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Kranichflug

GeschichteDrama, Suspense / P16 / Het
31.05.2021
11.06.2021
4
7.504
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11.06.2021 2.273
 
~*~


Das war aber ein sehr deutliches ‚Nein‘ vom FlussClan, ging es Dämmerfall durch den Kopf, während sie die blutigen Kratzer betrachtete, die Sonnentaus Fell an Schulter und Flanke teilten.    
„Was genau ist passiert, Sonnentau?“, entfuhr es Birkenstern. Sein weißgraues Fell sträubte sich.
Es dauerte einige Herzschläge, bis die Kriegerin wieder zu Atem gekommen war.      
„Dieses fuchsherzige Streunerblut Wespenstreif!“, knurrte sie, „Ausgerechnet er musste diese Patrouille anführen. Sie haben mich nicht einmal zu Wort kommen lassen, sondern sofort angegriffen! Als würde es ihn zu einem richtigen Krieger machen, bei jeder Gelegenheit gleich die Krallen auszufahren…“      
Streunerblut … Dämmerfall verengte die Augen zu Schlitzen und grub ihre Krallen in den weichen Torfboden, Moospfote hingegen blickte betreten hinab auf ihre Pfoten. Einige Katzen des MoorClans hielten Dämmerfall für eine bestenfalls zweitklassige Kriegerin, weil ihre Mutter Panthersprung eine Streunerin gewesen war – und das hatten sie die schwarze Kätzin schon seit jeher spüren lassen. Es hieß, Streuner wären unstet und wankelmütig, schwankend in ihrer Treue zum Clan wie Blätter wie im Wind – und einige hatten sich in diesen Vorurteilen bestätigt gefühlt, als Dämmerfall den roten Wanderer Feuer zu ihrem Gefährten gewählt hatte und bald darauf ihren Schüler abgeben musste, weil sie trächtig war.      
Wie Panthersprung es ihr einst geraten hatte, hatte Dämmerfall – damals noch Dämmerpfote - immer versucht, die bösen Worte und abschätzigen Blicke ihrer Clangefährten von sich abperlen zu lassen wie Wassertropfen von Seerosenblättern, die Zähne zusammenzubeißen und sich stets mindestens doppelt so sehr anzustrengen wie ihre Mitschüler, um dem Clan zu beweisen, dass in ihrer Brust ebenfalls ein mutiges und starkes Kriegerherz schlug. Doch es war Dämmerfall bald bewusst geworden, dass es nicht ihre Art war, ihre Wut über die Beleidigungen herunterzuschlucken und zu schweigen. Vor allem, wenn sie sah, dass ihre Töchter darunter litten, sprangen ihr sofort die Krallen aus den Pfoten. Sie biss sich auf die Zunge, um Sonnentau nicht sofort eine Antwort entgegenzuspucken.      
Birkenstern seufzte: „Mäusedreck. Dann müssen wir es morgen erneut versuchen. Heute kannst du dich ausruhen, Sonnentau. Dämmerfall und Moospfote, werft bitte einen Blick auf ihre Wunden. Ich gehe nun und stelle die Nachtpatrouillen zusammen.“      
Der Anführer schenkte Regenfarn einen wehmütigen Blick und ein sanftes Nasenstupsen, bevor er den drei Kätzinnen zunickte und den Heilerbau verließ. Dämmerfalls Anleitung folgend zerkaute Moospfote Schachtelhalm und Kerbel zu einer Paste, die sie auf Sonnentaus Kratzer auftrug. Anschließend verklebte sie die Wundränder mit Spinnweben.      
„Beeindruckend! Als hättest du in deinem Leben nie etwas anderes getan!“, schnurrte Sonnentau der jungen Schildpattkätzin anerkennend zu, „Danke ihr beiden!“      
Dämmerfall lächelte kalt und sah der goldroten Kriegerin direkt in ihre blauen Augen: „Wir sind wohl doch nicht so übel – für streunerblütige Katzen.“      
Sonnentau legte die Ohren an und wich dem Blick der schwarzen Kätzin aus. Nervös leckte sie sich die Lippen: „Ihr seid nicht so wie… - Das war nicht so gemeint!“      
„Natürlich nicht“, erwiderte Dämmerfall mit unbewegter Miene und einer Stimme, die eisig wie der Wind in der Blattleere war, „Du solltest nun in den Kriegerbau gehen und dich ausruhen.“      
„Tut mir leid, ich habe nicht nachgedacht. Ich wollte euch nicht beleidigen“, murmelte Sonnentau mit eingezogenem Kopf. Eine aufrichtige Entschuldigung? Dämmerfall stutzte und fragte sich, ob es der goldroten Kriegerin nur leidtat, versehentlich ihre wahre Meinung über Halb-Streuner gegenüber der falschen Katze ausgesprochen zu haben, oder ob sie wirklich bereit war, diese Vorurteile zu überdenken. War ihr Dämmerfalls und Moospfotes Abstammung womöglich gar nicht mehr bewusst gewesen?
Sie beschloss, das Wagnis einzugehen, mit Sonnentau offen darüber zu sprechen. Vor allem, als Dämmerfall noch eine Schülerin gewesen war, hatten einige MoorClan-Katzen sie dafür gehänselt, dass ihre Mutter einst eine Streunerin gewesen war, doch Sonnentau hatte sich den spöttischen Zungen nie angeschlossen. Vielleicht würde sie Dämmerfalls Worten gegenüber aufgeschlossen sein.
„Weißt du, Sonnentau, ich mag Wespenstreif auch nicht sonderlich“, schnurrte die schwarze Königin versöhnlich, „Aber wegen seines arroganten und aggressiven Verhaltens und nicht wegen seines Blutes. Ersteres ist seine eigene Schuld, letzteres hat er sich nicht ausgesucht. Ebenso wenig wie Moospfote und ich. Wir lieben den MoorClan genauso wie du und würden für ihn unser Leben geben. Da fühlt es sich schmerzhaft und ungerecht an, wenn wir wegen unserer Abstammung mit Mäusehirnen wie Wespenstreif verglichen werden. Krieger sollten an ihren Taten gemessen werden und nicht an ihrer Herkunft. Das habe ich meinen Töchtern beigebracht – und das wünsche ich mir auch von unserem Clan.“      
Ein Herzschlag des Schweigens dehnte sich im Heilerbau aus, für dessen Dauer Sonnentau auf ihre schlammverkrusteten Pfoten starrte. Dann hob sie den Blick und nickte.    
„Verstehe“, miaute die goldrote Kriegerin, „Gut und weise gesprochen, Dämmerfall. Es war mir vorher gar nicht so bewusst, was ich damit eigentlich auch über Moospfote und dich sage. Ich werde ‚Streunerblut‘ in Zukunft nicht mehr als Schimpfwort benutzen.“    
Es war Dämmerfall, als würde ein schwerer Stein von ihren Schultern fallen. Sie lächelte und bedankte sich.
„Ich wünsche dir, dass Birkenstern dir bald wieder einen Schüler gibt“, miaute Sonnentau, „Vielleicht Kiebitzjunges. Der Kleine könnte sich glücklich schätzen, denn du wärst bestimmt eine gute Mentorin.“
„Oh, danke!“, Dämmerfall schnurrte ein wenig verlegen, putzte sich schnell die Vorderpfote und fuhr sich damit übers Ohr. „Bis er zum Schüler ernannt wird, muss ich hoffentlich nicht mehr als Heilerkatze einspringen. Aber bei dir wäre er sicher auch sehr gut aufgehoben.“    
„Bald bist du wieder frei. Morgen lasse ich mich nicht nochmal von einer FlussClan-Patrouille verprügeln – versprochen!“, scherzte Sonnentau. Dämmerfalls Schnurrhaare zuckten belustigt. Moospfote hatte sich bereits vor einiger Zeit abgewandt, um Schwalbenlieds Kräutersammlung zu studieren, aber das amüsierte Zucken ihrer Schweifspitze verriet, dass sie weiterhin dem Gespräch gelauscht hatte.      
Als Sonnentau den Heilerbau verließ, kehrte auch der dunkle Nebel der Trauer wieder zurück, nahm Dämmerfall den Atem. Sie trat neben ihre Tochter, zu Schwalbenlieds Nest, hinter dem sich das Kräuterlager befand. Moospfote hatte Tränen im Gesicht. Vielleicht war das der eigentliche Grund, weshalb sie Sonnentau und ihrer Mutter während des Gesprächs den Rücken zugekehrt hatte; nicht Langeweile oder Neugier auf die Kräuter. Liebevoll leckte Dämmerfall der jungen Schildpattkätzin die Wange. Moospfote deutete mit der Nase auf die zahlreichen Bündel getrockneter Pflanzen.
„Ich frage mich, welches davon Schwalbenlied hätte retten können“, wimmerte sie, „Ob … ich sie hätte retten können…“    
„Oh, Moospfote, nicht doch“, schnurrte Dämmerfall und drückte sich tröstlich an ihre Tochter, „Gegen das Alter ist leider kein Kraut gewachsen. Dagegen ist selbst die beste Heilerkatze machtlos.“
Moospfote vergrub ihr Gesicht im schwarzen Fell ihrer Mutter. Diese fuhr ihr zärtlich mit der Zunge über den Kopf. Die Schülerin reichte ihr gerade einmal bis zum Kinn.      
SternenClan, sie ist erst fünf Monde alt, ging es Dämmerfall durch den Kopf, und die Aufgaben einer Heilerkatze sind sogar für viele erwachsene Katzen zu groß. Kann sie das überhaupt ertragen?
Sie ließ ihren Blick auf dem mageren Körper der alten Heilerin ruhen. Die braune Tigerkätzin, ihre einstige Mentorin, erschien ihr so fremd. Still zu liegen und nichts zu sagen, das passte überhaupt nicht zu Schwalbenlied, deren Geist trotz ihres hohen Alters stets wach gewesen war. Ihre scharfe Zunge war in allen sechs Clans berühmt-berüchtigt gewesen.    
Warum musstest du ausgerechnet jetzt sterben, du dummer Fellball? Hättest du nicht noch ein paar Monde damit warten können?, dachte Dämmerfall und erwartete fast, eine bissige Antwort zu hören. Doch es blieb still, nur draußen surrten und zirpten die Insekten auf dem Moor.    
„Heute Nacht ist Halbmond“, miaute die schwarze Königin ihrer Tochter zu, „Vielleicht wird Schwalbenlied dich am Mondstein im Traum besuchen.“    
Zuvor hatte Moospfote aber noch eine weitere, wichtige Aufgabe zu erfüllen…

Die Sonne sank den Berggipfeln im Westen entgegen und setzte das Firmament in Brand. Dunkle Wolken hingen wie dichte Rauchschwaden am Himmel und über dem Moor tanzten die ersten Glühwürmchen wie Funken.      
Kein Wind wehte und so lag das Wasser still und glatt im Abendlicht, spiegelte die Silhouetten von mehr als einem Dutzend Katzen wider, die langsam voranschritten, Kopf und Schweif gesenkt. Das spöttische Zwitschern der Sumpfrohrsänger, das Zirpen der Grillen und das Lied der Frösche begleiteten die schweigende Prozession. Windstill. Wortlos.    
Die schwarzen Schatten der ruhenden Kraniche ragten aus dem seichten Wasser auf, zwischen Schilfkolben und Sumpfgras-Bulten. Dämmerfall verdrängte die Erinnerung an Moospfotes unheilvollen Traum, die sich ihr bei diesem Anblick unweigerlich aufdrängte.    
Als die Sonne hinter dem Horizont versunken war, hatten die Katzen endlich die Stelle erreicht. Die Ahnenspitze erglühte rot im letzten Licht, wie die Flecken in der Dunkelheit, die man sieht, wenn man die Augen schließt, nachdem man in die Sonne geblickt hat. Tote Bäume reckten sich dem Nachthimmel entgegen, blank wie Skelette und das kalte, dunkle Wasser ließ Dämmerfalls Pfoten klamm werden. Hier stand sie also schon wieder, wie Generationen von MoorClan-Katzen vor ihr. Das erste Mal hatte sie dem uralten Brauch beigewohnt, als sie kaum fünf Monde alt gewesen war. Nicht viel jünger als Moospfote und Libellenjunges. Oh, Panthersprung, Leopardenjunges und Schattenjunges …
Das letzte Mal war in der Blattfrische gewesen, als der Grüne Husten ihren Onkel Kiefernschatten dahingerafft hatte. Nun hatte sich auch ihre Urgroßtante Schwalbenlied dem SternenClan angeschlossen.      
Rabenschrei und Knickschweif wateten ins Wasser, bis es ihr Bauchfell berührte und verharrten dann, blickten hinauf zum Silbervlies, Schwalbenlieds Leichnam auf ihren Schultern.  
Moospfote blickte fragend zu Dämmerfall. Die nickte ihrer Tochter zu. Ja, jetzt.      
Moospfotes helle Stimme hallte über das Moor. Zunächst noch dünn und zitternd, gewann sie bald an Kraft: „Oh, Kriegerahnen – ich, Moospfote, rufe euch an. Bitte seht herab zu uns. Der MoorClan trauert um seine Heilerin Schwalbenlied. Wir werden ihren wachen Geist und ihre Weisheit vermissen. Wir danken ihr dafür, dass sie die Kranken geheilt, die Wunden der Krieger versorgt, den Königinnen beim Gebären geholfen und die Schmerzen der Bekümmerten gelindert hat.
Oh, Kriegerahnen. Unsere Körper sind aus Torf entstanden; das Moor hat uns geboren. Es ist unsere Heimat und im Tode kehren wir ins Moor zurück, werden wieder zu Torf. Schwalbenlieds Seele ist zum SternenClan heimgekehrt und auch ihr Körper kehrt nun Nachhause zurück.
Bitte, Kriegerahnen, spendet uns Trost und heißt Schwalbenlied in eurer Mitte willkommen.“
„So soll es geschehen“, sprachen die versammelten Katzen. Rabenschrei und Knickschweif ließen den Leichnam der alten Kätzin nun vorsichtig ins eiskalte Wasser gleiten. Das Moor verschluckte die ehemalige Heilerin.      
Einige Herzschläge lang schwieg der MoorClan, lauschte dem Abgesang des Moors, bevor die Katzen wieder aufbrachen – auf die Jagd oder ins Lager.      
„Das hast du gut gemacht, Moospfote. Ich bin stolz auf dich“, flüsterte Dämmerfall ihrer Tochter zu. Libellenjunges nickte zustimmend und lobte ihre Schwester: „Du bist schon jetzt eine großartige Heilerin!“
Auf Höhe des MoorClan-Lagers trennten sich ihre Wege. Rabenschrei würde Libellenjunges bis zu ihrem Bau begleiten, Dämmerfall würde mit Moospfote zum Halbmondtreffen der Heiler reisen.
„Wenn du zurück bist, musst du mir alles erzählen, ja?“, wisperte Libellenjunges Moospfote zu. Dämmerfall stupste sie an: „Versuch zu schlafen, Libellenjunges. Morgen ist auch noch Zeit dafür.“
„Ich versuch‘s“, versprach die buntgescheckte Kätzin, verdrehte hierbei allerdings die Augen, „Aber das wird schwer. Ich bin so aufgeregt!“      
Vielleicht war Libellenjunges das nicht nur, weil ihre Schwester die Heilerversammlung besuchte, sondern auch, weil sie heute zum ersten Mal allein schlafen würde, überlegte Dämmerfall und versuchte im selben Herzschlag, nicht daran zu zweifeln, dass sie eine gute Mutter war. Vielleicht übertrug Dämmerfall ihre eigenen Gefühle auch nur auf Libellenjunges – denn beim Gedanken daran, nicht mehr mit ihren Töchtern das Nest zu teilen, überfiel sie Beklemmung, eine Ahnung alter Einsamkeit. Die Erinnerung an ein Junges, das allein in einem Nest zurückgeblieben war, in dem einst seine Mutter und die Wurfgeschwister lagen.      
Dämmerfall fuhr Libellenjunges mit der Zunge über die Stirn. „Gute Nacht, meine Große. Bis morgen früh!“
„Versuch‘, nicht den ganzen Mütterbau mit deinem Getrampel aufzuwecken“, neckte Moospfote ihre Schwester. Die streckte ihr die Zunge heraus. „Versuch‘, keine Mondfinsternis auszulösen, wenn du dem SternenClan auf die Nerven gehst“, gab sie zurück und schlug spielerisch mit der Pfote nach der dunklen Schildpattkätzin. Rabenschrei schüttelte lachend den Kopf, während Dämmerfall sich zwischen ihre Töchter stellte.    
„Wir sind spät dran, Moospfote!“, mahnte sie.      

Es war Dämmerfall nicht ganz wohl dabei, nachts allein mit so einer jungen Katze übers Moor zu gehen – und darüber hinaus noch in Eile. Es war nicht Moospfotes erster Ausflug nach draußen, doch der Grund war tückisch und das Territorium voller Gefahren, wenn man nicht wusste, wie man sich dort bewegen musste. Ein falscher Tritt und man konnte bis zur Brust im eiskalten Morast einsinken. Daher hatte Dämmerfall ihre Tochter angewiesen, ihren Schweif zu halten, bis sie die sichere Dunkelheit der Bäume erreicht hatten. So hasteten Mutter und Tochter über das Moor, lautlose Katzenschatten unter dem Halbmond. Donner grollte in der Ferne, doch das Unwetter schien vorbeizuziehen. Zumindest heute Nacht.

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AN: Über Reviews würde ich mich sehr freuen! :3

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Katzen in diesem Kapitel:      
Aus dem MoorClan:    
- Dämmerfall, Königin und ihre Tochter:    
- Moospfote, Heilerschülerin.    
- Schwalbenlied, Heilerin.    
- Birkenstern, Anführer.    
- Sonnentau, Kriegerin.    
- Rabenschrei, Krieger.      
- Knickschweif, Krieger.    
Katzen des MoorClans, die bereits vor Monden verstorben sind:    
- Panthersprung, ehemals Kriegerin und Dämmerfalls Mutter.      
- Dämmerfalls verstorbene Wurfgeschwister Leopardenjunges und Schattenjunges.    
- Dämmerfalls Onkel Kiefernschatten, Krieger.    
Aus dem FlussClan:    
- Wespenstreif, Krieger.    
Von außerhalb der Clans:    
- Feuer, ein Wanderer.
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