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Gefangen

von Mindy
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / MaleSlash
Alexander "Alec" Lightwood Andrew Underhill Isabelle "Izzy" Lightwood Jace Wayland / Jonathan Christopher Herondale Lorenzo Rey Magnus Bane
06.06.2021
25.11.2021
20
79.167
32
Alle Kapitel
237 Reviews
Dieses Kapitel
15 Reviews
 
16.06.2021 3.460
 
Seid gegrüßt!
Zweite Impfung gehabt und noch lebe ich! Zur Feier des Tages – und weil ich nicht weiß, ob ich zum normalen Rhythmus dazu fähig sein werde XD – heute das neue Kapitel. Ich war ja schon in Sorge, dass nach der ersten Euphorie viele Leser wieder abgewandert sind, aber im Laufe der Woche kamen doch wieder viele liebe Rückmeldungen: Herzlichen Dank dafür! :-)

Ein besonderes Bonbon heute für den Reyhill-Fanclub ;)
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Alec lächelte freudlos. „Und nun?“
Eigentlich glaubte er die Antwort zu kennen, denn er hatte Asmodeus nicht nur verärgert, sondern absolut keinen Nutzen mehr für ihn.
Zu seiner Überraschung stürzte Asmodeus sich jedoch nicht auf ihn und riss ihm das Herz aus der Brust.
„Das wird noch zu überlegen sein, Mister Lightwood“, sagte er nur und verließ den Saal.


~*~


Mit zufriedenem Grinsen sah Magnus sich auf der prachtvollen Party um, die er ausgerichtet hatte. Wäre er ein Mundie, wäre er Innenausstatter oder Partyplaner geworden, daran bestand kein Zweifel.
Um ihn herum tanzten Dutzende fröhliche Unterweltler zu lauter Musik, deren Bass so heftig dröhnte, dass der Boden zu vibrieren schien. Doch gerade für jene, die tänzerisch nicht so begabt waren, war dies zweifellos ein Vorteil – sie konnten sich von der Vibration ein wenig führen lassen.
Magnus beobachtete einen jungen Mann mit blonden Haaren, der recht gequält versuchte, den Takt seiner attraktiven Elben-Begleitung einzuhalten.
,Er sollte besser auch mal einen Tanzkurs belegen.‘ Magnus runzelte die Stirn.

Wieso auch?

Kannte er denn jemanden, der schon einmal einen Tanzkurs gemacht hatte?

Der Hexenmeister lief zu der Bar, deren Fläche er in poliertem Mahagoni bestellt hatte, mit einer leichten Rottönung und goldenem Glitzer, das unter der Oberfläche glänzte. Zu jeder Bane-Party gehörte die richtige Menge Extravaganz.

Magnus…“

Fragend hob Magnus den Kopf.
Er hätte schwören können, dass jemand seinen Namen gesagt hatte, doch niemand schien ihm besondere Beachtung zu schenken. Eigentlich ein Skandal, immerhin hatte er diese Feier organisiert und sah noch dazu blendend aus.
Gerade wollte Magnus sein Glas anheben, als er die Stimme erneut hörte. Er erkannte sie nicht und doch kam sie ihm bekannt vor.

Magnus, bleib bei mir.“

„Was? Ich bin doch hier“, sagte Magnus verwirrt und ließ seinen Drink achtlos stehen, um sich einmal um die eigene Achse zu drehen und suchend umzublicken.
Veralberte ihn da jemand?

Plötzlich glaubte er, eine Gestalt zwischen all den tanzenden Körpern hindurch laufen zu sehen.

Obwohl es nicht mehr als ein Schatten war, war er überzeugt, dass diese Person ihn gerufen hatte – und obwohl er sie nicht kannte, musste er sie unbedingt finden.
„Warte!“ Eilig folgte Magnus der Gestalt. Rücksichtslos schob und drängte er sich über die Tanzfläche, ignorierte jene, die sich über seine Rempelei beschwerten oder seinetwegen einen Teil ihrer Cocktails verschütteten.
„Warte, ich komme ja!“

Magnus, bleib bei mir.“

„Komm zurück! Bitte, komm zurück!“
Wie schnell Magnus auch lief, er schien dem Schatten einfach nicht näher zu kommen. Sein Herz schlug irritierenderweise geradezu panisch bei der Vorstellung, die Person könne ihm entwischen. Er wusste nicht wieso, aber er musste sie unbedingt einholen, festhalten und…


Ein schrilles Geräusch riss Magnus aus dem Schlaf.

Ruckartig setzte Magnus sich auf und hielt sich kurz den Kopf, weil das plötzliche Aufwachen ihm einen stechenden Schmerz hinter der Stirn bescherte. Missmutig massierte er sich die Schläfen und bereute den fünften Martini, den er vor dem Schlafengehen getrunken hatte.
Catarina hatte ihn ermahnt, es mit dem Alkohol noch nicht zu übertreiben, aber solche Mengen waren für ihn sonst gerade mal der Aperitif und außerdem hatte der gestrige Besuch im Institut ihn nicht wie erhofft beruhigt, sondern eher deprimiert und verwirrt.
Alle waren so durcheinander und traurig, dass es schon fast erdrückend war, wobei er den Grund noch nicht recht begriffen hatte. Zudem war Magnus frustriert, dass er offenbar nicht helfen konnte.
Als er das Institut verlassen hatte, war er einem von Izzys Shadowhuntern – Underhill – über den Weg gelaufen. Magnus konnte ihn nicht besonders leiden, obwohl er sich nicht entsinnen konnte, wieso. Vielleicht, weil er mit Lorenzo zusammen war, und mit diesem hatte er ja so seine Tiefen gehabt…

Wieder schrillte es in der Wohnung und Magnus begriff, dass die Türklingel ihn geweckt hatte.

Seufzend rollte er sich aus dem Bett und stieg in einen roten Satinmorgenmantel.
„Wehe, es ist nicht wichtig“, brummte er. Er erinnerte sich nicht mehr, was er geträumt hatte, aber es schien ihm wichtig gewesen zu sein.
Entsprechend mürrisch öffnete er die Tür.
„Oh, Lydia“, begrüßte er die Blonde und musste gegen seinen Willen lächeln.
„Magnus.“ Ihre blauen Augen schienen ihn eingehend zu mustern, ehe sie ihn einfach umarmte.
„Nanu, was eine Begrüßung“, wunderte Magnus sich, erwiderte die Umarmung jedoch sofort. Schon seit Lydia sich bei Isabelles Verhandlung so weise gezeigt hatte, hatte Magnus sie sympathisch gefunden. Sie hatte ein gutes Herz.
Matthew Harrison, eine der Wachen Alicantes und Freund von Magnus, stand etwas hinter ihr und lächelte zurückhaltend. „Hallo Magnus. Wie geht es dir?“
„Prächtig, wenn auch müde. Mit so frühem Besuch habe ich zwar nicht gerechnet, aber kommt gerne rein“, sagte Magnus, nachdem Lydia ihn losgelassen hatte, und machte eine entsprechende Geste mit dem Arm.
„Früh? Es ist fast Mittag“, sagte Lydia mit einem Hauch von Entsetzen, während Matthew sich höflich das Grinsen verkniff.
„Entschuldige, Magnus, darf ich mich hier kurz umsehen?“
„Matthew, hier lauert bestimmt kein Dämon oder Erleuchteter.“
„Aber es gehört zu meiner Pflicht, Miss Branwell.“
„Ich habe ihn als persönliche Wache abgestellt“, erklärte Lydia in Magnus‘ Richtung, während sie Matthew zunickte. „Er nimmt den Job sehr ernst.“
„Dann will ich der Ausübung deiner Pflicht nicht im Wege stehen. Tob dich aus, aber öffne bitte keine Schubladen, möglicherweise springt dich sonst etwas an.“
Matthew lächelte, schien aber nicht genau zu wissen, ob Magnus nur scherzte.
„Die Sicherheitsvorkehrungen sind also immer noch so hoch?“, erkundigte sich der Hexenmeister und ging in die Küche, wo er Kaffee aufsetzte. Er wusste nicht mehr, wann er aufgehört hatte, sich den Kaffee einfach herzuzaubern, aber diese Zubereitung hatte auch ihren Charme.
Lydia nickte. „Ja, aber das wird bald aufhören. Es gibt keine Hinweise auf weitere geplante Angriffe und…bald wird ein neuer Inquisitor ernannt werden. Und Eichner wird hingerichtet, das sollte wieder für genug Stabilität und Vertrauen sorgen.“
„Der Vorige verschwand bei diesem Angriff, nicht?“ Magnus schüttelte den Kopf. Tragisch, so etwas.
„Dennoch wirkst du so, als sollte ich dir eher einen Drink anbieten, statt einen Kaffee“, bemerkte Magnus, woraufhin Lydia fast schon ertappt wirkte.
„Nein, ich…ich meine, ich wollte nur sehen, wie es dir geht. Es hat mich sehr erschüttert, dass…was passiert ist.“
„Das ist sehr nett von dir, meine Teure. Abgesehen von gelegentlichen Kopfschmerzen fühle ich mich jedoch gut.“
„Wirklich? Du…fühlst dich nicht irgendwie anders?“
„Wieso sollte ich?“
Die Blondine öffnete den Mund, schloss dann aber kurz die Augen und setzte ein Lächeln auf.  „Nein, solltest du nicht…es freut mich, dass es dir gut geht. Ich bin nur angespannt, weil der Rat gespalten ist wie lange nicht mehr. Da ein Unterweltler an dem Dämonenangriff beteiligt war, wird diskutiert, den Zugang für Unterweltler in Alicante wieder zu reduzieren, wenn nicht gar wieder abzuschaffen. Der Schuldige wurde begnadigt und der Name wird unter Verschluss gehalten, zu seinem Schutz, weil er seinen Verrat durch verschiedene Dienste am Rat wieder gut gemacht hat, trotzdem ist das Vertrauen erschüttert.“
„Ich nehme an, dass Rosales sich dafür besonders stark macht“, schnaubte Magnus und ging jetzt selbst zur Minibar, um dort etwas zu mixen.

Noch so früh und schon musste er sich um Politik sorgen.

„Ein fauler Apfel verdirbt nicht gleich den ganzen Korb – oder was denkt er sonst über Valentin oder Eichner?“
„Das ist auch meine Ansicht, aber einige haben Angst…“
„…und Angst führt zu radikalem Unsinn, ich verstehe schon.“ Die Nephilim schienen einfach nicht lernfähig. Seufzend reichte Magnus Lydia ein Glas. „Wir werden wohl der Dinge harren müssen, die da kommen, so wie immer. Bis dahin sollten wir uns an den schönen Sachen im Leben erfreuen – wie der Tatsache, dass ich bald Vater werde.“
Lydia umklammerte ihr Glas mit beiden Händen. „Du wirst Toby also wirklich adoptieren?“
„Ja. Ich wollte nie Kinder, schon gar nicht alleine, aber irgendwie reifte ihn mir der Wunsch, mich doch als Vater zu versuchen – und Toby ist ein so lieber Junge. Zwar habe ich alle Zeit der Welt, aber ich will nicht noch mehr Jahrhunderte darauf warten, den idealen Partner zu finden, den es offenkundig nicht für mich zu geben scheint. Toby braucht jetzt eine Familie, nicht irgendwann in der Zukunft.“
Und Catarina kam mit Madzie ebenfalls gut klar, alleinerziehend oder nicht. Sicher konnten sie sich dabei aushelfen, dann wären sie zu viert wie eine kleine Familie.
„Ich konnte ihn eine Weile nicht sehen, weil Catarina darauf bestanden hat, mich auszukurieren, doch jetzt will ich es nicht länger hinauszögern. Die Tage gehen Catarina und ich mit ihm und Madzie auf einen Ausflug, da werde ich es ihm sagen.“ Lächelnd rührte Magnus die Flüssigkeiten in seinem Glas zu einer homogenen Mischung zusammen.
„…wenn es sich für dich richtig anfühlt, solltest du das tun“, sagte Lydia und war froh, dass Magnus gerade nicht zu ihr sah, um ihren deprimierten Gesichtsausdruck zu sehen.

Das alles hier war Alecs Leben, wäre seines gewesen…sie konnte noch immer nicht fassen, dass er fort war.

Aline, Hellen und sie hatten ebenso wie seine Familie nach einem Weg gesucht, wie man Alec vielleicht doch noch helfen konnte, bis der Rat Lydia überstimmt und es verboten hatte. Nicht, dass es sie kümmerte, sie arbeiteten dennoch weiter daran, aber es ihm Geheimen tun zu müssen, verkomplizierte alles und kostete Zeit – unnötige, frustrierende Zeit.
Dennoch war sie noch nicht gewillt, Alec aufzugeben. Sie glaubte nicht, dass er sie in so einer Situation einfach aufgeben würde.
„Du scheinst zumindest privat auch nicht klagen zu können“, sagte Magnus, was Lydia wieder aufblicken ließ.
Stirnrunzelnd folgte sie seinem Blick zum Schlafzimmer, in dem Matthew sich gerade sehr gründlich umsah. „Was? Er ist meine Leibwache, Magnus.“
„Hmhm.“
„Was hmhm? Ich brauchte eine eigene Leibwache, solange wir in besonderer Alarmbereitschaft sind, jedes Ratsmitglied hat nun eine. Und ich weiß von dir, dass er ein fähiger Mann ist“, sagte Lydia eine Spur zu schnell und klammerte sich an ihr Glas. „Mehr ist da nicht. Ich kam darauf, als ich nach Al…nach deiner letzten Party etwas angeheitert war und er mich nach Hause begleitet hat.“
„Hoffentlich war er ein Gentleman“, sagte Magnus und Lydias Herzschlag entspannte sich, da er ihren Versprecher nicht bemerkt zu haben schien.
„Und ob, obwohl ich so peinlich war…“, murmelte Lydia, die bei der Erinnerung daran doch etwas rot wurde. Matthew hatte sie bis vor die Tür begleitet, die er ihr hatte aufmachen müssen, weil sie mit einem sinnlosen Kicheranfall beschäftigt gewesen war.
„Dann hast du weise entschieden“, fand Magnus und hob sein Glas, was Lydia erwiderte.
„Da wir beide so wegweisende Lebensentscheidungen zu treffen scheinen, würde ich sagen: Auf uns.“
Während Lydia lächelnd das Glas an die Lippen setzte, erstarrte Magnus, weil seine eigenen Worte etwas in ihm auslösten, das er nicht zuordnen konnte.

Eine Art Déjà-Vu, das sich irritierenderweise nach Aufregung und einem Anfang anfühlte – und gleichzeitig nach brennendem Verlust.

~*~


Es war spät, als Andrew Lorenzos Villa betrat.
Da er Miss Lightwood so gut es ging entlasten und sie in dieser schwierigen Zeit unterstützen wollte, arbeitete Andrew inzwischen Doppelschichten, so oft es ging.
John hatte schon besorgt-kritisch angemerkt, dass er sich überarbeitete, doch Andrew machte dennoch weiter.
Einerseits, um sein schlechtes Gewissen zusammen mit den jüngsten Erinnerungen wirkungsvoll zu betäuben, andererseits, weil die Stimmung zwischen Lorenzo und ihm in letzter Zeit merkwürdig gewesen war. So ungern er es zugab, doch momentan war er im Institut lieber als Zuhause.
Dabei hatten sie die Villa inzwischen wirklich so eingerichtet, dass er sich selbst darin wiederfand: Beispielsweise gab es einen Raum für Andrews Musikanlage und Platz für seine Bücher, denn er hatte ein Faible für Mundie-Kriminalromane. Lorenzo hatte sich zwar anfangs darüber amüsiert, aber jetzt hatten sie ihren Platz neben seinen Abhandlungen über Revolutionen, Kriege und den Kunstlexika.
Außerdem hatte er einen eigenen Raum für Training bekommen, wobei Lorenzo ab und an zu ihm gestoßen war und mit ihm trainiert hatte. Er gab gerne mit seinen durchaus beachtlichen Schwertkünsten an, aber recht oft war es Andrew gelungen, ihn diesbezüglich in seine Schranken zu weisen.
Andrew vermisste diese Zeiten des Neckens, der Leichtigkeit, der Unbefangenheit…

„Du bist spät“, waren Lorenzos erste Worte, als Andrew das Wohnzimmer betrat.
Früher war Lorenzo zu so einer Zeit oft noch selbst arbeiten gewesen oder hatte schon geschlafen.
Seit Andrews Entführung war er immer da und wach, als warte er, bis der Schattenjäger nach Hause kam.

Der Hexenmeister ließ es wie einen Zufall aussehen, doch Andrew wusste, dass es keiner war.

„Ich habe noch einen Stapel Protokolle durchgesehen“, antwortete Andrew, trat zu Lorenzo und gab ihm einen Kuss, ehe er sich neben ihn setzte. „Du bist noch wach?“
„Ich hatte noch ein Telefonat, das ich wider Erwarten erst kürzlich beendet habe.“

Sicher, ein Telefonat.

Gestern war es eine Sitzung gewesen, vorgestern hatte Lorenzo noch gelesen und davor hatte er angeblich seine Regale entstaubt. Als würde der Hexenmeister selbst putzen. Langsam gingen ihm wohl die Vorwände aus, aber Andrew wollte ihn nicht drängen.
„Wie war dein Tag sonst?“
„Unspektakulär. Und deiner?“
„Ebenfalls. Nur arbeitsreich.“
„Wirklich?“
Andrew grinste schief. „Ich wurde nicht entführt, falls du das meinst.“
„Das ist nicht witzig“, sagte Lorenzo bissig, erhob sich und lief zu seiner Minibar, wo er sich Wodka pur einschenkte.

Auch etwas, was der Hexenmeister erst seit einiger Zeit praktizierte.

Eigentlich war Andrew zu erschöpft, um jetzt ein Grundsatzgespräch zu führen, aber es führte wohl kein Weg darum herum, wenn er die seltsame Stimmung zwischen Lorenzo und sich auflösen wollte. „Lorenzo, vielleicht sollten wir…darüber sprechen, was vor vier Wochen passiert ist.“
„Wieso sollten wir? Wir haben darüber geredet, was geschehen ist und es ist vorbei.“
„Es mag vorbei sein, aber darum muss es nicht unwichtig sein. Du weißt, du kannst mit mir reden, wenn dich etwas belastet.“
Mich?“ Lorenzo trank sein Glas in einem Zug leer und mahlte grimmig mit dem Kiefer. „Du wurdest entführt und gequält, warum sollte ich mich belastet fühlen?“
Behutsam erhob Andrew sich, trat vor den Hexenmeister und blickte ihn einen langen Moment an. Es war immer wieder erstaunlich, wie jemand, der so alt und klug war, so dumme Fragen stellen konnte.
„Weil ich entführt und gequält wurde“, sagte Andrew leise und hob eine Hand an Lorenzos Wange.
Gut erinnerte Andrew sich an Lorenzos betroffenen Gesichtsausdruck, der ihn sogar den Zauberglanz gekostet hatte, als er Andrew nach der Entführung, fast dem Tode nahe, gefunden und Zuhause behandelt hatte. Andrew hatte dabei an einem Punkt zu weinen begonnen, was ihm im Nachhinein sehr leid tat, denn das hatte seinem ohnehin besorgten Partner offensichtlich den Rest gegeben – aber zu hören, dass Lorenzo die Türme wirklich deaktiviert hatte, um ihn zu retten, hatte Andrew gleichermaßen gerührt wie entsetzlich geängstigt.
Er war unendlich dankbar, dass Lorenzo dank Alec begnadigt worden war und nicht sein Leben im Gard verbringen musste.
„Ich würde mich furchtbar fühlen, wäre dir das passiert und hätte Schuldgefühle, weil ich dir nicht hätte helfen können.“
„Dann ist das ein Vorwurf?“
„Natürlich nicht.“ Lorenzo schien sich mit ihm streiten zu wollen; das tat er häufiger, wenn er nicht über etwas reden wollte. Zwar hatte Andrew das schon nach ein paar Monaten Beziehung durchschaut, aber manchmal ließ er es doch eskalieren und machte mit. Lorenzo war exzellent darin, Leute auf die Palme zu bringen, wenn er es darauf anlegte.

Doch heute würde Andrew sich darauf nicht einlassen.

„Im Gegenteil. Du hast mein Leben gerettet, mich geheilt und dich um mich gekümmert. Hey.“ Lorenzo hatte sich wegdrehen wollen, doch Andrew hob auch die andere Hand und strich über Lorenzos Gesicht. Er spürte das Kitzeln der Barthaare unter seinen Händen.
„Ich danke dir für deine Hilfe.“ Er gab dem Hexer einen Kuss, woraufhin dieser kurz die Augen schloss.

Hilfe…

Lorenzo wusste sehr genau, dass er Andrew alles andere als eine Hilfe war. Die ganze Sache war noch lange nicht vergessen, doch trotz seiner Erfahrung mit einigen Kriegen und deren Opfern, überforderte ihn diese ganze Situation.
Andrew wusste wohl nicht, dass Lorenzo mitbekam, dass er jede Nacht seit der Misshandlung durch diese verabscheuungswürdigen Rebellen stundenlang wach lag, wenn er nicht bis zur Erschöpfung durcharbeitete, und selbst dann mindestens einmal in der Nacht aufschreckte.
Lorenzo merkte es jedoch sehr wohl, tat aber so, als tue er es nicht. Er wollte Andrew nicht beschämen. Manchmal nutzte er unauffällig seine Kräfte, damit sein Verlobter in Ruhe schlafen konnte.
Diese Verbrecher sollten nicht noch im Schlaf Macht über ihn haben, wenigstens das wollte Lorenzo diesem Pack nicht durchgehen lassen.

Pack, das er immer noch zu finden gedachte.

„Du warst nicht besonders dankbar, als du gehört hast, wie ich Alec geholfen habe“, sagte Lorenzo nun tonlos.
Deutlich sah er die Güte aus Andrews Augen verschwinden. „Das…war falsch. Du hast richtig gehandelt. Ich meine, es war, was er wollte.“
Kurz danach hatte er Lorenzo tatsächlich Vorwürfe gemacht, weil er Alec hatte gehen lassen, doch das war eher dem Entsetzen über die gesamte Situation geschuldet gewesen, als wirklicher Überzeugung, Lorenzo habe Schuld.
Die hatte er natürlich nicht.
„Was er wollte, war idiotisch. Was er getan hat, war idiotisch.“
Als Lorenzo Alec die Reise nach Occid ermöglicht hatte, hatte er nichts von dem gewusst, was er mit Magnus getan hatte. Nachdem Catarina Loss es ihm gesagt hatte, hatte er lange mit der Hexe gestritten, ihr sogar Konsequenzen und mit einer Anhörung vor dem Spirallabyrinth gedroht.

Umgesetzt hatte Lorenzo jedoch nichts davon.

Wieso, wusste er selbst nicht.

Vermutlich, weil er bei all dem ebenfalls zu glimpflich davon gekommen war, als dass er noch über andere richten könnte.
Schnaubend drehte Lorenzo sich weg und goss sich noch einen Drink ein, den Andrew ihm jedoch aus der Hand nahm, ehe er das Glas an die Lippen setzen konnte.
„Er hat es aus Liebe getan“, sagte Andrew und trank selbst von der klaren Flüssigkeit, während er sich wieder setzte.
„Er hat Magnus bestohlen“, grollte Lorenzo. „Und zwingt uns alle zu lügen.“ Würde jemand einfach in seinem Hirn herumpfuschen, undenkbar. Der Hexenmeister schenkte sich keinen weiteren Drink ein, sondern folgte Andrew zum Sofa zurück. „Abgesehen davon, dass er sich selbst an einen Höllenfürsten verkauft und jede Chance auf Rettung verwirkt hat. Das war hirnrissig, wie kann man nur so wenig Selbsterhaltungstrieb haben?“
„Ich verstehe Alec.“
„Was?!“ Ungläubig starrte Lorenzo seinen Verlobten an, doch dieser lächelte nur matt und trank noch einen Schluck, ehe er das Glas auf den Beistelltisch stellte und Lorenzo anblickte.
„Wir Nephilim verlieben uns einmal. Nur einmal ist es für uns wahrhaftig und dann ist es leidenschaftlich, heftig, bedingungslos. Es gibt kein Opfer, das uns dafür zu groß wäre.“ Andrew legte seine Hand auf die von Lorenzo. „Selbst, wenn es unerwidert, wenn es unsinnig, unvernünftig und gefährlich wäre.“ Der Blonde senkte gedankenverloren den Blick.
„Das ist unser Dilemma. Vielleicht unsere größte Schwäche oder aber größte Stärke. Und ich verstehe Alec deswegen, weil ich an seiner Stelle…“

Andrew wurde unterbrochen, weil Lorenzo die Arme um ihn schlang und ihn fest an sich drückte.

Er wollte diese Worte nicht hören, weil sein Herz sich dabei so sehr zusammenzog, dass es wehtat. Überhaupt wollte er so etwas nicht hören, weil es ihm zu bildhaft vor Augen führte, wie nahe der Verlust war, als würde er dieser Beziehung folgen wie ein Schatten.
Doch bei allen Dämonen, Lorenzo verstand Magnus…die Beziehung zu einem Shadowhunter war wirklich kompliziert und gleichzeitig so verzehrend, so intensiv, wie Lorenzo noch keine Beziehung und keine seiner Lieben empfunden hatte.
Obwohl er eine so unendlich hohe Meinung von sich hatte, um seine Qualitäten und Kräfte wusste, fühlte er sich Andrews Liebe in diesem Moment nicht würdig – sie war keine Gegenleistung für seine Einzigartigkeit, sondern ein Geschenk, das er offensichtlich noch lange nicht mit genug Demut zu schätzen gewusst hatte.
„Ich liebe dich“, sagte der Hexenmeister mit leiser Stimme, die eine verzweifelte Nuance trug.
Andrew lächelte gutmütig. Es tat gerade sehr gut, dies zu hören, denn Lorenzo hatte es lange nicht mehr gesagt.
„Ich liebe dich auch.“ Sanft erwiderte er die Umarmung und atmete den herben Geruch von Lorenzos Aftershave ein. Vielleicht konnte er demnächst noch einmal mit Lorenzo darüber reden nach einem Weg zu suchen, um Alec vielleicht doch irgendwie aus seiner Gefangenschaft zu befreien. Er wusste, dass zumindest Jace und Clary trotz Verbot des Rates weiter nach einer Lösung suchten und auch, wenn sie Lorenzos Hilfe nicht wollten, konnte er vielleicht helfen.
Bei Andrews letzter Nachfrage hatte der Hexenmeister allerdings selbst abwehrend reagiert; er wolle mit diesem Thema nichts mehr zu tun haben.
Andrew hoffte jedoch, dass sich seine Haltung dazu änderte, wenn er ihm noch ein wenig Zeit ließ.

,Obwohl Zeit das ist, was Alec vermutlich am wenigsten hat.‘

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