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Please love me!

von Chiyoku
GeschichteDrama, Romance / P18 / MaleSlash
04.06.2021
20.10.2021
41
126.814
17
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
2 Reviews
 
14.10.2021 2.274
 
Christian hatte absolut keine Ahnung, wie er die letzten Wochen überstehen konnte. Nach der herzzerreißenden Verabschiedung, bei der viele Tränen flossen und er sich unfassbar leer fühlte, war er sich sicher, dass er in diesen sechs Wochen verrückt werden würde. Zumindest war die Klinik kein kalter Betonklotz und Liams Zimmer keine Gummizelle, wie Christian es erwartet hatte. Es war ein hübsch eingerichteter Raum im Erdgeschoss mit hellen Möbeln, vielen Pflanzen und Blumen.

Sie legten ihm auch keine Zwangsjacke an und laut der Empfangsdame durfte Liam sich innerhalb des Gebäudes frei bewegen. Eines musste man ihr lassen, selbst nach siebenmaligem Nachfragen, ob es Liam wirklich gut haben würde, blieb sie ruhig und das freundliche Lächeln wich nicht aus ihrem Gesicht. Das beruhigte Christian zumindest zu einem Prozent, dass Liam dort gut behandelt wurde.

Dennoch fühlte Christian sich grauenhaft, als er Liam das letzte Mal küsste und ihm gefühlt tausendmal sagte, wie sehr er ihn liebte, bevor er das Zimmer ohne ihn verließ. Selbst in dem Wissen, dass es das Beste für ihn war und er ihn jedes Wochenende besuchen durfte. Aber das Wochenende war definitiv nicht genug, um die quälende Sehnsucht nach ihm zu stillen, die unter der Woche und vor allem abends in aller Gewalt über ihn hinwegspülte.

In den Wochen, in denen er alleine war, fiel ihm umso mehr auf, wie sehr sie sich aufeinander fixierten. Christians ganzer Tag bestand daraus, an ihn zu denken und sich von der Sehnsucht nach seiner Nähe verschlingen zu lassen, sodass er kaum den Kopf für die Arbeit oder Freunde wie Jean oder John fand. Es war nicht wirklich gesund, sich so sehr auf einen Menschen einzuschießen, das war ihm selbst klar, aber Liam besaß eben diese monströse Anziehung, gegen die Christian sich nicht mehr wehren wollte.

Das besserte sich auch nicht mit der Zeit, vor allem nicht, wenn Liam äußerte, dass er ihn mindestens genauso vermisste. Aber zumindest war er abgelenkt von der intensiven Therapie, nicht so wie Christian, der ständig von Liams Sachen an ihn erinnert wurde. Zu seinem eigenen Beschämen stellte er fest, dass es fast schon so wirkte, als wäre Liam schlimmeres zugestoßen.

Dieser traute sich in den ersten beiden Wochen nicht wirklich, über das Geschehene zu erzählen, vor allem nicht das, was er mit seinen Eltern angestellt hatte. Christian informierte sich ein wenig darüber, bevor er ihm Mut zusprach. Die Psychotherapeuten unterlagen einer Schweigepflicht, bis zu dem Punkt, in dem Liam eine Gefahr für andere oder sich selbst darstellte. Christian selbst war ebenfalls nicht wohl dabei, dass Liam quasi seine Taten gestand, aus Angst die Therapeuten würden ihn an die Polizei verpetzen, aber er kam glücklicherweise glimpflich davon. Zumindest bis zu diesem Zeitpunkt, aber er hoffte, dass sich daran erstmal nichts ändern würde.

Liam erzählte ihm, wie die Therapien so abliefen. Er wurde einiges gefragt, was er so nicht wiedergeben konnte, da er zwischenzeitlich so wütend wurde, dass er Erinnerungslücken behielt. Offenbar wurde jedes noch so kleine Fragment seiner Kindheit auseinandergenommen und besprochen, was Liam zuerst schwer fiel, aber mit der Zeit bemerkte selbst Christian, dass es ihm ein wenig besser ging, auch wenn er das nur in den zwei Wochenendtagen sah.

Laut Therapeut litt Liam unter einer posttraumatischen Belastungsstörung, die von seiner psychischen und emotionalen Vernachlässigung, sowie dem Missbrauch ausgelöst wurde. Christian setzte sich direkt nach dem Erfahren dieser Diagnose an Google und recherchierte die ganze Nacht darüber. Vor seinen Augen blitzten während des Lesens immer wieder die Bilder eines verwahrlosten Liams auf, die Übelkeit und einen schlimmen Druck im Hals verursachten.

Zumindest blieb Liam von den schlimmsten Symptomen wie andauernde Impulsivität, noch schlimmere Stimmungsschwankungen, Schlaf- und Appetitlosigkeit verschont – noch. Hätten sie länger mit der Therapie gewartet, dann wäre es wohl ganz anders ausgegangen, denn laut einigen Quellen bedeutete das, dass die Krankheit erst sehr viel später eintritt. Immerhin versprach es Heilung, auch wenn es ein langwieriger Prozess sein würde. Selbst auf die Gefahr hin, dass es Liam zu Hause wieder schlechter ging, würde Christian nicht eine Sekunde von seiner Seite weichen.

Leider durfte der Therapeut ihm nicht großartig viel zu Liams Zustand sagen, allerdings beteuerte auch er, dass es bergauf ging und er mit einem begleitenden Therapeuten in der Lage wäre, wieder ein normales Leben zu führen. Das beruhigte ungemein.

Die sechs vergangenen Wochen bedeuteten jedoch auch, dass Liams achtzehnter Geburtstag näher rückte. Genau genommen war er schon in fünf Tagen und Christian wusste nicht, ob Liam eine große Feier wollte oder doch lieber nur mit ihm die Zeit verbringen. Ehrlich gesagt wurde sein Gespartes langsam knapp, da er diese Therapie aus eigener Tasche zahlen musste. Man sprach von fünfstelligen Beträgen, die er sich zwar leisten konnte, allerdings dann kaum mehr nennenswerte Rücklagen besaß. Daher fiel eine übertrieben riesig gestaltete Feier, wie Christian es sich ursprünglich überlegt hatte, ins Wasser.

Liam konnte er nicht fragen, da er ohnehin nicht zugeben würde, falls er sich eine große Party wünschte. Christian hatte darüber nachgedacht Kayla zu fragen, aber die würde ihn nur zu einer Feier raten, da sie selbst feiern wollte – der Grund dafür wäre ihr wohl ziemlich egal in dem Fall. Und die anderen schienen, bis auf Noel, nicht wirklich eine direkte Verbindung mit Liam zu haben, weswegen er sie gar nicht erst in Betracht zog.

Und Noel würde er erst Recht nicht fragen. Zwar hatte er sich bei beiden entschuldigt dafür, dass er sie nicht aufgehalten hatte, das Zeug zu trinken, aber Christian war immer noch angepisst, während Liam, naiv und gutgläubig, wie er war, ihm verziehen hatte. Auch wenn er demütig wirkte, konnte Christian nicht darüber hinwegsehen. Vielleicht lag es aber auch an dem generellen Groll, den er gegen Noel hegte.

Aber womöglich wäre eine kleine Geburtstagsparty gar nicht so verkehrt, damit Liam sah, dass es Menschen gab, die sich um ihn kümmerten und für ihn interessierten. Wie der absolut unbegnadete Partyplaner Christian das alles in wenigen Tagen auf die Beine stellen wollte, ohne dass Liam etwas davon mitbekam, wusste er selbst noch nicht.

Also rief er nun doch Kayla an, die erst nach dem vierten Klingeln atemlos ans Handy ging. „Ja hallo?“

„Hi“, sagte Christian stumpf und versuchte gar nicht erst Smalltalk zu halten, sondern kam direkt auf den Punkt. „Ich äh… Würde gerne eine Geburtstagsfeier für Liam organisieren, aber mir fehlt komplett das Talent dafür. Wenn du eure Gruppe zusammentrommeln könntest, dass sie am Wochenende bei uns zu Hause…“

Doch Kayla schnitt ihm das Wort mitten im Satz ab, woraufhin er die Lippen zusammenpresste. „Überlass alles mir! Ich mach das schon. Bei uns ist ein bisschen mehr Platz, wenn das für dich okay ist, dass wir es bei mir zu Hause feiern?“

Damit hatte Christian nicht wirklich gerechnet, allerdings war es wohl besser so, dass in seiner Wohnung keine halbtoten Alkoholleichen herumlagen. „Sicher. Was brauchst du?“

„Nichts! Ist quasi mein Geschenk an Liam. Oh, er wird sich bestimmt freuen. Hat sich schon die ganze Zeit gefragt, was du wohl vorhast an seinem Geburtstag“, plapperte Kayla und wirkte auch sofort etwas abwesend, während sie im Hintergrund offenbar nach etwas kruschtelte.
„Achso?“ Christian wurde hellhörig. „Was genau hat er denn vermutet?“

„Naja… Er hofft, dass ihr irgendwann euer offizielles erstes Date nachholen werdet. Irgendwie steht das bei euch unter einem schlechten Stern“, meinte Kayla kichernd, was Christian allerdings gar nicht witzig fand. Vor allem, weil sie irgendwie Recht hatte.

„Verstehe“, sagte er also nur und verfiel in ein nachdenkliches Schweigen, bis Kayla sich geschäftig von ihm verabschiedete, was er kaum wahrnahm.

Ihm war nicht bewusst, dass Liam das Date so unglaublich wichtig war. Schließlich wäre es nicht mehr Liams erstes Date überhaupt, was Christians Überschwänglichkeit seitdem auch etwas gedrosselt hatte. Es war kindisch, das wusste er, aber vielleicht war er doch ein wenig mehr nachtragend darüber, dass Liam sich einfach Noel als Ersatz geschnappt hatte. Was auch eventuell auch daran lag, dass dieses Thema für Liam zwar abgehakt schien, aber Noel hingegen… Christian fielen diese sehnsüchtigen Blicke noch immer auf, die Noel Liam zuwarf. Zudem war nicht nur Christian an den Wochenenden Dauergast, sondern auch er. Zuerst dachte Christian, dass es aus schlechtem Gewissen wegen der untergejubelten Drogen entstand, aber inzwischen wusste er, dass Noel mehr für Liam übrig hatte, als er es zugeben wollte.

Ein wenig Eifersucht verspürte Christian schon, aber dafür gab es kaum einen Grund. Liam war blind für diese Blicke und die versucht gesuchte Nähe von Noel. Wenn Noel weg war, freute er sich sogar, dass sie Zeit zu zweit hatten und äußerte die Erleichterung darüber auch. Christian war unterbewusst dennoch zwiegespalten darüber. Selbst wenn er nie im Leben den Vorschlag machen würde, wäre es rein objektiv für Liam noch immer besser, seine Erfahrungen mit Gleichaltrigen zu machen. Freigeben würde er ihn dennoch nicht, dafür war er viel zu egoistisch. Erst wenn Liam ihn in vollem Bewusstsein und Überzeugung von sich wegstoßen würde, dann ging er.

Also überlegte Christian während der Fahrt nach Portland zu der Klinik, um Liam endlich wieder nach Hause zu holen, was er tun könnte, um ihr erstes offizielles Date nachzuholen. Am besten ohne, dass wieder irgendetwas dazwischen kam und es ihnen ruinierte. Er schloss ein Abendessen aus, da hier die Gefahr auf einen verdorbenen Magen bestand – egal wie klein das Risiko war. Eigentlich müsste er auch ein generelles Aus-dem-Haus-gehen ausschließen, da einer von ihnen von einem Auto überfahren oder sie in einen Unfall verwickelt werden könnten. Christian kräuselte die Lippen über seine innere Dramatik.

Eine Idee hatte er schon, auch wenn er damit etwas tiefer in die Tasche greifen musste und sie es nicht direkt an seinem Geburtstag machen könnten. Dennoch sah er schon Liams leuchtende Augen vor sich und grinste dümmlich vor sich hin. Aber abgesehen davon brauchte er noch ein materielles Geschenk für ihn, das er ihm an diesem Tag noch überreichen könnte. Er war allerdings – wie in so vielen Dingen, die mit Überraschungen zu tun hatten – eine reine Katastrophe in Geschenken, was John wohl auch genauso unterschreiben konnte. Dessen Geburtstagsgeschenke bestanden meist aus neuen Geldbeuteln oder wenn Christian sich vermeintlich lustig fühlte, irgendetwas Dummes, was mit Polizisten zu tun hatte. Das letzte Jahr schenkte er ihm ein Shirt mit einem peinlichen Spruch. Immerhin trug John es, auch wenn es nur für zu Hause war.

Christian warf einen Blick auf die beschlagene Uhr im Armaturenbrett. Natürlich war er viel zu früh dran, allerdings hätte er noch Zeit, sich in der Stadt nach einem Geschenk umzusehen. Oder zumindest nach einer Inspiration.

Die Mall war wie immer überfüllt und laut, was Christian bereuen ließ, dass er keine Kopfhörer mitgenommen hatte. Eltern versuchten ihre quengelnden Kinder zum Weitergehen zu animieren, die Jugendlichen lümmelten nach Schulschluss vor dem Tabakladen herum und andere blickten starr nach vorne und ignorierten die Menschen, die sie auf dem Weg unwirsch anrempelten.

Ziellos klapperte er einige Läden ab, die absolut nichts Passendes zu bieten hatten. Er wusste nicht einmal, wonach genau er suchte, aber irgendwelche kitschigen Teddybären mit Stoffherzen in den Pfoten waren es sicher nicht. Christian ging davon aus, dass wenn er diese Sache sah, genau wissen würde, dass sie zu Liam passte.

Verstohlen lugte er in einen Schmuckladen, aber Liam wirkte nicht wie jemand, der gerne Schmuck trug. Abgesehen davon waren Armbänder und Ketten so ziemlich das langweiligste, das man schenken konnte. Von Ringen wollte Christian erst recht nichts wissen. Es war ziemlich schwierig etwas für jemanden zu finden, der noch nicht wusste, was er mochte und was er gerne tat. Außer Christian und Kochen. Aber ein Kochbuch wäre seltsam für den achtzehnten Geburtstag und sich selbst konnte er schließlich auch nicht verschenken. Oder? Er verzog spöttisch den Mund, als er sich mit einer riesigen Schleife auf dem Kopf vorstellte.

Schließlich ging er doch in den Schmuckladen und durchsuchte die verschiedenen Stände. Das meiste war ziemlich weiblich angehaucht, aber die silbrigen Armbänder, an denen man kleine Anhänger heften konnte, interessierten ihn am ehesten. Wer stellte schon die Regel auf, dass solcher Schmuck nur für Frauen war?

Tatsächlich fand er es eine schöne Idee, dass sie in ihrer gemeinsamen Reise immer mehr Anhänger anbringen konnten. Er wusste nur nicht, mit welchem er anfangen sollte. Es gab einige, wie beispielsweise kleine silbrige Anker, jedoch fand er das symbolisch nicht wirklich gut. Ein Anker bedeutete schließlich auch, dass man irgendwie zurückgehalten wurde. Herzchen waren ihm ebenfalls zu langweilig und kitschig, genauso wie verschnörkelte Unendlichkeitszeichen.

Er schmunzelte, als er einen kleinen silbernen Bärenkopf in der Hand hielt. Das passte ja, irgendwie. Zusätzlich zum Bären schnappte er sich noch eine fingerkuppengroße Schneeflocke, die er ebenfalls ziemlich symbolisch fand. Stolz darüber, dass er nun doch etwas gefunden hatte, was nicht 0815 war, bezahlte er und machte sich schleunigst auf den Weg zur Klinik, da er jetzt fast schon zu spät kommen würde.

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Kleines Zwischenkapitelchen, was nicht wirklich viel Handlung hat, ich weiß. Ich muss sagen, dass ich heilfroh sein werde, wenn die Geschichte endlich zu Ende ist. Ich quäle mich mehr oder weniger hier durch, weil es doch schon n paar gibt, die die Geschichte gerne lesen, aber obwohl ich beide Charaktere wirklich lieb habe, fällt es mir immer schwerer zu schreiben, damit sie jetzt gegen Ende hin nicht so gehuddelt rüberkommt, weil ich mich echt danach sehne. xD

Das große Finale steht auf jeden Fall an, was schon im nächsten Kapitel beginnt. Ich versuche mich jetzt auch an meinen eigenen Uploadplan zu halten, was bedeutet, dass hier jeden Mittwoch oder Donnerstag n Kapitel hochkommt, damit ich n bisschen Zeit zum verschnaufen hab. Zudem kommen Montags und Sonntags noch Kapitel zu anderen Geschichten, falls ihr Lust habt da rein zu lesen. Da bin ich auch etwas motivierter.

Sorry für dieses Kapitel, bin selbst nicht wirklich zufrieden damit, aber mir fehlt echt die Muße großartig nochmal zu bearbeiten.
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