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Please love me!

von Chiyoku
GeschichteDrama, Romance / P18 / MaleSlash
04.06.2021
18.09.2021
34
107.585
12
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04.06.2021 1.246
 
„Ich gehe dann mal nach Hause“, lallte Christian seinen vier Arbeitskollegen zu, die allesamt mindestens genauso betrunken waren, wie er.

„Ja, hau rein!“, hickste Jean, der sich seine Krawatte um den Kopf gebunden hatte und seine Wangen waren bereits in den verschiedensten Rottönen getaucht.

Torkelnd stieß Christian die Tür der Bar auf und trat in die beißende Kälte der Winternacht. Es schneite ein wenig, nur so viel, dass er niemals liegenbleiben würde. Dennoch verfingen sich die kristallenen Schneeflocken auf seinem schwarzen Mantel und in dem rostbraunen Haar. Der Weg nach Hause gestaltete sich nicht ganz so einfach, denn immer wieder stolperte er über seine eigenen Füße.

‚Wieso muss ich es auch immer so übertreiben?‘, dachte Christian innerlich seufzend, während er durch die leeren Straßen Windy Falls schlurfte.

In dieser Kleinstadt am Rande von Portland lag wortwörtlich der Hund begraben und schien wie ein Magnet für unheilvolle, mysteriöse Vorkommnisse zu sein. Wie beispielsweise der Sturm, der aus dem Nichts, letztes Jahr hier wütete. Natürlich kam der Name Windy Falls nicht von irgendwo her, es war hier grundsätzlich immer windig. Die einzige Attraktion, die dieses Kaff zu bieten hatte, war der gigantische Wasserfall, der sich in der Mitte des Dorfes befand und wie ein Mekka für zwielichtige Gestalten war. Es ging so weit, dass sogar ein Artikel über diese sonst so uninteressante Stadt in den großen Zeitungen war, von Satanisten, die ihr Blutritual dort hielten. Am Ende stellte sich jedoch heraus, dass das Gerücht von dem rundgesichtigen Bürgermeister Edward Keene stammte, um die Stadt attraktiver für Touristen zu machen.

Christian bog in eine Seitengasse ein. Normalerweise mied er sie zu dieser Uhrzeit, doch er wollte nur so schnell wie möglich nach Hause. Und plötzlich stolperte er beinahe über etwas, das sich anfühlte, wie ein Fuß.

„Sorry“, hörte Christian eine Stimme neben der stinkenden Mülltonne, wo die Säcke bereits überquillten.

Er sah zu der Quelle der Stimme herunter und dort saß ein kleiner Mann, wobei es Junge eher treffen würde, da er seine Schuluniform noch trug, mit angezogenen Beinen, die er mit den Armen umschlungen hatte. Seine großen babyblauen Augen sahen Christian entschuldigend an. Er dürfte nicht älter als siebzehn sein, wieso war er zu später Stunde noch unterwegs? Und vor allem, wieso saß er neben dieser müffelnden Tonne und nicht irgendwo auf einer Bank?

„Es ist schon nach ein Uhr nachts, wieso bist du nicht zu Hause?“, fragte Christian herrisch, ohne auf die Entschuldigung des Jungen einzugehen.

„Die Züge fahren nicht mehr“, entgegnete der Junge schulterzuckend.

„Und jetzt willst du die Nacht hier neben dieser Mülltonne verbringen?“ Christian schüttelte ungläubig den betrunkenen Kopf. „Es sind Minusgrade, du holst dir hier noch den Tod.“

„Darf ich dann mit zu dir?“, fragte der Junge mit unschuldiger Miene.

„Hä?“, rief Christian entgeistert. „Du kannst doch nicht einen wildfremden Mann einfach fragen, ob du mit zu ihm kannst! Das ist naiv!“

„Beantwortet aber nicht meine Frage.“ Der Junge stand auf und stellte sich direkt vor Christian, der in seinem Stand immer noch etwas hin und her schwankte.

„Kannst du nicht in einer Kneipe schlafen, oder irgendwo anders, wo es nicht kalt ist?“, meinte Christian und schob den Jungen an den dürren Schultern von sich weg.

„Bin zu jung und ich hab kein Geld“, erwiderte der Junge und seine Lider senkten sich plötzlich, als würde er einen verführerischen Augenaufschlag versuchen. „Wenn du mich mitnimmst, darfst du mich auch anfassen.“

Christian war zu einer Salzsäule erstarrt. What the fuck? Widerwillig wanderten seine Augen an dem zierlichen Körper des Jungen entlang, riss sich jedoch schnell wieder zusammen.

„Du bist ein Kind! Was machst du… Wieso machst du einem fremden Mann solche Angebote? Bist du irgendwie lebensmüde, oder so?“ Er stieß einen genervten Seufzer aus. „Du darfst die Nacht bei mir schlafen, aber ich werde dich unter keinen Umständen anfassen.“

„Wie jetzt?“, fragte der Junge überrascht. „Du willst mich mitnehmen, aber mich nicht anfassen?“

„So etwas sollte dich nicht so überraschen, wie es das gerade tut. Immerhin bist du ein Kind und ich würde mich damit strafbar machen.“ Christian bemerkte, wie sich der Blick des Jungen senkte. Seine dunklen Haare fielen ihm in die Stirn und verbargen seine Augen.


„Du nimmst mich also nur aus Freundlichkeit mit?“, sagte der Junge leise und hob wieder den Blick, um Christian funkelnd anzusehen.

‚Eigentlich ist er ziemlich niedlich‘, dachte er, schüttelte jedoch hastig den Kopf, entsetzt über seine eigenen Gedanken.

„Ich nehme dich mit, weil ich mich sonst für deinen Tod verantwortlich fühlen würde, wenn du hier erfrierst. Also komm jetzt, bevor ich es mir noch anders überlege.“

Der Junge strahlte ihn dankbar an und so machten sie sich auf den Weg in Christians Wohnung. Er konnte nicht glauben, dass er einfach so mit ihm mitging. Wie naiv war dieses Bübchen? Nicht, dass Christian irgendwelche Hintergedanken hatte, aber normal war das definitiv nicht, dass er ohne den Hauch von Skepsis mit einem fremden Mann mitging. Und vor allem: Was sollte das komplett verrückte Angebot?

Christian brauchte eine Weile, bis er es schaffte, das Schlüsselloch bei seinem kleinen Apartment zu treffen, schaffte es schließlich doch und öffnete die Tür. Es sah wie immer unordentlich aus, aber er wohnte alleine, also störte es ihn nicht. Direkt, wenn man zur Tür hereinkam, war dort bereits die kleine Kochnische, die vollgestellt mit dreckigem Geschirr war. Links von der Nische ging es in das Badezimmer. Sie traten in das Wohnzimmer und gleichzeitig das Schlafzimmer ein, in dem nur ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen und das Bett am Fenster stand. Er verbrachte ohnehin nicht viel Zeit hier, da er meist lange arbeitete, sodass er weder einen Fernseher, noch einen Computer hatte. Ihm fiel schlagartig auf, wie langweilig sein Leben eigentlich war, bis auf die kleinen Techtelmechtel, die er immer wieder hatte, passierte absolut nichts außer Arbeit – Essen – Schlafen.

„Wieso ist es hier so dreckig?“, fragte der Junge angewidert und rümpfte die Stupsnase.

„Wenn es dir nicht passt, kannst du auch gerne wieder gehen“, motzte Christian und kämpfte sich einen Weg durch die Pizzakartons und leeren Flaschen, die auf dem Boden verteilt herumlagen zum Bett, auf das er sich sofort hinlegte. Er war immer noch viel zu betrunken, sodass sich alles um ihn herum drehte. Der Junge setzte sich neben ihn und beobachtete ihn dabei, wie er seine Krawatte vom  Hals lockerte.

„Du kannst schlafen“, murmelte Christian, der kurz vorm wegdämmern war. Er hörte nur eine raschelnde Bewegung seiner Schuluniform und plötzlich, ohne Vorwarnung, legte sich der Junge auf ihn. „Was soll das?“, rief Christian fassungslos und versuchte den Jungen von sich wegzudrücken.

„Ich muss mich doch irgendwie erkenntlich zeigen, dass ich hier schlafen darf“, säuselte dieser und begann Christians Hemd aufzuknöpfen.

„Lass das!“, keifte Christian und hielt die zierlichen Handgelenke des Jungen fest, der ihn wieder mit großen Augen ansah. „Ich werde dich nicht anfassen! Schlaf einfach und morgen kannst du den Zug nach Hause nehmen.“

„Was kann ich sonst für dich tun? Ich kann doch hier nicht einfach so übernachten, ich muss doch eine Gegenleistung bringen“, murmelte der Junge und ließ von Christian ab, um sich neben ihn zu legen. Christian stieß genervt die Luft aus und drehte sich von ihm weg. Erneut schlängelte sich die Müdigkeit in seinen Kopf und er schloss die Augen.

„Wenn du mir morgen Pancakes machen könntest, wäre das super…“, nuschelte er unsinnig und wurde immer mehr von der wohligen Dunkelheit umhüllt.

„Pancakes?“, wiederholte der Junge verwirrt, doch das, was er als Nächstes sagte, hörte Christian nicht mehr, denn er fiel in einen tiefen Schlaf.
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