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Aaliyah

KurzgeschichteHorror / P12 / Gen
John Sinclair Justine Cavallo
02.06.2021
02.06.2021
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Der Tag war mal wieder zu lang gewesen. Es war bereits Nacht, als Suko und ich endlich nachhause kamen. Auf dem Hausflur trennten wir uns. Er ging zu Shao, ich ging zu mir.
Ich verzichtete darauf, das Licht im Wohnzimmer einzuschalten. Der Vollmond schien durchs Fenster herein. Kalt wie das Licht der Leuchtstoffröhren nachmittags in der Pathologie. Die Neigung, den Erdtrabanten mit Romantik, Poesie oder sonst etwas Positiven zu assoziieren, war mir schon seit langem abhanden gekommen.
Ich hatte es mir mit einem Feierabendbier auf der Couch halbwegs bequem gemacht und mehr oder weniger aus Gewohnheit die Glotze eingeschaltet. Pünktlich zu den Spätnachrichten.
Die eine Hälfte der Sendung gehörte der Pandemie; die andere Hälfte der mittlerweile üblichen rassistischen Hetze gegen Russland und China.
Ich hatte beide Länder kennengelernt und war dort wunderbaren Menschen begegnet. Einer dieser Menschen war seit einer gefühlten Ewigkeit mein engster Verbündeter im Kampf gegen die Mächte der Hölle.
Das Mobiltelefon auf dem Couchtisch meldete einen Anruf. Ich blickte aufs Display.
J.C.
Ich stellte das Bier weg.
Wenn Justine Cavallo sich von sich aus bei mir meldete, dann aus gutem Grund. Und der war selten erfreulich.
"Erzähl´!"
"Mach´ ich, wenn du hier bist."
"Wo ist hier?"
"Am Hafen, bei den Docks."
"Suko?"
"Komm´ allein."

***

"Sie war in dem Container. Dort." Justine deutete in Richtung eines Vierzig-Fuß-Standardfrachtcontainers, der etwas abseits neben der Lagerhalle stand. "Da drin liegen gut und gerne drei Dutzend Leichen. Du kannst nachsehen, wenn du willst."
Das tat ich. Ich wünschte, ich hätte es nicht getan.
Der Gestank war bestialisch und das quengelnde Summen der Fliegen so laut, dass es mir in den Ohren zu dröhnen schien. Ich ließ den Lichtstrahl meiner Bleistiftlampe nur einmal kurz aufflackern. Es reichte, um das Bild für immer in mein Hirn zu brennen.
Ich wandte mich zu dem Mädchen um. Es sah mich mit offenkundigem Interesse an. Das Mondlicht brach sich in ihren schwarzen Augen. Mir schauderte.
Was immer Justine Cavallo nachts bei den Frachtdocks am Nordufer der Themse verloren haben mochte - die Blutsaugerin verfügte über eine dermaßen geschärfte Sinneswahrnehmung, dass ein Normalsterblicher an all den Eindrücken wahrscheinlich wahnsinnig geworden wäre. Sie hatte die Toten in dem Container gewittert. Aber nicht nur die Toten.
"Wie heißt du?", fragte ich.
"Aaliyah", sagte das Mädchen.
Zwischen all dem Tod hatte ein Herz geschlagen. Ganz leise, kaum noch vorhanden. Und inmitten all der gärenden Fäulnis in unterschiedlichen Stadien hatte Justine ganz deutlich den Duft von frischem, lebendigen Blut aufgefangen.
"Woher kommst du? Ich meine ..."
"Merka", sagte das Mädchen.
Ich schätzte sie auf fünf, sechs Jahre. Pechschwarze, fingerlange Dreadlocks, die wirr vom Kopf abstanden. Die Haut so dunkel wie Ebenholz, überzogen mit einer Blässe, die keinen Zweifel daran ließ, dass ihr Herz mittlerweile aufgehört hatte zu schlagen. Sie trug ein schmutziges kirschrotes Kleid. Dicke Wollsocken. Keine Schuhe.
"Amerika?"
"Merka", sagte Justine. "Eine Stadt in Somalia."

***

"Verdammt, John, sie war so gut wie tot", hatte Justine gesagt. "Schau´ sie dir an! Was hättest du denn an meiner Stelle getan?"
Ich glaubte, nicht lange überlegen zu müssen. ich wollte nicht lange überlegen.
"Auf die Zwischenmahlzeit verzichtet", sagte ich.
Die blonde Bestie schnaubte. "Ich hatte Mitleid mit ihr, verdammt!"
"Und rettest sie, indem du sie zu einem Vampir machst?!"
"Ich weiß, das war Scheiße." Justine starrte mich an. "Ich weiß es." Sie sah hinab zu dem Mädchen, das neben ihr stand und zu ihr aufblickte.
"Du musst es tun, John. Ich kann´s nicht."
Ich sah das Mädchen an, Aaliyah, und Aaliyah sah mich an. Sie lächelte.
"Mama und Papa sind tot. Aber jetzt hab´ ich ja euch." Ihr Lächeln wurde noch breiter. Ich sah die beiden langen spitzen Fangzähne. So weiß und rein und unbefleckt wie frisch gefallener Schnee.
"Tu´ du es. Bitte."
"Scheiße."

***

Ich sah Justine an. Schloss für einen Moment die Augen und schüttelte den Kopf.
Justine ließ die Hand des Mädchens los und trat mehrere Schritte zur Seite.
Aaliyahs Blick ging zwischen mir und Justine hin und her. Ihr Lächeln gefror und erstarb.
Ich ging langsam auf sie zu. Ihre Augen weiteten sich, sie wich zurück, fletschte die Zähne.
Die Blutzähne schienen in den vergangenen Minuten noch gewachsen zu sein. Mittlerweile ragten die Spitzen deutlich sichtbar über die Unterlippe.
"Was hast du da?", zischte sie.
Das silberne Kreuz, das ich an einer dünnen Lederschnur um den Hals trug, hatte sich bereits bei meinem Eintreffen deutlich spürbar erwärmt. Anfangs hatte ich den Effekt einzig auf die Gegenwart der Cavallo zurückgeführt. Nun spürte Aaliyah ihrerseits die Ausstrahlung meines weißmagischen Talismans.
"Tu´ das weg!" Sie wich weiter vor mir zurück. Ich blieb stehen. Griff nach dem Kreuz, zog es aber noch nicht hervor.
"Hör zu, Aaliyah", sagte ich. "Weißt du, was mit dir geschehen ist? Weißt du, was du bist?"
Das Mädchen blieb ebenfalls stehen. Verzog das Gesicht. Warf einen Blick über die Schulter in Richtung des Containers, in dem womöglich ihre Eltern lagen. Tot, vielleicht schon seit Tagen. Während Aaliyah zwischen all den Leichen ums Überleben gekämpft hatte.
Vergebens.
"Du bist jetzt ein Vampir." Ich biss mir auf die Lippe. "Weißt du, was ein Vampir ist? Weißt du, was das bedeutet?"
Der Blick ihrer pechschwarzen Augen bekam etwas Lauerndes. Ihre Stimme klang plötzlich rau und tief wie die einer Erwachsenen. Einer uralten Erwachsenen.
"Nein ..."
"Vampire töten Menschen. Um ihr Blut zu trinken."
Aaliyah grinste. "Aber ich doch nicht ..."
"Auch du! Auch du wirst Menschen töten."
Aaliyah blickte zu Justine. "So wie sie?"
Ich ging nicht darauf ein. "So weit dürfen wir es nicht kommen lassen, Aaliyah. Verstehst du das?"
Ich zog das Kreuz hervor.
Aaliyah fauchte wie eine Katze.
Ich machte einen Schritt auf sie zu. Sie wich weiter zurück. Ihr Blick ging zwischen mir und dem Kreuz hin und her. In ihren Augen glühte blanke Verachtung.
"Ihr wollt uns nicht bei euch haben. Und wenn wir es doch bis zu euch schaffen, dann wollt ihr uns töten."
"Aaliyah ..."
"Du hast gesagt, du bist Polizist! Weil meine Haut nicht so weiß ist wie deine ..."
"Nicht deine Haut, Aaliyah! - Dein Blut!"
"... darum hasst du mich!"
Mir lief es eiskalt den Rücken hinunter. "Das stimmt nicht, Aaliyah. Bleib´ stehen!"
"Stimmt wohl!" Ihr Gesicht war verzerrt zu einer Fratze puren Hasses. "Ihr hasst uns! Und alle wissen es! Alle!"
Als sie sich blitzschnell umdrehte, um zu fliehen, war ich darauf vorbereitet. Mit zwei schnellen Schritten war ich bei ihr. Presste ihr von hinten das silberne Kreuz gegen die Stirn. Sie kreischte schrill, versuchte, sich zu wehren, die langen gekrümmten Fangzähne in meinen Arm zu stoßen.
Vergebens.
Ich hielt den erschlaffenden Körper fest und ließ ihn sanft zu Boden gleiten. Warf einen Blick zurück über die Schulter.
Justine Cavallo stand da, den Kopf gesenkt, das Gesicht in den Händen vergraben. Ich glaubte, sie leise schluchzen zu hören.
Im Tod war der Vampirkeim aus dem Körper des Mädchens gewichen. Nur das kreuzförmige Brandmal auf der Stirn zeugte noch von dem schwarzmagischen Fluch, der sich ihrer bemächtigt hatte. Der ihr aufgezwungen worden war. Sie sah aus, als ob sie friedlich schliefe.
"Dein Blut, verflucht", flüsterte ich. "Dein Blut, nichts anderes."
Trotzdem fühlte ich mich wie Dreck; und ich wusste auch warum. Und das Gefühl fühlte sich richtig an.

***

"Hau´ lieber ab", sagte ich zu Justine und deutete in Richtung des Frachtcontainers. "Ich muss die zuständigen Behörden verständigen. In Kürze wimmelt´s hier von Leuten."
Sie nickte, ohne mich anzusehen. Drehte sich um, ging ein paar Schritte. Blieb stehen, wandte sich um, hob den Blick.
"Du hast was gut bei mir."
Ich nickte. "Ich komm´ drauf zurück."
Justine zögerte. "Was sie gesagt hat ..."
"Lass´ gut sein, Justine. Wir können uns die Welt nicht aussuchen, in der wir leben."
Die Vampirin wollte sich wieder abwenden. Hielt inne. Runzelte die Stirn.
"Warum eigentlich nicht?"
Mir lag eine Antwort auf der Zunge, doch noch eher ich sie aussprechen konnte, war ich allein.


Ende

 
 
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