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Please love me!

von Chiyoku
GeschichteDrama, Romance / P18 / MaleSlash
04.06.2021
18.09.2021
34
107.585
12
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
2 Reviews
 
23.07.2021 3.783
 
Das Taxi hielt nach der halbstündigen Fahrt vor der relativ gut versteckten, doch ziemlich schäbigen Bar namens Caderas* an, die man von außen womöglich gar nicht als diese erkennen würde, so unscheinbar wirkte sie. Nicht einmal eine Leuchtreklame deutete darauf hin, was sich im Inneren verbarg.

Man konnte ganz genau spüren, wie sehr es den Taxifahrer erleichterte, dass er Jean endlich los war, nachdem dieser ihm das Geld in die Hand drückte. Christian konnte nur ahnen, dass Jean sich so mit ihm auf ein Gespräch fixiert hatte, damit er Liam und ihn übertönen konnte. Wahrscheinlich weil er gemerkt hatte, dass die Unterhaltung zwischen ihnen ziemlich ernst und intim war.

Christian verspürte ein merkwürdiges Ziehen in der Magengegend, da es ihm plötzlich mehr als unangenehm war, Liam diese Welt zu betreten zu lassen, von der er womöglich nicht einmal wusste, dass sie existierte. Einen Rückzieher konnte er allerdings auch nicht mehr machen, vor allem da er es Jean mehr oder weniger versprochen hatte. Außerdem war er ihm noch etwas schuldig, schließlich hatte er seine Bitte damals tatsächlich ernst genommen und die Polizei bei ihm vorbeigeschickt.

„Ich gebe euch nur schon einmal den Hinweis, dass ihr eure Getränke unter keinen Umständen unbeaufsichtigt lassen solltet“, warnte Christian, als sie die Treppe der Bar hinunterstiegen. Er hatte schon einige Male erlebt, dass den Leuten in dieser Bar Drogen oder sogar Viagra ins Getränk gekippt wurden.

„Sowieso nicht“, sagte Jean, der schon ganz aufgeregt wirkte. „Pass du lieber auf, dass dir keiner deinen Liebsten wegschnappt. Bin mir sicher, dass er viele Blicke auf sich ziehen wird.“

„Das sollen sie sich erstmal trauen“, zischte Christian und zog Liam intuitiv an der Schulter zu sich, als würde er damit sein Duft an ihm hinterlassen, der die Männer wie Moskitos bei Mückenschutz abschreckte.

Für einen Sonntag war die Bar ziemlich voll, aber das war sie grundsätzlich. Das letzte Mal, als er hier war, hatte er sich Jorge aufgerissen. Das war inzwischen drei Jahre her. Für verzweifelte Menschen wie Jean – und wie er es einst ebenfalls war – war diese Absteige perfekt. Zumindest wusste man teilweise direkt, was einen erwartete. Es war nicht selten, dass jemand sich an einem vorbeidrückte, der wenig oder gar nichts anhatte. Die Musik war so laut, dass sie selbst das lauteste Stöhnen von den Vergnügenden auf den abgenutzten Ledercouches im hinteren Bereich übertönten. Liam stieß einen überraschten Laut hervor, als seine großen Augen die Szenerie vor sich beobachtete.

„Ich hab dich gewarnt“, rief Christian mit erzwungenem Lächeln durch die laute Musik. Eigentlich fand er es absolut nicht lustig, sodass er Liam den Arm um die Schulter warf und ihn nur noch fester an sich drückte. Am liebsten hätte er ihm die Augen zugehalten.

„Hätte ich gewusst, dass das Ausmaß dieses hier ist, hätte ich nicht zugestimmt, dass dein eigentlich viel zu junger Freund mitkommt“, meinte Jean schuldbewusst, doch seine Blicke zuckten neugierig durch die Menge.

Christian ignorierte den kleinen Seitenhieb. Schließlich hatte er die Erlaubnis des Gesetzes. Gut, vielleicht nicht unbedingt die Erlaubnis, ihn in so eine Bar mitzuschleppen. „Du kannst nichts dafür. Der Blick, den er bei dir benutzt hat macht mich auch immer schwach“, seufzte er und piekte Liam in die Wange, der nur diabolisch grinste. Teufel.

„Und was mach ich jetzt? Warten, bis mich jemand anspricht?“, wollte Jean wissen und biss sich nervös auf die Unterlippe.

„Wieso sprichst du denn niemanden an?“, schaltete sich Liam ein. Christian hielt ihm hastig mit der Hand, die über seiner Schulter lag den Mund zu. Er wollte definitiv keine Tipps zum Aufreißen aus diesem Mund hören.

„Du kannst selbst jemanden ansprechen“, wiederholte er Liams Worte mit resignierter Stimme und zuckte zusammen, als sich Liams Zunge gegen seine Handfläche drückte, als würde er sie ihm herausstrecken wollen. Seufzend ließ er die Hand sinken.

„Okay… Dann mach ich das mal“, sagte Jean unsicher und schrumpfte in sich zusammen, als würde er es sich absolut nicht zutrauen.

„Ja, so schonmal gar nicht“, sagte Christian genervt und ließ für einen kurzen Moment Liam los. Er drückte Jeans Schultern nach hinten und richtete seinen Rücken auf. „Und lächle ein bisschen mehr, keiner will einen unsicheren Typen in seinem Bett.“

Jean verzog seine dünnen Lippen zu einem äußerst gequälten, fast schon psychopathischen Lächeln, gab es jedoch schnell wieder auf. Zum Glück, davor würden die Männer eher Angst bekommen. „Ach, was solls. Das wird schon irgendwie.“

Christian holte seinen abgewetzten Geldbeutel aus der Hosentasche und fischte ein Kondom heraus. „Egal wie sehr die dich beturteln, dass es ohne besser ist“, fügte er mahnend hinzu und reichte es ihm. Er fühlte sich merkwürdig dabei, einem Vierzigjährigen etwas über Verhütung beizubringen. Er lehnte sich über Jeans Schulter zu seinem Ohr, da er bestimmt nicht wollte, dass Liam so etwas mithörte. „Wenn du auf die Toiletten gehst, wirst du am schnellsten fündig. Wenn du in eine Kabine gehst, wirst du schon wissen warum“, wisperte er ihm leise zu.

Jean verstand sofort und grinste schüchtern. „Dann werd ich wohl mal aufs Klo gehen. Bleibt ihr hier, oder geht ihr nach Hause?“ Sein flehender Tonfall bedeutete Christian, dass er unter keinen Umständen alleine hier bleiben wollte.

„Wir warten und jetzt ab mit dir, ich will hier nicht übernachten“, sagte er und klopfte ihn auf den Rücken, um ihn gleichzeitig auch in Richtung Toiletten zu schubsen.

Mit einem letzten unsicheren Lächeln verschwand Jean unter der Menge. Christian schüttelte ungläubig den Kopf. Wenn ihm jemand vor einigen Monaten gesagt hätte, dass er seinen homophoben, spießigen Mitarbeiter in diese Bar schleppen würde, hätte er ihn für verrückt erklärt. Er wandte sich Liam zu, der mit leerem Blick auf die hinteren Couches blickte. Christian riss ihn davon weg und zerrte ihn zur Bar.

Dort bestellte Liam sich – Christians warnenden Blick ignorierend – für sie beide je einen Mojito. Christian konnte nach der sehr süßen, aber sehr falschen Aussprache des Cocktails absolut nicht böse auf ihn sein, sodass er es schließlich wortlos hinnahm und die beiden Getränke bezahlte.

„Was hast du zu deinem Arbeitskollegen gesagt?“, fragte Liam neugierig und setzte sich auf den letzten freien plattgesessenen Barhocker. Seine Füße baumelten mehrere Zentimeter vom Boden entfernt, als er sich rutschend zu Christian drehte.

„Nichts, was dich interessieren müsste“, brummte Christian stumpf. „Aber du wirst hier nicht alleine aufs Klo gehen, wenn du musst.“

„Warum denn?“ Liam nippte an dem Mojito und schien es für gut zu befinden, denn er trank die Hälfte in einem Zug leer.

„Mach langsam! Und wieso bist du nur immer so neugierig, anstatt es einfach so hinzunehmen?“, stöhnte Christian gequält.

„Die bessere Frage ist eher, wieso du mich erst neugierig machst und dann meine Fragen nicht beantworten willst“, konterte Liam mit spitzbübischem Grinsen. Touché.

„Ich will einfach nicht, dass dich jemand anbaggert“, murmelte Christian, der allein beim Gedanken daran wahnsinnig wurde, dass ihn jemand mit seinen schmutzigen Fingern berührte.

„Ich will das auch nicht. Und… tut mir wirklich leid, dass ich so an dir gezweifelt hab… Ich wusste nicht, dass du mich nur von dir wegschiebst, weil du dir Sorgen um mich gemacht hast“, sagte Liam betrübt und blickte auf die Minze in seinem Glas, als würde er sie genauestens inspizieren wollen.

Christian hob Liams Gesicht am Kinn an und lächelte sanftmütig. „Wir haben beide Fehler gemacht. Wir müssen daraus lernen, damit das nicht mehr passiert. Und wenn es nach mir ginge, dann wären wir schon seit Wochen zusammen… Aber jetzt, wo wir es dürfen…“

Liams Augen funkelten plötzlich wie babyblaue Saphire. „Seit Wochen? Wieso sagst du mir denn nichts davon?“

„Weil wir zu dem Zeitpunkt noch davon ausgegangen sind, dass es strafbar ist. Es hätte die Situation nur noch schwerer gemacht, zumindest für mich“, entgegnete Christian wahrheitsgemäß und trat den Schritt, der sie beide voneinander trennte, auf ihn zu. Er hatte keine Lust mehr, seine Gefühle verbergen zu müssen, oder sich von ihm fernzuhalten. Außerdem schaffte er es auch nicht mehr. Er vergrub innerlich seine inzwischen unwichtige Selbstbeherrschung und konzentrierte sich nur noch auf das, was zählte. Und das war Liam.

„Ja, ich glaube das hätte es uns beiden schwerer gemacht“, stimmte Liam nachdenklich zu. Seine Beine schlangen sich um Christians Kniekehlen und zwangen ihn, in dieser Position stehen zu bleiben. „Aber du hast gesagt, dass wir jetzt dürfen…“

Christian nickte langsam und nahm Liams Gesicht in die Hände, welches warm an seinen Handflächen glühte. „Wir müssen uns nicht mehr verstecken“, sagte Christian heiser und stupste Liams Nase mit seiner an.

„Also… also sind wir jetzt… ein Paar? So richtig offiziell?“, fragte Liam, mit sich vor freudiger Aufregung überschlagender Stimme, was Christian lächeln ließ.

„Wenn du das willst…“ Sein Magen platzte beinahe vor lauter Schmetterlingen, die wilde Sturzflüge zum Besten gaben.

„Natürlich will ich!“, rief Liam glücklich und das wunderschönste Strahlen breitete sich auf seinem Gesicht aus. Und nicht nur dort. Es schien, als würde sein gesamter Körper von Innen leuchten.

Zufrieden seufzend strich Christian mit den Fingerspitzen Liams Haare aus seiner Stirn und zwirbelte sie verträumt um seinen Zeigefinger. Es war fast schon magisch, wie er all die anderen Leute um ihn herum ausblendete. Vielleicht umstrahlte Liam sie auch einfach nur alle mit seinem Licht, sodass er sie einfach nur nicht mehr wahrnahm. Christian ließ sich von Liams hell funkelnden Augen vollständig in seinen Bann ziehen und es könnte alles neben ihm passieren, seine Aufmerksamkeit würde dennoch nur auf ihm liegen. Für Christian verzauberte er gerade diesen grauenhaften Ort in einen sehr viel schöneren. Er würde in diesem Augenblick nirgendwo lieber sein.

„Ich liebe dich, Liam“, flüsterte Christian sanft, doch mit heftig pochendem Herzen. Die Wucht der Wahrheit in diesen drei kleinen Worten erschlug ihn geradezu und hinterließ ein warmes Kribbeln in seinen rauschenden Adern. Er wartete keine Antwort ab, bevor er Liam mit allem Gefühl, welches seit dieser langen und doch so kurzen Zeit in ihm tobte, küsste.

Liams weiche Lippen auf seinen zu spüren, löste den kompliziert verschlungenen Knoten in Christians Brust endgültig. Seine Hände wanderten zu Liams Nacken und drückten ihn nur noch fester an sich, da es ihm in diesem Moment nicht nah genug sein konnte. Liams glückliches Brummen ließ sein Herz nur noch mehr in die Höhe flattern. Doch plötzlich spürte er etwas Nasses auf seinen Unterarm tropfen und als er die Augen öffnete, bemerkte er die Tränen, die unter Liams geschlossenen Lidern perlten.

„Wieso weinst du?“, fragte Christian schockiert und wischte ihm hastig die feuchte Spur aus dem Gesicht.

„Weil ich glücklich bin. Mir hat noch nie jemand gesagt, dass er mich liebt“, schniefte Liam warm lächelnd. „Und dass du das auch noch bist, der mir das sagt…“ Erneut drückten sich dicke Tränen aus seinen Augen hervor.

Christians Lippen bebten vor Rührung. Wie konnte man diesem Menschen, so liebenswert wie kein anderer, nicht rund um die Uhr mitteilen, wie wertvoll er war? „Deswegen hat es dich wahrscheinlich auch so verletzt, dass ich es dir am Montag nicht gesagt habe“, murmelte Christian eher zu sich selbst, als zu Liam.

„Ja, auch. Aber hauptsächlich will ich, dass du mich liebst“, sagte Liam leise, sodass Christian ihn kaum durch die Musik verstand. „Aber ich darf dich jetzt immer küssen, ja? Du entscheidest dich nicht mehr um?“ Liam klang verunsichert, was er ihm nicht einmal verübeln konnte.

„Du darfst ab sofort mit mir machen, was du willst. Fast alles“, fügte er hastig hinzu, als sich auf Liams Gesicht bereits das freche Grinsen ankündigte. „Mehr als knutschen dürfen wir nicht.“

„Alles was nach dem ‚mit mir machen, was du willst‘ kam, hab ich irgendwie überhört“, meinte Liam  amüsiert und stellte seinen Mojito auf dem hölzernen Bartresen ab. Er rutschte näher an ihn und griff an Christians Hemdkragen, um ihn mit glücklich verträumtem Gesichtsausdruck zu sich zu ziehen, bevor er nun seine Lippen an Christians schmiegte und damit auch dessen bereitstehende Proteste verstummen ließ. Der süße Geschmack von Liams Lippen vermischte sich mit Limette, Zucker und Rum und wirkte fast schon betörend auf ihn.

„Ich liebe dich übrigens auch“, säuselte Liam, nachdem er sich viel zu früh von Christian löste, der frustriert mit den Lippen immer noch wie ein Fisch in die Luft schmatzte. „Wie lange dauert das jetzt eigentlich noch bei Jean? Ich kanns kaum erwarten, bis wir zu Hause sind!“

„Sehe ich aus, als wüsste ich, wie lange er zum Vögeln braucht?“, nuschelte Christian abwesend, da er viel zu beschäftigt damit war, Liams süßes Gesicht mit Küssen zu übersäen. Er konnte einfach nicht mehr von ihm ablassen.

„Ich hoffe nicht.“ Liam ließ die Knutschattacke wohlig seufzend über sich ergehen. „Siehst du, es ist egal wo wir sind, hauptsache wir sind zusammen.“

„Mhm“, machte Christian, der sich einen weiteren Kuss von seinen Lippen stahl. Wie würde er nur jemals damit aufhören? Jetzt, wo es erlaubt war und jetzt, wo Liam sein Freund war? Sein fester Freund. Er kicherte schrill, absolut Christian-untypisch, woraufhin Liam verwirrt, doch mit belustigt zuckenden Mundwinkeln den Kopf schief legte.

„Wieso kicherst du wie ein Mädchen?“

„Hab ich gar nicht, musst du dir eingebildet haben“, brummte Christian an seiner Schläfe.

Noch bevor Liam zur Antwort ansetzen konnte, quetschte sich plötzlich ein ziemlich unattraktiver, schlaksiger Mann in ihr Blickfeld, bis er unangenehm nahe an ihnen stand. „Na ihr beiden Turteltäubchen, habt ihr vielleicht Lust auf ein bisschen Spaß zu dritt?“, fragte er mit kratziger Stimme und grinste anzüglich.

Christian schlang seine Arme besitzergreifend um den irritierten Liam und knurrte ihn an. „Verpiss dich.“

„Ach komm schon, du kannst den Süßen doch nicht nur für dich behalten, teil doch mit mir!“, sagte er, während sein ekelerregender alkoholisierter Atem gegen Christians Nase schwang, deren Nasenflügel bedrohlich bebten.

„Verpiss dich“, wiederholte er nun sehr viel nachdrücklicher, doch der Kerl machte keine Anstalten, seiner unterschwelligen Drohung Folge zu leisten. Stattdessen kniff er mit diesem widerlichen Grinsen und unter geflötetem „So ein Süßer“ in Liams Wange, was für Christian eindeutig schon zu viel Berührung war.

Mit einem Satz riss er sich von Liam los und packte den Widerling am Kragen. „Fass ihn noch einmal mit deinen ekelhaften Händen an und ich kastriere dich, du dreckiger Hurensohn“, grollte Christian und schubste ihn gewaltsam in Richtung der tanzenden Menschenmenge.

Der Kerl schien das absolut nicht auf sich sitzen lassen zu wollen, denn er trat erneut auf sie zu, diesmal jedoch direkt auf Christian. „Wieso bringst du jemanden wie ihn dann überhaupt hierher?“, fragte er mit angepisster Stimme und stieß nun Christian an den Schultern nach hinten.

„Das geht dich einen Scheiß an, verpiss dich und such dir jemand anderen, er ist offensichtlich nicht zu haben“, zischte Christian, mehr als bereit, seine Faust in diesem teigigen Gesicht zu versenken.

„Christian, lass gut sein“, hörte er Liam hinter ihm flehen. „Ich bin mir sicher, dass er es jetzt verstanden hat.“

Ganz offensichtlich hatte der Kerl es nicht verstanden, denn sein lüsterner Blick ging nach diesen Worten über Christians Schulter. Und als er sich hungrig über die dünnen Lippen leckte, sah Christian plötzlich rot. Er gierte Liam genauso an, wie Kevin ihn selbst an jenem Abend angesehen hatte, bevor er… Ohne über die Konsequenz nachzudenken, schleuderte er brutal seine Faust gegen die Nase des Typen. Ein stechender Schmerz zuckte ihm wie ein Stromschlag vom Handknöchel in Richtung Schulter, während der Widerling jaulend nach hinten taumelte, die Hände an die blutende Nase gepresst.

Wenn es nach Christian ginge, hätte er ihm noch weitere Schläge ins Fressbrett versetzt, doch Liams Arme schlängelten sich um Christians Oberkörper und zogen ihn zurück. „Lass uns gehen“, murmelte Liam hastig, wenngleich auch etwas Stolz in seiner Stimme mitschwang.

Christian ließ sich ohne Gegenwehr von Liam aus der Bar ziehen. Er musste, sonst hätte er dieses Arschloch womöglich noch umgebracht dafür, dass er Liam mit diesem unangenehm bekannten, widerwärtigen Blick angeierte. Der Gedanke daran ließ ihn erneut knurren.

Die kalte Luft peitschte ihm gegen das Gesicht und beruhigte seine Gemüter etwas, auch wenn er vor Wut und Adrenalin immer noch bebte. Er atmete mehrmals tief ein und aus, bevor er sich nun sehr viel ruhiger an Liam wandte. „Tut mir leid.“

Liam lächelte ihn sonnig an. „Muss es nicht, du hast mich nur beschützt. Ich wusste nicht, dass man gleich einen Bodyguard dazubekommt, wenn man einen Freund hat.“

„Naja, zum Glück war der Typ mehr Spargel als ich, sonst wäre das ganz schnell nach hinten losgegangen“, meinte Christian seufzend und rieb fest über die Stelle an Liams Wange, die das Ekel berührt hatte, als würde er damit die Bakterien verschwinden lassen.

„Wir wollten uns sowieso im Fitnessstudio anmelden, dann kann ich mich vielleicht auch selbst verteidigen“, entgegnete Liam mit funkelnden Augen. „Danke. Ich hoffe, dass das nicht zu viel Schlimmes in dir ausgelöst hat…“

„Nein, jetzt geht es wieder“, antwortete Christian leise, wenn auch etwas überrascht, dass Liam dieser Trigger aufgefallen war.

„Soll ich Jean holen, damit wir endlich nach Hause können?“, fragte Liam, doch das musste er gar nicht.

Jean stieg mit breitem, triumphierendem Grinsen die krumme Treppe der Bar nach oben. „Hier seid ihr! Ich dachte schon, ihr wärt abgehauen.“

„Scheint ja gut gelaufen zu sein“, merkte Liam amüsiert an. Christian gefiel es absolut nicht, dass er genau wusste, was Jean getan hatte. Sein unschuldiger Engel verwandelte sich immer mehr in einen Teufel. Obwohl er bereits die ganze Zeit schon einer war, wie er resigniert zugeben musste.

Jean nickte peinlich berührt und wandte sich mit ehrfürchtigem Gesichtsausdruck zu Christian. „Danke. Ich weiß jetzt, dass ich mich richtig entschieden habe, mich zu outen.“

Christian winkte lächelnd ab. „Ich muss dir danken, dass du meine Bitte damals ernst genommen hast. Da war das das Mindeste, was ich für dich tun konnte.“

„Ist doch selbstverständlich. Hab mir wirklich Sorgen gemacht, dass du tatsächlich entführt wurdest.“ Verlegen kratzte sich Jean am Hinterkopf und Christian sah ihm sofort an, dass die Frage auf seiner Zunge brannte, er sich jedoch nicht traute, sie laut auszusprechen.

„Ja, hat er“, antwortete Christian schließlich mit dünner Stimme auf die unausgesprochene Frage.

„Ekelhaftes Arschloch“, zischte Jean wütend hervor. „Ich hoffe, dass er im Knast kein gutes Leben haben wird. Sein jüngerer Bruder hat jetzt erstmal die Firma übernommen, aber wie es aussieht wird sie eingestampft. Wir haben seit Wochen keinen einzigen Auftrag reinbekommen.“

„Tut mir natürlich leid für euch, aber gut tut es schon, zu wissen, dass sich Kevin dadurch sein Leben ruiniert hat“, sagte Christian mit befriedigter Erleichterung.

„Das stimmt. Hat sich noch nie so gut angefühlt seinen Job zu verlieren“, lachte Jean und zückte sein Handy, um ein Taxi zurück nach Hause zu rufen.



Während der Taxifahrt unterhielt sich Christian mit Jean darüber, dass er einen neuen Job in Portland gefunden hatte und bot ihm an, sich doch ebenfalls dort zu bewerben. Liam war nur fünf Minuten, nachdem sie losgefahren waren, eingeschlafen, sodass sie das Thema auf Jeans erstes Mal mit einem Mann lenkten. Er erzählte ihm in unangenehm ausführlichen Details, was passiert war und dass er scheinbar lieber den passiven Part einnahm. Auch wenn es Christian – und dem Taxifahrer, der wirkte, als hätte er sich am liebsten die Ohren zugehalten – definitiv zu detailliert war, wollte er ihn nicht unterbrechen, schließlich war es ein großes Ereignis in seinem Leben. Er mochte Jean außerhalb der Arbeit sehr viel mehr und es fühlte sich auch ganz plötzlich so an, als wären sie buchstäblich über Nacht gute Freunde geworden.

„Christian, kann ich dich was fragen?“, meinte Jean, mit einem kurzen Blick auf Liam.

Er konnte ihm nicht verübeln, dass die Fragen im Bezug zu Liam in ihm brannten, schließlich sah man Liam sofort an, wie jung er war. „Schieß los“, sagte er und strich Liam sanft über das wuschelige Haar.

„Ist das, was du da treibst, nicht gefährlich?“, wollte Jean mit zusammengepressten Lippen wissen. „Versteh mich nicht falsch, mir ist das wirklich egal. Aber wär ziemlich beschissen, wenn du dafür in den Knast wanderst. Nicht nur wegen dem Alter, sondern weil du scheinbar auch andere für ihn verprügelst, wenn sie ihm zu Nahe kommen.“

„Der Typ war ekelhaft und wollte nicht locker lassen, er hat es nicht anders verdient. Ich renn jetzt nicht durch die Gegend und verprügel die Leute, wenn sie ihn auch nur ansehen. Und keine Sorge, ein guter Freund von mir arbeitet bei der Polizei und hat uns grünes Licht gegeben. Außerdem wird es nur gefährlich, wenn wir miteinander schlafen. Aber die drei Monate, bis er achtzehn wird, werde ich schon noch aushalten.“ ‚Auch wenn es schwer wird‘, fügte er in Gedanken hinzu, sprach es jedoch nicht laut aus, da der Taxifahrer plötzlich ziemlich interessiert an ihrem Gespräch wirkte.

„Oh, na Gott sei Dank. Ich hätte dich natürlich gedeckt, wenn es drauf angekommen wäre“, sagte Jean mit zwinkerndem Grinsen und wirkte dadurch um die zehn Jahre jünger.

„Vielleicht komm ich ja irgendwann darauf zurück“, entgegnete Christian nicht minder grinsend. „Wobei ich nicht glaube, dass das nötig ist.“

Das Taxi hielt zuerst vor Christians und Liams Wohnung an. Christian drückte Jean die dreißig Dollar in die Hand und machte ihm noch einmal deutlich, dass er sich bei der Firma in Portland bewerben sollte, bevor er ihm eine gute Nacht wünschte.

Vorsichtig, um ihn nicht zu wecken, lud er sich den friedlich schlafenden Liam auf die Arme und trug ihn in die Wohnung. Auch wenn Christian sich bemühte, ihn sanft auf seinem Bett abzulegen, wachte Liam unter verwirrtem Blinzeln auf und nuschelte etwas Unverständliches vor sich hin.

„Schlaf weiter“, murmelte Christian zärtlich, als er ihm die Schuhe von den Füßen streifte.

„Hmm“, machte Liam nur schläfrig und war gerade dabei, sich den Pullover auszuziehen, hielt jedoch mittendrin an und verfiel wieder in tiefes, regelmäßiges Atmen.

Christian unterdrückte sich ein Lachen und beendete das, was Liam angefangen hatte. Nachdem er ihm auch die Hose von den Beinen zog, warf er sich selbst sein Schlafshirt über und kuschelte sich an Liams Rücken, bevor er die dicke Decke über sie beide warf.

Er gähnte leise von der erdrückenden Müdigkeit, die in urplötzlich fest einsaugte, da er letzte Nacht nicht eine Sekunde geschlafen hatte. Dennoch spielte sich der gesamte Tag noch einmal vor seinem inneren Auge ab. Es war vollkommen verrückt, wie oft sich Emotionen in vierundzwanzig Stunden ändern konnten. An diesem Tag hatte Christian wohl alles an Gefühlen durchgemacht, von Freude, zu Trauer, zu Wut und das selbe Spiel noch einmal von vorne. Aber so war fast jeder Tag, seitdem er Liam kennengelernt hatte. Auch wenn es einen schlauchen konnte, war es das jeden Umstand wert. Dennoch hoffte er, dass es diesmal einfach bei der Freude blieb.

Christian hauchte Liam einen Kuss auf den Nacken und ließ sich, ihn fest an sich gedrückt, in die wonnigen Arme des ruhigen Schlafes fallen.

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*Caderas ist spanisch und bedeutet so viel wie Hüften oder Lenden. Fand das passend. xD

Zu dem Kapitel will ich nicht viel sagen, außer dass zu viel romantische Planung am Ende auch nichts bringt, wenn man seinen Gefühlen letztendlich doch erliegt und die richtige Person auch den furchtbarsten Ort zu einem schönen macht. :P
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