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Trost und Dankbarkeit

OneshotFreundschaft / P12 / Gen
Dr. John Watson Sherlock Holmes
03.06.2021
03.06.2021
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Das Geräusch der Regentropfen an unserer Fensterscheibe vermischte sich mit dem Knistern des Kaminfeuers und gaben dem so grausamen Abend eine seltsam entspannte Atmosphäre.

Sherlock Holmes, der große Meisterdetektiv, saß in seinem Sessel in sich zusammengesunken und starrte apathisch in die Flammen.

Auch mir ging es nicht besser, aber als Holmes‘ bester Freund und engster Vertrauter hatte ich das Gefühl stärker sein zu müssen, gerade in Momenten in denen er Gefühle zu ließ – es war zwar selten, aber es kam vor.

Mit einem Blick auf Holmes schloss ich die Augen und ließ den heutigen Tag noch einmal Revue passieren:

Mrs. Hudson in einer kleinen Blutlache auf ihrem Küchenboden, ein spitzer Gegenstand der ihr durch den Nacken ins Gehirn gerammt wurde.

Übelkeit überkam allein bei dem bloßen Gedanken daran, doch ich ließ mich nicht beirren. Holmes, fast rasend vor Wut über das was unserer Haushälterin zugestoßen war, suchte das ganze Appartement nach Hinweisen ab.

Da waren Handtücher, literweise mit Blut getränkt in der Badewanne. Es gab noch ein zweites Opfer!

Doch es fiel mir schwer, mich auf den Fall zu konzentrieren. Mrs. Hudson unsere treue Haushälterin - tot! Das kam mir alles vor wie ein Albtraum, aber wir waren weit davon entfernt aufzuwachen.

Ein schwaches „Watson“ riss mich aus meinen Gedanken und ich öffnete die Augen.

Sherlock Holmes hatte den Kopf gehoben und sah mich direkt an. Seine Pupillen waren mal wieder stecknadelkopfgroß. Kein Zweifel – er hatte sich mal wieder Kokain injiziert.

Ich reagierte nicht, sah ihn einfach nur an.

„Watson, wie geht es Ihnen? Sie müssen nicht so tun, als wären sie stärker als ich“

Ich zuckte zusammen. Verdammt, er hatte schon wieder meine Gedanken erraten. „Ich, das tu ich nicht Holmes, ich …“, begann ich, doch mir fiel kein geeignetes Gegenargument ein.

„Lassen Sie es gut sein, Doktor. Ich denke, heute Abend steht es uns zu, zu trauern, immerhin haben wir beiden einen Menschen verloren, der uns sehr wichtig war. Und durch den wir uns überhaupt erst kennengelernt. Wäre Mrs. Hudson und ihre Wohnung nicht gewesen, hätte es uns zwei in dieser Form wahrscheinlich gar nicht gegeben.“

Ich dachte kurz über seine Worte nach. Damit hatte er durchaus recht. Doch bevor ich etwas erwidern konnte, fuhr Holmes fort. Er hatte seinen Sessel kaum merklich näher an meinen gerückt. Was sollte das? Suchte er etwa meine … Nähe?

Ich war verwirrt darüber, aber angesichts unser beider Gefühlslage ließ ich ihn gewähren, wollte nicht die schon immer vorhandene Vertrautheit zwischen uns auseinander reißen.

Ich betrachtete Holmes stumm von der Seite. Eine Träne glitzerte in seinem Augenwinkel. Es war ein fast schon groteskes Bild, das sich dort abzeichnete. Ich fühlte mich nicht in der Lage etwas zu sagen, der Kloß in meinem Hals hinderte mich daran.

„Ich …“, hörte ich Holmes fast flüstern, „ich habe ihr nie dafür gedankt, das ich die Wohnung haben durfte, das Sie auch mit einziehen durften.“

„Was … was wollen Sie damit sagen, Holmes?“, fragte ich, ebenfalls fast flüsternd. Die Atmosphäre war erdrückend, zwischen Trauer und Behaglichkeit.

„Das ich es sehr bedauert hätte, wenn Sie nicht mit eingezogen wären. Wenn Sie wüssten, wie nervös ich war, als wir uns hier zum ersten Mal getroffen haben“

„Nervös?“, fragte ich ebenfalls leise. „Aber warum denn? Die Wohnung ist perfekt für zwei Junggesellen wie uns!“, ich lachte leise auf.

„Weil sie nur mit Ihnen so perfekt ist, Watson. Ich kann kaum glauben, dass Mrs. Hudson tot ist. Sie hat sich ständig beschwert. Über mein Geigenspiel um drei Uhr nachts, Schüsse in den Wänden, meine chemischen Experimente und das ich ihr Geschirr dafür verwendet habe. Und was ich am meisten bereue, ist das ich mich bei ihr nie dafür entschuldigt habe, das sie uns trotz alle dem nicht vor die Tür gesetzt habe. Sie … sie war für mich da, als Sie mit Mary zusammengezogen sind. Sie wusste es nicht, aber Mrs. Hudson gab mir Halt in den schwersten Stunden meines Lebens. Und das soll jetzt alles vorbei sein?“

Ich musste schlucken. Seine Worte trieben mir erneut Tränen in die Augen. Doch nicht nur wegen Mrs. Hudson. Meine Abwesenheit war für Holmes die schlimmste Zeit seines Lebens?

Doch bevor ich länger darüber nachdenken konnte, brachte ein Blick aus seinen rehbraunen Augen meine Gedanken zum schweigen.

Dann tat mein Herz das, was das einzig richtige war: Ich stand auf und zog den trauernden und apathischen Detektiv in eine Umarmung. Für einige Sekunden war er wie erstarr, dann spürte ich, wie sich seine Arme ebenfalls um mich schlossen und sich schon beinahe an mir festkrallten.

Wir verharrten einige Sekunden, ja fast Minuten in dieser Position, keiner wollte diesen Moment irgendwie unterbrechen.

Schweigend lösten wir uns wieder voneinander. Wir hatten so etwas vorher noch nie getan. Weder bei unserem Wiedersehen, noch bei Marys Tod, aber das  hier war etwas anderes. Mrs. Hudson hatte mit uns ziemlich viel aushalten müssen, da hatte Holmes recht.

Und umso  wichtiger war es, das wir ihren feigen Mörder zur Strecke brachten, das waren wir ihr schuldig. Und das konnten nur wir beide als Team.

Sherlock Holmes und Dr. Watson.
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