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Wie dich niemand sonst kennt

von Ririchiyo
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteDrama, Romance / P12 / Het
Inej Ghafa Kaz Brekker/Rietveld
30.05.2021
30.05.2021
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Ganz leicht AU, weil einerseits nach dem Aufbruch in Six of Crows, andererseits aber ohne den Raub. Ich wünsche hoffentlich dennoch viel Spaß, und dass es vielleicht jemandem gefällt?


Wie dich niemand sonst kennt

Kaz seufzt und zieht seine Hände endlich von dem Dolch zurück, den er bis eben noch in seinen Fingern hin und her gedreht hat und der jetzt unbewegt mitten auf seinem Schreibtisch liegt. Er ist klein. Etwas zu klein für ihn, liegt nicht ganz richtig in seiner Hand, aber er wird ihn ohnehin nicht nutzen. Und für Inej wird er perfekt sein. Leicht, scharf, ausgewogen. Die perfekte Größe für ihre geschickten Finger. Vielleicht findet sie ihn sogar hübsch. Wie die silberne Klinge selbst in dem wenigen Licht von Kaz‘ Kammer leuchtet, während der schwarze Griff dadurch nur dunkler erscheint. Schwarz wie das Gefieder von Krähen. Natürlich ist der Dolch kein Geschenk. Kaz macht keine Geschenke. Er ist nur praktisch. Weil Inej etwas braucht, mit dem sie sich beschützen kann.
    Er ignoriert die Stimme in seinem Kopf, die ihm sagt, dass Inej von solchen Dingen schon genug hat.
    Er weiß das längst.
    Aber es macht keinen Unterschied.
    Es ändert nichts daran, dass es sich um etwas rein Praktisches handelt.
    Auch wenn eine Blume in den Griff des Dolches eingraviert ist. Die ganz sicher nichts damit zu tun hat, dass er schon mehrfach beobachten konnte, wie Inej beim Anblick wilder Geranien stehen geblieben ist, um sie für einen kurzen Augenblick zu betrachten. Selbst wenn es nur auf Bildern war. Und dass der Dolch jetzt vor ihm liegt, so wie er ist, hat nichts damit zu tun, dass er ihn extra für sie hat anfertigen lassen. Denn das hat er nicht getan. Es wäre unlogisch, etwas derartiges zu tun, und er trifft keine unlogischen Entscheidungen.
    Es handelt sich lediglich um etwas Praktisches. Nicht mehr. Etwas, das er gefunden hat, und sie kann es besser gebrauchen als er, mehr ist es nicht. Mehr steckt nicht dahinter. Es ist nur ein Dolch.
    Jemand klopft an seiner Tür und automatisch greift er nach der Waffe, zieht sie über den Tisch näher zu sich und legt sie hinter einen der Papierstapel. Wo man sie nur noch sehen kann, wenn man um den Tisch zu seinem Platz herumkommt. Sodass er sie im Auge behalten kann, wo niemand sonst sie sieht. Er verhält sich lächerlich. Der Dolch ist nichts Besonderes, warum sollte es ihn interessieren, wenn irgendjemand ihn sieht? Und doch bleibt die Waffe genau dort liegen. Er lehnt sich in seinem Stuhl zurück.
    „Herein.“
    Es ist Inej, die die Tür öffnet. Natürlich ist es Inej. Sie ist die Einzige, die aktuell einen Auftrag von ihm hat, und hätte sich einer der anderen dazu entschieden, ihm nur so zum Spaß auf die Nerven zu gehen, dann hätte er ihn bereits auf der Treppe hören können.
    „Und?“, fragt er.
    Sie schüttelt den Kopf. „Noch immer nur zwei Wachen und niemand schien zu besorgt.“
    „Gut.“ Dann sollten seine Pläne hoffentlich auch weiterhin aufgehen. Er nickt. Wartet. Darauf, dass sie geht. Sie tut es nicht. Er seufzt. „Was gibt es?“ Er hat keine Kraft, sich schon wieder ihre Weisheiten anzuhören, aber wenn sie ihm welche geben möchte, würde er es dennoch tun.
    Aber sie schüttelt den Kopf und dreht sich um. Geht zurück zur Tür. Bleibt stehen und wendet sich wieder ihm zu. „Ist es wirklich so schwer, dich zu entschuldigen?“, möchte sie wissen.
    Wütend. Sie ist immer noch wütend. Und er hat immer noch keine Ahnung, über was genau sie eigentlich spricht. Über welche der zahlreichen Dinge sie sich beschwert, die er ihr schon angetan oder von ihr verlangt hat. Vielleicht über alle. Vermutlich. Es würde Sinn machen.
    „Selbst wenn es eine Lüge ist, kannst du es nicht wenigstens versuchen? Nur einmal?“
    Ist es das, was sie über ihn denkt? Dass er keine Reue empfindet? Keine Gewissensbisse? Natürlich hat sie recht, er empfindet nichts dergleichen, er ist Kaz Brekker, der Dämon von Ketterdam, die einzigen Gefühle, die er kennt, sind Gier und Macht und Rache, aber glaubt sie das wirklich? Sie weiß, wie wichtig sie ihm ist, richtig? Sie muss es wissen. Oder nicht?
    Vielleicht hat sie keine Ahnung. Vielleicht sollte er es ihr sagen. Es erklären. Oder ihr wenigstens ihren Wunsch erfüllen?
    Es tut mir leid, möchte er ihr sagen. Er liegt ihm auf der Zunge, ist genau da, bereit laut ausgesprochen zu werden. Er bleibt still. Er könnte den Dolch greifen und ihr zeigen. Ihn ihr geben. Als das Geschenk, das er nicht sein soll, weil er keine Geschenke macht, und als die Entschuldigung, die er nicht über die Lippen bekommt, weil er zu stur ist. Es wäre so leicht. Er müsste nur den Arm ausstrecken. Sie würde es verstehen. Weil sie Inej ist, natürlich würde sie es verstehen, versteht sie es nicht immer?
    „Du kennst mich“, meint er stattdessen. Bleibt sitzen und regt sich nicht. „Erwarte keine Wunder.“
    Der Dolch bleibt, wo er ist, während Inej sich umdreht und aus dem Raum schreitet. Ihre Hände sind zu Fäusten geballt und sie schließt nicht einmal die Tür, als sie ihn in seinem Elend alleine lässt. Sie ist immer noch wütend. Natürlich. Wie auch nicht, es hat sich nichts geändert.
    Er starrt wieder auf den Dolch.
    Feigling.
    Aber er vertraut ihr schon mit seinem Leben, vertraut ihr mit seinen Ängsten und seinen Fehlern, er ist bereits so schwach wenn es um sie geht … wie soll er ihr jetzt auch noch sein Herz anvertrauen? Wie kann er vor ihr noch mehr Schwäche zeigen? Wie soll er noch der gefährlichste Mann in Ketterdam sein, wenn er vor ihr einfach nur er selbst ist? Wenn er ihr alles von sich zeigt?
    Also schweigt er. Und dann greift er nach dem Dolch und lässt ihn in einer der Schubladen seines Tisches verschwinden. Die er nur vielleicht mit etwas zu viel Wucht zuschiebt. Er hätte ihr den Dolch einfach geben sollen. Er will ihn nicht. Er erinnert ihn zu sehr an sie. Zierlich und trotzdem stark, perfekt und schön und dennoch unglaublich gefährlich.
    Er will ihn nie mehr sehen.
    Er öffnet die Schublade und nimmt ihn wieder heraus. Der Dolch ist kein Geschenk. Er ist keine Entschuldigung. Kaz ist noch immer er selbst, und er macht solche Dinge nicht.
    Der Dolch ist etwas Praktisches. Nur das. Oder eigentlich nicht einmal das. Der Dolch ist gar nichts. Er wird ihn einfach loswerden.
    Kannst du es nicht wenigstens versuchen? Nur einmal?
    Sie macht ihn verfänglich. Er macht so viele Fehler. Das muss aufhören. Er sollte den Dolch einfach wegwerfen.
    Er schließt seine Finger um die Waffe, greift nach seinem Gehstock und steht auf.
    Er ist ein verdammter Idiot.
    „Inej!“
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