dies alles nur am Rande interessant für Alec. „Wieso haben Sie nach Magnus gefragt?“
„Mich interessiert alles, was mit…“
„Nein, wieso haben Sie ausgerechnet jetzt nach der Adoption gefragt?“, unterbrach Alec direkt. Alle von Asmodeus‘ wohl angedachten Worte, wie Sorge und liebevolles Interesse, das er vorheucheln würde, wären ohnehin nur Lügen, für die Alec keine Geduld hatte.
„Ich schätze zwar Interesse an mir, aber ich habe nun Angelegenheiten zu regeln und dabei stehen Sie im Weg“, erklärte Asmodeus, ohne, auf seine Frage einzugehen, während Alec das Pentagramm umrundete.
„Sie rufen Ihre Armee?“
„Unter anderem. Doch ich versichere Ihnen, es wird zu Ihrem Schutz geschehen.“
„Was wenig Sinn ergibt“, erklärte Alec ungehalten. „Azazel hasst mich und deswegen droht er Ihnen mit Aufruhr und Krieg. Wieso haben Sie mich ihm nicht einfach ausgeliefert?“
„Ich folge niemals den Befehlen von anderen, Mister Lightwood. Als Anführer sollten Sie so etwas wissen. Man zeigt keine Schwäche im Angesicht des niederen Pöbels – und schon gar nicht lasse ich mich erpressen.“
Das klang zwar einleuchtend, dennoch glaubte Alec nicht, dass es die ganze Wahrheit war. „Und wenn er seine Drohung wahr macht und mit einer Dämonenarmee und zwei weiteren Fürsten hier auftaucht?“ Schon Lamia, Liliths Schwester, war so mächtig, dass es sie damals alle an den Rand ihrer Kräfte getrieben hatte, sie zu verbannen.
Asmodeus‘ Augen blitzten. „Sie unterschätzen mich und meine Kräfte erneut, Mister Lightwood. Was ich vermag, geht über Ihr Erfassen hinaus.“
Alec wusste, was für unglaubliche Dinge Magnus bereits vollbracht hatte, und das mit nur halb so viel Macht. Dennoch bezweifelte er, dass Asmodeus gegen vereinte Kräfte mehrerer hundert, wenn nicht tausend Dämonen erfolgreich sein konnte.
„Ich verstehe, dass Sie auf die Forderungen nicht eingehen können, um keine Schwäche zu zeigen“, sagte Alec gedehnt. „Sie könnten mich wieder zurück nach Hause schicken. Dann wäre ich nicht länger ein Störenfried in dieser Welt.“
„Selbst, wenn ich so großzügig wäre, das zu erwägen, ist es unmöglich. Aber das wissen Sie selbst.“

Ja, das wusste Alec.

Wenn Asmodeus so einfach ein Tor in die obere Welt öffnen könnte, würde er ständig vor Magnus‘ und seiner Tür stehen. Solange niemand ein passendes Portal nach Occid öffnete, gab es keinen Ausgangspunkt für Alec, um hier weg zu kommen.
„Aber ich würde Ihnen sowieso nicht glauben, dass Sie mich einfach gehen lassen würden.“
„Wieso nicht?“

Das wäre viel zu einfach und würde dem sadistischen Vergnügen des Dämons widersprechen.

„Wieso sollten Sie?“, fragte Alec stattdessen.
„Immerhin sind Sie mein Schwiegersohn. Zugegeben, ein Nephilim war so ziemlich das Schlimmste, das ich mir für diese Rolle ausmalen konnte. Sicher wieder ein grausamer Wink meines Sohnes, um mich zu demütigen.“
„Nichts in Magnus‘ Leben dreht sich um Sie!“, widersprach Alec scharf. Diese Zeiten waren vorbei und Asmodeus sollte das wissen.
Der Dämon ignorierte Alecs Einwurf gekonnt. „Doch es ist, wie es ist, Sie gehören quasi zur Familie. Ist es so unglaubwürdig, dass ich dies inzwischen akzeptiert habe und mir etwas an Ihrer Unversehrtheit liegt?“
„Nach allem, was Sie Magnus und mir angetan haben, erwarten Sie eine Antwort darauf?“
Alec hätte gelacht, wäre diese Vorstellung nicht selbst dafür zu absurd.
Ein Dämon mit Mitgefühl? Das konnten sie nicht einmal gegenüber ihrer eigenen Rasse aufbringen.

Jetzt blitzten Asmodeus‘ Augen golden und plötzlich stand er genau vor Alec.

Dessen Herz rutschte in seinen Magen, doch äußerlich ließ er sich den Schrecken nicht anmerken. Die Wunde, welche die Gabel hinterlassen hatte, war inzwischen weitgehend verheilt, doch Alec könnte schwören, ein Ziepen darin zu spüren, als Asmodeus‘ Gesicht sich seinem näherte.
„Ich verstehe Ihre Haltung, doch habe ich nicht Vertrauen gezeigt, indem ich Ihnen mehr Bewegungsfreiheit ermöglicht habe? Wäre es nicht Zeit, etwas davon zu erwidern?“

Bewegungsfreiheit…wie wenn man einem Hund mehr Leine ließ und dafür Dank erwartete.

„Warum ist Ihnen das wichtig?“, fragte Alec argwöhnisch, wich dabei keinen Millimeter zurück.
„Vielleicht fühle ich mich missverstanden. Sie mögen denken, wir wären grundverschieden, doch verbindet uns nicht die Liebe zu Magnus, Alec?“
Sein Name aus dem Mund des Dämons jagte Alec eine Gänsehaut über den gesamten Körper.

Konnte all das noch absurder werden?

„Wie kann ich Ihnen meinen guten Willen denn sonst beweisen?“

Es konnte.

„Geben Sie mir eine Waffe.“
Belustigt zog Asmodeus die Augenbrauen hinauf. „Versuchen Sie es nochmal.“
Kurz dachte Alec nach, was er sich noch wünschen konnte, wenn schon keine Waffe. Nur einen Herzschlag später wusste er es. „Ich…will Magnus sehen.“
Der Dämon legte den Kopf schief, weil er offensichtlich von dieser Bitte überrascht war.
Vielleich hatte er gedacht, Alec würde sich etwas für sich wünschen, mehr Annehmlichkeit oder so etwas.
Doch alles, woran Alec dachte, seit er hier war, war sein Ehemann. Vermutlich war sein Wunsch gar nicht umsetzbar, er wüsste nicht wie, aber es war der Einzige, den Alec in seinem Herzen trug.
„Sie haben ihn zurückgelassen und hintergangen und jetzt wollen Sie ihn sehen?“
„Ich habe nur versucht, ihn zu beschützen, weil ich ihn liebe.“
„Und ihm seinen freien Willen genommen, als wäre er eine Marionette. Eine merkwürdige Definition von Liebe.“
„…vergessen Sie es einfach.“ Alec wollte sich abwenden, doch Asmodeus hielt ihn zurück.
„Schön, wenn Sie es so wollen.“

Ohne den Abstand zwischen Alec und sich zu verringern, hob Asmodeus die Hand über die silbrige Oberfläche des Tisches, die daraufhin zu sprudeln begann wie kochendes Wasser.
Verwirrt folgte Alec der Geste und riss die Augen auf, als sich langsam Bilder in der klebrigen Substanz herausbildeten.
„Magnus!“ Alec stürzte förmlich zu dem Tisch und sah in dem immer deutlicher werdenden Bild Magnus, der sich offenbar auf einem Spielplatz aufhielt. Und er sah Toby auf einer Schaukel; Magnus schubste ihn an. Das Bild wirkte wie von einer wackligen Kamera aufgenommen und doch war es eindeutig.
Ob das in diesem Augenblick geschah? Bestimmt, deswegen wusste Asmodeus von Toby und hatte nach der Adoption gefragt. Dann war es in seiner Dimension gerade Tag.
,Sie sehen beide so glücklich aus.‘
Bei diesem Anblick zog sich Alecs Herz zusammen. Nicht etwa, weil er traurig war, dass sie ohne ihn so gut zurechtkamen, sondern weil er unendlich erleichtert war, dass sein Plan wahrhaftig so funktioniert zu haben schien, wie er gehofft hatte.
Während er Magnus mit jedem Atemzug quälend vermisste, lebte dieser ein friedliches Leben.

Das Bild verschwamm wieder, als Asmodeus den Arm senkte.
Alec war das Zittern darin nicht entgangen.
„Derartige Verbindungen zur Oberwelt sind kostbar, denn sie sind anstrengend“, kommentierte der Fürst nur und trat zu dem Pentagramm zurück.
„Danke.“ In diesem Moment widerstrebte es Alec nicht einmal, sich bei dem Dämon zu bedanken.
Asmodeus antwortete nicht, sondern begann eine schwarze Flüssigkeit in das Pentagramm zu gießen. „Gehen Sie jetzt. Ich muss mich um unser Problem kümmern.“
Dieses Mal widersprach Alec nicht, sondern ging zur Tür.

An der Schwelle hielt er jedoch inne.

„Da wäre noch die offensichtlichste Lösung für besagtes Problem“, sagte der Nephilim, ohne sich umzudrehen. „Wenn Sie mich weder ausliefern noch wegschicken können, könnten Sie den Aufstand verhindern, indem Sie mich einfach töten.“
„Sicher keine Lösung, die Sie vorziehen würden.“ Er sah Asmodeus‘ amüsiert-herausfordernden Blick geradezu vor sich.
Als Alec nicht antwortete, lachte der Dämon leise. Trotz der Entfernung, glaubte Alec seinen Atem im Nacken zu spüren.
„Wenn ich Sie töte, Alec, – und glauben Sie mir, ich habe es mir schon sehr oft ausgemalt – dann tue ich es nach meinen Vorstellungen und aus meinen Gründen, nicht, weil es mir ein dahergelaufener Dämon mit verletztem Ego vorschreibt.“ Asmodeus widmete sich wieder dem Pentagramm.
Alec sagte nichts mehr und ging weiter, woraufhin die Tür knarrend hinter ihm zufiel.

Obwohl ihm diese Erklärung schlüssiger schien als das Gerede von familiären Gefühlen eines Höllenfürsten, hatte er erneut das merkwürdige Gefühl, es wäre nur die halbe Wahrheit.

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