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Affairs & Betrayals

von mairio
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / Het
Chiaki Nagoya Marron Kusakabe Miyako Toudaiji Yamato Minazuki
28.05.2021
08.07.2022
20
77.143
5
Alle Kapitel
21 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
25.06.2021 3.513
 
FIVE

„Also...“, begann Maron langsam, spielte nachdenklich mit ihrem Ehering an ihrem Finger.
Es waren ein paar Tage vergangen seit ihrem Geburtstag, und seitdem sie und Chiaki sich das letzte Mal gesehen haben. Sie hatten wieder in der Gaststätte etwas zusammen gegessen und waren in der Stadt spazieren gegangen. Sie waren weit gelaufen, hatten nicht viel auf dem Weg gesprochen. Inzwischen liefen sie durch einen großen Park.
„Wie haben du und Miyako euch kennengelernt?“ Sie suchte seinen Blick.
Chiaki drehte seinen Kopf zu ihr, hatte beide Hände in seiner Jackentasche und hob eine Augenbraue. „Willst du es wirklich wissen?“
„Ja.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Vielleicht hilft es darüber zu reden.“ Maron wusste nicht, ob es half, aber sie war neugierig und wollte es wissen.
Er nahm einen langen Atemzug, strich sich durch die Haare.
„Wir lernten uns vor fünf Jahren durch gemeinsame Freunde kennen. Sie war von Hokkaido hierher nach Tokyo gezogen. Ich war mitten in meinem Medizinstudium und sie machte ihre Flugbegleiterausbildung.“ Er blickte in die Ferne, war offensichtlich in Erinnerungen versunken. „Es dauerte nicht lange, bis wir unser erstes Date hatten. Nach zwei Jahren war ich mit dem Studium fertig und wir haben geheiratet... Der Rest ist Geschichte“, schloss Chiaki mit einer abschweifenden Handbewegung ab.
„Hmm. Und davor?“, hakte sie nach.
Er legte fragend den Kopf schief. „Davor?“
Maron biss sich auf die Lippe. „Du hattest letztens von einer früheren Scheidung geredet...“
„Ah. Sie hieß Yashiro. Wir kannten uns aus Schulzeiten. Heirateten nach dem Abschluss“, fasste er schlicht zusammen. „Ähnlich wie bei dir und Yamato.“
Sie nickte verstehend.
„Keine zwei Jahre später habe ich sie beim Fremdgehen erwischt“, war von ihm bitter zu hören.  
Ihr entwich der Atem. „Es muss furchtbar sein, zweimal so einen massiven Vertrauensbruch zu durchleben.“
„Wohl eher erbärmlich“, schnaubte Chiaki und stieß anschließend einen langen Seufzer aus. „Man glaubt man hätte eine glückliche, liebevolle Ehe. Aber wenn man im Nachhinein immer zurückblickt, hätte man die Anzeichen sehen können, dass das Glück und die Liebe seit langem irgendwo verflogen ist.“
Dies brachte Maron zum Nachdenken. Sie dachte an die letzten Jahre zurück.
„Ich denke...“, setzte sie zögernd an. „Bei uns fing es vor ein paar Jahren an, dass unsere Beziehung auseinander ging. Wahrscheinlich ab dem Zeitpunkt, in der es um Kinder ging. Wir wollten welche, doch...“ Sie zögerte, presste sich die Lippen zusammen. „Doch nach einiger Zeit gab er auf und fing an das Thema wie die Pest zu vermeiden. Es kümmerte ihn nicht mehr, wie groß mein Wunsch nach Kindern war. Er wollte auch welche, hatte mir das immer gesagt, aber…ich weiß nicht. Vielleicht ist der richtige Zeitpunkt auch noch nicht gekommen.“ Kurz hielt sie inne, dachte nach. „Seitdem hörten wir irgendwie auf ordentlich miteinander zu kommunizieren. Alles andere blieb langsam auch auf der Strecke...und wir wurden zu zwei Menschen, die sich eine Wohnung teilten, schätze ich.“
„Habt ihr euch darüber öfter gestritten?“
„Nein“, schüttelte sie den Kopf. „Wir stritten nicht darüber“, stellte Maron klar. „Wir stritten uns nie.“ Sie mochte Streit und Konflikte nicht, vermied sie immer.
„Miyako und ich schon“, kam es von Chiaki seufzend. „In den letzten drei Monaten sogar ganz häufig. Sie fing regelmäßig an sich über alles zu beschweren und meckerte mich für jeden Scheiß an. Alles, was ich machte oder sagte war irgendwie in ihren Augen falsch. Was mich dann nervte, wenn ich nach einem langen Tag einfach nur entspannen und meine Ruhe wollte.“
„Hört sich an, als provozierte sie Streits“, merkte Maron an. „Als legte sie es darauf an.“
„So habe ich das noch gar nicht betrachtet.“ Chiaki neigte grübelnd seinen Kopf. „Die einzige Zeit, in der wir uns in den letzten drei Monaten nicht gestritten haben, war meist kurz bevor sie abreiste und wenn sie wiederkam.“
Maron erwiderte darauf nichts. Auch er fügte nichts mehr hinzu.

Für einige Zeit liefen die beiden weiter durch den Park, als Maron schließlich vor einem Tempel stehen blieb und schwer seufzte. Neugierig sah Chiaki zu ihr hin.
In den paar Malen, in der er mit dieser jungen Frau Zeit verbrachte, hatte er erkannt, dass sie immer sehr viel auf dem Herzen hatte.
Immer in Gedanken versunken war. Immer durch diese traurigen Augen blickend.
Ihr Kummer hing wie ein dicker, schwarzer Schleier über ihr.
„Wer hätte gedacht, dass verheiratet sein so kompliziert sei...“, sagte Maron mit schwerer Stimme, den Kopf resigniert zu Boden gesenkt. „Als Single ist man nur für sich selbst verantwortlich. Aber sobald du verheiratet bist...verlernst du allein zu sein.“ Wieder seufzte sie. „Und wenn man dann allein ist, weiß man nie, ob der Ehepartner je wieder wirklich zu einem zurückkommt. Oder ob man ihn für immer verloren hat.“
Chiaki nahm sich einen Moment, um zu antworten. Überlegte sich seine Worte gut.
„Denk nicht so viel darüber nach. Vielleicht hast du ihn nicht endgültig verloren. Vielleicht kommt er zu dir zurück“, sprach er ohne Regung in der Stimme.
Maron biss sich auf die Lippe, den Blick immer noch gesenkt. Ihrem Ausdruck zufolge glaubte sie genauso wenig daran wie er.
„Was ist mit dir?“, fragte sie leise.
Sie wollte immer wissen, was er dachte. Chiaki hatte keine Schwierigkeiten jede ihrer Fragen zu beantworten. Tatsache war, dass es einfach war mit ihr zu reden.
Einfacher als mit seinem besten Freund, den er vergleichsweise schon seit Jahren kannte.
„Wir sitzen im selben Boot“, sagte er mit einem langsamen Achselzucken. „Mir nützt es nichts darüber den Kopf zu zerbrechen, was für Fehler ich gemacht habe. Das Leben ist zu kurz dafür. Ich weiß, dass ich keine Schuld trage.“
„Aber-“
„Wenn irgendwas an uns sie zu dieser Entscheidung getrieben hat, dann hätten sie es wie anständige Erwachsene kommunizieren sollen. Stattdessen-“ Er brach abrupt ab, atmete tief durch die Nase ein, wollte Ruhe bewahren.
Fest sah er ihr in die Augen. „Die Schuld liegt allein bei ihnen.“
Ihrem Gesichtsausdruck zu urteilen, wusste sie, dass er recht hatte. Aber dennoch sah Chiaki die Zweifel in Maron’s Augen. Etwas schimmerte in ihnen.
Oft sah er, wie sie immer den Tränen nahe war...sich vor ihm jedoch zurückhielt. Manchmal wünschte er sich, sie würde ihren Gefühlen freien Lauf lassen.
Er seufzte leicht frustriert.
Sie sollten sich vielleicht angewöhnen über andere Themen zu reden. Damit sie auf andere Gedanken kommen können.
„Also...“, räusperte Chiaki sich, als es für eine Weile wieder ruhig zwischen ihnen war. „Wie kommst du mit deinem Buch voran?“, fragte er mit ehrlichem Interesse.
Maron schürzte ihre Lippen. „Ich habe ein paar Änderungen übernommen, die mein Redakteur von mir wollte, aber ich bin noch nicht zufrieden.“
„Wieso?“
Als Antwort kam ein Schulterzucken.
„Was hat dein Redakteur bemängelt?“
„Es...ist schwer zu erklären.“
„Okay?“
Maron biss sich auf die Lippe. „Wärst du vielleicht interessiert mein Manuskript zu lesen?“, fragte sie plötzlich.
Chiaki blinzelte sie etwas überrascht an. „Wirklich?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Ich könnte eine zweite Meinung gebrauchen. Vielleicht kannst du mir auch weiterhelfen.“
Er lächelte, war sichtlich erfreut darüber. „Gerne.“
Auch wenn es dunkel war, so konnte Chiaki sehen, dass Maron für einen Moment etwas rot wurde und nickte. „Ich stecke es dir morgen in den Briefkasten.“

Nach einiger Zeit beschlossen beide mit dem Taxi nach Hause zu fahren, da sie einen zu weiten Weg zu Fuß zurückgelegt haben.
Die Fahrt verbrachten beide schweigend auf der Rückbank. Nur die Musik vom Taxifahrer war zu hören.
Chiaki blickte unauffällig zur Seite, sah, wie Maron gedankenverloren aus dem Fenster sah.
Ob sie an ihn dachte? An Yamato?
Für eine Weile betrachtete er ihr schönes Seitenprofil, ehe sein Blick langsam auf ihre Hand fiel. Auf ihren Ehering.
Wie sie ihn mit den Fingern ihrer anderen Hand umfasste, als wäre er ihr Rettungsanker.
Unbewusst begann Chiaki seinen eigenen Ehering zu berühren. Seine Gedanken schweiften zu Miyako und er schluckte sich dieses aufkommende, bittere Gefühl herunter.
Innerlich fluchend wandte er sich dem Fenster zu, wollte gar nicht an seine Frau denken. An all den Erinnerungen mit ihr. Es machte ihn nur traurig und wütend zugleich.
Weshalb er sich versuchte auf die Straßen, auf die Gebäuden zu konzentrieren.
Zwei Kreuzungen vor ihrem gemeinsamen Wohnblock durchbrach Maron auf einmal die Stille zwischen ihnen. „Ich sollte zuerst aussteigen.“
Verwundert drehte Chiaki seinen Kopf zu ihr um.
„Es wäre komisch, wenn die Nachbarn uns regelmäßig zusammen sehen“, erklärte sie in einem sachlichen Ton.
„Nein“, brachte er direkt entgegen. „Ich steige aus. Fahr ruhig weiter.“ Er wollte -konnte- sie auf keinen Fall allein in der Nacht, auf den Straßen nach Hause laufen lassen.
Maron senkte ihren Blick, nickte dankend.
Keinen Moment später hielt der Taxifahrer kurz an, um Chiaki rauszulassen. Sofort kam ihm eine kalte Nachtbrise entgegen, als er aus dem warmen Wagen ausstieg. Er schüttelte sich etwas und steckte seine Hände in die Jackentasche.
Eine Weile sah Chiaki dem wegfahrenden Taxi noch hinterher, ehe er letztlich nach Hause lief.
***

„Hey, Süße. Gott, die Woche war wieder anstrengt. Bin ich froh, dass endlich Wochenende ist.“
Maron erwiderte Natsuki’s Umarmung mit einem Lächeln. „Hey, Natsu.“
„Wie geht es dir?“, fragte ihre beste Freundin, als sie sich lösten. Natsuki sah sie von oben bis unten an, teilweise mit Sorge in den Augen.
„Gut“, antwortete Maron schlichtweg.
Es war wieder Samstag und die beiden hatten ihr wöchentliches Treffen zum Mittagessen. Seit dem letzten Mal hatten sie sich nicht mehr gesehen oder voneinander gehört.
„Gut?“ Natsuki zog skeptisch eine Augenbraue hoch, als sie sich am Tisch hinsetzten.
„Ja. Gut.“
„Okay... Hast du was von Yamato gehört?“
„Hmm-Mmh.“ Maron nickte, blätterte nebenbei im Menü. „Er ruft mich nach wie vor täglich an. Als wäre nichts.“
„Unglaublich“, murmelte Natsuki missbilligend. „Und du hast ihn noch nicht zur Rede gestellt?“
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Denkst du wirklich, sowas kann man am Telefon klären?“
„...Stimmt auch wieder. Dann lieber persönlich.“
Unsicher biss Maron sich auf die Lippe. „Ich weiß nicht, ob ich schon bereit wäre, wenn er wieder da ist...“
Etwas verständnislos blickte Natsuki sie an. „Wieso nicht? Er geht dir doch offensichtlich fremd, oder?“
Diese Worte waren immer noch wie Messerstiche in ihrem Herzen.
Sie dachte an Yamato, an all die schönen Erinnerungen mit ihm. An all die Jahre, in denen sie einander kannten…und liebten.
„Es...ist nicht einfach...okay? Ich...ich...ich kann noch nicht…“, brachte Maron angestrengt heraus, sah zu Natsuki auf. Etwas in ihren Augen muss ihrer Freundin zu verstehen gegeben haben, wie schwierig dieses Thema nach wie vor für sie war, weshalb Natsuki verstehend nickte.
„Sorry. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie du dich fühlst“, sagte sie sanft.
„Nein...kannst du nicht“, entgegnete Maron leise. Das kann wohl nur ein Einziger, ging es ihr still durch den Kopf.
„Außerdem brauchen wir handfestere Beweise...“
Natsuki zog eine Augenbraue hoch. „Wir?“
Maron biss sich auf die Unterlippe, mied ihren Blick.
„Oh! Hast du mit deinem Nachbar geredet?“, hakte sie nach.  
Ein kurzes, zögerndes Zögern. „Ja...“, zog Maron etwas in die Länge, „Habe ich.“
„Ohh.“ Natsuki’s Augenbrauen gingen hoch und sie beugte sich zu ihr neugierig nach vorne. „Und? Wie hatte er reagiert?“
„Er...kam letzte Woche auf mich zu. Und hat es angesprochen“, offenbarte sie.
„Wie?? Wusste er etwa von der Affäre?“
„Nein, nicht ganz. Er hatte eine Vermutung gehabt.“ Damit begann Maron Natsuki im Detail zu erzählen, wie ihr erstes Gespräch mit Chiaki verlief. Sowie auch von ihren anderen Treffen und Gesprächen der letzten Abende.
„Wow“, brachte Natsuki nur hervor, als sie zu Ende erzählt hat. „Also...verstehe ich es richtig, dass er seine Frau auch nicht konfrontieren wird?“
„Soweit ich weiß... hat Chiaki nichts davon gesagt, dass er das vorhat“, gab Maron zu, wusste nicht, wie sie die Frage weiter beantworten soll. „Er redet eher davon Beweise zu sammeln, um dann zum Anwalt zu gehen.“
„Oha. Krass. Aber-“
Natsuki’s nächste Frage wurde von Maron’s Handy abgeschnitten, welches klingelte.
„Sorry. Einen Moment.“ Sie nahm ihre Tasche, wühlte herum, suchte nach dem Gerät und holte es hastig heraus. Überrascht krauste Maron ihre Stirn, als sie den Namen auf dem Bildschirm las.
„Hallo?“, nahm sie ab.
„Hey“, kam es von Chiaki zurück. „Störe ich?“ Man konnte das Lächeln in seiner Stimme förmlich hören.
„Ehm...N-Nein, ist schon okay“, stotterte sie, sah flüchtig zu Natsuki auf, die sie neugierig beobachtete.
„Okay“, lachte er ein Lachen, welches ihr ein warmes Gefühl für einen Moment in die Brust brachte. „Ich sollte auflegen. Die Arbeit ruft. Wir sehen uns später, ja?“
„Oh, eh, ja. Natürlich.“ Maron blinzelte verwirrt, war ein wenig perplex. „Bis später.“
Damit war die Verbindung beendet. Für einige Sekunden sah Maron noch auf ihr Handy und packte es anschließend kopfschüttelnd weg.
„Das war eben Chiaki“, teilte sie Natsuki mit.
„Habe ich mir schon gedacht.“
Maron sah zu ihr auf. Natsuki hatte ihr Kinn auf beiden Händen, starrte sie mit einem Blick an, den sie nicht deuten konnte.
„Was?“, fragte sie irritiert.
„Es ist nichts“, winkte Natsuki ab, „Ich finde es interessant, dass ihr euch jeden Abend trefft.“  
„Wir treffen uns nicht jeden Abend.“
„Jeden zweiten, dritten Abend? Auf jeden Fall regelmäßig.“
„Und nun? Was willst du damit sagen?“
„Nichts.“ Natsuki sah sie mit einem sanften Blick an. „Er scheint nach einem guten Kerl zu klingen, der es auch nicht verdient hat, betrogen zu werden.“
Verdient hatte er es wirklich nicht, stimmte Maron ihr in Gedanken zu.
Natsuki nahm Maron’s Hand. „Ich bin ehrlich gesagt nur froh, dass du das nicht allein durchstehst. Das hättest du sowieso nicht, ich wäre bei dir gewesen, aber-… du weißt schon.“
„Ja...ich weiß.“ Maron seufzte schwer und lächelte schwach. „Darüber bin ich auch froh.“  
***

Überrascht blickte Chiaki auf Maron herab, als er am Abend seine Wohnungstür aufmachte und sie vor sich stehen sah.
„Ich habe gekocht“, sagte sie, hielt mit beiden Händen einen Korb leicht hoch, wo Behälter und Töpfe mit Tüchern verdeckt waren. „Ich dachte mir, dass es unnötig wäre dauernd auszugehen und Geld auszugeben.“
Er schmunzelte. „Wäre zumindest die wirtschaftlichere Lösung.“
Maron lachte verhalten.
Es tat gut, sie mal Lachen zu sehen, stellte Chiaki fest. Es war ein schöner Klang.
„Komm rein“, gewährte er ihr Einlass. „Ich nehme ihn dir ab“, fügte er direkt hinzu und nahm den schweren Korb, ging damit zur Küche.
„Kann ich dir was zu Trinken anbieten?“, fragte er, stellte den Korb auf der Arbeitsplatte ab.
„Ehm...Gerne. Einen Tee vielleicht“, rief sie vom Flur nach kurzer Überlegung zurück.
Chiaki krempelte seine Ärmel etwas hoch. „Okay. Einen Tee. Kommt sofort“, sagte er mit einem Grinsen und ging zum Wasserkocher.
Er nahm sich die Kanne und füllte sie mit Wasser, schaltete daraufhin den Wasserkocher an.
„Es ist schön eingerichtet hier.“ Maron kam in die Küche.
„Danke“, entgegnete er, „Miyako hat sich größtenteils um die Einrichtung gekümmert. Ich war meist dazu da, um die Möbel nach ihren Vorstellungen zu verrücken.“
„Ah…“ Ihr Lächeln löste sich etwas, während Chiaki geistesabwesend auf die farbigen Wände blickte.
Er sah Miyako lachend vor sich, wie sie ihn mit einem in Farbe getrunkenen Pinsel ärgerte, sowie ihren witzigen Gesichtsausdruck, als er sie mit Farbe bespritzte.
Abrupt riss Chiaki seinen Blick von der Wand los und drehte sich um. Er schenkte Maron ihren Tee ein und reichte ihr die Tasse, den sie annahm.
„Wir sollten was essen. Was hast du überhaupt gekocht?“, sagte er mit einem Lächeln.
Sie erwiderte das Lächeln leicht. „Sieh selbst.“

In wenigen Minuten hatten beide den Tisch zusammen gedeckt und saßen sich anschließend gegenüber.
„Warum hast du mich heute Mittag eigentlich angerufen?“, fragte Maron nach einer Weile, blickte Chiaki interessiert an.
„Keinen bestimmten Grund“, gab er ehrlich zu. „Ich wollte nur deine Stimme hören.“
Sie hörte kurz auf zu kauen, schaute mit roten Wangen zu Chiaki auf, der nur mit den Schultern zuckte. Er wusste selbst nicht genau, was ihn dazu getrieben hatte. Ihre Stimme hatte etwas Angenehmes, Beruhigendes und er wollte sie einfach hören. Selbst für ein paar Sekunden.
„Ich habe übrigens dein Manuskript fertig gelesen“, sagte er, wechselte das Thema.
Ihre Augen wurden etwas groß. „Oh“, erwiderte sie, wurde etwas unsicher. „Und wie findest du es?“
„Soweit ganz gut. Ich mag die Welt, die du aufgebaut hast. Die Fantasy-Elemente sind ziemlich interessant. Die Charaktere sind auch alle cool.“
Ihre Mundwinkel zogen sich zu einem erfreuten Lächeln hoch.
Chiaki sah interessiert zu ihr auf. „Wo soll es denn hängen?“
„Mein Redakteur meint, dass die Liebe zu...dumpf dargestellt sei“, antwortete Maron schulterzuckend. „Es braucht etwas mehr...keine Ahnung. Ich weiß es nicht.“
Sie seufzte frustriert.
„Versuchst du das ‚mehr‘ herauszufinden?“
Wieder ein Schulterzucken.
Kurz dachte Chiaki nach. „Nun...Ich denke, ich kann verstehen, was dein Redakteur zu deiner Darstellung der Liebe meint. Wie die Charaktere miteinander agieren und die Liebe zwischen ihnen wächst. Es ist gut - keine Frage. Aber ich glaube, es fehlt ein bisschen Tiefe.“
„Tiefe?“
„Gefühle. Emotionen. Diese besondere Verbindung, die den Leser fesseln soll.“
„Es besteht doch eine Verbindung zwischen ihnen.“ Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen. „Gefühle und Emotionen gibt es auch.“
Chiaki strich sich verlegen über die Haare. „Naja... Ich bin ehrlich und sage, es wirkt etwas leer.“
„Leer??“
„Oberflächlich. Ziemlich an der Oberfläche gekratzt. Da kann noch mehr sein.“
„Hm.“ Mit verschränkten Armen sah Maron aus dem Fenster. „Aber so wie die Liebe dargestellt ist, so ist sie doch auch im wahren Leben. Die Welt wird durch eine rosarote Brille gesehen. Alles ist wunderschön. Schmetterlinge im Bauch. Es wird viel gelacht und die beiden Liebenden sind unzertrennlich.“
„Schon, aber in der Liebe ist doch auch nicht alles rosarot. Man muss auch die dunklen, hässlichen Seiten zeigen, damit es realistisch ist. Die Liebe ist nicht vollkommen. Enttäuschungen, Herzschmerz und Liebeskummer gehört dazu. Tatsache ist, dass die Liebe aus Unvollkommenheiten besteht.“
Etwas sprachlos starrte Maron ihn an.
Er räusperte sich, stützte sich mit den Armen auf dem Tisch ab. „Ich sage nicht, dass die Liebe hässlich und brutal sei, denn du hast schließlich auch recht. Jemanden zu haben, denn man vom ganzen Herzen liebt und der dich auf selben Maße zurück liebt, ist das…geilste Gefühl auf der Welt.“ Seine Mundwinkel verzogen sich zu einem wehmütigen Lächeln.
„Für dein Buch ist es auf jeden Fall wichtig beide Seiten zu erforschen und zu zeigen und-“
Chiaki brach erschrocken ab, als er wieder zu Maron sah. Eine Träne lief ihr die Wange herunter.
„Habe ich was Falsches gesagt, Maron?“
„Oh…“ Sie bemerkte ihre feuchte Wange und wischte sich mit ihrem Ärmel schnell drüber. „Sorry…ich…“ Tief nahm sie Luft, schniefte einmal. „Tut mir leid. Ich habe das so noch nie betrachtet.“ Verbittert lachte Maron spöttisch auf. „Gott! Anscheinend habe ich gar keine Ahnung von der Liebe…und wenn man bedenkt, wie toll mein eigenes Liebesleben ist… Was für ein Witz. Und so jemand wie ich will ein Liebesroman schrieben…“
Sie schniefte, blinzelte stark. „Und weißt du, was das Ganze noch schlimmer macht? Wenn ich über die Liebe nachdenke, denke ich an ihn. An all die gemeinsamen Erinnerungen. An all die gemeinsamen Zeit. All die Jahre. So viele Emotionen gehen durch mich hindurch. Zweifel, Wut, Schmerz, Kummer…Und das Schlimmste von allen? Ich vermisse ihn…denn ich merke, dass ich ihn immer noch liebe…Bescheuert nicht?“
Mitfühlend sah Chiaki sie an, war gleichzeitig etwas überwältigt von all den Emotionen, die sie gerade zeigte.
„Es ist nicht bescheuert“, sagte er schließlich. „Wenn man bedenkt, dass es gerade mal eine Woche her ist, seit wir die Wahrheit wissen… kann man von einem nicht erwarten, dass all diese schönen Erinnerungen, die man mit der anderen Person gemacht hat, mit einem Fingerschnippen ausgelöscht werden“, sprach er sachte auf sie ein. „Ihr hattet acht lange Ehejahre miteinander. Du sagtest, dass du ihn dein Leben lang schon kennst…da ist es klar, dass du noch sehr an den Gefühlen zu ihm hängst.“
„Nicht nur das“, warf sie ein, strich sich durch die Haare. Ihre Stimme brach. „Ich bin ein emotionales Wrack. Vollkommen Durcheinander.“
Chiaki sah sie an.
„Ich…vermisse Miyako auch“, gestand er, worauf Maron ihn überrascht ansah. „Jeden Tag ihre Nachrichten zu sehen – es fühlt sich jedes Mal wie ein Tritt ins Herz an. Es frustriert.“
Er stieß einen langen, schweren Seufzer aus. „Die Liebe ist es, die bescheuert ist. Sie schaltet jegliche Vernunft aus und überflutet einen mit Emotionen, die man gar nicht fühlen will. Gleichzeitig…ist es auch menschlich, schätze ich. Emotionen machen uns Menschen aus.“
Maron senkte ihren Blick, brach den Blickkontakt ab. „Ich fühle mich, als würde ich Tag und Nacht diese Leere mit mir rumtragen…und einfach nicht wissen, wie ich sie ignorieren oder füllen soll. Und dann…im nächsten Moment komme ich mir vor, als würde das Atmen allein mich ersticken…“
Chiaki sah ihre Hand reglos auf der Tischoberfläche ruhen. Langsam legte er seine Finger auf ihren Handrücken. „Es ist okay.“
Ein paar Sekunden verstrichen, in der Maron betreten nach unten blickte. Chiaki konnte nicht erahnen, was ihr durch den Kopf ging. Er hoffte, dass er ihr mit seiner Anwesenheit und seinen Worten irgendwie Trost spenden konnte.
Auf einmal drehte sie ihre Hand um und krümmte sachte ihre Finger um seine. „Danke“, kam es von ihr leise mit erstickter Stimme. „Danke, Chiaki…“
Er spürte, dass sie mehr sagen wollte, es jedoch nicht zustande brachte.
Sanft erwiderte Chiaki den Druck ihrer Hand. „Ich bin bei dir.“
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