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Affairs & Betrayals

von mairio
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
Chiaki Nagoya Marron Kusakabe Miyako Toudaiji Yamato Minazuki
28.05.2021
08.07.2022
20
77.143
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Dieses Kapitel
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02.07.2021 4.478
 
SIX

„Sei ehrlich...“
Maron stocherte in ihrem Essen herum, die Stäbchen in ihrer einen Hand, die Schüssel in der anderen.
„Hm?“, hörte sie teilnahmslos von ihrem Sitznachbar.
Ihr Herz fing an zu klopfen. Ein Kloß bildete sich in ihrem Hals.
Du schaffst das, ging es ihr wiederholend durch den Kopf.
Sie wappnete sich, straffte ihre Schultern und nahm tief Luft.
Nach einer langen Weile sprach sie die Worte endlich aus: „Hast du eine Geliebte?“
Sie sah auf, blickte ihm fest in die Augen. Konfus zogen sich seine Brauen zusammen.
„Was? Bist du verrückt? Von wem hast du das gehört?“
„Von wem ich das gehört habe, tut nichts zur Sache“, erwiderte sie, versuchte ihren fordernden Ton aufrecht zu erhalten. „Nun sag. Sei ehrlich. Hast du eine Geliebte?“
Es dauerte einen Moment, ein entnervter Seufzer und dann-
„Ja, habe ich.“
Ihre Finger verkrampften sich. Mit einem lauten Knall stellte Maron ihre Schüssel auf dem Tisch ab.
Drei Sekunden vergingen, ehe Chiaki kopfschüttelnd seufzte.
„Das ist keine Reaktion“, sagte er und sah sie an. „Sollte Yamato es zugeben, muss du ihn richtig spüren lassen, was du darüber denkst.“
Maron fluchte im Stillen, biss sich auf die Unterlippe. Das wird wohl noch schwieriger, als sie dachte.
Sie war wieder bei Chiaki Zuhause und hatte beschlossen mit ihm eine mögliche Konfrontation zu üben. Yamato würde schließlich in zwei Tagen nach Hause kommen. Miyako einen Tag später.
Maron wollte sich vorbereiten. Kraft sammeln. Dafür bereit sein.
„Ich erwarte nicht, dass er es zugibt“, erwiderte sie. „Ich weiß daher auch nicht, wie ich reagieren soll“, fügte sie resigniert hinzu.
Chiaki blickte sie unverwandt an. „...Noch einmal?“
Sie ging nicht direkt darauf ein, brauchte noch einen Moment. Anschließend fing Maron an wieder ihren Text aufzusagen.
„Sei ehrlich-“ Die Worte waren matter, monotoner als vorher. Sie stocherte wieder in ihrem Essen rum. „Hast du eine Geliebte?“
„Bist du verrückt? Von wem hast du das gehört?“, sagte er seinen Part.
„Das ist egal. Sag. Hast du eine Geliebte?“
„Wieso fragst du das?“
„Hast du, oder hast du nicht?“ Plötzlich wurde ihr Ton hart. Bekam eine gewisse Schärfe. Chiaki merkte dies, weitete seine Augen.
„Schau mich an“, verlangte Maron, beugte sich zu ihm vor. Er sah sie an. „Sag mir die Wahrheit. Ja oder Nein.“
„Ja!“
Ihrem Gesicht war jegliche Farbe bei dem Wort entwichen. Es war wie ein eiskalter Messerstich ins blutende Herz. Ein Gnadenstoß.
Ihre Brust schnürte sich zusammen.
Es schmerzte so sehr. Jedes Herzklopfen, jeder Atemzug.
Sie sah ihn für eine lange Zeit an.
Langsam und roboterartig lehnte Maron sich wieder in ihrem Stuhl zurück.
„Bist du okay?“, hörte sie Chiaki besorgt fragen. Er reichte eine Hand nach ihr, doch sie zog sich ihm zurück.
Verneinend schüttelte Maron kaum merklich den Kopf, das Gesicht zu Boden gesenkt. Ihre Schultern fingen an zu beben. Ihre Atmung beschleunigte sich.
„Ich...habe nicht erwartet, dass es so wehtun würde“, wisperte sie leise.
Mit einem Mal brach alles in ihr zusammen und sie begann zu schluchzen. Ehe einer von beiden sich versah, war sie bei Chiaki und weinte hemmungslos an seiner Brust.
Nach kurzem Zögern strich er ihr tröstend über den Kopf. „Es war nur eine Übung“, sprach Chiaki sachte auf sie ein.
Sie weinte weiter, das Gesicht in sein Hemd vergraben.
„So einfach würde er es nicht zugeben...“, flüsterte er seufzend. „Es ist okay. Nimm es nicht so schwer.“
Schluchzend schüttelte Maron ihren Kopf, ließ ihren Tränen freien Lauf. Sie wusste genauso wie er, dass Yamato es nicht zugeben würde.
Genauso wenig war sie dazu bereit, ihm gegenüberzutreten und ihn zu konfrontieren.
Hatte noch nicht die Kraft dazu.
Wie erbärmlich schwach sie doch nur war...

„Kann ich dich um etwas bitten?“
Fragend schaute Chiaki auf Maron herab, sah sie erwartungsvoll und verwundert an, während Maron mit dem Kopf an seine Schulter gelehnt war und leblos in die Luft starrte.
„Rede mit Miyako noch nicht, wenn sie zurückkommt“, sprach sie weiter. Ihre Stimme war kaum zu hören und genauso leer wie ihr Gesicht.
Er zog eine Augenbraue hoch, hatte dies nicht erwartet.
„Du wolltest doch sowieso zuerst nach Beweisen sammeln, bevor du dich von ihr trennst. Richtig?“
Kurz räusperte Chiaki sich. „Nun, mit Beweisen wäre es einfacher. Sonst würde sie von meinem Geld und allem Drum und Dran profitieren“, gab er zu.
„Kein Ehevertrag?“
„Nein.“
Für eine Weile waren nur ihre Atemzüge zu hören.
„Lass uns warten. Auf die Beweise.“ Maron’s Augen flackerten und sie hob ihren Blick. Bittend -fast flehend- sah sie zu ihm auf. Der traurige, kummervolle Ausdruck in ihnen zog sein Inneres schmerzlich zusammen. „Danach...konfrontieren wir sie. Und...lassen uns von ihnen scheiden...“, wisperte sie abschließend.  
Eindringlich blickte Chiaki sie an.
„Okay“, flüsterte er nach einigen Sekunden schließlich, versprach es ihr. „Wir werden das gemeinsam durchstehen.“
Eine Spur von Dankbarkeit zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab.
Bevor er realisierte, was er tat, legte Chiaki ihr eine Hand auf die Wange und strich sanft mit dem Daumen über die feuchte Haut.
„Ich bin bei dir.“ Diese Worte waren mittlerweile wie ein Versprechen -ein Schwur- an sie.
Beschämt senkte Maron ihren Blick. Ihre Unterlippe zitterte und er sah, wie ihr still die Tränen wieder entkamen und herunterrannten. Wortlos vergrub sie ihr Gesicht in seiner Brust, damit er es nicht mehr sehen konnte.
Sachte strich Chiaki ihr über den Rücken, hielt sie sicher in seinen Armen.
Er verstand, dass sie noch etwas Zeit brauchte.
Er würde ihr diese Zeit geben.
Zeit, die sie braucht, um sich dem Unvermeidlichem zu stellen.
Er würde warten.
Warten, bis sie bereit war. Bis sie stark genug war und die Kraft dazu hatte, um sich von diesen unsichtbaren Fesseln zu befreien.
Dann würde er sich von seinen eigenen loslösen.
Um dann für sie da zu sein.
***

Am nächsten Morgen stand Chiaki mit seinem Kaffeebecher auf dem Balkon, blickte zur Stadt hinaus. Es war Sonntag. Er hatte heute mal einen freien Tag.
Und es schien, als würde dieser freie Tag mit schönem Wetter gesegnet sein.
Was Maron wohl heute macht?, fragte er sich, während er über den Horizont blickte.
Chiaki dachte an den gestrigen Abend zurück und wie sie emotional vor ihm zusammengebrochen war.
Einerseits fand er es gut, dass sie ihre Emotionen freien Lauf ließ. Sie sich so anzustauen, war schließlich auch nicht gesund. Andererseits wollte er so einen traurigen, herzzerreißenden Anblick von ihr nicht noch einmal erleben.
Schwer seufzte Chiaki, strich sich mit der freien Hand durch die Haare. Er hoffte inständig, dass es Maron heute besser ging.
Mit dem Gedanken holte er sein Handy heraus und beschloss sie dies zu fragen - es schadete schließlich nicht. „Morgen. Wie geht es dir?“
Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis eine Antwort von ihr kam. In der Zwischenzeit hatte Chiaki was gegessen, seinen Kaffee fertig getrunken und ein paar Nachrichten empfangen, die nicht von Maron kamen. Darunter auch Miyako’s tägliche Routine-Nachricht. Er hatte sie weggewischt, würde sie später eventuell anklicken, damit es als gelesen markiert war.  
„Besser“, hatte Maron geantwortet.
Ein paar Sekunden vergingen, als von ihr eine weitere Nachricht kam.
„Danke...für gestern.“
Seine Lippen formten sich zu einem Lächeln.
„Nichts worüber man sich bedanken muss“, antwortete er.
Ein verlegenes oder beschämtes Emoji kam von ihr.
„Wieso bist du so früh wach?“, schrieb Maron anschließend.  
Mit leicht gerunzelter Stirn sah er auf die Uhr und schmunzelte. „Es ist acht Uhr.“
„Das ist früh.“
„Ich bin seit sieben auf.“

Drei Emojis mit X-Augen waren ihre Antwort.
Sie war also Langschläferin, schlussfolgerte Chiaki amüsiert, lachte sogar leicht auf.
Er sah wieder aus dem Fenster. Die Sonne leuchtete am Morgen schon sehr hell und es waren kaum Wolken zu sehen. Wenn er sich an den Wetterbericht richtig erinnerte, würde heute ein wolkenfreier Tag mit schönen, sommerlichen Temperaturen sein.
Eine Idee kam ihm.
„Was machst du heute so?“
„Wahrscheinlich nichts Besonderes.“
„Lass uns rausgehen.“

Diesmal dauerte es einige lange Momente, bis Maron zurückschrieb.
„Was meinst du mit rausgehen?“
„Rausgehen. Nach draußen. An die frische Luft.“
Er fügte noch einen frechen Smiley hinzu, der die Zunge rausstreckte.
„Musst du nicht arbeiten?“
„Hab frei.“

Jetzt kam nicht sofort eine Antwort von ihr. Immer wieder tauchten die drei Punkte auf, die darauf hinwiesen, dass sie etwas schrieb. Chiaki konnte nicht einschätzen, ob Maron ihm gerade einen Roman schrieb oder immer wieder ihre Nachricht löschte und von neuen anfing.
Gerade, als er etwas schreiben wollte, kam etwas von ihr.
Sogar kürzer, als in irgendeiner Weise erwartet.
„Jetzt? Rausgehen?“ Man konnte ihre Unsicherheit in den beiden Wörtern förmlich fühlen.  
„Wieso nicht?“, antwortete er, „Man kann sich auch tagsüber mit Freunden treffen.“
Schnell fügte er zu dieser Nachricht noch hinzu: „Das Wetter ist viel zu schön, um daheim herumzulungern“, gefolgt von einem Sonnen-Emoji und dem Smiley mit der Sonnenbrille.
Wieder tauchten für eine Weile die drei Punkte auf.
Dann kam ihre Antwort und sein Lächeln wurde unbewusst breiter. „Okay.“
Daraufhin einigten sie sich auf eine Uhrzeit, ehe Chiaki zufrieden sein Handy weglegte und Duschen ging.

Zwei Stunden später ging Chiaki aus seiner Wohnung raus, hatte sich vorher in eine gemütliche, dunkles Jeans und in ein graues, kurzärmliges Hemd mit weißem T-Shirt untendrunter umgezogen.
Er fuhr mit dem Fahrstuhl nach unten und ging durch die Eingangshalle des Orléans. Als er aus dem Gebäude raustrat, bemerkte er direkt, wie jemand wartend neben dem Eingang stand.
„Hi“, begrüßte Maron ihn.
Sie trug ein lockeres Sommerkleid mit Blumenmuster, welches ihr über die Knie ging und passende, flache Ballerinas, sowie eine kleine Umhängetasche über der Schulter. Die Haare waren offen und auf ihrer Nase trug sie eine riesige Sonnenbrille, die ihr halbes Gesicht verdeckte. Ein wenig war Chiaki enttäuscht darüber, dass er ihre sanften, braunen Augen nicht sehen konnte.
„Hi“, erwiderte er ihr grinsend.
„Also“, setzte sie an, wandte ihren Blick nach oben zum Himmel und dann wieder zu ihm. „Wir sind draußen. Willst du irgendwo bestimmtest hin?“
Er zuckte mit den Schultern, die Hände in die Hosentaschen gesteckt. „Keine Ahnung. Lass uns einfach loslaufen und schauen wo wir landen.“
Mit einem angedeuteten Lächeln ging Maron ein paar Schritte los. Er fiel neben ihr her.
Nach einer kurzen Weile sagte sie plötzlich: „Du hattest recht.“
Chiaki sah Maron mit hochgezogener Augenbraue amüsiert an, während sie durch die Straßen der Stadt schlenderten. „Womit?“, fragte er.
„Das Wetter ist wirklich zu schön, um zu Hause herumzulungern“, antwortete sie, das Gesicht zur Sonne gerichtet. Ein seliges Lächeln war für einen Moment auf ihren Lippen. „Ich bin kein Sommermensch, aber die Sonne ließ mich schon immer besser fühlen“, fügte sie hinzu.
„Liegt an den Glückshormonen, die die Sonnenstrahlen produzieren“, sagte Chiaki, das Gesicht ebenfalls zur Sonne gewandt, mit einem zufriedenen Lächeln. „Ist auch gesund fürs Vitamin D.“
Anschließend blickte er wieder zu Maron. „Ich bin froh, dass es dir heute besser geht“, sagte er ihr sanft.
Sie sah ihn an. Er konnte ihre Augen zwar nicht sehen, spürte dennoch ihren durchdringenden Blick auf sich.
Ihre Lippen zuckten träge nach oben. „Ich auch“, brachte sie nur entgegen.  

Einige Zeit später kamen sie dem Stadtzentrum immer näher und es wurde immer voller und voller auf den Straßen. Überall waren Menschen, die in bester Sommerlaune waren.  
Die beiden liefen durch den Markt und durch die Einkaufsstraßen.
„Ziemlich viel los heute“, merkte Maron an.
„Es ist Sommer. Es ist Sonntag. Es ist ein guter Tag”, antwortete Chiaki in einem bequemen Ton. „Ich glaube, irgendwo soll auch ein Festival stattfinden.“
„Das würde einiges erklären“, entgegnete sie, deutete auf ein paar Kinder mit bunten Heißluftballons und Zuckerwatte.
„Wollen wir dorthin gehen?“, fragte er.
Kurz überlegte sie. „Später vielleicht.“
Sie liefen durch die Einkaufsstraßen und betraten ein paar Läden, schlenderten gemütlich umher. Irgendwann waren sie in der Ecke gelandet, wo die ganzen Restaurants sich befanden.
Maron drehte ihren Kopf zu Chiaki. „Wir könnten hier etwas essen. Ich bekomme etwas Hunger.“
„Klar.“
Nach kurzer Absprache steuerten die beiden auf ein Sushi-Restaurant zu und bestellten sich das All you can eat-Menu. Dazu gab es noch erfrischende, kühle Getränke.
Maron hatte ihre Sonnenbrille endlich abgenommen, die sie selbst in den Läden angelassen hatte, und steckte sie in ihre kleine Tasche. Mit leicht zusammengekniffenen Augen sah sie sich um und dann nach draußen aus dem Fenster. Mit einer Hand fächerte sie sich kurz Luft zu, obwohl es drinnen klimatisiert war.
Chiaki beobachtete sie dabei.
Die gebrochene Frau von gestern Abend war nicht mehr zu sehen – dafür saß sie mit diesem unnahbaren Ausdruck in den Augen und dieser starken, anmütigen Körperhaltung vor ihm. Dennoch konnte er die zerbrechliche Seite in ihr -hinter der Maske- immer noch erkennen. Konnte sie ganz klar vor sich sehen.
Maron war durchaus eine interessante, vielschichtige Person…und er würde gerne mehr über sie wissen.
„Ich weiß gar nicht, ob ich dich das schon mal gefragt habe...“, fing Chiaki an.
Maron wandte sich vom Fenster ab. „Was denn?“
„Was hat dich dazu gebracht Schriftstellerin zu werden?“
Sie lächelte verlegen und ihre Wangen bekamen etwas Farbe. „Da gibt es nichts Besonderes zu erzählen. Ich erfülle wahrscheinlich das Klischee“, sagte sie schulterzuckend. „War, seit ich lesen konnte, ein Bücherwurm. Wollte schon immer selbst Geschichten schreiben und habe für den Anfang oft an irgendwelchen Schreibwettbewerben teilgenommen.“
„Hört sich toll an. Insbesondere wenn man seinen Traumberuf wirklich erfüllt.“
Maron rollte mit den Augen, die Wangen immer noch mit einem schönen, verlegenen Schimmer geziert und kicherte leise auf. „Weißt du, was witzig ist?“
Nachdem er mit dem Kopf schüttelte, sprach sie weiter: „Manchmal schreibe ich einfach los...und dann vergesse ich komplett, dass andere Menschen das Zeug auch lesen müssen. Dann kommen mir Gedanken wie ‚Das kannst du unmöglich so veröffentlichen! Du schreibst hier ein Jugendbuch! Ändere das um!‘. Du willst meine unbearbeiteten Erstentwürfe gar nicht sehen.“ Sie lachte in sich hinein.
Er grinste. „Jetzt hast du meine Neugier geweckt und ich will deine unbearbeiteten Erstentwürfe sehen.“
Sie schüttelte bestimmt den Kopf. „Nein. Die werden das Licht der Welt nie erblicken.“
„Selbst wenn ich ganz nett frage?“
„Selbst dann nicht“, neckte sie.  
„Sind die Entwürfe nicht jugendfrei, oder was? Wenn dem so wäre, wäre mein Interesse jetzt noch mehr erregt.“ Grinsend zwinkerte er mit dem Auge.
Kichernd rollte Maron kopfschüttelnd ihre Augen.
„Kann ich dir dann als Gegenfrage stellen, was dich dazu brachte Arzt zu werden?“
„Hmm.“ Chiaki strich eine Hand über die Haare. Sein Mund öffnete und schloss sich kurz. „Die kurze Version: der Ärzteberuf liegt im Blut. Mein Vater ist Direktor des Nagoya-Krankenhauses hier.“
Ihre Augenbrauen gingen anerkennend hoch. „Oh! Kenne ich. Wie toll.“
Er zuckte mit den Schultern.
„Und die lange Version?“, fragte Maron mit Neugier in der Stimme nach.
Daraufhin stieß Chiaki einen langen Seufzer aus, schaute für einen Moment raus. „Als ich fünf war, erkrankte meine Mutter.“
Sofort zog sein Gegenüber scharf Luft ein.
„Und...die Ärzte konnten nichts mehr machen“, fuhr er tonlos fort.
Maron hatte eine Hand vor der Brust, sah ihn voller Bedauern an. „Oh, Chiaki. Das tut mir so leid.“
„Seitdem habe ich es mir als Ziel gesetzt, dass ich Menschen helfen und Leben retten will. Damit andere Kinder nicht dasselbe, wie ich, erleben müssen.“
Überrascht zuckte Chiaki zusammen, als eine zierliche Hand sich auf seiner Hand auf dem Tisch legte, sie kurz tätschelte. Wie immer war dieses elektrisierende Kribbeln zu verspüren, wenn sie sich berührten. Aber er ließ sich nichts anmerken.
„Das ist wundervoll“, sagte Maron warm lächelnd. „Ich finde sowas sehr respektabel. Die Medizin entwickelt sich weiter und verändert Leben. Was ich auf den Markt bringen will, wird Niemandes Leben verändern.“
„Würde ich nicht sagen“, brachte er direkt entgegen. „Bücher und Geschichten inspirieren. Manche können auch Leben verändern oder sogar retten. Sieh dir Harry Potter an. Eine der Filmschauspielerinnen konnte sich von ihrer Essstörung ablenken, dank den Büchern. Die haben Millionen von Menschen begeistert und jedes zweite elfjährige Kind hatte bestimmt auf einen Brief aus Hogwarts gewartet.“
„Wolltest du auch ein Zauberer sein?“, fragte sie leicht schmunzelnd.
Prustend verneinte er kopfschüttelnd. „Bevor ich Arzt werden wollte, wollte ich wie Sindbad ein Seefahrer sein.“
„Sindbad der Seefahrer? Aus 1001 Nacht?“, amüsiert zog sich eine Augenbraue von ihr hoch.
Er nickte bestätigend, grinste verlegen. „Gehörte zu eine meiner Lieblingsmärchen, als ich klein war.“
Herzlich lachte Maron auf, hielt sich eine Hand vor dem Mund. „Ich versuche mich dich gerade als Seefahrer vorzustellen.“
„So unvorstellbar?“ Chiaki machte ein gespielt eingeschnapptes Gesicht.  
Sie lachte einfach weiter. Es dauerte nicht lange, dass er sich ihren Lachen anschloss.
Es tat gut über belanglose Themen zu reden. Diese brachten Maron ab und an zum Lachen, was ihn auch automatisch zum Lächeln brachte und ein warmes Gefühl in seiner Brust ausbreitete. Chiaki hatte zumindest das Gefühl, als könnte er seine Sorgen in diesen bestimmten Momenten komplett vergessen.
Nur ab und an, wenn er auf seinen und ihren Ringfinger blickte, erinnerte er sich daran, dass ihre gemeinsamen Sorgen und Probleme nicht weg waren. Noch immer auf ihnen lasteten.
***

Die Zeit verging, ohne dass Maron es mitbekam. Irgendwie hatte Chiaki’s Anwesenheit das so an sich.  
Sie sprachen über Gott und die Welt. Über alles möglichen, beliebigen Themen. Was auch immer gerade willkürlich in den Sinn kam.
Sie redeten über ihre Kindheit, ihre Jugend, tauschten sich die peinlichsten Schulerlebnisse und Jugendsünden aus, und sprachen über ihre Werte, Träume und Wünsche.
Maron schätzte jedes Wort, dass aus seinem Mund kam. Sie hatte das Gefühl, dass er genauso empfand.
Es war eine Weile her, dass sie so frei und offen mit jemand geredet hatte.
Es war eine lange Weile her, seit sie das Gefühl hatte, dass man ihr wirklich zuhörte. Und dass man sie verstand.
Maron kannte Chiaki nur ein paar Wochen, aber es kam ihr vor als wären sie schon seit Jahren miteinander befreundet. Er war ihr in der kurzen Zeit ein wahrer Freund geworden.

Nach knapp zwei Stunden verließen sie das Restaurant.
Sie steuerten auf den Park zu, der direkt zum Strand führte und wo das Fest, welches Chiaki erwähnt hatte, stattfand.
Der sonst so grüne, ruhige Park war bunt wie ein Regenbogen und der Lärmpegel hatte sich ums fünffache erhöht. Spielständen, Spielautomaten, und diverse Attraktionen sowie eine Bühne mit Live-Musik war im gesamten Park verteilt.
„Das weckt Erinnerungen“, sagte Maron, eher zu sich selbst als jemand bestimmtes.
„Was weckt Erinnerungen?“, fragte Chiaki neben ihr nach.
„Das hier.“ Mit einem nostalgischen Blick machte sie eine ausschweifende Armbewegung. „Mein Vater ist Architekt. Er entwarf Freizeitparks, die Yamato’s Familie dann gemanagt haben. Es gab kein Wochenende, in der ich nicht sowas gefahren bin“, sagte sie, deutete auf eine Achterbahn.
„Dadurch kanntet ihr euch also?“
„Ja.“ Ein kurzer Schmerz war wieder in ihrer Brust zu verspüren, bei der Erinnerung an ihren Ehemann, den sie sich mit einem aufgesetzten Lächeln allerdings nicht anmerken ließ.
„Nach denen war ich auch süchtig.“ Maron zeigte auf eine Reihe an Greifautomaten, näherte sich ihnen.
„Ohje. Diese Dinger sind aber auch dazu gemacht, um Profit einzuschlagen. Deine Verluste sind jemand anderes Gewinn“, merkte Chiaki an. „Wie viel Geld hast du an denen denn verloren?“
„Nicht viel! Ich hatte meine Gewinne fast immer, bevor meine Eltern mich jedoch immer zu früh weggezerrt hatten, aus Angst, ich würde im zarten Grundschulalter eine Spielsucht entwickeln.“
Er lachte. „Ich bezweifle, dass du einem Gewinn wirklich nah warst.“
„Doch, wirklich!“ Sie stemmte ihre Hände an die Hüfte, sah ihn herausfordernd an. „Gib mir fünf versuche. Fünf!” Damit steuerte Maron auf einen freien Automaten zu und begann zu spielen.
Aus den fünf Versuchen wurden schnell fünfzehn und Chiaki konnte sich das belustigte Grinsen nicht verkneifen.
„Gottverdammt, ich habe das Ding fast“, meckerte Maron gereizt, als das Kuscheltier wieder aus dem Griff des Krans rutschte.
„Soll ich mal probieren?“, fragte er.
Nur zu, gab sie ihm mit einer einladenden Geste zu verstehen und trat zur Seite.
Chiaki warf eine Münze ein und begann den Kran ein paar Zentimeter zu richten. Sekunden später ging das Ding runter und schnappte sich das Kuscheltier, das Maron eben verloren hatte und warf es in die Ausgabe rein.
Mit einem Grinsen holte Chiaki es raus, worauf Maron mit den Augen rollte. „Ohne meine Vorarbeit wäre das nie passiert“, sagte sie.
Glucksend hielt er ihr das plüschige Ding entgegen. „Hier. Der gehört ja eigentlich dir.“
Sie lehnte mit hervorgehaltener Hand ab. „Nein, du hast ihn gewonnen.“
Chiaki sah aus, als wollte er was erwidern, als das Quengeln eines kleinen Mädchens die Aufmerksamkeit der beiden weckte.
„Ich will es haben!“
„Nein, wir müssen jetzt leider gehen, Süße“, kam es von der Mutter.
Im nächsten Moment kniete Chiaki sich zu dem kleinen Mädchen hin und gab ihr sein gewonnenes Kuscheltier. „Hier. Du kannst meins haben“, sagte er mit einem Lächeln, was Maron ein warmes Gefühl in der Brust bereitete.
Das Mädchen hörte auf zu weinen und strahlte erfreut auf, bedankte sich vielmals bei ihm.
Kurz sahen beiden der Kleinen hinterher.
„Das war sehr lieb von dir“, sagte Maron schließlich.
Chiaki fuhr sich über den Hinterkopf. „Sie erinnerte mich an meine Nichte.“
„Oh, du hast Geschwister?“
„Nein“, lachte er auf, „Aber Kagura ist wie ein Bruder für mich und ich bin für seine Tochter der coole Onkel Chiki. Yuki freut sich immer, wenn ich zum Babysitten komme.“
„Das ist süß. Wie alt ist sie?“
„Fünf.“
Verzückt lächelte sie. „Ich kann mir gut vorstellen, dass sie von ihrem Onkel Chiki sehr verwöhnt wird. Ihr wird garantiert kein Wunsch abgeschlagen.“
Als Antwort warf er lachend den Kopf zurück. „Sie ist der Boss im Haus. Was die Kleine sagt, ist Gesetz.“
Belustigt kicherte Maron, stimmte in sein Lachen mit ein.

Sie spazierten durch den Park, liefen durch das Fest und näherten sich dem Strand.
„Was ist das?“, fragte Maron mit einem amüsierten Ausdruck.
Chiaki blickte mit demselben Gesichtsausdruck auf das Geschehen vor sich.
Eine große Menschenmenge hatte sich vor ihnen angesammelt und spritzten sich mit Spaß und Freude einander mit Wasser an. Sei es aus Eimern, großen Schüsseln, Schläuchen oder riesigen Wasserpistolen kommend.
Gerade als Chiaki und Maron es irgendwie in Erwägung ziehen konnten umzukehren und einen anderen Weg zu gehen, wurden sie schon zur Zielscheibe einer Gruppe Kinder. Und dann schlossen sich ein paar andere Leute an.
Lachend versuchten die beiden sich in Deckung zu halten, hielten schützend ihre Arme vor den Gesichtern. Doch das hielt ihre -mit noch mehr Wasser- bewaffneten Angreifer nicht auf.
An irgendeinem Punkt schnappte Chiaki sich zwei große Schüsseln von jemanden und hielt sie Maron schützend an beiden Seiten ihres Kopfes.
Sie war ihm zugewandt, stand sehr nahe bei ihm, um Schutz zu finden.
Mit beiden Händen fuhr Maron sich über das nasse Gesicht, während sie heiter lachte.
Es war das erste Mal, dass Chiaki sie so herzlich lachen sah. So ausgelassen und frei. Ohne den traurigen Schleier.
Für den Moment war er fasziniert von dieser strahlenden Freude -diesem Leuchten- in ihren Augen. Sie sah noch schöner aus, als sie schon war.
Atemberaubend schön.
Und in den Moment konnte Chiaki förmlich spüren, wie ihm der Atem stockte und das Herz aufklopfte.
***

„Das war spaßig.“ Maron wrang sich die langen Haare.  
„Und nass“, fügte Chiaki hinzu, sah auf sich herunter. Seine ganzen Klamotten klebten an ihm und das weiße T-Shirt unter dem Hemd schien durch.
Er merkte, wie Maron ihm einen Blick zuwarf und etwas Rot um die Nase wurde.
Beide hatten die Wasserschlacht überwunden und spazierten am Strand entlang. Die Sonne ging neben ihnen langsam unter.
„Ich habe seit langem nicht mehr so viel gelacht wie heute“, sagte Maron, worauf Chiaki ihr einen langen Seitenblick zuwarf. „Danke für den Tag“, lächelte sie ihn an.
„Ich habe doch gar nichts gemacht“, erwiderte er ebenfalls lächelnd.
„Du hast mich dazu überredet rauszugehen.“
„Das-“
Ein Handyklingeln schnitt ihn ab.
„Entschuldige.“ Maron nahm ihr Handy aus ihrer kleinen Tasche und blickte auf das Display. Sofort erstarb ihr Lächeln und ihr Gesicht verdunkelte sich.
Ohne das Chiaki fragen musste, wusste er sofort, wer anrief.
Sie räusperte sich und nahm ab: „Yamato.“
Ein paar wenige Sätze wurden ausgetauscht, bei der Chiaki von Maron nur „Hmm“, „Ja“ und ein „Gut“ mitbekam.
„Bis morgen“, sagte sie kleinlaut, biss sich auf die Lippe. „Yamato, ich-“, begann Maron zu sagen, doch am anderen Ende wurde wohl schon aufgelegt, bevor sie zu Ende reden konnte.
Damit war jegliches Leuchten aus ihrem Gesicht gewichen und der Schleier hatte sich wieder breit gemacht.
Chiaki presste sich die Lippen zusammen, verzog finster sein Gesicht. Verflucht sei dieser Kerl, der ihr dieses schöne Lächeln wegnahm.

Der restliche Weg nach Hause wurde von ohrenbetäubendem Schweigen dominiert.
Ihre Schritte waren langsam. Als würden sie versuchen, die Zeit noch etwas hinauszögern zu können.
Chiaki fuhr sich bitterseufzend eine Hand durch die nasse Haare, als sie schließlich im siebten Stock des Orléans waren.
„Es ist schon spät“, sagte er.
„Ja“, kam es von Maron monoton zurück.
„Nächste Woche sind sie wieder da.“
„Ja.“
Plötzlich blieb Maron stehen. Ihre feuchte Haut schimmerte im Licht des Gebäudes.
„Ich habe Angst“, gestand sie ihm. „Ich habe Angst...und...normalerweise wäre Yamato die Person gewesen, zu dem ich mich wandte, wenn ich Angst hatte.“ Sie schluckte schmerzlich. „Und jetzt...wo ich ihn am meisten brauche...wo ist er?“, wisperte sie kaum hörbar zu sich selbst.
Maron schlang ihre Arme um ihren Körper, zitterte leicht. Vor der nassen Kälte oder vor dem anstehenden Tag – Chiaki konnte das nicht einschätzen. Womöglich beides.
Chiaki hätte ihr längst eine Jacke gegeben, wenn er eine gehabt hätte.
Oder sie in die Arme genommen...
Du hast mich, wollte er ihr sagen, brachte die Worte jedoch nicht über die Lippen.
„Wenn irgendwas ist...“, fing er stattdessen an. „Gib Bescheid.“  
Unbewusst reichte er nach ihrer Hand, nahm sanft ihre Finger. Das warme, süchtig machende Kribbeln war bei der Berührung wieder zu spüren.
Maron sah zu ihm auf. Sie nickte.
„Ich gebe dir Bescheid, wenn mir was Verdächtiges auffällt.“
Das hatte er nicht gemeint.
Doch Chiaki brachte es nicht zustande ihr das zu sagen.
Maron sah auf ihre Hände herab. Er folgte ihren Blick, sah auf ihre Eheringe.
Sachte schüttelte Maron seine Hand ab.
Er ließ es schweigend geschehen, vermisste direkt das warme Gefühl dieses Kribbelns.
Sie ging zu ihrer Tür und wandte sich ihm zu.
„Danke für heute“, sagte Maron mit sanfter Stimme. „Danke für die letzten zwei Wochen...um genauer zu sein.“
Ein Lächeln bildete sich auf ihren Lippen. Ein ehrliches, schönes, reizendes Lächeln. Ein Lächeln, was sein Atem zum Stocken brachte.
„Gute Nacht, Chiaki.“
Mit den Worten schloss Maron auf und verschwand in ihrer Wohnung.  
Chiaki sah ihr noch für einige Momente nach.
Sein Herz klopfte. So stark und so laut - auf einer Weise, wie er es noch nie verspürt hatte.
Fuck, fluchte Chiaki in Gedanken.
Er ging zu seiner Wohnung, trat mit einem schweren Seufzen ein und steuerte auf die Küche zu. Er bräuchte einen Drink.
Und eine Dusche.
Achtlos legte Chiaki sein Handy auf dem Esstisch ab und zog sich auf dem Weg ins Bad die nassen Sachen aus.
Ihm fiel auf, dass er Miyako’s Nachricht von heute Morgen den ganzen Tag vollkommen ignoriert und vergessen hatte.
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