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Verwechslungsgefahr

Kurzbeschreibung
GeschichteMystery, Action / P12 / Gen
04.06.2021
04.06.2021
2
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04.06.2021 4.070
 
Wochen-Challenge, Kalenderwoche 22 - Körpertausch: Eigentlich ist es ein ganz normaler Tag, doch dann wird dir plötzlich schwindlig und als du wieder klar sehen kannst, stehst du dir plötzlich selbst gegenüber ... in einem fremden Körper! Und der eigentliche Besitzer dieses Körpers ... steckt in deinem. Wie zur Hölle?! Und wie kann man das rückgängig machen? Willst du das überhaupt?


Kapitel 1 - Projekt Nergal

Es war ein sonniger Tag im Juli, als Anna und Melanie einen Strandspaziergang unternahmen. Es war das zweite Mal, dass die beiden Studentinnen hier an der Küste Urlaub machten. Das Haus, in dem sie wohnten, lag inzwischen einige Kilometer hinter ihnen. Sie hatten das Haus vor einem Jahr auf eine ungewöhnliche Weise erhalten. Offiziell war es ein Erbe, dass ihnen zu gleichen Teilen zugesprochen worden war. Wessen und warum, das hatte niemand so genau hinterfragt. Die wahre Geschichte hatten die beiden niemandem erzählt, es hätte ihnen wohl auch niemand geglaubt. Eines Tages waren alle Formalitäten wie durch ein Wunder erledigt gewesen. Anna und Melanie hatten sich gefreut. Das Haus war ein wahres Schmuckstück, umgeben von einem großen Garten. Es hatte ein Reetdach und stand gleich hinter den Dünen, womit es nur wenige Minuten vom Strand entfernt war.

So groß die anfängliche Freude gewesen war, hatten die beiden nicht Recht gewusst, was sie nach ihrem Urlaub mit dem Haus anfangen sollten. Sie lebten weit entfernt in einer großen Stadt. Sie hatten darum beschlossen, es als Ferienhaus zu vermieten. Seitdem sah ein Verwalter hin und wieder nach dem Rechten, außerdem gab es eine Hilfskraft, die einmal in der Woche putzte und sich um die Wäsche kümmerte. Die Einnahmen reichten gerade aus, um die Kosten zu decken. Das überirdische Geschenk war damit kein Klotz am Bein, eine Goldgrube war es aber auch nicht. Zumindest bis auf den Schatz, der immer noch im Garten vergraben lag. Diesen wollten sie aber nur im Notfall ausbuddeln, ansonsten hatten sie sich vorgenommen, es alleine zu schaffen. In diesem Jahr hatten sie das Haus für eine Woche für sich selbst reserviert. Das Wetter war herrlich und ein Strandurlaub genau das richtige, dachten die beiden, doch vorher mussten sie noch etwas erledigen.

Frau Nikarski, die Putzfrau der beiden, hatte ihnen bei ihrer Ankunft erzählt, wie viel Mühe sie gehabt hatte, das Chaos, dass der vorherige Urlaubsgast hinterlassen hatte, zu beseitigen. Dutzende leere Flaschen hatte sie entfernen müssen, außerdem unzählige Kugeln aus zusammengeknülltem Papier. Er war wohl ein Schriftsteller, der mehr trank als schrieb, vermutete Frau Nikarski. Außer Alkohol konsumierte er wohl noch andere Substanzen, berichtete sie, denn sie hatte beim Aufräumen einen kleinen Stoffbeutel mit Pflanzenteilen gefunden. Melanie hatte den Beutel einkassiert und Frau Nikarski versichert, dass sie den Inhalt vernichten würde. Seufzend hatte die Putzfrau auch den Verdacht von Damenbesuch geäußert, den sie durch das Indiz einer zurückgelassenen Handtasche begründet sah. Auch diese hatte Melanie an sich genommen.

An ihrem ersten Urlaubstag waren Anna und Melanie nun auf dem Weg, die Handtasche ihrer Besitzerin zurückzubringen. Die beiden ahnten, was es mit dem Damenbesuch auf sich gehabt hatte, doch dieser war von einer anderen Art, als Frau Nikarski vermutete. In der Tasche hatten sich weder ein Ausweis oder sonstige Dokumente befunden, dafür eine Dose Katzenfutter, eine kleine Schaufel, ein Aufkleberbogen mit roten Herzen, sowie eine Rolle Paketschnur und eine Handvoll loser Erde. Frau Nikarski befürchtete schlimmste Praktiken, aber in Wahrheit hatten diese Dinge nichts mit dem Treffen zu tun. Die Tasche gehörte einer netten alten Dame, die ebenfalls an der Küste wohnte.

Schon vor einem Jahr hatten sich Anna und Melanie den meisten ihrer Nachbarn vorgestellt. Die Küste war in dieser Gegend nur spärlich besiedelt. Wie durch ein Wunder wussten alle bereits von der Erbschaft und hatten ihre neuen Nachbarn herzlich willkommen geheißen. Das am weiteste entfernte Haus gehörte einer alten Frau, die im Ort Blumen verkaufte. Sie züchtete sie in einem großen Gewächshaus, das hinter ihrem Wohnhaus stand. Was sie dort noch so alles züchtete, erfuhren die beiden, als Frau Grebstiel ihnen prompt eines ihrer Duftkissen anbot. Anna hielt das zuerst für eine nette Geste, bevor Melanie sie damals auf dem Rückweg darüber aufklärte, was es mit dem Inhalt auf sich hatte. Anna hatte entrüstet darauf bestanden, dass Melanie das Duftkissen ungeöffnet in den Müll warf, was diese nach einigem Protest dann auch getan hatte.

Frau Grebstiel war eine leidenschaftliche Gärtnerin. Sie besaß zwei Katzen und wohnte in einem windschiefen Haus, das von einem verwilderten Garten umgeben war. Ihr Gewächshaus konnte man in manchen Nächten gespenstisch leuchten sehen, hatten einige der Nachbarn berichtet. Anna wusste nicht, ob das stimmte. Sie vermutete eher, dass die Nachbarn sie einfach nur nicht leiden konnten und deswegen Geschichten über sie erzählten. Ihr eklatanter Drogenhandel war daran wohl nicht ganz unschuldig, dachte Anna. Bei ihrem Besuch vor einem Jahr hatte sie die vielen exotischen Pflanzen bestaunt, die in dem gläsernen Gewächshaus und ringsherum im Garten wucherten. Daraus ließen sich wohl so einige Mixturen herstellen, hatte sie im Nachhinein gedacht. Abgesehen davon und ihrer seltsamen Angewohnheit, auf alle Dinge kleine Herzen zu kleben, hatte Anna sie für nett und freundlich gehalten. Melanie nannte Frau Grebstiel seitdem eine Kräuterhexe. Offenbar hatte sie in den Gästen des Ferienhauses eine neue Einnahmequelle gefunden und beim Letzen Mal ihre Handtasche vergessen.

Inzwischen näherte sich der Strandspaziergang dem Ende.
„Wir sind bald da!“, sagte Anna und deutete auf ein Schild an den Dünen, dass das Ende des aktuellen Strandabschnitts verkündete.
Der hinter ihnen liegende Abschnitt reichte bis zu ihrem Haus zurück und besaß eine sommerliche Kleiderordnung. Es war ein F.K.K.-Strand und das Tragen von Kleidung war verboten. Entsprechend hüllenlos waren die beiden bis hierher gelaufen, doch nun galt es, sich etwas anzuziehen. Melanie öffnete die Handtasche und wollte die beiden Badeanzüge herausnehmen, die sie eingepackt hatte.
„Oh…“, sagte sie erstaunt, „Ich habe wohl vergessen, die Badeanzüge einzupacken!“
„Was?“, erwiderte Anna, „Das ist doch nicht dein Ernst?!“
Sie blickte zurück und den Strand entlang. Es hatte über eine halbe Stunde gedauert, diesen Punkt zu erreichen. Grimmig verschränkte Anna die Arme.
„Also ich gehe nicht zurück und hole die Badeanzüge!“, sagte sie, „Du machst das!“
Melanie sah ebenfalls zurück. Resigniert ließ sie die Schultern hängen. Sie überlegte einen Moment, dann wandte sie sich wieder Anna zu. Sie sah an ihr vorbei und weiter den Strand entlang.
„Bis zur Kräuterhexe ist es gar nicht mehr weit“, begann Melanie, „Wir müssen nur noch ein paar Minuten den Strand entlang und dann die Dünen hinauf. Das sind vielleicht noch zehn Minuten, dann sind wir da!“
„Und dann? Sollen wir etwa so bei ihr auftauchen?“, fragte Anna, „Was macht denn das für einen Eindruck?“
Melanie zuckte gelassen mit den Schultern.  
„Sie borgt uns bestimmt etwas zum Anziehen oder zumindest zwei Handtücher!“, antwortete sie, „Außerdem weiß sie doch, dass hier ein F.K.K.-Strand ist. Wir erzählen ihr, was passiert ist, dann hat sie sicher Verständnis!“
Melanie ging los und winkte Anna hinter sich her.
„Na los!“, ergänzte sie.
Anna seufzte, dann ging sie mit.

Zusammen passierten sie das Schild, dass das Ende des textilfreien Bereichs anzeigte, dann spazierten sie weiter den Strand entlang. Zwanzig Minuten später sah sich Anna dabei mit einem mulmigen Gefühl um. Umso weiter sie gegangen waren, umso größer war die Anzahl an Badegästen geworden, die auf Handtüchern und in Strandkörben ihren Urlaub genossen. Inzwischen waren sie an einem Teil des Strands angelangt, der von Touristen regelrecht überfüllt war.
„Von wegen zehn Minuten!“, raunte Anna, „Hier herrscht ein Gewusel wie in einem Ameisenhaufen und wir sind mittendrin! Und dabei sind wir die einzigen, die nichts anhaben!“
Melanie ließ sich von diesem Umstand nicht aus der Ruhe bringen.
„Bleib locker, niemand achtet auf uns!“, erwiderte sie und deutete um sich, „Die meisten hier haben doch eh nur eine Badehose oder ein Bikini-Unterteil an, da fallen wir überhaupt nicht auf!“
Anna sah sich um. Tatsächlich war hier so viel los, dass niemandem ihre hüllenlose Erscheinung auffiel. Unbehelligt liefen sie beide weiter, als Melanie plötzlich in eine bestimmte Richtung zeigte.
„Sieh mal, da ist die Treppe!“, rief sie.
Zu Annas Erleichterung erkannte sie hölzerne Stufen, die im Zickzackkurs die Dünen hinaufführten. Die beiden verließen den Strand und betraten kurz darauf einen mit holzdielen ausgelegten Weg, der durch die teilweise von Gras bewachsene Dünenlandschaft führte.

Statt dem Weg zu folgen, gingen sie querfeldein. Das Haus von Frau Grebstiel war bereits zu sehen. Das Gewächshaus glitzerte in der Sonne. Das Haus lag etwas abgelegen, was Anna nur Recht war. Durch den hellen Sand der Dünen lief sie mit Melanie auf die Rückseite des Hauses zu. Der Sand wurde dabei immer weniger und verschwand unter Rasen. Der hölzerne Zaun, der das Grundstück umgab, war so verfallen, dass er nur noch ansatzweise vorhanden war. Anna und Melanie ließen ihn hinter sich. Der verwunschene Garten des Hauses sah immer noch so aus, wie bei ihrem ersten Besuch. Hier standen uralte, geschwungene Bäume, überwucherte Pergolen und so viel Büsche, Sträucher und Blumenkübel, die in allen Farben leuchteten, dass er dem botanischen Garten in ihrer Heimatstadt locker Konkurrenz machen konnte, dachte Anna. Mit einem Strohhut auf dem Kopf und den Händen in Arbeitshandschuhen, kniete Frau Grebstiel vor einem leeren Blumenkübel, als sie die beiden Besucher entdeckte. Die alte Dame trug ein Sommerkleid und lächelte Freundlich.
„Anna! Melanie! Das ist ja eine Überraschung!“, sagte sie und erhob sich, „Ich wusste gar nicht, dass ihr beide wiedermal in der Gegend seid. Macht ihr wieder Urlaub?“
„Ja genau!“, antwortete Anna, „Eine Woche Sonne, Strand und Meer!“
„Das dachte ich mir“, erwiderter die alte Dame, „Ihr beide seht aus, als ob ihr gerade vom Strand kommt.“
„Ja, ähm…“, begann Anna, „Verzeihung, dass wir hier so… ähm… zwanglos…“
„Ach, das ist schon in Ordnung!“, unterbrach Frau Grebstiel, „Als ich in eurem Alter war, bin ich hier im Sommer auch immer wie Gott mich schuf durch die Landschaft gelaufen. Dafür ist diese Dünenlandschaft doch wie geschaffen und das Wetter ist zurzeit ja auch herrlich, nicht wahr? Habt ihr beide am Strand wieder Basketball gespielt?“
„Ähm… Sie meinen Volleyball?“, fragte Anna, „Nein, noch nicht, wir sind heute den ersten Tag hier!“
„Ach, und da kommt ihr mich gleich besuchen? Das finde ich aber sehr nett von euch!“, sagte Frau Grebstiel begeistert.
„Wir wollten Ihnen Ihre Tasche zurückbringen“, sagte Melanie und hielt ihr die Handtasche entgegen.

Frau Grebstiel war überrascht, dann wirkte sie verlegen. Sie nahm die Tasche und warf einen kurzen Blick hinein.
„Vielen Dank!“, sagte sie, „Ich habe mich schon gefragt, wo ich sie gelassen habe!“
Betrübt blickte sie danach ihre beiden Besucherinnen an.
„Ihr seid extra den weiten Weg gelaufen, um sie mir zu bringen?“, ergänzte sie und schien den Tränen nahe, „Das war wirklich sehr nett von euch!“
„Ach was!“, erwiderte Anna fröhlich und machte eine abwinkende Handbewegung, „Wir haben nur einen kleinen Strandspaziergang gemacht! Keine große Sache! Gern geschehen!“
Anna sah zu Melanie, die ihr anerkennend zunickte. Frau Grebstiel zog derweil in der Handtasche ein kleines Fach auf, dass die beiden beim Kontrollieren des Inhalts übersehen hatten. Darin befand sich ein schwarz-weißes Foto, dass die alte Dame hervorholte. Das Bild musste uralt sein, dachte Anna, denn die Farben waren zu Brauntönen verblichen. Es zeigte einen lächelnden Mann vor einem Hotel.
„Das ist Heinrich“, erklärte Frau Grebstiel, „Er war mein Mann und wir waren sehr glücklich zusammen. Eines Tages kam er mit seinem Wagen von der Straße ab.“
Sie fuhr mit dem Finger über das Bild.
„Kennengelernt haben wir uns in der Firma, in der wir arbeiteten. Er war Vertreter für Schreibmaschinen und ich war Sachbearbeiterin. Ich musste die Bestellungen bearbeiten, die er von überall auf der Welt schickte. Es war viel Papierkram, Computer gab es noch nicht. Heinrichs Bestellungen hatten immer eine Besonderheit. Er malte immer kleine Herzen auf alle Papiere und Umschläge, überhaupt auf alles. Er sagte, dadurch würde die Welt ein kleines Stück besser werden. Auf einer Firmenfeier lernten wir uns dann näher kennen und… oh verzeiht mir, ich will euch nicht langweilen“, sagte Frau Grebstiel, „Ich habe nicht mehr viele Bilder von ihm, darum bin ich euch sehr dankbar, dass ihr es mir zurückgebracht habt!“
„Keine Ursache“, sagte Melanie, „Unsere Putzfrau hat die Tasche gefunden. Wir dachten uns schon, dass sie Ihnen gehört.“
Erneut wirkte Frau Grebstiel verlegen.

„Ja, ich war bei Herrn Zinobi“, sagte sie und lies den Kopf hängen, „Leider kann ich vom Verkauf meiner Blumen in der Stadt nicht leben. Als ich eines Tages einige Jugendliche erwischte, wie sie in meinem Garten etwas einsammelten, stellte ich sie zur Rede. Sie gaben mir Geld und ich ließ sie mitnehmen, was sie wollten. Irgendwie sprach es sich dann herum, dass ein paar meiner Pflanzen…. nun ja, gewisse Eigenschaften besitzen. Ich fing an, hin und wieder einige zu verkaufen. Ich verpacke sie meistens in diese kleinen Kissen.“
Melanie und Anna sahen sich an. Sie brauchten nicht viele Worte zu wechseln, um zu beschließen, dass es Zeit wurde, den Goldschatz zu heben. Bald würde Frau Grebstiel nie wieder irgendwas an irgendwen verkaufen müssen, dafür würden sie beide sorgen, doch für heute, mussten die Handtasche und das Foto genügen.
„Dieser Herr Zinobi, war das der, der unser Haus gemietet hat?“, fragte Melanie.
„Ja, Retram Zinobi“, antwortete Frau Grebstiel, „Er ist ein Schriftsteller. Er wohnt jetzt bei mir!“
„Bei Ihnen?“, fragten Anna und Melanie gleichzeitig.

Die Liste der Erfolge war lang. Der Tanz der Pagane. Das Fenster in der Kathedrale. Im Schatten des Pianos. Das waren nur einige der preisgekrönten Erfolge, die Retram Zinobi geschrieben hatte. Seit einer Weile litt er jedoch unter einer Schreibblockade, erzählte Frau Grebstiel. Er hatte Probleme, die letzten Kapitel seines aktuellen Buchs fertigzustellen, darum hatte er das ruhige Ferienhaus gemietet. Die Zeit hatte jedoch nicht ausgereicht. Selbst unter Zuhilfenahme diverser bewusstseinsverändernder Substanzen, war es ihm nicht gelungen, das Buch fertigzuschreiben. Frau Grebstiel hatte sich Sorgen um seinen Zustand gemacht, erzählte sie. Sie hatte in ihrem Haus ein Zimmer frei, deshalb hatte sie ihm angeboten, dort weiterzuschreiben.
„Ich dachte mir, bevor er abreist und sich irgendwo ganz alleine vor seiner Schreibmaschine zu Tode trinkt, ist er bei mir besser aufgehoben“, erklärte sie und deutete zum Dach ihres Hauses, wo sich unter einem windschiefen Dachgiebel ein kleines Fenster befand.
Inzwischen hatten die drei in einer kleinen Sitzecke platzgenommen, die am Rand des Gartens stand.
„Dort oben sitzt er seit gestern, hat nichts gegessen und kaum ein Wort gesprochen“, fuhr Frau Grebstiel besorgt fort, „Dabei ist er eigentlich längst fertig!“
„Wie meinen Sie das, er ist fertig?“, fragte Anna, „Ich dachte, ihm fehlen die letzten Kapitel?“
„Naja, nicht wirklich. Er ist wohl nur nicht zufrieden damit“, antwortete Frau Grebstiel, „Er schreibt das Ende immer wieder um. Er sagt, das Buch würde nicht funktionieren, was auch immer das bedeutet. Er sagte, er hätte sich wichtige Notizen für das Ende gemacht, aber dann hat er das Notizbuch verloren. Ich habe ihm gestern drei Stunden beim Suchen geholfen, denn er war sich sicher, dass er es in das Ferienhaus mitgenommen hatte. Wir haben es aber nicht gefunden. Er muss es irgendwo anders verloren haben.“

Sie zuckte mit den Schultern, dann stand sie auf.
„Na wie auch immer, das ist nicht euer Problem. Ich habe euch schon viel zu lange aufgehalten! Ihr habt Urlaub und den solltet ihr jetzt genießen!", sagte sie freundlich, „Und nochmal danke dafür, dass ihr mir die Tasche zurückgebracht habt!“
Anna und Melanie verabschiedeten sich von der netten alten Dame. Sie verließen den verwunschenen Garten, dann liefen sie durch die Dünen zurück zum Strand und ihrem Haus entgegen. Dieses Mal war Anna deutlich gelassener, als sie beide dabei wieder durch den von Touristen überfüllten Teil des Strands gingen. Melanie grinste.
„Du hast vergessen, die Kräuterhexe nach etwas zum Anziehen zu fragen“, sagte sie.
„Im dem Gewusel hier achtet doch sowieso niemand auf uns“, erwiderte Anna.
Kurz darauf wurde der Strand leerer und nach einigen Minuten passierten sie das Schild, das den nächsten Strandabschnitt kennzeichnete. Eine halbe Stunde später erreichten sie das Haus mit dem Reetdach, vor dem Melanie sich erschöpft in eine Gartenschaukel sinken ließ.
„Nach diesem Ausflug werde ich hier eine Woche sitzen bleiben!“, verkündete sie, „Wir hätten uns übrigens etwas von ihrer Spezialmischung mitnehmen sollen! Ich wette, sie hätte uns ein gutes Angebot gemacht!“
„Kommt nicht in die… kommt nicht in Frage!“, raunte Anna.
Auch ihr taten nach dem langen Strandspaziergang die Füße weh. Sie ließ sich im Garten auf den Rasen fallen und blickte in den wolkenlosen Himmel.
„Ob sie gerade zu uns herunter sieht?“, fragte Anna.
Melanie sah nach oben.
„Keine Ahnung, aber ich wette, Engelbert diskutiert gerade wieder mit irgendeinem Neuzugang“, antwortete sie, „Und wenn ich nicht bald etwas zu trinken bekomme, dann bin ich die nächste! Komm mit, wie haben noch Eistee im Kühlschrank!“

Beide gingen ins Haus und gönnten sich eine Erfrischung. Im Erdgeschoss befanden sich eine offene Küche und ein großes Wohnzimmer. Die Einrichtung war etwas altmodisch, aber sehr gemütlich. Helles Holz bestimmte das Ambiente. Frau Nikarski hatte dafür gesorgt, dass alles blitzblank und ordentlich war. In einer Ecke des Wohnzimmers gab es ein Erkerfenster, vor dem ein Schreibtisch stand. Für gewöhnlich standen darauf ein Schiffsmodell und eine dunkelgrüne Blumenvase, doch beides stand nun auf der Fensterbank.
„Bestimmt hat Herr Zinobi dort mit seiner Schreibmaschine gesessen“, kombinierte Anna und stellte die Dinge wieder auf den Schreibtisch zurück.
Sie entdeckte dabei, dass Frau Nikarski etwas übersehen hatte. In der Blumenvase steckte ein zusammengeknülltes Stück Papier. Es hatte sich zwischen den Stielen verfangen. Anna holte es heraus und las, was darauf geschrieben stand, dabei runzelte sie die Stirn. Der Text beschrieb offenbar ein bestimmtes Buch und seine Eigenschaften.
„Das wird wohl ein Fantasy-Roman. Scheinbar geht es in der Geschichte um ein Buch, das übernatürliche Geheimnisse enthält“, stellte Anna fest und las vor, „Der Raum ist in fünf Segmente Unterteilt. Die Segmente sind mit Erde, Wasser, Lehm und Stroh gefüllt. Das fünfte Segment ist leer. Ein Arbeiter wird hineingeführt. Er sieht verängstigt aus. Der Priester verlässt das Haus und verschließt es. Das Buch wird verlesen. Protokoll Ende. Kairo, 1819. Und dann sieh mal hier, da sind einige Passagen, die in einer seltsamen Sprache geschrieben sind.“
„Das ist nur Kauderwelsch“, erwiderte Melanie, „Wahrscheinlich hat er seinen Kopf frustriert auf die Schreibmaschine gehauen und das Blatt danach zusammengeknüllt und weggeworfen. Du weiß doch noch, dass Frau Nikarski gesagt hat, dass hier alles voll von sowas war.“

„Ich würde wirklich gerne das ganze Buch lesen“, sagte Anna, „Außerdem frage ich mich, ob Herr Zinobi sein Notizbuch nicht vielleicht doch hier im Haus verloren hat.“
„Wenn unsere gründliche Frau Nikarski es nicht gefunden hat, dann finden wir es erst Recht nicht!“, erwiderte Melanie, „Außerdem hat die Kräuterhexe auch schon danach gesucht und es nicht gefunden! Da brauchst du dir gar keine Hoffnungen zu machen!“
„Hm…“, brummte Anna und legte nachdenklich eine Hand ans Kinn.
Auf einem Tisch begann derweil ein Handy zu klingeln. Es war Annas Mutter, trotzdem nahm Melanie ab.
„Ja, ich bin es, Melanie! sagte diese, „Anna ist gerade schwer beschäftigt… sie denkt nach!“
Anna ignorierte die Bemerkung und überlegte, während Melanie das Telefonat fortsetzte.
„Ja, uns geht es gut“, sagte Melanie ins Handy, „Ja, wir sind gut angekommen!“
Anna grübelte.
„Ja, das Wetter ist super“, sagte Melanie ins Handy, „Ja, das Haus ist in Ordnung!“
Anna grübelte.
„Ja, der Strand ist immer noch ein F.K.K.-Strand“, sagte Melanie ins Handy, „Ja, wir werden wieder nahtlos braun!“
Anna grübelte.
„Ja, wir benutzen genug Sonnencreme“, sagte Melanie ins Handy, „Ja, wir trinken auch genug!“
Anna grübelte.
„Ja, ich gebe ihr das Handy“, sagte Melanie.
Plötzlich erwachte Anna aus ihren Gedanken.
„Handy!“, rief sie, „Das ist es!“
„Was meinst du?“, fragte Melanie, während Anna ihr das Telefon aus der Hand riss.
„Hallo? Ja, uns geht es gut! Ich rufe später zurück!“, sagte sie aufgeregt und beendete das Gespräch.
„Was ist los?“, fragte Melanie verwirrt, dann folgte sie Anna.

Anna nahm im Vorbeigehen einen hölzernen Kochlöffel vom Tresen der Küche und lief damit eilig zur Haustür. Neben der Tür führte eine Treppe nach oben und eine nach unten. Im Obergeschoß waren die Schlafzimmer. Im Untergeschoss befanden sich ein Versorgungsraum, eine Abstellkammer und ein Raum mit einer Sauna. Die Treppe, die nach unten führte, verlief parallel zum Flur, darum gab es ein Geländer. Anna zeigte auf den kleinen Tisch, der vor dem Geländer stand. Über diesem hing eine große gehäkelte Decke, die fast bis auf den Boden reichte. Sie legte den Kochlöffel darauf.
„Weißt du noch, wie du letztes Jahr dein Handy gesucht hast?“, fragte Anna, „Wir wollten abreisen und draußen wartete ein Wagen auf uns. Wir wollten sichergehen, dass wir nichts vergessen hatten und sind noch ein paarmal rein und raus gelaufen. Im Wagen fiel dir dann auf, dass dein Handy verschwunden war!“
Anna öffnete die Haustür und warf sie kräftig wieder zu. Die Erschütterung schien zuerst keinen Effekt zu haben, doch zwei Sekunden später, begann die Decke plötzlich, sich zu bewegen. Scheinbar wie von Geisterhand zog das Gewicht der Decke diese mitsamt dem Kochlöffel immer weiter nach hinten. Die Erschütterung hatte für eine ungleiche Verteilung des Gewichts gesorgt, wodurch die Decke nun immer weiter verrutschte. So weit, dass der Löffel hinter dem Tisch verschwand. Er polterte aber nicht die Treppe hinunter. Durch das Geländer hindurch, lies das Ende des Tuchs ihn stattdessen sanft auf die Treppe gleiten, wo er nun wie auf einer Rutsche lautlos über die Stufen glitt und gleich darauf im Untergeschoss verschwunden war.
„Hah!“, rief Anna und lief die Treppe hinunter.

Melanie folgte ihr. Unten teilte sich das Stockwerk in drei Räume auf. Anna sah sich um. Der Kochlöffel war einige Meter über den gefliesten Boden geschlittert und dann an einer Tür hängengeblieben. Anna erkannte, dass sich unter der Tür ein Spalt befand. Dieser war nicht hoch genug für den großen Löffel, aber ein Notizbuch würde hindurchpassen, dachte sie und riss die Tür auf. Es war der Raum mit der Sauna. Sie tippte auf den Lichtschalter und die Einrichtung wurde erkennbar. Gegenüber der Tür stand ein Regal mit Handtüchern. Dessen untere Ebene befand sich nur wenige Zentimeter über dem Boden, wodurch man nicht sehen konnte, ob etwas darunterlag. Melanie verfolgte, wie Anna das Regal mit einem kräftigen Ruck verschob. Die Handtücher fielen auf den Boden, auf dem nun auch ein schwarzes Notizbuch zum Vorschein kam. Anna hob es auf.
„Bin ich gut oder was?“, fragte sie stolz.
„Ich muss zugeben, dass an dir eine Detektivin verloren gegangen ist!“, antwortete Melanie anerkennend.

Die beiden gingen wieder ins Erdgeschoss hinauf und beratschlagten, was sie mit dem Notizbuch tun sollten. Melanie war dafür, es so schnell wie möglich zur Kräuterhexe zu bringen, damit ihr Untermieter endlich sein Buch fertigschreiben konnte. Anna hingegen wollte zuerst nachsehen, was in dem Notizbuch stand. Beim Durchblättern stellte sie fest, dass alle Seiten dicht beschrieben waren, außerdem hatte die Seite aus der Blumenvase sie neugierig gemacht.
„Ich schlage vor, dass wir erst morgen früh zu Frau Grebstiel gehen“, sagte Anna, „Dann kann ich heute Abend in Ruhe das Notizbuch lesen.“
„Eigentlich habe ich auch keine Lust, heute nochmal loszugehen“, erwiderte Melanie, „Du hast Recht! Es kann bis morgen warten! Wir sind schließlich seit Stunden im Urlaub und haben uns noch gar nicht erholt!“
„Das stimmt!“, erwiderte Anna.
Sie legte das Notizbuch in eine Schublade, dann liefen sie beide lachend aus dem Haus. Den Rest des Tages verbrachten sie beide am Strand in einem gemütlichen Strandkorb, sahen auf das Meer hinaus, gingen zwischendurch schwimmen, lachten viel und bauten zusammen eine Sandburg. Als Anna einige Stunden später müde im Bett saß und im Schein einer Nachttischlampe das Notizbuch aufschlug, musste sie daran denken, was für ein erster Urlaubstag das gewesen war. Der lange Strandspaziergang und der Besuch bei der Kräuterhexe. Die rührende Geschichte von ihrem Mann, sowie die vom verzweifelten Schriftsteller, der plötzlich bei ihr wohnte. Der aufregende Fund seiner verlorenen Notizen und am Ende gemütliche Erholung am Strand. Anna lehnte sich zurück und begann zu lesen.

„Notizen zu Projekt Nergal. Grimoire. Clausura nigromantica. Ursprung unbekannt. Gefunden 1817, Molinas en Cairàs, Frankreich. Verloren 29. Juni 1927, Kassel, Deutschland. Ursache Feuer. Erwähnt 1193 in Omne datum optimum, 1244 von Jean de Joinville. Primärquellen überprüft. Überlieferung des Inhalts durch P. Allister, R. Gerhard. Untersuchung der Materialien durch R. Raafe. Teilweise Abschriften von L. Gulielmus, P. Nicklas, A. Alhazred. Zeichnungen von A. Raafe, M. Anthony, Archive von St Bernard De Clairvaux. Einband Leder. Brandzeichen. Schrift frühsumerisch. Wichtig, Talisman immer im Buch belassen! Papyrus. Inhalt in zwölf Kapitel aufgeteilt. Kapitel 1, Die Schwelle. Kapitel 2, Funktionen von Blut. Na sowas!“, raunte Anna, „Ich hoffe, ich bekomme davon keine Albträume!“
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