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Gefangen

von Mindy
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P16 / MaleSlash
Alexander "Alec" Lightwood Andrew Underhill Isabelle "Izzy" Lightwood Jace Wayland / Jonathan Christopher Herondale Lorenzo Rey Magnus Bane
06.06.2021
25.11.2021
20
79.167
32
Alle Kapitel
237 Reviews
Dieses Kapitel
15 Reviews
 
29.08.2021 4.129
 
Hallo zusammen,
es ist spät und vermutlich seid ihr schon alle im Bett, brav, immerhin ist morgen Montag.
Morgen ist auch Schulstart und obwohl ich die Sommerpause für beendet erkläre - denn es gibt keinen Sommer mehr dieses Jahr, soweit ich das beurteilen kann XD - ist es gut möglich, dass ich in den Wellen der Schule versinke und nicht mehr auftauche die nächste Zeit, gibt ja auch noch Mini Alec.
Und weil ich es versprochen habe - ja Juna, ich halte meine Versprechen XD - kommt heute noch mal ein Kapitel.

Viel Spaß damit und möge Malec an diesem Montag mit uns sein!❤︎

_______________________________________________________________


Das hätte Magnus wissen müssen. Alec hatte schon einmal bewiesen, dass er alles für Magnus‘ Glück und Sicherheit tun würde, selbst, wenn er es über seinen Kopf hinweg entschied. Er würde seinen Mann umbringen.

Aber erst musste er ihn retten.


„Was hast du jetzt vor?“, fragte Catarina, als Magnus nickte und sich abwandte.
„Was ich ohne eure völlig fehlgeleitete Fürsorge schon vor Wochen getan hätte: Ich hole Alexander zurück.“


~*~


Simon war niemals zuvor in einer Wüste gewesen.

Natürlich kannte er Bilder von Wüsten voller Sand und Gestein und wusste, dass es dort tagsüber sehr heiß und nachts sehr kalt werden konnte.
All dieses theoretische Wissen verblasste in Anbetracht der Erfahrung, die unendliche Weite mit eigenen Augen zu sehen, die trocken-heiße Luft selbst einzuatmen – auch, wenn er eigentlich nicht atmen müsste – und die flimmernde Sonne auf der Haut zu spüren.
„Das Paradies für jeden Vampir“, sagte er ironisch und schirmte mit der Hand die Augen ab.
Dank seiner Vampirsicht, konnte er wirklich weit sehen, doch da war nicht viel: Ein strahlend blauer Himmel, der überall nahtlos in eine hügelige, beige-gelbe Sandlandschaft überzugehen schien, stellenweise durchsetzt von dunklerem, roten Sand.
In den unterschiedlich hohen, halbmondförmigen Dünen zogen sich in beeindruckender Präzision wellenförmige Linien durch den Sand, als wäre eine Armee von Schlangen kurz zuvor hindurch gekrochen.
Irgendwo in der Ferne glaubte Simon, einen knochigen Baum zu erkennen, doch ansonsten sah er nichts.

Keine Menschen, keine Pflanzen, keine Tiere.

„Dies ist die Victoria-Wüste, die größte Wüste Australiens“, teilte Lorenzo ihnen mit, als das Portal sich hinter ihm schloss. „Ich habe sie ausgesucht, weil hier so gut wie kein menschliches Leben in nächster Nähe existiert.“
Immerhin gedachten sie ein Tor zur Hölle zu öffnen. Dies war derart absurd, dass es nicht einmal offiziell verboten war, weil Lorenzo noch nie gehört hatte, dass jemand es vermocht – oder versucht – hätte.
„Wurden hier nicht sogar mal Atomwaffen getestet?“, meinte Clary sich aus etwas aus dem Schulunterricht zu erinnern, woraufhin Lorenzo nickte.
„In der Tat, in den 50er Jahren, doch mit radioaktivem Niederschlag ist derzeit nicht zu rechnen.“
„Tröstend“, sagte Izzy mit einem halbherzigen Lächeln.

Als die kleine Gruppe durch den Sand stapfte, mussten sie sich heftig dagegen stemmen, um nicht einzusinken. Es war, als beanspruche der Sand einen Teil von ihnen dafür, dass sie über ihn liefen.
„Ist Ihnen nicht warm?“, fragte Simon an Lorenzo gewandt, der über dem dunklen Hemd das gewohnte schwarze Jackett trug.
Clary und Jace hatten ihre Jacken im Institut gelassen, dennoch trugen sie alle etwas mit langen Ärmeln.
„Als gebürtiger Spanier sind mir solche Temperaturen nicht fremd. Dazu kommt, dass Kleidung wichtig ist, sie verhindert eine zu schnelle Dehydration.“ Er hielt inne und sah sich um. „Nun denn, Clary, geeigneter wird der Ort nicht mehr. Sie dürfen beginnen.“
In seiner Stimme schwang unverhohlene Skepsis mit, woraufhin Andrew ihm einen Blick zuwarf, der ihn um Geduld bat.
„Konzentrieren Sie Ihre Gedanken bei der Öffnung auf Occid, damit das Tor mit dem richtigen Zugang erscheint.“
Nickend wischte Clary sich über die Stirn und holte ihre Stele hervor. Es war ermutigend, dass sie in den Mienen von Jace, Isabelle und Simon eindeutig ablesen konnte, wie sehr sie ihr und ihren Fähigkeiten vertrauten.

Wenn sie nicht an ihr zweifelten, sollte sie es ebenso wenig tun.

Tief durchatmend beugte sie sich zum Sand hinunter.
Sie glaubte, an einer Stelle ein Funkeln wahrzunehmen, also blickte sie zu Jace, woraufhin dieser sich ebenfalls zu ihr beugte und ihre Hand ergriff.
„Ich bin bei dir, immer“, sagte er hingebungsvoll, was Clary ein warmes Lächeln entlockte.
Als sie Jace‘ Hand drückte, spürte sie die Wärme seiner Haut ihren Arm entlang kriechen und sich überall ausbreiten, als würde er ihren Körper mit sanften Küssen bedecken.
Jede Rune an ihrem Körper begann zu leuchten, ebenso wie die an seinem Körper. Deutlich schimmerte ihr goldenes Licht durch ihre Kleidung.
Clary schluckte trocken, weil nicht nur die Stärke ihrer verbundenen Kräfte durch ihren Körper rauschte, sondern ebenso die tiefe Liebe, die sie für Jace empfand und die stärker war als alles andere.
Und sie wusste, dass Jace in diesem Augenblick genau das Gleiche dachte und fühlte:

Was sie hier miteinander verbanden, ging über ihr Blut und ihre Körper hinaus.

Niemand sprach, denn dieses Ritual schien etwas so Intimes an sich zu haben, dass selbst zu lautes Atmen einem Affront geglichen hätte.
Simon verstand jetzt vielleicht zum ersten Mal aufrichtig, wieso Clary sich niemals für ihn hätte entscheiden können.
Nephilim banden sich nur ein einziges Mal wahrhaftig an jemanden und es war eindeutig, dass Jace sich mit seiner ganzen Existenz Clary verschrieben hatte, so wie sie ihn von ganzem Herzen liebte.

Wie damals spürte Clary die gebündelte Kraft ihrer beider Runen und begann die Rune zu zeichnen, die sie vor sich sah. Sie erinnerte an einen halbfertig gezeichneten Notenschlüssel, in den ein auf der Seite liegendes großes A mit Schlaufen an den Enden hinein geschoben worden war.
Energie pulsierte durch ihren Körper und sie spürte den Sand unter sich erbeben. Trotz Jace‘ Hilfe zitterte die Stele in ihrer Hand bedenklich vor Anstrengung, während sie tapfer weiter zeichnete, bis die Rune in roten und goldenen Tönen leuchtete.
Tief durchatmend ließ Clary die Stele sinken.
Als sie sich wieder aufrichtete, leicht schwankend, stützte Jace sie, wofür sie ihm einen dankbaren Blick zuwarf.
„Und du bist sicher, dass sowas in Ordnung ist?“, hakte Simon besorgt nach. „Ich meine, Nephilim und Unterweltler zu verbinden geht zu weit, aber ein Tor zur Hölle öffnen ist okay?“
Seltsame Werte hatten diese Engel.
„Wenn Lorenzo Recht hat, dann existieren diese Tore genau für den Zweck, für den wir es nutzen wollen“, sagte Clary und trat mit Jace einen großen Schritt zurück. „Um jemanden in höchster Not oder gerechterweise aus der Hölle zu retten.“
Gerade wollte Lorenzo diese jungen Gemüter belehren, dass er sich so gut wie nie irrte, als der Boden so heftig zu beben begann, dass Sand in Strömen die Dünen hinunter rieselte.
Reflexartig griff Andrew nach Lorenzos Arm, als der Hexenmeister ins Straucheln geriet.
„Also irgendetwas macht die Rune definitiv“, sagte Simon und beobachtete gebannt, wie die Stelle, auf die Clary ihre Rune gezeichnet hatte, zu einem immer größeren Hügel heranwuchs.
Er benötigte einen Moment, um zu begreifen, dass es nicht der Sand war, der in die Höhe stieg, sondern er von etwas getragen wurde, das darunter herausbrach. Rechts und links arbeiteten sich weiße Marmorsäulen aus der Düne, die einen runden, grauen Torbogen flankierten.
Im Gegensatz zu dem massiven Gestein der Säulen wirkte er geradezu rissig und unendlich viel älter als alles, was man in ihrer Dimension kannte.
„Beim Engel“, sagte Izzy und hauchte es nur, als könnte ein zu lautes Geräusch in dieser unendlichen Weite aus Sand und Staub die ganze Prozedur plötzlich stoppen. Statt einer irgendwie gearteten Tür, befand sich in dem Torbogen eine silbrig-rote Oberfläche, die zu glänzen schien wie ein Spiegel oder eine Fensterscheibe, ohne jedoch etwas von ihrem Umfeld zu reflektieren.

Schließlich ebbte das Beben ab, der Sand rieselte nur noch vereinzelt von dem Tor herab und die gespenstische Stille von zuvor ergriff wieder Besitz von der Umgebung.
„Unglaublich“, murmelte Andrew mit großen Augen.
„Ein Tor in die Hölle hätte ich mir anders vorgestellt“, musste Simon zugeben und lief ein wenig, um das Tor von allen Seiten zu betrachten. Wenn man genau hinschaute, sah man hinter der milchigen Oberfläche Umrisse einer dunklen Umgebung und von Gestein.
„Und wie?“, erkundigte Lorenzo sich mit ironischem Unterton. „Pechschwarz, aus einem See aus Blut aufsteigend?“
„Nicht unbedingt, aber…vielleicht aus Schädeln, die miteinander reden, wie in Hinter dem Horizont oder als dunkle Höhle aus verwittertem Stein wie in dem billigen Horrorstreifen, den ich letztens gesehen habe – aber nicht wie eine Mischung aus Altar und Stargate.“
„Mir egal, wie es aussieht, solange es seinen Zweck tut“, meinte Jace, der sowieso nur die Hälfte von dem verstanden hatte, was Simon gesagt hatte. Er verteilte das Elbenkraut.
„Ihr müsst es erst ausführlich kauen, ehe ihr es schluckt“, wies er sie an.
Als er zu Andrew gelangte, hob Lorenzo den Arm dazwischen, was Andrew verwundert die Stirn runzeln ließ.
„Andrew und ich begleiten Sie nicht auf Ihrem Ausflug.“
„Wieso nicht? Kalte Füße?“, fragte Jace provozierend.
Er wusste eigentlich sehr genau, dass der Hexenmeister ihnen hier eine unschätzbare Hilfe war, genau wie letztes Mal, als es um Magnus gegangen war. Insofern sollte Jace seine kindische Feindseligkeit ablegen, doch das gelang ihm nicht; trotz allem konnte Jace nicht verschmerzen, dass Alec Lorenzo in seinen ganzen Plan damals eingeweiht hatte, ihn jedoch nicht. Der Hexenmeister trug Schuld an all dem, so nachvollziehbar die Rettung seines Verlobten gewesen war.
„Mitnichten, doch dieses Tor ermöglicht nicht nur, nach Occid hinein zu gehen, sondern es könnte auch etwas herauskommen“, erklärte Lorenzo, erwiderte Jace‘ herausfordernden Blick unbeeindruckt. „Jemand muss es bewachen, um zu verhindern, dass Dämonen hinaus gelangen können – und im Notfall muss es geschlossen werden.“
„Das können Sie?“, fragte Clary, die sich über die Schließung ehrlicherweise noch keine Gedanken gemacht hatte, woraufhin Lorenzo nickte.
„Ein interessanter Mechanismus. Nur ein Engel oder Nephilim kann das Tor öffnen, geschlossen werden kann es jedoch von jemandem mit Dämonenblut. Es ist zwingend notwendig, dass ich es schließe, sollte Ihr Plan fehlschlagen und statt Ihrer eine Dämonenarmee hier hindurchspazieren wollen.“
„Und wie sollen wir Alec finden, wenn Sie nicht mitgehen?“, fragte Izzy, woraufhin Lorenzo ihr einen Zettel reichte.
„Ich habe diese Feuernachricht vor unserer Abreise präpariert. Sie enthält genug meiner Magie. Sobald Sie die Nachricht abschicken, wird sie Alec finden. Sie müssen sich freilich beeilen, ihr zu folgen, der Verzögerungszauber darauf mäßigt nur bedingt.“

Offenbar hatte Lorenzo all das schon lange geplant.

„Er kommt mit“, sagte Jace entschieden, ergriff Andrews Hand und drückte das Kraut hinein.
„Denn wenn der Herr Hexenmeister es leid wird zu warten, schließt er das Tor und wir sitzen da unten fest.“
„Nein, das würde er nicht“, sagte Simon mit unsicherem Lächeln und blickte zu Lorenzo, der jedoch nichts sagte. „Was, das würden Sie?!“
„Klar, denn wir interessieren ihn genauso wenig wie Alec“, kam Jace einer Antwort des Hexers zuvor. „Aber Underhill wird er nicht so einfach dem Verderben ausliefern.“
„Mäßige endlich mal deinen unverschämten Ton – und rede vor allem nicht so einen Unsinn“, sagte Andrew gereizt, obwohl er wusste, dass es stimmte.
Würde Lorenzo eine Gefahr in diesem Tor sehen, würde er es schließen, gleichgültig, was aus ihnen wurde – vielleicht sogar aus ihm. „Und selbst wenn, Lorenzo hätte vollkommen Recht damit.“
„Es stimmt, kein einzelner Nephilim ist es wert, dafür eine Invasion aus Occid zu riskieren“, sagte Izzy, obwohl ihre Zunge sich dabei schwer anfühlte wie Blei.

Dennoch hatten sie alle eine Verantwortung für diese Welt, die über ihre eigenen Interessen hinausging.

„Wenn es zu gefährlich wird, Lorenzo, schließen Sie das Tor.“
Anerkennend neigte Lorenzo den Kopf. „Ich wusste immer, dass Sie außergewöhnlich fähig sind, Isabelle.“ Er drehte sich erleichtert zu Andrew, als dieser sich gerade das Kraut in den Mund schob und zu kauen begann.
Entsetzt riss der Hexenmeister die Augen auf.
„Andrew, was tust du da?!“, zischte Lorenzo und zog den Schattenjäger grob ein Stück zur Seite. „Hast du nicht zugehört?! Sie sagte…“
„Ich weiß, was sie sagte – und sie hat Recht. Ebenso wie du. Dennoch gehe ich mit. Ich wäre dir hier draußen keine Hilfe, denn das Tor schließen kannst du alleine, aber sie brauchen jedes Schwert.“ Er hob die Hand an Lorenzos Wange und strich darüber.
„Ich weiß, dass du mich beschützen willst und ich liebe dich dafür. Warte auf mich, solange es dir gefahrlos möglich ist. Wenn du mir das versprichst, verspreche ich, alles zu tun, um zu dir zurückzukehren.“
In Andrews Blick sah Lorenzo, dass der Schattenjäger sich bereits entschieden hatte und Lorenzo musste diese Entscheidung wohl oder übel respektieren. Diese Aufgabe, diese Pflicht, gehörte eben zu Andrew, ob es Lorenzo gefiel oder nicht.

Und doch…

„Qué demonios…ich verstehe euch Nephilim einfach nicht!“
„Ist es nicht das, was dich so an mir fasziniert?“, schmunzelte Andrew neckend.
„Falsch, es frustriert mich.“ Lorenzo schnippte mit dem Finger und trug plötzlich eine lange Kutte in mattem Weiß, die sehr weit war und seinen Körper vollständig bedeckte. Dazu kam eine Kapuze, die er sich bis in die Stirn zog. Wenn er einige Zeit hier ausharren musste, sollte er entsprechend gekleidet sein.
„…ich verspreche zu warten, Cariño.“
Die Worte waren leise, aber Andrew verstand jede Silbe, denn sie drangen nicht nur an sein Ohr, sondern tief in sein Herz.
Lächelnd küsste er den Hexenmeister und legte all seine tiefe Liebe für ihn in diesen Kuss, der vielleicht ihr letzter sein würde.
„Na dann los, gehen wir“, sagte Izzy entschlossen und machte eine einladende Geste mit dem Arm, ehe sie Clary zuzwinkerte. „Immerhin haben wir in ein paar Tagen unsere Parabatai-Zeremonie und ich will nicht zu spät kommen. Das sieht der Rat gar nicht gerne.“
„Der Rat wird uns vermutlich entrunen, wenn er von all dem erfährt“, sagte Jace, machte aber ein Gesicht, als fände er diesen Gedanken äußerst amüsant.
„Unsinn, wir retten den Inquisitor, wir werden als Helden zurückkehren“, sagte Clary entschlossen, während ihre Freunde sich neben ihr positionierten.
Seite an Seite glitten sie durch den Schleier, der sich gegen Clarys Erwartung warm anfühlte.

Die kleine, zynische Stimme in ihrem Kopf, die ihr Falls ihr zurückkehrt zuraunte, ignorierte sie standhaft.

~*~


Occid war ein einziges Chaos, als Magnus es betrat.

Er kannte die Dimension nicht, daher hatte er sich nicht zielsicher zum Haus seines Vaters begeben können.
Trotz seiner Unkenntnis war jedoch eindeutig, dass etwas nicht stimmte: In der Ferne sah er gewaltige Hügel, auf denen tausende Dämonen verschiedener Größe und Form aufeinander losgingen und sich gegenseitig zerfetzten.
Die Geräusche des Kampfes, wie sie sich schlugen, aufschlitzten, bespuckten, bissen und in Stücke rissen, dazu beständige tiefe und schrille Schreie, drangen deutlich an Magnus‘ Ohr, obwohl er so weit weg von dem Kampfgeschehen stand.
Er schlug eilig einen Weg abseits ein, um nicht zwischen die Fronten zu geraten, doch auch hier war der Boden bereits voller Blut.
Das war mehr als einer der üblichen Konflikte, wie sie in einer Höllendimension zwischen Dämonen zwangsläufig entbrannten.

Es war größer.

,Ein Krieg? Doch wen bekämpft Vater mit einer solchen Armee?‘
Welcher Fürst könnte ihm so gefährlich werden, dass Asmodeus augenscheinlich seine gesamte Dienerschaft mobilisierte, um sich zur Wehr zu setzen?
Doch was immer hier vor sich ging, Magnus konnte und wollte sich jetzt nicht darum kümmern.

Er musste Alec finden.

Mit klopfendem Herzen umfasste er seinen Ehering und betete, obwohl er in einer Höllendimension war, dass sein Ehemann noch immer lebte.
Es war eine unrealistische Hoffnung, denn warum sollte sein Vater Alec so viele Wochen am Leben lassen, wenn er damit doch nicht an sein Ziel – Magnus her zu zwingen – gelangen konnte?
Konnte eine Rune ihm wirklich ermöglichen, eine so lange Zeit hier unten unbeschadet zu überstehen?

Unwahrscheinlich.

Dennoch betete Magnus stumm und verbissen.

Als sein Suchzauber tatsächlich die wunderbare silbern-leuchtende Energiesignatur seines geliebten Ehemannes fand, wäre Magnus am liebsten auf die Knie gefallen vor Erleichterung.
Zu tief hatte die Anspannung der Ungewissheit in seinem Körper gesteckt wie Schrapnell, seit er von Catarina die Wahrheit erfahren hatte.
„Bei allen Engeln und Dämonen, danke, ich danke euch!“, entfuhr es ihm erstickt, während ein Zittern durch seinen Körper lief. Solange Alec lebte, konnte alles gut werden.
Ironisch, dass Alec so wohl auch über Magnus‘ Leben gedacht hatte, als er diesen hirnrissigen Pakt eingegangen war.

Doch dies würde er seinem Ehemann gleich erklären.

~*~


Gedankenverloren blickte Alec aus dem Fenster, die Waffen neben sich auf einem Tisch.
Asmodeus hatte gemeint, es würde noch Tage dauern, bis die Schlacht sein Domizil erreiche, doch Alec glaubte dies nicht.

Sie hatten bestenfalls Stunden.

Stunden, in denen er nur in die dunkelblaue Finsternis starren konnte, die ihm in den letzten Wochen so vertraut geworden war, darauf wartend, dass die Dämonen ihn holen kamen.

„Alexander!“

Als Alec sich herumdrehte und Magnus entdeckte, zeichnete sich aufrichtige Überraschung in seinem Gesicht ab.
Magnus hatte ein Déjà-vu, nur in umgekehrter Form; dieses Mal war er es, der seinen Geliebten aus der Hölle zu befreien gedachte und beim Eindringen in den Raum von Erleichterung durchflutet wurde wie von Sonnenlicht, weil es seinem Ehemann augenscheinlich gut ging.
„Magnus?!“
Ob Magnus damals ebenso aufrichtig ungläubig und gleichzeitig freudig geschaut hatte, als Alec in Edom aufgetaucht war?

Es kümmerte den Hexenmeister nicht.

Mit ausgreifenden Schritten eilte er auf Alec zu, der ihm ebenso schnell entgegen kam, bis sie einander förmlich in die Arme sprangen.
Magnus musste kurz die Augen schließen, weil ihn Dankbarkeit und Glück überwältigten, so dass ihm ganz schwindlig wurde.
Das Spektrum an Gefühlen, das er mit Alec nach all diesen Jahrhunderten wieder erkundete, in all seinen Extremen und Facetten, raubte ihm fast die Sinne. Kein Wunder, dass er ihn nicht gänzlich hatte vergessen können, trotz gestohlener Erinnerungen.
Tief durchatmend drückte er den Nephilim an sich.
Alec ging es nicht anders, denn dieses Mal hatte er wahrhaftig geglaubt, ihr letzter Abschied wäre für immer gewesen.
„Ich dachte, ich würde dich nie wieder sehen“, sagte Alec voll tiefer Demut an Magnus‘ Ohr und drückte ihn noch etwas fester an sich.
,Moment…‘ Es dürfte gar nicht sein, dass er Magnus wieder sah.
Obwohl er lieber weiter in dem zarten Duft nach Sandelholz baden und seinen Mann an seine Brust pressen würde, um seinen Herzschlag zu spüren, löste er die Umarmung und blickte den Hexer an.
„Wieso…wie kann es sein, dass du hier bist?“
„Ich erkläre es dir gleich, aber erst: Wo ist das Scheusal, das sich meinen Vater schimpft?“ Wachsam blickte Magnus sich um.
„Er ist gerade nicht hier, ich weiß aber nicht, wo er ist“, erwiderte Alec, nahm nur widerwillig die Hände von Magnus‘ Armen, als dieser einige Schritte im Raum hin und her lief und den Blick schweifen ließ. „Ich vermute, er koordiniert die Schlacht. Hier unten ist ein Krieg ausgebrochen...“
„Ich habe es schon gesehen, doch die Kämpfe sind noch fern. Ich denke daher, wir haben Zeit dafür.“
„Zeit f…?“

Mit grimmigem Gesicht fuhr Magnus herum und verpasste Alec eine Ohrfeige.

Der Hexenmeister hatte sich die Zeit genommen, seinen Ring abzuziehen, ehe er diese überfällige Handlung vollzog, aber an Kraft sparte er dennoch nicht.
Der Schlag ließ Alec kurz zusammen zucken. „Au!“, rief er und fasste sich reflexartig an die Wange, bewegte dabei leicht den Kiefer.
So hatte Magnus ihn noch nie geschlagen, generell wurde Magnus‘ bei Streitereien nicht gewalttätig, nur eben laut und aufbrausend…manchmal explodierten Gegenstände.
Dennoch fragte Alec nicht, denn er wusste genau, wofür er die Ohrfeige bekommen hatte und ebenso, dass sie mehr als verdient war.
Allerdings war Magnus nicht gewillt, es dabei zu belassen.
„Wie konntest du das tun?!“, sagte Magnus mit vor Zorn bebender Stimme. „Dich in die Hand meines Vaters begeben, ganz alleine, was er dir alles hätte antun können…“ Wenn er das nicht getan hatte, doch zumindest dem Anschein nach schien Alec unverletzt. Oberflächlich zumindest.

Alec öffnete den Mund.

Das war es, was Magnus so wütend machte?

Okay: Darauf hatte er eine Antwort.

„Es geht mir gut, Magnus. Davon abgesehen dachte ich, du hättest das bei unserer Hochzeit verstanden! Nephilim lieben nur einmal und das rücksichtslos und verzehrend. Ich würde alles tun, um dein Leben zu retten und das habe ich getan! Du gingst schließlich ebenfalls in die Hölle, um mich und alle zu retten“, erinnerte Alec und gestikulierte ungewohnt heftig.
Hart presste Magnus die Kieferknochen zusammen. „Schön, das mag stimmen – aber mir meine Erinnerungen zu nehmen, wie konntest du mich so niederträchtig hintergehen?!“

Mist, da war es doch…vielleicht konnte Alec aber auch darauf antworten.

„Ich wollte dich nicht hintergehen, sondern beschützen! Ich wusste, du würdest mir folgen und ich hatte Angst davor – Angst, dass dein schlimmster Alptraum wahr wird und du mit deinem Vater zusammen sein musst, auf ewig! Wie hätte ich das verantworten können?“
„Und dann entscheidest du, mir ein Stück meiner Selbst zu stehlen?!“, donnerte Magnus zornig.
Ein Bücherstapel neben ihm explodierte, doch Magnus ignorierte es ebenso wie die qualmenden Buchseiten, die jetzt durch die Luft flogen wie Konfetti.
„Ja, eine Konfrontation mit meinem Vater ist das schlimmste Szenario für mich und doch wäre es meine Entscheidung gewesen und du hattest kein Recht, mir diese Freiheit zu nehmen! Mir das anzutun, Alexander…“ Magnus holte tief Luft.
„Ich habe keine Worte für diesen…diesen bodenlosen Verrat, diese verachtenswerte, perfide, hinterlistige, schändliche Tat!“

Gut, vielleicht hatte er doch ein paar Worte.

Jetzt zuckte Alec heftig zusammen.
Die Reue stand ihm ebenso eindeutig ins Gesicht geschrieben wie Worte in einem Roman, was Magnus mit Genugtuung registrierte.
„Oder bist du anderer Ansicht?!“
Alec schwieg, fuhr fahrig mit der Zungenspitze über die trockenen Lippen und schüttelte den Kopf. Er wirkte, als würde er am liebsten Teil der Asche werden, die den Boden stellenweise bedeckte.
„Hast du gar nichts dazu zu sagen, Alec?!“
„…es tut mir leid…“, sagte Alec tonlos. „Du hast Recht.“
Das wusste Magnus und er hörte es gerne, aber so machte Streiten keinen Spaß. „Fahre fort.“
„…du hast…wirklich Recht.“
„Mit?“
Alec schnaubte, obwohl er gegen seinen Willen schmunzeln musste, weil er sich an ihren allerersten Streit erinnert fühlte. Nur, dass er dieses Mal wesentlich größeren Mist gebaut hatte als damals und keine zwei Stunden vor einem Spiegel hatte, um die Entschuldigung zu proben.
Unsicher fuhr er sich durchs Haar. „Ja, es stimmt: Ich wusste, dass es moralisch falsch war, dir einfach die Erinnerungen zu nehmen und dich so zu zwingen, in Sicherheit zu bleiben, aber ich musste es tun, um dich zu beschützen…denn ich wusste, würdest du dich erinnern, würdest du kommen und dein Vater…“
„Ist ein Monster und doch gibt es nichts Schlimmeres für mich, als dich zu verlieren, Alexander!“, unterbrach Magnus den Shadowhunter eindringlich, denn dessen Beweggründe waren nur allzu verständlich für ihn. Eine dumme Entscheidung war es dennoch gewesen.
„Das solltest du inzwischen wahrlich wissen. Und wie du siehst, habe ich mich dennoch erinnert, darum musste Catarina alles rückgängig machen – und natürlich bin ich jetzt hier.“
„Du hast dich trotzdem wieder an mich erinnert? Wie kann das überhaupt sein?“, fragte Alec ungläubig und der treue Blick aus diesen wundervollen hellen Augen ließ Magnus‘ Wut gegen seinen Willen schmelzen wie das bemitleidenswerte Eis an den Polarkappen.
Er hob die Hand an Alecs Wange, jene, die er zuvor geschlagen hatte, und strich versöhnlich darüber. „Das ist der ultimative Beweis, dass ich dich niemals vergessen könnte, Alexander. Ich liebe dich, mehr als alles, und diese Liebe existiert in meiner Seele. Das kann man nicht aus jemandem herausreißen, mit keiner Kraft dieser Welt.“
„Ich liebe dich auch, Magnus“, sagte Alec und drückte sich gegen Magnus‘ Handfläche.
Er könnte schwören, dass Magnus ihm gerade das Pochen nahm, welches die Ohrfeige verursacht hatte, doch er kommentierte es nicht.

Weniger reden war immer klug, wenn Magnus sauer war.

„Das weiß ich“, sagte Magnus lächelnd, obwohl sein Blick ernst war. „Und es ist momentan höchst irritierend für mich, wie sehr ich dich liebe und wie wütend ich gleichzeitig auf dich bin. Dir muss bewusst sein, sobald wir wieder Zuhause sind, werden wir über all das noch einmal sprechen; ich werde dich anschreien, Sachen werfen, sie explodieren lassen und einige Wochen voller Schmollen und vielleicht Ignorieren brauchen, um dir diesen maßlosen Verrat vergeben zu können.“
„Das verstehe ich“, sagte Alec sofort und nickte, hob die Hände und umfasste damit Magnus‘ Hand. „Solange du mir am Ende verzeihen kannst…“
„…“ Das sollte Magnus vielleicht nicht, vermutlich sollte es ihn sogar schockieren, welche Grenzen Alec bereit war zu übertreten, um Magnus zu beschützen, doch das tat es nicht.
Vielleicht sprach das nicht für Magnus, aber er liebte Alec für diese Hingabe und den kompromisslosen Willen, jene zu beschützen, die er liebte – und allen voran ihn.
Und Magnus wusste, dass in Alecs Tat kein Quäntchen Egoismus gelegen hatte – Alec hatte rein aus Liebe gehandelt.

Liebe zu ihm.

„Wie könnte ich dir auch nicht verzeihen, du dummer, törichter, anbetungswürdiger Nephilim“, grummelte Magnus zerknirscht und zog Alec zu sich, noch ehe dieser sich über die merkwürdige Kombination aus Attributen wundern konnte.

Als sie sich innig küssten, existierte einen Moment nichts und niemand mehr um sie herum; nicht Occid, nicht die Dämonen, nicht das Feuer, nicht Asmodeus – nur Alec und Magnus Lightwood-Bane, die einander einmal wieder gefunden hatten und fest entschlossen waren, sich nicht mehr trennen zu lassen.

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