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Affairs & Betrayals

von mairio
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
Chiaki Nagoya Marron Kusakabe Miyako Toudaiji Yamato Minazuki
28.05.2021
08.07.2022
20
77.143
5
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Dieses Kapitel
1 Review
 
15.10.2021 4.223
 
SEVEN

„Ist er schon zurück?“
Mit einem missmutigen Gefühl im Bauch schickte Chiaki die Nachricht ab. Seufzend warf er den Kopf nach hinten.
Im nächsten Moment spürte er ein Ziehen in den Haaren. „Au!“
„Stillhalten, Onkel.“
„Ich halte still, Yuki“, entgegnete er. „Du rupfst mir nur meine Haare raus.“
„Nein, ich mach sie hübsch.“ Ein weiteres Ziehen war zu spüren, aber nicht so stark wie eben.
Schmunzelnd schüttelte Chiaki nur mit dem Kopf. Er babysittete Kagura’s Tochter, während dieser für eine Weile gerade außer Haus war und die eigentliche Babysitterin (eine junge Schülerin aus der Nachbarschaft, die sich etwas Taschengeld verdienen will) auf sich warten ließ.
Gerade lag er auf der Couch, war mit seinem Handy beschäftigt, während Yuki am Kopfende auf einem kleinen Hocker stand und Haarstylistin spielte. Die ein oder andere kleine Schleife und Spange hing schon in seinen Haaren. Chiaki ließ die Kleine ruhig machen – sollte sie ihren Spaß haben.
Es vibrierte in seiner Hand und auf dem Handy blinkte Maron’s Antwortnachricht: „Noch nicht. Landet erst in einer dreiviertel Stunde. Bin noch auf dem Weg zum Flughafen.“
Chiaki tippte, wollte ihr mitteilen, dass sie auf sich aufpassen sollte. Dass sie stark sein sollte, wenn sie Yamato wiedersah, ganz gleich wie er sich ihr gegenüber benahm. Nach kurzem Zögern löschte er den langen Text wieder.
„Ach so. Okay“, tippte er schließlich nur zurück.
Ein plötzliches Lachen, gefolgt von einem erfreuten „Daddy!“, ließ ihn seinen Kopf zur Seite drehen.
„Wie siehst du denn aus?“, fragte Kagura, der lachend in seiner Wohnzimmertür stand.
„Sieht man doch.“ Chiaki strich sich über einen der kleinen Zöpfe. „Ich wurde aufgehübscht.“
„Wirklich hübsch“, grinste Yuki ihren Vater an, als sie mit offenen Armen auf ihn zulief.
Erneut lachte Kagura auf, während er die Fünfjährige hochnahm. „Du machst jedem weiblichen Wesen Konkurrenz, Chiaki.“
Chiaki grinste schief. „Kann sein, dass die ein oder andere Frau mich für meine makellose Haut schon mal beneidet hat“, erwiderte er, strich sich mit gespielter Eitelkeit über das Gesicht.
Augenrollend schüttelte Kagura mit dem Kopf. „Apropos, Frau – wann kommt deine nochmal wieder?“ Der alleinerziehende Vater setzte Yuki wieder auf dem Boden ab, die zum Couchtisch ging und mit dem Spielzeug darauf spielte.
„Morgen“, antwortete Chiaki.
„Dann könnt ihr ja mal zusammen auf Yuki aufpassen, wenn Minami sich verspätet oder anderweitig nicht kann“, sagte Kagura, strich seiner Tochter über die Haare und beugte sich zu ihr herunter. „Ich glaube, es ist auch eine Weile her, seitdem du Tante Miyako das letzte Mal gesehen hast, hm?“
„Mag Tante Koko nicht“, kam es von Yuki prompt, während sie nach wie vor mit ihrem Spielzeug beschäftigt ist.
„Nicht? Wieso nicht?“, fragte Chiaki verblüfft.
Sie zuckte mit den Schultern. „Mag sie nicht“, wiederholte sie nur nuschelnd.
„Also- Yuki! Sowas sagt man nicht“, mahnte Kagura, warf Chiaki einen entschuldigenden Blick zu.
Dieser zuckte abschließend mit den Schultern und setzte sich aufrecht, löste sich von seiner liegenden Position.
„Nun...ich werde womöglich jetzt gehen und mich anschließend auf die Arbeit machen“, sagte er, erhob sich von der Couch. Er bemerkte Kagura’s amüsierten Gesichtsausdruck und strich sich mit der Hand durch das Gewirr an Schleifen und Spangen in seinen Haaren. „Nachdem ich mich von diesem Meisterwerk befreit habe.“ Damit verschwand Chiaki ins Bad.

Unterdessen stand Maron am Flughafen und wartete. Eine Menge andere Leute, um sie herum warteten, ebenfalls. Warteten auf ihre Liebenden. War Yamato allerdings noch ihr Liebender?
Sie kaute unsicher auf ihre Unterlippe. Ihr Rücken war gerade und angespannt. Ihre Hände waren nervös und unruhig. Ihr Herz klopfte laut und schnell, vor Aufregung – nur nicht im positiven Sinne. Sie fühlte sich nicht gut. Ganz und gar nicht. Tatsache war – ihr war schlecht vor Aufregung.
Sie hatte die Nacht nicht gut geschlafen. Eigentlich hatte sie gar nicht geschlafen, hatte kein Auge zubekommen.
Auch wenn die Zeit mit Chiaki immer eine willkommene Ablenkung war, so verflog das Hochgefühl immer sofort wieder, wenn sie in ihrem einsamen Zuhause war und Maron das Gefühl hatte, als würde der Schmerz und die Anspannung auf seine Rückkehr ihr die Luft abschnüren. Schließlich verbrachte sie die halbe Nacht über der Toilettenschüssel. So wie jede Nacht, der letzten zwei Wochen, wenn sie allein Zuhause war. Heute Morgen hatte sie auch keinen Bissen runter bekommen, aus Angst, dass sie sofort ins Bad rennen würde.
Die automatischen Schiebetüren öffneten sich plötzlich und die ersten Leute kamen mit ihrem Gepäck raus. Es gab Freudenschreie, tränenreiche Umarmungen und emotionale Wiedervereinigungen um Maron herum.
Sie starrte starr auf die Schiebetüren. Ihr Herz klopfte mit jedem Mal auf, wenn sie sich öffneten.
Dann sah sie ihn. Er sah so wie immer aus, die braunen Haare und Klamotten saßen ordentlich an ihm.
Als Yamato sie erblickte, sah Maron wie seine Lippen sich zu einem Lächeln ausbreiteten. Er kam direkt auf sie zu und ehe Maron sich versah, öffnete er seine Arme und hüllte sie in eine Umarmung ein.
„Hallo, schöne Frau“, sagte er und küsste sie.
Es war kein kurzer, leichter Kuss, wie sonst in den letzten Monaten, sondern ein langer, fester – wie ein Mann seine Frau küssen würde, die er lange nicht mehr gesehen hatte.
Maron war vollkommen perplex von dieser Begrüßung, brauchte einen Augenblick, um seine Arme um ihn zu legen und den Kuss zu erwidern.
„Hi“, sagte sie mit einem verlegenen Lächeln, als sie sich lösten.
„Komm, lass uns fahren.“ Damit nahm Yamato ihre Hand, die Finger ineinander verschränkt und sie ließ sich verblüfft von ihm nach draußen aus dem Flughafen ziehen.

Sie fuhren gemeinsam zuerst zur Firma, weil Yamato seinem Vater wichtige Arbeitsdokumente überreichen und über bestimmte Dinge Bericht erstatten wollte, damit das direkt erledigt sei. Die ganze Fahrt über überschüttete Yamato sie mit Fragen. Ob es ihr gut ginge, wie es mit ihrem Buch lief, ob sie genug gegessen hatte... Wann hatte er das letzte Mal so offen Interesse an ihrem Leben, an ihrem Alltag, gezeigt?
Es freute Maron, bereitete ihr ein Lächeln auf das Gesicht. Dennoch bekam sie dieses zerrissene Gefühl -das Chaos- in ihrem Inneren nicht los. Ein Chaos den er ausgelöst hatte.
Was ging nur vor?
Das Taxi hielt vor dem Minazuki-Firmengebäude an. Yamato stieg mit seinen Sachen aus, ging zur anderen Seite und machte Maron die Tür auf, ehe sie die Gelegenheit dazu hatte. Sie stieg nach minimalem Zögern aus und ging mit ihm ins Gebäude rein. Dabei legte Yamato ihr eine Hand auf den Rücken. All das erinnerte sie an sehr alte, schöne Zeiten zurück.
Wieso war er jetzt so zuvorkommend ihr gegenüber?
War die Affäre vielleicht doch nur eine Phase? Bedeutete sie ihm doch mehr als Miyako?
Liebte er sie doch mehr als Miyako?
Plötzlich dachte sie an Chiaki und sah seinen achtsamen, mit Bedacht gezeichneten Blick vor Augen.
Sie warf Yamato wieder einen unauffälligen Seitenblick zu. Oder spielte der Kerl nur mit ihr?
Überfordert fasste Maron sich den Kopf. Ihr war heiß und komisch. Sie fühlte sich nicht gut. Den ganzen Tag schon dröhnte ihr Kopf.
Lag es an dem Sommer? Oder dachte sie wieder zu viel nach? Sie hatte schließlich eine Unmenge an Dingen, die ihr non-stop durch den Kopf gingen. Und Yamato’s Verhalten machte es nicht besser. Was für ein Spiel wurde gespielt?
Ihre Gedanken rasten hin und her. Ihre Emotionen waren nicht unter einem Hut zu bekommen.
In der Lobby gab Yamato der Dame an der Rezeption Bescheid, dass er seinen Vater sprechen würde. Gerade als er sich zu Maron wandte und etwas sagen wollte, klingelte plötzlich sein Handy.
Die Panik schlug direkt auf sie ein, als sie seinen Gesichtsausdruck und das zucken seiner Mundwinkel sah, als er auf dem Display blickte.
„Entschuldigt mich kurz.“ Yamato entfernte sich ohne weiteres ein paar Schritte von ihr, sodass sie außer Hörweite war und nahm ab. Sofort sah Maron, wie sich ein riesiges, erfreutes Lächeln auf seinen Lippen ausbreitete und wie er Momente später heiter auflachte.
Der Schmerz der letzten Wochen stach mit voller Wucht in ihrer Brust -in ihr Herz- ein.
Ihre Atmung begann sich zu beschleunigen. Sie bekam keine Luft. Ihre Sicht verschwamm. Maron blinzelte, kniff sich angestrengte die Augen zusammen.
Eine Firmenangestellte stand plötzlich vor ihr, sah besorgt aus. „Ma’am, kann ich Ihnen vielleicht helfen? Sie sehen blass aus.“
„Mir geht es gut, danke“, erwiderte Maron, „Ich-“
Doch mehr kam nicht mehr aus ihr heraus, als auf einmal alles schwarz wurde und sie ihren Halt auf den Beinen verlor. Erschrockene Laute und Stimmen waren um sie herum zu hören. Das Letzte, was sie sah, war Yamato’s überraschter Gesichtsausdruck, als er sie zu ihr umdrehte, das Handy immer noch am Ohr.
***

Gerade hatte Chiaki Pause und spazierte mit seinem Kaffeebecher durch die Gänge, war auf dem Weg zurück zu seinem Büro. Er hatte noch einen langen Abend vor sich.
In dem Moment, als er um die Ecke bog, war er mehr als überrascht Yamato Minazuki zu sehen.
„Oh. Hallo, Nachbar“, begrüßte Yamato ihn, als er von seinen Blumen in der Hand aufsah und stehen blieb.
„Hallo…?“, erwiderte Chiaki leicht perplex zurück, stoppte ebenfalls.
„Maron ist hier“, beantwortete Yamato seine unausgesprochene Frage, deutete mit einem Nicken auf ein Zimmer am Ende des Ganges. „Wurde hier vor einigen Stunden eingeliefert.“
Sofort machte sich Sorge in ihm breit. „Was? Was ist passiert? Geht es ihr gut?“
„Ja, ja, es geht ihr gut. War nur ein Ohnmachtsanfall. Der Arzt meinte, dass sie womöglich unter zu viel Stress steht und etwas mehr Essen sollte.“
Chiaki blickte ihn mit steinernem Blick an, was Yamato als Schock zu interpretieren schien und unbesorgt abwinkte. „Ihr wird es schon wieder gut gehen. Sie schläft gerade.“ Yamato ließ seinen Blick durch das Gebäude schweifen. „Normalerweise hätte ich sie im Momokuri Hospital untergebracht, weil meine Familie das Krankenhaus seit Jahrzehnten sponsert, aber das Nagoya-Krankenhaus war näher dran.“ Er hielt die Blumen hoch. „Die habe ich im Blumenladen um die Ecke geholt und wollte sie ihr vorbeibringen, ehe die Besuchszeit vorbei ist.“
„Wie aufmerksam von dir“, murmelte Chiaki trocken. „Als Ehepartner brauchst du dich eigentlich nicht an die Besuchszeit halten und kannst bei ihr im Zimmer bleiben, bis sie aufwacht.“
Yamato nickte verstehend. „Das wäre natürlich schön, aber ich bin mir sicher, dass Maron nicht wollen würde, dass ich wegen ihr im Krankenhaus übernachte.“
„Wirklich?“
„Natürlich. Ich kenne meine Frau schließlich“, sagte Yamato. „Sie mochte es nie, anderen zur Last zu fallen.“
Chiaki verengte seine Augen und sah ihn für einige Momente misstrauisch an.
„Weißt du, Maron scheint in letzter Zeit ziemlich viel durchzumachen“, sagte er letztlich.
Yamato blinzelte und zog eine Augenbraue leicht hoch. „Woher weißt du das?“
Ohne ihn anzusehen, zuckte Chiaki mit den Schultern und nippte an seinem Kaffeebecher. „Wir sind Nachbarn. Ab und an sieht man sich im Haus und redet miteinander“, antwortete er plump.
Yamato nickte, die Lippen zusammengepresst. Er trug einen Ausdruck auf dem Gesicht, den Chiaki zu deuten versuchte. „Maron hat dir also anvertraut, dass sie unglücklich ist?“
„Um ehrlich zu sein - das braucht sie einem gar nicht sagen. Man sieht es ihr an.“ Chiaki sah ihn unverwandt an. „Du solltest dich besser um deine Frau kümmern“, sagte er, mit einem gewissen Unterton, den Yamato jedoch nicht aufzuschnappen schien. Er wirkte etwas geistesabwesend.
Ein Piepen ertönte aus seinem Kittel. Chiaki seufzte. „Muss jetzt an die Arbeit. Meine Pause ist vorbei.“
„Oh, klar. Natürlich. Ich wollte dich nicht aufhalten“, sagte Yamato entschuldigend.
Damit ging Chiaki ohne weiteres an ihn vorbei. Auf dem Weg zu seinem Büro blickte er noch einmal über seine Schulter und sah, wie Yamato mit den Blumen in das Krankenzimmer reinging.
***

„Yamato!“
Verzweifelt rannte Maron ihm hinterher. Es war dunkel und kalt um sie herum.
“Bitte, Yamato. Bleib. Bleib bei mir. Bitte”, flehte sie ihn an. Doch er war außer ihrer Reichweite, kehrte ihr starr den Rücken zu und war anschließend verschwunden. Maron spürte wie ihre Beine nachgaben. Doch ehe sie auf die Knie fallen konnte, fingen zwei starke Arme sie auf.
Ehe sie sich versah, wurde sie an einen warmen Körper gedrückt, eine Hand schützend auf ihren Hinterkopf. Ihr Zittern verebbte etwas und sie legte schluchzend ihren Kopf an die Brust vor sich an. Die eiserne Kälte wurde mit dieser elektrisierenden Wärme verjagt.
„Ich bin bei dir“, hörte sie eine angenehme, vertraute Stimme in ihr Ohr flüsternd sagen.


Stark blinzelnd wachte Maron auf. Verwirrt runzelte sie für einen winzigen Moment die Stirn, wusste nicht, wo sie sich befand. Sie lag auf einem fremden Bett, in einer völlig fremden Umgebung. Alles war weiß und wirkte steril.
Ein Fenster war in der Seite und es war pechschwarz draußen.
Maron blinzelte erneut, kniff sich die Augen zu und machte sie wieder auf. Kein Traum. Sie war immer noch hier. Ein markanter Geruch kam ihr durch die Nase, welcher ihr sehr bekannt vorkam.
Ihr Verstand, ihre Gedanken und allgemein ihr Kopf fühlte sich furchtbar langsam an. Sie wollte ihren Arm heben und sich die Stirn fassen, hielt jedoch inne. Im nächsten Moment zuckte sie zusammen und ihre Augen waren vor Schreck riesig, als sie ihren Arm und den dünnen Schlau sah, mit dem sie verbunden war.
Was?! Aber-…
Sie blickte sich erneut im Zimmer um. Es war ein Krankenzimmer. Das hatte sie schonmal erkannt. Es sah allerdings nicht nach dem Momokuri Hospital aus...
Wo-
„Oh. Du bist wach.“
Überrascht drehte Maron bei der Stimme ihren Kopf. Umso überraschter war sie, als sie Chiaki sah, der seinen Kopf durch die Tür gesteckt hatte und ins Krankenzimmer eintrat.
„Chiaki…“ Sichtlich erleichtert atmete sie aus, war froh darüber ein bekanntes Gesicht direkt zu sehen. Ihr Körper entspannte sich auch und ihr Kopf fiel ins Kissen zurück. Der momentane Adrenalinstoß war mit einem Mal wieder weg und sie fühlte sich erschöpft.

Wortlos sah Chiaki dabei zu, wie Maron einen langen Atem ausstieß und ihre Augen in alle Richtungen schweifen ließ. Der Akt allein schien sie wohl viel Kraft zu kosten.
Schatten zeichneten sich unter ihren Augen ab und ihre Wangen wirkten eingefallen.
Maron war eine zierliche Person, aber so wie sie da lag, sah sie aus wie Haut und Knochen.
Es war ein herzzerreißender Anblick.
„Weißt du, was passiert ist?“, fragte er sachte.
Es dauerte ein paar Momente, bis Maron antwortete. „Ich bin umgekippt...“
Er nahm sich das Klemmbrett, was am Fußende hing. „Du bist ohnmächtig geworden, so wie ich gehört habe. Hier steht auch, dass du des Öfteren unter Schwächeanfälle leidest“, las er, blätterte kurz zum zweiten Blatt. „Sag mal, besteht-“
„Nein, es besteht keine Möglichkeit einer Schwangerschaft“, nahm sie ihm direkt den Wind von den Segeln.
Chiaki machte den Mund auf, doch sie fiel ihm weiter ins Wort: „Wir...hatten seit über eineinhalb Jahren keinen Sex mehr.“
Sichtlich überrascht über diese Information blinzelte er sie an. „...Oh.“
„Es... liegt nicht an ihm“, warf Maron zügig ein, als müsste sie sich erklären. Der trübe Schleier breitete sich wieder in ihrem Blick aus. „Es liegt an mir…“
„O...kay“, erwiderte er, wusste nicht genau was er sagen sollte - wollte eigentlich auch nichts über deren Sexleben wissen. „Das redest du dir bestimmt ein.“
Plötzlich warf Maron ihm einen ungewohnt kalten Blick zu. „Du hast keine Ahnung, wovon du redest“, sagte sie forsch, ehe ihr Gesicht sich von ihm abwandte.
Etwas perplex starrte Chiaki sie mit halboffenem Mund an, verstand nicht, was er Falsches gesagt hatte.
Ein tiefes, kraftloses Seufzen war von ihr zu hören und ihre Züge wurden wieder weicher.
„Ich leide einfach unter Schwächeanfällen“, sagte sie, ohne seinen Blick zu begegnen. „Der Stress setzt mir zu sehr zu...“ Ihre braunen Augen trugen wieder diesen tristen, müden Ausdruck in ihnen. „Yamato-“
„Er war eben zu Besuch da.“ Er deutete mit dem Kinn auf den riesigen Strauß Blumen.
Maron drehte ihren Kopf und blinzelte überrascht, schien die Blumen neben sich jetzt erst zu bemerken.
„Weiße Rosen...meine Lieblingsblumen“, murmelte sie, mit einem Fünkchen Freude in den braunen Augen. Für einige Sekunden starrte sie auf die Blumen, bevor sie sich von ihnen anwandte. Sie starrte mit einem traurigen, matten Blick zur gegenüberliegenden Wand. „Ich hatte Yamato vom Flughafen abgeholt... er wollte kurz zur Firma und mit seinem Vater reden... und dann...“ Sie biss sich auf die trockene Unterlippe. „Yamato hat einen Anruf erhalten.“ Ihr Blick wanderte zu ihm. „Womöglich von Miyako.“ Sie nahm einen angestrengten Atemzug und sah kurz wieder zu den Blumen. „Du sagtest, dass er zu Besuch da war?“
„Bin ihm auf dem Gang begegnet, mit den Blumen.“
„Wieso ist er nicht geblieben und hat gewartet, dass ich aufwache...?“
Mit regloser Miene zuckte Chiaki mit den Schultern. „Ich kann dir nicht sagen, wie lange er blieb. Ich habe ihm angeboten, dass er als Ehepartner auf die Besuchszeiten verzichten und bleiben kann, aber er hatte abgelehnt und meinte, dass du das nicht wollen würdest.“
„Klar... wer wacht auch gerne allein in einem fremden Krankenzimmer auf...Hilflos, verwirrt und desorientiert“, entgegnete Maron bitter. Seufzend schloss sie ihre Augen, die angefangen hatten zu schimmern. „Ich werde ihn anrufen und sagen, dass ich wach bin.“
„Okay.“ Er nickte und stand auf. „Gibt es noch etwas, was du brauchst? Etwas zu essen? Wasser?“
Sie presste sich die spröden Lippen zu einem dünnen Strich zusammen. „Ich... Ich brauch meinen Mann“, wisperte sie mit schwacher Stimme, senkte ihren Kopf.
Dies...war leider jenseits seiner Macht.  
Wortlos ging Chiaki auf Maron zu und wollte ihr eine tröstende Umarmung geben, doch als er neben ihr war, stoppte sie ihn mit hervorgehaltener Hand, das Gesicht immer noch zur Bettdecke gesenkt. Sofort erstarrte er in seinen Bewegungen.
„Kannst du bitte gehen? Ich bin müde und möchte gleich schlafen“, sagte sie in einem reglosen Ton.
„Oh. Okay“, erwiderte er, leicht enttäuscht und dennoch verständnisvoll. „Wenn was ist, dann kannst du mit dem Knopf nach einer Schwester rufen. Ich werde morgen wieder vorbeikommen, sobald ich Zeit habe“, sagte er sanft.
Ihr Kopf bewegte sich erneut. „Mach dir wegen mir keine Mühe. Du hast bestimmt Wichtigeres am Tag-“
„Du bist mir wichtig“, platzte es aus ihm heraus. Ihre Augen wurden groß und er ohrfeigte sich innerlich selbst. Er fuhr sich über die Haare, und sprach schnell weiter: „Ich meine, deine Gesundheit und dein Wohlbefinden ist mir wichtig. Als Arzt, Nachbar und Freund.“ Augenzwinkernd lächelte Chiaki sie schief an.
Maron’s Mundwinkel zuckten nach oben und ein leises Kichern entkam ihr. „Okay...Dann bis morgen.“
Damit ging Chiaki zur Tür, legte eine Hand auf die Klinke. „Gute Nacht, Maron.“
„Nacht...“, kam es leise zurück, ehe er schließlich aus dem Zimmer ging.  
***

Wie auf heißen Kohlen sitzend stand Chiaki am nächsten Morgen mit seinem Kaffee auf dem Balkon, war in Gedanken versunken. War in Gedanken bei Maron.
Er hoffte, dass es ihr heute besser ging.
Chiaki blickte zur Uhr. Es würde noch etwas dauern, bis seine Schicht begann.
Seufzend trank er von seinem Kaffee. Im Krankenhaus wird er sich auf jeden Fall nach ihr erkundigen. Es war einer der wenigen Tagen, in der er es kaum erwarten konnte, zur Arbeit zu gehen.
„Halloooo?“
Überrascht drehte Chiaki sich zu der Stimme um.
Miyako stand mit ihrem kleinen Koffer im Wohnzimmer und kam auf ihn zu stolziert, die Arme vor sich verschränkt. „Hast du mich nicht reinkommen gehört?“ Sie klang etwas verstimmt.
„Sorry. War in Gedanken.“
„Habe ich gesehen.“ Nach einem kurzen Moment bildete sich ein süßes Lächeln auf ihren Lippen und sie drückte ihm einen Kuss auf die Lippen. „Bin wieder daaa“, sagte Miyako in einer sing-sang Stimme und legte ihre Arme auf seinen Schultern ab.
Chiaki setzte ein Grinsen auf. „Willkommen zurück.“
Ihre Finger strichen über die Haare auf seinem Nacken. „Hast du mich vermisst?“, flüsterte sie ihm verführerisch zu.
Ohne auf die Frage einzugehen, lächelte Chiaki einfach nur und küsste sie, lange und innig, so wie er es früher immer tat, wenn sie nach Hause kam. Schließlich durfte er sich nichts anmerken lassen. Doch die Erinnerung und der Gedanke daran, dass diese Lippen aktuell auch einen anderen Mann küssten, törnte ihn ab, weshalb er Miyako keinen Augenblick später leicht von sich drückte.
Sie blinzelte ihn stirnrunzelnd und verwirrt an. Diese Unschuldsmiene nervte ihn.
„Du musst bestimmt völlig fertig sein. Geh am besten Duschen, während ich dir Kaffee und etwas zu Essen mache.“
„Aww. Die Frau kommt nach Hause und der Mann verwöhnt sie. So hat man’s doch gern.“ Damit tänzelte Miyako summend ins Bad.
Kaum war sie weg, ließ Chiaki sein Lächeln fallen und ging zur Küche.

Nach der Dusche und dem Frühstück, hatte sich Miyako glücklicherweise schlafen gelegt. Dem Jetlag sei Dank. Chiaki hatte keine Lust einen auf heile Welt zu spielen. Nicht heute. Womöglich auch nie mehr...
Diese Frau hatte sein Vertrauen gebrochen und sowas war für ihn nicht mehr wieder zu reparieren. Es war einfach unverzeihlich.
Egal, wie sehr es einem am Ende eventuell leid tut, letztlich hatte man sich dazu entschieden, den Partner zu hintergehen und zu verletzen. Zweite Chancen gab es für ihn nicht.
Ganz gleich wie stark man noch an den Gefühlen für den anderen hängt.
Chiaki empfand durchaus noch starke Emotionen Miyako gegenüber. Vor ihrer Rückkehr war eventuell noch eine gewisse Liebe übrig, an der er noch gehangen hatte. Von Liebe fehlte jetzt jedoch jegliche Spur. Vielmehr wurde diese mit kalter Wut und Abneigung ersetzt.
Tief atmete Chiaki durch, als er in der Tiefgarage des Nagoya-Krankenhauses angekommen war und kniff sich zwischen den Augen. Er versuchte seine Gedanken an Miyako vorerst beiseitezuschieben und sich aufs Wesentliche zu fokussieren. Wie zum Beispiel seine Arbeit. Oder eine besondere Patientin, der er einen Besuch abstatten wollte.

Seufzend schaute Chiaki auf seine Uhr, während er den Fahrstuhl hochfuhr. Die ersten Untersuchungen hatte er hinter sich und nun hatte er endlich Pause. Die würde er offensichtlich nutzen, um nach Maron zu sehen.
Im richtigen Stockwerk angekommen, stieg er aus und ging zu ihrem Krankenzimmer.
Zu seiner Überraschung war niemand im Zimmer. Chiaki schaute sich links und rechts im Gang um.
„Wo ist denn Mar- Mrs. Minazuki?“, fragte er eine Schwester der Station.  
„Mrs. Minazuki? Sie hatte vorhin gefragt, wo die Baby-Station ist, und ist dann gegangen“, antwortete ihm die Krankenschwester.
„Okay. Danke.“ Damit begab Chiaki sich zu der besagten Station.
Wenige Minuten später kam er an und sah Maron direkt vor einer Glasscheibe stehen. Ein paar Schritte von ihr entfernt, blieb Chiaki stehen und blickte ebenfalls durch die Scheibe.
Kleine Bettchen befanden sich darin, in denen ein Dutzend neugeborene Babys lagen und schliefen. Ab und an zuckte eines mit dem Kopf oder bewegte den Mund.
„Sind sie nicht süß?“, durchbrach Maron die Stille zwischen ihnen. Ihre Stimme klang sanft und verzückt.
Doch ein Ausdruck lag auf ihrem Gesicht, der mehr als traurig aussah. Eher kummervoll, bedrückt und sehnsuchtsvoll. Eine feuchte Spur schimmerte auf ihrer Wange. Hatte sie geweint?
Sie hatte angedeutet, dass sie Kinder wollte – und dass Yamato ihr diesen Wunsch jedoch nicht mehr erfüllen wollte. So hatte Chiaki das zumindest verstanden.
Dieses Thema schien sie sehr zu bewegen...
„Willst du Kinder?“, hörte er Maron plötzlich fragen.
Darüber hatte er seit langem nicht mehr nachgedacht.
„Habe seit langem nicht mehr darüber nachgedacht“, gab Chiaki zu.
„Haben du und Miyako nicht darüber geredet?“
„Doch. Aber das ist auch schon ewig her. Relativ am Anfang unserer Beziehung.“
„Verstehe.“
Für einige lange Momente war es wieder still zwischen ihnen. Chiaki war mit dem Gesicht zur Scheibe gewandte, blickte jedoch immer wieder zur Seite zu Maron. Er wusste nicht, was er zu dieser Konversation noch beisteuern konnte, um ihre Stimmung zu heben. Das Thema Kinder war in der Tat ein Thema, worüber er sich nicht viele Gedanken gemacht hatte und was für ihn bisher auch kaum auf dem Schirm war.
„Ich darf heute gehen. Yamato holt mich in ein paar Stunden ab“, unterbrach Maron seine Gedankengänge. Sie drehte sich zu ihm um. „Ich werde jetzt auf mein Zimmer hochgehen.“
„Ich begleite dich“, bot Chiaki ihr an, was sie nickend akzeptierte.
Gemeinsam ging sie zum leeren Fahrstuhl, stellten sich nebeneinander hin und bedienten den Knopf zur Zieletage. Kaum fuhren sie hoch, blieb der Fahrstuhl schon direkt im nächsten Stockwerk stehen. Eine Menge Leute -Besucher, Patienten und Krankenhauspersonal- traten ein, wodurch Chiaki und Maron sich nach hinten zurückziehen mussten. Es wurde sehr voll.
Als er merkte das sie an die Wand gedrückt war, stellte er sich schnell schützend vor ihr, sodass sein Rücken den anderen Menschen zugewandt war. Ihr Gesicht war an ihn gepresst und er konnte ihre Atmung gegen seine Brust spüren.
Der Fahrstuhl fuhr weiter.
Maron bewegte ihren Kopf und ihre Blicke trafen sich. Ihre Wangen waren rot und er konnte selbst spüren, wie ihm etwas warm im Gesicht wurde und sein Herz aufklopfte.
Nach und nach stiegen die Leute mit jedem weiteren Stockwerk wieder aus und als es schließlich Zeit war für sie auszusteigen, bewegten die beiden sich von der Stelle und verließen den Fahrstuhl.
Räuspernd strich Chiaki sich verlegen durch die Haare, während Maron schweigend neben ihm herging, das Gesicht immer noch mit einem leichten Rosaschimmer gezeichnet. Vor ihrem Krankenzimmer hielten sie schließlich an.
„Chiaki“, kam es von ihr sanft.
„Ja?“ Er drehte sich zu ihr und sie standen sich gegenüber.
„Danke...“, sagte sie, „Dass du nach mir gesehen hast.“
Er nickte lächelnd. „Ich hab’s dir versprochen.“
Sie lächelte schwach und legte ihre Hand auf die Türklinke. „Deine Pause ist bestimmt bald vorbei. Ich werde meine Sachen packen gehen.“
„Okay. Ruh’ dich Zuhause aus“, sagte Chiaki sanft. „Wir sehen uns.“
„Ja. Bis später, Chiaki.“ Damit ging Maron ins Zimmer rein. Für ein paar lange Sekunden sah Chiaki ihr noch nach, ehe er sich schließlich zu seinem Büro begab.
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