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Affairs & Betrayals

von mairio
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
Chiaki Nagoya Marron Kusakabe Miyako Toudaiji Yamato Minazuki
28.05.2021
08.07.2022
20
77.143
5
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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29.10.2021 4.540
 
EIGHT

„Wie geht es dir?“, fragte Chiaki, während er und Maron nebeneinanderher spazierten.
Es waren ein paar Tage seit ihrem Krankenhausaufenthalt vergangen. Es war der erste Abend, in der er und sie sich wiedersahen.
„Gut. Ich bin deinem ärztlichen Rat nachgegangen und habe mich ausgeruht. Habe mich in meinem Büro eingebunkert und sehr, sehr viel geschlafen“, antwortete Maron leicht schmunzelnd. „Wenn ich mal wach war, dann hat Yamato für mich gekocht.“
Chiaki zog seine Augenbrauen zusammen.
„Oder es zumindest versucht. Er ist nicht gerade der beste Koch“, fügte sie hinzu. „Nicht, dass ich aktuell etwas runterbekomme... aber er ist ziemlich fürsorglich. Gibt mir alle Decken, die wir in der Wohnung haben und macht mir Tee. Wegen mir arbeitet er derzeit sogar im Home-Office.“
Er sah sie an. „Es ist zumindest beruhigend, dass du nicht allein Zuhause bist.“
Ein Seufzen entkam ihr und sie blickte gedankenverloren zum Himmel hoch. Sie dachte an ihr Telefonat mit Kanako von heute Nachmittag zurück. Ihre Freundin hatte sich nach langer Zeit wieder bei ihr gemeldet, nachdem sie mit ihrem fremdgehenden Freund Schluss gemacht hatte. Zu Maron’s Erstaunen haben diese beiden sich wieder versöhnt und einen Neuanfang versucht, nachdem Junji Kanako mehrfach um Verzeihung gebeten hat und ihr versichert hatte, dass er nur sie liebte und es eine dumme Phase war von ihm. Kanako sprach davon, dass seine Gefühle für sie echt seien, sie zur Paartherapie gingen und jeder eine zweite Chance verdient hat. Dies hatte Maron nachdenklich gemacht.
„Sag mal...“, fing sie zögernd an. „Was ist, wenn das nur eine Phase ist, und man kann das danach mit viel Mühe überwinden? Was wäre, wenn alles danach wieder gut wird?“
Chiaki runzelte skeptisch die Stirn. „Ich glaube nicht daran und ich vergebe so leicht keine zweiten Chancen“, erwiderte er hart.
„Aber…Aber hast du jemals mal darüber nachgedacht ihr zu verzeihen?“, erwiderte Maron kleinlaut.
Er antwortete zunächst nicht und stieß einen langen Seufzer aus. „Das hatte ich alles mit Yashiro schon durch. Ich habe ihr vergeben und wir hatten versucht ihren Seitensprung zu überwinden. Als es kurze Zeit später nochmal und nochmal und nochmal passierte, hatte ich keinen Bock mehr.“ Seine Wut über diese Erinnerungen war deutlich zu spüren.
„...Oh. Das tut mir so leid.“ Sie biss sich beschämt auf die Lippe. „Aber...du kannst deine Erfahrungen und Empfindungen an Yashiro nicht einfach auf Miyako übertragen.“
„Wieso nicht?“
„Weil es zwei völlig unterschiedliche Menschen sind.“
Er schnaubte. „Würde ich nicht behaupten. Sie haben offensichtlich sehr vieles gemeinsam.“
„Ich meine...Nur weil es bei deiner Ex mit der zweiten Chance nicht geklappt hat, heißt es doch nicht, dass es bei Miyako genauso ist.“
Chiaki sah sie durchdringend an. „Und was genau gibt dir die Hoffnung, dass Yamato eine zweite Chance verdient hat und es funktionieren wird?“ Maron wich seinem Blick aus. „Wieso reden wir überhaupt darüber, ob wir ihnen vergeben, oder nicht? Wir haben noch nicht mal unseren Beweis. Das Einzige, was wir aktuell haben, ist eine verdächtige Hotelrechnung von deinem Ehemann - falls du das vergessen hast.“
„Ja, ich weiß. Ich weiß!“, sagte sie resigniert, rieb sich die Schläfe. „Ich...wollte einfach nur wissen, wie du denkst.“
Chiaki seufzte. „Schon gut. Ich verstehe dich ja“, sagte er sanfter. „Du versuchst das Gute in den Menschen noch zu sehen und willst ihn nicht so schnell aufgeben. Ich verstehe das.“
Maron presste sich die Lippen zusammen und blickte nach vorne. „Komm mal mit. Ich möchte dir was zeigen.“ Damit führte sie ihn in den kleinen Park vor ihnen.
Mitten im Park blieb sie schließlich stehen und hob ihren Kopf. Chiaki folgte ihrem Blick. Lange und nachdenklich starrte sie auf dem großen Baum vor sich.
„Den haben Yamato und ich eingepflanzt, als wir klein waren. Man sagte, der Baum würde einem einen Wunsch erfüllen.“ Leise lachte Maron über die Erinnerung auf. „Ich wollte ihn anpflanzen, um mir zu wünschen, dass ich groß werde.“
Chiaki schmunzelte.
„Nun, wie du dir vielleicht vorstellen kannst: eine kleine Maron versuchte einen Baum einzupflanzen und es war anstrengend. Irgendwann, während des Prozesses, muss ich vor Erschöpfung kurz eingeschlafen sein. Als ich aufwachte, sah ich, dass Yamato dabei war den Baum einzupflanzen. Ich beschwerte mich bei ihm, dass er mir meinem Wunsch wegnehmen würde, wenn er ihn einpflanzt. Weißt du, was er dann gesagt hat?“
Mit hochgezogener Augenbraue wartete Chiaki auf eine Antwort.
„Er sagte: ‚Wenn wir heiraten, ist es wie, als werde man eins mit dem Partner - von daher wäre es egal, wer von uns ihn einpflanzt‘“, sprach Maron weiter. „Also pflanzten wir den Baum zusammen ein.“ Ein trauriges Lächeln bildete sich um ihre Lippen. „Ich habe mir am Ende nicht gewünscht, dass ich groß werde…“ Sie seufzte. „Ich habe mir gewünscht, dass Yamato und ich für immer eine gute Beziehung zueinander hätten.“ Einige, lange Sekunden verstrichen. „Mein Wunsch ist offensichtlich nicht in Erfüllung gegangen“, sprach sie mit tonloser Stimme aus und ging.

Den ganzen Weg zurück sprach niemand mehr ein Wort. Erst im Fahrstuhl des Orléans-Gebäudes durchbrach Maron wieder das Schweigen. „Sagt Miyako eigentlich nichts, wenn du so spät nach Hause kommst?“
Gleichgültig strich Chiaki sich über die Haare. „Sie ist das von meinen Nachtschichten gewohnt. Sie wird also nichts sagen. Wie ist das bei Yamato?“
„Er schläft höchstwahrscheinlich schon“, antwortete sie ihm. „Ist meist so, wenn ich so spät ausgehe.“
„Selbst wenn einer von ihnen fragt – rechtfertigen müssen wir uns bei ihnen nicht“, brachte er entgegen und gähnte. „Bin ich erledigt. Gott sei Dank habe ich morgen frei.“
Leise kicherte sie. „Hoffentlich kannst du den Tag morgen in irgendeiner Weise genießen.“
„Mal schauen. Kommt auf meine Frau an“, sagte er spöttisch.
Maron lächelte verstehend.
Die beiden verabschiedeten sich voneinander und gingen in ihre jeweiligen Wohnungen.
***

[Am nächsten Tag]

„Vergib mir.“
Mit großen Augen sah Maron von Yamato zu den Geschenken, die vor ihr auf dem Wohnzimmertisch ausgebreitet waren. Fragezeichen bildeten sich in ihrem Kopf.
Was nun?
„Wa-“
„Ich habe dich in letzter Zeit stark vernachlässigt, und ich hoffe, dass das wiedergutmacht“, sagte Yamato und lächelte sie entschuldigend an.
Maron war immer noch sichtlich perplex und etwas überwältigt. „Ich-...weiß nicht, was ich sagen soll-“
„Du brauchst nichts zu sagen“, sagte er, kam auf sie zu und legte beide Hände auf ihre Arme. „Ich will, dass du weißt, dass du mir viel bedeutest.“ Sachte drückte Yamato ihr einen Kuss auf die Stirn.
Mit roten Wangen blickte sie zu ihm auf, blinzelte und nickte schließlich. „Danke“, sagte Maron sanft. „Und danke für die Geschenke. Die Sachen sehen hochwertig aus.“
Yamato grinste sie an. „Nur das Beste für meine Frau.“
Bei dem Satz presste sie sich ihre Lippen zu einem schmalen Strich zusammen.
„Wie geht es dir überhaupt?“, fragte er im nächsten Moment.
„Gut“, antwortete sie. „Besser.“
„Super“, nickte er. „Dann lass uns ausgehen. Heute Abend. Du und ich. Wir beide zusammen allein.“
„Ist das...ein Date?“
Yamato nickte.
Maron runzelte die Stirn. „W-Wohin?“
„Ich habe von Kollegen gehört, dass es heute Abend ein Festival mit Feuerwerk gibt. Lass uns dahingehen.“
„Okay“, nickte sie zustimmend. „Liebend gerne. Das hört sich wunderbar an.“

Schweigend stand Chiaki am Türrahmen der Küche angelehnt und beobachtete seine Frau. Miyako verhielt sich merkwürdig. Seit einer halben Stunde räumte sie genervt und angepisst das Geschirr aus der Spülmaschine ein. „Wieso so schlecht gelaunt?“, fragte er.
„Ach...“, winkte sie ab, wandte ihm weiterhin den Rücken zu. „Ich dachte, ich würde eine Freundin nach langer Zeit wiedersehen, aber sie sagte ab und unternimmt lieber was mit ihrem Partner.“ Er verengte seine Augen. Offensichtlich eine Lüge. Chiaki vermutete ganz stark, dass mit „Freundin“ Yamato und „Partner“ Maron gemeint waren.
„Nun, deine Freundin hat ein gutes Recht etwas mit ihrem Partner unternehmen zu wollen. Schließlich sind sie in einer festen Beziehung und so.“
„Hmm. Du hast recht.“ Miyako drehte sich nun ganz zu ihm um. „Hey, du hast doch frei, oder? Lass uns ausgehen. Es ist lange her, seit wir das letzte Mal Date-Night hatten. Dann verbringe ich mal qualitative Zeit mit meinem Ehemann.“ Miyako grinste ihn breit an und ihr Ton ließ ihn leicht die Stirn runzeln.
„Ehm, klar. Wieso nicht. Hört sich nicht schlecht an“, entgegnete er nur, spielte seine Rolle.
„Super! Ich schau, ob es irgendetwas aufregendes heute gibt“, sagte sie erfreut, drückte ihm einen Kuss auf die Wange und ging aus dem Zimmer.
Zumindest spielte sie ihre Rolle auch gut.
***

Mit einem letzten Handgriff steckte Maron sich ihre Haarnadel in die hochgebundenen Haare und machte sich anschließend ihr Make-Up. Dezenter Lidschatten mit rosafarbenen Lippen. Das Make-Up passte ideal zu ihrem Yukata, welches roséfarben war, mit schönen, hellen Blumenverzierungen. Es war ihr Lieblingssommerkimono.
Sie strich sich den Stoff glatt und stand zufrieden vor dem Spiegel. Sie sah schön aus und hoffte ein wenig ihren Mann beeindrucken zu können.
Maron trat aus ihrem Ankleidezimmer ins Schlafzimmer, wo Yamato vor dem Spiegel stand und sich seinen dunklen Yukata richtete.
Lächelnd kam sie auf ihn zu und er schaute zu ihr auf. Seine Augen weiteten sich und sein Mund fiel auf. Er richtete sich räuspernd gerade, starrte sie immer noch an.
„Du siehst hübsch aus“, sagte er und lächelte sanft.
Das wars?
Ihr Lächeln verengte sich.
Früher hatte er sie mit Komplimenten und Küssen überschüttet. Ihr jegliche Form von Zuneigung gezeigt.
„Hübsch“ war nicht genug. Er sollte sie „wunderschön“ nennen.
Aber mehr als ein „hübsch“ bekam sie wohl nicht. Wird sie nicht bekommen.

Hand in Hand lief Maron mit Yamato durch die Stadt, welche an dem Abend in warmen Farben beleuchtet war. Menschen waren überall zu sehen, die entweder auch in Yukatas gekleidet waren oder in legeren Klamotten. Viele Leute hatten sich schon auf Wiesen versammelt, saßen auf Decken und warteten auf das Feuerwerk.
„Ein komplett anderes Gefühl, als das letzte Festival auf dem ich war“, merkte Maron erstaunt blickend an.
„Was für ein Festival?“, fragte Yamato verwundert.
„Oh, ehm, vor deiner Rückkehr war auf der anderen Seite der Stadt ein Festival gewesen, welches in einer Wasserschlacht geendet hat“, erklärte sie ihm.
„Ach soo. Cool“, nickte er verstehend. „Mit wem bist du dahingegangen? Mit Natsuki?“
„Uhm...Ja, mit Natsuki.“ Sie fühlte sich nicht unbedingt wohl dabei ihren Mann anzulügen, war es nicht gewohnt gewesen - aber wenn man bedachte, dass er weitaus größere Dinge ihr vorenthielt, empfand sie kein schlechtes Gewissen dabei.
Nach einer Weile beschloss das Ehepaar in ein Restaurant sich zu setzen und zu essen. Die Wirtin führte sie zu einem freien Tisch und brachte ihnen die Karte. Die beiden saßen sich gegenüber und blätterten durch das Menu, nachdem sie ihre Getränke schonmal bestellt haben.
„Weißt du schon, was du willst?“, fragte Yamato.
„Dasselbe wie immer“, antwortete Maron.
Er gluckste. „Ja, ich auch.“
Sie legte ihre Karte ab und sah ihren Mann an. Er sah gut aus in seinem Yukata. Schließlich war Yamato auch ein sehr gutaussehender Mann. War auch immer der beliebteste Junge in ihrem Jahrgang gewesen.
Maron sah sich um und kam nicht drum herum zu bemerken, wie einige der anderen Frauen im Restaurant zu Yamato starrten. Für einen Moment zog sie es in Erwägung jede einzelne von ihnen einen bösen Blick zuzuwerfen, aber sie konnte nicht. Das war zwar ihr Mann und sie waren verheiratet, aber Yamato fühlte sich seit langem nicht mehr wie ihrer an.
„Also, wie läuft die Arbeit?“, versuchte Maron eine Konversation anzufangen.
„Gut“, antwortete Yamato fröhlich. „Richtig gut. Wir gewinnen eine Menge einflussreiche Kunden.“
„Das ist gut“, lächelte Maron.
Die Kellnerin kam mit ihren Drinks und sie nahm direkt einen Schluck von ihrem Cocktail. Gerade als die Kellnerin ihr Notizblock rausnahm, um ihre Bestellungen aufzunehmen, unterbrach sie eine weibliche Stimme.
„Ohh! Hallo!“
Zeitgleich sahen Maron und Yamato zu der Quelle der Stimme auf. Während bei ihm sich ein riesiges Lächeln auf den Lippen ausbreitete, fielen ihre Lippen entgeistert auf, als sie Miyako und Chiaki sahen. Miyako trug einen schönen, dunkelfarbigen Yukata mit starkem, aufreizendem Make-Up, wohingegen Chiaki in normalen Klamotten -bestehend aus Jeans und Hemd- vor ihnen stand. Sie lächelte auf die beiden herab, während er genauso verwirrt reinblickte wie Maron.
„Was für ein Zufall“, sagte Miyako. „Wie geht es euch?“
„Geben Sie uns einen Moment“, sagte Yamato zur Kellnerin, die wegging und wandte sich anschließend Miyako zu, „Gut. Ganz gut. Wollt ihr euch später auch das Feuerwerk ansehen?“
„Ja, so wie jeder hier in dieser Stadt.“
Beide lachten. Sprachlos saß Maron immer noch da.
„Ihr seht super aus in euren Yukatas“, kommentierte Miyako, lächelte beide breit an, wobei ihr Blick für ein paar Sekunden länger bei Yamato hängen blieb . „Ich hatte Chiaki darum gebeten, dass er sich auch einen Yukata anzieht, aber er wollte nicht.“
„Ich besitze auch keinen, nur mal angemerkt“, erwiderte Chiaki.
„Für den idealen Partnerlook hättest du dir ruhig einen zulegen können“, brachte Miyako entgegen. Er rollte kopfschüttelnd mit den Augen.
„Nun, da ihr auch hier seid, warum schließt ihr euch uns nicht zum Abendessen an?“, kam es von Yamato schließlich.
Maron warf ihrem Mann einen raschen Blick zu. „Oh, Yamato, ich bin mir sicher, dass die beiden lieber allein-“
„Es ist recht voll hier. Als wir vorhin schon ankamen, gab es keine Zweiertische mehr“, fiel Yamato ihr ins Wort. „Ich kann mir vorstellen, dass es in anderen Restaurants nicht anders aussieht. Da könnt ihr euch ruhig zu uns setzen.“
„Das wäre großartig“, sagte Miyako erfreut. „Und du hast recht. Die meisten Restaurants haben uns schon gesagt, dass sie keine weiteren Gäste mehr bedienen können. Und da ihr bekannte Gesichter seid, wird es bestimmt lustig.“
Maron nahm einen großen Schluck von ihrem Drink und sah Yamato wütend an, was er nicht wahrzunehmen schien, während Chiaki auf ihrer einen Seite und Miyako auf ihrer anderen Seite Platz nahmen.

Über eine Stunde verging. Das Essen kam, gefolgt von zusätzlichen Getränken. Maron erhoffte sich, dass es mit jedem Schluck eventuell erträglicher wurde.
Die Situation war nahezu lachhaft. Sie saß mit ihrem Mann, seiner Geliebten und deren Ehemann zum Abendessen. Zum größten Teil füllten Miyako und Yamato das Gespräch am Tisch, hauptsächlich über belanglose Sachen.
Maron hatte keinen Zweifel daran, dass die beiden miteinander schliefen, aber ohne Beweise konnte sie ihn deswegen noch nicht konfrontieren. Yamato könnte und würde alles abstreiten, aber mit Beweisen wäre er dazu nicht fähig.
Chiaki war genauso ruhig wie sie und schaute von Zeit zu Zeit zu ihr rüber. Ab und an erwiderte Maron seinen Blick, sah jedoch direkt wieder weg. Es machte sie nervöser als alles andere, denn sie hatte das Gefühl als wollen seine blauen Augen ihr etwas sagen.
An einem unauffälligen Moment musterte sie ihn. Er stach in ihrer kleinen Gruppe mit seinen normalen Klamotten hervor. Allerdings nicht im negativen Sinne. Es war offensichtlich, dass er sehr gutaussehend war, und das zeigte sich auch an den vielen Frauen im Restaurant, die ihn genauso anstarrten, wie sie es bei ihrem Mann taten.
„Also, Maron, was machst du so beruflich?“, fragte Miyako plötzlich und riss sie aus den Gedanken, „Mir ist aufgefallen, dass ich das gar nicht weiß.“
„Ich bin angehende Autorin“, antwortete Maron ihr.
„Oh! Das ist cool!“
„Danke.“
„Das stelle ich mir aufregend vor. Du machst dein Hobby zum Beruf. Schreibst einfach mal eine Geschichte, schickst es einem Verlag zu und -Bäm- bist du in der Bestsellerliste.“
„Naja, so leicht ist das nicht“, entgegnete Maron. „Ich habe, seit ich ein Teenager bin, vier Bücher geschrieben und drei der Entwürfe fünf Jahre lang hunderten Agenten aus verschiedenen Verlagen zugesendet, die mir alle Absagen erteilt haben. Du willst dir gar nicht vorstellen, was für eine schwierige, deprimierende Zeit das war.“
„Aber du hast es geschafft“, sagte Chiaki mit einer Spur von Erstaunen und Stolz in der Stimme.
„Mit Glück und Elan habe ich es mit meinem aktuellen Buch geschafft meine jetzige Agentin zu überzeugen“, nickte Maron. „Es gibt vieles, was ich an meinem Manuskript noch überarbeiten muss und dann wären wir eventuell bald so weit, dass wir uns auf ein Veröffentlichungsdatum festlegen. Was ich im Großen und Ganzen sagen will ist, dass der Weg nicht so einfach erscheint, wie man sich es vorstellt. Er ist mit viel Frustration und Tränen verbunden.“
„Dem kann ich bezeugen“, sagte Yamato. „Es gab oft Zeiten, in der ich ihr gesagt habe, dass sie sich eventuell einen Plan B oder C überlegen soll, aber sie blieb stur.“
„Diese Sturheit hat sich doch nun bezahlt gemacht“, erwiderte Chiaki. „Du solltest stolz auf deine Frau sein, dass sie sich ihren Traum erfüllt.“
„Bin ich auch. Realistisch gesehen ist das jedoch kein Berufszweig, den jeder einfach so mal schafft.“
„Es ist nur fair, dass Yamato ihr anbot sich Alternativen zu überlegen. Schließlich will man ja, dass der Partner unabhängig von einem bleibt. In finanzieller Hinsicht, und so“, steuerte Miyako bei.
Maron verengte leicht ihre Augen.
„Klar, aber wichtig ist trotzdem, dass man zu seinem Partner hält und ihn nicht aufgibt.“
Nun sah sie zu Chiaki. Ihr entging der spitze Ton nicht, in der er sprach.
„Das stimmt. Du hast mich auch nicht aufgegeben, als ich meine Abschlussprüfung in der Ausbildung hatte und kurz vor dem Nervenzusammenbruch stand“, sagte Miyako, deutete lässig mit den Stäbchen auf ihren Mann, während sie ihr Kinn auf der anderen Hand abgestützt hatte. „Da hatte ich auch Momente, in der ich alles hinschmeißen wollte.“
„Wie nervenzerreißend darf ich mir die Flugbegleiter-Ausbildung denn vorstellen?“, fragte Yamato interessiert und damit schwenkte das Tischgespräch wieder in ein neues Thema um.
Nach einer langen Weile wurde das Geschirr abgeräumt und Momente später brachte die Kellnerin noch einen Kuchen.
„Ach, Gott. Ich habe glatt vergessen, dass ich den bestellt habe“, sagte Maron.
„Er sieht gut aus“, kam es von Miyako. „Hättest du was dagegen, wenn wir ihn uns teilen?“
Maron sah sie mit einem bedächtigen Blick an. „Sorry, ich teile nicht gerne“, entgegnete sie und setzte ein falsches, verspieltes Lächeln auf, bezog sich dabei nicht auf den Kuchen. Chiaki warf ihr einen langen Seitenblick zu.
„Schade“, zuckte Miyako mit den Schultern und lächelte.
Wie ihr dieses Flugbegleiter-Lächeln auf den Sack ging. Ohne weitere Diskussionen schlang Maron sich den Kuchen schweigend runter und versuchte ihn im Magen zu behalten, während Miyako und Yamato angeregt miteinander redeten.
Sie kochte vor Eifersucht. Jedes Mal, wenn Miyako über irgendeinen Witz von Yamato laut auflachte, zog sich etwas in ihr zusammen und ihre Hände verkrampften sich.
Eine leichte Berührung an ihrem Bein ließ sie zusammenzucken. Maron blickte neben sich zu Chiaki, der mit seinem Knie ihres angestupst hatte. Ihre Blicke trafen sich und ihre Anspannung löste sich etwas. Tief atmete sie durch die Nase und senkte ihre Schultern. Unauffällig legte sie ihm kurz ihre Hand aufs Knie, um ihm zu signalisieren, dass es ihr gut ginge. Die schien er mit einem unauffälligen Nicken zur Kenntnis zu nehmen.

Als die Kellnerin schließlich kam, um zu kassieren, stieß sie einen erleichterten Seufzer aus. Maron stand so zügig, wie sie konnte auf und trat nach draußen an die frische Luft. Sie nahm ein paar befreite Atemzüge, ehe keinen Augenblick später die anderen folgten.
„Hey, wieso warst du so schnell weg?“, fragte Yamato und legte ihr eine Hand auf den Rücken, was sie leicht zusammenzucken ließ.
„Ich...brauchte frische Luft. Es war etwas stickig drinnen“, erklärte sie sich mit einem verlegenen Lächeln. Es war nicht unbedingt gelogen.
„War auch ziemlich voll“, sagte Chiaki, beide Hände in seinen Hosentaschen gesteckt.
„Hat jemand Lust auf einen Verdauungsspaziergang?“, meldete Miyako sich zu Wort.
„Klar“, antwortete Yamato direkt und lief mit ihr schon los. Die beiden verfielen direkt wieder in ein Gespräch.
Maron und Chiaki gingen ihnen mit düsteren Gesichtsausdrücken hinterher, fielen ein paar wenige Schritte zurück.
„Das war seltsam“, durchbrach sie leise das Schweigen zwischen ihnen, schlang ihre Arme um sich.
„Seltsam ist noch leicht ausgedrückt“, murrte er.
„Dann eher furchtbar“, korrigierte sie sich. „Was auch immer ich mir von Date-Night erhofft habe...Es war definitiv nicht das.“ Sie wusste nicht, ob sie enttäuscht oder aufgebracht war. Womöglich beides.
„Hmm“, nickte er. „Denkst du, das war wirklich Zufall? Oder eher geplant?“
Ahnungslos zuckte sie mit zusammengepressten Lippen die Schultern.
„Das wäre so abgefuckt“, murmelte Chiaki.
Dem stimmte sie wortlos zu, während sie ihren Mann mit seiner Geliebten vor sich beobachtete.
„Bist du okay?“
Maron riss ihre Augen von den beiden los und wandte sich Chiaki zu. „Ja“, antwortete sie ihm, „Mir geht es gut.“
Er wirkte nicht überzeugt. Sie rollte bei seinem Gesichtsausdruck mit den Augen. „Keine Sorge, ich-“ Eine Gruppe an Leuten quetschten sich plötzlich an ihr vorbei. Maron wurde zur Seite gedrängt und Chiaki fing sie auf.
Es wurde voller auf den Straßen. Das Feuerwerk schien bald loszugehen und die Menschen waren aufgeregt, liefen ihnen von allen Seiten entgegen.
„Maron, bist du okay?“
Maron wandte sich in Chiaki’s Armen, blinzelte verwirrt. „W-W-Wo sind sie?“, fragte sie und blickte fassungslos nach vorne. „Wo sind Yamato und Miyako??“
Chiaki blickte sich ebenfalls rasch um. Er fluchte. „Fuck.“
Sie hatten sie aus den Augen verloren.
***

„Die waren eben noch vor uns! Wie können wir sie verloren haben??“, regte Maron sich auf, hielt sich erneut das Handy ans Ohr. Immer und immer wieder versuchten die beiden ihre Ehepartner anzurufen, kamen jedoch nicht durch. Das Netz war zu überlastet.
Gehetzt drängte Maron sich durch die Menschenmenge, während Chiaki ihr dicht auf den Fersen war.
„Maron, warte!“
„Lass uns sie suchen gehen!“ Abrupt blieb sie stehen und sah ihn verzweifelt an. „Es ist doch offensichtlich, dass sie diesen Moment nutzen werden. Wenn wir sie jetzt suchen und bei- bei irgendetwas erwischen, dann hättest du deinen Beweis!“
In dem Moment, als Maron sich wieder von ihm abwandten wollte, packte er sie an den Schultern. „Maron. Bitte beruhig dich.“ Sie blickte aufgewühlt zu ihm auf. „Du magst zwar recht haben und dass wir sie finden sollen, aber-” Er atmete tief durch, ließ gleichzeitig seinen Blick schweifen. Auch er war gestresst. „Nicht jetzt. Nicht vor all den Leuten.“
„Aber-“
„Willst du vor all diesen Menschen eine Szene machen?“
Bei der Frage weiteten sich erschrocken ihre Augen und sie schloss ihren Mund. Ihrem Gesichtsausdruck zu urteilen, schien sie sich in Erinnerung gerufen zu haben, wo sie sich befanden. Und dass sie einer öffentlichen Demütigung nicht gewillt war.
„Mir gefällt das auch nicht, aber die Situation hier ist viel zu chaotisch“, sprach Chiaki mit fester Stimme auf sie ein, „Es wird sich schon die passendere Gelegenheit ergeben.“
Resigniert biss Maron sich auf die Lippe und nickte.
Er stieß einen langen Seufzer aus. „Komm, verschwinden wir von hier“, sagte er, nahm ihre Hand und zog sie mit sich mit, führte sie aus der Menschenmenge. Als die beiden sich von der großen Masse entfernt haben, atmeten beide etwas befreit aus.
Chiaki blickte auf sein Handy. „Schon mal einen Balken mehr.“ Er versuchte erneut Miyako anzurufen, erreichte allerdings die Mailbox.
Entnervt rollte er mit den Augen und öffnete ihr Nachrichtenfenster, schrieb eine SMS.
„So, ich habe ihr geschrieben. Im Laufe des Abends müsste sie es lesen. Um ehrlich zu sein, bezweifle ich, dass die beiden so rücksichtslos sind.“ Chiaki strich sich mit der Hand durch die Haare. „Lass uns beim Auto warten“, sagte er zu Maron. „Ihr seid bestimmt mit Taxi hierhergefahren, richtig?“
Sie nickte zur Bestätigung. Es war zwar nicht unmöglich, aber dennoch nicht unbedingt optimal in einem Yukata Auto zu fahren.
„Der Parkplatz, auf dem mein Wagen steht, ist nicht so weit von hier“, seufzte er und nahm erneut ihre Hand.

Minuten später waren sie bei seinem Wagen angekommen.
„Oh, es fängt an“, kam es von Maron, als der erste laute Knall zu hören war und der schwarze Himmel sich farbenfroh aufhellte.
Ein paar Leute befanden sich auf dem Parkplatz, saßen auf den Motorhauben ihrer Wägen und stießen begeisterte Ausrufe aus oder holten ihre Handys zum Filmen raus.
Maron hatte Chiaki’s Hand losgelassen und wandte sich dem Feuerwerk zu. Er vermisste direkt das warme, elektrisierende Gefühl ihrer Berührung. Sie beide standen an seinem Wagen angelehnten nebeneinander und schauten sich schweigend das Lichterspektakel an. Nach einigen Momenten wandte er seinen Blick vom leuchtenden Nachthimmel ab und blickte zu Maron, die wie gebannt zum Feuerwerk hochschaute. Wenigstens lenkte es sie etwas ab.
Das Licht beleuchtete im Sekundentakt ihr schönes Gesicht.
Es erstaunte ihn etwas, wie anders Maron zu seiner Frau war – oder überhaupt zu anderen Frauen, die er bisher in seinem Leben kennengelernt hatte. Nicht nur war ihre ruhige Persönlichkeit etwas, was er bisher selten angetroffen hatte, so hob sie sich auch in ihrem Äußeren ab. Miyako musste immer auf die eine oder andere Weise auffallen, sei es ihr Outfit oder ihr Make-Up. Bei Maron schien ihr Äußeres eher dezenter und mehr auf natürlicher Schönheit zu basierend. Selbst wenn sie mal mehr Make-Up auftrug, so sah es immer noch natürlicher aus als bei Miyako.
Für einige lange Momente sah Chiaki sie wie gebannt von der Seite an. Den ganzen Abend schon konnte er seinen Blick von Maron schwer abwenden. Mit Mühe hatte er sich beim Abendessen dazu gezwungen auch Miyako und Yamato ab und an einen freundlich-neutralen Blick zu würdigen. Er konnte es sich nicht erklären. Seit er Maron kennengelernt hatte, gab es etwas an ihr, was eine anziehende Wirkung auf ihn hatte. Die er auch nicht ignorieren konnte.
„Du siehst wunderschön aus.“ Die Worte waren schon ausgesprochen, ehe er sie zurückhalten konnte.
Maron drehte sich mit verblüfft großen Augen zu Chiaki um. Eine zarte Röte stieg ihr das Gesicht hoch.
Er machte den Mund auf, um noch etwas zu sagen, was sie jedoch niemals erfahren würde, denn Miyako’s Lachen war zu hören. Sie drehten sich beide zu ihren Ehepartnern um, die auf sie zukamen.
„Gut, dass du geschrieben hast, Chiaki, sonst hätten wir dumm und dämlich nach euch gesucht“, sagte Miyako amüsiert.
„Ihr habt euch dennoch Zeit gelassen, um uns zu finden“, entgegnete er trocken.
Sie verschränkte augenrollend ihre Augen. „Hey, es war nicht leicht, sich in einer Menschenmasse zu orientieren.“ Lüge. „Außerdem hat es eine Weile gedauert, bis deine Nachricht ankam.“ Ihre Haarnadel saß auffällig schief.
Er erwiderte nichts mehr darauf. Hatte keine Lust.
Yamato legte Maron einen Arm um die Taille. „Oh nein“, entkam es ihm, als er zum Himmel aufsah und merkte, dass das Feuerwerk aufhörte. „Jetzt konnten wir uns das Feuerwerk nicht zusammen ansehen.“
„Naja, man kann nicht sagen, dass wir nicht zum selben Himmel hinaufgeschaut haben“, erwiderte Maron achselzuckend.
„Auch wahr“, lachte Yamato. „Dann wird es womöglich Zeit jetzt nach Hause zu fahren, oder? Das interessanteste Ereignis für heute Abend ist schließlich vorbei.“
Sie nickte knapp.
„Nun...“, meldete Chiaki sich zu Wort. „Da wir im selben Gebäude wohnen, können wir zusammen hinfahren. Ihr seid ja mit Taxi hergekommen.“
Dem wurde nichts entgegengebracht.

Die Fahrt verlief vollkommen ruhig ab. Keiner hatte einen Bedarf diese Stille zu durchbrechen.
Während Chiaki fuhr, schaute er kurz zu Miyako auf der Beifahrerseite, die ihren Kopf von ihm abgewandt hatte und mit einem zufriedenen Ausdruck aus dem Fenster starrte.
Er blickte in den Rückspiegel und sah, wie Yamato ebenfalls aus dem Fenster blickte, während Maron ihren Blick auf seine Hand fixiert hatte. Wartete sie darauf, dass er ihre Hand nahm? Sie schien jedoch auch keine Anstalten zu machen seine nehmen zu wollen, verschränkte stattdessen ihre eigenen Hände auf ihrem Schoß fest ineinander und wandte sich schließlich ihrem Fenster zu.
Ab und an erwischte Chiaki ihn dabei, wie er still vor sich hinlächelte. Ihren mutlosen Gesichtsausdruck zu urteilen, schien Maron das auch zu bemerken - und sie wussten beide, dass ihr Mann nicht wegen ihr lächelte.
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