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Vom Zauber einer orientalischen Nacht

GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / Het
04.06.2021
25.07.2021
30
74.107
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22.07.2021 4.139
 
... da ist es geschehen ...


Eigentlich unnütz zu schreiben, dass ich natürlich wieder die ganze Nacht über nicht schlafen konnte. Oh, diese Gedanken… schon allein an diese eine Berührung. Unwillkürlich strich ich mir über die Stelle an der Wange. So leicht war sie gewesen und auch so … so zärtlich. Ja, konnte es sein, dass er …? Nein, niemals! Ulrich Hensel würde sich niemals in mich verlieben. In eine wie mich? Ich war doch so … so kindlich, verpeilt, unfertig, gar nicht reif dafür, dass sich jemand wie Ulrich Hensel in mich verliebte. Er, er brauchte eine gestandene Frau, eine, die mit beiden Beinen im Leben stand. Nein, er war nicht in mich verliebt, überhaupt nicht. Und doch war da diese Berührung gewesen und er hatte mich Prinzessin genannt. Prinzessin. Und Sylva hatte gesagt, dass ich seine Prinzessin sei und dabei ganz komisch gelächelt. Natürlich war er mein Sterndeuter. Meiner, meiner, meiner … Und natürlich wollte ich mir von ihm die Sterne erklären lassen. Die Sterne am Himmel, auch wenn Sylva doch leicht provozierend gefragt hatte, um welche Sterne es sich handelte. Ach, Sylva! Wo gab es denn noch Sterne außer am Himmel? Oder meinte sie damit, dass wir uns näherkommen würden, wenn wir gemeinsam unter dem Sternenzelt säßen. Näher kommen …

Mein Herz raste und ich rieb mir die Augen. Dann starrte ich in die Finsternis. Die Nacht war so lang und auch so warm – fast heiß. Und ich deckte mich auf, legte meine Hände auf meine Brust. Das tat ich immer, wenn ich mich zu beruhigen suchte. Aber diesmal gelang es mir nicht.

Die Gedanken waren da und auch richtig dumme kamen hinzu. Richtig, richtig dumme. Was, wenn ich jetzt einfach aufstehen und zu ihm gehen würde. Was, wenn … Weiter wollte ich nicht denken. Aber wie diese Bilder stoppen? Sie rasten auf mich ein. Es nützte nichts, die Augen zu schließen, denn dann traten sie mir nur umso deutlicher, leuchtender, greller, drängender entgegen, gerade so, als warteten sie nur darauf, Wirklichkeit zu werden. Aber ich musste warten … warten … und das noch so viele Stunden lang. So lange … einen Tag und einen ganzen Abend, ehe ich ihn wiedersehen würde.

Es wird schön werden, sagte er. Und wir hatten uns bei unseren Vornamen genannt, so wie damals im Palast des Sin-Kaschid. Und er war mir nähergekommen, so nah dass ich seinen Struwwelkopf vor mir hatte. Richtig süß hatte er ausgesehen. Ein verschlafener Sterndeuter, der den nächtlichen Weckruf nicht gehört hatte und nun zu spät zur Arbeit kam … So ein Sterndeuter war er …

Hätte ich all das, was mir jetzt geschah, schon damals, in diesen Sekunden, da ich während der Konferenz vor ihm gestanden hatte, gewusst, dann … dann hätte ich mich für verrückt gehalten. Ein Mann hatte da vor mir gestanden, ein Mann, den ich nicht gekannt und dessen Namen ich nur mit Mühe hatte entziffern können, weil ich mich nicht getraut hatte, ihn direkt und so lange anzusehen. Ich hatte ja auch keine Veranlassung dazu gehabt. Gar keine … Und nun war es so leicht, ihn anzusehen, ihn anzulächeln.

Ich biss mir auf die Unterlippe. Ja, mit all dem, was ich da gerade erlebte, hätte ich niemals gerechnet. Niemals. Damals, als ich vor ihm gestanden und ihm dieses durchweichte Papier hatte geben wollen, da dachte ich, dass ich ihn nie nie wiedersehen würde. Für immer verloren. Und dann war meine Ex-Chefin, an die ich im Grunde nicht mehr denken wollte, auf mich zugekommen und hatte mir dieses Stellenangebot gegeben. Musste ich ihr dafür dankbar sein? Dieser verrückten alten Schabracke! Vielleicht – auch wenn sie mich auf einen falschen Weg hatte leiten wollen. Aber wie es aussah, hatte ich es trotzdem geschafft und noch viel, viel mehr … Ja, im Grunde war sie es, die mir den Wink in die richtige Richtung gegeben hatte. Denn nun konnte ich aufatmen …

… und ich hätte Ruhe gefunden und schlafen können, wenn nicht ... Aber es war zwecklos! Selbst meine andere Entspannungsmethode funktionierte nicht: mich neben Alain Delon in dessen Bugatti zu setzen und mit ihm über die nächtliche Autobahn zu rasen. Das tat ich schon als Jugendliche, nachdem ich ihn in einigen Filmen gesehen hatte …Guter Schauspieler, verwegen, charmant Damals erträumte ich mir natürlich mehr, wenn wir durch die Nacht jagten; jetzt war es nur noch ein Mittel, um ruhiger zu werden. Ich mochte nächtliche Autofahrten … Doch jetzt wollte es eben nicht recht klappen: Zwar saß ich neben ihm, er gab auch Gas, doch kaum blickte ich in Gedanken aus dem Autofenster und sah die Nacht an mir vorbeirasen, trat mir sein Gesicht vor Augen und schon war ich wieder hellwach. Nein, an Schlaf war nicht zu denken. Und so war ich auch am nächsten Morgen mehr als müde, richtiggehend zerschlagen, und wusste nicht, wie ich es schaffen sollte, so lange wach zu bleiben. So lang, bis … bis …

Beim Mittagessen hatte ich es mich zuerst nicht gewagt, auch nur einen Blick in Richtung Stirnseite des Tischs zu werfen, weil ich wusste, dass er da saß, neben sich dieses Mädel, das ihn wieder und wieder bequatschte. Womit eigentlich? Sie beugte sich dabei so weit vor; fast konnte man meinen, sie wolle in ihn hineinkriechen. Und als ich doch einmal genauer hinsah, weil sie so laut lachte, dass es mir in den Ohren klirrte, bemerkte ich, dass auch er ihr zugewandt war und sie anlächelte. Und schon durchzuckte es mich wieder, doch ich mahnte mich zur Ruhe. Er hatte mich eingeladen, nicht sie, die Nacht mit ihm zu verbringen … Oh, wie sich das anhörte! Aber das würden wir: die Nacht miteinander verbringen. Ich holte mehrere Mal tief Luft, um mich zu beruhigen und sah zu Sylva hinüber, die jedoch in ein Gespräch mit Peter vertieft war. Ich verstand nur Fetzen: Phil … Quantenphysik … Frage nach der Realität, in der wir leben, aus der Quantenphysik erklärt … Modifikation der Schrödinger-Gleichung … Ich verstand von all dem nichtsPeter schien jedoch hoch interessiert, denn er hatte sich Sylva voll zugewandt, während Lenni daneben hockte und seine Suppe löffelte. Rasch drehte ich mich weg, fuhr mir mit der Hand über den Mund, den Hals und sah wieder zur Stirnseite des Tischs – ein Fehler, denn just in dem Moment hob er den Blick und … und … wir sahen uns an und mein Herz begann zu rasen und als er sich plötzlich mit dem Daumen über den leicht geöffneten Mund fuhr, wurde ich wieder rot und musste den Blick abwenden.

… ich weiß nicht, wie ich den Nachmittag hinter mich brachte und dann das Abendessen. Ich war todmüde und gleichzeitig so aufgeregt, dass ich mich so fühlte, als kribbelten durch meine Adern tausende Ameisen. Ich hätte in meinem Zimmer auf und ab springen und dazu laut schreien können. Und dann klopfte es auch noch an meine Tür. Ich schreckte fürchterlich zusammen, griff mir an die Brust und brachte ein mattes „Ja“ hervor.

„Du, möchtest du noch ein Bier mit uns trinken?“

Ich sah Sylvas Wuschelkopf durch den Türspalt luken.

„Nein … nein …“, stieß ich hervor.

„Nicht?“

„Nein, kann nicht.“

„Willst hier warten, bis …“

Ich nickte. „Ich werd fast wahnsinnig. Könnt die Wände hochgehen.“

Sie nickte, öffnete die Tür gerade so weit, dass sie hindurch schlüpfen konnte.

„Du“, sagte sie, „mach dir nicht so viele Gedanken. Das wird alles …“

„Hat er auch gesagt.“

„Wann?“

„Als ich ihm die Nachricht gestern Nacht durch die Tür stecken wollte. Aber dann kam er selbst raus mit ganz verwuschelten Haaren“, plapperte ich drauflos, um wenigstens etwas zu tun zu haben.

„Und?“

„Sylva, ich bin so aufgeregt!“

„Warum?“

„Warum? Fragst du das im Ernst?“

Sie grinste, stupste mich in die Seite und sagte: „Bis um 10 ist noch etwas Zeit. Willst du nicht doch raus kommen, statt hier drinnen allein zu schmoren? Kommt ja doch nichts bei rum, außer dass du die Wände hochgehst …“

„Könnt ja auch zu ihm gehen“, stieß ich hervor.

„Du, lass dich mal lieber von ihm abholen“, entgegnete sie und grinste wieder.

„Wollen uns ja draußen treffen, hinterm Haus …“

„Damit es niemand sieht? Och, wie süß!“

Ich schüttelte den Kopf, setzte mich aufs Bett und rieb mir die Augen.

„Müde?“

„Ja.“

„Nimm dir deinen Schlafsack mit“, erwiderte Sylva in solch komischem Tonfall, dass ich unwillkürlich aufsah. „Ja“, bekräftigte sie, „ich meine es ernst. Ohne Hintergedanken! Es könnte kalt werden.“

„Sylva“, stieß ich hervor, „ich kann das nicht! Das alles hier …“

„Doch, doch, das kannst du. Sag dir einfach, dass ihr euch trefft, um die Sterne zu betrachten. Was ist daran denn schon romantisch?“

„Was?“, rief ich. „Sterne sind doch immer …“

„Du willst mir doch nicht etwa sagen, dass Astronomen ständig romantische Gefühle haben, wenn sie ins Zentrum unserer Milchstraße blicken oder Proxima Centauri aufs Korn nehmen.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Na siehst du!“

„Aber …“

„Kein Aber, hörst du? Auch wenn ich gestern ziemlich auf den Putz gehauen habe, darfst du die Erwartungen nicht zu hoch schrauben. Es ist ein Treffen …“

„… ein Date?“

Ich sah sie an.

„Treffen!“, beharrte sie. „Ein Treffen zwischen astronomisch interessierten Leuten.“

„Er hat mich Prinzessin genannt und ich ihn Sterndeuter und dann hat er mich an der Wange berührt und … und … Das, das … oh Gott, bin ich aufgeregt!“

Es war zwecklos, mich beruhigen zu wollen und Sylva wusste es.

„Also kein Bier?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Ist vielleicht tatsächlich besser so, sonst kippst du ihm noch um.“

Und mit diesen Worten kam sie mir näher und umarmte mich.

„Und was, wenn er ebenso aufgeregt ist, wie du?“, flüsterte sie.

„Was?“

Ich sah ihr in die Augen.

„Na ja …“

Sie gab mir einen Klaps auf den Hinterkopf.

„Das wäre immerhin möglich. Denk mal darüber nach …“

Es war das Falscheste, was mir Sylva jemals hätte sagen können, denn nachdem sie gegangen war, hielt ich es nicht mehr aus. Ich raffte meine Sachen zusammen, schnappte mir meine Taschenlampe, sah auf meine Uhr. Um 9 Uhr. Noch eine Stunde … und ich rannte hinaus, querte den Hof des Grabungshauses und verließ das Areal, hinaus in die Nacht, hinaus in die Ruinen. Ich musste mich bewegen und wohin genau ich ging, war mir nicht bewusst. Ich folgte einfach meiner Nase …

Wenn er auch so aufgeregt wäre wie ich … Was sollte das bedeuten? Das fragte ich mich und wusste doch, was Sylva damit hatte andeuten wollen. Und wäre sie nicht meine Vertraute, ja Freundin, gewesen, hätte ich gedacht, dass sie einen bösen Scherz mit mir treibe. Einen sehr üblen auf meine Kosten. So aber … nein, das konnte nicht sein. Ulrich Hensel war nicht aufgeregt, der freute sich vielleicht auf dieses Treffen – klar, sonst hätte er mich ja nicht eingeladen, aber aufgeregt? Er? Niemals! Und so rannte ich weiter, kopflos, orientierungslos und wurde erst dann ruhiger, als ich zufällig in den Sternhimmel blickte.

„Wissen Sie nun, was sich im Zentrum unserer Milchstraße befindet?“

Ich fuhr herum, taumelte leicht. Er stand genau vor mir – wie aus der Erde gewachsen.

„Was?“, brachte ich nur hervor und vernahm ein leises Schnauben.

„Guten Abend, Sascha“, hörte ich ihn sagen und spürte seine Hand an meinem Arm.

„Gu .. guten Abend. Was … was machen Sie denn hier?“

„Sie davor bewahren, dass Sie in die Irre gehen. Was sonst?“

„Was?“

„Ja. Ich sehe, dass Sie ihren Schlafsack dabei haben: sehr gut! Dann lassen Sie uns gehen.“

„Wohin?“

„Na, dahin, von wo aus wir den besten Blick zum Himmel haben.“

Ich nickte.

„Und, was ist der höchste Punkt in Uruk?“, fragte er mich und ich brachte es sogar fertig, ihn von der Seite anzusehen, nahm seine gerade Nase und das geschwungene Kinn war.

„Der Weiße Tempel“, erwiderte ich.

„Der Ort, von dem Sie mich damals vertrieben haben, weil Sie allein sein wollten. Aber nun müssen Sie mich dahin begleiten …“

Er sah mich an und ich erahnte ein Lächeln.

„Ich hab Sie damals nicht vertrieben. Sie haben mich gefragt, ob ich allein sein wolle.“

Er erwiderte nichts darauf und schweigend gingen wir weiter, hinauf zu dieser uralten Tempelruine, die erst in seleukidischer Zeit eindeutig mit dem Himmelsgott An verbunden werden konnte. Selbst Ulrich Hensels Nachgrabungen hatten nichts Neues ergeben. Zwar vermutete man, dass der Tempel oder – neutraler gesprochen – das Gebäude schon immer diesem Gott geweiht war, doch sicher konnte man sich nicht sein … Aber das war mir jetzt, da wir den Hügel bestiegen, vollkommen egal. Ich lief hinter ihm und hielt meinen Schlafsack fest umklammert. Ich war in diesen Momenten nicht aufgeregt, jedenfalls nicht so, wie ich es erwartet hätte – nach all dem, was ich in der letzten Nacht und auch davor erlebt hatte. Jetzt kam ich mir wie ein kleines durchgegangenes Pferd vor, das nun irgendwo an einem Bach stand, um sich zu beruhigen. Und doch ahnte ich, dass die Ruhe nicht von Dauer sein würde. Nicht hier, nicht mit diesem Mann an meiner Seite.

Wir kamen oben an und um ihm nicht in die Quere zu kommen, ließ ich meinen Schlafsack fallen und ging sofort zur Mauer und späte zuerst hinab nach Uruk, dieser nun von der Nacht eingenommenen Stadt. Und über uns, das Sternenzelt.

„Mit dem Maximum ist erst im 3Uhr in der Früh zu rechnen“, hörte ich Ulrich Hensel sagen. „Da werden die Tränen des Laurentius im Osten erscheinen …“

„Die Tränen des Laurentius“, wiederholte ich leise.

„Ja“, erwiderte er. „Ja, die Tränen. So werden die Perseiden auch genannt.“

Ich bemerkte, dass er neben mich getreten war, so, wie damals, als wir uns das erste Mal hier oben getroffen hatten. Das war jetzt eineinhalb Monate her. So eine lange Zeit … Er stand ganz ruhig neben mir und stützte sich an der Mauer ab. Auch sein Blick ging gen Himmel.

„Ich denke, dass wir dieses Jahr wirklich etwas zu sehen bekommen …“

„Ich habe das noch nie erlebt.“

„Noch nie?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Aber jeder Mensch schaut doch ab und an gen Himmel.“

„Na ja … es hat sich eben noch nie ergeben“, erwiderte ich und wollte nicht sagen, dass mir erst Sylva erklären musste, was es mit den Perseiden auf sich hatte.

„Dann jetzt“, sagte er und ich vernahm wieder ein leises Schnauben. Und dann sah ich, wie er sich mit der Hand über den Mund fuhr. „Lassen Sie uns zuerst die Sachen auspacken. Was haben Sie dabei außer Ihrem Schlafsack?“

„Den Schlafsack …“, sagte ich leise.

„Nur den?“

Im gleichen Moment wurde mir bewusst, dass ich mal wieder und wahrscheinlich auch vor lauter Aufregung an nichts gedacht hatte. Hätte mir Sylva nicht gesagt, den Schlafsack mitzunehmen, hätte ich auch den vergessen.

„Nichts zu trinken, nichts zu essen?“

Ich schüttelte den Kopf und er sah mich einen Moment mit leicht schräg gelegtem Kopf an. Ich erahnte seine Gedanke, spürte, wie sehr es ihn trieb, mir zu sagen, wie nachlässig ich sei, doch er wandte sich ab, ging in die Knie und entrollte seinen Schlafsack.

„Und etwas Warmes zum Anziehen für die Nacht haben Sie auch nicht dabei?“, fragte er dann, wartete meine Antwort aber nicht ab, sondern deutete neben sich. Ich begriff, dass ich meinen Schlafsack neben seinem entrollen sollte. Doch ich zögerte. So nah?

„Ich kann ja noch einmal hinab, um mir etwas zu holen“, sagte ich rasch und wollte mich schon umwenden, doch er umfasste mein Handgelenk.

„Was sagt nur Ihr Vater dazu, Prinzessin, dass Sie immer alles vergessen?“

Mit einiger Überraschung registrierte ich, dass er das alte Spiel wieder aufnehmen wollte und ich holte tief Luft.

„Nichts“, erwiderte ich. „Der ist ebenso wie ich.“

„Dann Ihre Mutter?“, fragte er schmunzelnd.

„Können Sie es nicht erraten oder wenigstens aus den Sternen lesen?“

„Nein, das nicht, aber sie offenbaren mir andere Dinge.“

„Welche Dinge?“

Er schwieg und wir sahen uns nur an, dann ließ er sich hinab auf seinen Schlafsack und deutete neben sich.

„Machen Sie es sich bequem.“

Bequem … wie konnte ich es mir hier, neben ihm, bequem machen? Am liebsten wäre ich davon gelaufen, einfach fort. Er verlangte schier Unmögliches von mir.

„Was zögern Sie, Prinzessin?“, hörte ich ihn fragen, „nach all dem, was ich von Ihnen bisher vernommen habe.“

„Was? Was haben Sie vernommen?“, fragte ich.

„Oh, gar wundersame Dinge …“

„Wundersame Dinge? Von mir?“

„Ihr Ruf eilt Ihnen voraus.“

„Voraus?“

„Aber ja … ein Blick in die Sterne brauchte es dazu nicht. Sie sind einem jeden im Land wohl bekannt.“

„Wohlbekannt? Wie darf ich das verstehen?“

Hierauf sagte er nichts, sondern deutete auf den freien Platz neben sich.

„Nur keine Scheu.“

„Hmm …“

Ich sah ihn einen Moment lang an, dann kniete auch ich mich hin, begann meinen Schlafsack zu entfalten, achtete aber darauf, dass ein wenig Platz zwischen uns blieb und ließ mich hinab. Ich lehnte mich schließlich an die Mauer und verschränkte die Arme vor der Brust. Es war mir wirklich nicht angenehm, so neben ihm zu sitzen. So dicht neben ihm.

„Möchten Sie etwas essen?“

„Weiß nicht“, erwiderte ich und biss mir auf die Unterlippe.

„Sie wissen es nicht? Dann nehmen Sie den hier schon einmal.“

Und er reichte mir einen großen Apfel. Aber ich wusste nicht recht, was ich damit beginnen sollte. Essen oder warten … Kurz schloss ich die Augen. Nach allem, was ich mir für den heutigen Abend ausgemalt hatte, hatte ich gemeint, dass es nicht schlimmer kommen könnte, aber es war schlimmer. Sehr viel schlimmer. Ich saß hier neben ihm und fühlte mich, ja fremd. Das, was ich am meisten fürchtete, mir aber auch am meisten wünschte, war bisher ausgebblieben – diese einmalige Stimmung, dieses Wandeln zwischen Traum und Realität, dieses …



„Das Wasser werden wir uns wohl teilen müssen. Ich hoffe, Sie haben kein Problem damit?“

Wieder hörte ich dieses leise Schnauben und ahnte, dass er lächelte.

„Hm …“, machte ich mühsam und zwang mich, den Kopf zu schütteln. Aber schon allein der Gedanke daran, mit ihm aus einer Flasche trinken zu müssen. Kam das nicht einem … einem Kuss gleich? Unwillkürlich verschränkte ich die Arme vor der Brust.

„Sehen Sie, da …“, rief er plötzlich, „sehen Sie …“

„Wo?“

„Na, am Himmel“, erwiderte er. „Wo sonst? Eine Schnuppe! Die erste …“

Ich spürte seinen Blick und zwang mich, ihn zu erwidern.

„Sie müssen schauen. Denn dafür sind wir hier. Essen Sie, trinken Sie und schauen Sie in den Himmel!“

Er deutete auf eine Trinkflasche, die er neben sich gestellt hatte. Und so, als wolle er mich herausfordern, öffnete er sie, reichte sie mir. Was blieb mir anderes übrig, als sie zu nehmen und einen Schluck trinken. Derweil wusste ich seinen Blick auf mich gerichtet. Und rasch gab ich ihm die Flasche zurück. Er nahm sie an sich und setzte sie ebenfalls an, trank. Und ich sah, wie sein großer Kehlkopf einige Male kurz hintereinander hüpfte. Unwillkürlich biss ich mir auf die Unterlippe.

„Und machen Sie es sich bequem und genießen Sie das, was sich Ihnen da am Himmel zeigen wird …“, wandte er sich dann wieder an mich und wischte sich den Mund mit dem Handrücken ab.

„Ja …“, erwiderte ich.

„Und wenn Sie nicht nach oben sehen, haben Sie nichts, woran Sie sich später erinnern können.“

„Stimmt!“, erwiderte ich knapp an und verkrallte mich in den Apfel.

„Sie müssen es lernen, sich zu entspannen“, sagte er und legte seine Hand auf meine Hände. Ich zuckte leicht zusammen. Es war schrecklich –so wie damals, als ich ihm das erste Mal gegenübergestanden hatte. Da war nichts mehr von meiner Coolness, die ich zwischenzeitlich verspürt hatte. Alles weg! Ich hockte hier im Weißen Tempel wie ein zuckendes Bündel.

„Hmmm …“, machte ich.

„Kommen Sie her!“

Er bedeutete mir, näher zu kommen. Und zögernd rutschte ich ein paar Zentimeter an ihn heran. So nah, dass sich unsere Oberarme berührten.

„Entspannen Sie sich“, wiederholte er.

„Geht nicht!“, stieß ich hervor und verschränkte die Arme neuerlich vor der Brust.

„Sie tun ja geradeso, als wären meine Absichten Ihnen gegenüber unehrenhaft und dabei möchte ich doch nur hier mit Ihnen sitzen und die Perseiden beobachten.“

Seine Stimme klang rau und ich spürte eine gewisse Erregung an ihm. War er verärgert?

„Bitte … bitte entschuldigen Sie, ich … ich …“

„Geben Sie mir Ihre Hand“, unterbrach er mich sanfter.

„Ich bin wohl nur zu müde“, fuhr ich fort.

„Umso wichtiger, dass Sie sich entspannen“, sagte er und dann spürte ich plötzlich seine Hand in der meinen. Und obwohl es mir schwerfiel, diese Berührung zuzulassen, zwang ich mich dazu, still zu halten. Solange wir nur so da saßen – Hand in Hand – ging es und ich wagte, in den Himmel zu sehen. Über uns diese vielen leuchtenden Punkte, die sich zur Milchstraße, unserer Heimatgalaxie, formten und ich erkannte auch Atair und Vega, die beiden hellsten Objekte am Sommerhimmel, wie ich von ihm erfahren hatte. Zusammen mit Deneb im Schwan bildeten die das Sommerdreieck.

„Es wird Ihnen nichts geschehen. Wir schauen uns nur gemeinsam die Perseiden an. Gut?“

Ich sah ihn rasch an, er aber blickte in den Himmel.

„Da …“, rief er plötzlich und streckte die freie Hand aus. „Haben Sie die gesehen?“

„Nein …“

„Das gibt’s doch nicht! Wo gucken Sie denn hin?“

Ich ließ den Blich sinken.

„Offensichtlich überall hin, nur nicht in den Himmel, wie?“, fuhr er fort. „Na, das geht so nicht weiter … kommen Sie her.“

„Aber ich bin doch hier“, erwiderte ich.

„Nein, nein, ich meine hierher …“

Er deutete zwischen seine angewinkelten Beine.

„Aber das … das geht doch nicht.“

„Das geht.“

„Aber Sie sind mein … mein Chef“, stammelte ich.

„Das spielt keine Rolle und außerdem bin ich hier der Sterndeuter und stellen Sie sich vor, ich habe von Ihrem Vater den Auftrag erhalten, Sie in meiner Kunst zu unterweisen. Und wenn ich das nicht gut mache, habe ich mit verheerenden Folgen zu rechnen …“

„Herr … Herr Hensel, ich glaube, ich möchte dieses Spiel nicht mehr spielen“, erwiderte ich.

„Ach Sascha“, stieß er rau hervor, „sie gebärden sich wie …“



Er unterbrach sich und ich zog die Schultern hoch.

„Wollen Sie uns diesen Abend und diese Nacht allen Ernstes kaputtmachen?“

„Nein, natürlich nicht …“

„Aber Sie arbeiten sehr gut daran.“

„Ich kann nicht anders … Ich meine … ich habe mich so sehr auf diesen Abend gefreut, doch jetzt …“

„Was jetzt?“

„Ich bin so …“

Ich griff mir an die Brust und schluckte hart gegen den größer werdenden Kloß in meiner Kehle.

„Ich bin so aufgeregt.“

„Kommen Sie her“, erwiderte er sanfter und deutete wieder zwischen seine angewinkelten Beine.

„Herr Hensel …“

Ulrich … ich bitte Sie? Also kommen Sie. Die Aufregung wird vergehen, das verspreche ich Ihnen. Und dann werden Sie das Spektakel am Himmel genießen können. Denn das ist es doch, worauf es ankommt.“

Ich nickte und dann erhob ich mich, wie von fremder Hand gesteuert, um mich einen Augenblick später zwischen seinen Beinen nieder zu lassen. Dabei vermied ich es aber, ihn zu berühren. Doch er fasste mich an den Oberarmen.

„Gut so! Und nun kommen Sie noch etwas nach hinten und lehnen sich an mich“, flüsterte er.

„Was?“

„Was glauben Sie, wie lange Sie so sitzen können mit diesem krummen Rücken?“



Und augenblicklich spürte ich eine Berührung an der Wirbelsäule und wäre am liebsten aufgesprungen.

„Sehr bequem sieht das nicht gerad aus.“

Ich traute nicht, mich zu rühren. Denn was würde geschehen, wenn ich tatsächlich weiter nach hinten rücken und mich anlehnen würde – an ihn? Ich wäre ihm dann so nah wie nie zuvor. Nein, das würde ich nicht aushalten. Keine Sekunde.

„Geht’s nicht?“, fragte er, als hätte er meine Gedanken erraten und erhöhte den Druck auf meine Oberarme.

„Ich … ich hätte nicht gedacht, dass … mich das so überfordert, Herr Hensel“, stieß ich hervor und schlug die Hände vors Gesicht.

„Ulrich …“, murmelte er. „Ich hätte nicht gedacht, dass mich das so überfordert, Ulrich.“

„U … Ulrich …“

„Sascha, ich verspreche dir, dass dir nichts geschehen wird, wenn du dich an mich lehnst. Wir beide werden nur dasitzen und den Sternhimmel beobachten.“

Ich nickte zaghaft.

„Also, komm.“

Und ich tat’s, rutschte noch weiter nach hinten, bis ich ihn im Rücken spürte und dann bemerkte ich plötzlich eine sachte Berührung an den Schultern. „Gut so“, flüsterte er, „und nun lehn dich an.“

Ein heißer Blitz schoss mir durch den Magen, als ich seine Schulter im Nacken spürte und mich seinem Gesicht so nah wusste, dass ich jede seiner Bartstoppeln spüren konnte. Ich wagte nicht, mich zu bewegen, saß da, an ihm lehnend, wie ein Klotz.

„Schließ die Augen …“

„Ich denke, ich soll in den Himmel schauen.“

„Ach, Sascha, tu’s: schließ die Augen und hol mehrere Male tief Luft. Achte dabei auf deinen Atem. Und wenn du magst, dann leg deine Hände auf meine Knie …“

Natürlich tat ich das nicht, aber ich schloss die Augen und erspürte meinen Atem.

„Du wirst bemerken, dass du dadurch ruhiger wirst.“

Und tatsächlich meinte ich nach einigen Atemzügen etwas zu spüren. Was genau das war, wurde mir erst bewusst, als ich meine Augen wieder öffnete und seine Hände auf meinem Bauch sah. Unwillkürlich wandte ich mich um und er lächelte, dann flüsterte er: „Du hast uns so gezeichnet, erinnerst du dich nicht mehr?“

Ich schwieg erschrocken.

„Und du hast noch so viel mehr gezeichnet …“, fuhr er fort und strich mir über die Wange.

Und dann kam er mir noch näher, so nah, dass ich meinte, seinen Atem zu atmen. „Erinnerst du dich?“, fragte er und dann plötzlich spürte ich seine Lippen auf den meinen …
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