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Eine kurze Betrachtung zur Ästhetik

GeschichteAllgemein / P12 / Gen
02.06.2021
02.06.2021
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Eine kurze ästhetische Betrachtung


In diesem knappen Text will ich einen Gedanken aufgreifen, der bereits in meiner kurzen Weltbetrachtung anklang, dort aber nicht näher ausgeführt wurde: es geht dabei um den Begriff der Schönheit, wobei ich zwischen der Schönheit als Naturerlebnis und der Schönheit in der Kunst unterscheiden will. Auch für diesen Text gilt, daß er nur einige meiner Gedanken zu diesem Thema enthält, aber nicht den Anspruch erhebt, eine philosophische Abhandlung zu sein, da er bei weiten nicht so in die Tiefe geht, wie es bei einer solchen erforderlich wäre; ich betreibe also abermals eher Trivialphilosophie.


Die Schönheit als Naturerlebnis

Wie ich schon in der „kurzen Weltbetrachtung“ schrieb, stellt das Empfinden der Schönheit sich dann ein, wenn jemand ein Geschehen beobachtet, ohne selbst daran beteiligt zu sein. (Wobei ein solches „Geschehen“ mitunter auch ziemlich ereignislos sein kann, wenn es sich etwa um die Betrachtung eines prachtvollen Alpenpanoramas oder des Sternenhimmels in einer klaren Nacht handelt). Die betrachtende Person verfolgt das Geschehen aus einer schützenden Distanz heraus, wobei sich durch visuelle und akustische Reize ein angenehmes Empfinden einstellt, das wir dann mit solchen Begriffen wie „schön“ oder auch „erhaben“ beschreiben. Dies geschieht nicht zuletzt dadurch, daß das Zusammenwirken von solchen Dingen wie Farben und Tönen eine beruhigende Wirkung ausübt, die uns in einen kontemplativen Zustand versetzt; wir verfolgen nicht nur ein Geschehen aus einer distanzierten Position, sondern werden auch aus unserem eigenen Dasein für einen Moment herausgelöst, Ängste, Nöte und schmerzliche Erinnerungen verblassen für kurze Zeit, und wir gehören der Welt für wenige Augenblicke nicht mehr an; das Empfinden der Schönheit entsteht also einerseits durch unseren distanzierten Blick, distanziert uns selbst aber auch von der Welt.
Daß sich ein solches Geschehen für die direkt daran beteiligten Lebewesen zumeist ganz anders darstellt, hatte ich kürzlich schon erwähnt und dabei das Beispiel der singenden Nachtigall angesprochen. Die Nachtigall singt weder, um uns damit zu erfreuen (das ist ein Nebeneffekt), noch aus Freude, sondern einzig und allein, um ein Weibchen anzulocken. Sobald dieses Ziel erreicht ist, stellt sie ihre Gesänge auch sofort ein. Ähnliches gilt auch für Vögel, die zur Brutzeit ein prachtvolles Gefieder anlegen: auch dies soll auf potentielle Partner attraktiv wirken, es geht um Sexualität, um die Weitergabe der eigenen Gene, kurzum: die so hübsch schillernden Federn, deren Farben wir als schön empfinden, dienen konkreten Zwecken in einem unaufhörlichen Überlebenskampf.
Aber auch die funkelnden Sterne am Nachthimmel empfinden wir hauptsächlich deshalb als schön, weil sie unglaublich weit entfernt sind. In Wirklichkeit senden sie nämlich neben dem sichtbaren Licht auch Gammastrahlen, UV-Strahlen und Röntgenstrahlen aus, und die unmittelbare Nähe eines Sternes ist für alle Lebensformen tödlich. Daß Schönheit aus Distanz entsteht, ist also bei Sternen sogar im ganz wörtlichen Sinn zu verstehen.


Die Schönheit in der Kunst

Wie aber verhält es sich nun mit der Schönheit in der Kunst (wobei ich Kunst hier als Oberbegriff für alle Kunstformen verstehe)? Zunächst gilt es einmal zu klären, welchem Zweck ein Kunstwerk überhaupt dienen sollte - wobei „Zweck“ aber selbstverständlich nicht im Sinne eines wie auch immer gearteten praktischen Nutzens zu verstehen ist. Der große François Truffaut schreibt im Vorwort seines berühmten Hitchcock-Buches, ein grundlegendes Ziel eines jeden Kunstwerks bestünde darin, daß es uns helfe, uns besser zu verstehen. Damit bin ich durchaus einverstanden, möchte aber gern noch hinzufügen, daß das Kunstwerk uns vielleicht auch noch helfen sollte, die Welt besser zu verstehen.
Muß nun ein Kunstwerk, um dies zu erreichen, zwangsläufig auch schön sein? Nicht unbedingt; die größten Kunstwerke aber sind doch die, die einerseits tiefe Einsichten in das Wesen der Welt erlauben (die in aller Regel düster sein werden), sich dabei aber zugleich auch durch Schönheit auszeichnen.
Wodurch aber wird ein Kunstwerk nun schön, und spielt dabei Distanz wieder eine Rolle? Ich bin entschieden geneigt, dies zu bejahen. Diese Distanz zu erzeugen, gehört nun zu den Aufgaben des Künstlers: dabei stehen ihm unterschiedliche Möglichkeiten zur Verfügung, die auch von der jeweiligen Kunstform abhängen. So zeichnen sich die meisten klassischen Werke der Musik etwa durch eine große Formstrenge aus: wir begegnen dieser in einer Fuge Bachs ebenso wie in einer Sinfonie Haydns, und wenn ein großer Komponist eine Form sprengt (wie es Beethoven etwa in der „Eroica“ stellenweise tut), so ist das Resultat deshalb noch lange nicht formlos, sondern gehorcht vielmehr neuen, erweiterten Formgesetzen.
Auch andere Kunstformen kennen ihre eigenen Formgesetze, die letztlich auch zur Stilisierung und damit zum Schaffen von Distanz beitragen. In der Literatur etwa gibt es verschiedene Wege, eine solche Distanz zu erzeugen: Versdichtungen etwa genügen (mehr oder weniger) strengen metrischen Regeln, aber auch durch einen geschickten Einsatz der Erzählperspektiven oder durch das Mittel der Ironie läßt sich Distanz erzeugen. Wenn dem Künstler hingegen diese Distanz völlig abhanden kommt, dann droht sein Werk nicht nur allein die Schönheit einzubüßen, sondern auch die Wahrhaftigkeit. Thomas Mann hat das seinen Tonio Kröger im vierten Kapitel der gleichnamigen Novelle folgendermaßen aussprechen lassen:

„Liegt Ihnen zu viel an dem, was Sie zu sagen haben, schlägt Ihr Herz zu warm dafür, so können Sie eines vollständigen Fiaskos sicher sein. Sie werden pathetisch, Sie werden sentimental, etwas Schwerfälliges, Täppisch-Ernstes, Unbeherrschtes, Unironisches, Ungewürztes, Langweiliges, Banales entsteht unter Ihren Händen...“

Mann hat hier auf sehr treffende Weise erklärt, warum fast alle Gedichte, die ein Dichter „mit seinem Herzblut“ geschrieben hat, so unerträglich sind. Wenn der Künstler sich allein von seinen Gefühlen hinreißen läßt und in diesen schwelgt, dann kommt dabei etwas heraus, was weder schön noch wahrhaftig, sondern ganz einfach nur kitschig ist. (Gerechterweise will ich aber einräumen, daß sich Kitsch und Kunst nicht ganz scharf voneinander abgrenzen lassen, sondern es gibt eine gewisse Grauzone.)
Nun könnte natürlich jemand entgegenhalten: was ist denn etwa mit den Dramen Shakespeares? Sind die nicht voller Leidenschaft? Das sind sie, aber zum einen ist es zumeist die Leidenschaft der Figuren und wohl nur in seltenen Fällen die des Dichters selbst, und zum anderen wird diesen Leidenschaften durch den Blankvers die Kette angelegt. Dadurch werden sie stilisiert, und es entsteht wieder jene Distanz, die sogar inhaltlich sehr düsteren Monologen, wie sie vor allem in den großen Tragödien oft zu finden sind, eine düstere Schönheit verleiht; durch diese Schönheit gewinnen aber die ausgesprochenen Einsichten in das Wesen der Welt eine Eindringlichkeit, die sie ansonsten nicht hätten. Ich will das einfach mal an einem kleinen Beispiel deutlich machen. In seinem ersten Monolog sagt Hamlet (in der Übersetzung Schlegels):

O schmölze doch dies allzu feste Fleisch,
Zerging' und löst in einen Tau sich auf!
Oder hätte nicht der Ew'ge sein Gebot
Gerichtet gegen Selbstmord! O Gott! O Gott!
Wie ekel, schal und flach und unersprießlich
Scheint mir das ganze Treiben dieser Welt!

Natürlich redet im wirklichen Leben kein Mensch so, und so hat auch zu Shakespeares Zeit niemand geredet. Ein heutiger Mensch drückte sich an Hamlets Stelle vermutlich so aus:

Am liebsten wäre es mir, wenn ich einfach abkratzen würde, oder wenn Gott den Selbstmord nicht verboten hätte, denn die Welt kotzt mich echt nur noch an.

Was die reine Aussage betrifft, gibt es keinen großen Unterschied zwischen den beiden Fassungen, trotzdem wirkt die zweite, obwohl sie vielleicht „authentischer“ klingen mag, doch ziemlich banal.
Fraglos könnte nun jemand den Einwand vorbringen, daß trotzdem die verschiedenen Kunstformen fast alle eine realistische Epoche durchlaufen haben. Haben die Künstler in diesen Zeiten also ganz auf eine Stilisierung verzichtet? Sicherlich nicht, sie haben sich nur große Mühe gegeben, den Rezipienten nichts von der Stilisierung spüren zu lassen, während andere Künstler wie die Expressionisten etwa die Stilisierung ihrer Werke ausdrücklich betont haben.
Allerdings sollten die Einsichten in das Wesen der Welt bei aller Stilisierung nicht fehlen! Denn wenn ein Kunstwerk sich nur noch als stilistische Fingerübung versteht und mit ästhetischen Mätzchen gespickt ist, mit der Realität aber rein gar nichts mehr zu tun hat, wird es schnell artifiziell oder sogar prätentiös; es berührt dann auch nicht mehr, sondern ist bei allem Kunstwillen leblos und daher auch langweilig.
Im Idealfall erlaubt ein Kunstwerk uns also Einblicke in die Tiefen der menschlichen Psyche und Einsichten in das Wesen der Welt, löst uns zugleich aber durch seine Schönheit für eine gewisse Zeit aus dem Weltgeschehen heraus, so wie das schöne Naturerlebnis - wodurch die Einsichten in das Wesen der Welt vielfach überhaupt erst erträglich werden. In Vollendung vermögen dies natürlich nur sehr wenige Werke zu vollbringen; Hamlet ist sicherlich zu diesen Werken zu rechnen, denn inhaltlich ist Shakespeares Tragödie ein sehr düsteres Werk, trotzdem aber durch Shakespeares poetische Gestaltungskraft auch ein (auf traurige Weise) schönes.
Wie aber verhält es sich mit den Einsichten in das Wesen der Welt im Fall der Musik? Die Musik, zumindest die absolute Instrumentalmusik, ist fraglos die abstrakteste aller Künste, denn sie stellt im eigentlichen Sinne kein Geschehen dar; legt dies aber nicht den Schluß nahe, daß sie eben gar keine „Einsichten in das Wesen der Welt“ zuläßt? Dies wäre ein Trugschluß. Aber die Musik spricht den Zuhörer auf eine andere Weise an als die anderen Künste, auf einer eher intuitiven Ebene. Das bedeutet aber nicht, das sie weniger wirkungsmächtig als die anderen Kunstformen wäre; das Gegenteil ist der Fall. Arthur Schopenhauer stellte die Musik sogar über alle anderen Kunstformen.
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